Introspektionen und Distanz. Eine Eigenkritik am Vegansein, denn es umfasst noch nicht genug.

Was mich interessiert ist der Grund, warum die ‘vegane Bewegung’ im deutschsprachigen Raum so kaum kritisch mit sich selbst umgehen will. Das fällt mir besonders auf, bei der Kluft zwischen Wunsch und Realität in Sachen ‘wir sind moralisch ja doch überlegen – weil wir die Tiere in unsere Ethik mit einbeziehen’.

Meine lieben veganen Kolleg_innen werden ihrem Anspruch in einer eingegrenzten und praxisorientierten Ebene gerecht, aber die Ursachen von Speziesismus (als den Veganismus notwendig machende Unterdrückungsform) werden nicht weiter hinterfragt und ‘veganisiert’. Und so und anders ist der Veganismus noch lange nicht die letzte Station in Sachen umgreifender Gerechtigkeit, die wir jemals erlangen könnten.

Man denke an folgende offensichtliche Defizite:

Wie geht man mit dem veganen Konsumerismus um?

Das schlimme ist, dass immer nur ein Weg als der gangbare untereinander gefördert wird. So haben wir es auf der einen Seite mit der Gruppe Veganer_innen zu tun, die sagen, jeder Konsum ist gut, solange vegan… und mit der andere Seite, die da sagt, wir müssen alles in Richtung Postwachstum ausbauen und eine biovegane Landwirtschaft (1) als gemeinsame Utopie verfolgen. Die reell existierende Schnittmenge (denn wir alle sind gezwungen irgendwie zu konsumieren) und die bislang kaum wahrgenommenen Ruderalerscheinungen (andere, vielleicht auch weniger spektakuläre vegane Lebensmodelle) ringsherum fallen in der Selbstwahrnehmung der ‘veganen Bewegung’ generell unter den Tisch.

Wie geht man mit der veganen Entpolitisiertheit um?

a.) in Sachen Menschenrechten: die Veganer_innen in unseren Gefilden halten sich zumeist für interessiert an globalen Menschenrechten. Die Warte, die aber immer vorwiegend eingenommen wird, ist eine weiß-zentrische, patriarchal-freundliche, die die Folgen von Rassismus und (Post-)Kolonialisierung und das Ineinandergreifen unterschiedlicher Herrschaftsstrukturen und hegemonialer Unterdrückungsmechanismen als ‘Minderheitsprobleme’ (2) abtut. So kannst Du kaum erwarten, dass ein_e Veganer_in hierzulande sich dafür interessiert, was tatsächlich in einem anderen Land an Menschenrechtsverstößen los ist. Ein Mensch, der die vermeintlichen Vorteile unserer neoliberalen Demokratien genießt, braucht sich nur nach dem Soll zu richten, dass die Medien und ein allgemeines soziales Unwohlsein und schlechtes Gewissen in der Gesellschaft ihm vorgibt.

b.) auf welcher Ebene wird der Veganismus eigentlich beworben? Es gibt die Veganer_innen, die die gesundheitlichen Aspekte betonen, und diejenigen, die mit der ethischen Seite werben und primär argumentieren… soweit, dass Nichtmenschen ja auch fühlende Wesen sind; aber viel mehr wird auch nicht am anthropozentrischen Gerüst gekratzt … und das waren wohl auch schon beide Hauptströmungen im Veganismus. Beide sind in dem Punkt miteinander d’accord, dass sie auf die Ernsthaftigkeit der Tierunterdrückung nur mit einer Tierethik hinweisen, die Tiere immer noch als Objekte der Definitionshoheitsgebiete einer anthropozentrischen Naturwissenschaft, eines anthropozentrischen Rechts, solcher Religionen und Kulturen und Kulturverständnisse betrachten. Der eigentliche Unterdrückungsmoment ist also im weiß-zentrischen Veganismus immer noch nicht behoben.

Der Lösungsweg zur veganen Gesundheit und die Vorstellung von veganer Konsequenz liegt zumeist einerseits in der Propagierung eines konsumabhängigen Hebels (3) und Lifestyles, und andererseits haben wird den Anspruch auf vegane Kompetenz im kollektiven Aktivismus bei Demos, in sozialen Netzwerken, in Vereinen, bei Konferenzen, in der Obhut des Kulturindustriellen- und Bildungsindustriellen-Komplex… , wobei immer wieder Mehrheitsprinzipien begünstigt werden und dabei wenig pluralistisches Denken und Handeln zugelassen und/oder hervorgebracht wird. (4)

Der intersektionale Anspruch der ‘aufgeklärten’ Variante des weiß-zentrischen Veganismus klammert immer noch aus, den Tieren im politischen und soziologischen Zusammenhang als ‘animal bodies’ eine Autonomie zuzugestehen und die Menschen in einem weitaus größeren Geflecht zu betrachten als unter dem Gesichtspunkt weiß-zentrischer Narrative. Dies mag an den stagnanten Vorgehensweisen liegen die man wählt, oder daran, dass das Konzept des Veganismus selbst immer noch zu vage ist und in seinen politisch/ethischen/sozialen Forderungen nicht wirklich weit genug geht.

Ich denke immer noch man könne den Veganismus ausbauen, aber vielleicht muss man auch an neuen konkreteren Konzepten basteln. Und das Bewusstsein, dass Tiere mit in den ethischen und politischen Raum hineingehören, ist vielleicht einfach eines, das eh, ganz selbstverständlich im Zuge menschlicher Emanzipation fällig war.

(1) Die biovegane Landwirtschaft interessiert sich für die nichtmenschlichen Tiere, denen Raum zurückgegeben müsste, auch nur als ‘abwesenden Referenten”, indem ihnen in der Lebensgemeinschaft, für die man ‘Land’ in veganer Weise in Anspruch nimmt, keine tierliche Teilhabe zugestanden wird und man ihrer Problematik nur als indirekt adressierbar begegnet. Das Problem des Lebensraumes wird den Lebenshöfen überlassen, die als ‘Utopie’ und Lebensform weit weniger seitens des Veganismus durchformuliert werden. Siehe für eine Kritik an dieser Handlungsweise: Vegan Mergers: Sanctuaries, Veganic Land ‘use’ and Biotopes.

(2) Zur Unsichtbarkeit neoliberalen Post-Rassismus: Neoliberal Racism’s Post-Racial Playbook, wobei der ‘Unsichtbarkeit’ als soziales Problem der Unterdrückungsmechanismen überhaupt fortwährend und übergreifend begegnet werden muss.

(3)  “Bei vielem der Rhetorik, die sich um das koloniale Weißsein windet, geht es um Ängste bezüglich des Körpers und um Reinheit. Und dann schließlich, ein Konzept das nun eher neu dazukommt: Neoliberalismus: dass eine Veränderung effektiv nur durch die individuelle Macht der Konsumenten herbeigeführt werden kann, nicht aber durch strukturelle Veränderungen. Alles was du zu tun hast, ist ein veganes Produkt zu kaufen um damit einen gesunden Körper zu erlangen.” – A. Breeze Harper: Vegane Nahrungsmittelpolitik: eine schwarze feministische Perspektive.

(4) Das Denken, als Notwendigkeit und Chance im Aktivismus, fällt im Veganismus noch zu viel unter den Tisch, und so wird kein zugrunde liegendes Konzept, kein Rahmenwerk einer ‘veganen’ Ethik entwickelt. Die antirassistische Tierbefreiungs-Aktivistin Aph Ko äußert dazu folgende Kritik:

“Viele Leute bereifen nicht, dass das Denken tatsächlich einen Teil unseres Aktivismus ausmachen sollte. Das Denken wurde schon viel zu lange von der akademischen Welt vereinnahmt und so meinen wir, dass wir Theorie und Gedankenentwicklung eben ‚diesen’ elitistischen Menschen überlassen sollten … wenn genau aber dies doch einen Teil der öffentlichen Domäne ausmachen sollte.
[…]
Da zahlreiche unkritische Menschen Führungspositionen in den Bewegungen einnehmen, verlässt man sich auf sehr einfache, an der Oberfläche verharrende Taktiken um Menschen zu einem politischen Lebensstil hingehend zu „schocken“. Daher hat der Veganismus auch einen entsprechend schlechten Namen erhalten … er bleibt an der Oberfläche und ist sensationalistisch. Bildlichkeit kann funktionieren, insbesondere wenn sie an ein neues Rahmenwerk gebunden wird … aber die Schaffung neuer konzeptueller Rahmenwerke ist generell genau der Teil, der übersehen wird.”

Siehe: Eine antirassitische Aktivistin, die für die Tierbefreiung kämpft. Ein Interview von Mark Hawthorne mit Aph Ko.

Krokodil @veganerbund

Sich mit der ethischen Seite des Veganismus befassen

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Der Veganismus ist keine perfekte Allround-Lösung für alle Probleme, die die Fragen betreffend der menschlichen Ausbeutung von Tieren und die menschliche systemische Gewalt gegen sie anbetreffen. Aber der Veganismus, als praktische Ethik, ist ein unerlässlicher Schritt und es gilt seine Ansätze weiter zu optimieren auf dem Weg eine gerechte Gesellschaft zu schaffen, die ein Bewusstsein für die Bedürfnisse und die Würde ihrer Mitlebewesen entwickeln will.

Ein Problem, das der Veganismus bislang noch nicht gelöst hat, ist die Frage, inwieweit er sich mit den Ursachen von Gewalt gegen die Tierwelt auseinandersetzen sollte. Das wäre fast eine Aufgabe einer ‘veganen Soziologie’.

Man bezeichnet die Problematik der menschlichen Abwertung gegenüber Tieren in ihrer systemischen Form als “Speziesismus”. In Hintergrund der meisten Veganer_innen schwirrt selbstverständlich der Gedanke, dass man hauptsächlich etwas Gutes für Tiere bewirken will – der Veganismus selbst hat sich eindeutig auf diesem Anspruch begründet. Aber vordergründig gerät genau dieser Punkt oft ins Abseits, und statt einer Diskussion über den Speziesismus sehen wir in den meisten veganen Blogs hauptsächlich alles andere was rund um den veganen Lifestyle noch so von Interesse sein kann. Und kaum einer protestiert. Warum wohl?

Wir alle müssen den Anfang selber machen liebe Veganer_innen

Wir denken es ist Zeit sich mit der veganen Ethik als Diskussionsgegenstand zu befassen. Wir befürchten, dass der Mangel an einer breiteren Diskussion über den ethischen Veganismus, in der veganen Szene selbst, letztendlich dazu führt, dass die Tierfrage im Veganismus immer uninformierter behandelt wird. Es geht um Tiere beim Veganismus, und wir setzen die Tierbefreiung und die Befreiung der Menschen und unser Umweltbewusstsein *weitestgehend* auf eine Stufe, jedoch in der ethischen Diskussion weist der Veganismus noch über zu große Lücken auf.

Was genau ist eigentlich Speziesismus – außer einem Statement das besagt, dass wir Sexismus, Rassismus und Speziesismus allesamt gleichermaßen verwerflich finden? Es ist der Ausschluss der nichtmenschlichen Tiere aus unserem allein für uns selbst beanspruchten ethischen Selbstverständnis, das heißt wir beanspruchen Freiheiten und eine *absolute* Würde für uns, die wir der Tierwelt auf allen möglichen Ebenen absprechen. So haben wir es beim Speziesismus mit einer ganzen Latte von Argumentationssträngen zu tun, die uns allesamt beweisen sollen, dass Tiere im Vergleich zum Menschen weniger “Wert” sind. Diese Argumente können biologisch begründend sein, sich auf Kultur und Traditionen berufen, religiös sein, philosophisch, soziologisch,  usw. usf. Die Dichotomie, die Menschen zwischen sich zur Tierwelt und Natur kreiert haben, scheint geschichtlich gesehen kulturell übergreifend gewesen zu sein und sie ist es bis heute, und diese ethische Separierung umfasst – mehr oder weniger sichtbar – so gut wie alle Lebensbereiche.

Wir alle erleben Speziesismus in unserem täglichen Leben, aber wir sprechen kaum darüber. Warum fehlt uns der Mut dazu und warum versuchen wir nicht diese Barriere zu brechen und ein Vokabular zu entwickeln, mit dem die gesellschaftlichen Funktionsweisen des Speziesismus für uns diskutierbar werden? Nur so können wir das Thema effektiv zunehmend in das Bewusstsein der Gesellschaft rücken.

Mankos in der veganen Bewegung, die sich aus einem Mangel an kritischer Diskussion über den Speziesismus ergeben, fallen uns zur Zeit auf in solchen Punkten wie:

  • Das Rätselraten einiger Veganer_innen darüber, ob der Veganismus überhaupt antispeziesistisch zu sein hat
  • Der biovegane Landbau einerseits als Planung und Zukunftsvision der veganen Selbstversorgung und Nahrungsmittelpolitik, aber andererseits die fehlenden Überlegungen über die Schaffung von neuen Lebensräumen für gerettete ‘Farmtiere – hier fehlt einfach die gesammelte Vision statt es bei einigen ‘isolierten’ Lebenshöfen zu belassen
  • Die Fokussierung auf das den Menschen betreffende Politische in der intersektionalen Diskussion im Veganismus, der fehlende Vorstoß der Politisierung der Speziesismus-Problematik in dem Zusammenhang
  • Mängel an Pluralität in der veganen Bewegung, geistig- kultureller Konsumerismus und Konformismus als Gruppenidentität im Veganismus
  • die fortwährende Fokussierung auf eine Abschaffung der Massentierhaltung statt der Forderung auch die einzelne Tötung von Tieren in der ökologischen oder in der ‘traditionellen’ Landwirtschaft durch öffentliche Thematisierung als ethisches Problem ins Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken.
  • Die Unterscheidung von Tierausbeutung bei unterschiedlichen Tierspezies, insbesondere abhängig von Geographie oder Status der Tierspezies in unserer Gesellschaft

Gruppe Messel @veganwerden, tierautonomes Netzwerken.

Eine antirassitische Aktivistin, die für die Tierbefreiung kämpft. Ein Interview von Mark Hawthorne mit Aph Ko.

Ein Interview von Mark Hawthorne mit Aph Ko

Aph Ko: Eine antirassitische Aktivistin, die für die Tierbefreiung kämpft

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Quelle dieses Interviews mit Aph Ko ist Mark Hawthornes Blog ‚Striking at the Roots: Animal activism around the world’: Aph Ko: Anti-Racist Activist Fighting for Animal Liberation, https://strikingattheroots.wordpress.com/2016/05/31/aph-ko-anti-racist-activist-fighting-for-animal-liberation/. Übersetzung: Gita Yegane Arani-Prenzel, mit der freundlichen Genehmigung von Aph Ko und Mark Hawthorne.

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Wer sich im letzten Jahr aktiv in der veganen Bewegung engagiert hat, der hat bestimmt bereits schon etwas von Aph Ko gehört. Aph ist im Bereich sozialer Gerechtigkeit aktiv und setzt dazu in effektiver Weise die sozialen Medien ein. Sie hat 2015 das Projekt ‚Black Vegans Rock’ gegründet, nachdem sie als vegane Aktivistin einen Bericht mit einer erstmaligen Auflistung 100 schwarzer Veganer_innen verfasste, und, sie ist die Gründerin von Aphro-ism – einer Webseite, die sich der schwarzen veganen feministischen Analyse widmet, und die sie gemeinsam mit ihrer Schwester Syl Ko betreibt. Beide fordern dort das, was sie als eine „epistemologische Revolution“ bezeichnen, indem sie über die Unterdrückung von Tieren und rassifizierte Unterdrückung schreiben. „Wir glauben, dass wir mitunter mehr für die Tiere und uns selbst tun können, indem wir die Art und Weise ändern, wie wir tatsächlich begreifen, warum Unterdrückung überhaupt geschieht,“ erklärt Aph in dieser beeindruckenden Rede, die sie anlässlich der Intersectional Justice Conference im Staate Washington gehalten hat, und bei der ich die Ehre hatte Aph und einige andere beachtenswerte Aktivist_innen im März dieses Jahres kennen zu lernen.

Aph ist auch eine Produzentin unabhängiger Medien und die Schöpferin der Comedy-Webserie ‚Black Feminist Blogger’. Man braucht wohl kaum erwähnen, dass Aph außerordentlich beschäftigt ist, ich bin ihr daher also besonders dankbar, dass sie sich die Zeit genommen hat, mir auf einige Fragen über ihren Aktivismus per Email zu antworten. Ich denke Ihr werdet von ihren Denkanstoß gebenden Antworten sehr begeistert sein.

Aph, du bist im Punkte digitaler Medien unheimlich bewandert – bloggen, Videos, die sozialen Medien, Online-Artikel. Bist Du der Meinung, dass es eine Form gibt, die sich für den Aktivismus für soziale Gerechtigkeit in ihrer Effizienz ganz besonders eignet?

Ich denke all diese Formen dienen einem einmaligen und spezifischen Zweck. Videos sind hilfreich dabei, bestimmte Narrative voranzutreiben, in einer Weise wie es das Bloggen nicht kann; Bloggen hingegen ist eher persönlich. Es hilft mir dabei, meine eigene Stimme auszutesten, während ich anderen dabei zugleich gute Ressourcen empfehlen kann. Ich denke deine Stärken geben dir vor, welches Medium du am besten verwenden solltest. Wenn du mehr Fähigkeiten darin besitzt, deine Gedanken expressiv zu artikulieren und Zusammenhänge eher über das Sprechen herleitest, dann ist es wahrscheinlich besser wenn du ein Video machst. Wenn du deine Gedanken aber besser über das Schreiben organisieren kannst, dann ist es von Vorteil, wenn du ein Blogposting verfasst.

Ich glaube viele Veganer_innen sind sich in dem Punkt einig, dass die digitalen Medien dabei geholfen haben, die vegane Botschaft voranzubringen. Denkst Du, dass die digitalen Medien auch dabei hilfreich waren, Fortschritte bei den Themen zu erwirken, die die marginalisierten Gruppen anbetreffen?

Ich würde sagen ja und nein. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich realisiert habe, wie ich die digitalen Medien dazu gebrauchen wollte, um meine Stimme zu verstärken, während ich mir aber gleichzeitig mein Gefühl für die Gemeinschaft bewahrt habe. Ich denke, dass die digitalen Medien und das Internet insgesamt bloß eine Erweiterung der realen Welt, in der wir leben, darstellten, und so beherrschen Rassismus und Sexismus selbst auch diese digitalen Räume. Aus diesem Grund erhalten auch bestimmte Stimmen mehr Aufmerksamkeit als andere. Bestimmte Versionen der Realität werden verbreitet, während andere zur Seite gedrängt werden.

Und das ist auch warum das eurozentrische Denken und das Weißsein [1] beinahe alle Bewegungen sozialer Gerechtigkeit befallen – selbst online. Weiße Menschen schreiben zum größten Teil die Literatur, die verbreitet wird. Ihre Sichtweise über Unterdrückung und Befreiung wird als einzige oder als die maßgebliche Perspektive betrachtet. Und, da sie die über die meisten Ressourcen verfügen, sind sie auch imstande dazu, zu den bestimmenden Autor_innen in den Forderungen nach sozialem Wandel und im Aktivismus zu werden, was allerdings verheerende Konsequenzen mit sich gebracht hat.

In der Vergangenheit habe ich Stunden damit verbracht, die Art zu bekämpfen wie Weiße ihre Arbeiten erledigen, bis ich eines Tages gemerkt habe, dass mich das Ganze einfach nur noch langweilte. Die weiße Realität fortwährend zu bekämpfen, lässt einen zu dem Eindruck gelangen, als sei deren Realität tatsächlich die einzige die existiert. Ich musste meine eigenen Erfahrungen validieren indem mit People of Color [2] sprach, indem ich für und an People of Color schrieb und indem ich Texte von People of Color las. Und hierbei halfen mir die digitalen Medien. Ich habe meine Herangehensweise an die Themen Unterdrückung und Befreiung dabei absolut revolutionieren können und bin dafür vielen schwarzen radikalen Autor_innen dankbar, die unermüdlich online arbeiten um qualitativ hochwertige und wegweisende Analysen zu bieten.

Für minorisierte Menschen ist es schwer online miteinander zu kommunizieren, ohne einem weißen, sich einmischenden Kontrollblick ausgesetzt zu sein und ohne Appropriationen. Sobald einige Minderheiten bemerken, dass Weiße ihnen zuschauen, ändern sie ihr Verhalten oder fangen an ihre Artikel auf ein weißes Publikum zuzuschneiden.

Ich kann dir nicht sagen wie viele Vegans of Color Essays und Artikel FÜR Weiße schreiben, während sie dabei die farbige Leserschaft total außer Acht lassen.

Und daher denke ich, dass abhängig davon wo man sich gerade in seinem Aktivismus befindet, die digitalen Medien entweder ein Werkzeug zur Befreiung sein können, dass einem dabei hilft sich mit Leuten zu verbinden, die ebenso dabei engagiert sind sich für einen positiven Wechsel in der Welt einzusetzen, oder sie können dir dabei helfen, die weiße Version der Realität (ungeachtet deiner Hautfarbe) zu reproduzieren.

Es ist (wirklich) schwer einen echten Wechsel online zu erleben, wenn das digitale Terrain auf dem wir stehen, sich im Besitz Weißer befindet.

Welchen Rat hast du für Leute, die damit beginnen wollen, die digitalen Medien für ihren Aktivismus zu gebrauchen?

Meine Antwort hängt zum größten Teil davon ab, wer mir solch eine Frage stellt. Der Kontext spielt hier definitiv eine Rolle. Wenn du eine weiße Person bist, die eine Webseite oder ein digitales Projekt über Tierrechte oder Feminismus oder Antirassismus starten will, dann halte inne und überlege mal, warum du meinst du müsstest dies tun wenn es bereits so viele Räume gibt, die von Weißen geschaffen worden sind. Bietest du wirklich eine Perspektive die es nicht schon da draußen gibt, oder willst du einfach ein wenig digitales Land für dich einnehmen?

Wenn du eine Person of Color bist, würde ich dir zuerst einmal zur Vorsicht raten, bevor du damit beginnst, deine Ideen kostenfrei dort in die Welt zu tragen. Es gibt vermehrt Belege dafür, dass Ideen und Gedanken, die von People of Color online gestellt werden, immer öfter gestohlen werden. Das heißt, dass eine Urheberschaft von People of Color nicht gekennzeichnet wird, oder auch, dass sie für ihre Ideen nicht kompensiert werden, was wiederum bedeutet, dass farbige Aktivist_innen wirklich vorsichtig sein sollten, wenn sie die digitalen Medien verwenden um andern ihre Gedanken mitzuteilen.

Ich würde sagen, dass man nicht all sein Vertrauen in das Internet oder die sozialen Medien stecken sollte. Zum Beispiel ist es kein Zufall, dass weiße Männer einige der erfolgreichsten Plattformen sozialer Medien, die wir heute verwenden, geschaffen haben. Dies sollte Activists of Color, die diese Räume gebrauchen um antirassistische Befreiungsprojekte [3] zu schaffen, etwas signalisieren. Das Rohmaterial, das wir in unserem Aktivismus gebrauchen, spielt eine Rolle.

Ich musste das in einer unliebsamen Weise herausfinden. Meine Ideen wurden gestohlen, neu verpackt, und ich habe zusehen müssen wie andere dafür Gelder einstrichen – für genau die Dinge, die ich zuvor geschrieben hatte (selbst Activists of Color haben meine Arbeiten verwendet). Ich bin dadurch viel vorsichtiger damit geworden, meine Texte online zu veröffentlichen. Wenn man etwas Neues oder Interessantes zu sagen hat, dann haben Leute häufig die Neigung, sich in deine Richtung zu bewegen und dann tatsächlich Dinge zu übernehmen, die du geschrieben hast. Um ehrlich zu sein, betrachte ich das Bloggen insgesamt durch diese Erfahrung in einem ganz andern Licht.

Ich denke People of Color müssen lernen die geschäftliche Seite des Aktivismus zu begreifen, bevor sie sich der digitalen Welt anschließen und beginnen, ihr zu vertrauen … denn nicht zuletzt ist der Aktivismus selbst zum größten Teil ein Geschäft. Im überwiegenden Maße besitzen Weiße die größten Non-Profits und die korporativen Aktivist_innen-Seiten und -Räume. Den People of Color ist dies nicht ganz so bewusst, da wir eher dazu tendieren an den Aktivismus aus Gründen des Überlebens zu kommen und nicht so sehr wegen des Geschäfts (dies trifft allerdings nicht auf alle Fälle zu).

Wenn marginalisierte Menschen also die digitalen Medien für ihr Überleben einsetzen, und man die Leute der dominanten Klasse hat, die digitale Medien für Geschäftszwecke nutzen, dann kannst du dir wohl ausmalen als wie predatorisch und brutal sich das digitale Territorium für einige von uns entpuppen kann.

Ich entwickle ein zunehmendes Misstrauen der Onlinewelt gegenüber als ein Vehikel für den sozialen Wechsel. Und deshalb erkunde ich zusätzliche Möglichkeiten was zum Beispiel die Printmedien anbetrifft. Minorisierte Aktivist_innen sollten meiner Meinung nach viel mehr Kraft in das Verfassen von Buchpublikationen oder in die Schöpfung eine Zines stecken … als etwas haptisches, das man besitzen kann, statt das weiße digitale Land einzusetzen um ihre intellektuellen Gedanken zu kultivieren.

Existieren neben BlackVegansRock.com und Aphro-ism.com weitere schwarz-zentrische Online-Räume die du Aktivist_innen empfehlen würdest – insbesondere welche, die dich beeinflusst haben?

Defnitiv. Mich haben Seiten wie das Sistah Vegan Project und Striving with Systems sehr beeinflusst. Ich schaue mir auch gerne digitale Räume an, die nicht unbedingt über Tierrechte sprechen, jedoch aber über andere ebenfalls systemische Probleme. Ich liebe For Harriet, Black Girl Dangerous, Crunk Feminist Collective, alles von Dr. Brittney Cooper und Autostraddle (bei denen man einige großartige queere schwarze Autor_innen findet).

Du hast an anderer Stelle gesagt, dass die Tierrrechts-/vegane Bewegung sich zu sehr auf Bilder verlässt und zu wenig auf das kritische Denken. Kannst du uns das ein wenig erklären?

Ich bin bekannt für meine Aussage: Menschen sind nicht durch einen Schock zum Fleischessen gekommen und sie werden sich auch nicht durch einen Schock wieder davon wegbringen lassen.

Ich will das ein wenig erklären: das größte Problem, das die weiße Tierrechtsbewegung hat, ist, dass sie es nicht wirklich schaffen zu orten WARUM Tierunterdrückung stattfindet. Sie sehen die Unterdrückungsfolgen – die sehen die Opfer – aber die meisten dieser Aktivist_innen haben konzeptuell keine Ahnung weshalb Tiere systematisch verletzt werden. Manchmal tut es einem weh Aktivist_innen der dominanten Klasse dabei zu beobachten, wie sie versuchen Kampagnen zu entwerfen, die die Unterdrückung von Tieren beenden sollen (ohne zu begreifen, dass sie sie in Wirklichkeit fortsetzen) und andere Male ist es beinahe lachhaft.

Weiße Leute scheinen nicht zu versehen, dass das weiße Überlegenheitsdenken Tieren systematisch schadet [4]. Weiße möchten nicht aus ihrer Führungsrolle hinaustreten, sie wollen aber die Tierunterdrückung beenden, was soviel heißt wie, sie wollen Verhaltensweisen, die Tiere diskursiv verletzen, nicht verändern.

Da zahlreiche unkritische Menschen Führungspositionen in den Bewegungen einnehmen, verlässt man sich auf sehr einfache, an der Oberfläche verharrende Taktiken um Menschen zu einem politischen Lebensstil hingehend zu „schocken“. Daher hat der Veganismus auch einen entsprechend schlechten Namen erhalten … er bleibt an der Oberfläche und ist sensationalistisch. Bildlichkeit kann funktionieren, insbesondere wenn sie an ein neues Rahmenwerk gebunden wird … aber die Schaffung neuer konzeptueller Rahmenwerke ist generell genau der Teil, der übersehen wird.

Taktiken die primär Bilder nutzen, erinnern mich an so manche Feminist_innen, die sich auf eine sexualisierte Bildmetaphorik, in der Frauen dargestellt werden, stützen, um Menschen dahingehend zu schockieren, damit sie beginnen sich gegen Sexismus einzusetzen … es ist so … wenn du Menschen kein neues Rahmenwerk bietest, mit dem sie problematische Verhaltensweisen begreifen lernen können, dann ist alles was sie da sehen, einfach noch mehr Bebilderung von jeweiligen Objekten die hier objektifiziert werden.

Ich will damit nicht sagen, dass Leute ihr Verhalten nicht ändern könnten, wenn sie solche Bilder gesehen hätten; was ich sagen möchte ist, dass ich nicht gezwungenermaßen davon ausgehe, dass dadurch ein langfristiger Wechsel stattfinden wird. In unseren Bewegungen konzentrieren wir uns zu sehr auf die Opfer, ohne dabei zu verstehen, weshalb diese Körper eingangs überhaupt zu Opfern geworden sind. Sie sind schließlich nicht über Nacht zu Opfern geworden und wir müssen ebenso konzeptuell arbeiten um dieses Problem zu lösen. Viele Leute begreifen nicht, dass das Denken tatsächlich einen Teil unseres Aktivismus ausmachen sollte. Das Denken wurde schon viel zu lange von der akademischen Welt vereinnahmt und so meinen wir, dass wir Theorie und Gedankenentwicklung eben ‚diesen’ elitistischen Menschen überlassen sollten … wenn genau aber dies doch einen Teil der öffentlichen Domäne ausmachen sollte.

Zu einem großen Anteil ist die Tierunterdrückung nicht allein eine Problematik, die ausschließlich die Tiere anbetrifft. Das Problem liegt vielmehr im weißen menschlichen Überlegenheitsdenken, und so müssen wir den entsprechenden Punkt auch mitsamt seiner Wurzeln ans Tageslicht befördern, bevor wir kontextlos auf die Opfer hyperfokussieren. Doch genau das ist was geschieht: wir sollen die Bildquellen von Tierunterdrückung, ohne irgendeinen Kontext hinsichtlich dessen, wer der echte Unterdrücker ist, anschauen, was aber letztendlich zu so viel Verwirrung im Punkte der Strategien zur Beendigung der Tierunterdrückung führt.

In der Tierrrechts-/veganen Bewegung existieren zahlreiche innere Zwistigkeiten, und es scheint, dass es in den letzten Jahren eher noch schlimmer geworden ist. Hast Du irgendeinen Rat für einen Neuling in der Bewegung, der durch diese Zwiste vielleicht verwirrt ist?

Ich habe eigentlich nicht den Eindruck, dass die internen Streitereien schlimmer werden … ich denke das weiße Überlegenheitsdenken in der Bewegung wird einfach leichter erkennbar. Ich glaube, dass die Menschen in der dominanten Klasse, die sich niemals über marginalisierte Menschen und deren Perspektiven den Kopf zerbrechen mussten (einfach weil das Spiel immer abgekartet war), inzwischen begreifen, dass minorisierte Menschen ihre eigenen Bewegungen betreiben, und dass das bei ihnen ein gewisses Unwohlsein verbreitet.

Viele weiße Menschen beanspruchen einen nicht zu hinterfragenden Besitzstatus über Tierrechte (und Tiere generell). In dem Moment aber, in dem schwarze Menschen Tierkörper (‚animal bodies’) mit in ihre antirassitsichen Bewegungen mit einbeschließen, lassen Weiße ihre soziale Kraft in Erscheinung treten, indem sie unsere Räume kommentieren und unsere Intentionen hinterfragen.

Viele Aktivist_innen in der dominanten Klasse setzen ihre Privilegien dazu ein, andere Aktivist_innen, die abweichende Meinungen haben, zu ignorieren, was furchtbar ist, da eine echte Veränderung nur stattfinden kann, wenn wir plurale Bewegungen und Stimmen zulassen. Wir müssen alle Ideen auf den Tisch bringen, denn die Tierunterdrückung ist ein derart ernsthaftes Problem.

Der Akt dessen, andere, die abweichende Meinungen haben oder andere Strategien verfolgen, zum Schweigen zu bringen, hat einfach nichts mir der Befreiung von Tieren zu tun, sondern dient stattdessen dem Erhalt der gleichen Systeme, die Tiere unterdrückt halten.

Jedem/r, der/die neu ist in der Tierrechtsbewegung, würde ich empfehlen sie gleich wieder zu verlassen (haha). Man braucht diese verkörperschaftlichte, weißgewaschene Bewegung nicht um Tieren zu helfen. Die Vorstellung man müsse sich durch die großen Bewegungen und Organisationen hindurch bewegen um Veränderungen zu bewirken, ist ein kapitalistischer Nonsens. Wenn Du eine Person of Color bist, würde ich dir empfehlen in deiner antirassitsichen Bewegung zu bleiben und nach Wegen zu schauen, wie du die Tierkörper (‚animal bodies’) in deine Analyse mit einbeziehen kannst … versuche nicht dich der weißen Mainstream-Tierrechtsbewegung anzuschließen, denn du wirst dadurch letztendlich nur frustriert und verwirrt.

Teil des inhärenten Problems der Tierrechtsbewegung ist tatsächlich, dass das Weißsein das Rahmenwerk dieser Bewegung bildet. Was wir brauchen, sind Leute, die den Aktivismus für Tiere mit in die anderen Ziele sozialer Gerechtigkeit einbeziehen, statt sich in die nebulöse Blase der Tierrechtsbewegung mit einzubringen. Deshalb bezeichne ich mich auch selbst nicht als Tierrechtsaktivistin. Ich bin eine antirassistische Aktivistin, die für die Tierbefreiung kämpft. Ich wüsste nicht wie ich sonst für Tiere kämpfen sollte, außer aus meiner Sichtweise als schwarzer Frau … ich weiß nicht wie weiße Menschen sich für eine andere Gruppe einsetzen können, ohne ihre eigene Position mitzuberücksichtigen … und das ist weshalb ihre Bewegungen problembehaftet sind.

Was tust Du um ein Burnout zu vermeiden?

Ein Erschöpfungszustand trifft dich in dem Moment, indem du eine bewusst-denkende politische Woman of Color bist, gleich ob du Aktivistin bist oder nicht. Ich bin hauptsächlich deshalb Aktivistin geworden, weil ich die Unterdrückung leid war, und es satt hatte, dass die dominante Klasse mir mein Narrativ und meine Geschichte vorschreiben will. Das war ein Burnout. Ich bin also nicht freiwillig zur Aktivistin geworden, sondern es war ein Akt des Überlebens; ich wurde zur Aktivistin weil ich unter einem Burnout durch den Rassismus und Sexismus in meinem täglichen Leben gelitten habe.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob überhaupt eine funktionierende Methode existiert um ein Burnout zu verhindern, solange das weiße, die Überlegenheit in Anspruch nehmende Patriarchat weiter existiert. Um ehrlich zu sein hilft mir oft, aus dem Internet rauszugehen.  Ein Raum außerhalb der digitalen Welt hilft, was die Prioritäten anbelangt, denn man wird dort leicht eingesogen von Dingen die im Prinzip total irrelevant sind. Ich stelle also immer sicher, dass ich viel Zeit offline verbringe.

Noch etwas, das ich gelernt habe um ein Burnout zu verhindern, ist es, nicht davon beeindruckt zu sein, dass weiße Leute meine Arbeit mögen. Wenn Du in einem System einer weißen Überlegenheitsgläubigkeit lebst, dann kann eine Menge an Aufmerksamkeit (seitens dieses Systems) als ein_e Minderheitsangegörige_r sich anfühlen, als seist du nun ganz oben auf … als hättest du das Richtige getan. Ich würde aber jedem Menschen, der einer Minderheit angehört, empfehlen sehr vorsichtig mit solch einem Gefühl umzugehen, weil es dich in eine Situation der Ausbeutung hinein katapultieren kann und du beginnst Dinge umsonst für weiße Leute zu tun. Ich musste wirklich lernen „nein“ zu sagen wenn mir weiße Leute Möglichkeiten in Aussichten stellten, mir aber keinerlei finanzielle Kompensation für meine Arbeit boten. Der leere Ruhm und die Möglichkeit in Erscheinung zu treten, sind immer wieder instrumentalisiert worden um farbige Menschen glauben zu machen, dass die Arbeit die du umsonst tust, eines Tages zu einem Gewinn führt, und normalerweise tut es das nicht.

Als Woman of Color habe ich auch gelernt nicht mehr auf Menschen in der dominanten Klasse zu hören und mich mit ihnen auseinanderzusetzen, wenn sie meine Arbeit und mich kritisieren. Ich habe gelernt den Kanal zu switchen und meine Arbeit einfach weiterzumachen. Wie Toni Morrison gesagt hat, macht Ablenkung einen großen Teil im Rassismus aus, und so lerne ich, Ablenkung zu meiden. Statt auf jede Person, die einen verleumderischen, unwahren Artikel über meine Arbeit oder mich schreibt, zu reagieren, mache ich einfach mit meiner Sache weiter. Ich muss mich ja nicht auf jeden überflüssigen Quatsch einlassen.

Und schließlich ist es wichtig wenn man seine gegenwärtige Arbeit erledigt, über Arbeit, die in der Zukunft getan werden muss, nachzudenken. Es geschieht so leicht, dass man vergisst warum man jeden Tag so hart arbeitet. Und das ist auch warum ich den Afrofuturismus so sehr liebe. Er hat mir dabei geholfen zu verstehen, dass es einen Tag geben wird, an dem ich durchatmen und entspannen kann. Aber der Preis, der dafür gezahlt werden muss, ist der Kampf heute, den ich auch weiter führen werde.

Ich danke Aph sehr für dieses Interview. Schaut euch ihre Seite/Arbeit an bei Black Vegans Rock und Aphro-ism und besucht auch ihre Facebook-Seite.

Anmerkungen zur Übersetzung:

[1] Zur Bedeutung des kanonischen Begriffs des Weißseins: „Weißsein ist die soziale Lokalisierung von Macht, Privileg und Prestige. Es ist ein unsichtbares Päckchen unverdienter Vorteile. Als eine epistemologische Überzeugung ist es manchmal eine Handhabe der Verneinung. Weißsein ist eine Identität, eine Kultur und eine oft kolonialisierende Lebensweise, die Weißen zumeist nicht bewusst ist, aber selten nicht den ‚People of Color’ [Nicht-Weißen]. Das Weißsein trägt auch die Autorität innerhalb des größeren Kulturraums den es beherrscht, indem es die Bedingungen festlegt wie jeder Aspekt von Rasse diskutiert und verstanden wird. Das Weißsein verfügt so über einen Facettenreichtum und ist durchsetzend. Das systemische Weißsein liegt im Mittelpunkt des Problems von ‚Rasse’ innerhalb dieser Gesellschaft.“ Zitiert aus: Barbara J. Flagg, Foreword: Whiteness as Metaprivilege, Washington University Journal of Law and Policy 1-11 (2005).

[2] People of Color, siehe Definition bei Wikipedia.de: https://de.wikipedia.org/wiki/Person_of_color

[3] Habe ‚racial liberation projects’ übersetzt mit ‚antirassistische Befreiungsprojekte’; diese abweichende Übersetzungsweise ergibt sich aus der anderen Verwendung des Begriffs „Rasse“ als politisiertem Begriff in der Diskussion über soziale Gerechtigkeit in den USA.

[4] Siehe auch folgende Präsentation von Anastasia Yarbrough bei der Sistah Vegan Conference 2013: Weißes Überlegenheitsdenken und das Patriarchat schaden Tieren, https://simorgh.de/about/yarbrough_weisssein_patriarchat_tiere/

Alle Links: 21.06.2016

Breeze Harper: Ein Toolkit für Anfänger zum Verständnis über den „Rasse“-Begriff im ethischen Konsum

Dr. A. Breeze Harper, The Sistah Vegan Project: A Critical Race Feminists’s Journey Through the ‘Post-Racial’ Ethical Foodscape … and Beyond.

Das Sistah Vegan Projekt: die Reise einer sich mit den kritischen Rassestudien befassenden Feministin durch die ‚post-rassische’ Landschaft ethischer Nahrungsmittel … und darüber hinaus.

Realitstisch werden was den „Rasse“[1]-Begriff anbetrifft: Ein Toolkit für Anfänger zum Verständnis über den „Rasse“-Begriff im ethischen Konsum (beim Veganismus, in den Tierrechten, usw.)

Dieser Text als PDF

Originaltext: Getting Real about Race: A Starter Toolkit for Understanding Race in Ethical Consumption (Veganism, Animal Rights, and More). Übersetzung: Gita Yegane Arani-Prenzel, mit der freundlichen Genehmigung von Dr. A. Breeze Harper.

Quelle: http://www.sistahvegan.com/2015/11/11/getting-real-about-race-a-toolkit-for-ethical-consumption-veganism-animal-rights-and-more/

If-Race-is-Just-a-Skin-Color...

Wenn es bei „Rasse“ nur um ‚Hautfarbe’ geht, wieso wurde mir dann immer wieder gesagt, ich würde ‚weiß’ klingen? Wie kann man denn jemandes Hautfarbe ‚hören’?
– Dr. A. Breeze Harper, The Sistah Vegan Project.

Ich habe die letzten zehn Jahre darüber publiziert und Vorträge darüber gehalten, wie das Weißsein [2] in den USA den ethischen Konsum und weitere darüber hinaus im Zusammenhang stehende Dinge anbetrifft. Das Hauptthema der Verwirrung, dem ich im Bezug auf die Problematik von „Rasse“ und Weißsein begegnet bin, stammt meistens von weiß-identifizierten Menschen, die tatsächlich nicht verstehen, wie „Rasse“ und Rassifizierung sich geschichtlich, sozial, physisch, geographisch und rechtlich konstituieren. Die meisten weiß-identifizierten Menschen, die ihre prägenden Jahre in den USA oder anderen weiß-dominierten Gesellschaften verbracht haben, scheinen davon auszugehen, dass „Rasse“ einfach eine Frage der „Hautfarbe“ sei, bei der bestimmte Phänotypen wie ‚blondes Haar’ oder ‚schmale Lippen’ die Kennzeichnungen für die jeweilige „Rasse“ ausmachen; darüber hinaus denken die meisten, Rassismus sei kein bedeutendes Hindernis zur Gleichheit und Inklusion, trotz der erschütternden Daten, die noch nach dem Jahr 2000 das Gegenteil beweisen. Für diese Demographie heißt „Rasse“ schlichtweg ‚Hautfarbe’ und ist ein ‚Ding der Vergangenheit’…

… aber nichts könnte den Tatsachen weniger entsprechen.

Einige wesentliche Fragen, die ich in Reaktion auf [weiße] Konstruktionen darüber, dass „Rasse“ eine Frage der ‚Hautfarbe’ sei, gestellt habe, sind folgende gewesen:

Wenn es bei „Rasse“ nur um ‚Hautfarbe’ geht, warum wurde mir dann immer wieder gesagt, ich würde ‚weiß’ klingen? Wie kann man denn jemeades Hautfarbe ‚hören’?

Wenn es bei „Rasse“ nur um Hautfarbe geht, warum hat man die Iren in den Vereinigten Staaten trotz gleicher Hautfarbe bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht gleichermaßen als Weiße wie die weißen angelsächsischen Protestanten betrachtet? Wodurch waren sie und andere hellhäutige europäischen Immigranten in der Lage auf das „Weißsein“ hinzuarbeiten?

Wenn es bei „Rasse“ nur um Hautfarbe geht, warum wurde mein neugeborenes Baby im Jahr 2009, das mit einer sehr hellen Hautfarbe, hellblauen Augen und glattem braunen Haar geboren wurde, von manchen als ‚schwarz’ und von anderen als ‚weiß’ eingeordnet?

In dem letzten Teaching-Tolerance-Rundbrief des Southern Poverty Law Centers (SPLC) wurde H. Richard Milner IV zitiert. Ich habe einen Screenshot [3] davon gemacht, wie der SPLC Menschen darüber aufklärt, wie das Konzept von „Rasse“ jenseits des Hautfarben-Mythos funktioniert (siehe folgende Liste):

  1. Physisch konstruiert. Bezugnehmend auf die Pigmentierung der Haut, konstruieren Menschen in der Gesellschaft Vorstellungen, Charakteristiken, Bilder und Glaubenssysteme über sich selbst und andere. Diese physischen Konstruktionen sind manchmal falsch, bleiben aber dennoch in den Köpfen bestehen. Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass sich physische Konstruktionen über „Rasse“ von Gesellschaft zu Gesellschaft unterscheiden. So sind zum Beispiel die Konstruktionen von „Rasse“ in Afrika und Asien andere als die auf dem Phänotyp basierenden Konstruktionen von „Rasse“ in Nordamerika.
  2. Sozial konstruiert. Basierend auf einer Reihe von gesellschaftlichen Botschaften und Informationen, kategorisieren Menschen sich selbst und andere. Diese gesellschaftlichen Konstruktionen verbinden sich mit Präferenzen, sind weltanschaulich und haben mit der Art und Weise zu tun, wie Gruppen von Menschen vermeintlich funktionieren. Sie gründen auf unterschiedlichen Perspektiven, die sich aus den Interpretationen der Menschen von Geschichte und Recht speisen, und sie prägen unser Denken im Bezug auf Einzelne und auf Gruppen von Menschen.
  3. Rechtlich konstruiert. Die Gesetzgebung in den USA hat ihren Beitrag zum Rassebegriff geleistet. Rechtspolitik und Grundsatzfälle, wie das Naturalisationsgesetz (1790), Plessy gegen Ferguson (1896), Takao Ozawa gegen die Vereinigten Staaten (1922), Brown gegen das US-Bildungsministerium (1954) und Milliken gegen Bradley (1974) haben allesamt Konstruktionen und Definitionen von „Rasse“ innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft mitbestimmt.
  4. Historisch konstruiert. Die geschichtlichen Realitäten dessen, wie Menschen in einer Gesellschaft, die durch Rassismus und Unterdrückung geprägt war, behandelt wurden und wie es ihnen in dieser Gesellschaft erging, formten auch die Art und Weise, wie Menschen „Rasse“ verstehen, kommunizieren und konzeptualisieren. So beeinflussen beispielsweise die Jim-Crow-Gesetze [4], die Sklaverei und rassistische Diskriminierung, wie Menschen „Rasse“ konzeptualisieren und begreifen.

Die Annahmen von Menschen über „Rasse“, die durch die oben beschriebenen Aspekte beeinflusst sind, prägen deren Handeln und Nicht-Handeln auf praktischer Ebene. Und obgleich „Rasse“ ein zentrales Konstrukt darstellt in der Untersuchung bildungstechnischer Ergebnisse, Verfahrensweisen und Praktiken, so sind Umfang und Ausmaß gewonnener Erkenntnisse über verbesserte Handlungspraktiken im öffentlichen sowie akademischen Diskurs zumeist begrenzt. Es wird beispielsweise häufig über die „Bildungskluft“ und die Disparitäten zwischen weißen und schwarzen/farbigen Student_innen diskutiert, „Rasse“ [A.d.Ü.: im Sinne von ‚Rassismusproblematik’] wird aber dennoch nicht in grundlegender Weise adressiert, außer dass man die Ergebnisse aus Datenerhebungen veröffentlicht. Die Gründe dafür, warum das Thema „Rasse“ so schwierig zu thematisieren ist, sprengen den Rahmen dieses Buches, aber auch meine Erfahrungen über die Jahre, in der Arbeit mit mehr als tausend Pädagog_innen, haben mir gezeigt, dass „Rasse“ ein in „gemischter“ Gesellschaft schwierig zu diskutierendes Problem ist.

Quelle: http://www.tolerance.org/magazine/number-51-fall-2015/feature/excerpt-getting-real-about-race, 01.05.2016.

Das Toolkit zum Verständnis für den Auszug: „Realistisch werden über den ‚Rasse’-Begriff“ im Rahmen einer Welt des ethischen Konsums

Anmerkung: dies ist ein Entwurf, der sich in Arbeit befindet und über die Zeit ergänzt wird …

Der Mainstream in den USA hat Schwierigkeiten damit, sich einen reellen Begriff von der Komplexität von „Rasse“ und Machtverhältnissen, derer Geschichte, Politik, usw. zu machen. Das betrifft insbesondere diejenigen, die rassisch privilegiert sind und sich niemals mit der Problematik auseinandersetzen mussten.

Dieses Toolkit habe ich aus dem Original: „Ein Auszug aus: realistisch werden über den ‚Rasse’-Begriff“ herausgearbeitet, das sich mehr auf Erfahrungen und Praxis im schulischen Bereich bezieht. Ich werde dieses Toolkit verwenden um damit Fragestellungen zu leisten, zur Begleitung der Reflexion und Diskussion darüber, wie die physischen, sozialen, juristischen und historischen Konstruktionen von „Rasse“ Menschen beeinflusst, die sich in den Bereichen des ethischen Konsums bewegen – rangierend vom Veganismus über Tierrechte bis hin zu ‚guter Ernährung’.

Einfühung

In Rac(e)ing to Class: Confronting Poverty and Race in Schools and Classrooms schreibt H. Richard Milner IV: „Pädagogen haben häufig Schwierigkeiten damit, das Thema ‚Rasse’ [A.d.Ü. die Rassismusproblematik] zu adressieren, und damit auch die Frage, in wieweit ihre Arbeit mit den Schülern, den Eltern, mit der Gemeinschaft und mit den Kollegen durch diese Problematik beeinflusst ist.“ Milner empfiehlt eine nuancierte Herangehensweise zur Konzeptualisierung von „Rasse“ als physische, soziale, juristische und historische Konstruktionen. Was folgt sind kurze Auszüge aus Rac(e)ing to Class und sich daran anknüpfende Fragestellungen, die ich für den Bereich des ethischen Konsums adaptiert habe. Diese Tools können von euch, eurer Gruppe oder bei eurem Arbeitsplatz gerne verwendet werden.

Die wesentliche Frage

1. In welcher Weise ist die Gemeinschaft ethischen Konsums, in der ich aktiv bin, durch die physischen, sozialen, juristisch-rechtlichen und geschichtlichen Konstruktionen von „Rasse“ betroffen?

Vorgehensweise

Diese vier Fragen können als Stichpunkte beim Verfassen eines Tagebucheintrags oder in der stillen Reflexion verwendet werden, sie können auch unterstützend bei einer Gruppendiskussion mit Kollegen über das Thema „Rasse“ [Rassismus] zur Hilfe genommen werden, oder beides.

„Rasse“ ist physisch konstruiert.

In seinem Buch Rac(e)ing to Class schreibt Milner:

Bezugnehmend auf die Pigmentierung der Haut, konstruieren Menschen in der Gesellschaft Vorstellungen, Charakteristiken, Bilder und Glaubenssysteme über sich selbst und andere. Diese physischen Konstruktionen sind manchmal falsch, bleiben aber dennoch in den Köpfen bestehen. Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass sich physische Konstruktionen über „Rasse“ von Gesellschaft zu Gesellschaft unterscheiden. So sind zum Beispiel die Konstruktionen von „Rasse“ in Afrika und Asien andere als die auf dem Phänotyp basierenden Konstruktionen von „Rasse“ in Nordamerika.

  1. Nenne ein Beispiel dessen, wie „Rasse“ in der Bewegung ethischen Konsums physisch konstruiert ist.
  2. In welcher Weise betrifft die physische Konstruktion von „Rasse“ dich persönlich oder dein Engagement im ethischen Konsum?

Beispielsweise sind ‚normale’ gesunde Körper in der Werbung ethischen Konsums beinahe immer ‚weiße’ und schlanke Personen. Warum sehen wir dunkelhäutigere Menschen und/oder ‚dicke’ Menschen fast nie, wenn überhaupt, als ‚Maßstab’ für normal und gesund? In welcher Weise betreffen sowohl Hautfarbe als auch Körpergröße die Rassifizierung als ein ‚maßgebliches’ Weißsein? In welchen anderen Formen hat ein Verständnis ‚richtigen’ Weißseins einen Einfluss auf den ethischen Konsum?

  1. In welcher Weise betrifft die physische Konstruktion von „Rasse“ die Demographien denen du deine Dienstleistungen anbietest und/oder die du über ethischen Konsum informierst?

Warum werden dunkelhäutigere Menschen die ‚fett’ sind, eher adressiert als Menschen, die man über den ethischen Konsum ‚aufklären’ sollte, als weiße dünne Menschen? Wie und weshalb spielen Rassifizierung in den Intersektionen von Hautfarbe, Körpergröße und Ethik eine Rolle?

  1. Wie beeinflusst die physische Konstruktion von „Rasse“ den Bereich ethischen Konsums in dem Du aktiv bist?

„Rasse“ ist sozial konstruiert.

In Rac(e)ing to Class schreibt Milner:

Basierend auf einer Reihe von gesellschaftlichen Botschaften und Informationen, kategorisieren Menschen sich selbst und andere. Diese gesellschaftlichen Konstruktionen verbinden sich mit Präferenzen, sind weltanschaulich und haben mit der Art und Weise zu tun, wie Gruppen von Menschen vermeintlich funktionieren. Sie gründen auf unterschiedlichen Perspektiven, die sich aus den Interpretationen der Menschen von Geschichte und Recht speisen, und sie prägen unser Denken im Bezug auf Einzelne und auf Gruppen von Menschen.

Ich würde dem hinzufügen, dass die meisten Menschen sich dessen völlig unbewusst sind, inwiefern ihre Auffassungen und Wahrnehmungen eine Voreingenommenheit hinsichtlich „Rasse“ aufweisen.

  1. Nenne ein Beispiel dessen, in welcher Weise „Rasse“ im ethischen Konsum sozial konstruiert ist.
  2. In welcher Weise bist du durch die soziale Konstruktion von „Rasse“ betroffen und wie wirkt sich das auf dein Engagement im Bereich des ethischen Konsums aus, und darauf, wie du die Inhalte wahrnimmst.
  3. In welcher Form sind die Menschen, mit denen du innerhalb deines Sektors des ethischen Konsums zusammenarbeitest oder denen du deine Leistungen anbietest, durch die soziale Konstruktion von „Rasse“ betroffen?
  4. Ich welcher Form ist deine Gruppe oder dein Betrieb durch die soziale Konstruktion von „Rasse“ betroffen?

„Rasse“ ist rechtlich konstruiert.

In Rac(e)ing to Class schreibt Millner:

Die Gesetzgebung in den USA hat ihren Beitrag zum Rassebegriff geleistet. Rechtspolitik und Grundsatzfälle, wie das Naturalisationsgesetz (1790), Plessy gegen Ferguson (1896), Takao Ozawa gegen die Vereinigten Staaten (1922), Brown gegen das US-Bildungsministerium (1954) und Milliken gegen Bradley (1974) haben allesamt Konstruktionen und Definitionen von „Rasse“ innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft mitbestimmt.

  1. Nenne ein Beispiel dessen, wie „Rasse“ in deinem Leben/deiner Kultur/deiner Gesellschaft rechtlich konstruiert ist.
  2. Ich welcher Weise ist dein Engagement im Bereich des ethischen Konsums durch die juristisch-rechtliche Konstruktion von „Rasse“ betroffen?
  3. In welcher Weise betrifft die juristisch-rechtliche Konstruktion von „Rasse“ die Demographien, die du vornehmlich adressierst, denen du deine Leistungen anbietest oder mit denen du zusammen arbeitest (z.B. Auftraggeber_innen, Kund_innen, Schüler_innen und Student_innen, Patient_innen, usw.)?
  4. Wie betrifft die juristisch-rechtliche Konstruktion von „Rasse“ die Konstruktion ethischen Konsums deiner Gruppe oder deines Betriebs?

vegansoso

(Quelle: http://mic.com/articles/127821/the-surprising-way-these-activists-are-using-veganism-to-fight-white-supremacy)

Wenn Du in der Tierrechts- und/oder der veganen Bewegung aktiv bist, verwendest Du solche Bilder, wie das oben abgebildete, ohne Dir dabei bewusst zu sein, dass schwarze Menschen vom rechtlichen Standpunkt her nicht als Menschen, sondern in der Tat als Tiere (in der eurozentrischen speziesistischen und kolonialistisch-rassistischen Art und Weise) betrachtet wurden, während man die Gesamtheit weißer Menschen rechtlich als vollwertige Menschen konstituierte?

Bist Du Dir dessen bewusst, dass, obwohl es heutzutage in den USA verboten ist, schwarze Menschen mit Stricken und Bäumen zu lynchen, immer noch legale Wege existieren um schwarze Menschen zu „lynchen“ – insbesondere mittels Racial Profiling und tödliche Übergriffe durch Polizeibeamte, die immer noch durch die geschichtlichen und rechtlich tolerierten Praktiken des traditionellen Lynchens schwarzer Menschen beeinflusst sind?

Dieses Bild impliziert auch, dass „Rasse“ und Rassismus keine weiteren bedeutsamen Hindernisse in Gesundheitsfragen, in dem Streben nach Glück und nach Sicherheit im Leben schwarzer Menschen darstellen würden. Und, es impliziert auch, dass diejenigen, die dieses Bild verwenden, nicht mit den nach dem Jahre 2000 entstandenen umfassenden Kanon in den Sozial- und Rechtswissenschaften vertraut sind, der aufzeigt, dass der weiße Mainstream in den USA schwarze Menschen immer noch als Tiere konzeptualisiert, und der Meinung ist, dass sie es verdienten „gelyncht“ zu werden – wenn auch nicht mit Stricken und Bäumen, so aber doch dafür, sich ‚hochnäsig’ gegenüber der Polizei zu gebärden, wie Sandra Bland es angeblich tat; oder indem Du als 12-jähriger Junge (Tamir Rice) erschossen wirst, weil eine systemische Negrophobie ein [un]bewusstes rassifiziertes Vorurteil im Denken des Mainstreams in der Bevölkerung geschafften hat, die die Menschen glauben macht, dass ein kleiner schwarzer Junge wie ein „großer angsteinflößender“ schwarzer Mann aussehen kann.

Es existieren eine Unzahl von Formen, in denen systemischer Rassismus das Rechtssystem in negativer Weise beeinflusst. Und, man bedenke, dass Systeme miteinander verbunden sind: das Rechtssystem hat seinen Einfluss auf das Gesundheitssystem, auf das Bildungssystem, auf das Lebensmittelsystem, usw.

„Rasse“ ist geschichtlich und geographisch* konstruiert.

(Anmerkung: in dem originalen Toolkit wird die Geographie nicht mit als ein Teil von Rassifizierung aufgeführt, aber als Cultural Food Geographer [Lebensmittelkulturgeographin] komme ich nicht umhin die Geographie hier mit einzubeziehen.)

In Rac(e)ing to Class schreibt Milner:

Die geschichtlichen Realitäten dessen, wie Menschen in einer Gesellschaft, die durch Rassismus und Unterdrückung geprägt war, behandelt wurden und wie es ihnen in dieser Gesellschaft erging, formten auch die Art und Weise, wie Menschen „Rasse“ verstehen, kommunizieren und konzeptualisieren. So beeinflussen beispielsweise die Jim-Crow-Gesetze [4], die Sklaverei und rassistische Diskriminierung, wie Menschen „Rasse“ konzeptualisieren und begreifen.

  1. Nenne ein Beispiel dessen, wie „Rasse“ in deinem Leben/deiner Kultur/deiner Gesellschaft geschichtlich konstruiert ist.
  2. In welcher Weise bist du und ist dein Engagement in der Bewegung für den ethischen Konsum durch die geschichtliche Konstruktion von „Rasse“ betroffen? Hast Du beispielsweise jemals über die Geschichte der Sundown Towns [5] nachgedacht und in welcher Weise dies die geographische Lokalisierung beispielsweise einer Permakultur-Veranstaltung betreffen kann?
  3. In welcher Form sind dein Arbeitsplatz und/oder die Dynamiken zwischen den Aktivist_innengruppen rund um den ethischen Konsum durch die geschichtlichen, physischen und geographischen Konstruktionen von „Rasse“ anbetroffen?

Für was stehen eigentlich die Vorstellungen rund um den ‚weißen männlichen Farmer’ als die unhinterfragte ‚Norm’ in den gegenwärtigen Mainstream-Abbildungen von Lebensmitteln, Nachhaltigkeit und Landwirtschaft? In welcher Form spielen Geschichte und ländliche Geographien eine Rolle in den Vorstellungen von „Rasse“, und davon, wie man sich ein physisch annehmbares Vorbild des ethischen Konsums vorstellt?

  1. In welcher Weise ist die Auffassung über ethischen Konsum in deiner Gruppe oder im Geschäftsmodel deines Betriebs durch die historische Konstruktion von „Rasse“ betroffen? Wie wirkt sich das auf eure aufklärerische Öffentlichkeitsarbeit und eure Kommunikation aus?

So ist beispielsweise der geschichtliche Hintergrund der US-Agrargesetze und dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart hinein stark durch eine systemische Rassifizierung beeinflusst. Die Art und Weise wie rassifizierte Minderheiten in den unterschiedlichen Sektoren des landwirtschaftlichen Systems in den USA behandelt wurden, beeinflusst die Funktionsweisen des heutigen Mainstream-Nahrungsmittelsystems … und erhält die in dem System gegebenen „rassischen“- und sozioökonomischen Ungleichheiten. Geht es um ethische Lebensmittel, wie ‚Grünkohl’ oder ‚Erdbeeren’, muss man die sich die Geschichte der Rassifizierung und seiner Auswirkungen auf die Agrargesetze vergegenwärtigen … die den Weg vom Anbau bis zum Vertrieb und Handel dieser Nahrungsmittel bis hin auf unsere Teller mit beeinflusst hat … . Die individuellen Auffassungen derer, die sich im Bereich des ethischen Konsums engagieren, sind hinsichtlich dessen, wie ein ‚gerechtes’ Lebensmittelsystem aussehen sollte, vor solch einem Hintergrund zu verstehen.

Wenn weiße Menschen in den USA, in der Vergangenheit bis in die Gegenwart, aufgrund rechtlich-juristischer Institutionen des Rassismus, einen sichereren, gesünderen und einfacheren Zugang zu Nahrungsmitteln und medizinischen Ressourcen hatten, in welcher Weise ist deine Konstruktion dessen, wie Menschen Nahrungsmittel in ‚ethischer’ Weise konsumieren sollten, durch diesen geschichtlichen Hintergrund mit beeinflusst? Inwiefern richtet sich Dein Kommunikationsmodel an der Berücksichtigung solcher Fragen mit aus?

Wenn du magst, so kannst du auf einige der oben gestellten Fragen im Kommentarbereich antworten. Ich möchte dies hier zu einem fortlaufenden Dialog umwandeln, statt es bei einem Monolog zu belassen. [6]

Das System „rassischer“ Ungleichheit in dem der ethische Konsum existiert, kann durch eine Vielzahl von Ressourcen besser verstanden werden, so wie durch das vielbeachtete Video Cracking the Codes, das hier eingesehen werden kann: http://crackingthecodes.org/. Kein Mensch der, so wie ich, im Anti-Rassismus arbeitet, hat alle Antworten auf all die Fragen die sich in unserem Kontext stellen; diese Arbeit hier bildet ein Kontinuum und niemand schafft es, bei solch schwerwiegenden Themen von sich zu behaupten ein_e 100% Expert_in zu sein. Ich habe mich nunmehr seit 20 Jahren mit Systemen „rassischer“ Ungleichheit beschäftigt (was meine formale Bildung anbetrifft) und lerne immer noch hinzu.

Zum Schluss will ich noch hinzufügen, dass ich über die oben diskutierten Fragen detailliert in meinem neuen Buch schreiben werde, das Ende 2016 / Anfang 2017 erscheinen wird (siehe folgenden Link):

recipes-for-racial-tension-headcover

http://www.sistahvegan.com/2015/07/10/recipes-for-racial-tension-headaches-a-critical-race-feminists-journey-through-post-racial-usas-ethical-foodscape-2016/

Schau dir mal die Teaching Tolerance-Textsammlung des SPLC an, dort findest du viele Materialien, die du für deinen Aktivismus im ethischen Konsum, für deine Studien in dem Bereich, usw. adaptieren kannst.

Alle Links: letzter Zugriff am 25.05.2016.

Ergänzugen zur Übersetzung:

[1] Der Begriff ‚race’ wird in der kritischen Diskussion über Rassismus im Amerikanischen in seiner politisierten Bedeutung verwendet und ist klar abgegrenzt zu verstehen von einem rassenbiologistischen Begriff, wenn er sich im westlichen Denken auch ursprünglich darauf begründet hat. Ich setze den Begriff „Rasse“ in dieser Übersetzung in Anführungszeichen, da der Begriff im deutschen Sprachgerbauch vorwiegend durch seinen geschichtlichen Hintergrund der rassistischen Propaganda des NS-Regimes gekennzeichnet ist. (In einigen anderen rassismuskritischen Überserzungstexten habe ich nichtdestotrotz bei der Verwendung des Begriffes auf die Anführungszeichen verzichtet, da der Unterschied zwischen politisiertem und rassenbiologistischem Sprachgebrauch aus solchen Texten prinzipiell klar hervorgeht. Da dieser Text einen einführenden Charakter hat, habe ich mich hier für die Setzung in Anfürhungszeichen entschieden.)

[2] Zum Begriff des Weißseins: „Weißsein ist die soziale Lokalisierung von Macht, Privileg und Prestige. Es ist ein unsichtbares Päckchen unverdienter Vorteile. Als eine epistemologische Überzeugung ist es manchmal eine Handhabe der Verneinung. Weißsein ist eine Identität, eine Kultur und eine oft kolonialisierende Lebensweise, die Weißen zumeist nicht bewusst ist, aber selten nicht den ‚People of Color’ [Nicht-Weißen]. Das Weißsein trägt auch die Autorität innerhalb des größeren Kulturraums den es beherrscht, indem es die Bedingungen festlegt wie jeder Aspekt von ‚Rasse’ diskutiert und verstanden wird. Das Weißsein verfügt so über einen Facettenreichtum und ist durchsetzend. Das systemische Weißsein liegt im Mittelpunkt des Problems von ‚Rasse’ innerhalb dieser Gesellschaft.“ Zitiert aus: Barbara J. Flagg, Foreword: Whiteness as Metaprivilege, Washington University Journal of Law and Policy 1-11 (2005).

[3] Ich füge den Screenshot aus Gründen der Übersichtlichkeit an dieser Stelle ein:

GettingRealAboutRace

[4] Die Jim-Crow-Gesetze nannte man in der Geschichte der Vereinigten Staaten eine Reihe von Gesetzten, die eine „rassische“ Segregation erzwangen. Sie galten in den Südstaaten zwischen dem Ende der Rekonstruktion 1877 bis zum Anfang der Bürgerrechtswegegung in den 1950ern. ‚Jim Crow’ (eigentlich ‚Jump Jim Crow’) bezeichnete eine der damals typischen rassistischen „Minstrel“-Darstellungen, bei der schwarze Menschen in herabsetzender Weise von Weißen „karikiert“ wurden. Der Name ‚Jim Crow’ („Jim die Krähe“) wurde zu einem Schimpfwort für alle Afro-Amerikaner_innen und designierte ihre Segregiertheit in der Nation.

[5] Als ‚Sundown Towns’ bezeichnete man eine Form der Segregation, bei der in den USA eine Stadt, eine Ortschaft oder eine Nachbarschaft bewusst nur Weiße ansiedeln ließ und alle ‚People of Color’ (POC, farbige Menschen) ausgeschlossen wurden. Diese Art der rassistischen Einschränkung erwirkte man durch eine Kombination regionaler diskriminatorischer Gesetze, durch Einschüchterung und Erniedrigung und letztendlich auch durch physische Gewalt. Die Benennung stammt von den Schildern, die zum Zwecke der Ausgrenzung errichtet wurden, auf denen die weißen Anwohner kundgaben, dass ‚POC’ die jeweilige Ortschaft bis zum Einbruch der Dunkelheit zu verlassen hätten. Man nannte diese Ortschaften auch ‚Sunset Towns’ oder ‚Gray Towns’. Seit der Entscheidung des Obersten Gerichtshofes von 1917 im Falle Buchanan gegen Warley ist die „rassische“ Diskriminierung beim Verkauf von Immobilien verboten. Die Rassismusproblematik zeigt ihre Auswirkungen auf die Siedlungslandschaft in den USA aber noch bis in die Gegenwart hinein.

Dr. A. Breeze Harper ist die Gründerin von Critical Diversity Solutions und leitet zurzeit das Staff Diversity Initiative’s Multicultural Education Program des UC Berkeley. Im Oktober dieses Jahres wird Dr. Harper bei der Pro-intersectional Vegan Conference zu Gast sein, die vom VegfestUK in Brighton organisiert wird.

Sie finden auf unserem Blog auch weitere Textmaterialien von Dr. A. Breeze Harper zu den Themen kritische Rasse- und Weißseinsstudien, Veganismus und Tierrechte.

Casey Taft: Psychologische Gewalt in der Tierschutz- und Tierrechtsbewegung

Psychologische Gewalt in der Tierschutz- und Tierrechtsbewegung

Dr. phil. Casey Taft, http://veganpublishers.com/

Originaltitel: Psychological Abuse in Animal Advocacy, http://veganpublishers.com/abuse/, Übersetzung: Palang LY, (VeganSwines.de) mit der freundlichen Genehmigung von Prof. Casey Taft.

Dieser Text als PDF

Viele Menschen in der Tierschutz- und Tierrechtsbewegung haben Berichte über sexuelle Übergriffigkeiten und Missbrauch gehört, einschließlich solcher Situationen, bei denen Männer in machtvolleren Positionen (häufig jüngere) Frauen, die die Mehrheit der Teilnehmer_innen dieser Bewegung ausmachen, versuchen zu manipulieren und zu Opfern machen.

Worüber in unserer Bewegung seltener gesprochen wird, ist das Thema psychologischer Gewalt. Psychologische Gewalt zählt zu den subtilsten Formen von Gewaltausübung und ist häufig schwer zu erkennen. Man geht auch davon aus, dass sie für die betroffenen Opfer die schädlichste Form des Missbrauchs, relativ zur physischen Gewalt, darstellt (Follingstad, Rutledge, Berg, Hause und Polek, 1990), und dass resultierende Langzeitfolgen, über den psychisch-gesundheitlichen Zustand hinaus (Taft, Murphy, King, Dedeyn und Musser, 2005), Auswirkungen auf den physischen Gesundheitszustand zeigen (Coker et al., 2002). Es ist wichtig, andere über Formen psychologischer Gewalt aufzuklären, da es denjenigen, die diese Gewaltform erleben, häufig an Kenntnissen darüber fehlt.

Psychologische Gewalt tritt in verschiedenen Formen auf und kann unterschieden werden anhand der Funktionen, denen dieses Verhalten dient. Verunglimpfende Verhaltensweisen beispielsweise schließen eine direkte Herabsetzung des Gegenübers mit ein, sowie auch andere Methoden, durch die versucht wird, das Selbstwertgefühl des anderen zu schädigen. Eine weitere Form psychologischer Gewalt beinhaltet aufzwingende und kontrollierende Verhaltensweisen, durch die versucht wird, dem anderen Vorzuschreiben, was er/sie zu tun und zu lassen hat, indem Manipulation und Mobbing zum Einsatz kommen um basale Rechte und Freiheiten der anderen Person einzugrenzen und Abhängigkeit und soziale Isolation zu schaffen. Eine weitaus subtilere, aber im gleichen Maße schädigende Form psychologischer Gewalt beinhaltet ein feindlich ablehnendes Verhalten, das darauf abzielt, die andere Person abzustrafen oder ihr in der Beziehung Unsicherheit zu vermitteln. Auch dominante und einschüchternde Verhaltensweisen zielen darauf ab, Angst im Anderen herbeizuführen und Anpassung zu erzwingen.

Psychologische Gewalt ist in der allgemeinen Gesellschaft bedauerlicherweise ein nur allzu verbreitetes Phänomen. Die Hälfte der US-Bevölkerung hat mit solchen Formen der Gewalt Erfahrungen gemacht (Briedung, Chen und Black, 2014). Diese Verhaltensweisen können aber auch leider innerhalb der Tierschutz- und der Tierrechtsbewegung beobachtet werden.

Hier sind einige Beispiele psychologischer Gewalt in der Tierschutz- und Tierrechtsbewegung, die ich allesamt selbst beobachtet habe und von denen ich einige sogar auch selbst erlebt habe:

  • Herabsetzende Kommentare im Bezug auf andere Tierverteidiger_innen, so wie der Gebrauch abwertender Namensgebungen oder ein Infragestellen derer mentalen Gesundheit.
  • Das Entwerfen falscher und übertriebener Narrative über andere Tierverteidiger_innen, in einem Versuch ihnen persönlich und beruflich zu schaden.
  • Der Versuch zu bewirken, dass andere Tierverteidiger_innen von Konferenzen und Vorträgen ausgeladen werden, aufgrund persönlicher Uneinigkeiten mit ihnen.
  • Manipulative Versuche Autor_innen dazu zu bringen, Referenzen auf andere Tierverteidiger_innen aus Veröffentlichungen herauszustreichen, aus persönlichen Beweggründen, so dass andere die betroffenen Personen nicht als zuverlässige Quelle betrachten sollen.
  • Klassisches aufzwängendes und kontrollierendes Verhalten, so wie anderen Tierverteidiger_innen in konstanter Weise zu kommunizieren, mit wem und mit wem man sich nicht assoziieren oder zusammen arbeiten solle.
  • Andere dazu aufzustacheln an einem mobbendem Verhalten gegenüber bestimmen Tierverteidiger_innen teilzunehmen.

Stellen Sie sich eine Beziehung vor, in der Ihnen jemand sagt mit wem sie sich austauschen dürfen, was Sie sagen dürfen oder sogar welche Webseiten Sie besuchen dürfen, und in der Ihnen gedroht wird, dass sie ansonsten verunglimpft würden oder Ihnen die gemeinschaftliche Unterstützung entzogen wird, wenn eine vollständige Anpassung nicht erfolgen sollte. Wir würden jemanden, der solche ein missachtendes Verhalten erfährt, empfehlen, diese Art der Beziehung zu beenden, sich selbst zu behaupten und Grenzen für ein richtiges Verhalten abzustecken. Unsere Beziehungen innerhalb der Tierschutz- und Tierrechtsbewegung nehmen sich da nicht aus. Niemand sollte Misshandlung erfahren – sei sie physischer, sexueller oder psychologischer Natur, und wir sind dazu verpflichtet, uns gegen solche Ungerechtigkeiten auszusprechen – in der gleichen Weise wie wir uns auch gegen die Ungerechtigkeit gegen nichtmenschliche Tiere aussprechen. Zudem sollten wir deren, die sich dagegen aussprechen, Aufmerksamkeit und Unterstützung zuteil werden lassen.

Als Tierverteidiger_innen haben wir es selbstverständlich häufig mit fundamentalen Verschiedenheiten in unseren Ansichten und Meinungen untereinander zu tun, und wir mögen uns vielleicht manchmal dazu geneigt fühlen Hiebe auszuteilen oder zu versuchen, Kontrolle auszuüben. Wir müssen lernen die gegenseitigen Ansichten zu kritisieren, ohne dabei ins Manipulative zu verfallen, verunglimpfend zu sein und drohend zu agieren, denn nicht nur sind solche Verhaltensweisen eine Form psychischer Gewalt/seelischen Missbrauchs, sondern solche Verhaltensweisen sind auch nicht zielführend und stark kontraproduktiv, insbesondere wenn wir möchten, dass andere unsere eigene Position verstehen und annehmen lernen. Wir müssen die Wahrheit selbstverständlich auch dann sagen, wenn es den anderen schwerfallen mag sie zu hören. Aber wenn wir lernen dies in selbstbewusster Weise tun und nicht in einer übergriffigen Art und Weise, dann ist das weitaus effektiver und weitaus weniger schädlich.

Wie ich in meinem Buch (Motivational Methods for Vegan Advocacy: A Clinical Psychology Perspective, 2016) bespreche, haben Tierverteidiger_innen oft eigene Erfahrungen mit Trauma und Gewalt/Missbrauch gemacht. Diese Erfahrungen mit einem Trauma machen viele für uns sensibler für die Ungerechtigkeiten, die nichtmenschlichen Tieren widerfahren. Es ist belastend genug, täglich mit den Gräueltaten unseres kollektiven Tiergebrauchs konfrontiert zu sein, und mit der Gleichgültigkeit dem gegenüber, die so viele Menschen an den Tag legen. Wenn wir Gewalt und Missbrauch in unserem Verhalten gegenüber einander fortsetzen, schaden wir dadurch nicht allein dem menschlichen Tier, sondern wir machen es damit auch für diese Menschen schwerer, sich in ihrem Einsatz für nichtmenschliche Tiere voll zu entfalten. Unser Ziel sollte es sein, jegliches vermeidbare Trauma und jede Form unnötiger Gewalt zu beendigen, da dies letztendlich den Kern des Veganismus bildet.

Quellen

Breiding, M. J., Chen, J. & Black, M. C. (2014). Intimate partner violence in the United States – 2010. http://www.cdc.gov/violenceprevention/pdf/cdc_nisvs_ipv_report_2013_v17_single_a.pdf.

Coker, A. L., Davis, K. E., Arias, I., Desai, S., Sanderson, M., Brandt, H. M., & Smith, P. H. (2002). Physical and mental health effects of intimate partner violence for men and women. American Journal of Preventive Medicine, 23, 260–268.

Follingstad, D. R., Rutledge, L. L., Berg, B. J., Hause, E. S., & Polek, D. S. (1990). The role of emotional abuse in physically abusive relationships. Journal of Family Violence, 5, 107–120.

Taft, C. T., Murphy, C. M., King, L. A., Dedeyn, J. M., & Musser, P. H. (2005). Post-traumatic stress disorder symptomatology among partners of men in treatment for relationship abuse. Journal of Abnormal Psychology, 114, 259-268.

Zum Autor:

Zusätzlich zu seiner Arbeit als Leiter der Vegan Publishers ist Casey Taft Professor für Psychiatrie an der Boston University School of Medicine. Er ist ein international anerkannter Forscher in den Bereichen Trauma und Familie und hat zahlreiche renommierte Preise für seine Arbeit von der International Society for Traumatic Stress Studies, dem Institute on Violence, Abuse and Traumaund den Centers for Disease Control and Prevention erhalten. Er hat über 100 Journalartikel, Buchkapitel und wissenschaftliche Berichte verfasst, ist Mitherausgeber des Jorunals „Psychological Trauma: Theory, Research, Practice, and Policy“ und Vorstandsmitglied der „War Writers’ Campaign.“ Casey arbeitete auch als Vorsitzender einer Arbeitsgruppe der American Psychological Association für Traumaverarbeitung im Militär und ist als Berater zur globalen Gewaltprävention bei den Vereinten Nationen tätig gewesen. Er sieht die Prävention der Gewalt gegen Tiere als eine logische Erweiterung seiner Arbeit. Zuletzt erschienen ist von Prof. Taft der Titel: Motivational Methods for Animal Advicacvy: A Clinical Psychology Perspective. Zur Zeit arbeitet er an einem Buch über traumabewusste Gewaltpräventation, das von der American Psychological Association herausgegeben wird.

Alle Links: 24.04.2016

Weitere Texte von Casey Taft bei simorgh.de: https://simorgh.de/about/tag/casey-taft/

Der artgerechte Bio-Speziesismus

Ein kurzes Narrativ …

Leute, die ich kenne, die sagen: „Und wir essen gar kein Fleisch mehr!“

Die selbigen sagen vielleicht einen Monat später: „Bio ist einfach besser. Neulich sind wir zu unserem Bio-Bauern gegangen und die Leute da sind so lieb und wie gut die ihre Kühe behandeln, … das war auch das erste Mal, dass wir wieder Rind gegessen haben.“

Speziesismus ist nicht nur ein Indikator für einen Mangel an grundlegender basaler menschlicher Empathie, sondern zeugt zugleich auch von einem defizitärem rationalen Gemeinsinn. Um exakt nachzuvollziehen weshalb das so ist, solltet Ihr Euch mal diesen Text von Vasile Stanescu durchlesen:

Warum es nicht genügt, Tiere zu lieben: eine feministische Kritik. Ein Vortrag, der die Ethik der „Tierliebe“ kritisiert, basierend auf feministischer und queerer Theorie (PDF), als HTML.

 

Wie verhält sich der Veganismus zum Antispeziesismus?

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Veganismus ist eine praktische Ethik in Hinsicht auf das Vermeiden von Produkten, die in irgendeiner Form mit Tierleid und -ausbeutung in Verbindung stehen.

Antispeziesismus ist eine ethische Position, die eine vegane Praxis mit sich bringt, darüber hinaus aber die Ursachen von Tierunterdrückung kritisch hinterfragt.

Bist Du ein_e antispeziesistische_r Veganer_in?

Unser Stand der Dinge: Wie steht es mit der „eigenen Meinungsfreiheit“ und was ist Meinungswirksamkeit?

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Unser Stand der Dinge: Wie steht es mit der „eigenen Meinungsfreiheit“ und was ist Meinungswirksamkeit?

Wir – als Gesellschaft – haben im gewissen Sinne alle ein Problem mit der Meinungsfreiheit: Meinungen werden nicht als flexible, sich verändernde Gebilde wahrgenommen, sondern zeigen nur ein grobes politisches (oder nichtpolitisches) Lager an, dem sich jemand zuordnen lässt, und, wir alle (als „Masse“ sozusagen) haben ein Problem mit dem Fokus: alle Welt fokussiert relativ zeitgleich auf ein oder wenige aktuelle Themen, wobei das Problem dabei ist, dass alles, was in dem Moment nicht zu den Mainstreamthemen gehört, sowenig Interesse und Zurkenntnisnahme in der öffentlichen Debatte erhält, als gäbe es überhaupt kategorisch irrelevante Themen und Perspektiven.

In welchem Feld finden sich vor solch einem Hintergrund betrachtet Tierrechte und Antispeziesismus?

Wenn der ethische Veganismus Revolution sein will, kann er sich nicht den bestimmenden politischen Lagern unterordnen, bei denen die Interessen nichtmenschlicher Tiere als relativ unbedeutend für die Gesamtheit ethischer Koexistenz bewertet werden. Ein ethischer Veganismus, die Tierrechtsbewegung und die Antispeziesismusbewegung müssen selbst meinungsbildend sein, in dem Sinne, dass alte politische Kategorien und Lager aufgebrochen und neue Blickweisen aufgezeigt und inspiriert werden. Eine Meinung gilt nichts, wenn sie sich keinen eigenen Raum schafft und nur als Sekundärmeinung betrachtet wird.

Was ist das aber für ein Phänomen, dass „Menschenmassen“ immer zeitgleich auf gleiche Themen anspringen – wobei endlos viele Themen in verschiedener Hinsicht relevanter sein können oder genauso relevant sind, wie die, denen gerade alle Aufmerksamkeit zuteil wird? Es mag meistens letztendlich um Menschenrechtsfragen und Fragen des Weltfriedens gehen, aber es fragt sich, warum Menschenrechte nicht auch Tierrechte und eine reifere Haltung der natürlichen Umwelt gegenüber mit sich vereinbaren lassen könnten.

Wenn auch ein Diktat des Fokus existiert, so können Themenschnittmengen doch einen Ausweg aus den einseitigen Gewichtungen in der Wahrnehmung von Problemkomplexen bieten: kaum ein Thema hat rein gar nichts mit einem anderen zu tun. So wäre die gegenwärtige Debatte über Extremismus und Terrorismus eine Möglichkeit, das Thema der Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft/den Gesellschaften allgemein stärker anzusprechen. Gewalt ist den meisten Problemen, mit denen wir primär zu kämpfen haben (Speziesismus, Rassismus, Sexismus, … usw. usf.) immanent; ein einziges Phänomen solcher Gewalt herauszusondern, führt zu keiner tiefergreifenden Analyse und möglichen fundamentalen Kritik der Psychologie der Gewalt.

TIERAUTONOMIE / Gruppe Messel

Casey Taft: Tierverteidigung und wissenschaftliche Methodik: Die Studie des Humane Research Council

Tierverteidigung und wissenschaftliche Methodik: Die Studie des Humane Research Council

Casey Taft, Vegan Publishers

Originaltitel: Animal Advocacy and The Scientific Method: The Humane Research Council Study. Übersetzung: Gita Yegane Arani mit der freundlichen Genehmigung von Prof. Casey Taft.

Als jemand, der sein Berufsleben lang der wissenschaftlichen Methode gefolgt ist und sie stets vertreten hat, und als Autor und Redakteur, der eine Verantwortung dafür trägt, über die Annahme oder Ablehnung von Publikationen zu entscheiden, hat mich der Mangel an Einhaltung wissenschaftlicher Methoden in der Tierschutz- und Tierrechtsarbeit erstaunt. Und dies geschieht in einer Generation der Strategieentwicklung in der Tierverteidigung, der Evaluierung und der Interpretation solcher Strategien. Und zwar möchte ich hier eine neuere, breit veröffentlichte Studie des Humane Research Council über gegenwärtige und ehemalige Vegetarier und Veganer [1] besprechen und in welcher Weise diese Studie anerkannte wissenschaftliche Methoden außer Acht lässt.

In letzter Zeit wurden mehrere solcher Studien vorgestellt und ich habe beobachtet, dass Tierverteidiger die Andeutung machten, sie würden in Reaktion darauf ihre Herangehensweise verändern wollen. Ich warne davor, sich zur Abgleichung mit der Tierrechts- und Tierschutzarbeit zu sehr auf diese Studien zu verlassen, da sie sich häufig nicht an die wesentlichen Grundsätze wissenschaftlicher Methodik halten, und somit die Schlussfolgerungen, die wir aus ihnen ziehen können, begrenzter Natur sind.

Bevor ich nun zu den Details der HRC-Studie komme, möchte ich einige der Grundlagen wissenschaftlicher Methodik beschreiben, die in der Forschung zur Tierschutz-/Tierrechtsarbeit häufig vernachlässigt werden:

  1. Die Aufstellung eines Sets zu prüfender Hypothesen, die auf einer spezifischen Theorie oder einem konzeptuellen Modell basieren. Wenn bei einer Studie keinerlei zu erwartenden Ergebnisse vorliegen, die aus der Datenanalyse resultieren würden, dann können die Hypothesen nicht geprüft werden und die Studie muss als explorativ eingestuft werden.
  2. Die Konstrukte, die untersucht werden sollen, müssen unter Anwendung gemeinhin anerkannter Definitionen festlegbar und bemessbar sein.
  3. Die Schlussfolgerungen müssen durch die Datenanalyse gestützt werden, und sie dürfen sich nicht jenseits der Befundlage bewegen.
  4. Die Untersuchung muss im Peer-Review-Verfahren geprüft werden, so dass andere Experten in dem Gebiet ihre Meinung äußern können, um sicherzustellen, dass die Studie wissenschaftlich einwandfrei und unbefangen ist.

Für diejenigen, die nicht mit der Studie des Humane Research Council vertraut sind, dies war eine epidemiologische Befragung von mehr als 11.000 Personen, deren Ziel gewesen ist, die Faktoren besser zu verstehen, die diese Menschen zu einer langfristigen Annahme einer „veganen“ oder vegetarischen Ernährungsweise führten. Zum Zwecke der statistischen Analyse wurden die „Veganer“ (definiert als diejenigen, die eine pflanzlich-basierende Ernährungsweise für sich annahmen) und die Vegetarier als eine gemeinsame Gruppe behandelt. Ein zentrales Ergebnis der Studie war, dass es mehr als fünfmal so viel ehemalige Vegetarier/Veganer gab, wie Menschen die gegenwärtig vegetarisch/vegan lebten, was darauf hindeutete, dass die Wahrung einer solchen Ernährungsweise nur von einer Minderheit der Gruppe betrieben wird und generell problematisch ist.

Gründend auf einer Reihe von Analysen, in denen gegenwärtige mit ehemalige Veganer/Vegetarier verglichen werden, ziehen die Autoren mehrere Schlüsse, einschließlich der Schlussfolgerung, dass wir eine größere Betonung auf die Reduzierung der Verzehrs von Tierprodukten (relativ zur vollständigen Aufgabe) legen sollten, und dass wir uns mehr auf das „Wie“ des Vegetarismus/Veganismus (wahrscheinlich relativ zum „Warum“ des Vegetarismus/Veganismus) konzentrieren sollten.

Schauen wir uns also an, wie die Grundlagen wissenschaftlicher Methodik, die ich oben aufgelistet habe, auf diese Studie anzuwenden sind.

Es bedarf der Aufstellung eines Sets zu prüfender Hypothesen, die auf einer Theorie oder einem konzeptuellen Modell basieren. Die Autoren haben keine spezifischen Hypothesen vorgelegt und sie haben ihre Erwartungen vor der Durchführung der Analyse nicht geschildert. Wir wissen somit nicht wovon sie ausgegangen sind, als sie die Studie durchführten; die Interpretation der Resultate muss daher mit einer gewissen Vorsicht vorgenommen werden.

Die Konstrukte, die untersucht werden sollen, müssen unter Anwendung gemeinhin anerkannter Definitionen festlegbar und bemessbar sein. Der „Veganismus“ wurde in der Studie nicht im Sinne der anerkannten ursprünglichen Definition der Vegan Society definiert: „Der Veganismus ist eine Lebensweise, die sich darum bemüht, alle Formen der Ausbeutung und der Gewalt gegenüber Tieren, für Nahrungszwecke, Bekleidung oder jegliche anderen Zwecke, so weit wie möglich und praktizierbar, auszuschließen.“ Die Autoren haben den Veganismus als eine Ernährungsweise definiert, was er aber nicht ausschließlich ist. Zudem wurden Vegetarier und Veganer als eine gemeinsame Gruppe behandelt, ungeachtet der Tatsache, dass diese beiden Gruppen sich im Bezug auf ihre Motivationen zur Ablehnung des Gebrauchs von Tierprodukten stark unterscheiden.

Wenn die richtigen Definitionen von „Veganer“ und „Vegetarier“ in der vergleichenden Analyse des Beibehalts einer fleischlosen Ernährungsweise eingesetzt worden wären, dann, so bin ich mir sicher, hätten wir bei den Veganern extrem hohe Raten in der Kontinuität ihrer fleischlosen Ernährungen relativ zu den Vegetariern. Die Schlussfolgerung der Analyse würde wahrscheinlich eher lauten, dass wir direkt für den Veganismus werben sollten, statt für stufenweise Schritte auf dieses Ziel hin.

Die Schlussfolgerungen müssen durch die Datenanalyse gestützt werden.   Interessanterweise scheinen die Schlussfolgerungen der Autoren – dass wir uns mehr auf die Reduktion des Fleischverzehrs konzentrieren sollten (relativ zur Beendigung des Fleischverzehrs) und auf das „Wie“ bei der Durchführung des Wechsels zum fleischlosen Leben (relativ zu dem „Warum“) – konträr zu dem zu stehen, was uns die Resultate tatsächlich zeigen. Die wichtigsten Variablen, die bestimmten, ob jemand vegan/vegetarisch blieb, bestanden darin, ob die Ernährung aus Gründen der Tierrechte, des Umweltschutzes oder der Fragen sozialer Gerechtigkeit beibehalten wurde. Genauer gesagt lag die Wahrscheinlichkeit bei denjenigen weit höher ihre fleischlose Ernährung beizubehalten, die angaben, dass sie sich aus „Tierschutzgründen“, „dem Gefühl des Ekels vor Fleisch/Tierprodukten“, „der Sorge um die Umwelt“ und wegen „Fragen sozialer Gerechtigkeit und des Welthungers“ vegan/vegetarisch ernährten. Eine separate Analyse zeigte, dass die Hauptschwierigkeit bei der Beibehaltung einer fleischlosen Ernährung bei den Teilnehmern der Studie darin lag, dass sie den Vegetarismus/Veganismus nicht als Teil ihrer Identität empfanden.

Durch all diese Analysepunkte hindurch waren die Variablen, die sich auf die Empathie für andere beziehen, stärker mit der Beibehaltung einer fleischlosen Ernährung verknüpft, als die selbstbezogenen Gründe, wie Gesundheit, Kosten, Geschmack, sozialer Einfluss, religiöse/spirituelle Überzeugungen, Mode oder Lust/Genuss. Wenn wir es wegen der anderen Tiere tun, dann ist die Chance geringer, dass wir den Schritt zurück zum Konsum tierischer Produkte gehen. In anderen Worten zeigt diese Studie, dass wir für den Veganismus gemäß seiner ursprünglichen Definition der Minimierung des Schadens anderer werben sollten. Und wir sollten Menschen dahingehend ermutigen, sich stolz mit dem Vegansein identifizieren und Tierprodukte ohne Hemmungen aus ihrem Leben verbannen zu können. Kurzum die Resultate zeigen, dass wir einen größeren Fokus auf das „Warum“ des Veganismus (die Beendigung der Grausamkeit gegenüber Tieren) richten sollten, dass wir die Ermutigung anderer, zur Beendigung aller Verletzungen der anderen Tiere, stärker betonen sollten (also nicht bloß die Reduzierung des Fleischkonsums), und dass wir daraufhin arbeiten sollten, die Identifizierung mit dem Veganismus zu verstärken (statt sie zu schwächen).

Die Untersuchung muss im Peer-Review-Verfahren geprüft werden. Wenn die HRC-Studie einer zweiten wissenschaftlichen Prüfung unterzogen worden wäre, dann wären immerhin einige der Problempunkte, die ich oben erwähnte, thematisiert worden, und die Autoren hätte sich zu diesen Bedenkenspunkten in einem überarbeiteten Manuskript (bei Vereinbarung einer weiteren Besprechung) äußern müssen, damit die Studie veröffentlicht werden könnte. Das Peer-Review-Verfahren gibt einer Studie Legitimität, und zeigt, dass man über die Schwelle wissenschaftlichen Verdienstes hinaustreten kann. Das Verfahren hilft, den Einfluss, den eine Voreingenommenheit des Forschers auf die Interpretation der Resultate haben kann, zu beseitigen, und es bringt die Wissenschaft insgesamt voran. Ich sehe ein, dass für eine Studie dieser Art begrenzte Optionen der Publikation in wissenschaftlichen Journalen vorliegen, wir müssen aber einen Weg finden, solche Arbeiten rigoroseren wissenschaftlichen Prüfungen zu unterziehen, damit sie wirklich bedeutsam sein können.

Es ist eindeutig, dass die Daten, die hier gesammelt wurden, potenziell wertvoll sind, und sie können bei der Beantwortung wichtiger Fragen helfen. Der Wert dieser Bemühungen kann aber enorm gesteigert werden, wenn die Fragen und Interpretationen einer gründlichen Überprüfung unterzogen werden und das Feedback anderer aus der wissenschaftlichen und der veganen Gemeinschaft erhalten. Zudem ist der wichtig für uns, die wir uns in der Verteidigung der Tiere einsetzten, Forschung mit dem grundlegenden Verständnis zu aufzunehmen, dass sie immer ein menschlicher Prozess ist und wir uns ihrer Begrenztheit bewusst sein müssen.

Zum Autor:

Zusätzlich zu seiner Arbeit als Leiter der Vegan Publishers ist Casey Taft Professor für Psychiatrie an der Boston University School of Medicine. Er ist ein international anerkannter Forscher in den Bereichen Trauma und Familie und hat zahlreiche renommierte Preise für seine Arbeit von der International Society for Traumatic Stress Studies, dem Institute on Violence, Abuse and Trauma und den Centers for Disease Control and Prevention erhalten. Er hat über 100 Journalartikel, Buchkapitel und wissenschaftliche Berichte verfasst, ist Mitherausgeber des Jorunals „Psychological Trauma: Theory, Research, Practice, and Policy“ und Vorstandsmitglied der „War Writers’ Campaign.“ Casey arbeitete auch als Vorsitzender einer Arbeitsgruppe der American Psychological Association für Traumaverarbeitung im Militär und ist als Berater zur globalen Gewaltprävention bei den Vereinten Nationen tätig gewesen. Er sieht die Prävention der Gewalt gegen Tiere als eine logische Erweiterung seiner Arbeit.

Alle Links: 19.12.2014

[1] Siehe auch folgenden Link: https://web.archive.org/web/20150314232646/http://spot.humaneresearch.org/content/how-many-former-vegetarians-are-there ; die Angaben werden immer noch von der Organisation Faunalytics weiter verwendet.

Anastasia Yarbrough: Radikale Selbstfürsorge in Erwägung ziehen: Tierrechte – denn das Leben zählt.

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Farangis G. Yegane: left: Ma’at above the city; right: Io.

Anastasia Yarbrough

Radikale Selbstfürsorge in Erwägung ziehen: Tierrechte – denn das Leben zählt.

Dieser Text als PDF (Link öffnet sich in einem neuen Fenster)

Eine Präsentation gehalten bei: Neither Man Nor Beast: Patriarchy, Speciesism and Deconstructing Oppressions, eine Webkonferenz organisiert von Animal Liberation Ontario, Kanada, die am 23. Februar 2014 stattgefunden hat. Originaltitel: Contemplating Radical Self-Care: Animal Rights as if Life Matters. Übersetzung: Palang L. Arani-May, mit der freundlichen Genehmigung von Anastasia Yargrough.

Mike: Anastasia ist in den Bereichen: Tierrechte, soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz seit über zehn Jahren tätig. Sie ist ein ehemaliges Vorstandsmitglied des Institute for Critical Animal Studies, gegenwärtig Mitglied des beratenden Gremiums des Food Empowerment Project und Fellow beim Centre for Whole Communities. Beruflich arbeitet sie in Ashville, North Carolina, an Projekten zur Förderung des ‚community empowerment’. […]

Anastaia: Hallo allerseits! Ich bin also hier um über die Möglichkeiten der radikalen Selbstfürsorge zu sprechen und der Titel meiner Rede ist: „Die radikale Selbstfürsorge in Erwägung ziehen: Tierrechte – denn das Leben zählt.“ Was mich dazu inspirierte diese Rede hier zu halten oder diese Konversation hier zu führen, darüber, was die radikale Selbstfürsorge für uns als Aktivist_innen bedeuten kann, auch in Hinsicht auf die Gemeinschaftsbildung, ist meine Erfahrung als Aktivistin, und im Speziellen ein Praktikum bei einem Schutzhof/Lebenshof und wie ich dort nach Unterstützung suchte, aber nicht wusste, wie ich in solch einem Raum danach fragen könnte.

Die Kultur des Schutzhofes bestand nicht darin, den Aktivist_innen in Sachen derer gegenseitigen Unterstützung zu helfen – auch nicht damit wir dadurch den Tieren vielleicht besser helfen könnten sich selbst helfen zu können – es war eher so, dass Gefühle überhaupt nicht zählten. Was auch immer du fühlen magst, du musst alles runterschlucken und „tun was für die Tiere zu tun ist, denn deren Leid ist viel größer als dein eigenes“. Dagegen ist nichts einzuwenden. Es ist schwer deine Gedanken zu kommunizieren, wenn dieser Art der Kommunikation einfach kein Raum gegeben wird. […]

Ich komme also aus dieser Richtung. Als ich mehr Aktivist_innen begegnete, die ähnliche Erfahrungen nicht allein in Schutz-/Lebenshöfen machten, sondern allgemein in Tierrechtsräumen, verstärke sich in mir der Eindruck, dass dies doch ein Thema ist, über das wir in den Tierrechten sprechen sollten. Was es also heißt uns selbst zu helfen, so dass wir damit auch anderen helfen können. Vor diesem Hintergrund betrachtet sollte klar werden, was ich hier mir ‚radikaler Selbstfürsorge’ meine.

Die radikale Selbstfürsorge und der Gedanke sozialer Gerechtigkeit verbindet eine lange gemeinsame Geschichte, die zurückgeht bis zur abolitionistischen- und zu der Anti-Sklavereibewegung des späten 18. und des frühen 19. Jahrhunderts. Es gibt ein Zitat von einer schwarzen Frau namens Mrs. Wittington, das, so finde ich, wirklich den Geist dessen erfasst, was die radikale Selbstfürsorge in der Bewegung sozialer Gerechtigkeit bedeutet:

Wir wollen leben, und nicht einfach nur so von Tag zu Tag existieren – so wie ihr oder irgendein Mensch es auch will.

Als Tieraktivist_innen können wir diesen Anspruch erweitern auf den Einbeschluss aller Lebewesen. Als Lebewesen wollen wir mit Würde leben, und ich denke, dass wir uns genau dafür einsetzten können – für diese Bedeutung der Würde, nämlich, dass das Leben über die bloße Subsistenz oder das von-Tag-zu-Tag-existieren hinausgeht. Das ist ein zentraler Punkt, und wir sollten dazu imstande sein, dass dies in unserem eigenen individuellen Leben für uns irgendwie fühlbar wird, damit wir das Bewusstsein in unsere aktivistische Arbeit in einer erweitert kreativen und informierten Art und Weise hineintragen können.

Es gibt noch ein anderes sehr schönes Zitat, und zwar von Helen Howard, das ziemlich bekannt ist und das ich wirklich liebe. Es geht um das Überleben und das glückliche Fortbestehen:

Wir kennen die Probleme und wir sehen sie, weil wir so dicht an ihnen dran leben. Wir wissen, dass wir ein Verantwortungsbewusstsein haben, und wir – einige von uns – haben versucht manche der Ziele, die wir selbst nicht erreichen konnten, der Kindern weiter zu vermitteln. Bin ich der-/diejenige, der/die nach meinem Bruder/meiner Schwester schaut? Ich? Ich muss es sein.

Ich finde dieses Zitat in seiner Bedeutung sehr wichtig, denn eine radikale Selbstfürsorge ist nicht nur eine Grundvoraussetzung zur Verbesserung der eigenen Lebensqualität, sie fördert uns auch als Individuen im Sinne einer aktiven Form der Selbstermächtigung.

In der Tierrechten musste ich mir das selbst beibringen, das sich selbst stark machen, um den Mut zu haben ‚da zu sein’, und ‚da zu sein’ wenn es drauf ankommt. Dessen bedarf sich die Zeit dafür zu nehmen und den Raum dafür zu schaffen, um auch nach mir selbst zu schauen zu können. Und dazu braucht es auch eine Gemeinschaft und eine Kultur, die dies unterstützt.

Eine andere Erweiterung der radikalen Selbstfürsorge existiert heutzutage auch in der Form spiritueller Praktiken, die sich mit den Gedanken sozialer Gerechtigkeit verbinden. Es gibt zahlreiche Organisationen und Gemeinschaften, innerhalb der Bewegungen für soziale Gerechtigkeit, die sich damit auseinandersetzten. Viele unterschiedliche spirituelle Praktiken, wie die Meditation, die Kontemplation, Yoga, Rituale, die auf traditionellen afrikanischen Religionen begründet sind, und andere traditionelle Praktiken, sind zu Werkzeugen der Selbstermächtigung für Einzelne und Gemeinschaften geworden. Ich würde auch so weit gehen, zu sagen, dass die radikale Selbstfürsorge ein Thema ist, das auch insbesondere in der Intersektionalität seinen Platz einnimmt – so wie bei Organisationen wie dem Food Empowerment Project, überhaupt innerhalb der Nahrungsmittelgerechtigkeitsbewegung, und auch in der Arbeit von Aktivistinnen wie Beispielsweise [von der Mitbegründerin des VINE Sanctuary] pattrice jones. Von diesem Punkt aus weitergehend will ich beschreiben, was die radikale Selbstfürsorge für die Tierrechte und für Tierrechtsaktivist_innen ganz spezifisch bedeuten kann.

pattrice jones hat vor vier oder fünf Jahren ihr Buch „Aftershock“ veröffentlicht – ich will es hier jetzt nicht im Detail beschreiben, aber es geht mir um etwas, das in diesem Buch steht, und ich empfehle jedem das Buch einmal zu lesen. Es ist ein optimales Werkzeug für Aktivist_innen, spezifisch für Tierrechtsaktivist_innen, um zu lernen, wie wir uns selbst dabei helfen können traumatische Erlebnisse zu verarbeiten – wie das Bezeugen von Bildern und Szenen der Gewalt, Folter und Verstümmelung oder ausgelöst durch die Arbeit in der Tierrettung. Dies ist harte Arbeit. Und zur emotionalen Unterstützung eignet das Buch ganz hervorragend. pattrice jones schreibt darin, und das gefällt mir sehr gut, dass „umso früher wir lernen, die Zeichen von Stress und Depression in uns selbst und bei anderen zu erkennen, und umso früher wir lernen daraufhin zu reagieren, umso stärker kann unsere Bewegung werden.“ In anderen Worten heißt das, wenn du anderen helfen möchtest, so musst du auch auf dich und deinen eigenen Körper achten.

Ich denke das ist ein sehr schönes Statement, indem nicht allein auf die Bewegung als eine kollektive Intention geschaut wird, sondern auch auf die Bewegung als eine Fähigkeit in unserem eigenen Leben, hinsichtlich dessen, wie wir aus eigener Kraft in unserer Welt navigieren, auf sie reagieren, wie wir uns selbst in unserer Welt behandeln, in den Räumen in denen wir uns befinden. Ich denke das ist eine außerordentlich wichtige Praxis für diese Bewegung, die so wichtig ist, wie die Bewegung selbst.

Ich umreiße dieses Thema hier nur und habe leider keine spezifischen Tipps umd Mittel dafür, wie man sich selbst am besten helfen kann und wie die radikale Selbstfürsorge genau auszusehen hätte. Ich möchte eher eine Konversation über dieses Thema halten, da es bislang nicht diskutiert wurde, und, ich möchte unserer Gemeinschaft einen Anstoß dazu geben, einmal darüber nachzudenken, und vielleicht sogar selbst kreative Ideen zu entwickeln, wie wir uns im Ganzen wirklich selbst schätzen lernen können, so dass dies auch eine gemeinschaftstiftende Wirkung haben kann.

Ich selbst sehe die radikale Selbstfürsorge für die Einzelne oder den Einzelnen als einen stark an die Gemeinschaft gebundenen Prozess. Was bedeutet, dass wir den Raum dazu auch wirklich haben sollten, und dass unsere Gemeinschaften hoffentlich stabil genug sind, damit solch ein Schauen nach-sich-selber dort auch eine entsprechend wichtige Funktionen einnehmen kann, statt bloß unangenehme Pflicht oder was gänzlich vernachlässigenswertes zu sein.

Radikale Selbstfürsorge heißt, dass uns unser Leben soviel bedeutet, dass wir begreifen, dass das Leben an und für sich etwas bedeutet. Leben – so, dass jedes Leben zählt. Die Gemeinschaft spielt in der Formung unseres Lebens eine wichtige Rolle und sie kann diesen Wert in uns stärken. Und, obwohl das ein ganz essentieller Punkt ist, und tatsächlich ein Bedürfnis für solch eine radikale Selbstfürsorge existiert, gehen wir diesen Dingen zumeist aber nicht nach. Es ist für uns Aktivist_innen schwer, hart an der Praxis unserer Prinzipien zu arbeiten, wenn wir keine Gemeinschaft haben, die uns darin unterstützt, und wenn wir niemanden haben, an den wir uns vertrauensvoll wenden können oder wenn wir keinen Raum der Teilhabe finden können.

Die radikale Selbstfürsorge gibt uns aber als Individuen die Stärke dazu, uns selbst helfen zu können, so dass wir damit letztendlich auch den Tieren dabei helfen können, sich zu helfen … . Es ist wirklich schwer „da zu sein“ für jemanden, wenn man selbst so erschöpft ist, dass man noch nicht einmal kooperativ mit den Mitaktivist_innen an Kampagnen arbeiten kann. Wir können keine Outreach-Arbeit machen oder vegane Aufklärungsarbeit betreiben, wenn wir dauerhaft unter Schock stehen bzw. zutiefst belastet sind durch all die Bilder und das ganze negative Feedback, das wir im Bezug auf die unfassbar dramatische Notlage der Tiere durch alle Institutionen hindurch erleben.

Damit also umgehen zu lernen und den Raum und die Zeit für eine radikale Selbstfürsorge als Gemeinschaft zu finden, stärkt uns Schritt für Schritt, als die Individuen die wir sind, damit wir so die Kraft, den Mut und die Würde in uns finden können, um einfach da zu sein und zu sagen: „Nein! Ich stehe hierfür auf und ich habe die Kraft das zu tun und es ist gut so. Ich weiß, dass wir uns in unseren Gemeinschaften gegenseitig unterstützen können und ich vertraue darauf.“

Am Aufbau unserer Gemeinschaft zu arbeiten und füreinander da zu sein, ist ein essentieller Teil der Anti-Oppressionsbewegung. Es ist einfach stressig und entmutigend sich mit Menschen zu umgeben, denen dein Wohl als Mit-Tier vollkommen egal ist. Es ist schwer jegliche Form der Arbeit gut zu vollbringen oder unser Leben zu transformieren, wenn wir ständig von anderen Mit-Aktivist_innen entmutigt werden, denen das alles egal ist oder die eine Haltung vermitteln, als ob es nicht in Ordnung wäre, dich als Mit-Tier zu unterstützen. Das darf nicht der Kanon der Tierrechtskultur sein. Es geht uns darum, den Tieren zu helfen, und solch eine Haltung wäre fatal rigide; es lähmt den Geist in solch einem disfunktionalen oppressiven Raum verfangen zu sein.

Ich stelle mir stattdessen eine vollkommen dynamische, tief-verbundene, sich erweiternde Tierbefreiungsbewegung vor, die Aktivist_innen in allen Räumen ihres Aktivismus unterstützt, gleich wo ihr Eintrittspunkt sich befindet – egal woher sie kommen. Die Leute dort abzuholen, wo sie sich gerade befinden und ihre Präsenz zuzulassen, sie echt und ganz sein lassen, während sie diese harte Arbeit vollbringen … und nicht nur immer mit uns befasst zu sein, während wir andere bei dieser schweren Arbeit gerade mal abwerten. Es ist wirklich eine schwere Arbeit.

Einfach da zu sein, seine Gegenwart zu zeigen und offen und ehrlich auf das zu reagieren, was wir jeweils in einem Moment gerade beobachten und erleben, offen und ehrlich auf den Schmerz zu reagieren und die furchtbaren Dinge die Tieren geschehen zu bezeugen, braucht den Mut mit diesen Gefühlen fertig zu werden. Es zertrümmert deinen Geist, das zu fühlen. Und es ist niemals genug, was du tun kannst. Oder ist es die Kultur in der wir uns befinden, die uns das Gefühl vermittelt, dass nichts genug sein kann, dass du letztendlich selbst nichts tun kannst, und dass deine Gefühle dabei eigentlich nicht zählen?

Ich würde also denken, dass solche eine persönliche Arbeit an einer radikalen Selbstfürsorge respektiert werden sollte, und nicht als sinnlos, als überflüssig oder als dem-Aktivismus-nicht-dienlich abgetan werden sollte – insbesondere dann, wenn es eben um Nichtmenschen und Tierrechte geht. Ich stelle mir unter solch einer radikalen Selbstfürsorge vor, dass Aktivist_innen dann wenn es drauf ankommt, die Energie und die Kraft haben sollten für die Tiere aufzustehen, da unsere Gemeinschaften oder die Tierrechtsgemeinschaften unterstützend und für-das-Leben-sorgetragend und das-Leben-bejahend sind – dann und dort, wo wir in kulturell und ökologisch nachhaltig-denkenden und -funktionierenden Gemeinschaften gedeihen und wachsen können. Gemeinschaften, die durch das eigene Beispiel zeigen, dass wir so leben können, dass alles Leben und jedes Leben zählt.

Ich möchte also diese Hoffnung für die radikale Selbstfürsorge hinausschicken, und hoffe, dass dies eine Konversation darüber anregen kann, so dass wir in solch einem Prozess voneinander lernen und Ideen dafür entwickeln können, wie wir dem Leben in den Tierrechten affirmativer gegenüberstehen können: Unseren eigenen Leben und dem Leben der anderen.

Meine Zusammenfassung für diese Präsentation endete mit der Frage: Wie navigieren wir den Sturm der Oppressionen und überstehen das Ganze in einem gesunden Zustand? Ich fände es gut wenn Ihr Euch mal darüber Gedanken macht, was es heißt „durch den Sturm der Oppressionen zu navigieren“, und, was es heißt dies „gesund zu überstehen“. Was ist Gesundheit? Ich will Euch sagen, was ich darüber denke und möchte diese Konversation gerne im Bezug auf diese beiden Punkte weiterführen. Wenn ich hier von „Gesundheit“ spreche, so meine ich die Gesundheit in einem eher ganzheitlichen Sinne. Du bringst Dein ganzes Selbst mit ein und Du bist gut. Du bist einfach gut! Du bist nicht von Selbstzweifeln zerfressen, Du bist ganz bei der Sache und bist dabei in einem gesunden Zustand – ich meine damit eine Art des Zustands der Entfaltung, ein „Erblühen“. Ich liebe den Begriff eines Zustands der Entfaltung (flourishing condition) und Ihr könnt das wie auch immer interpretieren, ich denke es ist eine schöne Art, das eigene Leben und die eigenen Lebenserfahrungen zu beschreiben – so wie etwa: „ich bin in einem blühenden Zustand!“

Stellt Euch also vor, wie wir, wenn wir in solch einer blühenden Verfassung sind, wie dann unser Bezug verläuft zu uns selbst, zu anderen Menschen, zu anderen Tieren, zur Umwelt und zum Raum im allgemeinen – letztendlich also zu unserer ganzen Gemeinschaft. Die radikale Selbstfürsorge wird dann zum fortwährenden Verhandeln und zum fortwährenden Austausch, als ein Weg dessen, wie wir uns in die Dinge einbringen können und wie wir auch wieder aus ihnen hinaustreten können. Wir können so, in unserer Beziehung zu uns selbst im jeweiligen Augenblick, unseren eigenen Takt finden. Wir sollten in unseren Beziehungen den Mut, die Würde und die Kraft besitzen, offen als „echter“ Mensch kommunizieren zu können – d.h. einfach als derjenige der man ist da zu sein, und nicht das Gefühl haben zu müssen, dass man sich hinter irgendjemandem verstecken oder Selbstzensur betreiben müsse.

Es geht um ein beinahe kompromissloses Mitgefühl, um Offenheit und Authentizität. Stellt Euch als Euer echtes Selbst vor, das Ihr wirklich seid und wie Ihr Eure Beziehung zu anderen Tieren herstellt. Wie Ihr durch sie gewinnt, in jedem Moment, ob in der faktischen Begegnung oder indirekt, durch Erlebnisse und Begebenheiten, die wir über sie untereinander kommunizieren: Nachrichten über sie, Geschichten, die von ihnen handeln oder was auch immer wir von ihnen bezeugen, was wir von ihnen vermittelt bekommen.

Das kommt von ihnen! Und die Gedanken, die ihr habt stammen also auch von ihnen. Die Wichtigkeit dies erkennen und differenziert erleben zu können, ist wichtig. Dabei müssen wir Geduld mit uns selbst dazu haben, eine noch bessere Verbindung einzugehen und noch genauer und tiefgründiger zu schauen, wo all diese unterschiedlichen Wesen denn eigentlich genau herkommen.

Die Geduld mit sich selbst ist sehr wichtig, und die Güte mit sich selbst, denn dies ist auch Teil Deiner Arbeit. Eure Beziehung zu eurer Umwelt und den Räumen, in denen ihr Euch bewegt, beinhaltet die allgemeine Beziehung zum Ort und wie wir mit unserer Umwelt umgehen – ob das in einer veganen Boutique ist oder bei uns zuhause, wir bewegen uns darin, leben darin. Unsere Beziehungen zu unseren Nachbarn, unsere Beziehungen überhaupt, unsere ökologische Beziehung zum Ort, drückt sich in der einen oder anderen Weise aus. Und zwar auf der ganzen Ebene.

Zu all dem als ganzes Wesen einen Bezug herzustellen, ist etwas Entscheidendes, für einen selbst, für die Mitmenschen und für die anderen Tiere, die ebenfalls an diesen Orten leben. Der Bezug muss positiv aufgebaut werden. Man sollte seine nichtmenschlichen Nachbarn eben so kennenlernen, jedes Individuum für sich, und alle und alles wiederum im Bezug zur ganzen Gemeinschaft. Und mit der ganzen Gemeinschaft meine ich wirklich die Interspezies-Gemeinschaft und die ökologische Gemeinschaft, „den Boden auf dem wir gehen“ quasi, so auch die Gemeinschaft, mit der wir vielleicht häufiger zusammen unsere Mahlzeiten teilen.

Übung spielt auch in diesem Zusammenhang eine Rolle, und zwar dabei, wie wir all die verschiedenen Aspekte unseres Lebens (das heißt auch unseres ganz individuellen Lebens) zusammenfügen, und dabei Schritt für Schritt durch diese Monströsität hindurch navigieren. Vielleicht sollte ich hier nicht von Monströsität sprechen, sondern davon, wie wir Unterdrückung navigieren und dabei immernoch uns selbst und unseren Beziehungen treu bleiben, ganz dabei bleiben, die Bodenhaftung nicht verlieren, die Echtheit und eine umfassende Liebe bewahren.

Das klingt vielleicht romantisch wenn ich das so sage, aber ich lerne mit dieser Art der Perspektive jeden Tag etwas darüber hinzu, wie ich in der Welt navigiere und mir dabei selbst als Aktivistin meine Kraft verleihe. Ich denke, dass die radikale Selbstfürsorge bedeutet, zu den Wurzeln des eigenen Ich zu finden und herauszufinden, was es ist, das wir brauchen um die Dinge zu überstehen und damit wir wachsen können. Sich in gegenseitigen, respektvollen, gerechten, liebenden Beziehungen mit anderen zu befinden, ist meiner Meinung nach eine Praxis, die sich von Tag zu Tag entwickelt. Ich denke es hilft, diese Geflechte als Praxis zu behandeln, um sich die Augeblicklichkeit dabei vor Augen zu halten und um dabei immer auch zu sehen, wie ich an jedem gegebenen Tag die Beziehung mit mir selbst und die Beziehung zu den anderen herstelle:

–         Bin ich einfach nur frustriert, bin ich wütend, betreibe ich ungerechtfertigte Anschuldigungen anderer, hab andere Leute satt oder versteh ich einfach nicht worum es gerade geht?
–         Wie stelle ich meinen Bezug zu anderen Tieren her?
–         Mit wem habe ich an diesem Tag in meinem Leben interagiert?
–         Weiß ich überhaupt, was mit den Tieren, mit denen ich in einer Gemeinschaft lebe, los ist?
–         Habe ich ein gutes Verhältnis mit meiner Home Base?
–         Was ist meine Beziehung mit der Umwelt und dem Raum gerade jetzt?
–         In welchem Bezug stehe ich zu dem Ort, an dem ich lebe, und wie gehe ich mit diesem Ort um, wie bewege ich mit an diesem Ort?
–         Wie ist meine Beziehung zur ganzen Gemeinschaft?
–         Fühle ich etwas, stehe ich in Verbindung? Fühle ich die Sonne auf meinem Gesicht?
–         Bin ich in Harmonie mit all meinen Bezugspunkten/Beziehungen?

Diese Art der Fragestellung hilft mir darin, mich zu suchen und zu finden, um mich daran zu erinnern, dass all dies Leben ist, und dass das Leben zählt.

Man kann als Aktivist_in nicht stark, empowered und in seiner Hilfeleistung effektiv sein, wenn man mit seinem Leben nicht im Einklang steht. Ich möchte daher abschließend nochmal diesen Punkt betonen und hoffe, dass wir verstärkt einen Dialog über die Wichtigkeit einer radikalen Selbstfürsorge als Praxis auf der individuellen Ebene, so wie auch auf der Gemeinschaftsebene, führen können. Es geht also um die Praxis der Kultivierung lebensbejahender Werte. Es reicht nicht aus, die Muster von Unterdrückung zu erkennen, dann aber keine Werkzeuge an der Hand zu haben oder keine ausreichende Bodenhaftung zu haben, um diese Problemkomplexe umfassender zu begreifen und in Konsequenz auf sie zu handeln. Ich denke diese Praxis kann uns dabei helfen, mit den konkreten, gegebenen Problemen im jeweiligen Moment in einer lebensbejahenden Art und Weise umzugehen.

Ich möchte meine Rede damit an dieser Stelle enden lassen. Ich denke ich habe genug gesagt. Die Diskussion über dieses Thema scheint mir in Hinsicht auf unsere Gemeinschaft wirklich wichtig. Ich würde daher nun gerne einige Eurer Fragen beantworten. Mike können wir zum Diskussionsmodus wechseln?

Mike: Ja sicher, das war toll. Danke Anastasia!

Frage 1: Hast Du den Eindruck, dass Deine Arbeit als Aktivistin, seitdem Du diese radikale Selbstfürsorge für dich anwendest, einfacher geworden ist? Und welche Phasen waren für Dich die schwierigsten?

Frage 2: Könnte man sagen, dass aktiv und informiert zu sein, an und für sich bereits eine Handlung radikaler Selbstfürsorge ist?

Zu der ersten Frage, ob dies mir emotional bei der Arbeit als Aktivistin geholfen hat, möchte ich sagen: Ja, in einem gewissen Maße hat es das. In dem Sinne, dass ich über die Zeit auf diese Weise mehr Widerstandsfähigkeit entwickelt habe, so dass ich genau darum Bescheid weiß, welche der schwierigen Hauptarbeitsschwerpunkte ich zu einem bestimmten Zeitpunkt angehen will, und dass ich auch den Mut dazu habe, die für mich damit verbundenen Problematiken mit anderen zu besprechen.

In anderer Hinsicht gibt es da schon noch Probleme. Viele Punkte, die ich hier angeschnitten habe, drücken Ziele und Ideale aus und entsprechen nicht so ganz dem, was wirklich geschieht – vor allen Dingen nicht auf der Gemeinschaftsebene.

Ich habe die Kraft einer radikalen Selbstfürsorge leider noch nicht innerhalb von Aktivist_innen-Gruppen erleben können. Und das ist mit der Zeit auch nicht leichter oder besser geworden. Die Aktivist_innen-Gruppen sind imemrnoch vorwiegend ein Raum der Rängeleien und des Konflikts, ohne dass sich jemals dabei vernünftige gemeinsame Lösungen finden würden. Das ist schon ermüdend und stellt eine eher unangenehme Herausforderung dar.

Was die zweite Frage betrifft, ob ich denke, dass Aktivismus und Informiertheit an erster Stelle überhaupt selbst eine Form der radikalen Selbstfürsorge darstellen? Vielleicht. Informiertheit in dem Sinne, dass man fähig ist und den Mut dazu hat, diesen Grad an Grausamkeit zu bezeugen; diese Art der Informiertheit, als eine aktive Form radikaler Selbstfürsorge … ich würde sagen, dass das definitiv ein Akt des vehementen Mitgefühls ist, aus der die radikale Selbstfürsorge lernt. Aber ich würde nicht sagen, dass es an sich schon eine komplette Art radikaler Selbstfürsorge ist. Die radikale Selbstfürsorge orientiert sich mehr an den Verläufen, an Prozessen und bedarf des Feedbacks im Sinne des: „Ich erhalte diese Information von der Welt und nun ist ‚radikale Selbstfürsorge’ das, wie ich darauf reagiere. Gehe ich einen Schritt zurück? Habe ich den Mut an dieser Stelle überhaupt Fragen zu stellen? Und wenn nicht, woraus besteht meine harte Arbeit eigentlich, oder was ist die Arbeit, die ich leisten müsste um mich damit sicherer zu fühlen, stärker, und um besser mit diesen Gefühlen umgehen zu können?“

Mit Gefühlen meine ich, dass wenn ich Handlung ergreifen will, zum Beispiel gegen den illegalen Handel mit wildlebenden Tierarten, aber das Problem ist so riesig und gigantisch, und die Bilder, die ich sehe sind so furchtbar und kaum zu ertragen, und ich höre niemals, dass etwas Gutes geschieht in der Sache – das überrollt einen einfach. Wenn ich dann nicht davon überzeugt bin, dass ich etwas auch von dort aus tun kann, wo ich gerade bin, dann sollte meine harte Arbeit nicht gerade an dieser Stelle zum Einsatz kommen. Der Akt der radikalen Selbstfürsorge ist, zu wissen, immer wieder zu evaluieren und zu re-evaluieren, wo mein Einsatz mich erwartet.