Was ist Speziesismus – für Kids erklärt

Für Kids, die sich für Tierrechte und die Autonomie von Tieren einsetzen möchten :-)

Ein Wort dass Du lernen solltest, wenn Du Tiere verteidigen möchtest: Speziesismus

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Was ist Speziesismus? Dieses Wort beschreibt eine Herabsetzung und Abwertung von Tieren aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Spezies, also einer Gattung.

Oft sieht der Speziesismus so aus wie eine Pyramide, dass die Menschen ganz oben alleine an der Spitze stehen und die Tiere alle weiter unten kommen, je nach Sortierung: manche Tiere werden als etwas wertvoller betrachtet als andere, aber der Mensch steht auf jeden Fall alleine ganz oben.

Ego: Auf sich selbst zentriert – Eco: auf die ganze Umwelt fokussiert

Wenn man so einen Aufbau verkehrt findet, so ist das meist deshalb so, weil man der Meinung ist, dass Tiere auch ebenso wichtig sein können, und dass nicht nur eine Art oder Gattung alleine wichtig sein kann. Der Mensch, so meint man dann, kann nicht alleine Spitze sein und alle Lebewesen sind einfach unterschiedlich aber keines ist besser oder schlechter. Solch eine Meinung wäre gegen den Speziesismus gerichtet. Sie wäre anti-speziesistisch, „anti“ ist Latein und bedeutet ‚gegen’.

***

Definitionsmächtig

Selbst definieren

wenn
weiß-identifizierte und/oder
mainstream Veganer_innen
mir erklären:

was Speziesismus …
was Rassismus …
was Sexismus …
was Ableismus bedeutet

dann ist das nicht intersektional gedacht
sondern sie begeben sich in eine Definitionsmacht.

Ich erlebe und definiere Speziesismus, Rassismus, Sexismus, Ableismus, Klassismus und die Art wie mein Gegenüber mich oder jemanden anderen diskriminiert anders als du es vielleicht tust.

Introspektionen und Distanz. Eine Eigenkritik am Vegansein, denn es umfasst noch nicht genug.

Was mich interessiert ist der Grund, warum die ‘vegane Bewegung’ im deutschsprachigen Raum so kaum kritisch mit sich selbst umgehen will. Das fällt mir besonders auf, bei der Kluft zwischen Wunsch und Realität in Sachen ‘wir sind moralisch ja doch überlegen – weil wir die Tiere in unsere Ethik mit einbeziehen’.

Meine lieben veganen Kolleg_innen werden ihrem Anspruch in einer eingegrenzten und praxisorientierten Ebene gerecht, aber die Ursachen von Speziesismus (als den Veganismus notwendig machende Unterdrückungsform) werden nicht weiter hinterfragt und ‘veganisiert’. Und so und anders ist der Veganismus noch lange nicht die letzte Station in Sachen intersektionaler Gerechtigkeit, die wir jemals erlangen könnten.

Man denke an folgende offensichtliche Defizite:

Wie geht man mit dem veganen Konsumerismus um?

Das schlimme ist, dass immer nur ein Weg als der gangbare untereinander gefördert wird. So haben wir es auf der einen Seite mit der Gruppe Veganer_innen zu tun, die sagen, jeder Konsum ist gut, solange vegan… und mit der andere Seite, die da sagt, wir müssen alles in Richtung Postwachstum ausbauen und eine biovegane Landwirtschaft (1) als gemeinsame Utopie verfolgen. Die reell existierende Schnittmenge (denn wir alle sind gezwungen irgendwie zu konsumieren) und die bislang kaum wahrgenommenen Ruderalerscheinungen (andere, vielleicht auch weniger spektakuläre vegane Lebensmodelle) ringsherum fallen in der Selbstwahrnehmung der ‘veganen Bewegung’ generell unter den Tisch.

Wie geht man mit der veganen Entpolitisiertheit um?

a.) in Sachen Menschenrechten: die Veganer_innen in unseren Gefilden halten sich zumeist für interessiert an globalen Menschenrechten. Die Warte, die aber immer vorwiegend eingenommen wird, ist eine weiß-zentrische, patriarchal-freundliche, die die Folgen von Rassismus und (Post-)Kolonialisierung und das Ineinandergreifen unterschiedlicher Herrschaftsstrukturen und hegemonialer Unterdrückungsmechanismen als ‘Minderheitsprobleme’ (2) abtut. So kannst Du kaum erwarten, dass ein_e Veganer_in hierzulande sich dafür interessiert, was tatsächlich in einem anderen Land an Menschenrechtsverstößen los ist. Ein Mensch, der die Privilegien unserer neoliberalen Demokratien genießt, braucht sich nur nach dem Soll zu richten, dass die Medien und ein allgemeines soziales Unwohlsein und schlechtes Gewissen in der Gesellschaft ihm vorgibt.

b.) auf welcher Ebene wird der Veganismus eigentlich beworben? Es gibt die Veganer_innen, die die gesundheitlichen Aspekte betonen, und diejenigen, die mit der ethischen Seite werben und primär argumentieren… soweit, dass Nichtmenschen ja auch fühlende Wesen sind; aber viel mehr wird auch nicht am anthropozentrischen Gerüst gekratzt … und das waren wohl auch schon beide Hauptströmungen im Veganismus. Beide sind in dem Punkt miteinander d’accord, dass sie auf die Ernsthaftigkeit der Tierunterdrückung nur mit einer Tierethik hinweisen, die Tiere immer noch als Objekte der Definitionshoheitsgebiete einer anthropozentrischen Naturwissenschaft, eines anthropozentrischen Rechts, solcher Religionen und Kulturen und Kulturverständnisse betrachten. Der eigentliche Unterdrückungsmoment ist also im weiß-zentrischen Veganismus immer noch nicht behoben.

Der Lösungsweg zur veganen Gesundheit und die Vorstellung von veganer Konsequenz liegt zumeist einerseits in der Propagierung eines konsumabhängigen Hebels (3) und Lifestyles, und andererseits haben wird den Anspruch auf vegane Kompetenz im kollektiven Aktivismus bei Demos, in sozialen Netzwerken, in Vereinen, bei Konferenzen, in der Obhut des Kulturindustriellen- und Bildungsindustriellen-Komplex… , wobei immer wieder Mehrheitsprinzipien begünstigt werden und dabei wenig pluralistisches Denken und Handeln zugelassen und/oder hervorgebracht wird. (4)

Der intersektionale Anspruch der ‘aufgeklärten’ Variante des weiß-zentrischen Veganismus klammert immer noch aus, den Tieren im politischen und soziologischen Zusammenhang als ‘animal bodies’ eine Autonomie zuzugestehen und die Menschen in einem weitaus größeren Geflecht zu betrachten als unter dem Gesichtspunkt weiß-zentrischer Narrative. Dies mag an den stagnanten Vorgehensweisen liegen die man wählt, oder daran, dass das Konzept des Veganismus selbst immer noch zu vage ist und in seinen politisch/ethischen/sozialen Forderungen nicht wirklich weit genug geht.

Ich denke immer noch man könne den Veganismus ausbauen, aber vielleicht muss man auch an neuen konkreteren Konzepten basteln. Und das Bewusstsein, dass Tiere mit in den ethischen und politischen Raum hineingehören, ist vielleicht einfach eines, das eh, ganz selbstverständlich im Zuge menschlicher Emanzipation fällig war.

(1) Die biovegane Landwirtschaft interessiert sich für die nichtmenschlichen Tiere, denen Raum zurückgegeben müsste, auch nur als ‘abwesenden Referenten”, indem ihnen in der Lebensgemeinschaft, für die man ‘Land’ in veganer Weise in Anspruch nimmt, keine tierliche Teilhabe zugestanden wird und man ihrer Problematik nur als indirekt adressierbar begegnet. Das Problem des Lebensraumes wird den Lebenshöfen überlassen, die als ‘Utopie’ und Lebensform weit weniger seitens des Veganismus durchformuliert werden. Siehe für eine Kritik an dieser Handlungsweise: Vegan Mergers: Sanctuaries, Veganic Land ‘use’ and Biotopes.

(2) Zur Unsichtbarkeit neoliberalen Post-Rassismus: Neoliberal Racism’s Post-Racial Playbook, wobei der ‘Unsichtbarkeit’ als soziales Problem der Unterdrückungsmechanismen überhaupt fortwährend und übergreifend begegnet werden muss.

(3)  “Bei vielem der Rhetorik, die sich um das koloniale Weißsein windet, geht es um Ängste bezüglich des Körpers und um Reinheit. Und dann schließlich, ein Konzept das nun eher neu dazukommt: Neoliberalismus: dass eine Veränderung effektiv nur durch die individuelle Macht der Konsumenten herbeigeführt werden kann, nicht aber durch strukturelle Veränderungen. Alles was du zu tun hast, ist ein veganes Produkt zu kaufen um damit einen gesunden Körper zu erlangen.” – A. Breeze Harper: Vegane Nahrungsmittelpolitik: eine schwarze feministische Perspektive.

(4) Das Denken, als Notwendigkeit und Chance im Aktivismus, fällt im Veganismus noch zu viel unter den Tisch, und so wird kein zugrunde liegendes Konzept, kein Rahmenwerk einer ‘veganen’ Ethik entwickelt. Die antirassistische Tierbefreiungs-Aktivistin Aph Ko äußert dazu folgende Kritik:

“Viele Leute bereifen nicht, dass das Denken tatsächlich einen Teil unseres Aktivismus ausmachen sollte. Das Denken wurde schon viel zu lange von der akademischen Welt vereinnahmt und so meinen wir, dass wir Theorie und Gedankenentwicklung eben ‚diesen’ elitistischen Menschen überlassen sollten … wenn genau aber dies doch einen Teil der öffentlichen Domäne ausmachen sollte.
[…]
Da zahlreiche unkritische Menschen Führungspositionen in den Bewegungen einnehmen, verlässt man sich auf sehr einfache, an der Oberfläche verharrende Taktiken um Menschen zu einem politischen Lebensstil hingehend zu „schocken“. Daher hat der Veganismus auch einen entsprechend schlechten Namen erhalten … er bleibt an der Oberfläche und ist sensationalistisch. Bildlichkeit kann funktionieren, insbesondere wenn sie an ein neues Rahmenwerk gebunden wird … aber die Schaffung neuer konzeptueller Rahmenwerke ist generell genau der Teil, der übersehen wird.”

Siehe: Eine antirassitische Aktivistin, die für die Tierbefreiung kämpft. Ein Interview von Mark Hawthorne mit Aph Ko.

Krokodil @veganerbund

Eine antirassitische Aktivistin, die für die Tierbefreiung kämpft. Ein Interview von Mark Hawthorne mit Aph Ko.

Ein Interview von Mark Hawthorne mit Aph Ko

Aph Ko: Eine antirassitische Aktivistin, die für die Tierbefreiung kämpft

bvr

Quelle dieses Interviews mit Aph Ko ist Mark Hawthornes Blog ‚Striking at the Roots: Animal activism around the world’: Aph Ko: Anti-Racist Activist Fighting for Animal Liberation, https://strikingattheroots.wordpress.com/2016/05/31/aph-ko-anti-racist-activist-fighting-for-animal-liberation/. Übersetzung: Gita Yegane Arani-Prenzel, mit der freundlichen Genehmigung von Aph Ko und Mark Hawthorne.

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Wer sich im letzten Jahr aktiv in der veganen Bewegung engagiert hat, der hat bestimmt bereits schon etwas von Aph Ko gehört. Aph ist im Bereich sozialer Gerechtigkeit aktiv und setzt dazu in effektiver Weise die sozialen Medien ein. Sie hat 2015 das Projekt ‚Black Vegans Rock’ gegründet, nachdem sie als vegane Aktivistin einen Bericht mit einer erstmaligen Auflistung 100 schwarzer Veganer_innen verfasste, und, sie ist die Gründerin von Aphro-ism – einer Webseite, die sich der schwarzen veganen feministischen Analyse widmet, und die sie gemeinsam mit ihrer Schwester Syl Ko betreibt. Beide fordern dort das, was sie als eine „epistemologische Revolution“ bezeichnen, indem sie über die Unterdrückung von Tieren und rassifizierte Unterdrückung schreiben. „Wir glauben, dass wir mitunter mehr für die Tiere und uns selbst tun können, indem wir die Art und Weise ändern, wie wir tatsächlich begreifen, warum Unterdrückung überhaupt geschieht,“ erklärt Aph in dieser beeindruckenden Rede, die sie anlässlich der Intersectional Justice Conference im Staate Washington gehalten hat, und bei der ich die Ehre hatte Aph und einige andere beachtenswerte Aktivist_innen im März dieses Jahres kennen zu lernen.

Aph ist auch eine Produzentin unabhängiger Medien und die Schöpferin der Comedy-Webserie ‚Black Feminist Blogger’. Man braucht wohl kaum erwähnen, dass Aph außerordentlich beschäftigt ist, ich bin ihr daher also besonders dankbar, dass sie sich die Zeit genommen hat, mir auf einige Fragen über ihren Aktivismus per Email zu antworten. Ich denke Ihr werdet von ihren Denkanstoß gebenden Antworten sehr begeistert sein.

Aph, du bist im Punkte digitaler Medien unheimlich bewandert – bloggen, Videos, die sozialen Medien, Online-Artikel. Bist Du der Meinung, dass es eine Form gibt, die sich für den Aktivismus für soziale Gerechtigkeit in ihrer Effizienz ganz besonders eignet?

Ich denke all diese Formen dienen einem einmaligen und spezifischen Zweck. Videos sind hilfreich dabei, bestimmte Narrative voranzutreiben, in einer Weise wie es das Bloggen nicht kann; Bloggen hingegen ist eher persönlich. Es hilft mir dabei, meine eigene Stimme auszutesten, während ich anderen dabei zugleich gute Ressourcen empfehlen kann. Ich denke deine Stärken geben dir vor, welches Medium du am besten verwenden solltest. Wenn du mehr Fähigkeiten darin besitzt, deine Gedanken expressiv zu artikulieren und Zusammenhänge eher über das Sprechen herleitest, dann ist es wahrscheinlich besser wenn du ein Video machst. Wenn du deine Gedanken aber besser über das Schreiben organisieren kannst, dann ist es von Vorteil, wenn du ein Blogposting verfasst.

Ich glaube viele Veganer_innen sind sich in dem Punkt einig, dass die digitalen Medien dabei geholfen haben, die vegane Botschaft voranzubringen. Denkst Du, dass die digitalen Medien auch dabei hilfreich waren, Fortschritte bei den Themen zu erwirken, die die marginalisierten Gruppen anbetreffen?

Ich würde sagen ja und nein. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich realisiert habe, wie ich die digitalen Medien dazu gebrauchen wollte, um meine Stimme zu verstärken, während ich mir aber gleichzeitig mein Gefühl für die Gemeinschaft bewahrt habe. Ich denke, dass die digitalen Medien und das Internet insgesamt bloß eine Erweiterung der realen Welt, in der wir leben, darstellten, und so beherrschen Rassismus und Sexismus selbst auch diese digitalen Räume. Aus diesem Grund erhalten auch bestimmte Stimmen mehr Aufmerksamkeit als andere. Bestimmte Versionen der Realität werden verbreitet, während andere zur Seite gedrängt werden.

Und das ist auch warum das eurozentrische Denken und das Weißsein [1] beinahe alle Bewegungen sozialer Gerechtigkeit befallen – selbst online. Weiße Menschen schreiben zum größten Teil die Literatur, die verbreitet wird. Ihre Sichtweise über Unterdrückung und Befreiung wird als einzige oder als die maßgebliche Perspektive betrachtet. Und, da sie die über die meisten Ressourcen verfügen, sind sie auch imstande dazu, zu den bestimmenden Autor_innen in den Forderungen nach sozialem Wandel und im Aktivismus zu werden, was allerdings verheerende Konsequenzen mit sich gebracht hat.

In der Vergangenheit habe ich Stunden damit verbracht, die Art zu bekämpfen wie Weiße ihre Arbeiten erledigen, bis ich eines Tages gemerkt habe, dass mich das Ganze einfach nur noch langweilte. Die weiße Realität fortwährend zu bekämpfen, lässt einen zu dem Eindruck gelangen, als sei deren Realität tatsächlich die einzige die existiert. Ich musste meine eigenen Erfahrungen validieren indem mit People of Color [2] sprach, indem ich für und an People of Color schrieb und indem ich Texte von People of Color las. Und hierbei halfen mir die digitalen Medien. Ich habe meine Herangehensweise an die Themen Unterdrückung und Befreiung dabei absolut revolutionieren können und bin dafür vielen schwarzen radikalen Autor_innen dankbar, die unermüdlich online arbeiten um qualitativ hochwertige und wegweisende Analysen zu bieten.

Für minorisierte Menschen ist es schwer online miteinander zu kommunizieren, ohne einem weißen, sich einmischenden Kontrollblick ausgesetzt zu sein und ohne Appropriationen. Sobald einige Minderheiten bemerken, dass Weiße ihnen zuschauen, ändern sie ihr Verhalten oder fangen an ihre Artikel auf ein weißes Publikum zuzuschneiden.

Ich kann dir nicht sagen wie viele Vegans of Color Essays und Artikel FÜR Weiße schreiben, während sie dabei die farbige Leserschaft total außer Acht lassen.

Und daher denke ich, dass abhängig davon wo man sich gerade in seinem Aktivismus befindet, die digitalen Medien entweder ein Werkzeug zur Befreiung sein können, dass einem dabei hilft sich mit Leuten zu verbinden, die ebenso dabei engagiert sind sich für einen positiven Wechsel in der Welt einzusetzen, oder sie können dir dabei helfen, die weiße Version der Realität (ungeachtet deiner Hautfarbe) zu reproduzieren.

Es ist (wirklich) schwer einen echten Wechsel online zu erleben, wenn das digitale Terrain auf dem wir stehen, sich im Besitz Weißer befindet.

Welchen Rat hast du für Leute, die damit beginnen wollen, die digitalen Medien für ihren Aktivismus zu gebrauchen?

Meine Antwort hängt zum größten Teil davon ab, wer mir solch eine Frage stellt. Der Kontext spielt hier definitiv eine Rolle. Wenn du eine weiße Person bist, die eine Webseite oder ein digitales Projekt über Tierrechte oder Feminismus oder Antirassismus starten will, dann halte inne und überlege mal, warum du meinst du müsstest dies tun wenn es bereits so viele Räume gibt, die von Weißen geschaffen worden sind. Bietest du wirklich eine Perspektive die es nicht schon da draußen gibt, oder willst du einfach ein wenig digitales Land für dich einnehmen?

Wenn du eine Person of Color bist, würde ich dir zuerst einmal zur Vorsicht raten, bevor du damit beginnst, deine Ideen kostenfrei dort in die Welt zu tragen. Es gibt vermehrt Belege dafür, dass Ideen und Gedanken, die von People of Color online gestellt werden, immer öfter gestohlen werden. Das heißt, dass eine Urheberschaft von People of Color nicht gekennzeichnet wird, oder auch, dass sie für ihre Ideen nicht kompensiert werden, was wiederum bedeutet, dass farbige Aktivist_innen wirklich vorsichtig sein sollten, wenn sie die digitalen Medien verwenden um andern ihre Gedanken mitzuteilen.

Ich würde sagen, dass man nicht all sein Vertrauen in das Internet oder die sozialen Medien stecken sollte. Zum Beispiel ist es kein Zufall, dass weiße Männer einige der erfolgreichsten Plattformen sozialer Medien, die wir heute verwenden, geschaffen haben. Dies sollte Activists of Color, die diese Räume gebrauchen um antirassistische Befreiungsprojekte [3] zu schaffen, etwas signalisieren. Das Rohmaterial, das wir in unserem Aktivismus gebrauchen, spielt eine Rolle.

Ich musste das in einer unliebsamen Weise herausfinden. Meine Ideen wurden gestohlen, neu verpackt, und ich habe zusehen müssen wie andere dafür Gelder einstrichen – für genau die Dinge, die ich zuvor geschrieben hatte (selbst Activists of Color haben meine Arbeiten verwendet). Ich bin dadurch viel vorsichtiger damit geworden, meine Texte online zu veröffentlichen. Wenn man etwas Neues oder Interessantes zu sagen hat, dann haben Leute häufig die Neigung, sich in deine Richtung zu bewegen und dann tatsächlich Dinge zu übernehmen, die du geschrieben hast. Um ehrlich zu sein, betrachte ich das Bloggen insgesamt durch diese Erfahrung in einem ganz andern Licht.

Ich denke People of Color müssen lernen die geschäftliche Seite des Aktivismus zu begreifen, bevor sie sich der digitalen Welt anschließen und beginnen, ihr zu vertrauen … denn nicht zuletzt ist der Aktivismus selbst zum größten Teil ein Geschäft. Im überwiegenden Maße besitzen Weiße die größten Non-Profits und die korporativen Aktivist_innen-Seiten und -Räume. Den People of Color ist dies nicht ganz so bewusst, da wir eher dazu tendieren an den Aktivismus aus Gründen des Überlebens zu kommen und nicht so sehr wegen des Geschäfts (dies trifft allerdings nicht auf alle Fälle zu).

Wenn marginalisierte Menschen also die digitalen Medien für ihr Überleben einsetzen, und man die Leute der dominanten Klasse hat, die digitale Medien für Geschäftszwecke nutzen, dann kannst du dir wohl ausmalen als wie predatorisch und brutal sich das digitale Territorium für einige von uns entpuppen kann.

Ich entwickle ein zunehmendes Misstrauen der Onlinewelt gegenüber als ein Vehikel für den sozialen Wechsel. Und deshalb erkunde ich zusätzliche Möglichkeiten was zum Beispiel die Printmedien anbetrifft. Minorisierte Aktivist_innen sollten meiner Meinung nach viel mehr Kraft in das Verfassen von Buchpublikationen oder in die Schöpfung eine Zines stecken … als etwas haptisches, das man besitzen kann, statt das weiße digitale Land einzusetzen um ihre intellektuellen Gedanken zu kultivieren.

Existieren neben BlackVegansRock.com und Aphro-ism.com weitere schwarz-zentrische Online-Räume die du Aktivist_innen empfehlen würdest – insbesondere welche, die dich beeinflusst haben?

Defnitiv. Mich haben Seiten wie das Sistah Vegan Project und Striving with Systems sehr beeinflusst. Ich schaue mir auch gerne digitale Räume an, die nicht unbedingt über Tierrechte sprechen, jedoch aber über andere ebenfalls systemische Probleme. Ich liebe For Harriet, Black Girl Dangerous, Crunk Feminist Collective, alles von Dr. Brittney Cooper und Autostraddle (bei denen man einige großartige queere schwarze Autor_innen findet).

Du hast an anderer Stelle gesagt, dass die Tierrrechts-/vegane Bewegung sich zu sehr auf Bilder verlässt und zu wenig auf das kritische Denken. Kannst du uns das ein wenig erklären?

Ich bin bekannt für meine Aussage: Menschen sind nicht durch einen Schock zum Fleischessen gekommen und sie werden sich auch nicht durch einen Schock wieder davon wegbringen lassen.

Ich will das ein wenig erklären: das größte Problem, das die weiße Tierrechtsbewegung hat, ist, dass sie es nicht wirklich schaffen zu orten WARUM Tierunterdrückung stattfindet. Sie sehen die Unterdrückungsfolgen – die sehen die Opfer – aber die meisten dieser Aktivist_innen haben konzeptuell keine Ahnung weshalb Tiere systematisch verletzt werden. Manchmal tut es einem weh Aktivist_innen der dominanten Klasse dabei zu beobachten, wie sie versuchen Kampagnen zu entwerfen, die die Unterdrückung von Tieren beenden sollen (ohne zu begreifen, dass sie sie in Wirklichkeit fortsetzen) und andere Male ist es beinahe lachhaft.

Weiße Leute scheinen nicht zu versehen, dass das weiße Überlegenheitsdenken Tieren systematisch schadet [4]. Weiße möchten nicht aus ihrer Führungsrolle hinaustreten, sie wollen aber die Tierunterdrückung beenden, was soviel heißt wie, sie wollen Verhaltensweisen, die Tiere diskursiv verletzen, nicht verändern.

Da zahlreiche unkritische Menschen Führungspositionen in den Bewegungen einnehmen, verlässt man sich auf sehr einfache, an der Oberfläche verharrende Taktiken um Menschen zu einem politischen Lebensstil hingehend zu „schocken“. Daher hat der Veganismus auch einen entsprechend schlechten Namen erhalten … er bleibt an der Oberfläche und ist sensationalistisch. Bildlichkeit kann funktionieren, insbesondere wenn sie an ein neues Rahmenwerk gebunden wird … aber die Schaffung neuer konzeptueller Rahmenwerke ist generell genau der Teil, der übersehen wird.

Taktiken die primär Bilder nutzen, erinnern mich an so manche Feminist_innen, die sich auf eine sexualisierte Bildmetaphorik, in der Frauen dargestellt werden, stützen, um Menschen dahingehend zu schockieren, damit sie beginnen sich gegen Sexismus einzusetzen … es ist so … wenn du Menschen kein neues Rahmenwerk bietest, mit dem sie problematische Verhaltensweisen begreifen lernen können, dann ist alles was sie da sehen, einfach noch mehr Bebilderung von jeweiligen Objekten die hier objektifiziert werden.

Ich will damit nicht sagen, dass Leute ihr Verhalten nicht ändern könnten, wenn sie solche Bilder gesehen hätten; was ich sagen möchte ist, dass ich nicht gezwungenermaßen davon ausgehe, dass dadurch ein langfristiger Wechsel stattfinden wird. In unseren Bewegungen konzentrieren wir uns zu sehr auf die Opfer, ohne dabei zu verstehen, weshalb diese Körper eingangs überhaupt zu Opfern geworden sind. Sie sind schließlich nicht über Nacht zu Opfern geworden und wir müssen ebenso konzeptuell arbeiten um dieses Problem zu lösen. Viele Leute bereifen nicht, dass das Denken tatsächlich einen Teil unseres Aktivismus ausmachen sollte. Das Denken wurde schon viel zu lange von der akademischen Welt vereinnahmt und so meinen wir, dass wir Theorie und Gedankenentwicklung eben ‚diesen’ elitistischen Menschen überlassen sollten … wenn genau aber dies doch einen Teil der öffentlichen Domäne ausmachen sollte.

Zu einem großen Anteil ist die Tierunterdrückung nicht allein eine Problematik, die ausschließlich die Tiere anbetrifft. Das Problem liegt vielmehr im weißen menschlichen Überlegenheitsdenken, und so müssen wir den entsprechenden Punkt auch mitsamt seiner Wurzeln ans Tageslicht befördern, bevor wir kontextlos auf die Opfer hyperfokussieren. Doch genau das ist was geschieht: wir sollen die Bildquellen von Tierunterdrückung, ohne irgendeinen Kontext hinsichtlich dessen, wer der echte Unterdrücker ist, anschauen, was aber letztendlich zu so viel Verwirrung im Punkte der Strategien zur Beendigung der Tierunterdrückung führt.

In der Tierrrechts-/veganen Bewegung existieren zahlreiche innere Zwistigkeiten, und es scheint, dass es in den letzten Jahren eher noch schlimmer geworden ist. Hast Du irgendeinen Rat für einen Neuling in der Bewegung, der durch diese Zwiste vielleicht verwirrt ist?

Ich habe eigentlich nicht den Eindruck, dass die internen Streitereien schlimmer werden … ich denke das weiße Überlegenheitsdenken in der Bewegung wird einfach leichter erkennbar. Ich glaube, dass die Menschen in der dominanten Klasse, die sich niemals über marginalisierte Menschen und deren Perspektiven den Kopf zerbrechen mussten (einfach weil das Spiel immer abgekartet war), inzwischen begreifen, dass minorisierte Menschen ihre eigenen Bewegungen betreiben, und dass das bei ihnen ein gewisses Unwohlsein verbreitet.

Viele weiße Menschen beanspruchen einen nicht zu hinterfragenden Besitzstatus über Tierrechte (und Tiere generell). In dem Moment aber, in dem schwarze Menschen Tierkörper (‚animal bodies’) mit in ihre antirassitsichen Bewegungen mit einbeschließen, lassen Weiße ihre soziale Kraft in Erscheinung treten, indem sie unsere Räume kommentieren und unsere Intentionen hinterfragen.

Viele Aktivist_innen in der dominanten Klasse setzen ihre Privilegien dazu ein, andere Aktivist_innen, die abweichende Meinungen haben, zu ignorieren, was furchtbar ist, da eine echte Veränderung nur stattfinden kann, wenn wir plurale Bewegungen und Stimmen zulassen. Wir müssen alle Ideen auf den Tisch bringen, denn die Tierunterdrückung ist ein derart ernsthaftes Problem.

Der Akt dessen, andere, die abweichende Meinungen haben oder andere Strategien verfolgen, zum Schweigen zu bringen, hat einfach nichts mir der Befreiung von Tieren zu tun, sondern dient stattdessen dem Erhalt der gleichen Systeme, die Tiere unterdrückt halten.

Jedem/r, der/die neu ist in der Tierrechtsbewegung, würde ich empfehlen sie gleich wieder zu verlassen (haha). Man braucht diese verkörperschaftlichte, weißgewaschene Bewegung nicht um Tieren zu helfen. Die Vorstellung man müsse sich durch die großen Bewegungen und Organisationen hindurch bewegen um Veränderungen zu bewirken, ist ein kapitalistischer Nonsens. Wenn Du eine Person of Color bist, würde ich dir empfehlen in deiner antirassitsichen Bewegung zu bleiben und nach Wegen zu schauen, wie du die Tierkörper (‚animal bodies’) in deine Analyse mit einbeziehen kannst … versuche nicht dich der weißen Mainstream-Tierrechtsbewegung anzuschließen, denn du wirst dadurch letztendlich nur frustriert und verwirrt.

Teil des inhärenten Problems der Tierrechtsbewegung ist tatsächlich, dass das Weißsein das Rahmenwerk dieser Bewegung bildet. Was wir brauchen, sind Leute, die den Aktivismus für Tiere mit in die anderen Ziele sozialer Gerechtigkeit einbeziehen, statt sich in die nebulöse Blase der Tierrechtsbewegung mit einzubringen. Deshalb bezeichne ich mich auch selbst nicht als Tierrechtsaktivistin. Ich bin eine antirassistische Aktivistin, die für die Tierbefreiung kämpft. Ich wüsste nicht wie ich sonst für Tiere kämpfen sollte, außer aus meiner Sichtweise als schwarzer Frau … ich weiß nicht wie weiße Menschen sich für eine andere Gruppe einsetzen können, ohne ihre eigene Position mitzuberücksichtigen … und das ist weshalb ihre Bewegungen problembehaftet sind.

Was tust Du um ein Burnout zu vermeiden?

Ein Erschöpfungszustand trifft dich in dem Moment, indem du eine bewusst-denkende politische Woman of Color bist, gleich ob du Aktivistin bist oder nicht. Ich bin hauptsächlich deshalb Aktivistin geworden, weil ich die Unterdrückung leid war, und es satt hatte, dass die dominante Klasse mir mein Narrativ und meine Geschichte vorschreiben will. Das war ein Burnout. Ich bin also nicht freiwillig zur Aktivistin geworden, sondern es war ein Akt des Überlebens; ich wurde zur Aktivistin weil ich unter einem Burnout durch den Rassismus und Sexismus in meinem täglichen Leben gelitten habe.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob überhaupt eine funktionierende Methode existiert um ein Burnout zu verhindern, solange das weiße, die Überlegenheit in Anspruch nehmende Patriarchat weiter existiert. Um ehrlich zu sein hilft mir oft, aus dem Internet rauszugehen.  Ein Raum außerhalb der digitalen Welt hilft, was die Prioritäten anbelangt, denn man wird dort leicht eingesogen von Dingen die im Prinzip total irrelevant sind. Ich stelle also immer sicher, dass ich viel Zeit offline verbringe.

Noch etwas, das ich gelernt habe um ein Burnout zu verhindern, ist es, nicht davon beeindruckt zu sein, dass weiße Leute meine Arbeit mögen. Wenn Du in einem System einer weißen Überlegenheitsgläubigkeit lebst, dann kann eine Menge an Aufmerksamkeit (seitens dieses Systems) als ein_e Minderheitsangegörige_r sich anfühlen, als seist du nun ganz oben auf … als hättest du das Richtige getan. Ich würde aber jedem Menschen, der einer Minderheit angehört, empfehlen sehr vorsichtig mit solch einem Gefühl umzugehen, weil es dich in eine Situation der Ausbeutung hinein katapultieren kann und du beginnst Dinge umsonst für weiße Leute zu tun. Ich musste wirklich lernen „nein“ zu sagen wenn mir weiße Leute Möglichkeiten in Aussichten stellten, mir aber keinerlei finanzielle Kompensation für meine Arbeit boten. Der leere Ruhm und die Möglichkeit in Erscheinung zu treten, sind immer wieder instrumentalisiert worden um farbige Menschen glauben zu machen, dass die Arbeit die du umsonst tust, eines Tages zu einem Gewinn führt, und normalerweise tut es das nicht.

Als Woman of Color habe ich auch gelernt nicht mehr auf Menschen in der dominanten Klasse zu hören und mich mit ihnen auseinanderzusetzen, wenn sie meine Arbeit und mich kritisieren. Ich habe gelernt den Kanal zu switchen und meine Arbeit einfach weiterzumachen. Wie Toni Morrison gesagt hat, macht Ablenkung einen großen Teil im Rassismus aus, und so lerne ich, Ablenkung zu meiden. Statt auf jede Person, die einen verleumderischen, unwahren Artikel über meine Arbeit oder mich schreibt, zu reagieren, mache ich einfach mit meiner Sache weiter. Ich muss mich ja nicht auf jeden überflüssigen Quatsch einlassen.

Und schließlich ist es wichtig wenn man seine gegenwärtige Arbeit erledigt, über Arbeit, die in der Zukunft getan werden muss, nachzudenken. Es geschieht so leicht, dass man vergisst warum man jeden Tag so hart arbeitet. Und das ist auch warum ich den Afrofuturismus so sehr liebe. Er hat mir dabei geholfen zu verstehen, dass es einen Tag geben wird, an dem ich durchatmen und entspannen kann. Aber der Preis, der dafür gezahlt werden muss, ist der Kampf heute, den ich auch weiter führen werde.

Ich danke Aph sehr für dieses Interview. Schaut euch ihre Seite/Arbeit an bei Black Vegans Rock und Aphro-ism und besucht auch ihre Facebook-Seite.

Anmerkungen zur Übersetzung:

[1] Zur Bedeutung des kanonischen Begriffs des Weißseins: „Weißsein ist die soziale Lokalisierung von Macht, Privileg und Prestige. Es ist ein unsichtbares Päckchen unverdienter Vorteile. Als eine epistemologische Überzeugung ist es manchmal eine Handhabe der Verneinung. Weißsein ist eine Identität, eine Kultur und eine oft kolonialisierende Lebensweise, die Weißen zumeist nicht bewusst ist, aber selten nicht den ‚People of Color’ [Nicht-Weißen]. Das Weißsein trägt auch die Autorität innerhalb des größeren Kulturraums den es beherrscht, indem es die Bedingungen festlegt wie jeder Aspekt von Rasse diskutiert und verstanden wird. Das Weißsein verfügt so über einen Facettenreichtum und ist durchsetzend. Das systemische Weißsein liegt im Mittelpunkt des Problems von ‚Rasse’ innerhalb dieser Gesellschaft.“ Zitiert aus: Barbara J. Flagg, Foreword: Whiteness as Metaprivilege, Washington University Journal of Law and Policy 1-11 (2005).

[2] People of Color, siehe Definition bei Wikipedia.de: https://de.wikipedia.org/wiki/Person_of_color

[3] Habe ‚racial liberation projects’ übersetzt mit ‚antirassistische Befreiungsprojekte’; diese abweichende Übersetzungsweise ergibt sich aus der anderen Verwendung des Begriffs „Rasse“ als politisiertem Begriff in der Diskussion über soziale Gerechtigkeit in den USA.

[4] Siehe auch folgende Präsentation von Anastasia Yarbrough bei der Sistah Vegan Conference 2013: Weißes Überlegenheitsdenken und das Patriarchat schaden Tieren, http://simorgh.de/about/yarbrough_weisssein_patriarchat_tiere/

Alle Links: 21.06.2016

Breeze Harper: Ein Toolkit für Anfänger zum Verständnis über den „Rasse“-Begriff im ethischen Konsum

Dr. A. Breeze Harper, The Sistah Vegan Project: A Critical Race Feminists’s Journey Through the ‘Post-Racial’ Ethical Foodscape … and Beyond.

Das Sistah Vegan Projekt: die Reise einer sich mit den kritischen Rassestudien befassenden Feministin durch die ‚post-rassische’ Landschaft ethischer Nahrungsmittel … und darüber hinaus.

Realitstisch werden was den „Rasse“[1]-Begriff anbetrifft: Ein Toolkit für Anfänger zum Verständnis über den „Rasse“-Begriff im ethischen Konsum (beim Veganismus, in den Tierrechten, usw.)

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Originaltext: Getting Real about Race: A Starter Toolkit for Understanding Race in Ethical Consumption (Veganism, Animal Rights, and More). Übersetzung: Gita Yegane Arani-Prenzel, mit der freundlichen Genehmigung von Dr. A. Breeze Harper.

Quelle: http://www.sistahvegan.com/2015/11/11/getting-real-about-race-a-toolkit-for-ethical-consumption-veganism-animal-rights-and-more/

If-Race-is-Just-a-Skin-Color...

Wenn es bei „Rasse“ nur um ‚Hautfarbe’ geht, wieso wurde mir dann immer wieder gesagt, ich würde ‚weiß’ klingen? Wie kann man denn jemandes Hautfarbe ‚hören’?
– Dr. A. Breeze Harper, The Sistah Vegan Project.

Ich habe die letzten zehn Jahre darüber publiziert und Vorträge darüber gehalten, wie das Weißsein [2] in den USA den ethischen Konsum und weitere darüber hinaus im Zusammenhang stehende Dinge anbetrifft. Das Hauptthema der Verwirrung, dem ich im Bezug auf die Problematik von „Rasse“ und Weißsein begegnet bin, stammt meistens von weiß-identifizierten Menschen, die tatsächlich nicht verstehen, wie „Rasse“ und Rassifizierung sich geschichtlich, sozial, physisch, geographisch und rechtlich konstituieren. Die meisten weiß-identifizierten Menschen, die ihre prägenden Jahre in den USA oder anderen weiß-dominierten Gesellschaften verbracht haben, scheinen davon auszugehen, dass „Rasse“ einfach eine Frage der „Hautfarbe“ sei, bei der bestimmte Phänotypen wie ‚blondes Haar’ oder ‚schmale Lippen’ die Kennzeichnungen für die jeweilige „Rasse“ ausmachen; darüber hinaus denken die meisten, Rassismus sei kein bedeutendes Hindernis zur Gleichheit und Inklusion, trotz der erschütternden Daten, die noch nach dem Jahr 2000 das Gegenteil beweisen. Für diese Demographie heißt „Rasse“ schlichtweg ‚Hautfarbe’ und ist ein ‚Ding der Vergangenheit’…

… aber nichts könnte den Tatsachen weniger entsprechen.

Einige wesentliche Fragen, die ich in Reaktion auf [weiße] Konstruktionen darüber, dass „Rasse“ eine Frage der ‚Hautfarbe’ sei, gestellt habe, sind folgende gewesen:

Wenn es bei „Rasse“ nur um ‚Hautfarbe’ geht, warum wurde mir dann immer wieder gesagt, ich würde ‚weiß’ klingen? Wie kann man denn jemeades Hautfarbe ‚hören’?

Wenn es bei „Rasse“ nur um Hautfarbe geht, warum hat man die Iren in den Vereinigten Staaten trotz gleicher Hautfarbe bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht gleichermaßen als Weiße wie die weißen angelsächsischen Protestanten betrachtet? Wodurch waren sie und andere hellhäutige europäischen Immigranten in der Lage auf das „Weißsein“ hinzuarbeiten?

Wenn es bei „Rasse“ nur um Hautfarbe geht, warum wurde mein neugeborenes Baby im Jahr 2009, das mit einer sehr hellen Hautfarbe, hellblauen Augen und glattem braunen Haar geboren wurde, von manchen als ‚schwarz’ und von anderen als ‚weiß’ eingeordnet?

In dem letzten Teaching-Tolerance-Rundbrief des Southern Poverty Law Centers (SPLC) wurde H. Richard Milner IV zitiert. Ich habe einen Screenshot [3] davon gemacht, wie der SPLC Menschen darüber aufklärt, wie das Konzept von „Rasse“ jenseits des Hautfarben-Mythos funktioniert (siehe folgende Liste):

  1. Physisch konstruiert. Bezugnehmend auf die Pigmentierung der Haut, konstruieren Menschen in der Gesellschaft Vorstellungen, Charakteristiken, Bilder und Glaubenssysteme über sich selbst und andere. Diese physischen Konstruktionen sind manchmal falsch, bleiben aber dennoch in den Köpfen bestehen. Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass sich physische Konstruktionen über „Rasse“ von Gesellschaft zu Gesellschaft unterscheiden. So sind zum Beispiel die Konstruktionen von „Rasse“ in Afrika und Asien andere als die auf dem Phänotyp basierenden Konstruktionen von „Rasse“ in Nordamerika.
  2. Sozial konstruiert. Basierend auf einer Reihe von gesellschaftlichen Botschaften und Informationen, kategorisieren Menschen sich selbst und andere. Diese gesellschaftlichen Konstruktionen verbinden sich mit Präferenzen, sind weltanschaulich und haben mit der Art und Weise zu tun, wie Gruppen von Menschen vermeintlich funktionieren. Sie gründen auf unterschiedlichen Perspektiven, die sich aus den Interpretationen der Menschen von Geschichte und Recht speisen, und sie prägen unser Denken im Bezug auf Einzelne und auf Gruppen von Menschen.
  3. Rechtlich konstruiert. Die Gesetzgebung in den USA hat ihren Beitrag zum Rassebegriff geleistet. Rechtspolitik und Grundsatzfälle, wie das Naturalisationsgesetz (1790), Plessy gegen Ferguson (1896), Takao Ozawa gegen die Vereinigten Staaten (1922), Brown gegen das US-Bildungsministerium (1954) und Milliken gegen Bradley (1974) haben allesamt Konstruktionen und Definitionen von „Rasse“ innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft mitbestimmt.
  4. Historisch konstruiert. Die geschichtlichen Realitäten dessen, wie Menschen in einer Gesellschaft, die durch Rassismus und Unterdrückung geprägt war, behandelt wurden und wie es ihnen in dieser Gesellschaft erging, formten auch die Art und Weise, wie Menschen „Rasse“ verstehen, kommunizieren und konzeptualisieren. So beeinflussen beispielsweise die Jim-Crow-Gesetze [4], die Sklaverei und rassistische Diskriminierung, wie Menschen „Rasse“ konzeptualisieren und begreifen.

Die Annahmen von Menschen über „Rasse“, die durch die oben beschriebenen Aspekte beeinflusst sind, prägen deren Handeln und Nicht-Handeln auf praktischer Ebene. Und obgleich „Rasse“ ein zentrales Konstrukt darstellt in der Untersuchung bildungstechnischer Ergebnisse, Verfahrensweisen und Praktiken, so sind Umfang und Ausmaß gewonnener Erkenntnisse über verbesserte Handlungspraktiken im öffentlichen sowie akademischen Diskurs zumeist begrenzt. Es wird beispielsweise häufig über die „Bildungskluft“ und die Disparitäten zwischen weißen und schwarzen/farbigen Student_innen diskutiert, „Rasse“ [A.d.Ü.: im Sinne von ‚Rassismusproblematik’] wird aber dennoch nicht in grundlegender Weise adressiert, außer dass man die Ergebnisse aus Datenerhebungen veröffentlicht. Die Gründe dafür, warum das Thema „Rasse“ so schwierig zu thematisieren ist, sprengen den Rahmen dieses Buches, aber auch meine Erfahrungen über die Jahre, in der Arbeit mit mehr als tausend Pädagog_innen, haben mir gezeigt, dass „Rasse“ ein in „gemischter“ Gesellschaft schwierig zu diskutierendes Problem ist.

Quelle: http://www.tolerance.org/magazine/number-51-fall-2015/feature/excerpt-getting-real-about-race, 01.05.2016.

Das Toolkit zum Verständnis für den Auszug: „Realistisch werden über den ‚Rasse’-Begriff“ im Rahmen einer Welt des ethischen Konsums

Anmerkung: dies ist ein Entwurf, der sich in Arbeit befindet und über die Zeit ergänzt wird …

Der Mainstream in den USA hat Schwierigkeiten damit, sich einen reellen Begriff von der Komplexität von „Rasse“ und Machtverhältnissen, derer Geschichte, Politik, usw. zu machen. Das betrifft insbesondere diejenigen, die rassisch privilegiert sind und sich niemals mit der Problematik auseinandersetzen mussten.

Dieses Toolkit habe ich aus dem Original: „Ein Auszug aus: realistisch werden über den ‚Rasse’-Begriff“ herausgearbeitet, das sich mehr auf Erfahrungen und Praxis im schulischen Bereich bezieht. Ich werde dieses Toolkit verwenden um damit Fragestellungen zu leisten, zur Begleitung der Reflexion und Diskussion darüber, wie die physischen, sozialen, juristischen und historischen Konstruktionen von „Rasse“ Menschen beeinflusst, die sich in den Bereichen des ethischen Konsums bewegen – rangierend vom Veganismus über Tierrechte bis hin zu ‚guter Ernährung’.

Einfühung

In Rac(e)ing to Class: Confronting Poverty and Race in Schools and Classrooms schreibt H. Richard Milner IV: „Pädagogen haben häufig Schwierigkeiten damit, das Thema ‚Rasse’ [A.d.Ü. die Rassismusproblematik] zu adressieren, und damit auch die Frage, in wieweit ihre Arbeit mit den Schülern, den Eltern, mit der Gemeinschaft und mit den Kollegen durch diese Problematik beeinflusst ist.“ Milner empfiehlt eine nuancierte Herangehensweise zur Konzeptualisierung von „Rasse“ als physische, soziale, juristische und historische Konstruktionen. Was folgt sind kurze Auszüge aus Rac(e)ing to Class und sich daran anknüpfende Fragestellungen, die ich für den Bereich des ethischen Konsums adaptiert habe. Diese Tools können von euch, eurer Gruppe oder bei eurem Arbeitsplatz gerne verwendet werden.

Die wesentliche Frage

1. In welcher Weise ist die Gemeinschaft ethischen Konsums, in der ich aktiv bin, durch die physischen, sozialen, juristisch-rechtlichen und geschichtlichen Konstruktionen von „Rasse“ betroffen?

Vorgehensweise

Diese vier Fragen können als Stichpunkte beim Verfassen eines Tagebucheintrags oder in der stillen Reflexion verwendet werden, sie können auch unterstützend bei einer Gruppendiskussion mit Kollegen über das Thema „Rasse“ [Rassismus] zur Hilfe genommen werden, oder beides.

„Rasse“ ist physisch konstruiert.

In seinem Buch Rac(e)ing to Class schreibt Milner:

Bezugnehmend auf die Pigmentierung der Haut, konstruieren Menschen in der Gesellschaft Vorstellungen, Charakteristiken, Bilder und Glaubenssysteme über sich selbst und andere. Diese physischen Konstruktionen sind manchmal falsch, bleiben aber dennoch in den Köpfen bestehen. Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass sich physische Konstruktionen über „Rasse“ von Gesellschaft zu Gesellschaft unterscheiden. So sind zum Beispiel die Konstruktionen von „Rasse“ in Afrika und Asien andere als die auf dem Phänotyp basierenden Konstruktionen von „Rasse“ in Nordamerika.

  1. Nenne ein Beispiel dessen, wie „Rasse“ in der Bewegung ethischen Konsums physisch konstruiert ist.
  2. In welcher Weise betrifft die physische Konstruktion von „Rasse“ dich persönlich oder dein Engagement im ethischen Konsum?

Beispielsweise sind ‚normale’ gesunde Körper in der Werbung ethischen Konsums beinahe immer ‚weiße’ und schlanke Personen. Warum sehen wir dunkelhäutigere Menschen und/oder ‚dicke’ Menschen fast nie, wenn überhaupt, als ‚Maßstab’ für normal und gesund? In welcher Weise betreffen sowohl Hautfarbe als auch Körpergröße die Rassifizierung als ein ‚maßgebliches’ Weißsein? In welchen anderen Formen hat ein Verständnis ‚richtigen’ Weißseins einen Einfluss auf den ethischen Konsum?

  1. In welcher Weise betrifft die physische Konstruktion von „Rasse“ die Demographien denen du deine Dienstleistungen anbietest und/oder die du über ethischen Konsum informierst?

Warum werden dunkelhäutigere Menschen die ‚fett’ sind, eher adressiert als Menschen, die man über den ethischen Konsum ‚aufklären’ sollte, als weiße dünne Menschen? Wie und weshalb spielen Rassifizierung in den Intersektionen von Hautfarbe, Körpergröße und Ethik eine Rolle?

  1. Wie beeinflusst die physische Konstruktion von „Rasse“ den Bereich ethischen Konsums in dem Du aktiv bist?

Rasse ist sozial konstruiert.

In Rac(e)ing to Class schreibt Milner:

Basierend auf einer Reihe von gesellschaftlichen Botschaften und Informationen, kategorisieren Menschen sich selbst und andere. Diese gesellschaftlichen Konstruktionen verbinden sich mit Präferenzen, sind weltanschaulich und haben mit der Art und Weise zu tun, wie Gruppen von Menschen vermeintlich funktionieren. Sie gründen auf unterschiedlichen Perspektiven, die sich aus den Interpretationen der Menschen von Geschichte und Recht speisen, und sie prägen unser Denken im Bezug auf Einzelne und auf Gruppen von Menschen.

Ich würde dem hinzufügen, dass die meisten Menschen sich dessen völlig unbewusst sind, inwiefern ihre Auffassungen und Wahrnehmungen eine Voreingenommenheit hinsichtlich „Rasse“ aufweisen.

  1. Nenne ein Beispiel dessen, in welcher Weise „Rasse“ im ethischen Konsum sozial konstruiert ist.
  2. In welcher Weise bist du durch die soziale Konstruktion von „Rasse“ betroffen und wie wirkt sich das auf dein Engagement im Bereich des ethischen Konsums aus, und darauf, wie du die Inhalte wahrnimmst.
  3. In welcher Form sind die Menschen, mit denen du innerhalb deines Sektors des ethischen Konsums zusammenarbeitest oder denen du deine Leistungen anbietest, durch die soziale Konstruktion von „Rasse“ betroffen?
  4. Ich welcher Form ist deine Gruppe oder dein Betrieb durch die soziale Konstruktion von „Rasse“ betroffen?

„Rasse“ ist rechtlich konstruiert.

In Rac(e)ing to Class schreibt Millner:

Die Gesetzgebung in den USA hat ihren Beitrag zum Rassebegriff geleistet. Rechtspolitik und Grundsatzfälle, wie das Naturalisationsgesetz (1790), Plessy gegen Ferguson (1896), Takao Ozawa gegen die Vereinigten Staaten (1922), Brown gegen das US-Bildungsministerium (1954) und Milliken gegen Bradley (1974) haben allesamt Konstruktionen und Definitionen von „Rasse“ innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft mitbestimmt.

  1. Nenne ein Beispiel dessen, wie „Rasse“ in deinem Leben/deiner Kultur/deiner Gesellschaft rechtlich konstruiert ist.
  2. Ich welcher Weise ist dein Engagement im Bereich des ethischen Konsums durch die juristisch-rechtliche Konstruktion von „Rasse“ betroffen?
  3. In welcher Weise betrifft die juristisch-rechtliche Konstruktion von „Rasse“ die Demographien, die du vornehmlich adressierst, denen du deine Leistungen anbietest oder mit denen du zusammen arbeitest (z.B. Auftraggeber_innen, Kund_innen, Schüler_innen und Student_innen, Patient_innen, usw.)?
  4. Wie betrifft die juristisch-rechtliche Konstruktion von „Rasse“ die Konstruktion ethischen Konsums deiner Gruppe oder deines Betriebs?

vegansoso

(Quelle: http://mic.com/articles/127821/the-surprising-way-these-activists-are-using-veganism-to-fight-white-supremacy)

Wenn Du in der Tierrechts- und/oder der veganen Bewegung aktiv bist, verwendest Du solche Bilder, wie das oben abgebildete, ohne Dir dabei bewusst zu sein, dass schwarze Menschen vom rechtlichen Standpunkt her nicht als Menschen, sondern in der Tat als Tiere (in der eurozentrischen speziesistischen und kolonialistisch-rassistischen Art und Weise) betrachtet wurden, während man die Gesamtheit weißer Menschen rechtlich als vollwertige Menschen konstituierte?

Bist Du Dir dessen bewusst, dass, obwohl es heutzutage in den USA verboten ist, schwarze Menschen mit Stricken und Bäumen zu lynchen, immer noch legale Wege existieren um schwarze Menschen zu „lynchen“ – insbesondere mittels Racial Profiling und tödliche Übergriffe durch Polizeibeamte, die immer noch durch die geschichtlichen und rechtlich tolerierten Praktiken des traditionellen Lynchens schwarzer Menschen beeinflusst sind?

Dieses Bild impliziert auch, dass „Rasse“ und Rassismus keine weiteren bedeutsamen Hindernisse in Gesundheitsfragen, in dem Streben nach Glück und nach Sicherheit im Leben schwarzer Menschen darstellen würden. Und, es impliziert auch, dass diejenigen, die dieses Bild verwenden, nicht mit den nach dem Jahre 2000 entstandenen umfassenden Kanon in den Sozial- und Rechtswissenschaften vertraut sind, der aufzeigt, dass der weiße Mainstream in den USA schwarze Menschen immer noch als Tiere konzeptualisiert, und der Meinung ist, dass sie es verdienten „gelyncht“ zu werden – wenn auch nicht mit Stricken und Bäumen, so aber doch dafür, sich ‚hochnäsig’ gegenüber der Polizei zu gebärden, wie Sandra Bland es angeblich tat; oder indem Du als 12-jähriger Junge (Tamir Rice) erschossen wirst, weil eine systemische Negrophobie ein [un]bewusstes rassifiziertes Vorurteil im Denken des Mainstreams in der Bevölkerung geschafften hat, die die Menschen glauben macht, dass ein kleiner schwarzer Junge wie ein „großer angsteinflößender“ schwarzer Mann aussehen kann.

Es existieren eine Unzahl von Formen, in denen systemischer Rassismus das Rechtssystem in negativer Weise beeinflusst. Und, man bedenke, dass Systeme miteinander verbunden sind: das Rechtssystem hat seinen Einfluss auf das Gesundheitssystem, auf das Bildungssystem, auf das Lebensmittelsystem, usw.

„Rasse“ ist geschichtlich und geographisch* konstruiert.

(Anmerkung: in dem originalen Toolkit wird die Geographie nicht mit als ein Teil von Rassifizierung aufgeführt, aber als Cultural Food Geographer [Lebensmittelkulturgeographin] komme ich nicht umhin die Geographie hier mit einzubeziehen.)

In Rac(e)ing to Class schreibt Milner:

Die geschichtlichen Realitäten dessen, wie Menschen in einer Gesellschaft, die durch Rassismus und Unterdrückung geprägt war, behandelt wurden und wie es ihnen in dieser Gesellschaft erging, formten auch die Art und Weise, wie Menschen „Rasse“ verstehen, kommunizieren und konzeptualisieren. So beeinflussen beispielsweise die Jim-Crow-Gesetze [4], die Sklaverei und rassistische Diskriminierung, wie Menschen „Rasse“ konzeptualisieren und begreifen.

  1. Nenne ein Beispiel dessen, wie „Rasse“ in deinem Leben/deiner Kultur/deiner Gesellschaft geschichtlich konstruiert ist.
  2. In welcher Weise bist du und ist dein Engagement in der Bewegung für den ethischen Konsum durch die geschichtliche Konstruktion von „Rasse“ betroffen? Hast Du beispielsweise jemals über die Geschichte der Sundown Towns [5] nachgedacht und in welcher Weise dies die geographische Lokalisierung beispielsweise einer Permakultur-Veranstaltung betreffen kann?
  3. In welcher Form sind dein Arbeitsplatz und/oder die Dynamiken zwischen den Aktivist_innengruppen rund um den ethischen Konsum durch die geschichtlichen, physischen und geographischen Konstruktionen von „Rasse“ anbetroffen?

Für was stehen eigentlich die Vorstellungen rund um den ‚weißen männlichen Farmer’ als die unhinterfragte ‚Norm’ in den gegenwärtigen Mainstream-Abbildungen von Lebensmitteln, Nachhaltigkeit und Landwirtschaft? In welcher Form spielen Geschichte und ländliche Geographien eine Rolle in den Vorstellungen von „Rasse“, und davon, wie man sich ein physisch annehmbares Vorbild des ethischen Konsums vorstellt?

  1. In welcher Weise ist die Auffassung über ethischen Konsum in deiner Gruppe oder im Geschäftsmodel deines Betriebs durch die historische Konstruktion von „Rasse“ betroffen? Wie wirkt sich das auf eure aufklärerische Öffentlichkeitsarbeit und eure Kommunikation aus?

So ist beispielsweise der geschichtliche Hintergrund der US-Agrargesetze und dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart hinein stark durch eine systemische Rassifizierung beeinflusst. Die Art und Weise wie rassifizierte Minderheiten in den unterschiedlichen Sektoren des landwirtschaftlichen Systems in den USA behandelt wurden, beeinflusst die Funktionsweisen des heutigen Mainstream-Nahrungsmittelsystems … und erhält die in dem System gegebenen „rassischen“- und sozioökonomischen Ungleichheiten. Geht es um ethische Lebensmittel, wie ‚Grünkohl’ oder ‚Erdbeeren’, muss man die sich die Geschichte der Rassifizierung und seiner Auswirkungen auf die Agrargesetze vergegenwärtigen … die den Weg vom Anbau bis zum Vertrieb und Handel dieser Nahrungsmittel bis hin auf unsere Teller mit beeinflusst hat … . Die individuellen Auffassungen derer, die sich im Bereich des ethischen Konsums engagieren, sind hinsichtlich dessen, wie ein ‚gerechtes’ Lebensmittelsystem aussehen sollte, vor solch einem Hintergrund zu verstehen.

Wenn weiße Menschen in den USA, in der Vergangenheit bis in die Gegenwart, aufgrund rechtlich-juristischer Institutionen des Rassismus, einen sichereren, gesünderen und einfacheren Zugang zu Nahrungsmitteln und medizinischen Ressourcen hatten, in welcher Weise ist deine Konstruktion dessen, wie Menschen Nahrungsmittel in ‚ethischer’ Weise konsumieren sollten, durch diesen geschichtlichen Hintergrund mit beeinflusst? Inwiefern richtet sich Dein Kommunikationsmodel an der Berücksichtigung solcher Fragen mit aus?

Wenn du magst, so kannst du auf einige der oben gestellten Fragen im Kommentarbereich antworten. Ich möchte dies hier zu einem fortlaufenden Dialog umwandeln, statt es bei einem Monolog zu belassen. [6]

Das System „rassischer“ Ungleichheit in dem der ethische Konsum existiert, kann durch eine Vielzahl von Ressourcen besser verstanden werden, so wie durch das vielbeachtete Video Cracking the Codes, das hier eingesehen werden kann: http://crackingthecodes.org/. Kein Mensch der, so wie ich, im Anti-Rassismus arbeitet, hat alle Antworten auf all die Fragen die sich in unserem Kontext stellen; diese Arbeit hier bildet ein Kontinuum und niemand schafft es, bei solch schwerwiegenden Themen von sich zu behaupten ein_e 100% Expert_in zu sein. Ich habe mich nunmehr seit 20 Jahren mit Systemen „rassischer“ Ungleichheit beschäftigt (was meine formale Bildung anbetrifft) und lerne immer noch hinzu.

Zum Schluss will ich noch hinzufügen, dass ich über die oben diskutierten Fragen detailliert in meinem neuen Buch schreiben werde, das Ende 2016 / Anfang 2017 erscheinen wird (siehe folgenden Link):

recipes-for-racial-tension-headcover

http://www.sistahvegan.com/2015/07/10/recipes-for-racial-tension-headaches-a-critical-race-feminists-journey-through-post-racial-usas-ethical-foodscape-2016/

Schau dir mal die Teaching Tolerance-Textsammlung des SPLC an, dort findest du viele Materialien, die du für deinen Aktivismus im ethischen Konsum, für deine Studien in dem Bereich, usw. adaptieren kannst.

Alle Links: letzter Zugriff am 25.05.2016.

Ergänzugen zur Übersetzung:

[1] Der Begriff ‚race’ wird in der kritischen Diskussion über Rassismus im Amerikanischen in seiner politisierten Bedeutung verwendet und ist klar abgegrenzt zu verstehen von einem rassenbiologistischen Begriff, wenn er sich im westlichen Denken auch ursprünglich darauf begründet hat. Ich setze den Begriff „Rasse“ in dieser Übersetzung in Anführungszeichen, da der Begriff im deutschen Sprachgerbauch vorwiegend durch seinen geschichtlichen Hintergrund der rassistischen Propaganda des NS-Regimes gekennzeichnet ist. (In einigen anderen rassismuskritischen Überserzungstexten habe ich nichtdestotrotz bei der Verwendung des Begriffes auf die Anführungszeichen verzichtet, da der Unterschied zwischen politisiertem und rassenbiologistischem Sprachgebrauch aus solchen Texten prinzipiell klar hervorgeht. Da dieser Text einen einführenden Charakter hat, habe ich mich hier für die Setzung in Anfürhungszeichen entschieden.)

[2] Zum Begriff des Weißseins: „Weißsein ist die soziale Lokalisierung von Macht, Privileg und Prestige. Es ist ein unsichtbares Päckchen unverdienter Vorteile. Als eine epistemologische Überzeugung ist es manchmal eine Handhabe der Verneinung. Weißsein ist eine Identität, eine Kultur und eine oft kolonialisierende Lebensweise, die Weißen zumeist nicht bewusst ist, aber selten nicht den ‚People of Color’ [Nicht-Weißen]. Das Weißsein trägt auch die Autorität innerhalb des größeren Kulturraums den es beherrscht, indem es die Bedingungen festlegt wie jeder Aspekt von Rasse diskutiert und verstanden wird. Das Weißsein verfügt so über einen Facettenreichtum und ist durchsetzend. Das systemische Weißsein liegt im Mittelpunkt des Problems von ‚Rasse’ innerhalb dieser Gesellschaft.“ Zitiert aus: Barbara J. Flagg, Foreword: Whiteness as Metaprivilege, Washington University Journal of Law and Policy 1-11 (2005).

[3] Ich füge den Screenshot aus Gründen der Übersichtlichkeit an dieser Stelle ein:

GettingRealAboutRace

[4] Die Jim-Crow-Gesetze nannte man in der Geschichte der Vereinigten Staaten eine Reihe von Gesetzten, die eine „rassische“ Segregation erzwangen. Sie galten in den Südstaaten zwischen dem Ende der Rekonstruktion 1877 bis zum Anfang der Bürgerrechtswegegung in den 1950ern. ‚Jim Crow’ (eigentlich ‚Jump Jim Crow’) bezeichnete eine der damals typischen rassistischen „Minstrel“-Darstellungen, bei der schwarze Menschen in herabsetzender Weise von Weißen „karikiert“ wurden. Der Name ‚Jim Crow’ („Jim die Krähe“) wurde zu einem Schimpfwort für alle Afro-Amerikaner_innen und designierte ihre Segregiertheit in der Nation.

[5] Als ‚Sundown Towns’ bezeichnete man eine Form der Segregation, bei der in den USA eine Stadt, eine Ortschaft oder eine Nachbarschaft bewusst nur Weiße ansiedeln ließ und alle ‚People of Color’ (POC, farbige Menschen) ausgeschlossen wurden. Diese Art der rassistischen Einschränkung erwirkte man durch eine Kombination regionaler diskriminatorischer Gesetze, durch Einschüchterung und Erniedrigung und letztendlich auch durch physische Gewalt. Die Benennung stammt von den Schildern, die zum Zwecke der Ausgrenzung errichtet wurden, auf denen die weißen Anwohner kundgaben, dass ‚POC’ die jeweilige Ortschaft bis zum Einbruch der Dunkelheit zu verlassen hätten. Man nannte diese Ortschaften auch ‚Sunset Towns’ oder ‚Gray Towns’. Seit der Entscheidung des Obersten Gerichtshofes von 1917 im Falle Buchanan gegen Warley ist die „rassische“ Diskriminierung beim Verkauf von Immobilien verboten. Die Rassismusproblematik zeigt ihre Auswirkungen auf die Siedlungslandschaft in den USA aber noch bis in die Gegenwart hinein.

Dr. A. Breeze Harper ist die Gründerin von Critical Diversity Solutions und leitet zurzeit das Staff Diversity Initiative’s Multicultural Education Program des UC Berkeley. Im Oktober dieses Jahres wird Dr. Harper bei der Pro-intersectional Vegan Conference zu Gast sein, die vom VegfestUK in Brighton organisiert wird.

Sie finden auf unserem Blog auch weitere Textmaterialien von Dr. A. Breeze Harper zu den Themen kritische Rasse- und Weißseinsstudien, Veganismus und Tierrechte.

Wie ist das mit dem Rassismus?

animal_liberation_human_liberation

Intersektionalität ist ein Begriff, der in der veganen Bewegung zunehmend an Selbstverständnis gewinnt. In unserer Gesellschaft jedoch wird ein ‘Rassismusvorwurf’ (als eine der schwerwiegenden Diskriminierungsformen) immer noch als etwas drastisches verstanden und man möchte sich mit dieser Kritik und dem Thema lieber doch nicht näher befassen.

Die allergische bis aggressive Abwehrreaktionen auf den ‘Rassismusvorwurf’ hat die auf multikulturelle Erziehung spezialisierte US-amerikanische Pädagogin Robin DiAngelo als ‘weiße Fragilität‘ bezeichtet. Die Problematik solcher Abwehrmechanismen betrifft auch die Bewegungen ethischen Konsums, so wie den Veganismus und die Tierrechtsbewegung in unserer Gesellschaft. Was veganen Rassismus bzw. Anti-Rassismus anbetrifft, besteht – trotz unseres wachsenden Bewusstseins über intersektionale Problematiken – ein fortwährender Aufklärungsbedarf.

Zahlreiche Beiträge auf unserem Blog, befassen sich mit Intersektionalität. Unser besonderes Anliegen ist es aber auch, speziefisch über analytische Ansätze wie die kritischen Rassestudien / Critical Race Studies und die kritischen Weißseinsstudien / Critical Whiteness Studies aus intersektionaler veganer Sicht zu informieren und hier sind einige wichtige Beiträge zu diesen Themenbereichen:

A. Breeze Harper: Rasse als eine „nebensächliche Angelegenheit“ im Veganismus: Eine Hinterfragung des Weißseins, geopolitischer Privilegien und der Philosophie des Konsums „tierqualfreier“ Produkte

A. Breeze Harper: Vegane Nahrungsmittelpolitik: eine schwarze feministische Perspektive

Die Sistah Vegan Konferenz 2015

Info zur Sistah Vegan Konferenz 2015: Die vegane Praxis von „Black Lives Matter“

A. Breeze Harper: Liebe PETA, Schwarze Leben zählen … wo steht Ihr eigentlich in diesem ganzen Chaos?

A. Breeze Harper: Sich mit der Idee zu befassen, dass Hinterfragungen von Rasse, Gender und Weißsein, innerhalb des Veganismus, nicht sinnlos sind: Reflektionen über die Sistah Vegan Conference

Programmübersicht: Kritische Nahrungsmittel- und Gesundheitsstudien Webkonferenz: „Verkörperte und kritische Perspektiven auf den Veganismus von schwarzen Frauen und ihren Verbündeten“

Sistah Vegan Conference: „Verkörperte und kritische Perspektiven auf den Veganismus von schwarzen Frauen und ihren Verbündeten“

Die Sistah Vegan Anthologie 2010

Anastasia Yarbrough: Weißes Überlegenheitsdenken und das Patriarchat schaden Tieren

 

Die Sistah Vegan Konferenz 2015

Die kommende Sistah Vegan Konferenz, 2015.

Quelle: Upcoming – Sistah Vegan Conference 2015, http://sistahvegan.com/upcoming-sistah-vegan-conference-2015/. Übersetzung: Palang LY mit der freundlichen Genehmigung von Dr. A. Breeze Harper.

Sistah Vegan Conference, 2015

Die vegane Praxis von „Black Lives Matter“ [„schwarze Leben zählen“]: Eine Hinterfragung neoliberalen Weißseins im Kontext mit der Bildung antirassistischer Solidarität unter farbigen Veganer_innen und ihren Freund_innen und Unterstützer_innen (vor, nach und über die Geschehnisse in Ferguson hinaus).

Datum: 24-25 April 2015
Ort: Online-Webkofenrenz

Die Konferenz des Sistah Vegan Projekts über die vegane Praxis von „Black Lives Matter“ bringt Akademiker_innen, Autor_innen, Aktivist_innen und Gemeinschaftsorganisator_innen zusammen, um die Schnittstellen zwischen der #blacklivesmattter-Bewegung und dem Veganismus genauer zu betrachten.

Gedacht für Schwarze Veganer_innen, Vegans of Color und ihre weißen Freund_innen und Unterstützer_innen, bietet dieses Online-Event eine Gelegenheit zur gemeinsamen Diskussion, zur Netzwerkbildung für den Aktivismus und für einen gemeinsamen Austausch über aktuelle Wissensstände. Ziel der Konferenz wird auch sein, Vorschläge zu entwickeln und Inspiration zu finden, um eine Dynamik des kollektiven Wandels zu fördern.

In dieser Zeit, in der zahlreiche Menschen auf die Straßen gehen, um im Namen des Banners von #blacklivesmatter zu demonstrieren, werden sich die geplanten Workshops und Redebeiträge für die diesjährige Konferenz folgenden Themen widmen:

  • Wo liegen die Schnittstellen zwischen dem Veganismus und #blacklivesmatter?
  • Wie sieht eine vegane Praxis in Sinne von „black lives matter“ aus?
  • Wie sieht ein Veganismus aus, der „black lives matter“ ignoriert, und was sind die aus ihm ungewollt resultierenden Konsequenzen?
  • Warum spielen Rasse und Weißsein eine Rolle, und was sind deren Funktionsweisen innerhalb des Veganismus und darüber hinaus?
  • Wie sieht Unterstützung innerhalb der #blacklivesmatter-Bewegung unter nichtschwarzen Veganer_innen und Schwarzen Nicht-Veganer_innen aus?

Wollt Ihr teilnehmen?

Es lohnt sich bei der Konferenz teilzunehmen – sie bietet eine gute Gelegenheit um neues zu erfahren, sich gegenseitig auszutauschen und Gemeinschaft zu formieren.

Nehmt als Sprecher_in teil und/oder reicht einen Vortrag ein.

Fördert die Konferenz als Sponsor. Mehr Informationen dazu findet Ihr hier.

Bitte setzt Euch mit dem Sistah Vegan Project in Verbindung wenn ihr teilnehmen möchtet, die Konferenz mitsponsorn möchtet, eine_e Redner_in oder eine_n Abieter_in eines Workshops empfehlen wollt oder wenn Ihr Fragen oder Kommentare habt.

Das Programm, die Registration sowie die Information über Redner_innen und Workshops findet Ihr hier.

Über die Konferenz

#Blacklivesmatter geschieht in und wegen einem Amerika, in dem eine „postrassische“ Rhetorik den Mainstream dominiert und von vielen weißen Amerikaner_innen als Wahrheit akzeptiert wird.

Die Engstirnigkeit in der Perspektive/im Denken/in der Rhetorik erstreckt sich auch auf Veganer_innen (in überwiegend weißen Räumen), indem die Annahme einer anti-oppressiven Haltung allein auf die Rechte nichtmenschlicher Tiere und den Speziesismus beschränkt wird und andere Formen der Unterdrückung (wie der systemische Rassismus, Xenophobie, usw.) nicht weiter berücksichtigt werden.

In solch einem Kontext spielen Schwarze Leben wirklich keine Rolle und der Einsatz zur Bekämpfung von Rassismus und anderen Formen menschlicher Unterdrückung, wird als eine unnötige Ablenkung vom „echten Einsatz“ für die Befreiung nichtmenschlicher Tiere betrachtet.

Viele von uns denken aber, als Schwarze Veganer_Innen und als Nicht-Weiße und Weiße Freund_innen und Unterstützer_innen, dass unsere Politik nicht Single-Issue [keine Einthemenpolitik] sein darf. So sehr wie der Veganismus ein Rahmenwerk der Anti-Oppression bietet, so sehr sollte dies auch in umfassender Weise umgesetzt werden.

Wir können die Verbindungen zwischen der Kinderarbeit auf Kakaoplantagen und der Versklavung von nichtmenschlichen Tieren in Fabrikfarmen nicht ignorieren. „Cruelty-free“  – Ohne Qual und Grausamkeit – kann nicht einfach nur bedeuten, das keine nichtmenschlichen Tiere für die Herstellung eines Produkts gequält worden ist, es muss auch implizieren, dass die Arbeiter_innen, die unsere Produkte/Güter herstellen, gerecht behandelt und entsprechend vergütet werden.

Wir hinterfragen die rassischen und die Klassenprivilegien, die es der veganen Mainstreamrhetorik erlauben, farbige Menschen mit einem geringen Einkommen, die für sich keine pflanzlich-basierende Ernährung annehmen, als faul zu bezeichnen, ohne deren Realitäten eines Mangels an Zugängen zu guten, bezahlbaren Nahrungsmittel zu wahrzunehmen und zu begreifen. Wir hinterfragen mit welcher Leichtigkeit viele weiße Veganer_innen die Kontroverse rund um ‚Thug Kitchen’ abtun; deren Unfähigkeit zu sehen, wie solch eine Minstel-Show bösartige Stereotype über Schwarze Menschen verstärkt und eine Akzeptanz der Gewalt gegen sie begünstigt.

Wir betonen, dass die #blacklivesmatter-Aktivist_innen von Anfang an darum bemüht gewesen sind, aufzuzeigen, dass queere Menschen, Feminist_innen,  Menschen unterschiedlicher sozio-ökonomischer Klassen, Menschen, die anders befähigt sind, usw. nicht nur Teil der Bewegung sind, sondern, dass deren Perspektiven dabei helfen, die Strategien und Ziele der Bewegung zu definieren – statt, gemäß der alten „traditionellen“ Hierarchien, straighte, Cisgenger, körperlich befähigte Männer der Mittelklasse die Führungsrollen zuteil werden zu lassen.

Wir fordern zu einer veganen, kollektiven Praxis auf, die eine klare Position gegen jede Form der Unterdrückung einnimmt, die für den Antirassismus steht, für die Schwarze Befreiung, für die Dekonstruktion weiß-supremazistischer Systeme und Institutionen in einer angeblich postrassischen Ära, und die sich gegen die Systeme richtet, durch die nichtmenschliche Tiere misshandelt und unterdrückt werden.

Das Programm, Informationen zu den Sprecher_innen, den stattfindenden Workshop und zur Registration findet Ihr hier.

Unser Stand der Dinge: Wie steht es mit der „eigenen Meinungsfreiheit“ und was ist Meinungswirksamkeit?

jesuischar

Unser Stand der Dinge: Wie steht es mit der „eigenen Meinungsfreiheit“ und was ist Meinungswirksamkeit?

Wir – als Gesellschaft – haben im gewissen Sinne alle ein Problem mit der Meinungsfreiheit: Meinungen werden nicht als flexible, sich verändernde Gebilde wahrgenommen, sondern zeigen nur ein grobes politisches (oder nichtpolitisches) Lager an, dem sich jemand zuordnen lässt, und, wir alle (als „Masse“ sozusagen) haben ein Problem mit dem Fokus: alle Welt fokussiert relativ zeitgleich auf ein oder wenige aktuelle Themen, wobei das Problem dabei ist, dass alles, was in dem Moment nicht zu den Mainstreamthemen gehört, sowenig Interesse und Zurkenntnisnahme in der öffentlichen Debatte erhält, als gäbe es überhaupt kategorisch irrelevante Themen und Perspektiven.

In welchem Feld finden sich vor solch einem Hintergrund betrachtet Tierrechte und Antispeziesismus?

Wenn der ethische Veganismus Revolution sein will, kann er sich nicht den bestimmenden politischen Lagern unterordnen, bei denen die Interessen nichtmenschlicher Tiere als relativ unbedeutend für die Gesamtheit ethischer Koexistenz bewertet werden. Ein ethischer Veganismus, die Tierrechtsbewegung und die Antispeziesismusbewegung müssen selbst meinungsbildend sein, in dem Sinne, dass alte politische Kategorien und Lager aufgebrochen und neue Blickweisen aufgezeigt und inspiriert werden. Eine Meinung gilt nichts, wenn sie sich keinen eigenen Raum schafft und nur als Sekundärmeinung betrachtet wird.

Was ist das aber für ein Phänomen, dass „Menschenmassen“ immer zeitgleich auf gleiche Themen anspringen – wobei endlos viele Themen in verschiedener Hinsicht relevanter sein können oder genauso relevant sind, wie die, denen gerade alle Aufmerksamkeit zuteil wird? Es mag meistens letztendlich um Menschenrechtsfragen und Fragen des Weltfriedens gehen, aber es fragt sich, warum Menschenrechte nicht auch Tierrechte und eine reifere Haltung der natürlichen Umwelt gegenüber mit sich vereinbaren lassen könnten.

Wenn auch ein Diktat des Fokus existiert, so können Themenschnittmengen doch einen Ausweg aus den einseitigen Gewichtungen in der Wahrnehmung von Problemkomplexen bieten: kaum ein Thema hat rein gar nichts mit einem anderen zu tun. So wäre die gegenwärtige Debatte über Extremismus und Terrorismus eine Möglichkeit, das Thema der Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft/den Gesellschaften allgemein stärker anzusprechen. Gewalt ist den meisten Problemen, mit denen wir primär zu kämpfen haben (Speziesismus, Rassismus, Sexismus, … usw. usf.) immanent; ein einziges Phänomen solcher Gewalt herauszusondern, führt zu keiner tiefergreifenden Analyse und möglichen fundamentalen Kritik der Psychologie der Gewalt.

TIERAUTONOMIE / Gruppe Messel

A. Breeze Harper: Liebe PETA, Schwarze Leben zählen … wo steht Ihr eigentlich in diesem ganzen Chaos?

Liebe PETA, Schwarze Leben zählen … wo steht Ihr eigentlich in diesem ganzen Chaos?

Dr. A. Breeze Harper, sistahvegan.com

Quelle: Dear PETA, Black Lives Matter … so, where are you in all this mess? Übersetzung: Palang LY (simorgh.de), mit der freundlichen Genehmigung von Dr. A. Breeze Harper.

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Liebe PETA,

Ich stieß auf diesen alten Eintrag von vor 5 Jahren (siehe Ende dieses Blogeintrags). Weshalb konntet Ihr Euer Anliegen nicht anders vermitteln? Ernsthaft, dies ist nun fünf Jahre her und ich frage mich, ob Ihr jemals begreift, dass schwarze Leben zählen, und dass wir nicht einfach da sind, um für Eure weißen, neoliberal-rassistischen Vorstellungen von Tierbefreiung zu werben. Als ich dies zuerst auf Craig’s List geposted sah (siehe unten), wollte ich mich am liebsten übergeben und weinen … ich dachte darüber nach, wie, geschichtlich betrachtet, die Körper Schwarzer Frauen immer wieder ausgebeutet, misshandelt und erniedrigt wurden um das weiß-supremazistische US-amerikanische System aufrechtzuerhalten … und ja, dieser Prozess wird immer noch fortgeführt. So empfand ich diese Anzeige schlichtweg als herzzerbrechend, denn sie zeigt wirklich, dass PETA ‚Diversität’ in einem extremst weiß-supremazistischen, kapitalistischen, heteropatriarchalen Sinne einsetzt; dass Ihr kein Freund und Alliierter seid, sondern ein Mittäter.

In den letzten Monaten, in denen ich mit meiner Arbeit zu schwarzen feministischen veganen Themen befasst war, die die Ziele der Black Lives Matter-Bewegung unterstützen, fragte ich mich, ob Ihr Euch jemals für diese Anzeige unten entschuldigt habt. Und ich frage mich auch, was Eure Rolle in der Black Lives Matter-Bewegung ist. Auch wenn Ihr davon besessen seid, „posthuman“ zu sein, und damit, „dass wir doch alle Tiere sind“, so spielt Rasse nichtsdestotrotz eine Rolle. Schwarze Menschen betrachten sich kollektiv soweit nicht als posthuman, denn hat man uns bis heute nicht einmal das Recht zugestanden, als fühlende und liebende menschliche Wesen betrachtet zu werden. Und ich sage dies nicht um damit den Speziesismus zu unterstützen. Ich sage dies mit einem vollständigen Kanon kritischer Rasseforschung und schwarzer feministischer Forschung auf die ich mich stützen kann. Ich weiß, dass Schwarze Menschen seit dem europäischen Kolonialismus bis in die Gegenwart (und wahrscheinlich auch bis morgen und bis nächste Woche und bis nächstes Jahr) aufgrund des systemischen Rassismus und des neoliberalen Weißseins als Tiere behandelt werden – solange wie postrassische, posthumanistische, „ich sehe keine Farbigkeit“-Machtbesitzende wie Ihr nicht dazu übertretet, die Grundsätze von Black Lives Matter zu praktizieren (wie es viele andere anti-rassistische Bewegungen tun) und sie in Eure veganen Aktionen mit einbezieht. Und wenn ich schreibe „wie Tiere behandelt“, dann beziehe ich mich auf den sozio-historischen Kontext nach 1492, als die europäischen Kolonisator_innen entschieden, dass nichtmenschliche Tiere verfügbar, ausbeutbar und nicht-fühlend sind … und dann schwarze Afrikaner_innen als solch eine Art Tiere kategorisierten.

Nun wo die Black Lives Matter-Bewegung stärker wird, stärker in den gesamten USA, und während ich diese Bewegung durch meine eigenen Aktivitäten als schwarze feministische Veganerin unterstütze, frage ich mich, wo Ihr in diesem ganzen Chaos eigentlich steht? Was habt ihr geleistet um uns zu zeigen, dass Schwarze leben zählen? Was tut ihr hinsichtlich einer Umgestaltung auf Organisationsebene, um eure Angestellten und freiwilligen Helfer_innen dahingehen fortzubilden, dass eine vegane Praxis des Black Lives Matter nicht nur möglich, sondern auch notwendig ist? Das dies euren Singe-Issue-Ansatz in der Tierbefreiung in gar in keiner Weise stört? Ihr bittet Omnivore darum, die systemische Gewalt gegen nichtmenschliche Tiere und das Leid nichtmenschlicher Tiere nicht mehr totzuschweigen. Ich bitte Euch darum, die systemische Gewalt und Ausbeutung von schwarzen Menschen nicht mehr totzuschweigen und nicht mehr zu tolerieren. Es ist möglich, sich auf die Tierbefreiung zu konzentrieren und antirassistisch zu sein, ohne dadurch die Macht einzubüßen zu müssen, Veränderung bewirken zu können. Aber ich denke, dass Ihr das inzwischen auch selbst wisst, und frage mich, ob es Euch vielleicht leichter fällt speziesistische Macht aufzugeben, als die Macht des kollektiven neoliberalen weißen Privilegs, über die der Großteil Eurer Führungsspitze verfügt, und das es selbst auch kaum ablegen kann.

Wie in dieser Anzeige unten werdet ihr schwarze und braune Körper, denen weißsupremazistische Mythen anhängen („die sind ausbeutbar“, „die sind hypersexuell“, usw.), weiterhin einsetzen um Eure ureigenen und ausschließlichen Zielen veganer sozialer (Selbst-)Gerechtigkeit voranzubringen; Ziele, die systemischen Rassismus und neoliberales Weißsein nicht dekonstruieren, sondern bestätigen und aufrechterhalten?

Ich lade Euch dazu ein, an der Sistah Vegan 2015 Conference „The Vegan Praxis of ‚Black Lives Matter’“ teilzunehmen, die online stattfindet. Ihr habt durch eine Teilnahme nichts zu verlieren und könnt dabei nur gewinnen. Und nehmt einige Bücher zur Hand, die Euch dabei helfen, mehr über die Black Lives Matter-Bewegung zu erfahren; wie diese Bewegung ein Kontinuum der schwarzen Befreiung darstellt. Eine Liste befindet sich am Ende dieses anderen Eintrags auf dem Sistah Vegan Blog.

(Breeze sitzt hier in der Erwartung die Grillen zu hören und weitere 5 Jahre veganer sozialer (Selbst-)Gerechtigkeit, wie in der Anzeige unten, zu erleben.)

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(Alle Links: 1. Januar 2015)

Info zur Sistah Vegan Konferenz 2015: Die vegane Praxis von „Black Lives Matter“

Quelle: Sistah Vegan Conference 2015. The Vegan Praxis of “Black Lives Matter”: Challenging NeoliberalWhitenessWhileBuilding Anti-Racist Solidarity Amongst Vegans of Color and Allies (Before, After, and Beyond Ferguson)
Übersetzung: Palang LY (simorgh.de), mit der freundlichen Genehmigung von Dr. A. Breeze Harper.

Die Sistah Vegan Konferenz 2015
Die vegane Praxis von „Black Lives Matter“ [„schwarze Leben zählen“].

Eine Hinterfragung neoliberalen Weißseins im Kontext mit der Bildung antirassistischer Solidarität unter farbigen Veganer_innen und ihren Freund_innen und Unterstützer_innen (vor, nach und über die Geschehnisse in Ferguson hinaus).

Wann: 24-25 April 2015
Wo: Online-Webkonferenz

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Über die Konferenz

Im Jahr 2012 lernte das Sistah Vegan Project die Bewegung und die Webseite von „Black Lives Matter“ kennen. Die Black Lives Matter-Bewegung, deren Wurzeln in einer schwarzen feministischen, queeren Perspektive gründen, entsprach in ihrem Verständnis über Gerechtigkeit und über die Befreiung schwarz-indentifizierter Menschen in der Diaspora in vielen Punkten dem des Sistah Vegan Project. Die Begründer_innen von Black Lives Matter fokussierten nicht alleine auf schwarze Cisgender-Männer als Opfer militarisiert-polizeilicher staatlicher Gewalt, sondern das Leben aller Schwarzer stand hier im Mittelpunkt (wie das queerer, trans, anders befähigter, inhaftierter, usw. Schwarzer). Black Lives Matter ist eine Bewegung und nicht nur ein Moment. Die Begründer_innen dieser Bewegung schreiben:

#BlackLivesMatter wurde im Jahr 2012 ins Leben gerufen, nachdem George Zimmerman, der Mörder von Trayvon Martin, freigesprochen wurde und der verstorbene siebzehnjährige Trayvon noch posthum für seinen eigenen Mord verantwortlich gemacht wurde. Gründend auf den Erfahrungen Schwarzer Menschen in diesem Land, die wir uns aktiv gegen unsere Entmenschlichung wehren, ist #BlackLivesMatter ein Aufruf zum Handeln und eine Reaktion auf den virulenten anti-schwarzen Rassismus, der unsere Gesellschaft durchsetzt. Black Lives Matter ist ein spezifischer Beitrag, der den außergerichtlichen Morden Schwarzer durch die Polizei und Vigilanten nachgeht.

#BlackLivesMatter bewegt sich jenseits des engstirnigen Nationalismus, der in den schwarzen Gemeinschaften vorherrschen kann, und der Schwarze dazu auffordert, nur Schwarze zu lieben, nur schwarz zu leben und nur schwarz zu kaufen, während gleichzeitig heterosexuelle schwarze Cis-Männer die Front dieser Bewegung ausmachen – unsere Schwestern, unsere queere-, tans- und behinderten Freund_innen hingegen aber nur die Rollen im Hintergrund einnehmen dürfen oder aber gar keine keine Rolle spielen. Black Lives Matter bejaht das Leben Schwarzer, die queer und trans sind, behindert sind, offiziell nicht erfasst sind, vorbestraft sind, das Leben schwarzer Frauen und aller Schwarzer entlang des Gender-Spektrums. Diejenigen, die innerhalb der schwarzen Befreiungsbewegungen marginalisiert wurden, werden hier in den Mittelpunkt gerückt. Es geht darum, die schwarze Befreiungsbewegung (neu) zu errichten.

Wenn wir sagen, dass schwarze Leben zählen, dann erweitern wir die Diskussion über die staatlich ausgeübte Gewalt zum Einbeschluss all der Formen, in denen Schwarze in beabsichtigter Weise dem Staat gegenüber machtlos gehalten werden. Wir sprechen darüber, in welcher Art und Weise uns als Schwarze grundsätzliche Menschenrechte vorenthalten und uns unsere Würde geraubt wird, darüber; wie Armut und Genozid eine Form staatlicher Gewalt darstellen; wie die Einsperrung von 2,8 Millionen Schwarzen Menschen in Käfige in diesem Land staatliche Gewalt ist; wie die Belastung schwarzer Frauen durch ständige Angriffe auf unsere Kinder und unsere Familien eine Form staatlicher Gewalt darstellt; wie schwarze queere und Trans-Menschen unter der Belastung durch eine hetero-patriarchale Gesellschaft leiden, die uns systematisch verschrottet, während sie uns gleichzeitig fetischisiert und von uns profitiert, und wie dies ebenso eine Form der Gewalt durch den Staat darstellt; wie 500.000 schwarze Menschen in den USA als illegale Immigranten leben und in die Unsichtbarkeit verbannt werden; wie Schwarze Mädchen als Verhandlungsmasse in Zeiten des Konflikts und des Krieges eingesetzt werden; wie Schwarze Menschen, die eine Behinderung haben oder anders Befähigt sind, unter der Belastung staatlich geförderter darwinistischer Experimente leiden, durch die man versucht, sie in Kategorien der Normalität zu zwängen, die durch ein weißes Überlegenheitsdenken definiert werden – und auch dies ist eine Form staatlicher Gewalt.

#BlackLivesMatter setzt sich für eine Welt ein, in der das Leben Schwarzer nicht mehr systematisch und vorsätzlich eine Zielfläche destruktiver Angriffe darstellt. Wir bekräftigen unseren Beitrag für die Gesellschaft, für die Menschheit, und unseren Widerstand angesichts der tödlichen Unterdrückung mit der wir konfrontiert sind. Wir haben unser ehrenamtliches Engagement und unsere Liebe zu Schwarzen Menschen dahingehend eingesetzt, ein politisches Projekt ins Leben zu rufen – wir haben den Hashtag aus den sozialen Medien herausgeholt und sind auf die Straßen gegangen. Der Ruf nach der Bedeutung Schwarzer Leben ist unser Ruf für die Leben ALLER Schwarzer, die sich für Befreiung eínsetzen.

(Quelle: BlackLivesMatter.com/about)

Die zweijährliche Sistah Vegan Konferenz: „Die vegane Praxis von Black Lives Matter“ 2015 ist Teil dieser Bewegung. Diejenigen, die nicht wissen, was wir mir „Praxis“ meinen und wie wir dieses Konzept gebrauchen, sollten dazu diesen Abschnitt lesen.

In den letzten zehn Jahren habe ich, Dr. A. Breeze Harper, die Begründerin des Sistah Vegan Projekts, mich intensivst mit der kritischen Rasse- und der kritischen Weißseins-Analyse der nordamerikanischen veganen Bewegung befasst. Mir war klar, dass die Mainstream-Rhetorik innerhalb der veganen Bewegung wenig in Sinne dessen tut, anzuerkennen, dass „Schwarze leben zählen“; dies hängt mit einer postrassischen/posthumanen veganen Praxis zusammen. Das Kollektiv weißer neoliberal orientierter Veganer_innen reagiert auf die Konfrontation mit dieser Tatsache, durch vorwiegend nicht-weiße und antirassistische Personen (die vegan sein können oder nicht-vegan), häufig in einer defensiven Art und Weise. Sie reagieren gemeinsam mit verbaler Gewalt, Täter-Opfer-Umkehr und/oder drücken selbstbewusst aus, dass die Einbeziehung eines antirassistischen und dem Weißsein gegenüber kritischen Bewusstsein in ihrer veganen Praxis „zu ablenkend“ von ihren Zielen der Befreiung nichtmenschlicher Tiere wäre. Diese Reaktion selbst spricht Bände von dem weißen Privileg, dass es sich leisten kann, Fragen von Rasse, Rassismus und Rassifizierung als „zu unpassend“ zu empfinden.

Doch so gibt es aber auch diejenigen von uns schwarzen Veganer_innen und Freund_innen, die sich seit langem in verschiedenen Praktiken dessen engagiert haben, den systemischen und institutionell begründeten Rassismus, die Negrophobie, das neolibeale Weißsein (manche nennen es auch den ‚neoliberalen Rassismus’) und den Speziesismus aufzulösen. Wir sind das Kontinuum eines Erbes antirassistischer und anti-weiß-supremazistischer Aktivist_innen und Akademiker_innen, die sich schon immer darum bemüht haben zu zeigen, dass „Schwarze leben zählen“: W.E.B. DuBois, Assata Shakur, Fanny Lou Hammer, Angela Davis (vegan), Morris Dees, Ella Baker, Nina Simone, bell hooks, Ida B. Wells, Octavia Butler (vegan), Audre Lorde, Derrick Bell, Peggy McIntosh, James Baldwin, the Black Panther Party, the Combahee Collective … und die Liste geht weiter.

Vor kurzem hat der geniale rassenbewusste schwarz-identifizierte vegane Chefkoch Bryant Terry darüber geschrieben, wie das Kochbuch Thug Kitchen, das im Herbst 2014 erschienen ist, im Widerspruch zu den Kernthemen steht, wie wir sie in der „Black Lives Matter“-Bewegung finden.  Die Kontroverse rund um Thug Kitchen entwickelte sich zu einem Mikrokosmos dessen, wie Rasse in den USA durch weiß-identifizierte Menschen, so wie den Autor_innen des Buches Thug Kitchen, anders gelebt wird. Die Autor_innen verweigerten sich darin, die Gefahren des Zusammenwirkens ihres eigenen weißen neoliberalen geopolitischen Statuses mit der Aufrechterhaltung von systemischem Rassismus und anti-schwarzer Gewalt wahrzunehmen – sie waren schlichtweg nicht imstande dazu, zu reflektieren, wie ihr Gebrauch des Wortes „Thug“ nicht unschuldig sein konnte, sondern hauptsächlich auf der Rassifiziertheit des Begriffes als „angsteinflößener, schwarzer, urbaner männlicher Gangsta“ aufbaut. Solch eine Verneinung zeigte eindeutig, so die Kritiker des Buches Thug Kitchen (wie Lizbut Ross und der Blogger Michael Twitty, dass die Rassifiziertheit als weiß in einer neoliberalen Zeit, eine überwältigend großen Anzahl weißer Menschen hervorgebracht hat, die tatsächlich nicht verstehen, wie und weshalb der Begriff „Thug“ mit diesem „überzeugenden Mythos“ der weißen Mehrheit gleichgesetzt werden kann: dass alle Schwarzen und Braunen Menschen gefährlich sind und man daher zweifellos vorsorglich mit staatlich sanktionierter Gewalt oder einzelnen Akten präventiver „Selbstverteidigung“ vorgehen darf.

Jedoch wirft man den Blick auf die schwarze vegane Erfahrung, so versteht man bald, wie ihre kollektive Praxis Antirassismus, schwarze Befreiung und die Dekonstruktion weiß-supremazistischer Systeme und Institutionen in einer angeblich post-rassischen Zeit beinhalten muss. Dj Cavem zum Beispiel, ein junger schwarzer veganer Hip-Hop-Aktivist aus Denver Colorado, engagiert sich dafür, Jugendliche mit der veganen Praxis vertraut zu machen. Er zeigt uns, dass „schwarze Leben zählen,“ indem er gegen Nahrungsmittelwüsten, den Gefängnis-Industrie-Komplex, Polizeigewalt und Ungleichheiten im Gesundheitswesen kämpft – Konsequenzen des anti-schwarzen Erbes im weiß-supremazistischen kapitalistisch-basierenden US-amerikanischen System.

Schauen wir in Richtung der Ostküste der USA, dort finden wir die anfrozentrisch ausgerichtete vegane Aktivistin Queen Afua, deren wegweisendes Buch Sacred Woman die vegane Ernährungspraxis mit der Bewusstsein verband, dass rassifiziert-sexualisierte Gewalt gegen schwarze Frauen und Mädchen nicht verschwiegen und ignoriert werden darf.

Nicht-schwarz-identifizierte Freund_innen und Unterstützer_innen, so wie Dr. Harlan Weaver, bringen eine antirassistische vegane Praxis und die der Tierbefreiung in ihrer Arbeit zusammen. Dr. Weaver beobachtet wie cisgender, rassische und nichtbehinderte Identitäten die Beziehung zu Pitbulls in den USA in direkter Weise beeinflussen. Die rassistischen Reaktionen seitens der Mainstream-Tierrechts- und veganen Bewegung auf den Fall Michael Vicks und seine Beteiligung an Pittbull-Hundekämpfen zeigen, dass es nicht nur Michael Vick war, der hier vor Gericht stand, sondern insgesamt die schwarze urbane Hip-Hop-Kultur und die „wilden“ Männer, die ihr angeblich entsprangen. Die Arbeit Weavers kann angeführt werden um verstehen zu lernen, wie solche Reaktionen des Mainstreams weißer Tierrechtler_innen und Veganer_innen erkennbar machen, dass die Leben Schwarzen in derer veganen Praxis nicht zählen.

Eine der kontroversesten Gruppen die für den Veganismus werben sind PETA. Sie setzen sich für die Befreiung nichtmenschlicher Tiere ein, während sie zugleich ihre eigene unterstützende Rolle, sowohl in der Aufrechterhaltung eines neoliberalen Rassismusses, als auch dabei, durch transphobe Texte und Bilder den Mainstream dahingehend zu beeinflussen, aus „ekel“ Vegetarier_innen oder Veganer_innen zu werden, ignorieren. Ob beabsichtigt oder nicht, solch eine vegane Praxis wie die, die PETAs Kampagnenstrategien treibt, betrifft die Leben von Trangender-Menschen in negativer Weise – insbesondere das Leben von schwarzen Transgenderfrauen wie CeCe McDonald. Der weiße vegane Freund und Unterstützer Kris Gebhard hat seine Solidarität mit der Black Lives Matter-Bewegung gezeigt, indem er sich für die Befreiung CeCe McDonalds engagiert.

Lauren Ornelas, die Leiterin des Food Empowerment Projects ist latina-identifizierte anti-rassistische Veganerin. Ornelas hat einen enormen Beitrag darin geleistet, aufzudecken, welche Unternehmen vegane Kakaoprodukte herstellen und vertreiben, deren Produktion die Ausbeutung schwarzer afrikanischer Kinder beinhaltet. Diese Kinder werden versklavt um Kakao zu ernten – und das auch für tierqualfreie vegane Schokoladenriegel . Ihre kontinuierliche Arbeit zur Sichtbarmachung dieser grausamen Praxis ‚moderner Sklaverei’ stellt ein beeindruckendes Beispiel trans-kontinentalen Einsatzes dar, mit dem Ziel Veganer_innen im globalen Westen und Norden bewusst zu machen, wie/ob ein „qualfreier“ Konsum über die Frage: „Wurde einem Nichtmenschen Grausamkeit angetan?“ hinausgehend praktiziert wird. Das Food Empowerment Project klärt auf und bringt Konsumenten dazu, sich mit der Realität auseinanderzusetzen, dass der meiste Kakao der gehandelt wird mit folgender Logik einhergeht: 1. schwarze afrikanische Leben zählen nichts und dürfen nicht zählen, und 2.) wir haben es hier mit einem größeren Problem rassifizierten Nahrungsmittelhandels zu tun, bei dem diejenigen, die Nahrungsmittel unter grausamsten Bedinungen ernten, zumeist braune und schwarze Menschen dieser Welt sind.

In Fortsetzung mit der pro-veganen Arbeit im Sinne des Gedanken von Black Lives Matter, wie sie geleistet wird von Menschen wie Lizbut Ross, Bryant Terry, DJ Cavem, Harlan Weaver, Lauren Ornelas und Queen Afua, werden sich die Workshops und Redebeiträge der kommenden Konferenz mit folgenden Fragen befassen (und versuchen sie zu beantworten oder immerhin in eine Richtung besserer Antworten zu verweisen).

  1. Wie sieht eine vegane Praxis im Sinne von Black Lives Matter aus?
  2. Wie sieht der Veganismus aus, der die Idee von Black Lives Matter ignoriert und was sind die (un)gewollten Konsequenzen, die daraus resultieren?
  3. Weshalb spielen Rasse und Weißsein eine Rolle, und was sind ihre Funktionsweisen?
  4. Wie sieht die gegenseitige Unterstützung innerhalb der Black Lives Matter-Bewegung unter nicht-schwarzen und schwarzen Veganer_innen aus?

Das Programm, die Liste der Sprecher_innen, der angebotenen Workshops und die Informationen zur Registration sind hier abrufbar.

(Alle Links: 27. Dez. 2014)