pattrice jones: Intersektionalität und Tiere

Mud season at Vine Sanctuary

Intersektionalität und Tiere 

pattrice jones

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Eine allgemeine Information zum Thema: Intersektionalität und Tierrechte von pattrice jones, Mitbegründerin des VINE Sanctuary: ‚Intersectionality and Animals’, Quelle: http://www.nlg.org/sites/default/files/intersectionalabc_0.pdf, (2.3.14). Übersetzung: Palang L. Arani-May, mit der freundlichen Genehmigung von pattrice jones. Eine alternative Version des Originaltextes befindet sich auf: http://blog.bravebirds.org/archives/1553 (2.3.14).

Die Rechtsgelehrte Kimberlé Crenshaw hat den Begriff der „Intersektionalität“ geprägt, als eine Form in der die komplexen und sich unterschiedlich zusammensetzenden Interaktionen zwischen Formen von Unterdrückung verstanden und besprochen werden können. In der gleichen Weise, wie Landvermesser Trigonometrie beherrschen müssen und Ingenieure Differential- und Integralrechnung brauchen, so brauchen Aktivist_Innen die Intersektionalität als konzeptuelles Werkzeug. Ohne dieses Werkzeug ist es nicht möglich, das Problem, das wir lösen wollen, genauer einzuschätzen und es bleibt schwierig, effektive Strategien zu entwickeln.

Die Wechselwirkungen zwischen den Unterdrückungsmechanismen, die Rasse, Geschlecht und Klasse betreffen, bildeten den Ausgangspunkt in den Untersuchungen über Intersektionalität. Seither haben wir viel darüber gelernt, wie diese mit weiteren Faktoren, wie beispielsweise Behinderung oder Nationalität, interagieren. Eine jüngere Entwicklung ist, dass wir nun langsam erkennen, wie diese sich überschneidenden Vorurteile die menschliche Schädigung und Ausbeutung der Natur sowohl ermöglichen als auch verstärkend darauf einwirken. Und heute sehen wir uns mit der dringenden Aufgabe konfrontiert, die nichtmenschlichen Tiere mit in unsere intersektionalen Analysen einzubeziehen.

Aktivist_Innen aus den Bereichen der sozialen- und der Umweltgerechtigkeit müssen lernen zu verstehen, welche grundlegende Rolle der Speziesismus auch in den Unterdückungsformen auf der Intra-Spezies-Ebene spielt. Er legt die Konditionen fest und trägt dazu bei, die vielen Mechanismen aufrecht zu erhalten, mit denen die Menschen einander und die Erde ausbeuten. Gleichzeitig müssen Tierverteidiger_Innen lernen zu verstehen, dass jeder Akt der Gewalt oder der Ungerechtigkeit gegenüber Tieren, innerhalb sozialer und materieller Umstände stattfindet, die ohne ein Verständnis über Intersektionalität nicht hinreichend addressiert werden können.

Mit der Ausdehnung auf eine Einbeziehung von Speziesismus und Tierausbeutung in die Reihe oppressiver Ideologien und Praktiken als Gegenstand der Auseinandersetzung, bietet die Intersektionalität, sowohl den Aktivist_Innen aus dem Bereich der Gerechtigkeitsbewegung für Tiere, als auch denen, die aus den Bereichen sozialer- und Umweltgerechitgkeit kommen, ein tieferes und vollständigeres Verständnis der Systeme, innerhalb derer die jeweiligen Probleme eingebettet sind. Die Möglichkeiten zur Konzipierung und Umsetzung effektiver Strategien werden dadurch erhöht. Ein weiterer vorteilhafter Zusatz ist, dass durch das erweitere Verständnis über die Intersektionalität, neue Wege zur Zusammenarbeit und zum gemeinsamen Wirken, über die Grenzen der einzelnen Bewegungen hinweg, erschlossen werden können

Grundlegende Erkenntnisse

Crenshaw hat das Wort „Intersektion“ [im Englischen bezeichnet eine „intersection“ auch eine Straßenkreuzung“] sehr zutreffend gewählt. Wenn du inmitten auf der Kreuzung zwischen der Main Street und der First Avenue stehst, dann ist es nicht möglich zu sagen, auf welcher der beiden Straßen du dich eigentlich genau befindest – du befindest dich auf beiden gleichzeitig. Wenn man sich Fälle von Diskriminierung gegen farbige Frauen an ihrem Arbeitsplatz anschaut, so bemerkte Crenshaw, dass es häufig nicht möglich ist, zu ermitteln, ob die Diskriminierung aufgrund rassischer oder geschlechtlicher Vorurteile stattfindet – es ist beides zugleich, in Legierungen, die nicht durch einen einfachen Zusatz in vorhersehbarer Weise reagieren.

Die Wechselwirkungen von Rassismus und Sexismus scheinen eher multiplikativ als additiv zu funkionieren. Die Funktionen dieser Interaktionen deaggregieren nicht. Rassische Stereotypien sind genderspeziefisch, und Gewalt gegen Frauen wird durch Rassismus begünstigt.

Sexismus, Rassismus und andere Formen diskriminatorischer Vorurteilshaltungen unter Menschen, tragen nicht nur gemeinsame Züge und teilen gemeinsame Ursachen, sie interagieren auch in sich gegenseitig bestärkender Weise. Leicht nachvollziehbar verdeutlicht das Suzanne Pharrs Beobachtung, dass Homophobie eine „Waffe des Sexismus“ ist. Während es sicherlich stimmt, dass einiges an Vorurteilen gegen Menschen, die sich als LGBTQ definieren, auf Ignoranz zurückzuführen ist, so ist die strukturelle Funktion der Homophobie (und ebenso der Transphobie) die, ein Gendersystem aufrecht zu erhalten, in dem der Mann hierarchisch weiter oben angesiedelt wird. Du musst noch nicht mal schwul sein, um als schwul diskriminiert zu werden und du musst dich auch nicht als transsexuell definieren, um ein Opfer von Transphobie zu werden. Alles was du tun musst, um angreifbar im Sinne dieser Vorurteilshaltungen zu sein, ist, gegen die Regeln der Gender-Rollen zu verstoßen. Das heißt, dass die LGBTQ-Befreiung ein notwendiges Projekt für den Feminismus darstellt, und auch, dass die LGBTQ-Befreiung solange nicht wirklich auf den Weg gebracht werden kann, bis wir es nicht schaffen, den Sexismus aufzulösen.

Ökofeministische Gelehrte wie Lori Gruen und Marti Kheel haben erklärt, dass eine „Logik der Dominierung“ das eurozentrische Denken nicht nur im Bezug auf Rasse und Gender, sondern auch im Bezug auf die Erde und die Tiere strukturiert. Diese Logik unterteilt die Welt künstlich (und falscherweise) in einander entgegengesetzte Dualismen – männlich versus weiblich, Mensch versus Tier, Kultur versus Natur, Vernunft versus Gefühl, usw. – und spricht der einen Seite solch eines Paares eine Übergeordnetheit zu. Die Bedingungen jeder jeweiligen Seite der hierarchichen Kluft sind untereinander verbunden: Männer werden als rationaler betrachtet, Frauen und farbige Menschen rückt man näher zur Natur, Gruppen von Menschen werden gedemütigt, indem man sie mit Tiernamen benennt.

Wenn du eine Struktur dekonstruieren willst, dann musst du die Bindeglieder defunktionalisieren. So müssen Aktivist_Innen die einen möglichst großen Effekt erzielen wollen, sich darauf konzentrieren an den Schnittstellen, den Intersektionen, zu arbeiten, idealerweise so, dass ein ein spürbarer Fortschritt bei einem spezifischen Problem erzeugt wird, während gleichzeitig, parallel dazu die Struktur des sich überkreuzenden Unterdrückungssystems dabei unterminiert wird.

Wenn es nicht möglich ist, solch eine Intersektion zu ermitteln, an der man ansetzten kann, dann sollte die Intersektionalität nichtsdestotrotz bei der Wahl der Taktiken und der Rhetorik im Bewusstsein bleiben, damit das eigene Ziel nicht unbeabsichtigt untergraben wird, indem man aus Versehen an der Unterdrückung anderer Teil hat.

Seine intersektionale Arbeit vorbereiten

Jedes neue Werkzeug erfordert etwas Praxis in der Anwendung. Das trifft im Falle der Intersektionalität ganz besonders zu, indem wir herausgefordert sind, Muster zu verstehen, Beziehungen zu erkennen und komplexe Interaktionen zwischen verschiedenen Variablen analysieren zu müssen. Diejenigen von uns, die ihre Ausbildung in den USA oder in Europa durchlaufen haben, wurden dazu erzogen, genau in die andere Richtung zu denken, und sie müssen daher eine affirmative Anstrengung unternehmen, um in Begriffen der Gemeinsamkeiten statt der Unterscheidungen, der Kontexte statt der Abstraktionen und der Systeme statt der Individuen zu denken.

Hier sind einige einfache Beispiele zur praktischen Ausübung:

–         Stellt euch zwei Formen der Unterdrückung vor, wie etwa den Sexismus und den Speziesismus, und versucht einmal zu beschreiben, in welcher Weise diese beiden Unterdrückungsformen sich überschneiden.

–         Denkt an eine Problematik, wie die der Gefängnisse oder Zoos, und versucht zu identifizieren, wie viele Formen der Oppression sich innerhalb derer überschneiden.

–         Stellt euch eine Unterdrückungstaktik vor, wie etwa die Stereotypisierung oder Zwangsarbeit, und versucht die Art und Weisen zu identifizieren, in der solch eine Taktik in unterschiedlichen Formen der Unterdrückung angewendet wird.

–         Denkt an das Ziel einer Unterdrückungsform, wie etwa die Profitnahme oder die Reproduktionskontrolle, und überlegt wie dieses über Wege unterschiedlicher Formen von Unterdrückung erzielt wird.

–         Stellt euch die Auswirkungen einer Unterdrückungsform vor, so wie die emotionale Gleichgültigkeit, die notwendig ist zum Fleischessen. Versucht die Art und Weisen zu identifizieren, in denen solch eine Auswirkung einen Rückkopplungseffekt hat, der sich unterstützend auf andere Unterdrückungformen auswirkt.

Bitte bedenkt, dass ihr euch, während ihr versucht diese Übungen durchzuführen, dazu auch etwas informieren müsst. Ihr könnt nicht von euch erwarten, die Beziehungen zwischen Speziesismus und Rassismus beispielsweise zu erkennen, wenn ihr eigentlich gar nicht viel über Rassismus Bescheid wisst!

Vorläufige Ergebnisse

Aktivist_Innen haben eigentlich gerade erst damit begonnen, die Intersektionen zwischen Speziesismus und anderen Formen der Unterdrückung zu skizzieren. Doch bereits jetzt sind die Ergebnisse spannend und potentiell sehr nützlich. Hier sind nur einige Beispiele davon, was wir dabei lernen können, wenn wir die Übungen oben anwenden, bei denen wir über die Beziehungen zwischen der Ausbeutung von Tieren und sozialer- und Umweltungerechtigkeit nachdenken:

–         Das Dreigestirn der Rechtfertigungsversuche der Tierausbeutung – wer die Macht hat, hat auch die Rechte; wir haben Fähigkeiten, die nicht; und, es ist Gottes Willen – sind allesamt Scheinargumente, die auch eingesetzt werden um soziale Ungerechtigkeiten wegzureden (oder sich dem Rechtfertigungsdruck jeglicher Kritik zu entziehen). Diese Arten des Denkens führen letztendlich zu Kriegen, zu Diskriminierungen und den weiteren Übeln.

–         Sexismus und Speziesismus sind über eine solange Zeitspanne hinweg miteinander verquickt – bis zurück zu den Zeiten in denen sowohl Töchter als auch Milchkühe beide als Besitz des männlichen Haushaltsvorstands betrachtet wurden – so dass keines der beiden voll verstanden werden kann, ohne den Bezug zum anderen herzustellen.

–         Das, was man als „Reprozentrismus“ [die Fokussierung auf die Reproduktion] bezeichnet, ist nicht nur ein Grundprinzip in der Tierausbeutung, sondern es spielt auch eine zentrale Rolle im Patriarchat und im Kapitalismus. Die unaufhörliche Reproduktion (von Menschen, Tieren und Gütern) hat uns bis an den Rand einer planetaren Katastrophe gebracht.

–         Das psychologische Manöver, mit dem die Menschen sich höher gestellt haben als, und entfernt haben aus den Ökosystemen, um beides Land und Tiere in „Besitz“ umzuwandeln, der gekauft und verkauft werden kann, befestigt nicht nur die speziezistische und environmentale Plünderungsmentalität, auch führt diese Psycholgie zu der Art von Individualismus und Entfremdung, die man als Schlüsselfaktoren des Kapilalismus und anderer Problematiken bezeichnen kann.

–         Speziesismus erscheint uns als etwas so normales, dass das Spezies-Privileg dadurch noch unsichtbarer funktioniert, als das Weißseins- oder das Männlichkeitsprivileg. Die Unsichtbarkeit dieses Privilegs ist damit eine Angelegenheit gemeinsamen Interesses für unterschiedliche Bewegungen.

–         Schlachthausarbeiter, Vivisektoren und selbst die durchschnittlichen Fleischesser, sagen oft direkt, dass sie über das Leid, das sie verursachen, „einfach nicht nachdenken“. Die geistige Gewohnheit des Nichtnachdenkens-über-Leid, begünstigt auch soziale Ungerechtigkeit, so wie wenn Konsumenten einfach nicht über das Leid unterbezahlter und sogar versklavter Arbeiter nachdenken möchten.

Hier sind einige der Art und Weisen, in denen sich spezifische Formen der Tierausbeutung mit sozialer- und Umweltungerechtigkeit überschneiden:

–         Die Milchproduktion bedarf der Zwangsschwängerung von Kühen, deren Kälber ihnen kurz nach der Geburt wieder weggenommen werden. Diese physische und emotionale Gewalt an weiblichen Tieren zur Generierung von Profiten, bringt  Produkte hervor, die durch die äußerst Machtvolle und hochsubventionierte Milchindustrie z.B. in den USA, das ganze öffentliche Schulsystem beliefern, obgleich die Mehrheit farbiger Kinder laktoseintolerant ist.

–         Zoos waren anfänglich Repräsentativprojekte herrschender Imperien, in denen man Menschen und Tiere zusammen ausstellte. Weitherhin sind Zoos ein Zeugnis der ultimativen menschlichen Hubris, indem dort postuliert wird, man könne Ökosysteme künstlich nachspielen – eine Afrikanische Savanne in Philadelphia! Ein arktisches Meer in Florida! – und gefährdete Tierarten dadurch „retten“, indem man sie nicht in ihre Habitate zurückführt, sondern deren Reproduktion kontrolliert.

–         Zirkusse und andere Einrichtungen, in denen Tiere zu Unterhaltungszwecken eingesetzt werden, sind ebenso Spektakel menschlicher Kontrolle über die Natur. Viele solcher Veranstaltungen, wie Hahnenkämpfe und Rodoes, demonstrieren auch gesellschaftlich konstruierte Männlichkeit.

–         Die ganz unmittelbare Teilnahme an der Ausbeutung von Tieren, produziert normalerweise nicht nur emotionale Gleichgültigkeit, sondern zugleich auch die Verachtung für Schwache. So sehen wir in Gegenden, in denen industrielle Agrargroßbetriebe und Schlachthäuser angesiedelt sind [und Menschen ihre Arbeitplätze dort finden], gehäuft Fälle von Gewalt gegen Partner und Kinder. Umweltungerechtigkeit siedelt die stark schädigenden Produktionsstätten zumeist in Regionen geringen Einkommens und Gemeinschaften farbiger Menschen an.

Intersektionaler Aktivismus in der Praxis

Einige Beispiele des sich an den Schnittstellen bewegenden Tierbefreiungsaktivismus:

Wir vom VINE Sanctuary haben unsere Pionierarbeit in der Rehabilitierung von Kampfhähnen dazu eingesetzt, den Einsatz von Tieren in der sozialen Gender-Konstruktion zu beleuchten und kritisch zu hinterfragen. Auch haben wir unsere Position als eine LGBTQ-betriebene Organisation geltend gemacht um das „Queering“ in der Tierbefreiung zu fördern.

Das Food Empowerment Project bemüht sich um Zugangsmöglichkeiten zu frischen Erzeugnissen und Milchalternativen für Gemeinschaften farbiger Menschen.

Das Sistah Vegan Project unterstützt den Veganismus als eine antikoloniale, antirassistische und feministische Praxis.

In Polen haben ökofeministische Tierrechtsaktivist_Innen, die mit der Organisation Otwarte Klatki zusammenarbeiten, sich aktiv gemeinsam mit den Bewohner von mehr als 20 Orten in ländlichen Gebieten einsetzt, damit die lokalen Gemeinden eigene erfolgreiche Kampagnen gegen industrielle Pelzfarmen durchführen konnten.

In Brasilien hat sich die Tierrechtsorganisation VEDDAS mit der indigenen Bevölkerung zusammengeschlossen, um eine gemeinsame Kampagne gegen einen geplanten Großstaudamm durchzuführen.

Und schließlich, einige Beispiele von Projekten, die im Bereich der Intersektionen des Speziesismus mit anderen Formen der Ungerechtigkeit, durchgeführt werden könnten:

–         Nahrunsmittelgerechtigkeits- und vegane Organisationen könnten kollaborativ arbeiten, um den Zugang zu frischen Erzeugnissen und Alternativen zu Milchprodukten in Gemeinschaften mit geringem Einkommen zu verbessern.

–         Feministische- und Tierrechtsaktivist_Innen könnten darin zusammenarbeiten sicherzustellen, dass jedes Frauenhaus mit einem Tierheim kooperiert, um sich in gegebenem Falle auch um die Haustiere zu kümmern, die häufig selbst misshandelt wurden, und die oft auch den Grund dafür bilden, warum Frauen damit zögern,  Schutz in einem Frauenhaus aufzusuchen.

–         Aktivist_Innen aus den Bereichen der Behindertenrechte und Tierversuchsgegner könnten zusammenarbeiten, um gemeinsam Kampagnen zu starten gegen die kommerzielle Tierversuchsindustrie, die Tiere ausbeutet während sie keine Sicherheit oder Effizienz von Medikamenten gewährleisten kann.

–         _______ <=== Und hier findet deine Idee ihren Platz! Überleg einmal. Versuch es. Und erzähl uns davon!

pattrice jones is ein Gründungmitglied des VINE Sanctuary: http://www.bravebirds.org/

Mein Tierrechts-FAQ, Punkt 5: Brauchen Tierrechtsgedanken eine historische Präzedenz

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Zusatz zum eigenen Tierrechts-FAQ. Siehe: Vegane Pädagogik: Ein Tierrechts-FAQ anlegen.

Punkt 5.

Frage: Muss ich nicht erstmal wissen, welcher Tierrechtsthese ich mich anschließen würde um Tierrechtler zu sein?

Das heißt, in anderen Worten: Muss ich mich auf eine Theorie berufen können, um meine eigene Position in Sachen Tierrechten zu vertreten?

Dies ist im wesentlichen die Frage der historischen Präzedenz.

Brauchen wir für eine Befreiungsbewegung (Tierbefreiung / Animal Liberation) Vordenker oder Theorien, von denen wir eine Legitimation unserer Haltung ableiten könnten?

Weshalb sollten wir das brauchen? Wenn die eigene Vernunft mir sagt, dies ist richtig und das ist verkehrt, und ich in meinem Denken und Handeln selbst genauer abwäge, dann verstehe ich nicht, wieso ich meine eigenen Schlussfolgerungen noch einmal in dem Denken anderer in der Art und Weise verifizieren sollte, dass deren Thesen dann meine eigenen Überlegungen so überlagern, dass ich mich auf sie schließlich “berufen” müsste.

Eine Revolution braucht den Schritt hinüber in das Neue. Es ist gut wenn wir sehen, dass auch andere denkende Menschen (ob Gelehrte oder aber auch ganz gleich wer) konstruktive und inspirierende Gedanken zum Thema Tierrechte (und dem was sich an dieses Thema anschließt) formuliert haben (oder auch in irgendeiner anderen Weise zum Ausdruck gebracht haben, so wie auch durch Kunst, usw.), aber dies ist keine zwingende Voraussetzung für einen sich bewegenden Denkfluss innerhalb einer Gesellschaft; weil auch nicht im eigenen Denken.

Sich anschließende Fragen: Brauchen Tierrechte, im eher legal- und politischen Sinne, zu ihrer konkreten Formulierung andere Vordenker u. Vorformulierer? Das würde (ebenso) die Frage der Grundsätzlichkeit in der Begründung von Tierrechten betreffen. Dies ist abhängig davon, ob ich einen ganz grundsätzlichen Ansatz wähle, der sich über den allgemeinen Gemeinsinn erschließen lässt, oder ob ich eher Detailfragen formulieren möchte, die im Kontext eines akademischen Dirskurses eher Sinn machen.

 

 

Vegane Pädagogik: Ein Tierrechts-FAQ anlegen

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Zum Thema: Vegane Pädagogik.

Skizze: Ein Tierrechts-FAQ anlegen um sich der eigenen Positionen noch bewußter zu werden.

Sei Dein eigener Tierrechtsexperte! Man muss andere nicht immer erst Fragen und nachschlagen, um sich in Sachen Pro-Tierrechte eine eigene vernünftige Meinung bilden zu können. Wir wissen über die Gesellschaft einerseits und über Tiere andererseits genug um uns eine Meinung zumindest so gut bilden zu können, wie wir das auch über unser eigenes „Menschenrecht“ tun können.

Findet Ihr solch eine Idee anmaßend? Probiert es doch mal. Vielleicht endeckt ihr, dass Euch manches in Sachen Tierrechten wichtig und relevant erscheint, was von anderen gängigeren Haltungen abweichen mag. Was  Tierrechte anbetrifft, muss man nämlich eines festhalten: Es gibt kein Nonplusultra an Antworten. Vieles hängt einfach von individuellen Positionen und Meinungen ab, und letztendlich von der Standfestigkeit die man dabei aufweist für die eigene Betrachtungsweise gerade stehen zu können.

Ich persönlich glaube es ist sinnvoll, sich einmal schriftlich über die eigene Position ganz bewußt zu werden und die eigenen Prioritäten damit zu setzen, um bei der Argumentation oder in einem Streitgespäch auch klar hinter seiner eigenen Betrachtungsweise stehen zu können und um nicht ins Schleudern zu geraten. In einer Gesellschaft in der Speziesismus ganz „normal“ ist, wird man von anderen oft ein eine defensive Haltung gedrängt.

Notiert Euch doch mal probeweise Euer eigenes Tierrechts FAQ. Was sind die Punkte, die ihr zurzeit am wichtigsten findet, wenn es um Tierrechtsfragen geht? Wie würdet Ihr Euren ethischen Veganismus begründen was den Punkt TIERRECHTE anbetrifft?

Hier ist mein eigener Versuch. Diese Punkte nun sind mir besonders wichtig:

Frage: “Haben Tiere eine Würde?”

  1. Die Frage Nach der Würde. Die Würde der Tiere. Viele Menschen verneinen Tieren eine eigene Würde. Insbesondere drückt sich dies in dem bewußt und unbewußt gelebten Speziesismus aus, dem wir jeden Tag in der Gesellschaft begegnen können. Manche Menschen gestehen Tiere zwar theoretische eine „Würde“ zu, aber nur im Sinne einer reduzierten, immernoch herabsetzenden Pseudo-Würde, in der ein Tier gleichwohl nach seiner Nütztlichkeit für den Menschen und vom Menschen vordefiniert betrachtet wird. (Sich anschließende Themen sind hier: Würde > Freiheitsbegriff Mensch/Tier > Konventionen / Die Frage nach menschlicher Objektivität.)

Frage: “Ist es realistisch an eine Zukunft der Tierrechte zu glauben?”

  1. Paradigmenwechsel sind nötig. Eine Befreiung der Tiere kann nur vollzogen werden, wenn bestehende Paradigmen in der Gesellschaft (d.h. im Denken der Einzelnen) in Frage gestellt und aufgelöst werden. Beispiel: Nichtmenschliche Tiere werden primär als über das Biologische erklärbare Lebewesen betrachtet. Der Mensch wendet auf die eigene Existenz ein Spektrum an Erklärungsmöglichkeiten für sein subjektives und objektives Sein an. Das Paradigma dieser Art Überbewertung menschlicher Eigensubjektivität und –objektivität (Anthropozentrismus) ist in einer Welt, in der wir Tiere ethisch mit einbeziehen wollen, nicht mehr adequat. Im Praktischen heißt das, in der Diskussion über Tierrechte, muss meine Position als Tierrechtler nicht immer deckungsgleich sein mit der vorgegebenen Norm des Rahmenwerks in dem Tiere bislang gesehen wurden, sondern ich kann eigene ethische Positionen postulieren als neue Standpunkte. Paradigmenwechsel haben auch stattgefunden in anderen Befreiungsbewegungen.

Frage: “Was haben Rassismus, Sexismus und Speziesismus miteinander zu tun?”

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  1. Tierrechte als eigenständiger Belang von moralischer Dringlichkeit. Anologien zu anderen Befreiungsbewegungen braucht man (aber) nicht als Hebel um die Wichtigkeit von Tierrechten hervorzuheben. Wichtige Schnittstellen gibt es in den Fragen von Unterdrückungsmechanismen, das ist klar: Verschiedenen unterdrückten Gruppen werden bestimmte Rechte aberkannt. Diese Gruppen sind völlig unterschiedlicher Natur, aber der Mechanismus der unterdrückerisch auf die Gruppen jeweils angewendet wird, ähnelt sich zu einem gewissen Grad. Eine analoge Gleichsetzung der Gründe warum Unterdrückung stattdindet, vernebelt aber die Sicht auf die Besonderheiten der Fälle. Gefragt werden muss nach der „Politik“ die vom Unterdrücker in den Fällen jeweils eigentlich betrieben wird.

Frage: “Welche Rechte für Tiere forderst Du?”

  1. Welche Tierrechte sind sie Wichtigsten (die wir einklagen müssen und die demokratisch im tierpolitischen Sinne vorstellbar wären)? Territoriumsrechte (hier treffen Umweltschutz und Tierrechte zusammen) und Lebensrechte (Paradigmenwechsel von einer anthropozentrischen zu einer ‚zoo-ethischen’/tierethisch und ökologisch gerechteren Welt). Immer wieder gibt es Debatten darüber, was für Rechte Tiere eigentlich haben sollen, und daran bindet sich meist eine Menge an Zynismus von der Gegnerseite. Bei der Frage der Rechte geht es mehr um die Qualität und um die Fundamentalität eines Rechts, als um die Frage in wieweit ein Tierrecht einem Menschenrecht definitorisch ähneln soll.

Soweit.

Rassismus und Speziesismus: Sind beide miteinander austauschbar?

Ein Auszug aus:

Anastasia Yarbrough: Weißes Überlegenheitsdenken und das Patriarchat schaden Tieren, Präsentation anlässlich der Sistah Vegan Conference 2013.

Rassismus und Speziesismus: Sind beide miteinander austauschbar?

► Rasse und Spezies sind willkürliche Unterscheidungen die ungefähr in der gleichen Zeit im europäischen Denken entstanden. Beide sind geleitet von phänotypischen Unterscheidungen aber tragen das Gewicht und die Legitimität als seien sie biologisch verwurzelt, und biologisch wird oft gleichgesetzt mit etwas „Fixiertem.“ In der Biologie wird die biologische Speziesdefinition oft als die ultimative Speziesdefinition begriffen. Wenn Gruppen erwiesenermaßen aus Individuen bestehen, die reproduktionstaugliche Nachkommen erzeugen können, dann sind sie eine echte Spezies. Im Freien oder in den Laboratorien ist diese primäre Definition meistens schwer zu testen, so werden noch andere Definitionen als akzeptabler Ersatz verstanden, die auf den morphologischen und phylogenetischen Unterschieden zwischen Gruppen basieren. Doch was die morphologischen und phylogenetischen Speziesdefinitionen tun, ist, dass sie die Kennzeichnungen von Spezies so willkürlich machen, wie das auch in der Rassentheorie handhabe ist. Für beide geht es im Wesentlichen hierum, dass: wenn du ein bisschen anders aussiehst, Dinge ein wenig anders tust, genetisch etwas variierst und sogar auch noch in einer anderer Region als dem Ort der Vergleichsbasis lebst, dann reicht das dazu, deine Gruppe als eine eigene Spezies zu kennzeichnen (und historisch wurde Rasse und Spezies in austauschbarer Weise eingesetzt), bis ein anderer „Experte“ vorbeikommt und etwas anderes behauptet.

► In meiner Erfahrung ist das, was wir als Tierrechtsaktivist_Innen häufig als Speziesismus kennzeichnen, zumeist nichts anderes als Rassismus, Sexismus und Ableismus der gegen Tiere gerichtet ist. Tier-Agrarkutlur, Aquakultur, Laborversuche mit Tieren, die Haustierhaltung und auch die kommerzielle- und die Freizeitjagd benötigen die Unterdrückung spezifischer Spezies um dadurch bestimmen menschlichen Gruppen einen Vorteil zu verschaffen. Doch die Argumente, die angebracht werden um diese Spezies in der Unterdrückung zu halten, sind nicht so sehr speziesistisch wie sie rassistisch, sexistisch und/oder abelistisch sind. Während Hunde als eine Spezies zur kommerziellen Zucht anvisiert werden, sind es die Hunderassen (die man ansonsten auch als „Züchtungen“ bezeichnet), die als Rechtfertigung und Anreiz zur Fortsetzung der selektiven Nachzucht und zur reproduktiven Kontrolle von Hunden dienen. Und es sind die Rassen, die in einigen Ländern einen Hund dazu prädestinieren getötet zu werden, nur weil er/sie als eine bestimmte Rasse geboren wurde. Ökofeministische Tierrechtsaktivistinnen haben seit Jahren schon betont, dass der Sexismus eine wesentliche treibende Kraft in der Unterdrückung von Tieren in den Agrarindustrien sind, insbesondere der Milch und Eierindustrie, die nicht existieren würden wenn die weibliche Gebärfähigkeit dabei nicht ausgebeutet werden könnte. Selbst Tierrechtsaktivist_Innen spielen in die Fallen des Abelismus hinein, indem sie sozial-kognitive Fähigkeiten von Tieren betonen, in ihrem verzweifelten Versuch Leute dazu zu bewegen, über Tiere einmal nachzudenken. Die Fähigkeiten von Tier-Individuen und Spezies mögen vielleicht den Grund bieten, mit dem wir versuchen zu rechtfertigen wie wir Tiere behandeln. Sobald wir Aktivist_Innen aber einmal dazu imstande sind, das Sozial-Kognitive dort und dann zu erkennen wo es erscheint, dann sollte es doch leichter werden zu begreifen, womit wir hier wirklich arbeiten.

Die ganze Präsentation können Sie hier im PDF Format lesen: http://simorgh.de/yarbrough/yarbrough_weisssein_patriarchat_tiere.pdf

Anastasia Yarbrough ist in beratender und aktivistischer Form in der Tierrechtsarbeit tätig, http://animalvisions.wordpress.comhttp://inneractivism.com.

Anastasia Yarbrough: Weißes Überlegenheitsdenken und das Patriarchat schaden Tieren

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Weißes Überlegenheitsdenken und das Patriarchat schaden Tieren

Anastasia Yarbrough, http://animalvisions.wordpress.com/http://inneractivism.com/

Dieser Text als PDF (Link öffnet sich in einem neuen Fenster)

Eine Präsentation von Anastasia Yarbrough anlässlich der ersten Sistah Vegan Konferenz, die am 14. September als Webkonferenz, organisiert von Dr. Amie Breeze Harper, stattfand. Siehe dazu: http://simorgh.de/niceswine/tag/sistah-vegan. Übersetzung: Palang LY, mit der freundlichen Genehmigung von A. Yarbrough.

In dieser Präsentation geht es um die Narrative, die wir über die Unterdrückung von Tieren weitervermitteln. Als Tierrechtaktivist_Innen steht uns die Möglichkeit zu, in unseren Schilderungen tiefer zu gehen und uns nicht allein auf die Tokenisierung der Kämpfe farbiger Menschen und Frauen zu verlassen. Auch müssen wir keine Tokenisierung von Tieren als romantischen Symbolen, die der menschlichen Identität dienlich sein sollen, betreiben. Stattdessen können wir über den tatsächlichen Kampf reden, den Tiere durchfechten müssen, und wir können über ihre Leben sprechen, so gut wir das eben nur können. Wir können ans Licht befördern genau wie sie mit den Bemühungen um Freiheit usw. anderer, menschlicher Gruppen in Verbindung stehen, und zwar indem wir die Geschichten derjenigen Kräfte (und der Identitätsgruppen, die hinter diesen Kräften stecken) schildern, die das Ganze letztendlich miteinander verbinden.

I. Wer ich bin?

Mein Name ist Anastasia Yargrough. Ich arbeite als facilitator consultant, community educator und bin nebenbei auch Musikerin. Ich arbeite nunmehr seit 15 Jahren im tierschützerischen Bereich, und zuletzt, seit etwa 5 Jahren, bin ich im als Sprecherin und organisatorisch in der Tierbefreiungsbewegung aktiv. Ich war im Vorstand des Institute for Critical Animal Studies und bin gegenwärtig im Beirat des Food Empowerment Projects.

Bedanken möchte ich mich ganz besonders bei A. Breeze Harper, die diese Online-Konferenz ermöglicht hat. Bei Adam Weitzenfeld und pattrice jones dafür, dass sie wunderbare inspirierende Gelehrte/Aktivist_Innen sind, die sich auch als gute Zuhörer erwiesen haben wenn es um die Themen ging, mit denen ich mich zurzeit auseinandersetze. Und mein Dank gilt auch all den Aktivist_Innen dort draußen, die sich für eine totale Befreiung einsetzen, selbst unter den enorm schwierigen herrschenden Bedingungen.

II. Warum ich spezifisch über weißes Überlegenheitsdenken und das Patriarchat spreche?

► Diese alles durchdringenden und miteinander verwobenen Kräfte stellen in der Tierrechtsbewegung eine tragende Säule dar. Die TR-Bewegung ist auf die eurozentrischen Länder konzentriert und innerhalb dieser Länder ist die Mehrheit ihrer Mitglieder weiß und die Mehrzahl ihrer Führungspersönlichkeiten besteht aus weißen Männern. Folge dessen ist eine Tendenz zum Eurozentrismus, was die ideologische Grundlage für Fragen der Mensch-Tier-Beziehung anbetrifft. Auch ist es nicht selten, tierschützerischen und veganen Kampagnen zu begegnen, die ein europäisches Ideal vermitteln (beispielsweise die Kampagne gegen das Hunde-Essen in China). Der Eurozentrismus macht es Menschen, die nicht weiß sind, schwer zu meinen sie hätten einen Platz innerhalb der Bewegung, insbesondere auch dann wenn deren Tierethik nicht unbedingt dem vorherrschenden „Mainstream“ der Bewegung entspricht. Der Einfluss des Patriarchats wiederum wird besonders dann sichtbar, wenn wir betrachten, dass die Mehrheit der Bewegung zwar aus weiblichen Aktivistinnen besteht, dennoch aber 50% der Führungskräfte in den großen aktiven Tierschutz-Nonprofits allesamt männlichen Geschlechts sind. Wenn es bei den großen Veranstaltungen und Tagungen der Bewegung, wie beispielsweise bei der National Conference in Washington DC, nicht möglich ist diese Themen ernsthaft anzusprechen, und solche Themen sogar als trivial und als nicht wesentlich zur Stärkung der Bewegung abgetan werden, dann haben wir ernsthaft ein Problem.

► Die große Mehrheit von Tierrechtsorganisationen und ihrer Sprecher_Innen vergleichen die moderne Tierrechtsbewegung und zitieren Beispiele aus der antirassistischen und der antisexistischen Bewegung in den USA, ohne wirklich zu verstehen wie Rassismus und Sexismus in Amerika eigentlich funktionieren. Sie nehmen einfach an, dass sie es wüssten, weil sie sich als Aktivist_Innen für eine gleichermaßen unterdrückte Gruppe (die diverse Vielzahl von Lebewesen, die wir gemeinhin subsumierend als „Tiere“ bezeichnen) einsetzen.

◌ Bei der Nationalen Tierrechtskonferenz von 2013 in Washington DC, sagte Norm Phelps [ein bekannter Tierrechtsautor in den USA] in der eröffnenden Plenarversammlung zu den Teilnehmer_Innen, dass die Tierrechtsaktivist_Innen heute die Frederick Douglasse und Harriet Tubmans unserer Zeit sind. Nathan Runkle [der Sprecher der Organisation Mercy for Animals] sagte bei derselben Versammlung, dass die Tierrechtsbewegung der nächste evolutionäre Schritt sei im Vorwärtskommen sozialer Gerechtigkeitsbewegungen; die Tierrechte seien die neue große soziale Gerechtigkeitsbewegung.

► Dieses sich vollständig auf die Lektionen der Kämpfe aus der antirassistischen und den antisexistischen Menschenrechtsbewegungen der Vergangenheit verlassen, ist an sich in keinerlei Hinsicht ein Problem. Beide Bewegungen sind Teile unseres Erbes und wir kommen nicht umhin im Schatten ihrer Geschichte weiterzumachen. Nicht zuletzt sind die hervorragenden Persönlichkeiten dieser Bewegungen unsere Vorfahren und einflussreiche Pioniere für die Bemühungen weltweit um soziale Gerechtigkeit und in Umweltschutzbelangen gewesen. Doch wenn Führungspersönlichkeiten innerhalb der Tierrechtsbewegung bequeme Analysen betreiben, um sie als einen Hebel einzusetzen zur fortgeschrittenen Legitimierung der Tierrechtsbewegung, dann dient das unserer Bewegung nicht, und der entscheidende Punkt wird hier einfach verpasst. Es gibt einen Grund weshalb die Kämpfe der Farbigen, der Frauen und der Tiere sich ähnlich genug sehen, dass der Vergleich zulässig ist. Und diese Gemeinsamkeit liegt in der Verbindung, die gegeben ist durch die systemischen Kräfte, die ihrer aller Unterdrückung nährt und am Fortbestehen erhält. Ein weiterer Redner könnte einmal eine Analyse von jeglichem Winkel innerhalb dieser Matrix betreiben. Heute fokussiere ich auf die Punkte weißen Überlegenheitsdenkens und Patriarchat.

III. Wie weißes Überlegenheitsdenken und das Patriarchat Tiere in direkter Weise betreffen.

► Die gleichen Kräften, unterschiedliche Gruppen.

◌ Das weiße Überlegenheitsdenken und das Patriarchat (die ich von hier ab als „weißes Patriarchat“ bezeichnen werde) wurden von Theoretikern aus den Bereichen kritischer Rassenstudien und respektive des Feminismus in den USA seit mehreren Jahrzehnten untersucht. Farbige Menschen mussten sich mit dem Weißsein und Frauen mit dem Patriarchat detailliert auseinandersetzen um überleben zu können. Das Weißsein und das Patriarchat werden kollektiv begriffen als Konstrukte sozialer Identitäten, die sich strukturell über die Zeit hinweg verstärken. Das bedeutet, dass ihre initiale Erschaffung beabsichtigt war, und dass Menschen sich zur Annahme der Identitäten aus freien Stücken entschieden haben. In einer neueren Studie über die Theorie des Privilegs durch den Anarchist Federation’s Women Caucus (den Frauenausschuss der Anarchistischen Föderation) wurde betont, dass Identitätsgruppen wie Männer und Weiße nicht wirklich ihr Privileg aufgeben können, gleich wie sehr Individuen dieser Gruppen das auch möchten. Sie sind in diese Identitäten hineingeboren, in diesen Identitätsgruppen großgezogen worden und sie sind eingetaucht in ein System, aus dem sie nicht aussteigen können oder in dem sie sich überhaupt dazu entscheiden könnten, nicht mehr von diesem zu profitieren. „Du bist für das System, das dir dein Privileg erteilt nicht verantwortlich, nur dafür, wie du darauf reagierst.“ bell hooks hat das weiße Patriarchat häufig assoziiert mit Akten des Terrorismus (nämlich der Sklaverei, der Vergewaltigung, der Folter und den Mord) gerichtet spezifisch gegen schwarze Menschen und schwarze Frauen. Diese Akte des Terrorismus – Sklaverei, Vergewaltigung, Folter und Mord – sind auch das, was auch wir in der Tierrechtsbewegung versuchen wollen abzuschaffen. Es ist keinerlei Überraschung, dass diese Akte allesamt aus dem gleichen System entwachsen. Wie können wir in einer Gesellschaft leben, in der all das geschieht, ohne dass es uns überhaupt etwas ausmacht? Nun ja, zum einen macht sich das weiße Patriarchat nicht sichtbar. Wie irgendein anderes Konstrukt einer sozialen Identität, die ein sozioökonomisches System auf der Basis der Ausbeutung der schwächeren und verletzlicheren Individuen und Gemeinschaften erhält, indem es diejenigen marginalisiert, die den Status quo des „Mainstreams“ stören, in dem systematische Gewalt zum Vorteil privilegierter Gruppen begangen wird, in dem die Gedanken, Körper, Räume und die Reproduktion anderer Gruppen dominiert wird, so ist das weiße Patriarchat eine Institution, die es schafft all dies aufrecht zu halten während es selbst unsichtbar bleibt. Wir müssen uns in ganz bewusster Weise darum bemühen es sichtbar zu machen. In der Tierrechtsbewegung haben wir, wenn wir über die Unterdrückung der Tiere durch Menschen sprechen, Gelegenheiten um weißes Überlegenheitsdenken und das Patriarchat hinter der Ausbeutung, der Dominierung, der Reproduktionskontrolle, der Marginalisierung und der systematischen Tötung sichtbar zu machen. Wir können die Tokenisierung von Tieren als Maskottchen, die tatsächlich dem Zwecke ihrer Ausbeutung und Ermordung dient, benennen. Wir können auf die Tötungen von Tieren, in den Tierheimen und halbwilder und verwilderter Tiere, als Schuldzuweisung auf das Opfer hinweisen. Wir können darüber sprechen, wie wildlebende Tiere marginalisiert werden durch den Verlust ihres Habitats, verursacht durch die Agrarkultur und den sich ausdehnenden Städtebau, und wie „invasive/schädliche“ Spezies ein bequemes Ziel der Schuldzuweisung werden, wobei bei ihnen tatsächlich weder Hauptgrund und –ursache zu suchen sind. Wir können die Reproduktionskontrolle, die Zwangszucht, genetische Manipulation und die in die Sexualität eingreifende Gewalt sichtbar machen, die Institutionen am Leben erhalten wie die Tierversuchslaboratorien, die Tiere involvierende Agrarkultur, die Haustierhaltung, Zoos und Aquarien, Jagdreviere, Aquakultur und die Unterhaltungsindustrien die Tiere einbeschließen. Die Tokenisierung, die Schuldzuweisung auf das Opfer, die Marginalisierung und die Reproduktionskontrolle, sind die Grundpfeiler des weißen Patriarchats. Innerhalb des weißen Überlegenheitsdenkens in Amerika tendiert der Mainstream dazu, sich mit Tieren und farbigen Menschen dann zu identifizieren, wenn sie tot oder auf eine Fast-Unsichtbarkeit reduziert sind. Dadurch wird die Illusion erzeugt, dass wir diese Gruppen tatsächlich respektieren, indem wir sie romantisieren, und die, die sie in Wirklichkeit sind, für uns in unserer Vorstellungswelt in der Weise passend für unsere eigene Identität modulieren, nun wo unsere Vorfahren und Zeitgenossen sie bereits als eine Bedrohung außer Kraft gesetzt haben. Ein wesentlicher Grundpfeiler des weißen Patriarchats ist aber auch die Frage der Bürgerschaft. Die einzig legitimen Stimmen sind diejenigen, die „echte Bürger“ der Gruppe darstellen. Und in der Tierrechtsbewegung stellt dies ein enormes Hindernis dar in den Bemühungen um eine Bewirkung der Anerkennung der Interessen von Tieren durch die Gesellschaft.

►Das weiße Patriarchat als treibende Kraft in Tierverteidigungskampagnen.

◌ Die Kampagnen von PETA sind berüchtigt wegen ihrer rassistischen und sexistischen Komponenten. Ich werde hier nicht weiter in die Einzelheiten gehen, da eine andere Sprecherin bei dieser Konferenz ihre Analyse der Organisation PETA vorstellen wird. PETA sind jedenfalls ein sehr offensichtliches Beispiel für das weiße Patriarchat als treibende Kraft hinter ihren Zielen und Strategien. Nicht allein in den Öffentlichkeitsstunts der Organisation, sondern auch in ihren Politiken und Praktiken, die Tiere in ganz unmittelbarer Weise anbetreffen. PETA hat eine Geschichte zu verzeichnen, in denen sie mehr ihrer vermeintlich geretteten Hunde und Katzen getötet haben, als sie an ein neues Zuhause vermittelten. Nathan Winograd hat PETA seit Jahren wegen ihrer desaströsen Tierheimunterbringungspraktiken und Vorgehensweisen kritisiert. PETAs Unterstützer_Innen haben daraufhin entgegnet, dass Winograd nicht erwähnt habe, wie viele Tiere man aus den Gefahren, die für sie in überfüllten Tierheimen drohten, extra herausadoptiert habe, und dass es besser für diese Tiere sei einen „gnadenvollen“ Tod zu erleiden, als ein Leben in einen Tierheim zu verbringen, oder was noch schlimmer sei, als ein Leben ohne ein echtes Zuhause. Was mir dies sagt ist, dass für PETA die beste Art einer ethischen Beziehung zu Tieren, auf die wir unter PETAs Richtlinien hoffen könnten, diejenige ist mit toten Tiere, da es ja keine Möglichkeit gibt, alle diese Tiere unter einer kompletten institutionellen Kontrolle zu halten, und es dann effizienter wäre die Tiere einfach zu töten um sich dann auf die Schulter zu klopfen, dass man ja das richtige getan habe, denn man weiß ja schließlich auch genau, was das Beste ist. Das ist weißes Patriarchat.

◌ Verdeckte Nachforschungen bildeten die wesentliche Taktik zur Aufdeckung einiger der schlimmsten Gewaltakte gegen Tiere. Was oft nicht betont wird in solchen Ermittlungen von Tiermissbrauch in Fabrik-Farmen oder bei Kampagnen gegen den Hundekampf oder gegen Hahnenkämpfe oder bei Aufdeckungen des illegalen Handels mit wildlebenden Tierarten, sind die rassifizierten Komponenten die bei diesen Gräueltaten mitschwingen. Die große Mehrzahl derjeniger Menschen, die die niederen Arbeiten verrichten und die illegalen Taten begehen, denen wir immer wieder in den Nachrichten begegnen, und auf die der Zorn und die Empörung der Aktivist_Innen niederprasselt, sind farbige Menschen.

◦ Fremdarbeiter aus Ländern wie Mexiko und Guatemala machen ein Fünftel der Arbeiterschaft in den Agrarindustrien aus. Sie haben typischerweise keinen High School Abschluss und ihre Optionen bei der Arbeitssuche sind daher gering, auch haben sie normalerweise wenig in der Leitung dieser Farmbetriebe zu sagen. Sie sind einfach Hände – oft die blutigen Hände – die 10 bis 12-stündige Schichtdienste verrichten. Der US-amerikanische Imperialismus und Rassismus stößt sie in Jobs wie diese, wo die Möglichkeiten der Wahl dessen, wie man seine Einkünfte bestreitet, gering sind. Sie werden häufiger wegen Grausamkeit gegen Tiere belangt als die Betreiber der Farmen, die die echten Profite aus der Sache schlagen. Und Tierverteidigungsorganisation wissen das, wenn sie Klagen erheben; sie versuchen einfach jeden „Erfolg“, gleich welchen, zu erlangen, wenn er denn nur erlangbar ist. Zum Schluss hilft das den Tieren weder in der Gegenwart noch in der Zukunft, denn es erlaubt es den Shareholdern einer Verantwortlichkeit aus dem Weg zu gehen. Es erlaubt den Geschäftsbetreibern die Sündenbockfunktion den verarmten und oft analphabetischen Wanderarbeitern zuzuschieben, die kaum juristischen Schutz haben, und es sendet eine für die Öffentlichkeit irreführende Botschaft aus, dass man was gegen die „schlimmen Typen“ getan habe, wobei sie in Wirklichkeit einfach nur durch andere Immigranten gleichen Hintergrunds ausgetauscht werden, die dann ebenso den Verstand verlieren werden, mit der Gewalt, die sie stundenlang täglich ausführen müssen.

◦ Hundekämpfe sind so alt wie die zivilisierte Welt selbst. Und Hahnenkämpfe begannen in Europa etwa um das 15. Jahrhundert herum aufzutauchen. Beide dieser Blutsportarten zählten gewöhnlicherweise zu den Aktivitäten wohlhabender Landbesitzer, Handeltreibender und Aristokraten; in anderen Worten: Leute die Geld hatten. Heute werden diese Blutsportarten mit armen farbigen Menschen in Verbindung gebracht. So sehen die Kampagnen gegen diese grausamen Bräuche oft aus wie eine spezifische Strafung Farbiger, nun wo weiße Menschen der Mittel- und Oberschicht kulturell „jenseits“ von solch einem Barbarismus stehen.

◦ Der illegale Handel wildlebender Tierarten ist ein Thema, das nicht allein die Tierverteidigungsbewegung beschäftigt, dieses Thema ist auch bestimmend in Bereichen umweltschützerischer Tätigkeiten. Kampagnen und Berichte betonen die Prozentzahl des illegalen Handels, so dass man sich auf CITES und damit auf juristische und politische Richtlinien berufen kann. Soweit hat das allerdings keinen besonders großen Unterschied erbracht, was die Anzahl von Tieren, lebend oder tot, anbetrifft, die aus ihrem gebürtigen Land oder Wasser herausgeschmuggelt werden. Die Gegenden wo die meisten dieser Aktivitäten stattfinden, liegen in Südostasien und in Subsahara-Afrika. Nachrichtenmedien, Dokumentationen und Kampagnen fokussieren zumeist extensiv auf die Seite der „Wilderei“ im Handel mit wildlebenden Tierarten, die ausschließlich von den farbigen Menschen in den Regionen betrieben wird. Obgleich das Geschäft des Handels wildlebender Tierarten Teile großer krimineller Syndikate bildet, sind die Leute, die wir überall in Bildern und in den Nachrichtenartikeln sehen, diejenigen mit wenig Ressourcen und mit weniger Sagen in den großen Syndikaten – Leute die einfach ausgetauscht werden können, die man einfach zu Sündenböcken machen kann. Es ist weitaus schwieriger die wohlhabenden Konsumenten von Produkten aus wilden Tieren sichtbar zu machen, und es ist schwieriger Reiche in Frage zu stellen, Jagdsitze in Privatbesitz, die vom Geschäft mit dem Handel „exotischer“ Tierarten profitieren, es ist schwieriger amerikanische und europäische Privatinvestoren von Milizen und kriminellen Syndikaten in diesen Regionen anzugreifen, also tut es auch niemand. Es ist weitaus einfacher, arme farbige Menschen zur Verantwortung zu ziehen, die die tatsächliche Gewalt und die tatsächliche Straftat begehen, denn das sind die Plakatkriminellen, und das weiße Überlegenheitsdenken und der Kolonialismus können ungehindert weitermachen, unbemerkt, in ihren systemerhaltenden Funktionen.

◦ Rassismus, Klassismus und Kolonialismus treiben farbige Menschen dazu, sich übermäßig auf die Ausbeutung von Tieren zu verlassen, und weil sie nicht den Schutz durch Wohlstand und Weißsein genießen, tragen diese Leute die Last der Konsequenzen, während die Schwergewichte in Sachen Ermöglichung, ihr Geschäft weiter und wie gehabt betreiben können.

IV. Rassismus und Speziesismus: Sind beide miteinander austauschbar?

► Rasse und Spezies sind willkürliche Unterscheidungen die ungefähr in der gleichen Zeit im europäischen Denken entstanden. Beide sind geleitet von phänotypischen Unterscheidungen aber tragen das Gewicht und die Legitimität als seien sie biologisch verwurzelt, und biologisch wird oft gleichgesetzt mit etwas „Fixiertem.“ In der Biologie wird die biologische Speziesdefinition oft als die ultimative Speziesdefinition begriffen. Wenn Gruppen erwiesenermaßen aus Individuen bestehen, die reproduktionstaugliche Nachkommen erzeugen können, dann sind sie eine echte Spezies. Im Freien oder in den Laboratorien ist diese primäre Definition meistens schwer zu testen, so werden noch andere Definitionen als akzeptabler Ersatz verstanden, die auf den morphologischen und phylogenetischen Unterschieden zwischen Gruppen basieren. Doch was die morphologischen und phylogenetischen Speziesdefinitionen tun, ist, dass sie die Kennzeichnungen von Spezies so willkürlich machen, wie das auch in der Rassentheorie handhabe ist. Für beide geht es im Wesentlichen hierum, dass: wenn du ein bisschen anders aussiehst, Dinge ein wenig anders tust, genetisch etwas variierst und sogar auch noch in einer anderer Region als dem Ort der Vergleichsbasis lebst, dann reicht das dazu, deine Gruppe als eine eigene Spezies zu kennzeichnen (und historisch wurde Rasse und Spezies in austauschbarer Weise eingesetzt), bis ein anderer „Experte“ vorbeikommt und etwas anderes behauptet.

► In meiner Erfahrung ist das, was wir als Tierrechtsaktivist_Innen häufig als Speziesismus kennzeichnen, zumeist nichts anderes als Rassismus, Sexismus und Ableismus der gegen Tiere gerichtet ist. Tier-Agrarkutlur, Aquakultur, Laborversuche mit Tieren, die Haustierhaltung und auch die kommerzielle- und die Freizeitjagd benötigen die Unterdrückung spezifischer Spezies um dadurch bestimmen menschlichen Gruppen einen Vorteil zu verschaffen. Doch die Argumente, die angebracht werden um diese Spezies in der Unterdrückung zu halten, sind nicht so sehr speziesistisch wie sie rassistisch, sexistisch und/oder abelistisch sind. Während Hunde als eine Spezies zur kommerziellen Zucht anvisiert werden, sind es die Hunderassen (die man ansonsten auch als „Züchtungen“ bezeichnet), die als Rechtfertigung und Anreiz zur Fortsetzung der selektiven Nachzucht und zur reproduktiven Kontrolle von Hunden dienen. Und es sind die Rassen, die in einigen Ländern einen Hund dazu prädestinieren getötet zu werden, nur weil er/sie als eine bestimmte Rasse geboren wurde. Ökofeministische Tierrechtsaktivistinnen haben seit Jahren schon betont, dass der Sexismus eine wesentliche treibende Kraft in der Unterdrückung von Tieren in den Agrarindustrien sind, insbesondere der Milch und Eierindustrie, die nicht existieren würden wenn die weibliche Gebärfähigkeit dabei nicht ausgebeutet werden könnte. Selbst Tierrechtsaktivist_Innen spielen in die Fallen des Abelismus hinein, indem sie sozial-kognitive Fähigkeiten von Tieren betonen, in ihrem verzweifelten Versuch Leute dazu zu bewegen, über Tiere einmal nachzudenken. Die Fähigkeiten von Tier-Individuen und Spezies mögen vielleicht den Grund bieten, mit dem wir versuchen zu rechtfertigen wie wir Tiere behandeln. Sobald wir Aktivist_Innen aber einmal dazu imstande sind, das Sozial-Kognitive dort und dann zu erkennen wo es erscheint, dann sollte es doch leichter werden zu begreifen, womit wir hier wirklich arbeiten.

V. Schlussfolgerung

► Das weiße Überlegenheitsdenken und das Patriarchat sichtbar zu machen, ist wichtig um die Unterdrückung von Tieren sichtbar zu machen. Oft stecken diese hinter den Gräueltaten die gegen Tiere begangen werde, wogegen wir schließlich kämpfen.

► Das weiße Überlegenheitsdenken und das Patriarchat beeinflussen die Ziele der Bewegung und der angewendeten Strategien. Wir können evaluieren, wie unsere Ziele und Strategien weitervermittelt werden, und indem wir die Intention hegen diese Kräfte sichtbar zu machen, anzuerkennen was wirklich los ist, indem wir uns unsere eigene Rolle in all dem bewusst machen, können wir die Verantwortung für eingeschlagene Richtungen in der Bewegung übernehmen.

► Nun wo andere Aktivist_Innen Analysen über den Abelismus, Heterosexismus, Cissexismus und Queerness mit einbeziehen, haben wir die Möglichkeit, dass die Tierrechte sich zu einer echten Pioniersfront der intersektionalen Bewegung entwickeln können. Schaffen wir es diese Herausforderung anzunehmen?

Weitere Beispiele weißen Patriarchalismusses:

„Ich hab ihm gerade einen Nasenring angebracht … , so dass er nicht mehr bei seiner Mutter saugt. Er braucht es einfach nicht mehr … . Er wird sich dran gewöhnen. Wir haben es mit den anderen Kälbern auch so gemacht. An dem Ring sind nur einige Zacken, und das ist damit es die Kuh an ihrem Euter stört wenn er versucht zu saugen, sie wird ihn dann wegtreten … . Tja, das ist halt noch so eine weitere spaßige Sache, die du so auf einer Farm machen kannst.“

http://www.youtube.com/watch?v=mOMYfrFKHyE&feature=youtu.be

Malerei: © Farangis G. Yegane

(Eventuelle typografische Korrekturen werden noch vorgenommen.)

Copyright © 2013, Anastasia Yarbrough, Gita Y. Arani-May / Palang LY. Alle Rechte vorbehalten.

 

Ein Nichtmensch, ein Objekt, ein Mehrzweck?

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Palang LY

Tiere als Nummern

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Das kontroverse israelische Projekt http://269life.com emphatisiert und subjektifiziert das Tier, das stellvertretend für das Tieropfer einer karnistisch-speziesistisch funktionierenden Gesellschaft steht, während solch ein Kunst- / Designprojekt wie das „Pig 05049“ der Niederländerin Christien Meindertsma, das in ihrer Arbeit tokenisierte nichtmenschliche Tier entindividualisiert und objektifiziert.

Ein Nichtmensch, ein Objekt, ein Mehrzweck?

Der Guardian veröffentliche am 27. März 2010 ein Essay des amerikanischen Autoren und Journalisten Bill Buford [1] über eine Arbeit der niederländischen Designerin Christien Meindertsma, in der sie Fotografien von Nebenprodukten aus der Fleischindustrie, als all das, was aus einem Schwein so gemacht wird, zentriert auf ein Tier: „Pig 05049“, als Rohstoffquelle, darstellt.

Aus Tierrechtssicht halte ich die Arbeit von Meindertsma für bedenklich, aus Gründen, die ich weiter unten anreißen will. Der Artikel aus dem Guardian jedoch, sowie auch ein Artikel aus dem Stern über eine Ausstellung Meindertsmas im Jahr 2008 zum „Pig 05049“ [2] und das gesamte Pressebild zu Meindertsmas Studien, machen aber bereits klar, warum die Arbeit der Designerin eine zweischneidige Angelegenheit ist, wenn sie derart problemlos (und d’accord mit unserem Alltagsspzeisismus), rezipiert werden kann, als eine willkommen geheißene Ermutierung zur Objektifizierung von nichtmenschlichen Tieren im agraindustriellen Komplex.

Der Tierrechtler und Vorstand des europäischen Zweigs des Animals and Society Institute (http://www.animalsandsociety.org/) Kim Stallwood, hält zum Artikel Bufords über Meindertsma aus dem Guardian fest:

Das kleine Schweinchen beim Guardian

Ein interssanter Artikel im samstags erscheinenden farbigen Wochendmagazin des Guardian. Er bestand aus einem Fotoessay als Auszug aus dem Buch Pig 05049 von Christien Meindertsma und einem Essay des Autoren Bill Buford. Interessant aus zweierlei Hinsicht.

Zuerst: Das Fotoessay dokumentiert 185 (naja, einige) Produkte, die aus einem geschlachteten Schwein hergestellt werden, einschließlich Apfelsaft (Gelatine), Puzzleteilen (Knochenleim) und Sandpapier (nochmals Knochenleim). Was immerhin beweist welche Herausforderung es darstellt, vegan zu leben. Einige würden behaupten es ist eine sinnlose Übung. Eine Unmöglichkeit. Ich würde sagen, dass der Weg zum Veganismus wichtiger ist, als die Ankunft am seinem Ziel.

Der zweite interessante Punkt ist dieser: warum müssen Menschen, die darüber schreiben, dass sie bei der Schlachtung eines Tiere teilgenommen haben, den Akt immer romantisieren? Und das Ganze mit sentimentalem Quatsch aufladen, um den Anschein der Profundität zu erwecken? Buford schreibt zum Beispiel: “Das Blut sammelt sich in einem Eimer. Ich rührte es damit es nicht koaguliert. Man gab mir eine Kelle und sagte, ich solle mal probieren. Ich war vom Geschmack überrascht, der vital, energiespendend und ‘glücklich’ war.” Was genau ist glücklich am Probieren des Blutes eines Schweins, das man gerade getötet hat? Und dann folgt diese pseudo-moralisierende und nichtssagende Entschuldigung für die Missetat. [3]

“Der Aufwand benötigte vier Mann. Das Schwein wusste was geschah. Sie war stark. Sie kämpfte. Da gab es kein Schweinequieksen. Es war ein weit offener Schrei. Sie schrie laut und hörte nicht auf, bis nachdem für einige Sekunden, und nicht mehr als einige Sekunden, in ihr Herz gestochen war. Der Schrei ging bis in die höheren Klangregister; ein hochstimmiges, bellendes Klagen, das mein Gehirn nicht als normal herausrastern oder empfinden konnte. Dann, gerade als ich das Seil am Bein des Tieres festmachte, schaute sie mich an, ganz genau, und sah mir in die Augen. Weshalb mir? Vermittelte mein Gesicht unter den anderen Gesichtern dieser abghärteten Traditionalisten etwa Unbehagen? Der Halt funktionierte wie eine Klampe. Ich wollte mich abwenden. Tat es aber nicht.” [4]

— — —

Wie konnten die Fotografien aus der Designarbeit von Meindertsma so problemlos in diesem Zusammenhang ihren Platz finden? Ist eine Auflistung und Darstellung von Tierkörperteilen und der Stoffe, die aus ihnen gewonnen werden, bereits eine Stellungnahme in der einen oder anderen Weise?

Meindertsma sieht in ihrer Arbeit “grundsätzlich den Produktkatalog [eines] Schweins”. Das “schönste” findet sie, in einer TED Rede unter dem Titel: “Wie Teile vom Schwein die Welt zum Drehen bringen” (vom Juli 2010), ist die Verwendung der Herzklappe des Tieres, die eine Operation am menschlichen Herzen unter nur minimalstem Eingriff ermöglicht. Abschließend sagt sie, dass sie am meisten an Rohmaterialien insgesamt interessiert sei, und ein bisschen auch an Schweinen. [5]

Die Ästhetik der Objektifizierung

Randy Malamud, Fellow am Institut für Tierethik der Uni Oxford, formuliert ein wichtiges Argument im Kontext mit einem Werkzyklus der türkischen Künstlerin Pinar Yolacan (Titel: “Perishables”), in der Hühnerkörper als künstlerisches Ausdrucksmittel und Accessoire verwendet werden:

“Ich frage mich, wenn ich durch Yolacans Linse auf eine Frau und ein Huhn blicke, eine Frau in einem Huhn: Wo ist das Huhn? Ja, das Tier ist da, aber da gibt es kein “da”. Das einzige huhnhhafte in diesen Bildern ist ein Negativum: die Abwesenheit eines Huhns, die Verhöhnung eines Huhns, die Zerstörung eines Huhns, die perverse menschliche Transformation eines Huhns.

Ich möchte damit nicht sagen, dass es die Last dieser Kunstwerke sein müsse, das huhnhafte des Huhns zu hinterfragen, aber ich bin ökologisch empört über das durchdringliche Versagen menschlicher Kultur […] dabei, die Intergrität, das Bewusstsein, die echte Gegenwart anderer Tiere in unserer Welt ernsthaft anzuerkennen.” [6]

Wie weit darf eine ästhetisierende Objektifizierung gehen, insbesondere auch dann, wenn sie unter anderem der Veranschaulichung dient, wie im Fall des Buches Pig 05049 von Christien Meindertsma sowie bei anderen Designern, Künstlern und deren Arbeiten, im Allgemeinen?

Was Meindertsma anbetrifft: Als Veganer kennen wir alle Listen tierlicher Inhaltstoffe und ihrer Derivate. Eine partielle Liste im schön gemachten Format ist eigentlich nicht zweckdienlich, auch wenn sich über Ästhetik streiten lässt.

Das Buch Pig 05049 wird aber für 44 Euro bei enem veganen Onlinehandel feilgetobten. Aufmerksam wurde ich, nachdem ich sah, dass die Vegane Gesellschaft Deutschland es auf ihrer Fcaebook-Seite bewarb und keine Veganer_In dort Anstoß am Ganzen nahm. [7]

Es fehlt selbst Veganer_innen an Speziesismus-Sensibilität. Entindividualisierung, Objektifizierung, die Ästhetisierung von Gewalt gegen Nichtmenschen, die vorgegebene Neutralität die wir häufig in den unterschiedlichen spezisistischen Rhetoriken antreffen – auch im künstlerischen Format … all das sind Themen, mit denen wir uns viel mehr auseinandersetzen müssen.

[1] Bill Buford: From one pig: 185 products, The Guardian, Saturday 27 March 2010 http://www.theguardian.com/artanddesign/2010/mar/27/from-one-pig-185-products. Der Text wurde inzwischen wegen Ablauf der Nutzungsrechte von der Webseite des Guardian entfernt.

[2] Albert Eikenaar: Eine tierisch versaute Idee, Der Stern 23. Juli 2008, http://www.stern.de/kultur/kunst/ausstellung-eine-tierisch-versaute-idee-632030.html

[3] Kim Stallwood: Little Piggy at The Guardian, http://www.kimstallwood.com/2010/03/29/the-little-piggy-at-the-guardian/. Übersetzung der Blogeintrags (ohne dem Zitat aus dem Guardian) Palang Y. Arani-May, mit der freundlichen Genehmigung von Kim Stallwood. Siehe hierzu auch: This little piggy… Christien Meindertsma photographs the 185 products that came from one pig, The Guardian, Saturday 27 March 2010, http://www.theguardian.com/theguardian/gallery/2010/mar/27/185-products-one-pig-gallery

[4] Bill Buford: From one pig: 185 products, a.a.O. http://www.theguardian.com/artanddesign/2010/mar/27/from-one-pig-185-products

[5] TED, Christien Meindertsma: Wie Teile vom Schwein die Welt zum Drehen bringen http://www.ted.com/talks/christien_meindertsma_on_pig_05049.html

[6] Randy Malamud: Vengeful Tiger, Glowing Rabbit, in: The Chronicle of Higher Education, July 23, 2012, http://chronicle.com/article/Vengeful-Tiger-Glowing-Rabbit/132951/?cid=cr&utm_source=cr&utm_medium=en

[7] Vegane Gesellschaft Deutschland, der betreffende Eintrag auf ihrer Facebookpage https://www.facebook.com/photo.php?fbid=589879337720155&set=a.159698390738254.28272.154920631216030&type=1&theater

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Der vegane Prototyp des 19. Jahrhunderts

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Der vegane Prototyp des 19. Jahrhunderts

Palang LY

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Wir wissen, dass das Wort ‚vegan’ im Jahr 1944 von Donald Watson bei der Gründung der Vegan Society geprägt wurde (http://simorgh.de/niceswine/vegan-news-no-1), aber wem ist bekannt, dass eben diese Lebensweise und Ethik in Europa auch schon vorher praktiziert wurde?

Im Jahr 1815 schrieb William Lambe, Fellow des Royal College of Physicians ist seinem Buch: ‚Water and Vegetable Diet’: „Der Grund warum ich gegen den Gebrauch einer jeglichen Tierart zu Nahrungsmittelzwecken bin und warum ich als Lebensmittel nur die Früchte des Bodens anerkenne, liegt in der weitgreifenden Tatsache, dass nichts außer diesen für die menschlichen Organe geeignet sind. Im gleichem Maße wie Fleisch für die Ernährung ungeeignet ist, so sind es aber auch Eier, Milch, Käse und Fisch.“

Lambe begann im Jahr 1804 mit seiner neuen Ernährungsweise und schloss sich bald einer Gruppe Gleichgesinnter an. Zu dieser Gruppe zählte auch John Frank Newton (http://www.ivu.org/history/england19a/newton.html), der Autor von „Return to Nature, or a defence of the vegetable regimen“, das im Jahre 1811 in London publiziert wurde. Newtons Schwägerin, Harriet de Boinville, gehörte dieser Gruppe an. Ihr Haus, gelegen in der Gegend von Berkshire, und das Haus Newtons wurden zu den Treffpunkten des ersten uns bekannten Kreises protoveganer Freunde.

All das wäre vielleicht unbemerkt geblieben, wäre der damals 20-jährige Percy Bysshe Shelley nicht hinzu gestoßen. Der junge dichtende Shelley nahm bei einem Aufenthalt in Dublin im Jahr 1812 für sich eine Lebensweise an, die er als ‚das Pythagoräische System’ bezeichnete. Mit der klassischen Antike vertraut und das Lateiniische und Altgriechische beherrschend, muss er von dieser Art sich zu ernähren aus den alten Textquellen erfahren haben. Bei seiner Rückkehr nach London begegnete Shelley dem politischen Philosophen William Godwin der ihn mit Newton zusammenführte. Die jüngere Tochter Godwins, Mary Wollstonecraft Godwin, wurde später Shelleys zweite Frau. Vielen von uns ist sie auch bekannt als die Autorin des klassischen Romans ‚Frankenstein oder Der moderne Prometheus’.

Jahre später schrieb ein enger Freund Shelleys, Thomas Jefferson Hogg, der allerdings selbst Fleischesser geblieben war, über seine Erlebnisse bei den Shelleys:

„Ich passte mich an, nicht weil ich ihre Überzeugungen teilte, sondern nur aus Freundschaft. Ihre Gemüse-Diners waren natürlich wunderbar. Fleisch tauchte niemals auf, auch keine Eier als solche oder Butter in größeren Mengen. Eier und Butter wurde zwar beim Kochen zugelassen, aber so sparsam wie möglich und nur unter Protest, als kulinarische Hilfen denen man eingentlich nicht zusagte und die man bald aufgeben wolle. Käse war verboten. Milch und Sahne durften nur unter Vorbehalt gebraucht werden in Puddings oder im geringen Maße im Tee als Zugeständnis an die Schwäche Neu-Initiierter.“

Wir müssen uns natürlich bewusst machen, dass dies ja noch lange vor der Erfindung von Margarine war und noch lange bevor jemand im Westen etwas von Tofu oder Sojamilch gehört hätte. Die Veränderungen in der Ernährung waren zu der Zeit also ein noch größerer Schritt als heute, wo wir bereits eine pflanzliche Cuisine und die dazugehörigen Produkte vorfinden.

Es ging den Shelleys aber nicht bloß um das Essen oder um die Gesundheit. 1813 veröffentliche Shelley sein großes philosophisches Gedicht ‚Queen Mab’ (http://ia700803.us.archive.org/14/items/queenmabphilosop00shel/queenmabphilosop00shel.pdf), dem er als Vorwort seinen Text ‚A Vindication of Natural Diet’ (http://www.gutenberg.org/files/38727/38727-h/38727-h.htm, ‚Zur Verteidigung einer natürlichen Diät’) voranstellte. Im Gedicht ‚Königin Mab’ finden wir die folgenden Zeilen:

Nich länger nun schlachter er das Lamm, dass ihm in sein Gesicht schaut, nicht länger verschlingt er grauenhalft sein geschunden Fleisch; …

Die Gruppe blieb einige Jahre beisammen. Zwischenzeitlich heiratete William Lambes Tochter den Sohn von Mrs. de Boinville, doch bald löste sich alles auf und nur Mr. Lambe erscheint später wieder im Blickfeld.

***

Im Jahr 1817 wissen wir von James Pierrepont Greaves als einem der die pflanzliche Ernährungsweise für sich annahm, und soweit uns bekannt ist war das auch tatsächlich eine völlig pfanzlich-basierende Ernährung die er von Anfang an praktizierte. Über sein frühes Leben wissen wir nur, dass er irgendwann in London lebte als Nachbar des Herausgebers der Bücher die wir oben bereits erwähnten. Und so könnte es sein, dass er mit dem einen oder dem anderen dieser Veröffentlichungen inhaltlich vertraut gewesen ist. Greaves verbrachte mehrere Jahre in der Schweiz bei dem radikalen Pädagogen und sozialreformer Pestalozzi, und er plante bald eine eigene Schule in London zu eröffnen. Zuvor hatte er von einer Schule in Boston, USA, erfahren, zu deren Curriculum außer der Vermittlung der Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männnern und antirassistischen abolutionistischen Gedanken auch eine ethisch motivierte Lebensweise zählte, die sich mit der Versklavung der Tiere befasste (http://www.vegsource.com/john-davis/bronson-alcott—american-pioneer-vegan.html); das war eine Lebensweise, die wir heute als eine vegane Lebensweise bezeichnen würden – den Begriff gab es damals aber selbstverständlich noch nicht. Die Schule in Boston, die Temple School, war von dem Lehrer und Philosophen Amos Bronson Alcott im Jahre 1834 gegründet worden.

Beeindruckt von dem erzieherischen Konzept der Bostoner Schule eröffnete Greaves nun seine eigene Schule in England und benante sie nach Alcott, so entstand ‚Alcott House’ im Jahr 1838 in Surrey. Heute wissen wir, dass es diese Gruppe gewesen ist, die sich zu allererst als „Vegetarier“ bezeichneten. Der erste gedruckte Gebrauch des Wortes ist uns aus dem Jahr 1842 aus einem Journal bekannt. Zu diesem Zeitpunk muss den Lesern der Begriff aber bereits geläufig gewesen sein. Inzwischen lässt sich auch zurückverfolgen, dass zu dem Zeitpunkt „vegetarisch“ noch eine 100%ig pflanzliche Ernährungsweise bedeutete. Man bemühte sich darum, das meiste der Früchte und des Gemüses selbst anzubauen und als Getränk wurde ausschließlich pures Wasser favorisiert – so wie das Dr. Lambe Jahre zuvor bereits empfohlen hatte. Lambe besuchte ‚Alcott House’ häufig und sah dort seine Ideen in die Praxis umgesetzt. Aus den überlieferten Dokumenten der Schule lässt sich ersehen, dass man die Zucht und Haltung von Tieren zum Zwecke ‚des Gebrauchs’ oder ‚der Unterhaltung’ strikt ablehnte, worin sich ebenso die ethische Begründung für ihre Lebensweise erkennen lässt.

Amos Bronson Alcott besuchte Alcott House vier Monate lang im Jahr 1842, und nahm zwei der dort Angestellen mit zurück auf seiner Heimreise in die USA, wo er mit ihnen eine weitere Gemeinschaft in der Nähe Harvards gründete, die er „Fruitlands“ nannte. Dieses Projekt war eher von kurzer Dauer. Auch dort wurde rein pflanzlich gegessen und der Einsatz vor Tierarbeit war verboten. Von der Tochter Alcotts, Louisa May Alcott (http://www.louisamayalcott.org/), wissen wir aus ihrem Buch ‚Little Women’, dass Alcott House 1848 schloss nach zehnjährigem bestehen.

Innerhalb dieser Zeit wurde im Jahr 1847 die Vegetarian Society gegründet. Zwei Angestelle von Alcott House arbeiteten anfangs als Schatzmeister und Sekretär für die Vegetarian Society. Doch hätte die Vegetarian Society bald aufegeben, wenn sie nicht den wohlhabenden James Simpson von der Bible Christian Church zu ihrem Präsidenten gewählt hätten. Leider brachte dieser Zug aber auch mit sich, dass die Version einer „vegetaliben Ernährungeseweise“ der Bible Christian Church übernommmen wurde, die nur bedeutete kein Fleisch zu essen. Die Vision der BCC speiste sich aus der bildichen Überlieferung ‚von Milch und Honig’ (und Eiern) die im gelobten Land flössen. Die darauf resultierende Verwirrung und Verwässerung des neu formierenten Gedankens einer ethischen Lebensweise die Tiere mit einbeschloss dauerte ein Jahrhundert lang an, bis eine Gruppe innerhalb der Vegetarian Society sich dazu entschied, eine klare Entscheidung zu treffen und so die Vegan Society 1944 gegründet wurde.

***

Auszug aus ‚Queen Mab’ von Shelley:

http://knarf.english.upenn.edu/PShelley/mab8.html

‘Here now the human being stands adorning

This loveliest earth with taintless body and mind;

Blest from his birth with all bland impulses,                     200

Which gently in his noble bosom wake

All kindly passions and all pure desires.

Him, still from hope to hope the bliss pursuing

Which from the exhaustless store of human weal

Draws on the virtuous mind, the thoughts that rise

In time-destroying infiniteness gift

With self-enshrined eternity, that mocks

The unprevailing hoariness of age;

And man, once fleeting o’er the transient scene

Swift as an unremembered vision, stands                           210

Immortal upon earth; no longer now

He slays the lamb that looks him in the face,

And horribly devours his mangled flesh,

Which, still avenging Nature’s broken law,

Kindled all putrid humors in his frame,

All evil passions and all vain belief,

Hatred, despair and loathing in his mind,

The germs of misery, death, disease and crime.

No longer now the wingèd habitants,

That in the woods their sweet lives sing away,                    220

Flee from the form of man; but gather round,

And prune their sunny feathers on the hands

Which little children stretch in friendly sport

Towards these dreadless partners of their play.

All things are void of terror; man has lost

His terrible prerogative, and stands

An equal amidst equals; happiness

And science dawn, though late, upon the earth;

Peace cheers the mind, health renovates the frame;

Disease and pleasure cease to mingle here,                        230

Reason and passion cease to combat there;

Whilst each unfettered o’er the earth extend

Their all-subduing energies, and wield

The sceptre of a vast dominion there;

Whilst every shape and mode of matter lends

Its force to the omnipotence of mind,

Which from its dark mine drags the gem of truth

To decorate its paradise of peace.’

Die Kommentierung Shelleys:

{17} VIII. 211, 212

No longer now

He slays the lamb that looks him in the face.

I hold that the depravity of the physical and moral nature of man originated in his unnatural habits of life. The origin of man, like that of the universe of which he is a part, is enveloped in impenetrable mystery. His generations either had a beginning, or they had not. The weight of evidence in favour of each of these suppositions seems tolerably equal; and it is perfectly unimportant to the present argument which is assumed. The language spoken, however, by the mythology of nearly all religions seems to prove that at some distant period man forsook the path of nature, and sacrificed the purity and happiness of his being to unnatural appetites. The date of this event seems to have also been that of some great change in the climates of the earth, with which it has an obvious correspondence. The allegory of Adam and Eve eating of the tree of evil, and entailing upon their posterity the wrath of God and the loss of everlasting life, admits of no other explanation than the disease and crime that have flowed from unnatural diet.Miltonwas so well aware of this that he makes Raphael thus exhibit to Adam the consequence of his disobedience […]

***

Zur Geschichte des Vegetarismus in Europa: http://www.ivu.org/history/vegetarian.html

Quellen:

http://www.vegansociety.com/feature-articles/prototype%20vegans.pdf

http://www.worldvegfest.org/index.php/blogs/john-davis/118-john-frank-newton-and-the-vegan-commune-of-1813

http://www.ivu.org/history/Vegan_History.pdf

http://www.ivu.org/history/societies/vegsoc-origins.html

Datum der letzten Zugriffe auf alle hier aufgeführten Links: 3. Mai 2013.

(Eventuelle typographische Korrekturen im Text werden noch vorgenommen.)

 

Ein rebellischer Dichter: der Syre Al-Ma’arri (973 – 1057 n. Chr.)

ancient_goat_syria_walters Relief einer Ziege oder eines Schafes aus Syrien, 10.-9. Jahrh. v. Chr.

Ein rebellischer Dichter: der Syre Al-Ma’arri (973 – 1057 n. Chr.)

Der blinde arabische Philosoph Abul ʿAla Al-Maʿarri plädierte in seinen Gedichten für die kritische Vernunft, insbesondere den religiösen Institutionen gegenüber, die gerade in seiner Zeit eine große Macht besaßen.

Was für uns so interessant ist, ist dass der Dichter Al-Ma’arri eine ethisch motivierte pflanzliche Lebensweise – sprich eine vegane Lebensweise – als Folgerung vernünftigen Denkens erkannte. Kein religiöses Dogma konnte es mit seiner Empathie für Tiere aufnehmen. Religionen besäßen keine „Wahrheit“. Al-Ma’arri suchte nach Wahrheit in dem was er selbst als richtig erkannte.

Die meisten in seiner Zeit sahen in Al-Ma’arri einen Atheisten oder bezeichneten ihn als Brahmanen und Deisten; als einen der nicht an das Prophetentum glaubt. Man sagt Al-Ma’arri habe 45 Jahre lang auf alles was Grausamheit gegen Tiere beinhaltet verzichtet. (1)

Nicht länger stehle ich von der Natur

Ihr seid erkrankt in Eurem Verständnis und Eurer Religion. Kommt zu mir,
dass Ihr etwas Wahrhaftiges vernehmt.
Esst nicht den Fisch, der das Wasser ausgespien, und hungert nicht
nach dem Fleisch geschlachteter Tiere als Nahrung,
nicht nach der weißen Milch von Müttern, die die pure Flüssigkeit
ihren Jungen und nicht noblen Damen gedachten.
Verärgert nicht die harmlosen Vögel indem Ihr ihnen die Eier stehlt;
denn Ungerechtigkeit ist das Schlimmte aller Vergehen.
Nehmt nicht den Honig, den die Bienen mit Mühe
von den Blumen und den duftenden Pflanzen sammeln;
sie trugen ihn nicht zusammen damit er für andere sei,
auch haben sie ihn nicht als Gabe und Geschenk gesammelt.
Ich habe meine Hände von all diesem reingewaschen; und wünschte, dass ich
meinen Weg erkannt hätte, bevor mein Haar nun ergraut ist! (2)

(1) Essays in Arabic Literary Biography 1350-1850, Hrsg. Joseph E. Lowry und Devin J. Stewart, 2009, S. 17.

(2) Studies in Islamic poetry. R.A. Nicholson, Cambridge, 1921. S. 134. Quelle bei Archive.org (Zugriff 24.03.13)

Links dazu:

1000 year old vegan poem: “I No Longer Steal From Nature” by EVOLVE! Campaigns

Ferbuary 2013: Syrian Minister of Culture says saboteurs not revolutionaries beheaded Al-Ma’arri’s statue

Ist Reiten vegan?

Über Speziesismen sprechen – wir tun genau das > Gruppe Messel.

Der Reitsport – überraschenderweise unter uns Veganern ein umstrittenes Thema, bei dem man sich nicht einig wird ob ‘ethisch vertretbar’ oder nicht. Man würde denken, nee, wer glaubt denn, dass ein Pferd gerne eine Stück Metal im Mund hat – wer will denn behaupten ein Pferdemund sei nicht so sensibel, dass das im Mindesten störend und das Gezerre an den Zügeln im Mindesten schmerzhaft sein muss.

Hinzukommt der Reitsport ist eine Industrie. Es stimmt nicht so ganz wenn Leute meinen, Pferde würden besser behandelt als sog. andere “Nutztiere”. Nach außen macht es den Anschein, aber unterm Strich werden Pferde auch als potenziell ‘essbar’ klassifiziert. Das heißt, auch wenn es ein Skandal ist, dass Pferdefleisch “ungewollt” in Fertiggerichten landet, so wird ihr Fleisch allgemein aber doch auf dem Markt gehandelt. Wer’s nicht glaubt, der sollte einfach mal z.B. Fohlenfleisch googlen oder auch hier kann man sich einen ersten Eindruck vom Thema Pferd als Fleischlieferant machen; wenn einem das Ganze nicht schon vorher bekannt und bewusst gewesen ist.

Jedes Pferd, jeder Esel in der BRD hat einen sog. Equidenpass. Dort ist das Tier als “Schlachtpferd” oder “Nicht-Schlachtpferd” gekennzeichnet. Der Halter entscheidet also, ob das Tier für die Schlachtung bestimmt werden soll.

Das Schicksal der Pferdes wird so also im vorhinein festgelegt, und außer jemand rettet das Tier, wird dieses Tier wenn es als Schlachttier deklariert wird, egal wie sehr wir alle glauben möchten Pferde seien “begünstigt”, zum Schluss zur Gaumenfreude und zum Lebensmittel herabreduziert. Entscheidet sich der Pferdehalter um, oder das Tier wechselt seinen Besitzer und kommt in bessere Hände, dann kann der Status vom Schlachtpferd jederzeit auf Nicht-Schlachtpferd geändert werden. Ist der Status einmal als Nicht-Schlachtpferd festgelegt im Equidenpass, dann darf er allerdings nicht mehr zum Status Schlachtpferd geändert werden. (Info dazu)

Der Handel mit Fleisch und Tieren findet selbstverständlich Europaweit statt – wer genau will kontrollieren wie und wo die Tiere getötet und die Tierkörper verarbeitet werden?

Die Industrien auch rund um das Pferd dürfen aus dem veganen Fokus nicht wegfallen weil wir übersehen wie “das Pferd als Reittier” und “das Pferd als (zumindest potenzieller) Fleischliefertant” eben genau eine besondere Problematik dieser Tiere kennzeichnet.

Unsere vegane Erfahrung zeigt uns doch, dass man die Probleme benennen muss um  Menschen die Funktionsweisen vom Speziesismus ins Bewusstsein zu rücken. Reitsport und Pferdehaltung bringen ganz eigene Probleme mit sich, die durch den kulturellen Mythos um Pferd und Reiter irgendwie immer wieder verdeckt werden.

Dann ist da aber noch ein anderes Problem mit dem wir es bei der Pferdehaltung zu tun haben: Einschläfern oder Bolzenschuss. Diese Entscheidung ist tatsächlich eine, die Pferde- oder Eselhalter treffen, wenn sie mit der Frage des Ablebens ihres Tieres konfrontiert sind.

So ist das Problem rund um die Pferdehaltung und den Reitsport nicht nur das, ob es wirklich tierfreundlich ist ein Pferd zu bereiten, sondern die Tragik liegt in der Praxis der Tierhaltung. Denn was geschieht mit den Tieren ganz konkret, mit jedem einzelnen dieser schönen und sensiblen Tierindividuen. Wie und wo kommt ein ganz spezifisches Tier zur Welt, wie und wo lebt es ganz genau und wie und wo stirbt es.

Manche sagen, die Tiere seien ja so domestiziert, sie bräuchten das Leben in den Händen ihrer Halter. Corey Wrenn, die sich zu den Abolitionisten zählt, sagt, dass andere Abolitionisten tatsächlich bezüglich Pferde dieser Meinung wären, sogar der Frontmann der Abolitionisten Gary Francione meine Pferde müssten beritten werden um gesund zu bleiben, was einen überraschen mag. Wrenn selbst vertritt diese Haltung nicht. Sie sagt es gäbe bessere Wege, die sich mit dem Gedanken des Veganismus auch weitaus besser vereinbaren lassen, wie man ein Pferd halten kann damit es genügend Auslauf hat. Soziale Interaktion mit anderen Pferden sei ohnehin viel wichtiger für die Tiere als die Interaktion mit dem Menschen (Reiter). Man könne genauso lange Spaziergänge mit dem Pferd machen. Ein echt veganer Standpunkt! Denn, der Veganismus schließt doch jede Form der Unterwerfung von Tieren aus, und die Behauptung Domestiziertheit würde zu einem Mangel an Freiheitsstreben im Tierindividuum führen, wurde eigentlich schon oft wiederlegt und ist aus reiner Vernunftssicht auch nicht wirklich nachvollziehbar. Man beobachte die Tiere einfach einmal ohne Vorbehalt.

Die Vegan Society beantwortet die Frage darauf, ob Reiten vegan ist, knapp aber vernünftig. So gibt sie an:

Schwierige Fragen. Haus- und Arbeitstiere.

Frage: Sind Veganer gegen Pferderennen und das Reiten?

Antwort: Veganer sind gegen alle Formen der Ausbeutung von Tieren. Jede Situation muss genauestens betrachtet werden, ob Ausbeutung in dem jeweiligen Fall gegeben ist. Die meisten Veganer sind gegen den Gebrauch von Zaumzeug (Trensen) und Ledersatteln. (die Info)

Am besten gefällt mir wie die vegane Dichterin Butterfly Katz die Frage in einem kürzlich von ihr geposteten FAQ über den Veganismus beantwortet, sie führt die Frage und die Antwort folgendermaßen an:

“Ich bin vegan, aber ich besitze und reite ein Pferd mit Zaumzeug und einem Ledersattel.” Ist das vegan?

Der Ledersattel disqualifiziert Dich von vornherein. Lass das Pferd entscheiden ob Du jemand bist der die Ausbeutung und Nutzbarmachung von Tieren wirklich weitestgehend vermeidet. Gebrauchst Du das Pferd zur eigenen Unterhaltung und für Deinen eigenen Spaß? Kann es wirklich vegan sein dem Pferd eine Trense in den Mund zu schieben? Ist es vegan, die Haut eines anderen Tieres auf den Rücken eines Pferdes zu schnallen? Ich kann mir vorstellen, dass es Ausnahmen geben mag in denen ein Pferd damit einverstanden ist, dass ein Mensch auf seinem Rücken sitzt, ohne oder mit einem synthetischen Sattel. Pferde zu retten und mit Pferden Freundschaft zu schließen ist auf jeden Fall vegan. Wir können mit ihnen zusammen laufen, Seite an Seite, und können sie dorthin führen, wo sie frei auf dem Felde herumgaloppieren können, statt sie zu reiten. Auch wenn um dieses Thema viele Diskussionen geführt werden, so ist meine Meinung dazu, dass das Reiten von Pferden, Eseln oder Kamelen oder eine Kutschfahrt, in der Tat unvegane Handlungen sind. (Link zur Info)

Aber um nochmal an das schwerwiegendste Problem zu erinnern, in dem das Ganze schließlich seinen Ausdruck der Ausbeutung subsumarum findet: die Pferdehalter dürfen entscheiden, ob das Pferd zu Schlachter kommt und ob es mit dem Bolzenschuss getötet wird. Dieser Umstand allein sollte uns Veganer dazu veranlassen die Problematik der Pferdehaltung und des Reitsports mit ganz oben auf die Liste tierausbeuterischer Industrien zu setzen. Pferderennen, Pferdespringen, Military-Reiten und Dressur sind hier natürlich mit einbeschlossen, diese Themen werden bereits diskutiert, müssten aber noch stärkere Beachtung finden (eine Info dazu z.B. hier auf Englisch).

Nein, reiten ist nicht vegan. Vergiss das Wunschdenken von einer tierliebhaberischen Idylle – die Pferde sind Gefangene einer Freizeitindustrie und stehen mit einem Fuß beim Abdecker oder auch im Schlachthof.

Hier geht es auch nicht darum, ob Pferde nun domestiziert sind oder nicht. Der Pferdefleischskandal sollte unser Augenmerk auf die verflixte Funktionsweise dieser speziesistischer Industrien lenken: Der Spezisismus hat viele Gesichter, und manchmal sogar auch welche, die nach außen erst gar nicht so schlimm erscheinen.

@germanvegan

alle Links Stand 06.09.2017.

Die Krone der Schöpfung: Der Mensch ziert sich mit dem Nichtmenschen auf seiner Krone. Der Nichtmensch steht aber über ihm.

Eine pflanzlich-basierende Lebensweise, Infos von der Vegan Society, GB auf Deutsch dazu findet Ihr bei dem veganen bunten Hund hier bei uns:

 

Veganer Aktivismus, was ist zuviel des Guten?

Nein, nichts ist zuviel, eher zuwenig. Man denke mal über den jungen aber sehr treffenden Begriff des Karnismus hinaus. Der Karnismus, ein Begriff der von den US-amerikanischen Psychologin Melanie Joy geprägt wurde, bedeutet, dass ein Mensch Individuen derjenigen Tierspezies die zu Agrarzwecken ausgebeutet und getötet werden, nur als “Fleischlieferanten” sieht und eben nicht als individuelle fühlende sensible Lebewesen.

Im gegenwärtigen “Pferdefleischskandal” haben wir es nun mit einer anderen Ausprägung spezisistischen Denkens zu tun. Pferde werden nicht in erste Linie unter karnistischen Gesichtspunkten betrachtet von der allgemeinen Bevölkerung, aber dennoch: es sind nichtmenschliche Tiere und man schätzt ihr Leben deshalb ausreichend gering, dass man sie ausbeuten und töten darf.

Wir wissen als Veganer_innen, dass das Reiten für ein Pferd eine Belastung ist. Die Trense im Mund schmerzt, das Leben des Tieres hat sich von A-Z den Wünschen des Menschen unterzuordnen. Pferde werden immer wieder Opfer von sexuell gewalttätigen Zoophilen – ein Thema allerdings, vor dem auch manch ein veganer Mensch dann doch lieber die Augen verschließen möchte. Als ethisch motivierte Veganer_in sollte man zu allen Themen die Tierausbeutung betreffen Stellung beziehen können / wollen.

Nein es geht beim Veganismus eigentlich nicht primär ums vegane “Schlemmen und Shoppen”. Manche würden vielleicht sagen der kommerzielle Appeal hilft der Sache. Aber ich denke wir brauchen weitaus mehr noch den Dialog in einer Gesellschaft, die in Sachen Tierrechten bislang in keiner Weise dialoginterssiert ist, wir brauchen die ethische Auseinandersetzung in Sachen Mensch-Tier-Beziehung, wir brauchen geistigen und kreativen In- und Output, Pädagogik und Aufklärung darüber, was der Veganismus eigentlich alles mit sich bringt und bringen kann.

Nun gehen wir noch einen Schritt weiter zu denjenigen Tieren deren Körper ausgebeutet werden, die dann aber auch noch irgendwo am anderen Zipfel der Erde leben und leiden, wie zum Beispiel die Bären in Asien, die in körpergroßen Einsperrungseinrichtungen gehalten und denen täglich ihr Gallensaft abgezapft wird.

Fällt das in den Zuständigkeitsradius meines Veganseins? Ja klar! Genauso wie der Elfenbeinhandel und die Haifischflossensuppe. Die Ausbeutung von Tieren, die Grausamkeit gegen sie, hat keine Grenzen. Als Veganer_in sollte uns der globale Aspekt der Möglichkeiten des veganen Aktivismus bewusst sein.

Wenn ich sehe was Menschen weltweit leisten in ihrem Einsatz für Tiere, dann wird mir noch klarer warum das Vegansein, wenn es sich haupsächlich auf das  “Schlemmen und Shoppen” beschränken will, da nicht mithalten kann.

Ich möchte den Leser_innen empfehlen sich auf die entschieden empathische Seite zu schlagen, die Seite, die sich für Nichtmenschen weltweit in einem eher tier- und umweltpolitischen Sinne einsetzt.

Der Blick sollte nicht durch einen kleinerwerdenen veganen Tellerrand ablenkt sein, nur damit man “mitreden” kann und beim aktuellen konsumorientierten Trend mit dabei ist. Das Trendsettersein darf sich im Veganismus nicht nur auf ein Hinter-dem-Kommerzialismus-Herhinken beschränken als seine moralische Message.

Der “Verzicht”, das bewußte Nicht-Konsumieren von tierischen Produkten und Inhaltsstoffen ist eines, aber wir haben ja auch noch einen vegan-theoretischen graswurzelpolitischen Arm der mal zum Einsatz kommen könnte.

Und überhaupt, schau Dir das an: Two cubs rescued in Vietnam, near the Chinese border!!!