Vegan Türkiye über intersektionalen veganen Outreach und die Rechte der Nichtmenschen

Vier Fragen … an Vegan Türkiye über intersektionalen veganen Outreach und die Rechte der Nichtmenschen – innerhalb der Bemühungen um eine Redefinition dessen, was eine „allumfassende“ politische Freiheit idealerweise bedeuten könnte.

Ein Kurzinterview das N. Eyck (NiceSwine.Info) mit der progressiv-veganen Aktivist_innengruppe Vegan Türkiye führte. Es geht um die dringenden Fragen, die die Bewegung innerhalb der Türkei anbetreffen. Von ihren Strategien und Erfahrungen lassen sich wichtige Impulse zur Redefinierung des Veganismus als aktivistisches ethisch / politisches Werkzeug ableiten.

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Der Blog von Vegan Turkiye ist auf http://veganturkiye.blogspot.de/; auf Twitter followen auf @veganturkiye.

N. Eyck: Ist die Tierrechts- / Tierbefreiungsbewegung in der Türkei in gewisser Hinsicht „gezwungen“ dazu intersektional zu denken? Das heißt: bilden Menschenrechte und Umweltgerechtigkeit einen unumgänglichen Kern innerhalb der TR/TB-Bewegung unter Bedingungen politischer Oppression, in dem Grad, in dem ihr sie gegenwärtig in der Türkei erfahrt?

Vegan Türkiye: Zuerst muss man sagen, dass die Menschen in der Türkei unter politischem Druck stehen im Bezug auf das, was sie essen, was sie tragen, wen sie lieben und selbst im Bezug auf die Anzahl der Kinder, die sie „haben sollten“. Menschenrechte können heute zwar offen diskutiert werden, insbesondere nach den letzten Unruhen [A.d.Ü.: den Gezi-Protesten], viele Menschen meinen jedoch, dass man sich um Tierrechte erst dann kümmern sollte, wenn Verstöße gegen die Menschenrechte nicht mehr stattfinden. Das hießt, man soll sich dessen ganz bewusst sein, dass es da Menschenrechte gibt, jedoch keine „Erdlingsrechte“. Indem wir auf die Philosophie Tom Regans hinweisen, halten wir dem aber entgegen, dass alle Entwicklungsstufen der Menschenrechte erst einmal abzuwarten hieße, dass wir zu den Tierrechten niemals gelangen werden.

Die vegane Bewegung in der Türkei lehnt die Diskriminierung aufgrund der Spezieszugehörigkeit (Speziesismus) und aufgrund der Klassenzugehörigkeit (Klassismus) ab. Wir verteidigen LGBTI-Rechte und sind gegen alle Arten baulicher Erneuerungen in der Städteplanung, die dem Zwecke der Gewinnmaximierung dienen, und selbstverständlich lehnen wir jeder Form ökologischer Zerstörung ab. Auf der anderen Seite öffnen sich die Arbeiterklasse und ein in der Linken traditionell herrschendes Bewusstsein, das sich auf den Kampf der Arbeiterklasse konzentriert, hier für die vegane Bewegung. So ein gemeinsames Bewusstsein in vielen Fragen zeigte sich bei den Occupy Gezi Demonstrationen zum Erhalt des Gezi-Parks, und es zeigt sich auch innnerhalb der veganen Bewegung. Im besetzten Gezi-Park gab es eine „vegane Küche“, die zum Treffpunkt für Veganer_innen wurde, und ein Platz war, an dem Menschen dem Veganismus das erste Mal begegnen konnten.

Einige Krankenhäuser und Tierärzte waren rund um die Uhr geöffnet und man bekam die Behandlung dort umsonst. Tieren, die durch das Tränengas betroffen waren, das bei der Besetzung gegen die Demonstranten eingesetzt wurde, konnte somit sofort geholfen werden, und tagsüber gab man unter den Demonstranten die Warnmeldung heraus, dass die Tiere besser an sicherere Orte gebracht werden sollten. Eine andere, schlechte Erinnerung aus diesen Tagen war, dass mehrere Tierrechtler_innen festgenommen wurden, als sie an einer Gedenkdemonstration „für alle Lebewesen, die im Zeitraum der Gezi-Besetzung getötet wurden“ teilnahmen.

Straßen, Plätze, Universitäten sind nicht mehr die Orte, an denen die Menschen darüber sprechen, welche Gruppen marginalisiert werden. Die Veganer_Innen hier transponieren ihre politischen Ideen hingegegen auf jeden Lebensbereich, und dabei geht es immer darum, das wesentliche Ziel zu erreichen: das Recht der Tiere auf Freiheit. Wichtig ist auch, anderen Menschen zu vermitteln, dass das Ganze nicht allein Sache der Aktivist_innen ist; die Verletzung von Tierrechten ist eine Angelegenheit, die jeden Menschen etwas angeht.

N. Eyck: Das Bloggen und das soziale Netzwerken spielt in der Türkei bei der Outreach-Arbeit für Tierrechte und die Tierbefreiung, und diesbezüglich zum Informationsaustausch und zur Informationsverteilung, eine wesentliche Rolle. Könnte, auf einer parallelen Ebene, ein engerer wechselseitiger Austausch (von Ideen und über Probleme, denen man sich gegenüber gestellt sieht) auf internationaler Ebene einen neuen Impuls schaffen, und Möglichkeiten der Weiterentwicklung für unsere Bewegung weltweit eröffnen? Mit anderen Worten: Besteht da nicht eine Notwendigkeit für den „runden Tisch“ in der globalen veganen TR/TB-Gemeinschaft, um von unseren gegenseitigen Erfahrungen zu lernen, usw.?

Vegan Türkiye: Ja, das Internet ist ein entscheidendes Werkzeug um die Tierrechtsbewegung überall im Land bekannt zu machen, und um die Materialien, die mit der Bewegung im Zusammenhang stehen, miteinander zu teilen. Über das Internet können wir als Tierrechtsaktivist_innen ein gemeinsames Brainstorming machen und andere Informieren – auf individueller Basis, als Gruppe und selbst als Bürgerrechtsorganisation, auch wenn sich unsere ethischen Vorstellungen alle zu einem gewissen Grad unterscheiden; wir verfolgen unterschiedliche Ansätze in der Wahl unserer Aktionen und im Diskurs.

Bisweilen treten natürlich auch Missverständnisse und sogar recht extreme Streitigkeiten auf; soweit mussten wir aber noch nicht erleben, dass solche Streits bis zum Eklat gekommen wären. Online folgen und unterstützen wir uns alle gegenseitig. Die Bewegung für die Freiheit der Tiere setzt sich unentwegt fort, über die kontinuierlich miteinander über das Internet ausgetauschten Informationen. In diesem Kontext irrt man nicht, wenn man behauptet, dass die Tierbefreiungsbewegung über die sozialen Medien und die Blogs ihre Versorgungroute gefunden hat.

Was die Globalität anbetrifft, so folgen wir bereits größeren, radikalen oder kreativen Gemeinschaften. Eine umfassende Zusammenkunft, bei der man die unterschiedlichen Erfahrungen, die in den verschiedenen Ländern gesammelt werden, miteinander teilt, kann statt einem „Globalen Online“ als einziger Zusammenkunftsform eingerichtet werden. Es kommt schließlich auch dazu, dass Tierrechtsaktivist_innen die lokalen sozio-ökonomischen und kulturellen Unterschiede ignorieren, das heißt: eine bestimmte Art des Tierrechtsaktivismus kann an einem anderen Ort sogar nachteilige Effekte haben. Daher sollte jeder/jede mit der Bewegung sorgsam umgehen. Außer der Verbindung übers Internet können Tierrechtsaktivist_innen auch außerhalb der Internets ihre Kontakte miteinander pflegen und sich auch häufiger im Jahr mal treffen, um dann ihr Wissen, ihre Erfahrungen und die Probleme, auf die sie stoßen, gemeinsam zu diskutieren.

N. Eyck: Ist das theoretisieren über Tierrechte, das verlautbar machen der eigenen Meinung, der eigenen Gedanken über Tierrechte, etwas, dem man in der veganen Gemeinschaft in der Türkei häufiger begegnen kann?

Vegan Türkiye: Die Tierrechtsbewegung ist noch so neu, im Sinne der Organisierung. Selbst wenn einige Tierbefreiungsaktivist_innen schon lange in der Bewegung sind, kann man doch sagen, dass wir uns zur Zeit noch in der Trial-and-Error Phase befinden. Einige Ansätze und Publikationen die aus dem Ausland stammen, haben uns zur Bewegung gebracht. In der Türkei selbst ist es uns bislang nicht gelungen einen gemeinsamen, zentralen Diskurs zu entwickeln, und der Grund dafür ist, dass wir es soweit nicht geschafft haben eine gemeinsame kulturelle Basis dazu zu schaffen. Nichtsdestotrotz kam die erste türkische Buchveröffentlichung über den Veganismus letztes Jahr heraus. Die Autoren sind Zülal Kalkandelen and Can Başkent und dieses Buch wurde gemeinsam mit Lesern online erarbeitet. Es ist kein theoretisches Buch, aber es wirft, was für die Leserschaft wichtig ist, ein Licht auf die Tierrechtsfrage.

N. Eyck: Glaubt ihr, dass ein praktischer und letztendlich politischer Zugang zum Veganismus eine Form des Veganismus etablieren können wird, bei dem es weniger um „Convenience Foods“ geht und der weniger konsumorientiert sein könnte? Kann der Veganismus zu dem werden, was er eigentlich sein will: ein Grundpfeiler für eine Nahrungsmittelgerechtigkeit, die der ganzen Welt gerecht wird?

Vegan Türkiye: Die Fragen darüber, ‚was ich trage, was ich esse’, bringen natürlich nach einer Weile weitere Fragen mit sich, wie etwa: wie viel ich konsumiere und von woher die Dinge, die ich da konsumiere, eigentlich stammen. Du beginnst quasi ein System infragezustellen, das auf Ausbeutung basiert. Es gibt nunmehr einen größeren Markt für Veganer_innen, und der wirtschaftliche Mainstream schlägt daraus seinen Vorteil. Wir bieten den Veganer_innen aber Alternativen an, da die Konsumgewohnheiten der Menschen sowieso unterschiedlich sind, so wie eben auch ihre Kulturen.

Manche Leute meinen, dass sie an dieser Bewegung teilhaben können, ohne ihre bequemen Gewohnheiten aufgeben zu müssen. Dieser „Teil“ der Bewegung kann definitiv kritischer hinterfragt werden. Wir weisen Leute immer wieder darauf hin, ökologisch verträgliche Produktvarianten zu wählen, d.h. dass sie durch die Wahl der Produkte die sie kaufen, ökologische Schäden verhindern können. In dem System in dem wir uns befinden, existieren immanente Problemfelder über die ein gemeinsames Nachdenken mit politischen und ethischen Veganer_innen stattfinden muss.

Menschen lieben Statistiken: Für viele Leute ist es beispielsweise greifbar, wenn du mit ihnen darüber sprichst, welche Prozentzahl des agrarwirtschaftlich genutzten Landes bebaut werden muss, um die zu landwirtschaftlichen Zwecken gehaltenen Tiere zu füttern, und wie hoch die Prozentzahl der Tierversuche liegt, die den Menschen tatsächlich geholfen haben. Auch ist es sinnvoll, Leute darauf aufmerksam zu machen, dass wir heute einige Rechte haben, die vor einem Jahrhundert noch undenkbar gewesen wären, und, dass es möglich ist diese Welt zu einer veganen Welt zu machen; ein wohlmöglich unumgänglicher Schritt.

N. Eyck: Vielen Dank für dieses Interview!

2 thoughts on “Vegan Türkiye über intersektionalen veganen Outreach und die Rechte der Nichtmenschen

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