Breeze Harper: Ein Toolkit für Anfänger zum Verständnis über den „Rasse“-Begriff im ethischen Konsum

Dr. A. Breeze Harper, The Sistah Vegan Project: A Critical Race Feminists’s Journey Through the ‘Post-Racial’ Ethical Foodscape … and Beyond.

Das Sistah Vegan Projekt: die Reise einer sich mit den kritischen Rassestudien befassenden Feministin durch die ‚post-rassische’ Landschaft ethischer Nahrungsmittel … und darüber hinaus.

Realitstisch werden was den „Rasse“[1]-Begriff anbetrifft: Ein Toolkit für Anfänger zum Verständnis über den „Rasse“-Begriff im ethischen Konsum (beim Veganismus, in den Tierrechten, usw.)

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Originaltext: Getting Real about Race: A Starter Toolkit for Understanding Race in Ethical Consumption (Veganism, Animal Rights, and More). Übersetzung: Gita Yegane Arani-Prenzel, mit der freundlichen Genehmigung von Dr. A. Breeze Harper.

Quelle: http://www.sistahvegan.com/2015/11/11/getting-real-about-race-a-toolkit-for-ethical-consumption-veganism-animal-rights-and-more/

If-Race-is-Just-a-Skin-Color...

Wenn es bei „Rasse“ nur um ‚Hautfarbe’ geht, wieso wurde mir dann immer wieder gesagt, ich würde ‚weiß’ klingen? Wie kann man denn jemandes Hautfarbe ‚hören’?
– Dr. A. Breeze Harper, The Sistah Vegan Project.

Ich habe die letzten zehn Jahre darüber publiziert und Vorträge darüber gehalten, wie das Weißsein [2] in den USA den ethischen Konsum und weitere darüber hinaus im Zusammenhang stehende Dinge anbetrifft. Das Hauptthema der Verwirrung, dem ich im Bezug auf die Problematik von „Rasse“ und Weißsein begegnet bin, stammt meistens von weiß-identifizierten Menschen, die tatsächlich nicht verstehen, wie „Rasse“ und Rassifizierung sich geschichtlich, sozial, physisch, geographisch und rechtlich konstituieren. Die meisten weiß-identifizierten Menschen, die ihre prägenden Jahre in den USA oder anderen weiß-dominierten Gesellschaften verbracht haben, scheinen davon auszugehen, dass „Rasse“ einfach eine Frage der „Hautfarbe“ sei, bei der bestimmte Phänotypen wie ‚blondes Haar’ oder ‚schmale Lippen’ die Kennzeichnungen für die jeweilige „Rasse“ ausmachen; darüber hinaus denken die meisten, Rassismus sei kein bedeutendes Hindernis zur Gleichheit und Inklusion, trotz der erschütternden Daten, die noch nach dem Jahr 2000 das Gegenteil beweisen. Für diese Demographie heißt „Rasse“ schlichtweg ‚Hautfarbe’ und ist ein ‚Ding der Vergangenheit’…

… aber nichts könnte den Tatsachen weniger entsprechen.

Einige wesentliche Fragen, die ich in Reaktion auf [weiße] Konstruktionen darüber, dass „Rasse“ eine Frage der ‚Hautfarbe’ sei, gestellt habe, sind folgende gewesen:

Wenn es bei „Rasse“ nur um ‚Hautfarbe’ geht, warum wurde mir dann immer wieder gesagt, ich würde ‚weiß’ klingen? Wie kann man denn jemeades Hautfarbe ‚hören’?

Wenn es bei „Rasse“ nur um Hautfarbe geht, warum hat man die Iren in den Vereinigten Staaten trotz gleicher Hautfarbe bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht gleichermaßen als Weiße wie die weißen angelsächsischen Protestanten betrachtet? Wodurch waren sie und andere hellhäutige europäischen Immigranten in der Lage auf das „Weißsein“ hinzuarbeiten?

Wenn es bei „Rasse“ nur um Hautfarbe geht, warum wurde mein neugeborenes Baby im Jahr 2009, das mit einer sehr hellen Hautfarbe, hellblauen Augen und glattem braunen Haar geboren wurde, von manchen als ‚schwarz’ und von anderen als ‚weiß’ eingeordnet?

In dem letzten Teaching-Tolerance-Rundbrief des Southern Poverty Law Centers (SPLC) wurde H. Richard Milner IV zitiert. Ich habe einen Screenshot [3] davon gemacht, wie der SPLC Menschen darüber aufklärt, wie das Konzept von „Rasse“ jenseits des Hautfarben-Mythos funktioniert (siehe folgende Liste):

  1. Physisch konstruiert. Bezugnehmend auf die Pigmentierung der Haut, konstruieren Menschen in der Gesellschaft Vorstellungen, Charakteristiken, Bilder und Glaubenssysteme über sich selbst und andere. Diese physischen Konstruktionen sind manchmal falsch, bleiben aber dennoch in den Köpfen bestehen. Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass sich physische Konstruktionen über „Rasse“ von Gesellschaft zu Gesellschaft unterscheiden. So sind zum Beispiel die Konstruktionen von „Rasse“ in Afrika und Asien andere als die auf dem Phänotyp basierenden Konstruktionen von „Rasse“ in Nordamerika.
  2. Sozial konstruiert. Basierend auf einer Reihe von gesellschaftlichen Botschaften und Informationen, kategorisieren Menschen sich selbst und andere. Diese gesellschaftlichen Konstruktionen verbinden sich mit Präferenzen, sind weltanschaulich und haben mit der Art und Weise zu tun, wie Gruppen von Menschen vermeintlich funktionieren. Sie gründen auf unterschiedlichen Perspektiven, die sich aus den Interpretationen der Menschen von Geschichte und Recht speisen, und sie prägen unser Denken im Bezug auf Einzelne und auf Gruppen von Menschen.
  3. Rechtlich konstruiert. Die Gesetzgebung in den USA hat ihren Beitrag zum Rassebegriff geleistet. Rechtspolitik und Grundsatzfälle, wie das Naturalisationsgesetz (1790), Plessy gegen Ferguson (1896), Takao Ozawa gegen die Vereinigten Staaten (1922), Brown gegen das US-Bildungsministerium (1954) und Milliken gegen Bradley (1974) haben allesamt Konstruktionen und Definitionen von „Rasse“ innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft mitbestimmt.
  4. Historisch konstruiert. Die geschichtlichen Realitäten dessen, wie Menschen in einer Gesellschaft, die durch Rassismus und Unterdrückung geprägt war, behandelt wurden und wie es ihnen in dieser Gesellschaft erging, formten auch die Art und Weise, wie Menschen „Rasse“ verstehen, kommunizieren und konzeptualisieren. So beeinflussen beispielsweise die Jim-Crow-Gesetze [4], die Sklaverei und rassistische Diskriminierung, wie Menschen „Rasse“ konzeptualisieren und begreifen.

Die Annahmen von Menschen über „Rasse“, die durch die oben beschriebenen Aspekte beeinflusst sind, prägen deren Handeln und Nicht-Handeln auf praktischer Ebene. Und obgleich „Rasse“ ein zentrales Konstrukt darstellt in der Untersuchung bildungstechnischer Ergebnisse, Verfahrensweisen und Praktiken, so sind Umfang und Ausmaß gewonnener Erkenntnisse über verbesserte Handlungspraktiken im öffentlichen sowie akademischen Diskurs zumeist begrenzt. Es wird beispielsweise häufig über die „Bildungskluft“ und die Disparitäten zwischen weißen und schwarzen/farbigen Student_innen diskutiert, „Rasse“ [A.d.Ü.: im Sinne von ‚Rassismusproblematik’] wird aber dennoch nicht in grundlegender Weise adressiert, außer dass man die Ergebnisse aus Datenerhebungen veröffentlicht. Die Gründe dafür, warum das Thema „Rasse“ so schwierig zu thematisieren ist, sprengen den Rahmen dieses Buches, aber auch meine Erfahrungen über die Jahre, in der Arbeit mit mehr als tausend Pädagog_innen, haben mir gezeigt, dass „Rasse“ ein in „gemischter“ Gesellschaft schwierig zu diskutierendes Problem ist.

Quelle: http://www.tolerance.org/magazine/number-51-fall-2015/feature/excerpt-getting-real-about-race, 01.05.2016.

Das Toolkit zum Verständnis für den Auszug: „Realistisch werden über den ‚Rasse’-Begriff“ im Rahmen einer Welt des ethischen Konsums

Anmerkung: dies ist ein Entwurf, der sich in Arbeit befindet und über die Zeit ergänzt wird …

Der Mainstream in den USA hat Schwierigkeiten damit, sich einen reellen Begriff von der Komplexität von „Rasse“ und Machtverhältnissen, derer Geschichte, Politik, usw. zu machen. Das betrifft insbesondere diejenigen, die rassisch privilegiert sind und sich niemals mit der Problematik auseinandersetzen mussten.

Dieses Toolkit habe ich aus dem Original: „Ein Auszug aus: realistisch werden über den ‚Rasse’-Begriff“ herausgearbeitet, das sich mehr auf Erfahrungen und Praxis im schulischen Bereich bezieht. Ich werde dieses Toolkit verwenden um damit Fragestellungen zu leisten, zur Begleitung der Reflexion und Diskussion darüber, wie die physischen, sozialen, juristischen und historischen Konstruktionen von „Rasse“ Menschen beeinflusst, die sich in den Bereichen des ethischen Konsums bewegen – rangierend vom Veganismus über Tierrechte bis hin zu ‚guter Ernährung’.

Einfühung

In Rac(e)ing to Class: Confronting Poverty and Race in Schools and Classrooms schreibt H. Richard Milner IV: „Pädagogen haben häufig Schwierigkeiten damit, das Thema ‚Rasse’ [A.d.Ü. die Rassismusproblematik] zu adressieren, und damit auch die Frage, in wieweit ihre Arbeit mit den Schülern, den Eltern, mit der Gemeinschaft und mit den Kollegen durch diese Problematik beeinflusst ist.“ Milner empfiehlt eine nuancierte Herangehensweise zur Konzeptualisierung von „Rasse“ als physische, soziale, juristische und historische Konstruktionen. Was folgt sind kurze Auszüge aus Rac(e)ing to Class und sich daran anknüpfende Fragestellungen, die ich für den Bereich des ethischen Konsums adaptiert habe. Diese Tools können von euch, eurer Gruppe oder bei eurem Arbeitsplatz gerne verwendet werden.

Die wesentliche Frage

1. In welcher Weise ist die Gemeinschaft ethischen Konsums, in der ich aktiv bin, durch die physischen, sozialen, juristisch-rechtlichen und geschichtlichen Konstruktionen von „Rasse“ betroffen?

Vorgehensweise

Diese vier Fragen können als Stichpunkte beim Verfassen eines Tagebucheintrags oder in der stillen Reflexion verwendet werden, sie können auch unterstützend bei einer Gruppendiskussion mit Kollegen über das Thema „Rasse“ [Rassismus] zur Hilfe genommen werden, oder beides.

„Rasse“ ist physisch konstruiert.

In seinem Buch Rac(e)ing to Class schreibt Milner:

Bezugnehmend auf die Pigmentierung der Haut, konstruieren Menschen in der Gesellschaft Vorstellungen, Charakteristiken, Bilder und Glaubenssysteme über sich selbst und andere. Diese physischen Konstruktionen sind manchmal falsch, bleiben aber dennoch in den Köpfen bestehen. Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass sich physische Konstruktionen über „Rasse“ von Gesellschaft zu Gesellschaft unterscheiden. So sind zum Beispiel die Konstruktionen von „Rasse“ in Afrika und Asien andere als die auf dem Phänotyp basierenden Konstruktionen von „Rasse“ in Nordamerika.

  1. Nenne ein Beispiel dessen, wie „Rasse“ in der Bewegung ethischen Konsums physisch konstruiert ist.
  2. In welcher Weise betrifft die physische Konstruktion von „Rasse“ dich persönlich oder dein Engagement im ethischen Konsum?

Beispielsweise sind ‚normale’ gesunde Körper in der Werbung ethischen Konsums beinahe immer ‚weiße’ und schlanke Personen. Warum sehen wir dunkelhäutigere Menschen und/oder ‚dicke’ Menschen fast nie, wenn überhaupt, als ‚Maßstab’ für normal und gesund? In welcher Weise betreffen sowohl Hautfarbe als auch Körpergröße die Rassifizierung als ein ‚maßgebliches’ Weißsein? In welchen anderen Formen hat ein Verständnis ‚richtigen’ Weißseins einen Einfluss auf den ethischen Konsum?

  1. In welcher Weise betrifft die physische Konstruktion von „Rasse“ die Demographien denen du deine Dienstleistungen anbietest und/oder die du über ethischen Konsum informierst?

Warum werden dunkelhäutigere Menschen die ‚fett’ sind, eher adressiert als Menschen, die man über den ethischen Konsum ‚aufklären’ sollte, als weiße dünne Menschen? Wie und weshalb spielen Rassifizierung in den Intersektionen von Hautfarbe, Körpergröße und Ethik eine Rolle?

  1. Wie beeinflusst die physische Konstruktion von „Rasse“ den Bereich ethischen Konsums in dem Du aktiv bist?

Rasse ist sozial konstruiert.

In Rac(e)ing to Class schreibt Milner:

Basierend auf einer Reihe von gesellschaftlichen Botschaften und Informationen, kategorisieren Menschen sich selbst und andere. Diese gesellschaftlichen Konstruktionen verbinden sich mit Präferenzen, sind weltanschaulich und haben mit der Art und Weise zu tun, wie Gruppen von Menschen vermeintlich funktionieren. Sie gründen auf unterschiedlichen Perspektiven, die sich aus den Interpretationen der Menschen von Geschichte und Recht speisen, und sie prägen unser Denken im Bezug auf Einzelne und auf Gruppen von Menschen.

Ich würde dem hinzufügen, dass die meisten Menschen sich dessen völlig unbewusst sind, inwiefern ihre Auffassungen und Wahrnehmungen eine Voreingenommenheit hinsichtlich „Rasse“ aufweisen.

  1. Nenne ein Beispiel dessen, in welcher Weise „Rasse“ im ethischen Konsum sozial konstruiert ist.
  2. In welcher Weise bist du durch die soziale Konstruktion von „Rasse“ betroffen und wie wirkt sich das auf dein Engagement im Bereich des ethischen Konsums aus, und darauf, wie du die Inhalte wahrnimmst.
  3. In welcher Form sind die Menschen, mit denen du innerhalb deines Sektors des ethischen Konsums zusammenarbeitest oder denen du deine Leistungen anbietest, durch die soziale Konstruktion von „Rasse“ betroffen?
  4. Ich welcher Form ist deine Gruppe oder dein Betrieb durch die soziale Konstruktion von „Rasse“ betroffen?

„Rasse“ ist rechtlich konstruiert.

In Rac(e)ing to Class schreibt Millner:

Die Gesetzgebung in den USA hat ihren Beitrag zum Rassebegriff geleistet. Rechtspolitik und Grundsatzfälle, wie das Naturalisationsgesetz (1790), Plessy gegen Ferguson (1896), Takao Ozawa gegen die Vereinigten Staaten (1922), Brown gegen das US-Bildungsministerium (1954) und Milliken gegen Bradley (1974) haben allesamt Konstruktionen und Definitionen von „Rasse“ innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft mitbestimmt.

  1. Nenne ein Beispiel dessen, wie „Rasse“ in deinem Leben/deiner Kultur/deiner Gesellschaft rechtlich konstruiert ist.
  2. Ich welcher Weise ist dein Engagement im Bereich des ethischen Konsums durch die juristisch-rechtliche Konstruktion von „Rasse“ betroffen?
  3. In welcher Weise betrifft die juristisch-rechtliche Konstruktion von „Rasse“ die Demographien, die du vornehmlich adressierst, denen du deine Leistungen anbietest oder mit denen du zusammen arbeitest (z.B. Auftraggeber_innen, Kund_innen, Schüler_innen und Student_innen, Patient_innen, usw.)?
  4. Wie betrifft die juristisch-rechtliche Konstruktion von „Rasse“ die Konstruktion ethischen Konsums deiner Gruppe oder deines Betriebs?

vegansoso

(Quelle: http://mic.com/articles/127821/the-surprising-way-these-activists-are-using-veganism-to-fight-white-supremacy)

Wenn Du in der Tierrechts- und/oder der veganen Bewegung aktiv bist, verwendest Du solche Bilder, wie das oben abgebildete, ohne Dir dabei bewusst zu sein, dass schwarze Menschen vom rechtlichen Standpunkt her nicht als Menschen, sondern in der Tat als Tiere (in der eurozentrischen speziesistischen und kolonialistisch-rassistischen Art und Weise) betrachtet wurden, während man die Gesamtheit weißer Menschen rechtlich als vollwertige Menschen konstituierte?

Bist Du Dir dessen bewusst, dass, obwohl es heutzutage in den USA verboten ist, schwarze Menschen mit Stricken und Bäumen zu lynchen, immer noch legale Wege existieren um schwarze Menschen zu „lynchen“ – insbesondere mittels Racial Profiling und tödliche Übergriffe durch Polizeibeamte, die immer noch durch die geschichtlichen und rechtlich tolerierten Praktiken des traditionellen Lynchens schwarzer Menschen beeinflusst sind?

Dieses Bild impliziert auch, dass „Rasse“ und Rassismus keine weiteren bedeutsamen Hindernisse in Gesundheitsfragen, in dem Streben nach Glück und nach Sicherheit im Leben schwarzer Menschen darstellen würden. Und, es impliziert auch, dass diejenigen, die dieses Bild verwenden, nicht mit den nach dem Jahre 2000 entstandenen umfassenden Kanon in den Sozial- und Rechtswissenschaften vertraut sind, der aufzeigt, dass der weiße Mainstream in den USA schwarze Menschen immer noch als Tiere konzeptualisiert, und der Meinung ist, dass sie es verdienten „gelyncht“ zu werden – wenn auch nicht mit Stricken und Bäumen, so aber doch dafür, sich ‚hochnäsig’ gegenüber der Polizei zu gebärden, wie Sandra Bland es angeblich tat; oder indem Du als 12-jähriger Junge (Tamir Rice) erschossen wirst, weil eine systemische Negrophobie ein [un]bewusstes rassifiziertes Vorurteil im Denken des Mainstreams in der Bevölkerung geschafften hat, die die Menschen glauben macht, dass ein kleiner schwarzer Junge wie ein „großer angsteinflößender“ schwarzer Mann aussehen kann.

Es existieren eine Unzahl von Formen, in denen systemischer Rassismus das Rechtssystem in negativer Weise beeinflusst. Und, man bedenke, dass Systeme miteinander verbunden sind: das Rechtssystem hat seinen Einfluss auf das Gesundheitssystem, auf das Bildungssystem, auf das Lebensmittelsystem, usw.

„Rasse“ ist geschichtlich und geographisch* konstruiert.

(Anmerkung: in dem originalen Toolkit wird die Geographie nicht mit als ein Teil von Rassifizierung aufgeführt, aber als Cultural Food Geographer [Lebensmittelkulturgeographin] komme ich nicht umhin die Geographie hier mit einzubeziehen.)

In Rac(e)ing to Class schreibt Milner:

Die geschichtlichen Realitäten dessen, wie Menschen in einer Gesellschaft, die durch Rassismus und Unterdrückung geprägt war, behandelt wurden und wie es ihnen in dieser Gesellschaft erging, formten auch die Art und Weise, wie Menschen „Rasse“ verstehen, kommunizieren und konzeptualisieren. So beeinflussen beispielsweise die Jim-Crow-Gesetze [4], die Sklaverei und rassistische Diskriminierung, wie Menschen „Rasse“ konzeptualisieren und begreifen.

  1. Nenne ein Beispiel dessen, wie „Rasse“ in deinem Leben/deiner Kultur/deiner Gesellschaft geschichtlich konstruiert ist.
  2. In welcher Weise bist du und ist dein Engagement in der Bewegung für den ethischen Konsum durch die geschichtliche Konstruktion von „Rasse“ betroffen? Hast Du beispielsweise jemals über die Geschichte der Sundown Towns [5] nachgedacht und in welcher Weise dies die geographische Lokalisierung beispielsweise einer Permakultur-Veranstaltung betreffen kann?
  3. In welcher Form sind dein Arbeitsplatz und/oder die Dynamiken zwischen den Aktivist_innengruppen rund um den ethischen Konsum durch die geschichtlichen, physischen und geographischen Konstruktionen von „Rasse“ anbetroffen?

Für was stehen eigentlich die Vorstellungen rund um den ‚weißen männlichen Farmer’ als die unhinterfragte ‚Norm’ in den gegenwärtigen Mainstream-Abbildungen von Lebensmitteln, Nachhaltigkeit und Landwirtschaft? In welcher Form spielen Geschichte und ländliche Geographien eine Rolle in den Vorstellungen von „Rasse“, und davon, wie man sich ein physisch annehmbares Vorbild des ethischen Konsums vorstellt?

  1. In welcher Weise ist die Auffassung über ethischen Konsum in deiner Gruppe oder im Geschäftsmodel deines Betriebs durch die historische Konstruktion von „Rasse“ betroffen? Wie wirkt sich das auf eure aufklärerische Öffentlichkeitsarbeit und eure Kommunikation aus?

So ist beispielsweise der geschichtliche Hintergrund der US-Agrargesetze und dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart hinein stark durch eine systemische Rassifizierung beeinflusst. Die Art und Weise wie rassifizierte Minderheiten in den unterschiedlichen Sektoren des landwirtschaftlichen Systems in den USA behandelt wurden, beeinflusst die Funktionsweisen des heutigen Mainstream-Nahrungsmittelsystems … und erhält die in dem System gegebenen „rassischen“- und sozioökonomischen Ungleichheiten. Geht es um ethische Lebensmittel, wie ‚Grünkohl’ oder ‚Erdbeeren’, muss man die sich die Geschichte der Rassifizierung und seiner Auswirkungen auf die Agrargesetze vergegenwärtigen … die den Weg vom Anbau bis zum Vertrieb und Handel dieser Nahrungsmittel bis hin auf unsere Teller mit beeinflusst hat … . Die individuellen Auffassungen derer, die sich im Bereich des ethischen Konsums engagieren, sind hinsichtlich dessen, wie ein ‚gerechtes’ Lebensmittelsystem aussehen sollte, vor solch einem Hintergrund zu verstehen.

Wenn weiße Menschen in den USA, in der Vergangenheit bis in die Gegenwart, aufgrund rechtlich-juristischer Institutionen des Rassismus, einen sichereren, gesünderen und einfacheren Zugang zu Nahrungsmitteln und medizinischen Ressourcen hatten, in welcher Weise ist deine Konstruktion dessen, wie Menschen Nahrungsmittel in ‚ethischer’ Weise konsumieren sollten, durch diesen geschichtlichen Hintergrund mit beeinflusst? Inwiefern richtet sich Dein Kommunikationsmodel an der Berücksichtigung solcher Fragen mit aus?

Wenn du magst, so kannst du auf einige der oben gestellten Fragen im Kommentarbereich antworten. Ich möchte dies hier zu einem fortlaufenden Dialog umwandeln, statt es bei einem Monolog zu belassen. [6]

Das System „rassischer“ Ungleichheit in dem der ethische Konsum existiert, kann durch eine Vielzahl von Ressourcen besser verstanden werden, so wie durch das vielbeachtete Video Cracking the Codes, das hier eingesehen werden kann: http://crackingthecodes.org/. Kein Mensch der, so wie ich, im Anti-Rassismus arbeitet, hat alle Antworten auf all die Fragen die sich in unserem Kontext stellen; diese Arbeit hier bildet ein Kontinuum und niemand schafft es, bei solch schwerwiegenden Themen von sich zu behaupten ein_e 100% Expert_in zu sein. Ich habe mich nunmehr seit 20 Jahren mit Systemen „rassischer“ Ungleichheit beschäftigt (was meine formale Bildung anbetrifft) und lerne immer noch hinzu.

Zum Schluss will ich noch hinzufügen, dass ich über die oben diskutierten Fragen detailliert in meinem neuen Buch schreiben werde, das Ende 2016 / Anfang 2017 erscheinen wird (siehe folgenden Link):

recipes-for-racial-tension-headcover

http://www.sistahvegan.com/2015/07/10/recipes-for-racial-tension-headaches-a-critical-race-feminists-journey-through-post-racial-usas-ethical-foodscape-2016/

Schau dir mal die Teaching Tolerance-Textsammlung des SPLC an, dort findest du viele Materialien, die du für deinen Aktivismus im ethischen Konsum, für deine Studien in dem Bereich, usw. adaptieren kannst.

Alle Links: letzter Zugriff am 25.05.2016.

Ergänzugen zur Übersetzung:

[1] Der Begriff ‚race’ wird in der kritischen Diskussion über Rassismus im Amerikanischen in seiner politisierten Bedeutung verwendet und ist klar abgegrenzt zu verstehen von einem rassenbiologistischen Begriff, wenn er sich im westlichen Denken auch ursprünglich darauf begründet hat. Ich setze den Begriff „Rasse“ in dieser Übersetzung in Anführungszeichen, da der Begriff im deutschen Sprachgerbauch vorwiegend durch seinen geschichtlichen Hintergrund der rassistischen Propaganda des NS-Regimes gekennzeichnet ist. (In einigen anderen rassismuskritischen Überserzungstexten habe ich nichtdestotrotz bei der Verwendung des Begriffes auf die Anführungszeichen verzichtet, da der Unterschied zwischen politisiertem und rassenbiologistischem Sprachgebrauch aus solchen Texten prinzipiell klar hervorgeht. Da dieser Text einen einführenden Charakter hat, habe ich mich hier für die Setzung in Anfürhungszeichen entschieden.)

[2] Zum Begriff des Weißseins: „Weißsein ist die soziale Lokalisierung von Macht, Privileg und Prestige. Es ist ein unsichtbares Päckchen unverdienter Vorteile. Als eine epistemologische Überzeugung ist es manchmal eine Handhabe der Verneinung. Weißsein ist eine Identität, eine Kultur und eine oft kolonialisierende Lebensweise, die Weißen zumeist nicht bewusst ist, aber selten nicht den ‚People of Color’ [Nicht-Weißen]. Das Weißsein trägt auch die Autorität innerhalb des größeren Kulturraums den es beherrscht, indem es die Bedingungen festlegt wie jeder Aspekt von Rasse diskutiert und verstanden wird. Das Weißsein verfügt so über einen Facettenreichtum und ist durchsetzend. Das systemische Weißsein liegt im Mittelpunkt des Problems von ‚Rasse’ innerhalb dieser Gesellschaft.“ Zitiert aus: Barbara J. Flagg, Foreword: Whiteness as Metaprivilege, Washington University Journal of Law and Policy 1-11 (2005).

[3] Ich füge den Screenshot aus Gründen der Übersichtlichkeit an dieser Stelle ein:

GettingRealAboutRace

[4] Die Jim-Crow-Gesetze nannte man in der Geschichte der Vereinigten Staaten eine Reihe von Gesetzten, die eine „rassische“ Segregation erzwangen. Sie galten in den Südstaaten zwischen dem Ende der Rekonstruktion 1877 bis zum Anfang der Bürgerrechtswegegung in den 1950ern. ‚Jim Crow’ (eigentlich ‚Jump Jim Crow’) bezeichnete eine der damals typischen rassistischen „Minstrel“-Darstellungen, bei der schwarze Menschen in herabsetzender Weise von Weißen „karikiert“ wurden. Der Name ‚Jim Crow’ („Jim die Krähe“) wurde zu einem Schimpfwort für alle Afro-Amerikaner_innen und designierte ihre Segregiertheit in der Nation.

[5] Als ‚Sundown Towns’ bezeichnete man eine Form der Segregation, bei der in den USA eine Stadt, eine Ortschaft oder eine Nachbarschaft bewusst nur Weiße ansiedeln ließ und alle ‚People of Color’ (POC, farbige Menschen) ausgeschlossen wurden. Diese Art der rassistischen Einschränkung erwirkte man durch eine Kombination regionaler diskriminatorischer Gesetze, durch Einschüchterung und Erniedrigung und letztendlich auch durch physische Gewalt. Die Benennung stammt von den Schildern, die zum Zwecke der Ausgrenzung errichtet wurden, auf denen die weißen Anwohner kundgaben, dass ‚POC’ die jeweilige Ortschaft bis zum Einbruch der Dunkelheit zu verlassen hätten. Man nannte diese Ortschaften auch ‚Sunset Towns’ oder ‚Gray Towns’. Seit der Entscheidung des Obersten Gerichtshofes von 1917 im Falle Buchanan gegen Warley ist die „rassische“ Diskriminierung beim Verkauf von Immobilien verboten. Die Rassismusproblematik zeigt ihre Auswirkungen auf die Siedlungslandschaft in den USA aber noch bis in die Gegenwart hinein.

Dr. A. Breeze Harper ist die Gründerin von Critical Diversity Solutions und leitet zurzeit das Staff Diversity Initiative’s Multicultural Education Program des UC Berkeley. Im Oktober dieses Jahres wird Dr. Harper bei der Pro-intersectional Vegan Conference zu Gast sein, die vom VegfestUK in Brighton organisiert wird.

Sie finden auf unserem Blog auch weitere Textmaterialien von Dr. A. Breeze Harper zu den Themen kritische Rasse- und Weißseinsstudien, Veganismus und Tierrechte.

Die Sistah Vegan Konferenz 2015

Die kommende Sistah Vegan Konferenz, 2015.

Quelle: Upcoming – Sistah Vegan Conference 2015, http://sistahvegan.com/upcoming-sistah-vegan-conference-2015/. Übersetzung: Palang LY mit der freundlichen Genehmigung von Dr. A. Breeze Harper.

Sistah Vegan Conference, 2015

Die vegane Praxis von „Black Lives Matter“ [„schwarze Leben zählen“]: Eine Hinterfragung neoliberalen Weißseins im Kontext mit der Bildung antirassistischer Solidarität unter farbigen Veganer_innen und ihren Freund_innen und Unterstützer_innen (vor, nach und über die Geschehnisse in Ferguson hinaus).

Datum: 24-25 April 2015
Ort: Online-Webkofenrenz

Die Konferenz des Sistah Vegan Projekts über die vegane Praxis von „Black Lives Matter“ bringt Akademiker_innen, Autor_innen, Aktivist_innen und Gemeinschaftsorganisator_innen zusammen, um die Schnittstellen zwischen der #blacklivesmattter-Bewegung und dem Veganismus genauer zu betrachten.

Gedacht für Schwarze Veganer_innen, Vegans of Color und ihre weißen Freund_innen und Unterstützer_innen, bietet dieses Online-Event eine Gelegenheit zur gemeinsamen Diskussion, zur Netzwerkbildung für den Aktivismus und für einen gemeinsamen Austausch über aktuelle Wissensstände. Ziel der Konferenz wird auch sein, Vorschläge zu entwickeln und Inspiration zu finden, um eine Dynamik des kollektiven Wandels zu fördern.

In dieser Zeit, in der zahlreiche Menschen auf die Straßen gehen, um im Namen des Banners von #blacklivesmatter zu demonstrieren, werden sich die geplanten Workshops und Redebeiträge für die diesjährige Konferenz folgenden Themen widmen:

  • Wo liegen die Schnittstellen zwischen dem Veganismus und #blacklivesmatter?
  • Wie sieht eine vegane Praxis in Sinne von „black lives matter“ aus?
  • Wie sieht ein Veganismus aus, der „black lives matter“ ignoriert, und was sind die aus ihm ungewollt resultierenden Konsequenzen?
  • Warum spielen Rasse und Weißsein eine Rolle, und was sind deren Funktionsweisen innerhalb des Veganismus und darüber hinaus?
  • Wie sieht Unterstützung innerhalb der #blacklivesmatter-Bewegung unter nichtschwarzen Veganer_innen und Schwarzen Nicht-Veganer_innen aus?

Wollt Ihr teilnehmen?

Es lohnt sich bei der Konferenz teilzunehmen – sie bietet eine gute Gelegenheit um neues zu erfahren, sich gegenseitig auszutauschen und Gemeinschaft zu formieren.

Nehmt als Sprecher_in teil und/oder reicht einen Vortrag ein.

Fördert die Konferenz als Sponsor. Mehr Informationen dazu findet Ihr hier.

Bitte setzt Euch mit dem Sistah Vegan Project in Verbindung wenn ihr teilnehmen möchtet, die Konferenz mitsponsorn möchtet, eine_e Redner_in oder eine_n Abieter_in eines Workshops empfehlen wollt oder wenn Ihr Fragen oder Kommentare habt.

Das Programm, die Registration sowie die Information über Redner_innen und Workshops findet Ihr hier.

Über die Konferenz

#Blacklivesmatter geschieht in und wegen einem Amerika, in dem eine „postrassische“ Rhetorik den Mainstream dominiert und von vielen weißen Amerikaner_innen als Wahrheit akzeptiert wird.

Die Engstirnigkeit in der Perspektive/im Denken/in der Rhetorik erstreckt sich auch auf Veganer_innen (in überwiegend weißen Räumen), indem die Annahme einer anti-oppressiven Haltung allein auf die Rechte nichtmenschlicher Tiere und den Speziesismus beschränkt wird und andere Formen der Unterdrückung (wie der systemische Rassismus, Xenophobie, usw.) nicht weiter berücksichtigt werden.

In solch einem Kontext spielen Schwarze Leben wirklich keine Rolle und der Einsatz zur Bekämpfung von Rassismus und anderen Formen menschlicher Unterdrückung, wird als eine unnötige Ablenkung vom „echten Einsatz“ für die Befreiung nichtmenschlicher Tiere betrachtet.

Viele von uns denken aber, als Schwarze Veganer_Innen und als Nicht-Weiße und Weiße Freund_innen und Unterstützer_innen, dass unsere Politik nicht Single-Issue [keine Einthemenpolitik] sein darf. So sehr wie der Veganismus ein Rahmenwerk der Anti-Oppression bietet, so sehr sollte dies auch in umfassender Weise umgesetzt werden.

Wir können die Verbindungen zwischen der Kinderarbeit auf Kakaoplantagen und der Versklavung von nichtmenschlichen Tieren in Fabrikfarmen nicht ignorieren. „Cruelty-free“  – Ohne Qual und Grausamkeit – kann nicht einfach nur bedeuten, das keine nichtmenschlichen Tiere für die Herstellung eines Produkts gequält worden ist, es muss auch implizieren, dass die Arbeiter_innen, die unsere Produkte/Güter herstellen, gerecht behandelt und entsprechend vergütet werden.

Wir hinterfragen die rassischen und die Klassenprivilegien, die es der veganen Mainstreamrhetorik erlauben, farbige Menschen mit einem geringen Einkommen, die für sich keine pflanzlich-basierende Ernährung annehmen, als faul zu bezeichnen, ohne deren Realitäten eines Mangels an Zugängen zu guten, bezahlbaren Nahrungsmittel zu wahrzunehmen und zu begreifen. Wir hinterfragen mit welcher Leichtigkeit viele weiße Veganer_innen die Kontroverse rund um ‚Thug Kitchen’ abtun; deren Unfähigkeit zu sehen, wie solch eine Minstel-Show bösartige Stereotype über Schwarze Menschen verstärkt und eine Akzeptanz der Gewalt gegen sie begünstigt.

Wir betonen, dass die #blacklivesmatter-Aktivist_innen von Anfang an darum bemüht gewesen sind, aufzuzeigen, dass queere Menschen, Feminist_innen,  Menschen unterschiedlicher sozio-ökonomischer Klassen, Menschen, die anders befähigt sind, usw. nicht nur Teil der Bewegung sind, sondern, dass deren Perspektiven dabei helfen, die Strategien und Ziele der Bewegung zu definieren – statt, gemäß der alten „traditionellen“ Hierarchien, straighte, Cisgenger, körperlich befähigte Männer der Mittelklasse die Führungsrollen zuteil werden zu lassen.

Wir fordern zu einer veganen, kollektiven Praxis auf, die eine klare Position gegen jede Form der Unterdrückung einnimmt, die für den Antirassismus steht, für die Schwarze Befreiung, für die Dekonstruktion weiß-supremazistischer Systeme und Institutionen in einer angeblich postrassischen Ära, und die sich gegen die Systeme richtet, durch die nichtmenschliche Tiere misshandelt und unterdrückt werden.

Das Programm, Informationen zu den Sprecher_innen, den stattfindenden Workshop und zur Registration findet Ihr hier.

A. Breeze Harper: Liebe PETA, Schwarze Leben zählen … wo steht Ihr eigentlich in diesem ganzen Chaos?

Liebe PETA, Schwarze Leben zählen … wo steht Ihr eigentlich in diesem ganzen Chaos?

Dr. A. Breeze Harper, sistahvegan.com

Quelle: Dear PETA, Black Lives Matter … so, where are you in all this mess? Übersetzung: Palang LY (simorgh.de), mit der freundlichen Genehmigung von Dr. A. Breeze Harper.

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Liebe PETA,

Ich stieß auf diesen alten Eintrag von vor 5 Jahren (siehe Ende dieses Blogeintrags). Weshalb konntet Ihr Euer Anliegen nicht anders vermitteln? Ernsthaft, dies ist nun fünf Jahre her und ich frage mich, ob Ihr jemals begreift, dass schwarze Leben zählen, und dass wir nicht einfach da sind, um für Eure weißen, neoliberal-rassistischen Vorstellungen von Tierbefreiung zu werben. Als ich dies zuerst auf Craig’s List geposted sah (siehe unten), wollte ich mich am liebsten übergeben und weinen … ich dachte darüber nach, wie, geschichtlich betrachtet, die Körper Schwarzer Frauen immer wieder ausgebeutet, misshandelt und erniedrigt wurden um das weiß-supremazistische US-amerikanische System aufrechtzuerhalten … und ja, dieser Prozess wird immer noch fortgeführt. So empfand ich diese Anzeige schlichtweg als herzzerbrechend, denn sie zeigt wirklich, dass PETA ‚Diversität’ in einem extremst weiß-supremazistischen, kapitalistischen, heteropatriarchalen Sinne einsetzt; dass Ihr kein Freund und Alliierter seid, sondern ein Mittäter.

In den letzten Monaten, in denen ich mit meiner Arbeit zu schwarzen feministischen veganen Themen befasst war, die die Ziele der Black Lives Matter-Bewegung unterstützen, fragte ich mich, ob Ihr Euch jemals für diese Anzeige unten entschuldigt habt. Und ich frage mich auch, was Eure Rolle in der Black Lives Matter-Bewegung ist. Auch wenn Ihr davon besessen seid, „posthuman“ zu sein, und damit, „dass wir doch alle Tiere sind“, so spielt Rasse nichtsdestotrotz eine Rolle. Schwarze Menschen betrachten sich kollektiv soweit nicht als posthuman, denn hat man uns bis heute nicht einmal das Recht zugestanden, als fühlende und liebende menschliche Wesen betrachtet zu werden. Und ich sage dies nicht um damit den Speziesismus zu unterstützen. Ich sage dies mit einem vollständigen Kanon kritischer Rasseforschung und schwarzer feministischer Forschung auf die ich mich stützen kann. Ich weiß, dass Schwarze Menschen seit dem europäischen Kolonialismus bis in die Gegenwart (und wahrscheinlich auch bis morgen und bis nächste Woche und bis nächstes Jahr) aufgrund des systemischen Rassismus und des neoliberalen Weißseins als Tiere behandelt werden – solange wie postrassische, posthumanistische, „ich sehe keine Farbigkeit“-Machtbesitzende wie Ihr nicht dazu übertretet, die Grundsätze von Black Lives Matter zu praktizieren (wie es viele andere anti-rassistische Bewegungen tun) und sie in Eure veganen Aktionen mit einbezieht. Und wenn ich schreibe „wie Tiere behandelt“, dann beziehe ich mich auf den sozio-historischen Kontext nach 1492, als die europäischen Kolonisator_innen entschieden, dass nichtmenschliche Tiere verfügbar, ausbeutbar und nicht-fühlend sind … und dann schwarze Afrikaner_innen als solch eine Art Tiere kategorisierten.

Nun wo die Black Lives Matter-Bewegung stärker wird, stärker in den gesamten USA, und während ich diese Bewegung durch meine eigenen Aktivitäten als schwarze feministische Veganerin unterstütze, frage ich mich, wo Ihr in diesem ganzen Chaos eigentlich steht? Was habt ihr geleistet um uns zu zeigen, dass Schwarze leben zählen? Was tut ihr hinsichtlich einer Umgestaltung auf Organisationsebene, um eure Angestellten und freiwilligen Helfer_innen dahingehen fortzubilden, dass eine vegane Praxis des Black Lives Matter nicht nur möglich, sondern auch notwendig ist? Das dies euren Singe-Issue-Ansatz in der Tierbefreiung in gar in keiner Weise stört? Ihr bittet Omnivore darum, die systemische Gewalt gegen nichtmenschliche Tiere und das Leid nichtmenschlicher Tiere nicht mehr totzuschweigen. Ich bitte Euch darum, die systemische Gewalt und Ausbeutung von schwarzen Menschen nicht mehr totzuschweigen und nicht mehr zu tolerieren. Es ist möglich, sich auf die Tierbefreiung zu konzentrieren und antirassistisch zu sein, ohne dadurch die Macht einzubüßen zu müssen, Veränderung bewirken zu können. Aber ich denke, dass Ihr das inzwischen auch selbst wisst, und frage mich, ob es Euch vielleicht leichter fällt speziesistische Macht aufzugeben, als die Macht des kollektiven neoliberalen weißen Privilegs, über die der Großteil Eurer Führungsspitze verfügt, und das es selbst auch kaum ablegen kann.

Wie in dieser Anzeige unten werdet ihr schwarze und braune Körper, denen weißsupremazistische Mythen anhängen („die sind ausbeutbar“, „die sind hypersexuell“, usw.), weiterhin einsetzen um Eure ureigenen und ausschließlichen Zielen veganer sozialer (Selbst-)Gerechtigkeit voranzubringen; Ziele, die systemischen Rassismus und neoliberales Weißsein nicht dekonstruieren, sondern bestätigen und aufrechterhalten?

Ich lade Euch dazu ein, an der Sistah Vegan 2015 Conference „The Vegan Praxis of ‚Black Lives Matter’“ teilzunehmen, die online stattfindet. Ihr habt durch eine Teilnahme nichts zu verlieren und könnt dabei nur gewinnen. Und nehmt einige Bücher zur Hand, die Euch dabei helfen, mehr über die Black Lives Matter-Bewegung zu erfahren; wie diese Bewegung ein Kontinuum der schwarzen Befreiung darstellt. Eine Liste befindet sich am Ende dieses anderen Eintrags auf dem Sistah Vegan Blog.

(Breeze sitzt hier in der Erwartung die Grillen zu hören und weitere 5 Jahre veganer sozialer (Selbst-)Gerechtigkeit, wie in der Anzeige unten, zu erleben.)

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(Alle Links: 1. Januar 2015)

Info zur Sistah Vegan Konferenz 2015: Die vegane Praxis von „Black Lives Matter“

Quelle: Sistah Vegan Conference 2015. The Vegan Praxis of “Black Lives Matter”: Challenging NeoliberalWhitenessWhileBuilding Anti-Racist Solidarity Amongst Vegans of Color and Allies (Before, After, and Beyond Ferguson)
Übersetzung: Palang LY (simorgh.de), mit der freundlichen Genehmigung von Dr. A. Breeze Harper.

Die Sistah Vegan Konferenz 2015
Die vegane Praxis von „Black Lives Matter“ [„schwarze Leben zählen“].

Eine Hinterfragung neoliberalen Weißseins im Kontext mit der Bildung antirassistischer Solidarität unter farbigen Veganer_innen und ihren Freund_innen und Unterstützer_innen (vor, nach und über die Geschehnisse in Ferguson hinaus).

Wann: 24-25 April 2015
Wo: Online-Webkonferenz

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Über die Konferenz

Im Jahr 2012 lernte das Sistah Vegan Project die Bewegung und die Webseite von „Black Lives Matter“ kennen. Die Black Lives Matter-Bewegung, deren Wurzeln in einer schwarzen feministischen, queeren Perspektive gründen, entsprach in ihrem Verständnis über Gerechtigkeit und über die Befreiung schwarz-indentifizierter Menschen in der Diaspora in vielen Punkten dem des Sistah Vegan Project. Die Begründer_innen von Black Lives Matter fokussierten nicht alleine auf schwarze Cisgender-Männer als Opfer militarisiert-polizeilicher staatlicher Gewalt, sondern das Leben aller Schwarzer stand hier im Mittelpunkt (wie das queerer, trans, anders befähigter, inhaftierter, usw. Schwarzer). Black Lives Matter ist eine Bewegung und nicht nur ein Moment. Die Begründer_innen dieser Bewegung schreiben:

#BlackLivesMatter wurde im Jahr 2012 ins Leben gerufen, nachdem George Zimmerman, der Mörder von Trayvon Martin, freigesprochen wurde und der verstorbene siebzehnjährige Trayvon noch posthum für seinen eigenen Mord verantwortlich gemacht wurde. Gründend auf den Erfahrungen Schwarzer Menschen in diesem Land, die wir uns aktiv gegen unsere Entmenschlichung wehren, ist #BlackLivesMatter ein Aufruf zum Handeln und eine Reaktion auf den virulenten anti-schwarzen Rassismus, der unsere Gesellschaft durchsetzt. Black Lives Matter ist ein spezifischer Beitrag, der den außergerichtlichen Morden Schwarzer durch die Polizei und Vigilanten nachgeht.

#BlackLivesMatter bewegt sich jenseits des engstirnigen Nationalismus, der in den schwarzen Gemeinschaften vorherrschen kann, und der Schwarze dazu auffordert, nur Schwarze zu lieben, nur schwarz zu leben und nur schwarz zu kaufen, während gleichzeitig heterosexuelle schwarze Cis-Männer die Front dieser Bewegung ausmachen – unsere Schwestern, unsere queere-, tans- und behinderten Freund_innen hingegen aber nur die Rollen im Hintergrund einnehmen dürfen oder aber gar keine keine Rolle spielen. Black Lives Matter bejaht das Leben Schwarzer, die queer und trans sind, behindert sind, offiziell nicht erfasst sind, vorbestraft sind, das Leben schwarzer Frauen und aller Schwarzer entlang des Gender-Spektrums. Diejenigen, die innerhalb der schwarzen Befreiungsbewegungen marginalisiert wurden, werden hier in den Mittelpunkt gerückt. Es geht darum, die schwarze Befreiungsbewegung (neu) zu errichten.

Wenn wir sagen, dass schwarze Leben zählen, dann erweitern wir die Diskussion über die staatlich ausgeübte Gewalt zum Einbeschluss all der Formen, in denen Schwarze in beabsichtigter Weise dem Staat gegenüber machtlos gehalten werden. Wir sprechen darüber, in welcher Art und Weise uns als Schwarze grundsätzliche Menschenrechte vorenthalten und uns unsere Würde geraubt wird, darüber; wie Armut und Genozid eine Form staatlicher Gewalt darstellen; wie die Einsperrung von 2,8 Millionen Schwarzen Menschen in Käfige in diesem Land staatliche Gewalt ist; wie die Belastung schwarzer Frauen durch ständige Angriffe auf unsere Kinder und unsere Familien eine Form staatlicher Gewalt darstellt; wie schwarze queere und Trans-Menschen unter der Belastung durch eine hetero-patriarchale Gesellschaft leiden, die uns systematisch verschrottet, während sie uns gleichzeitig fetischisiert und von uns profitiert, und wie dies ebenso eine Form der Gewalt durch den Staat darstellt; wie 500.000 schwarze Menschen in den USA als illegale Immigranten leben und in die Unsichtbarkeit verbannt werden; wie Schwarze Mädchen als Verhandlungsmasse in Zeiten des Konflikts und des Krieges eingesetzt werden; wie Schwarze Menschen, die eine Behinderung haben oder anders Befähigt sind, unter der Belastung staatlich geförderter darwinistischer Experimente leiden, durch die man versucht, sie in Kategorien der Normalität zu zwängen, die durch ein weißes Überlegenheitsdenken definiert werden – und auch dies ist eine Form staatlicher Gewalt.

#BlackLivesMatter setzt sich für eine Welt ein, in der das Leben Schwarzer nicht mehr systematisch und vorsätzlich eine Zielfläche destruktiver Angriffe darstellt. Wir bekräftigen unseren Beitrag für die Gesellschaft, für die Menschheit, und unseren Widerstand angesichts der tödlichen Unterdrückung mit der wir konfrontiert sind. Wir haben unser ehrenamtliches Engagement und unsere Liebe zu Schwarzen Menschen dahingehend eingesetzt, ein politisches Projekt ins Leben zu rufen – wir haben den Hashtag aus den sozialen Medien herausgeholt und sind auf die Straßen gegangen. Der Ruf nach der Bedeutung Schwarzer Leben ist unser Ruf für die Leben ALLER Schwarzer, die sich für Befreiung eínsetzen.

(Quelle: BlackLivesMatter.com/about)

Die zweijährliche Sistah Vegan Konferenz: „Die vegane Praxis von Black Lives Matter“ 2015 ist Teil dieser Bewegung. Diejenigen, die nicht wissen, was wir mir „Praxis“ meinen und wie wir dieses Konzept gebrauchen, sollten dazu diesen Abschnitt lesen.

In den letzten zehn Jahren habe ich, Dr. A. Breeze Harper, die Begründerin des Sistah Vegan Projekts, mich intensivst mit der kritischen Rasse- und der kritischen Weißseins-Analyse der nordamerikanischen veganen Bewegung befasst. Mir war klar, dass die Mainstream-Rhetorik innerhalb der veganen Bewegung wenig in Sinne dessen tut, anzuerkennen, dass „Schwarze leben zählen“; dies hängt mit einer postrassischen/posthumanen veganen Praxis zusammen. Das Kollektiv weißer neoliberal orientierter Veganer_innen reagiert auf die Konfrontation mit dieser Tatsache, durch vorwiegend nicht-weiße und antirassistische Personen (die vegan sein können oder nicht-vegan), häufig in einer defensiven Art und Weise. Sie reagieren gemeinsam mit verbaler Gewalt, Täter-Opfer-Umkehr und/oder drücken selbstbewusst aus, dass die Einbeziehung eines antirassistischen und dem Weißsein gegenüber kritischen Bewusstsein in ihrer veganen Praxis „zu ablenkend“ von ihren Zielen der Befreiung nichtmenschlicher Tiere wäre. Diese Reaktion selbst spricht Bände von dem weißen Privileg, dass es sich leisten kann, Fragen von Rasse, Rassismus und Rassifizierung als „zu unpassend“ zu empfinden.

Doch so gibt es aber auch diejenigen von uns schwarzen Veganer_innen und Freund_innen, die sich seit langem in verschiedenen Praktiken dessen engagiert haben, den systemischen und institutionell begründeten Rassismus, die Negrophobie, das neolibeale Weißsein (manche nennen es auch den ‚neoliberalen Rassismus’) und den Speziesismus aufzulösen. Wir sind das Kontinuum eines Erbes antirassistischer und anti-weiß-supremazistischer Aktivist_innen und Akademiker_innen, die sich schon immer darum bemüht haben zu zeigen, dass „Schwarze leben zählen“: W.E.B. DuBois, Assata Shakur, Fanny Lou Hammer, Angela Davis (vegan), Morris Dees, Ella Baker, Nina Simone, bell hooks, Ida B. Wells, Octavia Butler (vegan), Audre Lorde, Derrick Bell, Peggy McIntosh, James Baldwin, the Black Panther Party, the Combahee Collective … und die Liste geht weiter.

Vor kurzem hat der geniale rassenbewusste schwarz-identifizierte vegane Chefkoch Bryant Terry darüber geschrieben, wie das Kochbuch Thug Kitchen, das im Herbst 2014 erschienen ist, im Widerspruch zu den Kernthemen steht, wie wir sie in der „Black Lives Matter“-Bewegung finden.  Die Kontroverse rund um Thug Kitchen entwickelte sich zu einem Mikrokosmos dessen, wie Rasse in den USA durch weiß-identifizierte Menschen, so wie den Autor_innen des Buches Thug Kitchen, anders gelebt wird. Die Autor_innen verweigerten sich darin, die Gefahren des Zusammenwirkens ihres eigenen weißen neoliberalen geopolitischen Statuses mit der Aufrechterhaltung von systemischem Rassismus und anti-schwarzer Gewalt wahrzunehmen – sie waren schlichtweg nicht imstande dazu, zu reflektieren, wie ihr Gebrauch des Wortes „Thug“ nicht unschuldig sein konnte, sondern hauptsächlich auf der Rassifiziertheit des Begriffes als „angsteinflößener, schwarzer, urbaner männlicher Gangsta“ aufbaut. Solch eine Verneinung zeigte eindeutig, so die Kritiker des Buches Thug Kitchen (wie Lizbut Ross und der Blogger Michael Twitty, dass die Rassifiziertheit als weiß in einer neoliberalen Zeit, eine überwältigend großen Anzahl weißer Menschen hervorgebracht hat, die tatsächlich nicht verstehen, wie und weshalb der Begriff „Thug“ mit diesem „überzeugenden Mythos“ der weißen Mehrheit gleichgesetzt werden kann: dass alle Schwarzen und Braunen Menschen gefährlich sind und man daher zweifellos vorsorglich mit staatlich sanktionierter Gewalt oder einzelnen Akten präventiver „Selbstverteidigung“ vorgehen darf.

Jedoch wirft man den Blick auf die schwarze vegane Erfahrung, so versteht man bald, wie ihre kollektive Praxis Antirassismus, schwarze Befreiung und die Dekonstruktion weiß-supremazistischer Systeme und Institutionen in einer angeblich post-rassischen Zeit beinhalten muss. Dj Cavem zum Beispiel, ein junger schwarzer veganer Hip-Hop-Aktivist aus Denver Colorado, engagiert sich dafür, Jugendliche mit der veganen Praxis vertraut zu machen. Er zeigt uns, dass „schwarze Leben zählen,“ indem er gegen Nahrungsmittelwüsten, den Gefängnis-Industrie-Komplex, Polizeigewalt und Ungleichheiten im Gesundheitswesen kämpft – Konsequenzen des anti-schwarzen Erbes im weiß-supremazistischen kapitalistisch-basierenden US-amerikanischen System.

Schauen wir in Richtung der Ostküste der USA, dort finden wir die anfrozentrisch ausgerichtete vegane Aktivistin Queen Afua, deren wegweisendes Buch Sacred Woman die vegane Ernährungspraxis mit der Bewusstsein verband, dass rassifiziert-sexualisierte Gewalt gegen schwarze Frauen und Mädchen nicht verschwiegen und ignoriert werden darf.

Nicht-schwarz-identifizierte Freund_innen und Unterstützer_innen, so wie Dr. Harlan Weaver, bringen eine antirassistische vegane Praxis und die der Tierbefreiung in ihrer Arbeit zusammen. Dr. Weaver beobachtet wie cisgender, rassische und nichtbehinderte Identitäten die Beziehung zu Pitbulls in den USA in direkter Weise beeinflussen. Die rassistischen Reaktionen seitens der Mainstream-Tierrechts- und veganen Bewegung auf den Fall Michael Vicks und seine Beteiligung an Pittbull-Hundekämpfen zeigen, dass es nicht nur Michael Vick war, der hier vor Gericht stand, sondern insgesamt die schwarze urbane Hip-Hop-Kultur und die „wilden“ Männer, die ihr angeblich entsprangen. Die Arbeit Weavers kann angeführt werden um verstehen zu lernen, wie solche Reaktionen des Mainstreams weißer Tierrechtler_innen und Veganer_innen erkennbar machen, dass die Leben Schwarzen in derer veganen Praxis nicht zählen.

Eine der kontroversesten Gruppen die für den Veganismus werben sind PETA. Sie setzen sich für die Befreiung nichtmenschlicher Tiere ein, während sie zugleich ihre eigene unterstützende Rolle, sowohl in der Aufrechterhaltung eines neoliberalen Rassismusses, als auch dabei, durch transphobe Texte und Bilder den Mainstream dahingehend zu beeinflussen, aus „ekel“ Vegetarier_innen oder Veganer_innen zu werden, ignorieren. Ob beabsichtigt oder nicht, solch eine vegane Praxis wie die, die PETAs Kampagnenstrategien treibt, betrifft die Leben von Trangender-Menschen in negativer Weise – insbesondere das Leben von schwarzen Transgenderfrauen wie CeCe McDonald. Der weiße vegane Freund und Unterstützer Kris Gebhard hat seine Solidarität mit der Black Lives Matter-Bewegung gezeigt, indem er sich für die Befreiung CeCe McDonalds engagiert.

Lauren Ornelas, die Leiterin des Food Empowerment Projects ist latina-identifizierte anti-rassistische Veganerin. Ornelas hat einen enormen Beitrag darin geleistet, aufzudecken, welche Unternehmen vegane Kakaoprodukte herstellen und vertreiben, deren Produktion die Ausbeutung schwarzer afrikanischer Kinder beinhaltet. Diese Kinder werden versklavt um Kakao zu ernten – und das auch für tierqualfreie vegane Schokoladenriegel . Ihre kontinuierliche Arbeit zur Sichtbarmachung dieser grausamen Praxis ‚moderner Sklaverei’ stellt ein beeindruckendes Beispiel trans-kontinentalen Einsatzes dar, mit dem Ziel Veganer_innen im globalen Westen und Norden bewusst zu machen, wie/ob ein „qualfreier“ Konsum über die Frage: „Wurde einem Nichtmenschen Grausamkeit angetan?“ hinausgehend praktiziert wird. Das Food Empowerment Project klärt auf und bringt Konsumenten dazu, sich mit der Realität auseinanderzusetzen, dass der meiste Kakao der gehandelt wird mit folgender Logik einhergeht: 1. schwarze afrikanische Leben zählen nichts und dürfen nicht zählen, und 2.) wir haben es hier mit einem größeren Problem rassifizierten Nahrungsmittelhandels zu tun, bei dem diejenigen, die Nahrungsmittel unter grausamsten Bedinungen ernten, zumeist braune und schwarze Menschen dieser Welt sind.

In Fortsetzung mit der pro-veganen Arbeit im Sinne des Gedanken von Black Lives Matter, wie sie geleistet wird von Menschen wie Lizbut Ross, Bryant Terry, DJ Cavem, Harlan Weaver, Lauren Ornelas und Queen Afua, werden sich die Workshops und Redebeiträge der kommenden Konferenz mit folgenden Fragen befassen (und versuchen sie zu beantworten oder immerhin in eine Richtung besserer Antworten zu verweisen).

  1. Wie sieht eine vegane Praxis im Sinne von Black Lives Matter aus?
  2. Wie sieht der Veganismus aus, der die Idee von Black Lives Matter ignoriert und was sind die (un)gewollten Konsequenzen, die daraus resultieren?
  3. Weshalb spielen Rasse und Weißsein eine Rolle, und was sind ihre Funktionsweisen?
  4. Wie sieht die gegenseitige Unterstützung innerhalb der Black Lives Matter-Bewegung unter nicht-schwarzen und schwarzen Veganer_innen aus?

Das Programm, die Liste der Sprecher_innen, der angebotenen Workshops und die Informationen zur Registration sind hier abrufbar.

(Alle Links: 27. Dez. 2014)

Amie Breeze Harper: Rasse als eine „nebensächliche Angelegenheit“ im Veganismus: Eine Hinterfragung des Weißseins, geopolitischer Privilegien und der Philosophie des Konsums „tierqualfreier“ Produkte

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Jahrgang 1, Nr. 2, Art. 1, ISSN 2363-6513, August 2014

Rasse als eine „nebensächliche Angelegenheit“ im Veganismus: Eine Hinterfragung des Weißseins, geopolitischer Privilegien und der Philosophie des Konsums „tierqualfreier“ Produkte

Amie Breeze Harper [1]

Titel der englischsprachigen Originalfassung: Race as a “Feeble Matter” in Veganism: Interrogating whiteness, geopolitical privilege, and consumption philosophy of “cruelty-free”products. Journal for Critical Animal Studies, Volume VIII, Issue 3, 2010 (ISSN1948-352X). Übersetzung: simorgh.de.

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Zusammenfassung: Im Kontext feministischer Geographie, von Rassenpolitik und mit Studien über Verzehr und Konsumverhalten, habe ich, innerhalb der „Outreach“-Modelle des Mainstreams im Veganismus und in den Bestsellern vegan-orientierter Buchveröffentlichungen, selten, wenn überhaupt, eine Zurkenntnisnahme der unterschiedlichen sozio-historisch rassifizierten Epistemologien rassisch nicht-weißer Gruppen beobachten können. In den weißen veganen Mainstream-Medien besteht eine unterschwellige Annahme, dass Rassifizierung und die Schaffung veganer Räume miteinander in keinerlei Verbindung stehen könnten. Doch ist Raum, ob vegan oder nicht, rassifiziert und gleichzeitig auch sexualisiert und vergeschlechtlicht [gendered], was Individuen und räumlich-/örtliche Identitäten in direkter Weise affiziert. Rassifizierte Orte und Räume bilden eine Grundlage dafür, wie wir unsere sozio-räumlichen Epistemologien entwickeln; diese Epistemologien sind aus diesem Grunde rassifiziert. Dieses Essay befasst sich mit Beispielen dessen, wie Epistemologien des Weißseins sich in der veganen Rhetorik in den USA manifestieren, und versucht eine Erklärung darüber abzulegen, weshalb eine „post-rassische“ Herangehensweise des veganen Aktivismus durch eine anti-rassistische und „farbigkeits-bewusste“ [color-conscious] Praxis ersetzt werden muss.

Schlagworte: Kritische Weißseinsstudien, Rassismus, feministische Geographie, Veganismus

TIERAUTONOMIE,  Jg. 1 (2014), Heft 2.

Rasse als eine „nebensächliche Angelegenheit“ im Veganismus: Eine Hinterfragung des Weißseins, geopolitischer Privilegien und der Philosophie des Konsums „tierqualfreier“ Produkte

Menschen, die vegan leben, enthalten sich tierischer Produkte (in Hinsicht sowohl auf die Ernährung als auch auf alle anderen Zwecke). Die Kultur des Veganismus selbst stellt in sich aber keinen Monolithen dar, sondern setzt sich aus vielen unterschiedlichen Subkulturen und Philosophien aller Orte in der Welt zusammen, rangierend von Punks, die aus strikten Tierrechtsgründen vegan sind, bis zu Leuten, die sich aus persönlichen Gesundheitsgründen vegan ernähren oder Menschen, die aus religiösen und spirituellen Gründen vegan leben (Cherry, 2006; Iacobbo, 2006). Beim Veganismus geht es nicht allein um den Verzicht des Verzehrs und Gebrauchs tierlicher Produkte; sondern es geht auch um das fortwährende Streben darum, sozio-räumliche Epistemologien des Konsums zu schaffen, durch die ein kultureller und räumlicher Wandel bedingt werden kann; es geht um die kritische Infragestellung der Dominanz des Narrativs des Konsums von Tierprodukten, das in der sozio-historischen, sowie in der Nation-stiftenden Rhetorik der Vereinigten Staaten, eine zentrale Rolle einnimmt und vorherrschend ist. Innerhalb meines Interesses für feministische Geographie, Rassenpolitik und die Studien über Konsum und Verzehr, konnte ich beobachten, dass die „Outreach“-Modelle des Mainstreams im Veganismus und in den Bestsellern vegan-orientierter Buchveröffentlichungen, selten, wenn überhaupt, aber solche unterschiedlichen sozio-historischen rassifizierten Epistemologien zwischen dem weißen Status quo einer Mittelklasse und der Kollektivität anderer rassischer Gruppen, wie den Afro-Amerikaner_innen, den chinesischen Amerikaner_innen oder den amerikanischen Ureinwohner_innen, zur Kenntnis nehmen. In den weißen veganen Mainstream-Medien besteht eine unterschwellige Annahme, dass Rassifizierung und die Schaffung veganer Räume miteinander in keinerlei Verbindung stehen könnten. Doch ist Raum, ob vegan oder nicht, rassifiziert (Dyer und Jones, 2000; McKittrick, 2006; McKittrick und Woods, 2007; Price, 2009) und zugleich auch sexualisiert und vergeschlechtlicht [gendered] (Massey, 1994; Moss, 2008), was Individuen und räumlich-/örtliche Identitäten in direkter Weise affiziert. Wie Menschen ihre Wissensbasis entwickeln, hängt unmittelbar mit den verkörperten Erfahrungen der Orte und Räume zusammen, durch die wir hindurch navigieren. Wissenschaftler aus dem Bereich kritischer Geographien der Rassen, gehen sogar davon aus, das die Welt komplett rassifiziert ist.

David Delaney, ein Geograph der im Bereich kritischer Rassentheorie arbeitet, fragt: „Was heißt es für Geograph_innen, die Annahme einer vollständig rassifizierten Welt ernst zu nehmen?“ (Price, 2009). Als schwarze feministische Geographin und Theoretikerin kritischer Rassenstudien nehme ich ernst, dass rassifizierte Orte und Räume eine Grundlage dessen bilden, wie wir unsere sozio-räumlichen Epistemologien entwickeln; diese Epistemologien sind daher rassifiziert.

Das kollektive Wissen in der weißen US-amerikanischen Mittelklasse über Räume und die Bezugnahme darauf, und auf all die Objekte und Lebensformen, die diese Räume besiedeln, stehen mit der physischen und sozialen Platzierung dieser Demographie innerhalb einer rassifizierten Hierarchie in Verbindung, in der

[…] sie als normal, nicht-rassifiziert, universal und als Status quo naturalisiert werden; Weißsein als die Norm steht im Mittelpunkt in der Wissensgenerierung und der Schaffung von Raum und Macht in den USA.

Zudem,

[ist] für farbige Menschen, als Opfer von Rassismus/weißem Überlegenheitsdenken, Rasse ein Filter, durch den sie die Welt betrachten. Weiße blicken nicht auf die Welt durch diesen Filter rassischen Bewusstseins, auch wenn sie selbst eine Rasse [2] bilden. Dieses Privileg, ihre eigene Rasse zu ignorieren, verschafft Weißen einen gesellschaftlichen Vorteil, der sich von jedem Vorteil, der aus der Existenz diskriminatorischen Rassismusses resultiert, unterscheidet. [Grillo und Wildman] gebrauchen den Begriff des Rassismusses/weißen Überlegenheitsdenkens zur Betonung der Verbindung zwischen dem Privileg Weißer, ihre eigene Rasse zu ignorieren, und dem diskriminatorischen Rassismus. (Grillo und Wildman 1995, 565)

In diesem Essay werde ich die Begriffe Weißsein und weißes Privileg als Synonyme für diese Erklärung von Grillo und Wildman über ‚Rassismus/weißes Überlegenheitsdenken’ gebrauchen. Was uns Geograph_innen im Bereich der kritischen Rassestudien anbetrifft, wie verstehen wir also die Funktionsweise des Weißseins als Epistemologie innerhalb der Macht und Schaffung von Räumen? Ich welcher Form beeinflussen rassifizierte Geographien des Ausschlusses/der Einbeziehung nuancierte und verdeckte Handlungsweisen des Weißseins und weißer Privilegien im Rahmen eines rassischen Status quo? Wie manifestieren sich diese Akte verdecken Weißseins und des weißen Privilegs – selbst wenn unverschuldet und unbewusst – in Räumen des Veganismus? In einer rassifizierten Nation lebend, in der die Epistemologien und Ontologien dieser Demographie im Mittelpunkt angesiedelt sind, sind sich die US-Amerikaner_innen kollektiv dessen nicht bewusst, dass dieser „Mittelpunkt“ die Realitäten derjenigen nicht reflektiert, die sich nicht in solchen weiß-privilegierten Räumen des Einschlusses befinden.

Rassifizierte Räume schaffen rassifizierte psychische Räume. Arnold Farr bezieht sich darauf als ein rassifiziertes Bewusstsein – ein Begriff, der besonders in seiner Anwendung auf diejenigen Menschen hilfreich ist, die nicht so ganz verstehen, dass sie verdeckte Handlungen des Weißseins/weiß-priviligierten Rassismusses begehen können, während sie sich gleichzeitig im TR/VEG-gründenden sozialen Aktivismus betätigen. Ein ‚rassifiziertes Bewusstsein’, so definiert der afro-amerikanische Philosoph Dr. Arnold Farr diesen Begriff,

[…] ersetzt den Rassismus als den traditionell operativen Begriff in den Diskursen über Rasse. Das Konzept des rassifizierten Bewusstseins kann uns dabei helfen, zu erkennen, in welchen Weisen das Bewusstsein in Hinsicht auf rassistische soziale Strukturen geformt ist …

Der Begriff eines ‚rassifizierten Bewusstseins’ hilft dabei zu verstehen, weshalb selbst ein weißer Liberaler, der in guter Absicht handelt und am Kampf gegen den Rassismus teilnimmt, unbeabsichtigt selbst eine Form des Rassismusses fortsetzten kann (Farr, 2004).

Bekannte vegan-orientiere Buchveröffentlichungen in den USA, wie Vegan: The New Ethics of Eating (Marcus, 2001), Being Vegan in a Non-Vegan World (Torres and Torres, 2005), The Vegan Sourcebook (Stepaniak and Messina, 2000) und Becoming Vegan (Davis and Vesanto, 2000), die allesamt als eine Art veganer Bibeln für den veganen Status quo gehandelt werden, beziehen die Fragen nicht substantiell oder kritisch mit ein, in welcher Weise Rasse (Rassifizierung, Weißsein, Rassismus, Anti-Rassismus) beeinflusst, wie und warum jemand vegan ist, warum jemand über die vegane Praxis schreibt, sie weiter vermittelt und letztendlich vegane Räume schafft, um einen kulturellen Wechsel zu bedingen. Was aber bedeutet es, sich über Rasse bewusst zu sein, wenn jemand damit beginnt, beispielsweise ein Projekt vegan-orientierter Forschung zu betreiben? Dies ist Teil einer breiteren Auseinandersetzung darüber, wie Rassifizierung, Rasse und Weißsein innerhalb veganer Räume in weiß-dominierten Nationen funktioniert und sich manifestiert.

[…] So wie die Friedens- und die Umweltbewegung, so setzt sich auch die Tierrechtsbewegung vorwiegend aus weißen Personen aus der Mittelschicht zusammen. Andrew Rowan, ein Vizepräsident der Humane Society of the United States, sagte, dass Umfragen zeigten, dass der Anteil farbiger Menschen in der Tierrechtsbewegung „weniger als drei Prozent“ ausmache. Im April diesen Jahres nahmen 316 Personen aus 20 Bundesstaaten an der ersten ‚Grassroots AR Conference’ [Graswurzel-Tierrechtskonferenz) in New York City teil. Die Teilnehmerzahl (inklusive dem Gremium) farbiger Menschen zählte nur acht Personen. Wenn niemand rassistisch ist, warum ist die Bewegung dann innerlich so stark segregiert? (Hamanaka, 2005)

In ähnlicher Weise wie bei der zweiten Welle des US-amerikanischen Feminismus, der die heterosexuelle weibliche Erfahrung der Mittelklasse fälschlicherweise generalisierte und als Erfahrung sozialer Räume, von Macht und Kampf aller Frauen annahm, so geht auch die vegane Mainstream-Rhetorik von dieser falschen Annahme aus. Während der Veganismus selbst zwar entgegengesetzte Räume des Konsums schafft, die die Standardräume der amerikanischen karnizentrischen Ernährung in Frage stellen, so will dieses Essay doch genauer betrachten, wie die Praxis des veganen Mainstreams gleichzeitig sozio-räumliche Epistemologien des Weißseins schafft, die für die meisten weiß-identifizierten Personen aber unsichtbar bleiben.

Man kann interessanterweise davon ausgehen, dass die rassisch weiße Demographie in den USA, sich kollektiv des Rassismusses und des weißen Dominanzanspruchs, als einem fortlaufenden, institutionellen und systemischen Prozess, nicht bewusst ist (Tuana und Sullivan, 2007; Yancy, 2004). Zudem zeigt sich diese Ignoranz häufig als eine „postrassische“ oder eine „rasselose“ Herangehensweise, in der mit der Welt umgegangen wird. Das kann sich so manifestieren, dass geglaubt wird, eine Veranstaltung über Tierrechte, an der 308 weiße und 8 farbige Menschen teilnehmen, habe nichs zu tun mit der US-amerikanischen Geschichte (und Gegenwart) des institutionalisierten und environmentalen Rassismusses sowie dem Weißsein als Norm.

In einer „postrassischen“ oder „rasselosen“ Gesellschaft, so glaubt man, existiere kein Rassismus mehr, weil die Hautfarbe nicht mehr die Gleichheit vorbestimmt. In diesem Text werden die Begriffe „rasselos“ und „postrassisch“ in Anführungszeichen gesetzt, um dadurch zu reflektieren, dass diese Begriffe eine kodifizierte Sprache darstellen für ein „erwartetes Weißsein“ [Weißsein als Norm] (Kang, 2000), und dass „rasselos“ gleichzusetzen ist „mit einem Normalzustand des Weißseins“ (Nakamura, 2002). Die Konsequenzen einer „postrassischen“ Herangehensweise einer Person in der TR/VEG-Bewegung [3], ignorieren den sozio-historischen Kontext von Hautfarbe, sowie die Ausstaffierungen weißen Privilegs, was beides die Zugänge zu und die Generierung von lokalen und globalen Ressourcen mit beeinflusst; hiermit einbeschlossen sind die Ressourcen für vegane Produkte, die von Menschen in der TR/VEG-Bewegung in den USA gekauft werden. Selbst im Kreise des radikalsten Aktivismusses – so wie in den Bewegungen der Anti-Globalisierung, der Tierrechte, des Lebensmittelaktivismus über Erzeugermärkte, im Veganismus und in der Bewegung, die gegen den Wirtschaftskomplex indutriell betriebener Gefängnisse kämpft – erhält und repliziert sich dieses kollektive Unbewusstsein gegenüber weißen sozio-räumlichen Epistemologien als eine Form der Ignoranz (Appel, 2003; Clark, 2004; Nagra, 2003; Poldervaart, 2001; Slocum, 2006; Yancy, 2004).

Die Epistemologie der Ignoranz beinhaltet eine Betrachtung des komplexen Phänomens der Ignoranz. Ziel dabei ist es, die verschiedenen Formen zu identifizieren, genauer zu untersuchen wie sie generiert und aufrecht erhalten werden und welche Rolle sie in den Wissenspraktiken spielen … Manchmal nehmen [die Epistemologien der Ignoranz] eine Form an, indem diejenigen, die sich in ihrem Zentrum befinden, den Marginalisierten das Bescheidwissen darüber verweigern: man blicke dazu auf das im 19. Jahrhundert geltende Verbot für schwarze Sklaven, Lesen und Schreiben zu lernen. Andere Male begegnen wir [diesen Epistemologien] in der Form der eigenen Ignoranz des Zentrums gegenüber der Ungerechtigkeit, der Grausamkeit und dem Leid, wie der gegenwärtige Wahrnehmungsmangel weißer Menschen im Bezug auf Rassismus und die Dominierung durch Weiße/das Weißsein (Sullivan und Tuana, 2007).

Es ist dennoch aber auch wichtig anzumerken, dass nicht alle farbigen Menschen in den USA die Konsequenzen oder selbst die Existenz rassifizierter oder ethnozentrischer Epistemologien der Ignoranz als solche anerkennen. Dr. Charles Mills, der Verfasser von The Racial Contract, geht jedoch davon aus, dass sich die meisten schwarz-identifizierten Menschen in den USA dessen vollständig bewusst sind, dass ihr Bewusstsein „rassifiziert“ ist, und dass die epistemologische Norm in den USA dem Weißsein entstammt (Mills, 2007). Und das ist was mich an der weißen Ignoranz verblüfft: aufgrund verkörperter Erfahrung durch weiße Rassifizierung und Sozialisierung, die diese Demographie strategisch in Richtung einer kollektiven Ignoranz bezüglich Rasse lenkt, verneint die Mehrheit weiß-identifizierter Menschen in den USA, dass ihre Epistemologien und ihr ethisches Verständnis „rassisch“ sind (Sullivan und Tuana, 2007). Dr. Mills hat diese epistemologische Norm als eine Art weißer Ignoranz beschrieben:

[…] Eine Form der Ignoranz, die man als weiße Ignoranz bezeichnen könnte und die mit dem weißen Überlegenheitsdenken verbunden ist. Die Vorstellung eines vorliegenden kognitiven Handicaps einer Gruppe ist der radikalen Tradition in diesem Bereich nicht fremd, wenn nicht überhaupt normaler Bestandteil im Sinne ihrer „Ignoranz“. In der Tat ist das sogar ein direkter Folgesatz der Standpunkttheorie: wenn eine Gruppe privilegiert ist, muss sie sich im Verhältnis zu einer anderen Gruppe befinden, die eingeschränkt (handicapped) ist. Zusätzlich hat für mich dieser Begriff [der weißen Ignoranz] den Vorzug meine theoretischen Sympathien mit dem zu bekunden, was vielen wahrscheinlich als ein bedauernswert altmodisch und „konservatives“, realistisch-intellektuelles Rahmenwerk erscheinen mag – einem in dem Wahrheit, Falschheit, Fakten, Realität und Ähnliches nicht in ironische Anführungszeichen gesetzt werden. Der Ausdruck „weißer Ignoranz“ schließt die Möglichkeit einer kontrastierenden „Kenntnis“ mit ein (Mills, 2007).

Wie manifestiert sich solch eine Ignoranz in der veganen Praxis? Ich werde dies in der folgenden Sektion betrachten.

Rasse und Ethnizität in einer veganen- und Tierrechtsanalyse … ist das wirklich eine „nebensächliche“ Angelegenheit?

Von: Clara
Datum: 8. November 2007
An: sistahvegan98@mac.com
Betreff: Unter uns Veganern …

Hallo, mein Name ist Clara. Ich bin eine Highschool-Erstsemesterin und stieß, als ich einige Recherchen zur Misshandlung von Tieren anstellte, auf Deine Webseite über Dein Buch.

Ich finde es spannend, dass Du dich an vegane afro-amerikanische Feministinnen wendest, bin aber irritiert darüber, wie SEHR du alles mit Rasse und Ethnizität in Verbindung bringst. Ich möchte einfach nur sagen, dass ich ehrlich gesagt nicht daran glaube, dass die Rasse eines Veganers irgendetwas mit der Rettung der Tiere zu haben sollte, und damit, andere über Tierquälerei aufzuklären. Du schreibst über viele Themen, die mir den Eindruck vermitteln, dass Du irgendwann mal in Deinem Leben nicht stolz darauf gewesen bist, Afro-Amerikanerin UND vegan zu sein – wegen der Darstellung der meisten Veganer. Und das finde ich enttäuschend, weil Rasse, für mich, solch eine nebensächliche Angelegenheit ist. Es gibt einfach wichtigere Dinge im Leben als immer nur auf so etwas wie Rasse zu achten. Und ständig zu betonen, dass Rassethemen wichtiger sind als das, an was man glaubt, kommt mir irgendwie ignorant vor.

Naja, also danke für Deine Aufmerksamkeit: Clara :)

Diese Nachricht erhielt ich Anfang November 2007. Als Kulturgeographin, Akademikerin und Aktivistin, die sich mit der Analyse dessen befasst, wie Rasse, Klasse, Rassismus, Weißsein und geopolitische Lokalität die eigene Philosophie über TR/VEG formt, faszinierte diese Email mich. Diese junge Frau schrieb mir bezüglich meiner Webseite www.breezharper.com und meiner Anthologie schwarzer Veganerinnen, Sistah Vegan. Man muss nicht lange im Zeitraum der letzten ein zwei Jahre suchen, um festzustellen, dass Rasse in den USA keine „nebensächliche Angelegenheit“ ist: The Jena 6, der „nappy-headed hos“-Kommentar von Don Imus über das Frauenbasketballteam der Rutgers University und Megan Williams Peiniger, die sie als „Niggerin“ bezeichneten, während sie sie mit dem Messer malträtierten (Tone, 2007), sind einige Beispiele rassisch begründeter verbaler und/oder  physischer Gewalt.

Obgleich Rasse ein soziales Konstrukt ist, so existieren doch die offensichtlichen Konsequenzen dieses Konstrukts – in deutlichster Form das weiße Privileg, weiße Ignoranz und weißer Rassismus –, die alle Aspekte des Lebens in den USA und global in negativer Weise beeinflussen (Bell, 1992; Bell, 2005; Sullivan und Tuana, 2007; Wing, 2003). Diese Konsequenzen schließen den geopolitisch rassifizierten Konsum und eine geopolitisch rassifizierte Produktion veganer Produkte (dazu zählen sowohl Nahrungsmittel so wie auch Wissen als ein Produkt) für US-amerikanische Konsumenten, die zur veganen Tierrechtsbewegung zu zählen sind, nicht aus. Claras Email deutet darauf hin, dass sie sich dessen nicht bewusst ist, in welcher Weise eine geopolitisch rassifizierte Arbeitskraft, und solch ein Verbrauchersystem, es den Personen aus dem TR/VEG-Kreis in den USA ermöglicht, Zugang zu veganen Produkten zu haben.

Die Formulierung, dass etwas geopolitisch rassifiziert ist, habe ich für dieses Essay festgelegt. Darin inbegriffen ist eine Zusammenführung des Gedankens kritischer geopolitischer Theorie mit dem Begriff der Rassifizierung. Die kritische geopolitische Theorie wählt eine „kritische Perspektive auf die Kräfte der Fusionen zwischen geographischem Wissen und Machtsystemen“ (Dalby und Tuathail, 1996). Ich ergänze diese Fusion mit den Begriffen der Produktionssysteme und der Systeme des Konsums, nicht allein von Wissen/Erkenntnissen, sondern auch von materiellen Ressourcen, so wie Nahrungsmitteln, Bekleidung und [selbst bis hin zu] Gewürzen.

Rassifizierung im Zusammenhang mit Geopolitik bedeutet in anderen Worten, dass menschliche Produzenten und Konsumenten innerhalb dieses Machtsystems in „rassifizierten“ Körpern existieren, die sozial und geopolitisch in einem globalisierten kapitalistischen ökonomischen System lokalisiert sind. Solch eine „rassifizierte“ Ortung wirkt sich aus auf ihre Beziehungen zu und ihr Verständnis von Wissen/Erkenntnis und Materialerzeugung, Macht und Ignoranz. Dr. Radhika Mohanram, Professorin für Frauenstudien, Englisch und der Geopolitik rassischer Identitäten, erklärt:

[…] Es ist nichts ungewöhnliches darauf hinzuweisen, dass das Konzept von Rasse immer in Hinsicht auf die geopolitische Verteilung von Menschen artikuliert wurde. Rassische Unterschiede heißt auch räumliche Unterschiede, die ungleichen Machtbeziehungen zwischen verschiedenen Räumen und Orten werden reartikuliert als die ungleichen Machtbeziehungen zwischen den Rassen (Mohanram, 1999).

So hat zum Beispiel zwangsverpflichteter schwarzer haitianischer Zuckerrohrarbeiter in der Dominikanischen Republik eine andere Beziehung zu und Wahrnehmung von Zucker, als ein „freier“ weißer US-amerikanischer Veganer, der ein veganes Produkt verzehrt, das Zucker enthält, der von dem versklavten Dominikaner geerntet wurde. Zudem bedingt sich der eigene Sinn für „ethischen Konsum“ aus der geopolitischen sozialen und physischen Position (Barnett et al., 2005).

Vegane Schokoladen-, Zucker- und Baumwollprodukte (als vegane Alternative zu Wolle und Seide) sind Beispiele dessen, wie ein globalisierter Rassismus geopolitisch rassifizierte Hierarchien in der Nahrungsproduktion und in der tierproduktfreien Textilproduktion aufrecht erhält (Harper, 2010). Ich werde das Obige weiter erläutern, für diejenigen, die vielleicht nicht ganz verstehen, weshalb sie sich damit auseinandersetzen sollten, welche Auswirkungen ein unbeachtetes geopolitisch rassifiziertes Bewusstsein auf ihre Tierrechtsepistemologien hat und auf den Einsatz dieser Epistemologien durch einen veganen Konsumerismus und Verzehr/Konsum.

Es gibt Menschen außerhalb der USA, die Kakao unter den schlimmsten Bedingungen ernten, nur für die Produktion von Süßigkeiten – einschließlich schokoladehaltiger Zutaten, die man in verschiedenen veganen Nahrungsmitteln und Getränken findet. Es gibt tausende von Menschen auf den Kakaoplantagen, die als Sklaven arbeiten um Schokolade für die USA zu ernten. Die Elfenbeinküste exportiert fünfzig Prozent der Kakaobohnen, die in der globalen Herstellung von Schokolade verwendet werden (Hawksley, 2001).

Es existiert ein überraschend anmutender Zusammenhang zwischen der Schokolade und der Kinderarbeit an der Elfenbeinküste … mit der die Schokolade erzeugt wird, unter unmenschlichen Bedingungen und mit den extremsten Formen von Misshandlung. Dieses westafrikanische Land ist globaler Hauptexporteur von Kakaobohnen. Die Kinderarbeit ist somit relevant für die internationale ökonomische Gemeinschaft im Ganzen, durch Handelsbeziehungen und viele Akteure, die unumgänglich in dieses Problem mit einbezogen sind, ob das nun die Regierung der Elfenbeinküste, die Bauern, die amerikanischen oder europäischen Schokoladenhersteller oder die Konsumenten sind, die unwissend die Schokolade kaufen [Betonung hinzugefügt] (Chanthavong, 2002).

Zudem wurden im Jahr 2001 in Mali tausende Kinder als „vermisst“ gemeldet. Die Regierungsbehörden gehen davon aus, dass sich „schätzungweise 15.000 Kinder in der benachbarten Elfenbeinküste befinden und dort in der Kakaoproduktion arbeiten …  . Viele werden in den Landwirtschaftsbetrieben gefangen gehalten, und wenn sie versuchen zu fliehen, körperlich misshandelt. Manche dieser Kinder sind jünger als 11 Jahre alt“ (Hawksley, 2001).

Obgleich viele Veganer_innen in den USA glauben, dass ihr Konsum/Verzehr „gewaltfrei“ [cruelty free] ist, indem sie das Leben eines nichtmenschlichen Tieres dadurch retten, dass sie vegane Schokoladenprodukte essen, so verursachen diejenigen aber, die Kakaoprodukte aus dem nicht-fairen Handel kaufen, Grausamkeit [cruelty] gegen tausende von Menschen. Wenn ein Produkt nicht in einer Art und Weise gekennzeichnet ist, dass erkennbar wird, ob es durch faire und sweatshop-freie Praktiken produziert wurde, wie kann dann jemand wissen, ob dieses Produkt ohne Menschenquälerei erzeugt worden ist? Wer sind die nicht-weißen rassifizierten Populationen, die diese Schokolade unter Bedingungen der Grausamkeit und Gewalt ernten, und damit bestimmten [4] US-amerikanischen Veganer_innen dabei helfen eine moderne Ethik durch den Konsum veganer schokoladehaltiger Lebensmittel zu praktizieren? Die Antwort ist: Es sind Menschen die nicht zur weißen sozio-ökonomisch privilegierten Klasse gehören, die in den Vororten US-amerikanischer Städte lebt.

Seit dem Beginn der europäischen Kolonialisierung und dem europäischen (und heute auch dem US-amerikanischen) Streben nach „Zivilisierung“ und „Modernisierung“ der Welt, sind diejenigen, die die Schokolade, den Kaffee, das Zuckerrohr und den Tee geerntet haben, zu einem überwältigenden Anteil nicht-weiße rassifizierte Populationsgruppen gewesen (Mintz, 1986; Harper, 2010). Und dieses Muster setzt sich bis ins Jahr 2010 fort (Gautier, 2007; Hunt, 2007). In meinem Buch Sistah Vegan habe ich über den Schaden geschrieben, den die US-amerikanische Abhängigkeit von bestimmten Nahrungsmitteln, die aus dem globalen Süden bezogen werden, anrichtet:

Nicht allein verzehren wir in den USA unüberlegt [Un-]Lebensmittel, mit denen wir unserer Gesundheit massiv schaden, wir unterstützen auch den Schmerz, das Leiden und den kulturellen Genozid derer, deren Land und Volk versklavt und/oder ausgebeutet werden, für …. Sucrose, Kaffee, schwarzen Tee und auch Schokolade. Wenn auf einem Paket solch einer suchterzeugenden Substanz nicht „Fair Trade“ und „ökologisch nachhaltig/bio“ steht, dann stammt es mit aller Wahrscheinlichkeit von einer Firma, die den Menschen weniger zahlt als das Minimum von dem sie leben könnten, während sie auf Plantagen arbeiten, die giftige Pestizide verwenden und/oder auch das Recht verbieten, sich für die eigenen Menschenrechte zu organisieren … . Es sind unsere Abhängigkeiten, die Leid und Ausbeutung tausende Meilen weit weg verursachen, auf einer Zuckerplantage in der Nähe einer Stadt, die stark unter Verarmung und einer Unterernährtheit ihrer Bevölkerung leidet, nur weil auf deren Boden unser „Stoff“ angebaut wird, statt regionaler Getreide- und Gemüsesorten für die Bewohner selbst. Wir haben unsere suchtbedingten Konsumgewohnheiten fälschlicherweise mit „Zivilisiertheit“ verwechselt (Jensen, 2006). Die Briten, die ihre zuckrigen Tees schlürften, betrachteten sich selbst als „zivilisiert“, trotz der Folter und Versklavung, die es brauchte um diesen weißen Zucker bis in ihre Teetasse zu bringen (Harper, 2010).

Ich möchte auch behaupten, dass man das problematische Konzept der Modernität (was etwa gleichzusetzen wäre mit „Zivilisiertheit“) nicht übersehen darf, wenn man untersuchen will, wie ein weiß-rassifiziertes Bewusstsein und weiße Epistemologien der Ignoranz unsichtbar bleiben für die „post-rassischen“ Veganer_innen und Tierrechtsproponenten in den USA. Philosophisch [5] kann man die Menschen im TR/VEG-Aktivismus am besten beschreiben, als sich engarierend in einer Form des „ethischen Konsums.“ Jedoch innerhalb dieses „ethischen Konsums“,

[…] existieren unausgesprochene politische Annahmen, die mit dieser Praxis in Verbindung gebracht werden. Wie Tamás Dobos beschrieben hat, so geht es in Ungarn, wo der ethische Konsum gerade erst neu auftritt, nicht allein um den ethischen Konsum selbst: es geht auch darum, modern [Hervorhebung hinzugefügt] zu werden. Die ersten Aktivist_innen, die sich für [den ethischen Konsum] einsetzten, kamen aus Westeuropa und den Vereinigten Staaten, oder stehen mit solchen Leute in engem Kontakt, und ein immer wieder erscheinendes Motiv in den Diskussionen über den ethischen Konsum ist seine Verbindung zu einem okzidentalisierten imaginierten Westen, den die Osteuropäer nachahmen sollten. Es scheint, dass einige Formen des ethischen Konsums nicht verstanden werden können, ohne dies als eine Befürwortung einer bestimmten Art der Modernität zu sehen, die im Speziellen mit der EU in Verbindung gebracht wird (Carrier, 2007).

Obgleich Carrier sich auf die EU bezieht, so fallen mir doch die gleichen Philosophien als der Praxis des ethischen Konsums vieler US-amerikanischer TR/VEG-Organisationen zugrundeliegend auf, wie etwa bei der Organisation Vegan Outreach, die davon spricht die Grausamkeit gegenüber den nichtmenschlichen Tiere zu beenden, indem man, anstelle von Produkten, die auf tierlicher Milch basieren, Kakao der Firma Silk oder Schokoeis von Soy Delicious kauft (Vegan Outreach, 2007). Ich glaube das Vegan Outreach eine enorme Leistung darin vollbracht haben, Menschen über das Leid aufzuklären, das nichtmenschlichen Tieren durch Menschen zugefügt wird. Meine zwei Kritikpunkte lauten aber folgendermaßen, dass a.) die Tierrechtsaktivist_innen, die auf dem Vegan Outreach’s Guide to Cruelty-Free Eating [Vegan Outreach Ratgeber zur tierqualfreien Ernährung] zu sehen sind, alle weiß zu sein scheinen [6], und b.) das Vegan Outreach neuen Veganer_innen die Schokoladenprodukte von Silk und Soy Delicious in ihrem Ratgeber empfehlen (Vegan Outreach, 2007); die Kakaoquellen beider Produkte sind nicht Menschenqualfrei. Auf der Vegetarian Baby & Child Webseite werden die gefrorenen veganen „Soy Delicious“-Desserts von Turtle Mountain in folgender Weise beschrieben:

Die Firma ist nicht groß genug um Fairtrade-Schokolade einzukaufen, doch verwendet Turtle Mountain keinen knochengebleichten Zucker und die Produkte sind alle Bio. Zudem unterstützen sie das Sea Turtle Restoration Project – eine Organisation die dabei hilft, die Meeresschildkröten vorm Aussterben zu bewahren. Welchen besseren Grund gäbe es sich ein Sojaeis zu kaufen, als um damit den Meeresschildkröten zu helfen? (Veggies123.com)

Man wundert sich weshalb die Firma Turtle Mountain nicht einfach überhaupt keine Schokolade einkauft, wenn sie es sich nicht leisten können, fair gehandelte Schokolade einzukaufen. Zudem wird erwähnt, dass der Zucker vegan ist, aber man erfährt nicht, ob seine Herstellung die Ausbeutung von Menschen beinhaltete. Man kann davon ausgehen, dass Profit die Motivation dazu darstellt, weiterhin den Kakao von einer Quelle her zu beziehen, die nicht fair-trade ist. Auch kann man annehmen, das die Rettung von Meeresschildkröten und die Verwendung eines Zuckers, der ohne Knochenkohle raffiniert wurde, das ist, was dieses vegane Dessert zu einem „ethischen“ und „ohne Quälerei hergestellten“ Produkt macht, was bei vielen heutigen modernen TR/VEG Leuten in den USA eine positive Wirkung erzielt. Es ist nicht zu übersehen, dass die „Ethik“ einer geopolitisch rassifizierten Produktion von Nicht-Fairtrade-Kakao und -Zucker für Turtle Mountain (und seine Kunden), nicht im gleichen Maße wichtig genommen wird, wie die Garantie dessen, dass der Zucker „ohne Knochenmehl“ ist, und dass Meeresschildkröten ihr Recht auf Selbstbestimmtheit und Überleben erteilt wird. Wäre es anders gewesen, so nehme ich an, dass Turtle Mountain zahlreiche Beschwerden von seinen Kund_innen (oder Boykottaufrufe) erhalten hätte, mit der Aufforderung, dass man beginnen solle Zutaten aus fairem Handel zu kaufen.

Was die Bilder auf der Broschüre anbetrifft, die nur weiße Menschen dabei zeigen, wie sie sich im Tierrechtsaktivismus engagieren, wundert man sich, warum Vegan Outreach keine Bilder von rassisch verschiedenen Menschen zeigen, die dabei sind Flugblätter zu verteilen oder in irgendeiner anderen Form im Tierrechtsaktivismus tätig sind. Auf der zweiten Seite einer dieser Flugschriften sehen wir eine weiße Frau mit einem weißen Baby, die ihr Essen mit einem Truthahn teilt (Vegan Outreach, 2007). Auf Seite zweiundzwanzig sehen wir ein weißes Kind, das einen Apfel hält und das Kind wird als „junge_r Veganer_in“ beschrieben (Vegan Outreach, 2007). Auf Seite sechsundzwanzig sehen wir einen jungen weißen Mann, der gerade dabei ist, Literatur über die Tierverteidigung zu lesen (Vegan Outreach, 2007). Auf Seite siebenundzwanzig sehen wir ein Bild eines weißen Mannes, der einem Schwarzen eine ein Vegan Outreach-Flugschrift reicht (Vegan Outreach, 2007). Auf Seite achtundzwanzig ist ein junges weißes Mädchen zu sehen, dass Broschüren von Vegan Outreach verteilt (Vegan Outreach, 2007).

Die Kombination von Bildern weißer Menschen als Tierrechtsaktivist_innen gekoppelt mit Bildern, die für vegane Produkte werben, die Zucker und Schokolade enthalten, die nicht-fair geerntet wurden, durch die Arbeit nicht weißer rassifizierter Menschen, stellt für mich einen widersprüchlichen Ethos dar, bei denen, die Veganismus praktizieren und wie sie dies tun. Was mir merkwürdig erscheint, ist dass dies die Praxis hinter dem „tierqualfreien Verzehr“ [„cruelty-free eating“] bildet (daher der Titel dieses Vegan Outreach Ratgebers für Neulinge). Durch den ganzen Ratgeber hindurch wird kein einziges Mal das Vermeiden veganer Produkte erwähnt, die nicht als fair-trade gekennzeichnet sind, nicht aus Sweatshops kommen und keine heutigen Versklavungspraktiken von Menschen beinhalten. Welche Art geopolitisch rassifizierter „Ethik“ wird hiermit also generiert und verbreitet? In einem Interview, das im Jahr 2005 im Satya Magazine erschien, schreiben Sheila Hamanaka und Tracy Basile:

Es ist eine Sache, wenn eine weiße Person vegane Flyer verteilt, aber die Versuche weißer TR-Aktivist_innen anderen Kulturen ihre Agenda vorzuschreiben, erinnert in unangenehmer Weise an das geschichtliche Muster der Unterdrückung durch die dominierenden Nationen. Statt der „Demokratie“, exportieren die TR-Aktivist_innen ihre kulturellen Konzepte über die richtige Beziehung zwischen Menschen und nichtmenschlichen Tieren (Hamanaka 2005).

Wird im Falle des Ratgebers von Vegan Outreach ein weiß-rassifiziertes neoliberales US-amerikanisches Konzept darüber, was richtige vegane Produkte sind, exportiert? Ist dies eine Konsequenz weißer Epistemologien der Ignoranz, von „Post-Rassischheit“ und Modernität der Praxis im TR/VEG-Aktivismus, ohne ein volles Bewusstsein darüber, wie all die verschiedenen Unterdrückungsformen miteinander verbunden sind (Harper, 2010; Smith, 2007), und kann es nicht sein, dass es ebenso „grausam“ [„cruel“] ist, Tiere zu essen, wie die Lebensmittel und die Textilien zu konsumieren/verbrauchen, die von versklavten Menschen auf Kakao-, Zucker- oder Baumwollplantagen erzeugt werden?

Um das noch einmal festzuhalten, ich kritisiere die Leute im TR/VEG-Bereich in den USA, die Produkte wie Silk oder Soy Delicious konsumieren, nicht. Meine Kritik richtet sich gegen die (weißen und nicht-weißen Personen), die meinen, „Rasse sei eine nebensächliche Angelegenheit“ im Tierrechtsaktivismus. Solche Menschen produzieren und praktizieren ihre eigenen „post-rassischen“ Epistemologien und ihre eigene Praxis einer TR/VEG- „tierqualfreien Ethik“. Zugleich ignorieren solche „post-rassischen“ Herangehensweisen aber die Abhängigkeit von der ausgebeuteten Arbeitskraft nicht-weißer rassifizierter Minderheiten, die außerhalb der Vereinigten Staaten leben – die Materialien für vegane Produkte produzieren, wie z.B. diejenigen Menschen, die Zucker in der Dominikanischen Republik ernten. [7] Eine Abhängigkeit, die in veganen Lebensmittelprodukten wiederzufinden sein kann; viele dieser veganen Leckereien sind nicht einschließlich daraufhin gekennzeichnet, ob ihre Erzeugung/Herstellung Praktiken der Grausamkeit gegenüber Menschen beinhaltet haben.

In der Dominikanischen Republik ist Onkel Toms Hütte nie verschwunden. Nahe der privaten Luxusresorts und ihrer Strände, verborgen hinter dem undurchdringbaren Vorhang des Zuckerrohrs, stehen die heruntergekommenen Barracken der Bateyes in Gruppen beieinander. In diesen improvisierten Dörfern, in denen es kein Wasser gibt, keine Elektrizität, keinen Schutz, leben [schwarze] haitianische Familien. Nachdem du den Eingang in die Bateyes gefunden hast, kannst du dich dem dort herrschenden Elend nicht mehr entziehen: die Männer arbeiten in den Zuckerrohrplantagen bis zur völligen Erschöpfung, die Frauen kämpfen um das Überleben ihrer Familien, die Kinder der haitianischen Eltern dort sind dazu verdammt, selbst wieder zu Sklaven zu werden.

Jedes Jahr überqueren etwa 20.000 Haitianer die Grenze zur Dominikanischen Republik, um auf den Zuckerrohrplantagen zu arbeiten. Dort werden sie der Zwangsarbeit unterworfen, ihre Freiheiten werden eingeschränkt, die Lebensräume sind inadäquat und die Arbeitsbedingungen gefährlich. Die Vereinigten Staaten sind der größte Verbraucher von Zucker aus der Dominikanischen Republik (Gautier, 2007).

Nochmal: Ich kritisiere nicht die Entscheidung von Menschen, Produkte zu konsumieren, die durch die ausbeuterische Arbeit nicht-weißer rassifizierter Menschen im globalen Süden hergestellt worden sind. Was mir Sorge bereitet, sind die Folgen, die einige Menschen aus dem TR/VEG-Bereich verursachen, durch ihre Verneinung und/oder Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass „Rasse ein ernstzunehmendes Problem darstellt“ – auch in dem Moment, indem man ein Baumwollshirt, das nicht aus fairem Handel stammt, trägt, das mit einem Bild oder einen Slogan der für Tierrechte oder den Veganismus wirbt.

Ein Großteil der weltweit vermarkteten Baumwolle (eine vegane Alternative zu tierisch-basierenden Fasern) wird von Zwangsarbeitern in Usbekistan geerntet (Grabka, 2007). Kinder sind von dieser verachtenswerten Praktik der Arbeit unter sklavenähnlichen Bedingungen nicht ausgenommen. „Im Oktober 2004 gab ein Minister zu, dass 44.000 Schüler_innen und Stutent_innen die Baumwolle [in Usbekistan] ernteten“ (Grabka, 2007). Solange der „tierqualfreie“ Baumwollsweater kein Label trägt, durch das erkennbar wird, dass er über eine Fair-Trade Quelle bezogen wurde, und nicht unter Sweatshop-Bedingungen hergestellt wurde, existiert keine Garantie dafür, dass das Bekleidungsstück ohne menschliches Leid und/oder Sklaverei hergestellt worden ist. Und nochmal, die Menschen, die unmittelbar durch unfaire Bedingungen in der Baumwollerzeugung betroffen sind, sind keine weiß-rassifizierten Menschen und/oder sind durch ihre sozial-ökonomische Klasse privilegierte Menschen, die in den USA leben (Grabka, 2007). Und das ist keine „nebensächliche Angelegenheit“.

Als Clara schrieb, „Ich möchte einfach sagen, dass ich ernsthaft nicht glaube, dass die Rasse eines Veganers/einer Veganerin irgendetwas mit dem Ziel der Rettung der Tiere zu tun haben sollte, und damit, andere über Tierquälerei aufzuklären“, sprach sie da von einer privilegierten Position innerhalb der Moderne/Kolonialität und der privilegierten Seite der geopolitisch rassifizierten Produktion von Konsumgütern? Ramón Grosfoguel, ein Wissenschaftler, dessen Schwerpunkt die dekoloniale Theorie ist, verwendet den Begriff ‚Kolonialität’ um damit

[…] ‚koloniale Situationen’ in der Gegenwartsperiode [zu bezeichnen], in der koloniale Administrationen fast gänzlich aus dem kapitalistischen Weltsystem verschwunden sind. Mit ‚kolonialen Situationen’ meine ich die kulturelle, politische, sexuelle, spirituelle, epistemische und ökonomische Unterdrückung/Ausbeutung rassifiziert/ethnisch „untergeordneter“ Gruppen durch dominante rassifizierte/ethnische Gruppen [Hervorhebung hinzugefügt] mit oder ohne der Existenz kolonialer Verwaltungen. Fünfhundert Jahre europäischer kolonialer Expansion und Herrschaft formten eine internationale Aufteilung der Arbeit zwischen Europäer_innen und Nicht-Europäer_innen, die in der gegenwärtigen sogenannten ‚post-kolonialen’ Phase des kapitalistischen Weltsystems reproduziert wird (Wallerstein 1979, 1995 in Grosfoguel 2007). Heute überschneiden sich die Kernzonen der kapitalistischen Weltwirtschaft mit den prädominant weißen/europäischen/euro-amerikanischen Gesellschaften wie Westeuropa, Kanada, Australien und den Vereinigten Staaten, während die peripheren Zonen sich mit den vormals kolonialisierten nicht-europäischen Völkern überschneiden. Japan bildet hier die einzige Ausnahme, die diese Regel bestätigt. Japan ist niemals durch die Europäer kolonialisiert gewesen, und hat aber, vergleichbar mit dem Westen, eine aktive Rolle in der Errichtung eines eigenen kolonialen Imperiums gespielt … . Der Mythos einer ‚Dekolonialisierung der Welt’ verdunkelt die Kontinuitäten zwischen kolonialer Vergangenheit und gegenwärtig global-kolonialen/rassischen Hierarchien und trägt zur Unsichtbarkeit von ‚Kolonialität’ heute bei [Hervorhebung hinzugefügt] (Grosfoguel, 2007).

„Der Mythos einer ‚Dekolonialisierung der Welt…“ kann auch ersetzt werden mit:

Der Mythos eines ‚post-rassischen’ Status der USA verdunkelt die Kontinuitäten zwischen kolonialer Vergangenheit und gegenwärtig global-kolonialen/rassischen Hierarchien und trägt zur Unsichtbarkeit eines ‚weiß-rassifizierten klassenprivilegierten Bewusstseins’ in den USA heute bei. [8]

Wenn wir uns die „koloniale Vergangenheit und die gegenwärtigen kolonialen/rassischen Hierarchien“ anschauen, wird Clara dann zu einem weißen christlichen Priester aus der Zeit vor dem Sezessionskrieg, der den weißen Herren über Plantagen und Sklaven sagt, dass Gott die „Ethik“ der Einrichtung der Ehe und der Heiligkeit der Familie (Modernität) für gut beheißt, während schwarze Famillien in Fesseln auseinandergerissen werden, jedes Mal wenn eine Ehefrau oder ein Kind oder ein Vater verkauft wird, um in einem Baumwollfeld oder auf einer Tabakfarm (Kolonialität) zu arbeiten? Wird Clara der „zivilisierte“ und „moderne“ US-amerikanische Aristokrat aus dem acthzehnten Jahrhundert, der Texte verfasst, die ihren Beitrag zu den Philosophien der „Ethik“ und „Aufklärung“ der Menschheit (Moderne) beitragen, während man den Tee mit Zucker schlürft (Moderne), der von nichtweißen Menschen in Fesseln produziert wurde (Kolonialität)? Wird Clara hier zu einem weißen Lehrer aus den USA des frühen neunzehnten Jahrhunderts, der die weißen Kinder über die „Ethik“ dessen „aufklärt“ ein freier [weißer] Mensch zu sein (Moderne), als einem Preis, der durch die Amerikanische Revolution gewonnen wurde, während man ein Stück moderner Baumwollbekleidung trägt, dass mit dem Leid der schwarzen Menschen in Fesseln hergestellt wurde, Menschen die diese Freiheit niemals erfahren dürften (Kolonialität). Ist Clara der weiße US-amerikanische Regierungbeamte des zwanzigsten Jahrhunderts, tätig im internationalen Huminitarismus, der vorschlägt, dass wir als eine Nation „ethisch“ handeln sollten und kuhmilch-basierende verarbeitete Produkte (Moderne) an afrikanische Länder, in denen in den 1980ern in denen Hungersnöte herrschten, schicken sollten – vollständig davon überzeugt, dass jeder [tierliche] Milch vertragen können sollte und muss, so wie das die eigenen weiß-europäischen Vorfahren können (Kolonialität)?

Claras Einstellung repräsentiert die Einstellungen vieler Menschen in den USA – aus der Vergangenheit, so wie in der Gegenwart – die eine gewisse Vorstellung über „Ethik“, „Freiheit“, „Aufklärung“ und „Moralität“ durch den Schleier von Universalismus, Ignoranz und eurozentrischer Logik (Yanca, 2004) hochhalten und anwenden. Solch eine singularistische eindimensionale Herangehensweise an die Frage von „Ethik“ ignoriert häufig und selbstbequem die Systeme miteinander einhergehender Unterdrückungsformen, die durch den Rassismus, Klassismus, Ableismus, Heterosexismus, Nationalismus, etc. beeinflusst werden und diese auch wiederum reziprok beeinflussen. Rámon Grosfoguel argumentiert, dass

die hegemonischen eurozentrischen Paradigmen, die die westliche Philosophie und die Wissenschaften im ‚modernen/kolonialen kapitalistichen/patriarchalen Weltsystem’ in den letzten 500 Jahren beeiflusst haben, nehmen einen universalistischen, neutralen, objektiven Standpunkt ein … . Niemand entkommt den Hierarchien von Klasse, Geschlecht, Spiritualität, Linguistik, Geographie und Rasse des ‚modernen/kolonialen kapitalistichen/patriarchalen Weltsystems’ (Grosfoguel, 2007).

Zusätzlich sehen Veganer_innen, die Claras Wahrnehmung über Rasse teilen, unter Umständen weder die Bedeutung noch die Implikationen rassischer Identität innerhalb der TR/VEG-Philosophie und ihrer erzieherischen Aufklärung, da viele Menschen im globalen Westen, wie etwa in den Vereinigten Staaten, dahingehend erzogen wurden, die Kräfteverhältnisse außerhalb von „Klassenanalyse und ökonomisch-strukturellen Transformationen“ nicht zu verstehen (Grosfoguel, 2007). Obgleich meine Webseite, auf der ich meine Forschung vorstelle, eindeutig angibt, dass ich über die Implikationen von Rasse und Klasse in der Wahrnehmung von Nahrungsmitteln, Gesundheit, „ethischem Konsum“ und Tierrechten forsche, war Clara nur über die rassische Komponente meiner Forschung „irritiert“. [9]

Ich hoffe, dass dieses Essay dabei helfen wird, „post-rassiche“ weiße vegane Aktivist_innen näher an ein Einbrechen der Barrieren heranzubringen, und daran, sich stärker kritisch reflektierend zu betätigen im Punkte rassisch privilegiert-orientierter Formen dessen, Teil der weltweiten TR/VEG Bewegung zu sein – und zwar nicht nur innerhalb der weiß dominierten oder weißer Siedlernationen, sondern überall in der Welt. Weiße Freund_innen und Unterstützer_innen, so wie die antirassistischen Tierrechtsaktivist_innen Noah Lewis, Say Burgin und Daniel Hammer, so wie auch pattrice jones, haben sich proaktiv dazu entschieden, sich über ihr eigenes weiß rassifiziertes Bewusstsein Gedanken zu machen. Sie versuchen weiß identifizierten und TR/VEG Aktivist_innen die Wichtigkeit dessen zu vermitteln, sowohl die kritischen Weißseinsstudien als auch den Antirassismus in ihren TR/VEG und nicht-TR/VEG-verbundenen Philosophien und Erziehungsmodellen mit einzubeziehen. So lautet die Beschreibung eines Workshops den Burgin, Hammer und Lewis 2008 unter dem Titel ‚Weiße hinterfragen den Rassismus – eine Studiengruppe’ organisiert haben, folgendermaßen:

Die erste Session unserer Gruppe fand von Juli bis September 2007 statt und wurde von Say Burgin, Daniel Hammer und Noah Lewis organisiert. Diese Gruppe hat sich aus einem experimentellen College-Kurs zum Thema weißes Privileg und antirassistischer Organisation am Oberlin College heraus entwickelt, am dem Noah teilgenommen hatte während seines Aufenthaltes in Oberlin, Ohio.

Die Organisator_innen sind keine „Expert_innen“ – wir erheben diesen Anspruch in keiner Weise für uns! Wir sind schlichtweg weiße Individuen, die sich ernsthaft darüber Sorgen machen, auf welche Weise das weiße Überlegenheitsdenken, männliches Überlegenheitsdenken, Klassismus und andere Unterdrückungsformen, sowohl auf persönlicher Ebene als auch durch unseren Aktivismus, fortgesetzt werden. Wir möchten uns aus diesem Grunde darum bemühen, uns über diese Probleme zu informieren und unser Verhalten entsprechend zu verändern, und, wir möchten diesen Lernprozess gerne mit denjenigen Teilen, die ebenfalls daran interessiert sind, sich mit den Fragen auseinanderzusetzen (Burgin et al., 2007).

Was diese Form des Aktivismus so auszeichnet, ist, dass die Organisator_innen gleichzeitig auch im Bereich des veganen- und des Tierrechtsaktivismus tätig sind; sie bieten ebenso Workshops über Veganismus und Tierrechte über ihre Gruppe ‚Animal Freedom’ an. Denjenigen weißen Personen, die den Bezug zwischen Tierrechten und kritischen Weißseinsstudien bislang nicht sehen, erklären die Organisator_innen auf ihrer Webseite:

Weshalb wird dies von einer Tierrechtsgruppe organisiert?

Warum nicht? Animal Freedom hinterfragt den Speziesismus und das menschliche Überlegenheitsdenken im Kontext mit einer Beendigung der damit verbundenen Unterdrückungssysteme (die auf Sexismus, Rassismus, Klassismus, Ageismus, Ableismus, usw. basieren und/oder Diskriminierung betreiben wegen sexueller Ausrichtung, religiöser [oder nicht-religiöser] Anschauungen, Nationalität und Ethnizität, usw.). Wir planen in Zukunft einen Kurs anzubieten, der sich speziell mit dem Rassismus in der Tierrechtsbewegung auseinandersetzt. Dieser nun stattfindende Kurs ist aber allgemein gehalten und bezieht jede_n mit ein (Burgin et al., 2007).

Menschen, die sich aktivistisch für eine vegane Ernährung einsetzen, sind fortwährend mit Ängsten, Verneinung und Abwehrhaltungen konfrontiert, seitens von Menschen, die vom institutionalisierten Speziesismus „als Norm“ profitieren. So wie diese Menschen nicht ohne weiteres einsehen können, warum sie sich über Speziesismus Gedanken machen sollten, so können in einer vergleichbaren Weise manche weißen TR/VEG Aktivist_innen nicht einsehen, in welcher Weise sie profitieren vom institutionalisierten Weißsein „als der Norm“ oder wie dies ihr Engagement für den Veganismus mitbeeinflusst. Ich hoffe, dass dieses Essay diejenigen, die eine „post-rassische“ Haltung vertreten oder die meinen, „Rasse sei eine nebensächliche Angelegenheit“, dazu bewegen kann, die eigene Wahrnehmung über Rasse einmal kritisch zu überdenken und zu überlegen, ob man selbst zu sozialer Ungerechtigkeit innerhalb des eigenen veganen- und Tierrechtsaktivismus mit beiträgt.

Anmerkungen

[1] Amie Breeze Harper promoviert [A.d.Ü.: im Jahr 2013 hat die Autorin ihre Promotion mit summa cum laude abgeschlossen] an der University of California, Davis, im Bereich der Critical Food Geographies. Sie untersucht in welcher Weise Rasse, Klassenzugehörigkeit und Region/Lokalität innerhalb der USA die Beziehung einzelner zu ihrer Wahrnehmung pflanzlich-zentrierter Ernährungsweisen (‚food ways’) beeinflussen. Die Autorin ist in Connecticut, USA, geboren und aufgewachsen und lebt heute mit ihrem Ehemann und ihrem neugeborenen Sohn in Berkeley, Kalifornien. Amie kann unter der Emailadresse breezeharper@gmail.com kontaktiert werden.

[2] A.d.Ü.: der Begriff „Rasse“ bezeichnet selbstverständlich auch an dieser Stelle ein politisch-soziologisches Phänomen, und keine biologistisch-ethnische Demarkationslinie verschiedener Kulturgeschichten.

[3] „TR/VEG“ ist die Abkürzung, die ich hier verwende, wenn ich mich auf den Tierrechts-, den vegetarischen- und den veganen Aktivismus und seine Philosophien beziehe.

[4] Ich schreibe hier „bestimmte“, weil es vegane Produkte aus fairem Handel gibt, die auch von Veganer_innen gekauft werden können, wie zum Beispiel Equal Exchange Bio-Tees, Zucker und Kaffee aus fairem Handel oder Produkte von Steaz Energy. Ich habe hier jedoch die Marken Silk und Soy Delicious kritisch im Auge, weil sie in den USA den Markt für vegane, auf Soja basierende Getränke und tiermilch-freie gefrorene Desserts dominieren.

[5] Damit meine ich die eurozentrischen und griechischen Grundpfeiler der Philosophien, der Ethik und der Moralität. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass diese nur eine Art der Philosophien ausmachen.

[6] A.d.Ü.: Vegan Outreach haben ihre Broschüre „Guide to Cruelty-Free Eating“ im Jahr 2013 überarbeitet und die in diesem Text beschriebene Bebilderung wurde ausgetauscht, durch Fotos, die auch farbige Menschen als Aktivist_innen zeigen und nicht nur als Rezipienten veganer Aufklärungsprogramme.

[7] A.d.Ü.: Im Bezug auf die BRD liegt bei diesem Kritikpunkt der Schwerpunkt nicht in erster Linie auf dem Zucker, der bei uns zu einem prozentual geringen Anteil aus Drittländern importiert wird. Allgemein ändert dies allerdings nichts an der beschriebenen Problematik, der nicht aus Fairtrade-Quellen bezogenen Rohstoffe und Produkte, die im veganen Marktsegment ihren Gebrauch finden können.

[8] Im Bezug auf Clara kann man sagen, dass die Auswirkungen, die dieses dominierende Bewusstsein auf die Erziehungsphilosophie im primären und sekundären Bildungsbereich hat (das die meisten Kinder, ungeachtet ihrer Rasse, in den USA prägt) hier nicht zu übersehen sind. Den Kindern und Jugendlichen wird zumeist vermittelt, dass die eurozentrischen philosophischen Fundamente von „Gerechtigkeit“ und „Ethik“ nicht „rassifiziert“ seien; dass sie in der Tat „post-rassisch“ sind und für alle zutreffen, ungeachtet der Tatsache, dass zentrale philosophische Gedanken zu einem Großteil für und durch die Interessen weißer männlicher Europäer und US-Amerikaner geschaffen wurden. So soll ein zwölfjähriges Mädchen, dass aus einer Familie mit niedrigem Einkommen stammt und im ländlichen Raum Alabamas lebt, lernen und akzeptieren, dass die Philosophien von „Freiheit“, „Ethik“ und der „Aufklärung“ (die von europäischen und US-amerikanischen Männern „guten Willens“ geschaffen worden sind), nicht rassifiziert sind; und dass sie niemals von weißen Philosophen produziert wurden, die kleine schwarzen Mädchen, so wie sie selbst eines ist, hätten unterdrücken wollen. Das ist auffällig, da die Mehrzahl dieser „großen Männer“ Nichtweiße entweder als minderwertig sahen und/oder ihr eigenes weißes männliches Privileg in der Schaffung ihrer universellen Philosophien ignoriert haben. Dazu zu zählen sind Thomas Jefferson, Hegel, Kant, Hume und Locke (Farr, 2004; Jones, 2004; Moore, 2005; Yancy, 2004). Dies sind Männer, die eindeutig dachten, dass Schwarze minderwertige Menschen wären, doch produzierten sie gleichzeitig universale Gedanken und Literatur über „Freiheit“, „Ethik“ und „Aufklärung“, die größtenteils integriert sind in das Gewebe der modernen US-amerikanischen Gesellschaft, in der Schulbildung und in den philosophischen Fakultäten der Universitäten. Das Weißsein und die geopolitisch rassifizierten Aspekte dieser Philosophien sind als universalistisch maskiert (Yancy, 2005) und werden in falscher Weise als für genau die Menschen zugänglich konstruiert, die diese „großen Männer“ für minderwertig hielten. Hinsichtlich der Philosophien, auf denen die USA begründet wurde, schreibt Dr. T. Owen Moore:

Seit der Etablierung dieser weiß-dominierten und durch Weiße kontrollierten Gesellschaft, bestand von Anfang an ein mentaler Konflikt. Dieser mentale Konflikt wurde von der Seite der Unterdrücker her generiert (wie zum Beispiel von den Gründervätern), durch die Hypokrisie in ihrer Agenda. Es ist nicht möglich eine demokratische und gleichberechtigte Gesellschaft zu entwickeln, wenn die weißen Menschen, die die Gesetze geschrieben und implementiert haben, nicht-weiße Menschen als Untermenschen betrachteten. Die Hypokrisie der Gründerväter hat eine soziale Erkrankung weitergereicht (Forbes, 1992) die in dieser Gesellschaft niemals ausradiert werden kann, da die demokratischen Prinzipien auf einer falschen Grundlage gebildet wurden (Moore, 2005).

[9] Wenn Sie auf meine Seite unter http://www.breezeharper.com gehen, können Sie sehen, dass mein letzter Call for Papers sich mit dem Thema „Rassen- und Klassenbewusstsein“ in der Bewegung ethischen Konsums befasst hat.

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Zur Autorin
Dr. A. Breeze Harpers Arbeitsschwerpunkte liegen in den Themen kritischer Rassestudien, schwarzer feministischer Theorie und den Intersektionen kritischer Nahrungsmittelstudien. Ihre gegenwärtige Forschung befasst sich mit schwarzen männlichen Veganern, die Hip Hop und dekoloniale Methodologien im Gesundheits-, Nahrungsmittel- und Umweltaktivismus einsetzen. Dr. Harper ist Leiterin und Begründerin des Sistah Vegan Project, http://www.sistahvegan.com.

Übersetzung
Gita Yegane Arani-May, www.simorgh.de – ‚Open Access in der Tier-, Menschen- und Erdbefreiung’. Revised 8/2014.

Zitation
Harper, A. Breeze (2014). Essay: Rasse als eine „nebensächliche Angelegenheit“ im Veganismus: Eine Hinterfragung des Weißseins, geopolitischer Privilegien und der Philosophie des Konsums „tierqualfreier“ Produkte. TIERAUTONOMIE, 1(2), http://simorgh.de/tierautonomie/JG1_2014_2.pdf.

TIERAUTONOMIE (ISSN 2363-6513)

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A. Breeze Harper: Vegane Nahrungsmittelpolitik: eine schwarze feministische Perspektive

Vegane Nahrungsmittelpolitik: eine schwarze feministische Perspektive

Eine einführende Präsentation von Dr. phil. A. Breeze Harper über ihre Studien für ihr neues Buchprojekt: ‚Living Bling, Going Green: Alternative Black Masculinities, Hip Hop Eco-Consciousness, and Decolonial Vegan Nutrition’ [‚Ein reiches und grünes Leben: Alternative schwarze Männlichkeitsbilder, das Ökobewusstsein in der Hip-Hop-Bewegung und die dekoloniale vegane Ernährung’]. Der Vortrag fand am 3. April 2014 am Dickinson College in Pennsylvania, USA, statt.

Dieser Text als PDF (Link öffnet sich in einem neuen Fenster)

Transkription und Übersetzung: Palang L. Arani-May (NiceSwine.Info), mit der freundlichen Genehmigung von Dr. A. Breeze Harper.

Das Video der Präsentation kann hier eingesehen werden: http://clarke.dickinson.edu/a-breeze-harper/; weitere Informationen auf der Webseite des Dickinson College: http://www.dickinson.edu/news/article/991/vegan_food_politics.

Das Sistah Vegan Project: http://sistahvegan.com/.

Guten Abend. Mein Name ist Gianna Toglia und ich bin eine studentische Projektleiterin am Clarke Forum for Contemporary Issues des Dickinson College. In Namen der Clarke Forums, des studentischen Senats, sowie des Department of American Studies, des Women’s and Gender Resource Center, des Center for Sustainability, Education, des Office for Diversity Initiatives und der Departments of Women’s and Gender Studies und Africana Studies möchte ich sie alle zur heutigen Veranstaltung: ‚Vegane Nahrungsmittelpolitik: eine schwarze feministische Perspektive’ willkommen heißen.

Die Landschaft des veganen Mainstreams in den USA wird durch ein rassifiziert weißes Bewusstsein dominiert. Werbemittel für die vegetarische und vegane Ernährungsweise, sowie auch PETAs Druckmedien die ihre Kampagnen begleiten, zeigen zumeist weiße schlanke Frauen. Wie entdecken und navigieren schwarze Frauen die vegetarische und die vegane Lebensweise innerhalb dieser rassifizierten Landschaft, die den Veganismus mit Weißsein gleichsetzt, und Weißsein wiederum mit einem perfekten, schlanken Körper? Und, in vergleichbarer Weise stellt sich die Frage, wie innerhalb der Hip-Hop-Bewegung Amerikas, in der Fleischverzehr mit echter Männlichkeit gleichgesetzt wird, schwarze vegane Männer der Hip-Hop-Generation eine ethische und gesundheitsbewusste Ernährungsweise für sich annhemen, und wie sie damit einhergehend ihr Verständnis darüber verändern, was ‚echtes Mannsein’ bedeutet.

Zur Beantwortung dieser und anderer Fragen über den Veganismus in Amerika, im Kontext mit Rasse und Geschlecht, haben wir die besondere Ehre Dr. A. Breeze Harper heute Abend bei uns begrüßen zu dürfen. Dr. Harper ist die Leiterin und Gründerin des Sistah Vegan Projekts, einem Programm, das sich mit dem Leben und dem Veganismus aus der Perspektive schwarzer veganer Mädchen und Frauen befasst. Ihr Buch ‚Sistah Vegan: Black Female Vegans Speak on Food, Identity, Health, and Society’ [erschienen bei Lantern Books, 2010; ‚Sistah Vegan: Schwarze Veganerinnen sprechen über Nahrungsmittel, Identität, Gesundheit und die Gesellschaft’] ist das erste seiner Art, das sich mit veganen Erfahrungen vor dem Hintergrund von Gender und Rasse innerhalb der USA auseinandersetzt. Dr. Harper arbeitet derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterim am Human Ecology Department der University of Calofornia, Davis, und recherchiert derzeit für ihr Buchprojekt: ‘Going Green, Living Bling: Black Vegan Men, Hip Hop Eco-Consciousness and Decolonial Nutrition’, in dem es um die Redefinierung schwarzer Männlichkeitsbilder geht, in der sich ein Gesundheitsverständnis und ein Verständnis des Veganismus am Hip-Hop orientiert. Dr. Harpers neu erscheinender Roman ‘Scars: A Black Lesbian Experience in Rural White New England’ [‚Scars: eine schwarze lesbische Erfahrung im ländlichen weißen Neu England’] reflektiert über Weißsein, Rassismus und den Bruch mit den vergangenen normativen Grenzen der Heterosexualität. Das Buch wird Ende dieses Jahres erscheinen. […] Zum Abschluss der Präsentation haben sie die Möglichkeit Fragen zu stellen. Heißen sie nun mit mir ganz herzlich Dr. A. Breeze willkommen!

Hi! Ich bin Breeze Harper, und normalerweise beginne ich meine Vorträge mit einem Lied. Ich habe gerade eine 12-stündige Flugreise von Kalifornien mit meinem Baby hinter mir und meine Stimme klingt daher nicht wirklich perfekt und auch etwas verhustet. Aber ich will es trotzdem probieren – nur falls sie sich wundern, warum ich die Töne vielleicht etwas verfehle.

Musik stellt für mich, worauf ich später in meiner Diskussion über den Hip-Hop zurückkommen werde, eine besondere Weise dar, um Botschaften sozialer Gerechtigkeit zu vermitteln. Immerhin bin ich mit solch einer Geschichte großgeworden. Die Botschaften der Spirituals im Kampf Schwarzer um Gerechtigkeit, in ihnen wird das greifbar: die Stärke und der Handlungswille, der sich über die Musik vermitteln kann.

Ich möchte ihnen dieses Lied also als ein kleines Geschenk mitgeben – etwas was ich normalerweise nicht erlebe, wenn ich eine akademische Veranstaltung besuche, alternative Wege bei denen Information und Wissen in künstlerischer Form vermittelt werden. Also mit einigen Hustern und einem Schluck Wasser trage ich ihnen dieses kleine Lied vor, in dem es um die Art sozialer Gerechtigkeit geht, an die ich glaube. (3:45) […]

[…] (5:15) Ich danke den Personen, die mir dies heute Abend ermöglicht haben – mit ganz viel Tee und einem Ricola-Bonbon. Vor einer Stunde habe ich noch alle paar Minuten gehustet, also dankeschön!

Ich bin also heute hier um über vegane Nahrungsmittelpolitik zu sprechen. Ursprünglich trug meine Präsentation einen anderen Titel, aber keine Sorge, der Inhalt ist immernoch der gleiche, nur habe ich nach dem Schreiben entschieden, dass ich doch lieber einen anderen Titel wählen sollte. Ich werde also meine Powerpoint-Präsentation starten und dabei versuchen die Notizen auf meinem Tablet zu lesen.

Der Titel lautet nun: ‚Vegane Politik: Intersektionen des schwarzen Feminismus, der kritischen Rassenstudien, des Hip-Hop und des ethischen Konsums und Verzehrs, und eine Betrachtung der Förderung und Schaffung gesunder veganer Körper.’ Das ist ein langer Titel, aber ich möchte gerne genau hervorheben worüber ich hier sprechen will.

Mit folgendem Zitat möchte ich beginnen, und dies ist eines der Zitate, die mein Interesse geweckt haben an der näheren Betrachtung von Nahrungsmitteln und Nahrungsmittelobjekten als Ansatzpunkte zum Verständnis der Funktionsweise rassischer Machtdynamiken in den USA.

„Rassische Ideologien prägen die Weltanschauung einzelner Menschen stark. Die genauere Auseinandersetzung mit Nahrungsmitteln ist sehr nützlich zur Analyse dieser Ideologien, und darüber, wie Rassische- und Gender-Rolitik selbst die harmlosesten Situationen, wie ein gemeinsames Sonntagsessen, durchdringen.“

Dieses Zitat stammt aus Dr. William Forson’s Buch ‘Building Houses out of Chicken Legs: Black Women, Food, and Power’ [‚Ein Haus aus Hühnerbeinen zu bauen: Schwarze Frauen, Nahrungsmittel und Macht’]. Es ist ein beeindruckendes Buch, das 2006 herauskam. Es half mir dabei zu verstehen, wie ich kritische Rassenstudien in materialistischer Weise einsetzen kann, und genau darüber werde ich sprechen, aber zuerst gebe ich ihnen eine Definition dessen, was Veganismus bedeutet – für diejenigen unter ihnen, die mit dem Begriff nicht vertraut sind.

Veganismus ist eine Praxis des Verzehrs und Konsums die beinhaltet, dass Tiere nicht verletzt, getötet, misshandelt, gegessen, usw. werden dürfen. Ernährungsveganismus bedeutet, dass Tiere oder Tierprodukte nicht verzehrt werden, und schließt Eier, Honig und tierliche Milch mit ein.

Ethischer Veganismus: kein Verzehr von Tieren, tierischen Nebenprodukten, zusätzlich sind Menschen die ethisch vegan sind beispielsweise auch gegen den Kauf von Bekleidungsstücken aus tierlichen Materialien, Ledersitze in Autos, Tierversuche, Zoobesuche, usw.

Das ist eine sehr grundlegende Definition der beiden Formen des Veganismus, denen ich in dieser Kultur begegnet bin. Es gibt auch spirituell und religiöse motivierte Veganer_innen, aber darauf möchte ich mich hier jetzt nicht weiter beziehen.

Um auf Dr. William Forsons interessantes Zitat zurückzukommen, wie Nahrungsmittel rassiche Machtdynamiken verkörpern können: Ich selbst bin ‚critical race materialist’ [Materialistin im Bereich kritischer Rassenstudien], was bedeutet, dass ich das Material: ‚Nahrungsmittelobjekt’ als meinen Indikator verwende, um besser zu verstehen, wie rassische Machtdynamiken sich in Amerika niederschlagen.

Ich wende also kritische Rassenstudien an und betrachte Nahrungsmittelobjekte und die Bedeutungen die man ihnen zuordnet, beispielsweise wie gesunde Nahrungsmittel gesunde Körper schaffen. Diese Dinge schaue ich mir unter kritischen Gesichtspunkten an, und als nächstes überlege ich, wie ich bereits sagte, wie das ein Licht auf die rassischen Machtdynamiken werfen kann, allerdings in erster Hinsicht im Bezug auf weiße Siedlernationen wie die USA – wie diese rassischen Machtdynamiken, die sich mit Nahrungsmittelobjekten verbinden, erfahren, hinterfragt, abgelehnt oder verstärkt werden.

Ein Teil meiner kritischen Analyse umfasst meine Arbeit für das Sistah Vegan Projekt, das ich im Jahr 2005 startete, worin ich den schwarzen Feminismus verwende, kritische Rassentheorien und kritische Weißseinstheorien, um zu herauszufinden, wie schwarze Menschen, in erster Linie weibliche Personen, den Veganismus und Mitfühlsamkeit für nichtmenschliche Tiere praktizieren und definieren.

Für diejenigen von Ihnen, die mit dem Begriff noch nicht vertraut sind: schwarzer Feminismus ist ein Wissenskanon der während der Sklaverei entstand und die Erfahrungen schwarzer Frauen mit der Sklaverei umfasste. Dieser Zweig des Feminismus wurde vor den frühen 1980ern in den westlichen akademischen Institutionen aber nicht wirklich als ein echter Kanon anerkannt – es ist interessant, dass es so lange brauchte, bis man ihn als einen echten Kanon anerkannt hat … doch diese Gedanken darüber wie Rasse, Geschlecht und Klasse innerhalb eines kapitalistischen Wirtschaftssystems die Erfahrungen schwarzer Frauen beeinflusst haben, bildeten einen Gegenstand kritischen Denkens seit schwarze Menschen tragischerweise als „besitzbare“ Sklaven ihrer Freiheit beraubt wurden. Dies wurde also erst vor etwa 30 Jahren zu einem echten Kanon. Ich verwende ihn um zu verstehen, wie der Kapitalismus das Leben schwarzer Frauen geformt hat, und um zu verstehen wie Rassismus, Sexismus und Klassismus Realitäten im Leben schwarzer Frauen sind, wie sie kritischen Widerstand leisten und woraus sie ihre Kraft zur Selbstermächtigung schöpfen.

Bislang hat sich niemand, der sich mit den sozialen Fragen im Kontext mit Nahrungsmitteln befasst, mit denjenigen Frauen auseinandergesetzt, die sich gegen die traditionelle Soul-Food-Ernährungsweise des schwarzen Amerikas entschieden haben. Wie sieht der Veganismus aus unter schwarzen Frauen, die begreifen, dass Rassismus und Sexismus echte Probleme sind in diesem Land? Wie setzen sie den Veganismus als ein Werkzeug ein, um ein eigenes Kraftpotenzial daraus zu gewinnen? Das sind die Fragen, mit dem sich das Sistah Vegan Projekt auseinandersetzt. Dabei habe ich mich nicht näher mit schwarzen Männern und ihren Aktivitäten befasst. Das Projekt wurde also vor etwa 8 Jahren ins Leben gerufen, und im Rahmen dieses Projekts ist ein Buch erschienen, mit dem Titel: ‘The Sistah Vegan Book: Black Female Vegans Speak on Food Identity, Health and Society’ [‚Das Sistah Vegan Buch: Schwarze Veganerinnen sprechen über Nahrungsmittel, Identität, Gesundheit und die Gesellschaft’]. Es ist eine Anthologie mit sechzehn Stimmen schwarz-identifizierter Frauen, die darüber sprechen, wie sie zum Veganismus gekommen sind. Ziel dieses Projekts war es, tatsächlich mal einen anderen Blickwinkel zu zeigen, statt dem, der den Leuten zumeist in den Sinn kommt, wenn sie über Veganismus nachdenken, nämlich der Zugang, der ihnen bekannt ist über PETA (People for the Ethical Treatment of Animals), bei dem eine die Rassismusfragen berücksichtigende Herangehensweise schlichtweg nicht vorkommt. Du siehst niemals, dass sie diskutieren würden, wie Leute, die in Amerika leben – wobei alle von uns in der einen oder anderen Weise rassifiert worden sind – wie das dabei hineinspielt, wie wir unsere Zugänge an die vegane Lebensweise wählen. PETA setzt sich damit nicht auseinander, aber das Sistah Vegan Projekt ist darum bemüht dies zu tun, und das ist der ganze Sinn des Buches. Es geht einfach darum die Stimmen hörbar zu machen, und auch darum, zu zeigen, dass schwarze Frauen keine monolithische Einheit bilden. Wenn sie diese Textsammlung lesen, dann merken sie, dass es da einige schwarze Frauen gibt, die aus Tierrechtsgründen vegan wurden, deren eigene verkörperlichte Erfahrungswelten aber die schwarzer Frauen dieses Landes sind.

Beispielsweise die Autonin Ain Drew: Sie hat uns darüber berichtet, wie sie für eine recht kurze Zeit für PETA arbeitete. Sie ist Afro-Amerikanerin, vegan. Sie schildere uns ihre Frustration mit PETA, die versucht hatten sich auf eine Anti-Pelz-Kampagne für die schwarze Community zu konzentrieren. Sie versuchte PETA zu sagen: ‚Wisst ihr, die meisten Leute, schwarz oder weiß, können sich überhaupt keinen Pelz leisten, vielleicht solltet ihr den Veganismus aus einer Perspektive der gelebten Realitäten schwarzer Menschen vermitteln, wie zum Beispiel indem ihr das Thema gesundheitlicher Ungleichheit aufgreift, vielleicht solltet ihr lieber von dem Punkt her ansetzen und mit der schwarzen Gemeinschaft zusammenarbeiten – denn das ist, was ihnen wirklich etwas bedeutet.’ Aber sie taten das nie. PETA hat so etwas nicht weiter interessiert. Wenn Sie also dieses Kapitel lesen, dann erfahren sie auch, wie man sie schließlich hinaus komplimentierte, denn wie konnte sie sich nur herausnehmen, stellvertretend für ihre Gemeinschaft anzukommen und PETA erzählen zu wollen, was sie zu tun hätten. Dies ist also der interessante Konflikt, den sie uns schilderte. Diese Autorin ist eine engagierte Veganerin aus Tierrechtsgründen, aber sie lehnt portrassische Haltungen, wie die PETAs, für sich persönlich ab.

Wenn ich hier von „postrassisch“ spreche, meine ich folgendes: Im Veganismus existieren, wenn sie sich die Mainstreamliteratur bezüglich des Veganismus anschauen, mehrere verschiedene wiederkehrende Themen, in denen wir das Konzept finden, dass unsere Gesellschaft postrasssisch sei, was so viel bedeutet wie: „heute, das wir den Civil Rights Act haben, ist Rasse kein Hindernis mehr im Erlangen einer gewissen Qualität an Glück und Gesundheit in Amerika.“ Ich setze das in Anführungszeichen, weil das postrassische Konzept der Realität nicht entspricht.

Wir leben nicht in einer postrassichen Gesellschaft, auch wenn Obama unser Präsident ist. Wir leben in keiner postrassischen Gesellschaft, und jede auf Sozialwissenschaften basierende Untersuchung, die sich mit kritischen Rasse- und Weßseinsstudien befasst, zeigt uns, dass struktureller Rassismus, Weißsein, noch immer entscheidende Hindernisse zur Erlangung von Glück in diesem Land darstellen – was die Gesundheit der Menschen anbetrifft und in Sachen der Möglichkeiten zur Verwirklichung. Und das beeinflusst immernoch das Bewusstsein der Menschen darüber, was sie als ethisch empfinden und was nicht.

Die Themen also, die ich gesehen habe, als ich mir die [vegane] Literatur der letzten zehn Jahre angeschaut habe, sind: Der vegane Körper – oder die Annahme, die sich mit dem veganen Körper und dem veganen Lebensstil verbindet – ist weiß, jung, nicht-behindert (able-bodied), zur höheren Mittelklasse gehörend, heteronormativ, schlank; diese Dinge legen den Maßstab dessen fest, was ein gesundes, moralisches und grünes Leben darstellt, wenn man den Veganismus und den Vegetarismus betrachtet. Und dies geschieht tatsächlich in einer gänzlich unhinterfragten Weise. Diese Annahmen bestehen: „Ist Schlanksein nicht gesund?“, „Ist das Wertesystem der weißen Mittelklasse nicht das beste Wertesystem?“ So etwas bleibt unhinterfragt. Und wenn du nicht Teil dieses Systems bist, dann ist das sehr entmutigend und es entbehrt eines mitfühlsamen Denkens, was eigentlich den Mittelpunkt des Veganismus bildet: das Mitgefühl.

Und, ich habe das Thema gesehen, dass es beim Veganismus ausschließlich um das Mitgefühl für die Tiere und die eigene Gesundheit gehen solle, die mitenander zu einem einzigen Thema verschmelzen. Ausgeblendet werden die Realitäten farbiger Menschen, die nicht postrassisch denken können, sowie auch die Frage, in welcher Weise ein niedriges Einkommen die Leichtigkeit vegan zu werden beeinflussen kann.

Es besteht also die Annahme, dass, um ein ethischer Konsument zu sein, alles was du tun musst, der Kauf veganer Gegenstände ist. Lebensmittel zu kaufen, irgendetwas kaufen zu können, ist ein Privileg, und es ist ein Privileg, das in Verbindung steht zur Klassenzugehörigkeit und zu Rasse. Diese Problematik wird im Großteil veganer Mainstreamliteratur nicht erwähnt, und, ich habe den Eindruck, dass viel dieser veganen Mainstreamliteratur und solcher Medien zum Weißsein hin tendiert. Dabei geht es beim „Weißsein“ nicht allein um physische Phänotypen, wie die Frage ob ein Mensch eine helle Haut hat, blaue Augen und blondes Haar – es ist auch ein Denksystem.

Weißsein steht für die Grundsätze: Heterosexismus, Ableismus, Mittel- bis Oberschicht-Sensibilitäten, Cisgender als Definition von ‚natürlich und normal’ – für diejenigen, die mit diesen Begriff nicht vertraut sind: wenn du mit einem Busen und einer Vagina geboren bist, wirst du automatisch als „weiblich“ kategorisiert, und du identifizierst dich dann während deines ganzen Lebens als „weiblich“ – … Seizeism, der schlanke Körper als moralischer und gesunder Körper, sexuelle Reinheit, die Vorstellung, dass ‚man sexuell reiner sein kann, indem man keine Tiere verzehrt’. Bei vielem der Rhetorik, die sich um das koloniale Weißsein windet, geht es um Ängste bezüglich des Körpers und um Reinheit. Und dann schließlich, ein Konzept das nun eher neu dazukommt: Neoliberalismus: dass eine Veränderung effektiv nur durch die individuelle Macht der Konsumenten herbeigeführt werden kann, nicht aber durch strukturelle Veränderungen. Alles was du zu tun hast, ist ein veganes Produkt zu kaufen um damit einen gesunden Körper zu erlangen.

Und das ist problematisch, wenn Leute auf der sozioökonomischen Leiter aufsteigen … man sieht eine Art des Gerechtigkeitssinnes innerhalb der Gemeinschaft der Arbeiterklasse: man kommt zusammen als eine Gemeinschaft, weil man gar nicht über die individuellen Ressourcen verfügt, um die Dinge irgendwie anders zu machen. Wenn du aber in der Klasse aufsteigst, über mehr Kaufkraft verfügst und dann auf die individuellen Möglichkeiten konzentriert bist, wie du etwas in der Welt verändern kannst – wenn deine allgemeinen Haltungen kolonialisierter sind und du dann tatsächlich die neoliberale Vorgehensweise als dein Handlungsspektrum akzeptierst, dass eine Veränderung nur durch den Markt bewirkt werden kann … dann liegt ein Problem vor.

VegNews Cover das Portia de Rossi abbildet: http://vegetarianstar.com/wp-content/uploads/2011/07/Portia_VegNews_2001_Cover.jpg

Was also Verzehr und Konsum anbetrifft: imstande zu sein vegane und gesunde Dinge zu kaufen ist ein Privileg, und nicht jeder kann dieses Privileg ausüben. Ich schaue also auf diese berühmten veganen Medienveröffentlichungen wie die VegNews, ich sehe diese Bilder weißer Menschen. Ich sehe zahlreiche hellhäutige, hauptsächlich weiße Menschen, die den Veganismus repräsentieren. Wenn du dir die Seiten der VegNews anschaust, geht es primär zm das Konsumieren veganer Produkte. Keiner redet ernsthaft über Nahrungsmittelgerechtigkeit, keiner redet über Zugänge zu Nahrungsmitteln, keiner redet wirklich über die klassische Frage: ‚Ist vegan zu werden wirklich leicht? Und wenn es leicht ist, für wen ist es leicht?’, wieder wird die Beziehung, die Menschen zu Nahrungsmitteln haben, als weiß, der Mittelklasse zugehörend, heteronormativ angenommen – mit der Ausnahme von Portia de Rossi, die eher dem feminiersten Stereotyp von dem entspricht, wie eine Lesbe auszusehen hätte in der Phantasiewelt von Männern, die an sog. ‚Frauen auf Frauen’-Aktion gefallen finden. Interessant, dass man sie für dieses Cover ausgewählt hat und wie sie dargestellt wurde, und, sie ist eine weiße Frau.

Buchcover ‘Skinny Bitch’: http://bumpwearproject.com/wp-content/uploads/2100.jpg

Und interessanterweise … ich dachte, dass Skinny Bitch … falls jemand nicht weiß was ‘Skinny Bitch’ ist, es ist ein Buch, das vor etwa sechs oder sieben Jahren herauskam und es hat den Veganismus wirklich redefiniert, in einer Art und Weise, die ich für sehr besorgniserregend halte. Skinny Bitch wirbt für eine Form des Veganismus, die sehr „fat-shaming“ [diskriminatorisch gegenüber Übergewichtigkeit] ist und die sehr stark auf die weiße Mittelklasse ausgerichtet ist. ‚Vegan werden ist einfach, und du musst damit Gewicht abnehmen, und wenn du das nicht schaffst, dann bist du faul, du bist dumm, und faul’ – so eine Art der Rhetorik.

Der Name der einen Autorin ist Rory Friedman und VegNews ernannte sie zur Veganerin des Jahres. Ich muss sagen, das war recht … es sagte etwas aus, nämlich dass sie die Botschaft die Skinny Bitch vermittelt, unterstützenswert finden. Dies ist also eines der Bücher, das sie mitverfasste. Das war wohlgemerkt während ihrer Schwangerschaft. Und sicher: es ist ja so normal schmerzlich dünn zu sein, wenn du schwanger bist! Die meisten aus der Reihe dieser Bücher gebrauchen diese Art der Bildbotschaften, dass Dünnsein gleichzusetzen ist mit gesund; dünne, gesunde weiße Frauen, die wirklich gefährlich dünn sind. Und das hat sich durchgesetzt.  Im wesentlichen zeigt das die Ängste, die sich mit Körperlichkeit verbinden, und wir sehen die Unkultur des ‚fat-shaming’, die ihren Eingang in den Veganismus gefunden hat – oder auch nicht, eigentlich war das bereits ein Teil dieser Kultur seit den letzten 40 oder 50 Jahren, und im Veganismus fällt es wirklich auf, wird aber als gesund maskiert: ‚Es ist gesund dünn zu sein.’

Wir beginnen also darüber zu sprechen, wie moralische und immoralische Körper im veganen Mainstream repäsentiert sind, und das ist der Punkt, an dem Faktoren wie Rasse, Klassenzugehörigkeit und Gender beginnen eine Rolle zu spielen.

Ich spreche hier über PETA, weil sie eine maßgebliche Rolle spielen … um die vegane Politik zu verstehen … sie haben immerhin zwei Millionen Mitglieder. Was ich damit sagen will, ist, sie haben wirklich eine ganze Menge Einkünfte über Spendenleistungen, und sie haben ihre Kampagnen wirklich mit einer Menge an Bildern ausgestattet, die uns zeigen, was ein ethischer Körper ist.

PETAs moralischer Körper ist Pamela Anderson. PETA hat alle möglichen unterschiedlichen Frauen, aber sie ist wirklich die eine Person, die all die Leute mit dem moralischen Körper in Verbindung bringen: jung, schlank, weiß, höhere Mittelklasse, straight, von Männern zu ‚vernaschen’, sobald diese es zum Vegetarier oder Veganer schaffen. Etwa so: ‚Ich bin die Trophäe die ihr Gewinnen könnt, und ihr könnt mich haben, wenn … – sind nicht alle Männer straight, und wollen nicht alle Männer eine weiße blonde Frau? Das ist der Preis. Ihr könnt mich nur haben und vernaschen, wenn ihr vegan oder Vegetarier werdet.’ Das ist die Botschaft, die PETA auf uns wirft, mit all diesen Bildern der gleichen Art Frauen, die alle wie Pamela Anderson aussehen. Kürzlich haben sie noch einige latino und schwarze Frauen darunter gemischt, aber die immernoch alles umspannende Message ist, dass …. hellhäutige, nicht-behinderte, weiße Frauen – sie sind der Maßstab für einen gesunden ethischen Körper.

Und dann denke ich da an den Michael-Vick-Fall. PETAs unmoralischen Körper kann man sich als den Michael-Vick-Fall aus dem Jahr 2007 vorstellen. Wenn ihnen dieser Fall nichts sagt: Michael Vick ist ein Quarterback der National Football League, er war involviert in illegale Pitbull-Kämpfe und verlor all seine Verträge mit Nike infolgedessen. Die Leute waren sehr empört über ihn, als herauskam was vorgefallen war, und er verkörpert sozusagen den unmoralischen Körper: er entstammt der Arbeiterklasse, ist urban aufgewachsen, Afro-Amerikaner, männlich, verwendet Tiere für Hundekämpfe. Und viele Leute stellten tatsächlich diesen Bezug her: ‚Naja er ist im städtischen Umfeld aufgewachsen, in einer Rap- und Hip-Hop-Kultur, und Hip-Hop ist schlimm, und Körper die aus dieser Community kommen, sind schlecht und unethisch.’

Wir haben also diese beiden: auf der einen Seite ist da Pamela Anderson und dann haben wir da Michael Vick … Da ist Anderson und da ist Vick. Viele Leute hatten selbstgemachte gephotoshoppte Bilder angefertigt, die zum Ausdruck brachten, was sie über Vick dachten: Wie etwa: „Schaut, das ist was ich mit Hunden mache“, und sie sagen: „sadistisches Töten ist die Macht des Bösen“, und, ich habe mir überlegt, wie Rasse und Gender und die Dämonisierung schwarzer Männer, der Hip-Hop-Kultur und der urbanen Kultur, hier tatsächlich hineinspielten bei der Fokussierung auf Michael Vick. Und in dieser Konversation geht es nicht darum, ob das was er getan hat gut oder schlecht ist, es geht einfach um die Kommentare der Leute und die Reaktionen darauf.

Die bloße Tatsache, dass er so sadistisch ist, dass es so böse ist, was er getan hat, und wenn man dann an all die weißen männlichen Köche denkt, die Lobster lebendig zubereiten … werden wir jemals eine vergleichbare Empörung hierbei erleben, bei der mit dem Finger gezeigt und derart attackiert wird? Oder wenn wir uns die spezifischen Freizeitaktivitäten und Hobbys anschauen, die man eher mit der weißen Elite in Verbindung bringt, statt mit der städtischen Arbeiterklassenkultur und Hundekämpfen – einer der Dinge, die zeigen, dass schwarze Menschen nicht zivilisiert zu sein wissen: ‚Guckt, wie sie Pitbull-Kämpfe machen.’

Ich gebe ihnen diesen ganzen Kontext, weil ich nun zum nächsten Aspekt meiner Arbeit kommen will.

Während dieser Kontroverse rund um Michael Vick … – ich denke über den Veganismus und wer als moralischer / immoralischer Körper repräsentiert wird, wer in Frieden gelassen und niemals attackiert wird und wer immer angegriffen wird. Die Unterhaltung der Leute über die Hip-Hop-Kultur und die Gemeinschaft, der Vick entstammte, schien sich dahingehend zu kristallisieren: ‚Hip-Hop is unzivilisiert, ungesund, gewalttätig, und destruktiv.’ Aber wissen sie was: das ist ein Mythos! Dies ist ein Mythos und darüber werde ich in Teil 2 sprechen.

Living Bling, Going Green: Redefining Black Manhood Through Hip Hop Oriented Health and Veganism. [‚Ein reiches und grünes Leben: eine Redefinierung schwarzer Männlichkeit durch eine Hip-Hop-orientierte Gesundheitsauffassung und Veganismus.’]

Schwarze feministische Hinterfragungen haben sich schon immer mit Hip-Hop und der Hip-Hop-Kultur auseinandergesetzt. Autorinnen wie Tricia Rose, bell hooks und Patricia Hill Collins, um einige davon zu nennen, haben die schwarze feministische Theorie angewandt um kritisch auf die Problematiken im Mainstream-Hip-Hop hinzuweisen und auf die misogynistischen Portraitierungen häufig übersexualisierter schwarzer Männer, die Frauen als Sexobjekte behandeln, übermäßig Marihuana rauchen und sich teure Gegenstände kaufen, die die Macht des Kapitalismus in einer neoliberalen Ethik untermauern.

Für diese Präsentation möchte ich eigentlich eine andere Richtung einschlagen und ich will ihnen einen neuen Blickpunkt vorstellen, in dem ich den schwarzen Feminismus und kritische Rassenstudien anwende im Bezug auf Hip-Hop und den Veganismus. Mir ist bewusst, dass die schwarze feministische Theorie angewendet wurde, um zu klären wie Kolonialismus und Rassismus das Leben schwarzer Menschen beeinflusst haben, insbesondere schwarzer Frauen, und in welcher Weise sich dies auch negativ auf ihre Interaktionen mit schwarzen Männern und dem Leben schwarzer Männer ausgewirkt hat. Ich weiß auch, dass der Feminismus angewendet wurde um zu zeigen, wie schwarze Frauen aus eigener Kraft stark geworden sind, trotz des Rassismus, trotz Armut und Sexismus. Ich selbst möchte mein schwarz-feministisches Interesse am Veganismus dahingehend erweitern, einen Blick auf die schwarze vegane Hip-Hop-Bewegung zu werfen, und ich habe anfangs über der Titel dieses Vortrags geredet: Rasse und Verkörperung in Epistemologien, und wie die verkörperte Erfahrung dessen, in diesem Land ein schwarzer Mann zu sein, zu einer bestimmten Art des Verständnisses über Veganismus unter fünf bis sechs bekannten schwarzen veganen Hip-Hop-Künstlern geführt hat.

Mir erschien dies immer im Hinterkopf, wenn ich Leute hörte, die sagten: ‚Hip-Hop ist destruktiv, hat nichts zu bieten und schafft eine gewaltbereite Kultur’, denn ich weiß auch, dass die anfängliche Wurzeln, mit denen der Hip-Hop begann, etwas total anderes waren, und ich wollte sehen, wie diese jungen schwarzen Aktivisten oder Veganer und Hip-Hop-Aktivisten, diese Grundpfeiler verwenden.

Hip-Hop steht eigentlich für “Higher Inner Peace Helping Other People“ [“ein höherer innerer Frieden liegt im Helfen anderer Menschen”], und außer man hat sich dem Mainstream verschrieben oder man denkt oder forscht nicht mal kritisch über den Hip-Hop nach: es begann tatsächlich als ein Weg für Schwarze, in kreativer Weise zu verstehen, wie institutioneller, struktureller Rassismus, Armut ihr Leben anbetrifft, wie sie in diesen Zusammenhängen sozial aktiv sein können, wie sie Probleme ausdrücken können, unter Verwendugn dieser Kunstform. Und dies ist heute verloren gegangen. Hip-Hop wurde durch die Musikindustrie vereinnahmt, die damit Gewinne macht – selbstverständlich nicht nur mit Hip-Hop, sondern mit jeder dieser Kategorien der Musik. Das meiste davon ist oberflächlich, sexistisch, materialistisch, aber ich denke Hip-Hop kommt am schlechtesten Weg, weil der überwiegende Teil schwarzer Kultur einfach immer am schlechtesten wegkommt, als seien sie die einzige Kultur die pathologisch ist; keine andere ist es.

Ich möchte ihnen daher meine neue Arbeit vorstellen, bei der ich mich damit befasse, wie schwarze Männer Maskulinität redefinieren, insbesondere schwarze Männer aus der veganen Hip-Hop-Bewegung, und dabei will ich die folgenden Fragen stellen, vor dem Hintergrund der Arbeit zu Sistah Vegan … Wissen Sie, es gibt bereits so viele akademische Studien über PETA und die Probleme mit PETA, ich möchte mich davon gerne hinweg bewegen und mich nun wirklich lieber mit den Themen: Maskulinität, Veganismus und Rassenbewusstsein auseinandersetzen.

–         Wie gehen schwarze Männer der Hip-Hop-Generation damit um, in seiner Nation zu leben, in der struktureller Rassismus, Negrophobie und ein auf ein weißes Überlegenheitsdenken basierendes Moralsystem die fortbestehende Norm sind seit dem Kolonialismus?

–         In welcher Weise bietet die schwarze vegane Hip-Hop-Bewegung aus einer rassenbewussten, dekolonialen und gesundheitsaktivistischen Sichtweise, alternative Formen von Verzehr und Konsum und im Bezug auf die Fragen des Mannseins?

–         Wie verwenden prominente männliche Hip-Hop-Veganer den Hip-Hop um darüber aufzuklären, wie Nahrungsmittel und die allgemeine Gesundheit durch den körperschaftlichen Kapitalismus und ein Fleischzentriertes industrialisiertes Nahrungsmittelsystem negativ geformt und beeinflusst worden sind?

Der erste Künstler, den ich mir dabei anschauen will, ist DJ Cavem Moetavation, er kommt aus Denver und repräsentiert für mich wirklich eine alternative schwarze Männlichkeit. Ich möchte Ihnen mehr darüber sagen, was er zu bieten hat, nachdem wir uns dieses Videos angesehen haben. Wir werden darüber reden, ich bitte Sie also sich nun seiner Musik zuzuwenden.

Sein erster Song heißt ‚Wheat Grass’ [‚Weizengras’] und er schrieb ihn als er etwa 23 oder 24 Jahre alt war. Er stammt aus Denver, Colorado. Er ist vegan. Und ich finde was er zu bieten hat beeindruckend. Er ist ein ‚Green For All’-Lehrer/Aktivist und er und seine Frau haben gemeinsam drei Kinder, alle in einem Alter unter fünf Jahren. Was besonders beeindruckend an ihm ist, ist das er eine gelernte Hebamme ist. Ihre drei Kinder kamen allesamt zu Hause zu Welt, sie hatten also drei Hausgeburten. Er brachte seine eigenen Kinder zur Welt, er hat das gelernt. Ich weiß nicht wie viele von Ihnen schonmal einer männlichen Hebamme begegnet sind, ich hatte bislang noch keine getroffen.

Er bezieht sich auf den afrozentrischen holistischen Veganismus und in seiner Musik geht es hauptsächlich um Empowering, die Entwicklung eigener Stärke, und um die Dekolonialisierung des Körpers durch die Wahl der Nahrungsmittel und durch den eigenen Anbau von Nahrungsmitteln; im Vordergrund steht also der holistische Veganismus.

Dieser Song heißt also ‚Wheat Grass’ und ich möchte gerne, dass Sie schauen was in dem Video passiert. Es beginnt zuerst mit diesen drei schwarzen Freunden, die einfach chillen und eine gemeinsame Pause an einer Straßenecke machen, um sich miteinander zu unterhalten. Achten Sie darauf, worüber sie sprechen. Sie erwähnen das Racial Profiling [ethnisches Profiling] und wie die Polizei im Block herumfährt, als warteten sie direkt darauf, dass etwas passiert. Was bedeutet das, dass diese Freunde Eingangs über das ethische Profiling sprechen? Weshalb ist das etwas Wichtiges, wenn es darum geht, wie jemand seinen Zugang zum Veganismus findet? Wie findet genau dieser Mann hier seinen Zugang zum Veganismus und warum vermittelt er anderen seine diesbezügliche Botschaften? Lassen Sie uns gemeinsam das Video anschauen …

Video link auf Youtube: DJ Cavem Moetavation: Wheat Grass https://www.youtube.com/watch?v=OWBURAIMxoQ

In diesem Video geschieht also sehr viel, aber einige der Dinge, die ich hier hervorheben und über die ich hier sprechen will, sind zuallererst ihre Unterhaltung über die Polizei und das Racial Profiling.

Während der Unterhaltung beim Pausieren an der Ecke, überlegt die eine Person, in den Junk-Food-Laden hineinzugegen. Ich kenne Ietef sehr gut und sie haben dort wirklich ein großes Problem mit der Ausbreitung von dem, was man als Junk-Food-Läden bezeichnen kann, spezifisch in den vorwiegend schwarzen Nachbarschaften. Sie sehen, was in dem Video getrunken wird – er trank aus einer Edelstahlflasche, er trank Wasser, sein Freund ebenso.

Wir sehen auch Bilder von Ietef – also sein Name ist DJ Cavem Moetavation, das ist sein MC Name, aber er wird zumeist Ietef genannt – wir sehen ihn in einem Klassenzimmer, und dort sehen wir ihn sitzend in afrozentrischer Kleidung; er versucht ein eurozentrisches Schulsystem mit seiner Art des afrozentrischen Lebens zu beeinflussen und wirbt für ein Erziehungsmodell, das normalerweise in Amerika nicht akzeptiert wird – wir haben hier üblicherweise einen eurozentrischen Lehrplan, er ist darüber verdrossen, setzt dem etwas entgegen und sagt: „Macht doch nicht immer falsche Annahmen!“ Und die Lehrer und die Schüler blicken ihn an, staunend und wundern sich: ‚Was ist los?“

Ich fand das sehr wichtig, wenn unsere Eltern sich bemühen Einfluss auszuüben … ich fand diese afrozentrische Metaphorik im Liedtext sehr überzeugend und wie hier redefiniert wird, was es bedeutet gesund zu sein und Teil einer schwarzen Gemeinschaft zu sein. Ich wollte auch … wissen sie, sie können die Webseite von DJ Cavem auch besuchen. Ich schicke ihnen diese Links gerne zu, wenn sie mich anmailen unter: Breeze Harper at Gmail. Ich kann ihnen die Links zu all den genannten Videos zuschicken.

Das nächste Video ist ‚G’z Up, Hoes Down’ und ich fand dies auch ziemlich cool. Ich weiß nicht ob sie Snoop Dog kennen, Snoop Dog schrieb vor etwa 10 oder 14 Jahren oder noch länger, diesen Song ‚G’z Up, Hoes Down’, und ja, ‚G’z’ bedeutet ‚Gangsters’, also ‚Gangster hoch’ und ‚Hoes’, [eine sexistisch konnotierte Bezeichnung für] ‚Frauen’, ‚Hoes runter’. Ietef machte nun also einen Song mit dem gleichen Titel, außer, dass bei ihm die ‚G’z’ die ‚Organic Growers’, die Bio-Gemüsebauern sind, und ‚Hoes’, [das Wort ‚hoe’ bezeichnet im Englischen auch die Gartenhacke] ‚hoe’, ‚hoeing’, hacken … sie verstehen das also? So ist ein „echter Mann“ eine ‚G’ und er ist also ein ‚Organic Grower’. Und ein echter Mann, er kultiviert seine Gemeinschaft, indem er wortwörtlich mit einer Gartenhacke den Boden kultiviert. Ich fand diesen Song wirklich beeindruckend. Und achten sie auf den Text und wie hier Männlichkeit redefiniert wird durch das Starkmachen der Gemeinschaft, indem du sie lehrst, wie sie ihre Nahrung selbser anbauen können und wie man sich nahrhaft und gesund ernährt.

Die meisten Leute dieser Generation oder Kultur kennen den Song von Snoop Dog, und ihn zu verwenden und den Sinn derart zu verändern … das finde ich beeindruckend. Ich möchte den Songs also mit ihnen teilen – diesmal haben wir dabei kein Video, nur den Song …

Video link auf Youtube: DJ Cavem Moetavation: G’s Up, Hoes Down https://www.youtube.com/watch?v=d4L-tC4g27w

Das war jetzt nicht der ganze Song, aber ich wollte ihnen den Song einfach kurz vorstellen. Ich finde die Idee sehr gelungen, den Gebrauch der Sprache des Hip-Hop, eines Titels, der den meisten Leuten, die Hip-Hop lieben, vertraut ist (die Originalversion von ‚G’z Up, Hoes Down’ also). Ich finde es gut, wie er die jungen Leute anspricht, die Logik mit der er eine Beziehung zu der braunen und schwarzen Jugend in der Denver-Gegend aufbaut. Ich denke seine Arbeit ist sehr ausdrucksstark.

Die erste Musik mit der mein Sohn aufgewachsen ist, war die von Ietef, und er zeigt mir, dass er diese Texte beinahe auswendig kann. Mein Sohn weiß auch beispielsweise, dass Ietef Jugendliche darüber aufklärt, wo ihr essen eigentlich herkommt, indem er ihnen gleichzeitig zeigt, wie man selbst Gemüseanbau betreibt. Als mein Sohn noch ziemlich klein war, so etwa zwei Jahre alt, sagte er was über Menschen die Verbrechen begehen, und meinte dann weiter: „Vielleicht kann Ietef ihnen ja helfen, vielleicht kann er ihnen zeigen, wie man sich sein Essen selber anbaut.“ Und das sagt ein Zweijähriger zu mir, er stellte diese Verbindungen her, dass Menschen vielleicht weniger schlimme Dinge tun würden, wenn sie stattdessen lernten ihre Gemeinschaften mitzukultivieren und in ihren Gemeinschaften Nahrungsmittel selber anzubauen würden. Mein zweieinhalbjähriger Sohn sagt dies zu mir und er hört diese Musik. Das hat mich vom Hocker gehauen. Als ich Ietef entdeckte war ich zutiefst berührt, denn … Mein Sohn hat diese Musik also gehört, er ist inzwischen fünf und er zitiert diese Liedtexte, er denkt kritisch über diese Dinge nach, in einer Art und Weise, die ich ihm vielleicht selbst nicht geschafft hätte in der Weise zu vermitteln. Und es ist eine alternative Form der Männlichkeit der mein Sohn darin begegnet. Er weiß also, dass Ietef Veganer ist, er weiß, dass Ietef bei der Geburt seiner Töchter half, und das ist ein Modell für Maskulinität, das, so denke ich, sehr kraftvoll ist. Wir sehen zu wenig davon in der veganen Gemeinschaft oder in der Hip-Hop-Gemeinschaft, insgesamt … im Mainstream.

Die Botschaft Ietefs richtet sich allgemein gegen den körperschaftlichen Kapitalismus. Er spricht darüber, wie immer mehr Fast-Food-Ketten in die Gegend kommen. Als ich vor zwei Jahren Denver besuchte, meinte Ietef zu mir: ‚Genau hierhin wollen sie einen Burger King bauen, und genau hier versuchen wir unseren Gemeinschaftsgarten zu bestellen … und an der anderen Stelle in der Stadt wollen sie eine neue große Gefängnisanlage errichten’ usw. Das ist also seine Welt, und das ist wie sein Veganismus existiert, und er bemüht sich darum, gegen all die Stereotypen zu kämpfen. Er setzt sich ein für seine Community … und es ist schwer. Er ist klug, er weiß die Sprache des Hip-Hop einzusetzen, und er weiß wie man sich dem Veganismus annähern kann in einer anderen Weise als PETA das zum Beispiel tun, denn das wäre wahrscheinlich für die meisten Leute in seiner Gemeinschaft eher entmutigend.

Er ist also gegen den körperschaftlichen Kapitalismus und sein Veganismus ist sehr afrozentrisch. Er spricht über Themen wie das ethnische Profiling, das industrialisierte Gefängnissystem Amerikas, als Themen, die die Umweltgesundheit seiner Gemeinschaft betreffen, als integriert in seine vegane Praxis. Es sind keine abgesonderten Themen.

Ich habe Leute manchmal sagen gehört … meistens jemanden, der sich als weißer Veganer aus der Mittelklasse identifizierte: ‚Ich kämpfe für Tiere, die in Gefängnissen sind, in Käfigen. Mir ist das mit den industriell betriebenen Gefängnissen für Menschen eher egal, weil, weißt du, es ist deine eigene Schuld wenn du dort landest, es ist deine eigene Schuld! Wenn du inhaftiert wirst, dann ist das deine eigene Schuld. Tu einfach nichts Falsches, dann wirst du auch nicht festgenommen. Ich aber kämpfe für die Tiere, die in Käfigen sind.’ Und ich dachte: ‚Wow, ist dir überhaupt bewusst, was Racial Profiling bedeutet?’ Alleine diesen Kommentar zu machen … dies war deren Einstellung zum Verständnis unseres Kriminal-Justizsystems. Und diese Einstellung unterscheidet sich stark von der DJ Cavems / Ietefs.

Wie ich bereits gesagt habe, ist Cavem auch eine gelernte Hebamme. Ich bin sehr beeindruckt darüber, dass er das gelernt hat … Sie sind Veganer, sie unterrichten ihre Kinder zuhause und er erlernte den Hebammenberuf, um seine eigenen Kinder zur Welt zu bringen. Ich finde das erstaunlich.

Nun zu Stic.man von dead prez. Ich wollte mir gerne gemeinsam mit ihnen dieses Video ansehen und den Text dazu besprechen. Auf seinem T-Shirt steht hier: ‚Healthy is the New Gangster’, das finde ich klasse. Stic-man ist Mitglied der Band dead prez. Etwa im Jahr 2005 oder 2006 hatten sie einen Song mit dem Titel: ‚Be Healthy’, in dem sie über die Möglichkeiten für ein gesundes Leben sprechen und wie man sich richtig ernähren sollte. Später brachte er ein Album mit dem Titel: ‚The Workout’ heraus, und ein Song auf diesem Album heißt ‚Back on my Regimen’, und in diesem Video … das ich toll finde … schauen sie sich das Video zuerst an und danach spreche ich darüber, was hier geschieht. Wir werden uns nicht das Ganze anhören, um etwas Zeit zu sparen, vielleicht die Hälfte …

Video Link auf Youtube: Stic.man: Back on my Reginem http://www.youtube.com/watch?v=sa1yJWBLsxw

… Oh nein, die Verbindung konnte nicht hergestellt werden, das könnte ein Problem sein […] ok, ich werde dann einfach erklären was in dem Video zu sehen ist.

Sie sehen in dem Video fünf oder sechs afroamerikanische Männer in einem Gym beim Krafttraining. Im Text sagt er: ‚I’m back on my weight gain, back on my vitamins, back on my discipline’ [‘Ich bin wieder dabei Gewicht zuzunehmen, nehme meine Vitamine, bin dabei diszipliniert zu trainieren’], und was hier geschieht ist ganz anders als die Trainingsräume, die du normalerweise im Zusammenhang mit dem Veganismus siehst, wie etwa Yoga in sauberen Räumen, wo alles sehr rein und pur wirkt. Er wirbt für das Training, und dafür, sich körperlich fit zu machen, in so etwas, was wie ein Arbeiterklasse-Trainingszentrum aussieht, und wie du deinen neuen Körper aufbauen sollst. Er spricht über die vegane und die holistisch vegane Ernährung, und man sieht, dass all diese Männer, die dort trainieren, Gewichte handhaben. Und ich denken mir, wow, was für eine interessante Darstellung von Maskulinität, und nicht darüber zu sprechen, wieviel Fleisch einer essen muss um Muskeln aufzubauen, sondern darüber, wieviel pflanzliches Protein du isst, um solche Muskeln zu bekommen. Das ist monumental in einer Kultur, in der Maskulinität und Fleischverzehr Synonyme sind, besonders die Stereotypen, das schwarze Männer Hühnchen lieben, Hühnchen in Soulfood-Gerichten, und dass echte schwarze Männer außerdem niemals Gemüse essen, und dass man mit einer pflanzlich-basierenden Ernährung auch niemals muskulös werden könnte … das ist was ich in diesem Video sehe.

Aber er macht den Veganismus und Fitness auch ein wenig leichter zugänglich, denn sein neues Ziel ist es, darüber zu sprechen, wie du das, was du brauchst bekommst, wenn du in der „Hood“ [die urbane Nachbarschaft, in der vorwiegend schwarze Menschen leben] lebst, und wie du deinen Körper fit halten kannst in der „Hood“.

So gründet auch seine vegane Praxis auf dem Hintergrund dessen, ein schwarzer Mann in Amerika zu sein, der in den Gemeinschaften aufgewachsen ist, in denen Menschen keinen Zugang zu gesunden und nahrhaften Nahrungsmitteln haben, aufgrund ihrer Klassenzugehörigkeit und aufgrund rassischer Problematiken. Und Teil seines Ziels ist es, diese vegane Lebensweise zugänglicher zu machen; etwas, was wir im veganen Mainstream nicht wirklich finden können. Ich hoffe also, sie können eines Tages auf dieses Video zugreifen.

Aber sie sehen auch noch jemanden anderen in dem Video. Und sein Name ist Supanova Slom. Wie viele von ihen kennen Queen Afua? Also Queen Afua – kurz, ich habe in meiner Dissertationsarbeit über sie geschrieben, und sie ist der Grund, warum ich vegan wurde: Queen Afua verfolgt einen afrozetrischen Ansatz, sie spricht über die Heilung der Reproduktivgesundheit durch pflanzlich-basierende Ernährungsweisen, die in Verbindung stehen zum kemetischen Ägypten – eine sehr lange Geschichte. Sie können ihr Buch lesen, das heißt: Queen Afua: ‚Sacred Women’. Und ihr Sohn ist Supanova Slom und er macht Hip-Hop-Wellness.

Er wird auch der Hip-Hip-Medizinmann genannt, Erykah Badu und Russell Simmons haben seine Arbeiten verwendet und er hat ein Buch geschrieben. Und, er ist in diesem Video. Man sieht wie muskulös er ist, er spielt mit seinen Muskeln. Er ist vegan und man sieht, er ist wirklich muskulös.

( … Ich überspringe dieses Video, denn es scheint wirklich nicht zu funktionieren, aber wir sehen uns jetzt noch Supanova Sloms Arbeit an. Es tut mir leid, ich bin ein Mac-User, das hat hier jetzt einfach nicht funktioniert … )

Hier ist also Supanova Slom, er ist in diesem Video und hoffentlich funktioniert dieses Video nun. Was interessant an ihm ist, ist dass seine Mutter Queen Afua ist, die seit etwa 30 oder 40 Jahren in ihrem Feld tätig ist, bei der es um schwarze Frauen geht, die Dekolonialisierung ihrer Körper durch eine pflanzlich-basierende Ernährung, und nicht allein das, sondern auch durch einen Verzicht auf gebleichtes Mehl, raffinierten Zucker und Speisesalz in der Ernährung.

Queen Afua hat auch darauf hingewiesen, dass Zucker so schlimm wie die Droge Crack ist, und das ist schon mutig so etwas zu sagen, wenn man sich die Geschichte der schwarzen Communities und der Droge Crack anschaut, die Ängste die damit verbunden sind, dass schwarze Frauen Crack-Babies zu Welt bringen könnten, und wie das zu einem Problem für die Gesellschaft werden könnte. Da steckt also viel dahinter, wenn Queen Afua den raffinierten Zucker mit Crack vergleicht, und sagt, dass sich nur ein Molekül bei beiden unterscheidet, man könne gleich Crack nehmen, was doch die schwarze Community zerstöre. Das sind also Botschaften mit denen Supanova Slom durch seine Mutter aufgewachsen ist, und er entschied sich einen Song und ein Video zu genau diesem Thema zu machen. Und der Song heißt ‚Sugar Crack’.

Video link auf Youtube: Supanova Slom: Sugar Crack https://www.youtube.com/watch?v=ZTufe6sm1hk

… und hoffentlich funktioniert das jetzt. Es tut mir leid wenn nicht. Nun ja, um Zeit zu sparen, werde ich den Inhalt kurz erklären.

In dem Video sieht man viele Bilder aus unserer sehr Zucker-zentrierten Kultur in Amerika. Man sieht Leute die ‚Fruit Loops’ und ‚Pop Tarts’ essen, Leute die ganz verrückt sind auf Zucker, und er sagt: ‚Sugar crack, sugar crack …’ – ich bin ein miserabler Rapper, er sagt also ‚sugar crack, sugar crack’ und beschreibt, wie der Zucker einen quasi verrückt macht.

Ich möchte das als einen Eingangspunkt dazu verwenden, um zu verstehen, wie ein reiner Körper in dieser Art neuer schwarzen veganen Hip-Hop-Rhetorik konstruiert werden soll, wobei nicht nur gesagt wird, dass man keine Tiere oder tierischen Produkte essen soll, sondern, man soll auch beispielsweise keinen weißen Zucker essen … und die Verbindungen, die Zucker in einer …

[…] Ok, gut. Ich beende das Video hier, weil darin geschieht wirklich eine ganze Menge. Es ist recht intensiv und ziemlich lang.

Die Botschaft, die er vermittelt ist … er spricht darüber, dass die Medien ihr Augenmerk so sehr auf die Gewalt Schwarzer gegen Schwarze richten, darauf, dass sie sich gegenseitig umbrächten. Er sagt aber: ‚Der echte Feind ist weißer Zucker, der raffinierte Zucker – er tötet unsere Gemeinschaft’, und er machte diesen Kommentar, bei dem er sagte: ‚Der echte Terror, der einen Homie tötet [ist der weiße Zucker] – du kannst kein Homie sein, der ganz dabei ist, wenn du an Diabetes stirbst.’ Er spricht darüber und über diesen Fokus, der sich, im Gegenteil, nicht so sehr darauf konzentierst, wie viel Limos und Zuckerprodukte tatsächlich die schwarze Community umbringt, sondern wie die Medien derart darauf fokussiert sind, wenn Schwarze kriminelle Handlungen an anderen Schwarzen begehen, dass bei Schwarzen eine höhere Gefahr bestehe, dass sie durch eigene Waffengewalt in der eigenen Community sterben … und nun ja, tatsächlich ist die Gefahr aber weitaus höher, dass schwarze Menschen an einer ernährungsbedingten Erkrankung sterben. Doch warum richtet sich keine Aufmerksamkeit darauf?

Das ist was er beispielsweise mit seiner Musik ausdrückt, wobei darunter auch Inhalte sind, mit denen ich nicht übereinstimme; ich stimme nicht mit allem was andere machen überein, mit vielem sogar nicht, aber sein Fokus auf den Zucker ist auch deswegen wichtig, weil schwarze Menschen, in der Zeit, als sie unter der Sklaverei leben mussten, auch dazu eingesetzt wurden, um Zucker zu ernten. Heute ist es nun das ganze Amerika, dass dem Zucker versklavt ist, das abhängig vom Zucker ist. Aber es bedeutet noch mehr wenn schwarze Menschen heute süchtig nach dem sind, das zu ernten sie einst versklavt wurden. Sein Verständnis über die Dekolonialisierung des schwarzen Körpers indem ihm der Zucker entzogen wird, ist also innerhalb dieses geschichtlichen Hintergrunds zu betrachten, und es gewissermaßen kontrovers den Zucker mit Crack gleichzusetzen. Er thematisiert, dass ein ‚echter’ Mann kein Junk Food essen sollte, und er spricht auch darüber, das ‚echte’ Männer keine Drogen nehmen, trainieren, sich stark und fit halten.

… Was ich in dieser Rhetorik nicht wirklich höre ist: Wie ist das mit den Nahrungsmittelzugängen? Viele Leute, die in der Sachen engagiert sind … ich denke viele von ihnen haben wahrscheinlich wirklich genug Geld um Zugang zu diesen Nahrungsmitteln zu haben, ich höre also nicht viel darüber, was mit den Leuten der unteren Schichten ist, die sich solche Lebensmittel gar nicht leisten können. Ich sehe bei ihm also, und auch bei anderen die im den Feld aktiv sind, nicht immer viel Klassenbewusstsein, was Nahrungsmittel und die Zugänge dazu anbetrifft. Ietef befasst sich damit, und Stic.man konzentriert sich inzwischen auch mehr darauf, aber ich höre und sehe davon noch nicht so viel in Supanovas Arbeit.

Doch insgesamt ist die Botschaft, die diese Männer vermitteln, die, dass die Begrünung der Ernährung ein dekolonialisierendes Projekt ist. Es ist interessant, dass sie dem Grün diese Bedeutung zugeordnet haben, wenn man an Spirulina oder Weizengras denkt … Der Mainstream-Veganismus wirbt für die sog. ‚Supergreens’, die Supergemüse, so wie Grünkohl, Weizengras und die Alge Spirulina, als ein postrassisches und bewusstes Essen; man denkt dabei nicht, dass jemand Weizengras essen könnte um seinen Körper zu dekolonalisieren. Hier aber werden diese Nahrungsmittelobjekte aufgegriffen und ihnen werden kritische rassenbewusste Bedeutungen zugeordnet, so ist natürlicherweise Spirulina weder postrassisch noch rassisch, es ist einfach Spirulina, aber die Bedeutung, die diesen Nahrungsmittelobjekten zugeordnet wird, kann uns wirklich viel über die rassischen Machtdynamiken in diesen Gemeinschaften zeigen.

So sind also für Stic.man und DJ Cavem und Supanova Slom die sog. Supergreens verbunden mit der Dekolonialisierung des schwarzen Körpers, der schwarzen Gemeinschaft und Kultur, zur Beseitigung der schädigenden Effekte systemischen Weißseins, des Kolonialismus und des Kapitalismus. Und dann steht auch ‚Sugar Crack’ versus ‚Green’, was soviel aussagt wie: „der gereinigte schwarze Körper schafft eine gereinigten schwarzen Geist, schafft eine gereinigte schwarze Gemeinschaft“ und ich setzte das in Anführungszeichen, weil solche Reinheits-Rhetoriken nicht in einem luftleeren Raum herumstehen, sondern durch all diese Ängste, die sich um den Körper herumwinden, informiert sind, ungeachtet dessen wie du dich rassisch identifizierst – diese Ängte um einen reinen, puren Körper haben in Amerika immer existiert, und man trifft selbst in der afrozentrischen veganen Rhetotik darauf.

Dies sind Dinge über die man nachdenken sollte, noch keine Schlussfolgerung … . Ein zugrundeliegendes Thema ist, dass schwarze Männer, die gesund sind, straight / heterosexuell sind. Wenn ich vielem, das in der schwarzen vegane Hip-Hop Bewegung geschieht, zuhöre, höre ich nicht viel darüber, was es heißt ein Mann zu sein der nicht heteronormativ ist. Darüber möchte ich gerne mehr hören. Und dann, Teil der holistisch-gesundheitlichen afrozentrischen Gemeinschaft – wobei ich nicht sagen will, dass diese Männer das sagen, aber die dort anzutreffende allgemeine Grundhaltung hinsichtlich Sexualität und Gender ist, dass Leute die Queer-identifiziert sind, deshalb Queer sind, weil sie die Ernährung Weißer für sich angenommen haben, d.h. die kolonialistische Ernährung für sich angenommen haben, und dass, wenn man die richtige, holistische vegane Ernährung zu sich nimmt, man keinen sexuellen ‚Konfusionen’ unterlegen sein wird, dass man wird dann straight sein wird. Darüber möchte ich also auch mehr wissen, ich möchte verstehen, wie das in die Arbeiten dieser Männer hineinwirkt und ob sie in irgendeiner Weise das homophobe und transphobe Verständnis über eine vegane Ernährung teilen … Was das also heißt, sich vegan zu ernähren – bedeutet das hier, dass du diese Ideen vertrittst, weil du glaubst, dass es im afrozentrischen oder kemetischen Ägypten wirklich keine Menschen gab, die nicht heteronotmativ / straight waren? Oder anders: wenn du versuchst deinen Geist zu dekolonialisieren, wie betroffen bist du dann immernoch durch diese Grundpfeiler des Kolonialismus; dass du zwar rassenbewusst bist, aber immernoch diese Ängste hast, im Bezug auf Menschen die homosexuell sind, die transgender sind, und dass dies Teil deiner dekolonialen Rhetorik wird … das heißt, dass du während du versuchst antirassistisch zu sein, du zur gleichen Zeit tatsächlich transphob seien könntest oder unsichtbare sexuelle Minderheiten schaffen würdest.

Was besonders bei diesem Kanon fehlt: ‚Echte schwarze Männer essen vegan, weil es gesund ist und den Körper vom kolonialistischen Erbe bereinigt’ ist, ich höre nicht viel Tierrechts- oder Tierbefreiungsrhetorik. Ich frage mich ob da noch einiges sichtbarer wird, wenn ich mit diesen Leuten die Interviews für mein Buch machen werde. So sagen sie zum Beispiel, dass man keine Tiere wie z.B. Schweine essen sollte, weil sie unrein oder schmutzig wären, und nicht, weil es grausam gegenüber den Tieren ist, die hier aufgezogen und geschlachtet werden. So ist alles was Tiere anbetrifft eine Frage der Unreinheit, was wiederum diese Art kolonialer Konnotation trägt, im Bezug auf Tiere – wie innerhalb der europäischen kolonialen Beziehung, sind die Tiere oder Tiere hier generell schmutzig oder sie verdienen es nicht wirklich als fühlende Lebewesen betrachtet zu werden, denen ihre Rechte zustehen. Ich will also herausfinden, ob bei diese Männer aus der veganen Hip-Hop-Bewegung, mit denen ich mich hier befasse, ob sie sich mit der ‚Animal Compassion’-Komponente auseinandersetzen, mit dem Mitgefühl für Tiere. Denn ich weiß, dass die unterschwellige Rhetorik des afrozentrischen Veganismus die ist: ‚Man isst Schweine nicht, weil sie schmutzig sind’ – nicht weil Schweine leiden.

Und dann der abelistische Diskurs: die Ängste, dass schwarze Körper weiter geschädigt werden, wenn sie sich nicht in einer bestimmten Weise ernähren, und ob ein geschädigter schwarzer Körper jemals selbstbewusst, frei oder gereinigt sein kann. Ich denke also über diese Ängste nach im Bezug auf Menschen die Behindert oder körperlich eingeschränkt sind, was auch Teil des ‚kolonialistischen Projekts’ gewesen ist, bei dem jemand nur ein produktives Mitglied der Gesellschaft ist, wenn er/sie „able-bodied“ [nicht-behindert, nicht körperlich eingeschränkt] ist. Die Auffassung, wer als „able-bodied“ gilt, hat sich natürlich über die Zeit hinweg geändert. Das möchte ich also auch besser verstehen, in diesem Diskurs der Schaffung alternativer schwarzer Männlichkeiten durch den holistischen Veganismus, ob der Ableismus in bestimmten Momenten wieder Fuß fasst.

Der ganze Fat-Shaming-Diskurs ist allgemein auch ein Problem. Es scheint, dass Leute immernoch diejenigen die Übergewichtig sind, gleichsetzen mit Ungesundsein. Man sieht das nicht so häufig innerhalb des afrozentrischen Veganismus, aber das Problem ist nicht gänzlich ausgeschaltet.

Und dann ist noch der Punkt: Sperma ist nur gesund, wenn du grün und vegan lebst, was dann auch für gesündere schwarze Babys sorgt, so etwa: ‚Wenn du mit deiner Frau Kinder haben willst, dann ernähre dich richtig, damit eure Babys gesund sind’, und was das also bedeutet, wenn nicht jeder bei dieser gesunden Ernährung mitmachen kann, wer gehört dann zu dieser neue zukünftigen gesunden schwarzen Nation und wer nicht?

Das sind also die Fragen die mich beschäftigt haben, die mich auch im Zusammenhang mit meiner Arbeit für das Sitah Vegan Projekt und PETA beschäftigen – keiner schaut sich diese spezifische Bewegung einmal genauer an, und was dieser Herren da leisten. Ich halte ihre Arbeit insgesamt für hochinteressant – oft, wenn ich mir Arbeiten anderer, die sich mit Nahrungsmitteln, Gender und Rasse beschäftigen, anschaue, stelle ich fest, dass sich niemand mit Männlichkeit oder schwarzer Männlichkeit befasst, oder wenn sich mit Männlichkeit befasst wird, dann nur im Kontext mit Fleischverzehr und weißer Maskulinität … nicht etwa, was ist das, was z.B. Stic.man da mit seiner Arbeit tut, was macht Ietef, was Supanova Slom – die allesamt rassenbewusste Herangehensweisen verfolgen.

Das ist was ich meine mit: Rasse, vegane Politik und Verkörperung. Diese Herren haben diese verkörperten Erfahrungen dessen, schwarze Männer zu sein. Und genau damit kamen sie zu ihrer veganen Praxis, das hat ihr Verständnis dessen, was ethischer Konsum/Verzehr bedeutet, geprägt. Für die meisten Leute, die wissen was ethischer Konsum/Verzehr im Kontext mit PETA und Veganismus ist, bedeutet ethisch: ‚du tust es nicht, weil es Tieren schadet’. Für diese Community war es die institutionalisierte Sklaverei und die Jim Crow Gesetze, die für sie das Unethische definiert haben. Diese Art des Konsums/Verzehrs stellt eine Art des Versuchs der Heilung der Verletzungen dar, die unseren Gemeinschaften zugefügt worden sind – findet also im Bezug auf diese unethischen Handlungen statt. So stellt dies nun also eine Form des ethischen Konsums/Verzehrs für unsere schwarzen Gemeinschaften dar, und das ist wie hier der Begriff des ethischen Konsums insgesamt gebraucht wird und wie das Verständnis darüber geprägt ist. […]

–        DJ Cavem Moetavation http://djcavem.com/

–        Stic.man https://www.facebook.com/STICRBG

–        Supanova Slom https://www.facebook.com/supanovaslom

Alle Links: 20.5.2014

 

Anastasia Yarbrough: Weißes Überlegenheitsdenken und das Patriarchat schaden Tieren

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Weißes Überlegenheitsdenken und das Patriarchat schaden Tieren

Anastasia Yarbrough, http://animalvisions.wordpress.com/http://inneractivism.com/

Dieser Text als PDF (Link öffnet sich in einem neuen Fenster)

Eine Präsentation von Anastasia Yarbrough anlässlich der ersten Sistah Vegan Konferenz, die am 14. September als Webkonferenz, organisiert von Dr. Amie Breeze Harper, stattfand. Siehe dazu: http://simorgh.de/niceswine/tag/sistah-vegan. Übersetzung: Palang LY, mit der freundlichen Genehmigung von A. Yarbrough.

In dieser Präsentation geht es um die Narrative, die wir über die Unterdrückung von Tieren weitervermitteln. Als Tierrechtaktivist_Innen steht uns die Möglichkeit zu, in unseren Schilderungen tiefer zu gehen und uns nicht allein auf die Tokenisierung der Kämpfe farbiger Menschen und Frauen zu verlassen. Auch müssen wir keine Tokenisierung von Tieren als romantischen Symbolen, die der menschlichen Identität dienlich sein sollen, betreiben. Stattdessen können wir über den tatsächlichen Kampf reden, den Tiere durchfechten müssen, und wir können über ihre Leben sprechen, so gut wir das eben nur können. Wir können ans Licht befördern genau wie sie mit den Bemühungen um Freiheit usw. anderer, menschlicher Gruppen in Verbindung stehen, und zwar indem wir die Geschichten derjenigen Kräfte (und der Identitätsgruppen, die hinter diesen Kräften stecken) schildern, die das Ganze letztendlich miteinander verbinden.

I. Wer ich bin?

Mein Name ist Anastasia Yargrough. Ich arbeite als facilitator consultant, community educator und bin nebenbei auch Musikerin. Ich arbeite nunmehr seit 15 Jahren im tierschützerischen Bereich, und zuletzt, seit etwa 5 Jahren, bin ich im als Sprecherin und organisatorisch in der Tierbefreiungsbewegung aktiv. Ich war im Vorstand des Institute for Critical Animal Studies und bin gegenwärtig im Beirat des Food Empowerment Projects.

Bedanken möchte ich mich ganz besonders bei A. Breeze Harper, die diese Online-Konferenz ermöglicht hat. Bei Adam Weitzenfeld und pattrice jones dafür, dass sie wunderbare inspirierende Gelehrte/Aktivist_Innen sind, die sich auch als gute Zuhörer erwiesen haben wenn es um die Themen ging, mit denen ich mich zurzeit auseinandersetze. Und mein Dank gilt auch all den Aktivist_Innen dort draußen, die sich für eine totale Befreiung einsetzen, selbst unter den enorm schwierigen herrschenden Bedingungen.

II. Warum ich spezifisch über weißes Überlegenheitsdenken und das Patriarchat spreche?

► Diese alles durchdringenden und miteinander verwobenen Kräfte stellen in der Tierrechtsbewegung eine tragende Säule dar. Die TR-Bewegung ist auf die eurozentrischen Länder konzentriert und innerhalb dieser Länder ist die Mehrheit ihrer Mitglieder weiß und die Mehrzahl ihrer Führungspersönlichkeiten besteht aus weißen Männern. Folge dessen ist eine Tendenz zum Eurozentrismus, was die ideologische Grundlage für Fragen der Mensch-Tier-Beziehung anbetrifft. Auch ist es nicht selten, tierschützerischen und veganen Kampagnen zu begegnen, die ein europäisches Ideal vermitteln (beispielsweise die Kampagne gegen das Hunde-Essen in China). Der Eurozentrismus macht es Menschen, die nicht weiß sind, schwer zu meinen sie hätten einen Platz innerhalb der Bewegung, insbesondere auch dann wenn deren Tierethik nicht unbedingt dem vorherrschenden „Mainstream“ der Bewegung entspricht. Der Einfluss des Patriarchats wiederum wird besonders dann sichtbar, wenn wir betrachten, dass die Mehrheit der Bewegung zwar aus weiblichen Aktivistinnen besteht, dennoch aber 50% der Führungskräfte in den großen aktiven Tierschutz-Nonprofits allesamt männlichen Geschlechts sind. Wenn es bei den großen Veranstaltungen und Tagungen der Bewegung, wie beispielsweise bei der National Conference in Washington DC, nicht möglich ist diese Themen ernsthaft anzusprechen, und solche Themen sogar als trivial und als nicht wesentlich zur Stärkung der Bewegung abgetan werden, dann haben wir ernsthaft ein Problem.

► Die große Mehrheit von Tierrechtsorganisationen und ihrer Sprecher_Innen vergleichen die moderne Tierrechtsbewegung und zitieren Beispiele aus der antirassistischen und der antisexistischen Bewegung in den USA, ohne wirklich zu verstehen wie Rassismus und Sexismus in Amerika eigentlich funktionieren. Sie nehmen einfach an, dass sie es wüssten, weil sie sich als Aktivist_Innen für eine gleichermaßen unterdrückte Gruppe (die diverse Vielzahl von Lebewesen, die wir gemeinhin subsumierend als „Tiere“ bezeichnen) einsetzen.

◌ Bei der Nationalen Tierrechtskonferenz von 2013 in Washington DC, sagte Norm Phelps [ein bekannter Tierrechtsautor in den USA] in der eröffnenden Plenarversammlung zu den Teilnehmer_Innen, dass die Tierrechtsaktivist_Innen heute die Frederick Douglasse und Harriet Tubmans unserer Zeit sind. Nathan Runkle [der Sprecher der Organisation Mercy for Animals] sagte bei derselben Versammlung, dass die Tierrechtsbewegung der nächste evolutionäre Schritt sei im Vorwärtskommen sozialer Gerechtigkeitsbewegungen; die Tierrechte seien die neue große soziale Gerechtigkeitsbewegung.

► Dieses sich vollständig auf die Lektionen der Kämpfe aus der antirassistischen und den antisexistischen Menschenrechtsbewegungen der Vergangenheit verlassen, ist an sich in keinerlei Hinsicht ein Problem. Beide Bewegungen sind Teile unseres Erbes und wir kommen nicht umhin im Schatten ihrer Geschichte weiterzumachen. Nicht zuletzt sind die hervorragenden Persönlichkeiten dieser Bewegungen unsere Vorfahren und einflussreiche Pioniere für die Bemühungen weltweit um soziale Gerechtigkeit und in Umweltschutzbelangen gewesen. Doch wenn Führungspersönlichkeiten innerhalb der Tierrechtsbewegung bequeme Analysen betreiben, um sie als einen Hebel einzusetzen zur fortgeschrittenen Legitimierung der Tierrechtsbewegung, dann dient das unserer Bewegung nicht, und der entscheidende Punkt wird hier einfach verpasst. Es gibt einen Grund weshalb die Kämpfe der Farbigen, der Frauen und der Tiere sich ähnlich genug sehen, dass der Vergleich zulässig ist. Und diese Gemeinsamkeit liegt in der Verbindung, die gegeben ist durch die systemischen Kräfte, die ihrer aller Unterdrückung nährt und am Fortbestehen erhält. Ein weiterer Redner könnte einmal eine Analyse von jeglichem Winkel innerhalb dieser Matrix betreiben. Heute fokussiere ich auf die Punkte weißen Überlegenheitsdenkens und Patriarchat.

III. Wie weißes Überlegenheitsdenken und das Patriarchat Tiere in direkter Weise betreffen.

► Die gleichen Kräften, unterschiedliche Gruppen.

◌ Das weiße Überlegenheitsdenken und das Patriarchat (die ich von hier ab als „weißes Patriarchat“ bezeichnen werde) wurden von Theoretikern aus den Bereichen kritischer Rassenstudien und respektive des Feminismus in den USA seit mehreren Jahrzehnten untersucht. Farbige Menschen mussten sich mit dem Weißsein und Frauen mit dem Patriarchat detailliert auseinandersetzen um überleben zu können. Das Weißsein und das Patriarchat werden kollektiv begriffen als Konstrukte sozialer Identitäten, die sich strukturell über die Zeit hinweg verstärken. Das bedeutet, dass ihre initiale Erschaffung beabsichtigt war, und dass Menschen sich zur Annahme der Identitäten aus freien Stücken entschieden haben. In einer neueren Studie über die Theorie des Privilegs durch den Anarchist Federation’s Women Caucus (den Frauenausschuss der Anarchistischen Föderation) wurde betont, dass Identitätsgruppen wie Männer und Weiße nicht wirklich ihr Privileg aufgeben können, gleich wie sehr Individuen dieser Gruppen das auch möchten. Sie sind in diese Identitäten hineingeboren, in diesen Identitätsgruppen großgezogen worden und sie sind eingetaucht in ein System, aus dem sie nicht aussteigen können oder in dem sie sich überhaupt dazu entscheiden könnten, nicht mehr von diesem zu profitieren. „Du bist für das System, das dir dein Privileg erteilt nicht verantwortlich, nur dafür, wie du darauf reagierst.“ bell hooks hat das weiße Patriarchat häufig assoziiert mit Akten des Terrorismus (nämlich der Sklaverei, der Vergewaltigung, der Folter und den Mord) gerichtet spezifisch gegen schwarze Menschen und schwarze Frauen. Diese Akte des Terrorismus – Sklaverei, Vergewaltigung, Folter und Mord – sind auch das, was auch wir in der Tierrechtsbewegung versuchen wollen abzuschaffen. Es ist keinerlei Überraschung, dass diese Akte allesamt aus dem gleichen System entwachsen. Wie können wir in einer Gesellschaft leben, in der all das geschieht, ohne dass es uns überhaupt etwas ausmacht? Nun ja, zum einen macht sich das weiße Patriarchat nicht sichtbar. Wie irgendein anderes Konstrukt einer sozialen Identität, die ein sozioökonomisches System auf der Basis der Ausbeutung der schwächeren und verletzlicheren Individuen und Gemeinschaften erhält, indem es diejenigen marginalisiert, die den Status quo des „Mainstreams“ stören, in dem systematische Gewalt zum Vorteil privilegierter Gruppen begangen wird, in dem die Gedanken, Körper, Räume und die Reproduktion anderer Gruppen dominiert wird, so ist das weiße Patriarchat eine Institution, die es schafft all dies aufrecht zu halten während es selbst unsichtbar bleibt. Wir müssen uns in ganz bewusster Weise darum bemühen es sichtbar zu machen. In der Tierrechtsbewegung haben wir, wenn wir über die Unterdrückung der Tiere durch Menschen sprechen, Gelegenheiten um weißes Überlegenheitsdenken und das Patriarchat hinter der Ausbeutung, der Dominierung, der Reproduktionskontrolle, der Marginalisierung und der systematischen Tötung sichtbar zu machen. Wir können die Tokenisierung von Tieren als Maskottchen, die tatsächlich dem Zwecke ihrer Ausbeutung und Ermordung dient, benennen. Wir können auf die Tötungen von Tieren, in den Tierheimen und halbwilder und verwilderter Tiere, als Schuldzuweisung auf das Opfer hinweisen. Wir können darüber sprechen, wie wildlebende Tiere marginalisiert werden durch den Verlust ihres Habitats, verursacht durch die Agrarkultur und den sich ausdehnenden Städtebau, und wie „invasive/schädliche“ Spezies ein bequemes Ziel der Schuldzuweisung werden, wobei bei ihnen tatsächlich weder Hauptgrund und –ursache zu suchen sind. Wir können die Reproduktionskontrolle, die Zwangszucht, genetische Manipulation und die in die Sexualität eingreifende Gewalt sichtbar machen, die Institutionen am Leben erhalten wie die Tierversuchslaboratorien, die Tiere involvierende Agrarkultur, die Haustierhaltung, Zoos und Aquarien, Jagdreviere, Aquakultur und die Unterhaltungsindustrien die Tiere einbeschließen. Die Tokenisierung, die Schuldzuweisung auf das Opfer, die Marginalisierung und die Reproduktionskontrolle, sind die Grundpfeiler des weißen Patriarchats. Innerhalb des weißen Überlegenheitsdenkens in Amerika tendiert der Mainstream dazu, sich mit Tieren und farbigen Menschen dann zu identifizieren, wenn sie tot oder auf eine Fast-Unsichtbarkeit reduziert sind. Dadurch wird die Illusion erzeugt, dass wir diese Gruppen tatsächlich respektieren, indem wir sie romantisieren, und die, die sie in Wirklichkeit sind, für uns in unserer Vorstellungswelt in der Weise passend für unsere eigene Identität modulieren, nun wo unsere Vorfahren und Zeitgenossen sie bereits als eine Bedrohung außer Kraft gesetzt haben. Ein wesentlicher Grundpfeiler des weißen Patriarchats ist aber auch die Frage der Bürgerschaft. Die einzig legitimen Stimmen sind diejenigen, die „echte Bürger“ der Gruppe darstellen. Und in der Tierrechtsbewegung stellt dies ein enormes Hindernis dar in den Bemühungen um eine Bewirkung der Anerkennung der Interessen von Tieren durch die Gesellschaft.

►Das weiße Patriarchat als treibende Kraft in Tierverteidigungskampagnen.

◌ Die Kampagnen von PETA sind berüchtigt wegen ihrer rassistischen und sexistischen Komponenten. Ich werde hier nicht weiter in die Einzelheiten gehen, da eine andere Sprecherin bei dieser Konferenz ihre Analyse der Organisation PETA vorstellen wird. PETA sind jedenfalls ein sehr offensichtliches Beispiel für das weiße Patriarchat als treibende Kraft hinter ihren Zielen und Strategien. Nicht allein in den Öffentlichkeitsstunts der Organisation, sondern auch in ihren Politiken und Praktiken, die Tiere in ganz unmittelbarer Weise anbetreffen. PETA hat eine Geschichte zu verzeichnen, in denen sie mehr ihrer vermeintlich geretteten Hunde und Katzen getötet haben, als sie an ein neues Zuhause vermittelten. Nathan Winograd hat PETA seit Jahren wegen ihrer desaströsen Tierheimunterbringungspraktiken und Vorgehensweisen kritisiert. PETAs Unterstützer_Innen haben daraufhin entgegnet, dass Winograd nicht erwähnt habe, wie viele Tiere man aus den Gefahren, die für sie in überfüllten Tierheimen drohten, extra herausadoptiert habe, und dass es besser für diese Tiere sei einen „gnadenvollen“ Tod zu erleiden, als ein Leben in einen Tierheim zu verbringen, oder was noch schlimmer sei, als ein Leben ohne ein echtes Zuhause. Was mir dies sagt ist, dass für PETA die beste Art einer ethischen Beziehung zu Tieren, auf die wir unter PETAs Richtlinien hoffen könnten, diejenige ist mit toten Tiere, da es ja keine Möglichkeit gibt, alle diese Tiere unter einer kompletten institutionellen Kontrolle zu halten, und es dann effizienter wäre die Tiere einfach zu töten um sich dann auf die Schulter zu klopfen, dass man ja das richtige getan habe, denn man weiß ja schließlich auch genau, was das Beste ist. Das ist weißes Patriarchat.

◌ Verdeckte Nachforschungen bildeten die wesentliche Taktik zur Aufdeckung einiger der schlimmsten Gewaltakte gegen Tiere. Was oft nicht betont wird in solchen Ermittlungen von Tiermissbrauch in Fabrik-Farmen oder bei Kampagnen gegen den Hundekampf oder gegen Hahnenkämpfe oder bei Aufdeckungen des illegalen Handels mit wildlebenden Tierarten, sind die rassifizierten Komponenten die bei diesen Gräueltaten mitschwingen. Die große Mehrzahl derjeniger Menschen, die die niederen Arbeiten verrichten und die illegalen Taten begehen, denen wir immer wieder in den Nachrichten begegnen, und auf die der Zorn und die Empörung der Aktivist_Innen niederprasselt, sind farbige Menschen.

◦ Fremdarbeiter aus Ländern wie Mexiko und Guatemala machen ein Fünftel der Arbeiterschaft in den Agrarindustrien aus. Sie haben typischerweise keinen High School Abschluss und ihre Optionen bei der Arbeitssuche sind daher gering, auch haben sie normalerweise wenig in der Leitung dieser Farmbetriebe zu sagen. Sie sind einfach Hände – oft die blutigen Hände – die 10 bis 12-stündige Schichtdienste verrichten. Der US-amerikanische Imperialismus und Rassismus stößt sie in Jobs wie diese, wo die Möglichkeiten der Wahl dessen, wie man seine Einkünfte bestreitet, gering sind. Sie werden häufiger wegen Grausamkeit gegen Tiere belangt als die Betreiber der Farmen, die die echten Profite aus der Sache schlagen. Und Tierverteidigungsorganisation wissen das, wenn sie Klagen erheben; sie versuchen einfach jeden „Erfolg“, gleich welchen, zu erlangen, wenn er denn nur erlangbar ist. Zum Schluss hilft das den Tieren weder in der Gegenwart noch in der Zukunft, denn es erlaubt es den Shareholdern einer Verantwortlichkeit aus dem Weg zu gehen. Es erlaubt den Geschäftsbetreibern die Sündenbockfunktion den verarmten und oft analphabetischen Wanderarbeitern zuzuschieben, die kaum juristischen Schutz haben, und es sendet eine für die Öffentlichkeit irreführende Botschaft aus, dass man was gegen die „schlimmen Typen“ getan habe, wobei sie in Wirklichkeit einfach nur durch andere Immigranten gleichen Hintergrunds ausgetauscht werden, die dann ebenso den Verstand verlieren werden, mit der Gewalt, die sie stundenlang täglich ausführen müssen.

◦ Hundekämpfe sind so alt wie die zivilisierte Welt selbst. Und Hahnenkämpfe begannen in Europa etwa um das 15. Jahrhundert herum aufzutauchen. Beide dieser Blutsportarten zählten gewöhnlicherweise zu den Aktivitäten wohlhabender Landbesitzer, Handeltreibender und Aristokraten; in anderen Worten: Leute die Geld hatten. Heute werden diese Blutsportarten mit armen farbigen Menschen in Verbindung gebracht. So sehen die Kampagnen gegen diese grausamen Bräuche oft aus wie eine spezifische Strafung Farbiger, nun wo weiße Menschen der Mittel- und Oberschicht kulturell „jenseits“ von solch einem Barbarismus stehen.

◦ Der illegale Handel wildlebender Tierarten ist ein Thema, das nicht allein die Tierverteidigungsbewegung beschäftigt, dieses Thema ist auch bestimmend in Bereichen umweltschützerischer Tätigkeiten. Kampagnen und Berichte betonen die Prozentzahl des illegalen Handels, so dass man sich auf CITES und damit auf juristische und politische Richtlinien berufen kann. Soweit hat das allerdings keinen besonders großen Unterschied erbracht, was die Anzahl von Tieren, lebend oder tot, anbetrifft, die aus ihrem gebürtigen Land oder Wasser herausgeschmuggelt werden. Die Gegenden wo die meisten dieser Aktivitäten stattfinden, liegen in Südostasien und in Subsahara-Afrika. Nachrichtenmedien, Dokumentationen und Kampagnen fokussieren zumeist extensiv auf die Seite der „Wilderei“ im Handel mit wildlebenden Tierarten, die ausschließlich von den farbigen Menschen in den Regionen betrieben wird. Obgleich das Geschäft des Handels wildlebender Tierarten Teile großer krimineller Syndikate bildet, sind die Leute, die wir überall in Bildern und in den Nachrichtenartikeln sehen, diejenigen mit wenig Ressourcen und mit weniger Sagen in den großen Syndikaten – Leute die einfach ausgetauscht werden können, die man einfach zu Sündenböcken machen kann. Es ist weitaus schwieriger die wohlhabenden Konsumenten von Produkten aus wilden Tieren sichtbar zu machen, und es ist schwieriger Reiche in Frage zu stellen, Jagdsitze in Privatbesitz, die vom Geschäft mit dem Handel „exotischer“ Tierarten profitieren, es ist schwieriger amerikanische und europäische Privatinvestoren von Milizen und kriminellen Syndikaten in diesen Regionen anzugreifen, also tut es auch niemand. Es ist weitaus einfacher, arme farbige Menschen zur Verantwortung zu ziehen, die die tatsächliche Gewalt und die tatsächliche Straftat begehen, denn das sind die Plakatkriminellen, und das weiße Überlegenheitsdenken und der Kolonialismus können ungehindert weitermachen, unbemerkt, in ihren systemerhaltenden Funktionen.

◦ Rassismus, Klassismus und Kolonialismus treiben farbige Menschen dazu, sich übermäßig auf die Ausbeutung von Tieren zu verlassen, und weil sie nicht den Schutz durch Wohlstand und Weißsein genießen, tragen diese Leute die Last der Konsequenzen, während die Schwergewichte in Sachen Ermöglichung, ihr Geschäft weiter und wie gehabt betreiben können.

IV. Rassismus und Speziesismus: Sind beide miteinander austauschbar?

► Rasse und Spezies sind willkürliche Unterscheidungen die ungefähr in der gleichen Zeit im europäischen Denken entstanden. Beide sind geleitet von phänotypischen Unterscheidungen aber tragen das Gewicht und die Legitimität als seien sie biologisch verwurzelt, und biologisch wird oft gleichgesetzt mit etwas „Fixiertem.“ In der Biologie wird die biologische Speziesdefinition oft als die ultimative Speziesdefinition begriffen. Wenn Gruppen erwiesenermaßen aus Individuen bestehen, die reproduktionstaugliche Nachkommen erzeugen können, dann sind sie eine echte Spezies. Im Freien oder in den Laboratorien ist diese primäre Definition meistens schwer zu testen, so werden noch andere Definitionen als akzeptabler Ersatz verstanden, die auf den morphologischen und phylogenetischen Unterschieden zwischen Gruppen basieren. Doch was die morphologischen und phylogenetischen Speziesdefinitionen tun, ist, dass sie die Kennzeichnungen von Spezies so willkürlich machen, wie das auch in der Rassentheorie handhabe ist. Für beide geht es im Wesentlichen hierum, dass: wenn du ein bisschen anders aussiehst, Dinge ein wenig anders tust, genetisch etwas variierst und sogar auch noch in einer anderer Region als dem Ort der Vergleichsbasis lebst, dann reicht das dazu, deine Gruppe als eine eigene Spezies zu kennzeichnen (und historisch wurde Rasse und Spezies in austauschbarer Weise eingesetzt), bis ein anderer „Experte“ vorbeikommt und etwas anderes behauptet.

► In meiner Erfahrung ist das, was wir als Tierrechtsaktivist_Innen häufig als Speziesismus kennzeichnen, zumeist nichts anderes als Rassismus, Sexismus und Ableismus der gegen Tiere gerichtet ist. Tier-Agrarkutlur, Aquakultur, Laborversuche mit Tieren, die Haustierhaltung und auch die kommerzielle- und die Freizeitjagd benötigen die Unterdrückung spezifischer Spezies um dadurch bestimmen menschlichen Gruppen einen Vorteil zu verschaffen. Doch die Argumente, die angebracht werden um diese Spezies in der Unterdrückung zu halten, sind nicht so sehr speziesistisch wie sie rassistisch, sexistisch und/oder abelistisch sind. Während Hunde als eine Spezies zur kommerziellen Zucht anvisiert werden, sind es die Hunderassen (die man ansonsten auch als „Züchtungen“ bezeichnet), die als Rechtfertigung und Anreiz zur Fortsetzung der selektiven Nachzucht und zur reproduktiven Kontrolle von Hunden dienen. Und es sind die Rassen, die in einigen Ländern einen Hund dazu prädestinieren getötet zu werden, nur weil er/sie als eine bestimmte Rasse geboren wurde. Ökofeministische Tierrechtsaktivistinnen haben seit Jahren schon betont, dass der Sexismus eine wesentliche treibende Kraft in der Unterdrückung von Tieren in den Agrarindustrien sind, insbesondere der Milch und Eierindustrie, die nicht existieren würden wenn die weibliche Gebärfähigkeit dabei nicht ausgebeutet werden könnte. Selbst Tierrechtsaktivist_Innen spielen in die Fallen des Abelismus hinein, indem sie sozial-kognitive Fähigkeiten von Tieren betonen, in ihrem verzweifelten Versuch Leute dazu zu bewegen, über Tiere einmal nachzudenken. Die Fähigkeiten von Tier-Individuen und Spezies mögen vielleicht den Grund bieten, mit dem wir versuchen zu rechtfertigen wie wir Tiere behandeln. Sobald wir Aktivist_Innen aber einmal dazu imstande sind, das Sozial-Kognitive dort und dann zu erkennen wo es erscheint, dann sollte es doch leichter werden zu begreifen, womit wir hier wirklich arbeiten.

V. Schlussfolgerung

► Das weiße Überlegenheitsdenken und das Patriarchat sichtbar zu machen, ist wichtig um die Unterdrückung von Tieren sichtbar zu machen. Oft stecken diese hinter den Gräueltaten die gegen Tiere begangen werde, wogegen wir schließlich kämpfen.

► Das weiße Überlegenheitsdenken und das Patriarchat beeinflussen die Ziele der Bewegung und der angewendeten Strategien. Wir können evaluieren, wie unsere Ziele und Strategien weitervermittelt werden, und indem wir die Intention hegen diese Kräfte sichtbar zu machen, anzuerkennen was wirklich los ist, indem wir uns unsere eigene Rolle in all dem bewusst machen, können wir die Verantwortung für eingeschlagene Richtungen in der Bewegung übernehmen.

► Nun wo andere Aktivist_Innen Analysen über den Abelismus, Heterosexismus, Cissexismus und Queerness mit einbeziehen, haben wir die Möglichkeit, dass die Tierrechte sich zu einer echten Pioniersfront der intersektionalen Bewegung entwickeln können. Schaffen wir es diese Herausforderung anzunehmen?

Weitere Beispiele weißen Patriarchalismusses:

„Ich hab ihm gerade einen Nasenring angebracht … , so dass er nicht mehr bei seiner Mutter saugt. Er braucht es einfach nicht mehr … . Er wird sich dran gewöhnen. Wir haben es mit den anderen Kälbern auch so gemacht. An dem Ring sind nur einige Zacken, und das ist damit es die Kuh an ihrem Euter stört wenn er versucht zu saugen, sie wird ihn dann wegtreten … . Tja, das ist halt noch so eine weitere spaßige Sache, die du so auf einer Farm machen kannst.“

http://www.youtube.com/watch?v=mOMYfrFKHyE&feature=youtu.be

Malerei: © Farangis G. Yegane

(Eventuelle typografische Korrekturen werden noch vorgenommen.)

Copyright © 2013, Anastasia Yarbrough, Gita Y. Arani-May / Palang LY. Alle Rechte vorbehalten.

 

Sich mit der Idee zu befassen, dass Hinterfragungen von Rasse, Gender und Weißsein, innerhalb des Veganismus, nicht sinnlos sind: Reflektionen über die Sistah Vegan Conference

Sich mit der Idee zu befassen, dass Hinterfragungen von Rasse, Gender und Weißsein, innerhalb des Veganismus, nicht sinnlos sind: Reflektionen über die Sistah Vegan Conference

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Quelle: ‘Engaging with the idea that interrogations of race, gender, and whiteness in veganism is not pointless: Reflections on the Sistah Vegan Conference’ http://sistahvegan.com/2013/09/18/sistah-vegan-conference-recordings-now-available/. Übersetzung: Palang LY, mit der freundlichen Genehmigung von Dr. phil. A. Breeze Harper.

Die Sistah Vegan Webkonferenz fand am 14. September 2013 statt. Sie trug den Titel „Verkörperte und kritische Perspektiven auf den Veganismus von schwarzen Frauen und ihren Verbündeten.“ (Was, du hast die Konferenz verpasst? Keine Sorge, die ganze Konferenz wurde aufgezeichnet und du kannst die Aufzeichnungen erwerben, indem du auf der Webseite zur Konferenz ‚CLICK HERE TO REGISTER’ drückst. Auch wenn die Konferenz nun vorbei ist, so führt dich dieser Link doch zu der Seite, über die man die Sistah Vegan Conference-Aufnahmen erwerben kann: http://sistahveganconference.com/.)

Es waren beeindruckende 8 Stunden. Hier ist ein kleiner Einblick in das, was wir dabei lernten, wörüber wir sprachen und uns gemeinsam austauschten:

–         Wie Veganismus die Reproduktionsgesundheit schwarzer Frauen heilt.
–         Schwarze Frauen, Veganismus und die Herausforderungen durch diskriminatorische Haltungen gegenüber Körpergröße und –masse [‚Sizeism’].
–         Das Patriarchat als Problem in der US-amerikanischen Tierbefreiungsbewegung.
–         PETAs rassifiziert-sexualisierter Einsatz weiblicher Körper, um zum ‚Veganwerden, für die Tiere’ zu ermutigen.
–         Wie der ‚weisse Retterkomplex’ Schwierigkeiten und Stress verursacht für schwarze Frauen innerhalb bestimmter gemeinschaftlicher Veganismus- und Yogapraktiziernder-Räume in den USA.
–         Die Politk industrialisierter und verarbeiteter Babynahrung und die Schaffung einer indigenen veganen Mutterleibsökologie.
–         Die Art und Weise, in der die Sistah Vegan Anthologie so viele von uns dahigehend ermutigt hat, den Weg des Veganismus zu beschreiten.

Ich denke, dass diese Konferenz wichtig ist für eine ganze Anzahl von Leuten, die an kritischen Nahrungsmittelstudien, kritischen Tierstuduen und/oder schwarzen Studien interssiert sind. Dennoch empfehle ich diese Konferenz der beachtlichen Anzahl ‚postrassisch’ denkener Leute (fast immer sind dies weiß-identifizierte Menschen), die mich witerhin mit einer klaren (entweder direkten oder passiv-aggresiven) Wut im Bauch kontaktieren, dass sie es kaum fassen könnten, wie ich behaupten könne, dass Rasse, Geschlecht und Weißsein die vegane Praxis, das vegane Rational und Bewusstsein beeinflussen könnten. Und solche Messages kommen in den Kommertarsektionen meines Blogs, meiner Facebookseiten oder in meiner persönlichen Emailbox an, mit dem Zugeständnis Vieler, niemals etwas über kritische Studien bezüglich Rasse, schwarzer feministischer Theorie oder kritische Weißseinsstudien gelesen zu haben – aber diese Leute sind sich SICHER und ÜBERZEUGT davon, dass bestimmte Fragen im Bezug auf Rasse, Gender und Weißsein im Bereich Veganismus nicht hinterfragt werden sollten. Es mag ihnen nicht bewusst sein, aber man nennt dies (weiße) Selbstberechtigung [(white) entitlement] wenn sie in einer solchen Weise an mich herantreten. Es ist ein Akt diskursiver Gewalt, und es ist das perfekte Beispiel davon, wie Weißsein als ein Kommunikations- und rhetorisches System funktioniert. Diese Kommunikationsmethode ist einfach wirklich nicht harmonisch, nicht heilend und sie steht antithetisch zur Nicht-Gewalt (Ahimsa), die der Veganismus für so viele von uns verkörpert.

Ich kann nur anbieten, dass wenn Leute mit dem oben beschriebenen Kommunikationsverhalten, eine aufrichtige und offene Diskussion über den „Sinn“ dieser Webkonferenz, die Sistah Vegan Anthologie und meine andere auf das Soziologische gründende Forschungsarbeit führen möchten, dass diese Leute sich mal dran setzen sollten Beiträgen der Sistah Vegan Konferenz zuzuhören; vielleicht die Sistah Vegan Anthologie mal lesen sollten und auch meine Masters- und Disserationsarbeit, die in klarer Weise die Relevanz und die Wichtigkeit dessen artikulieren, sich mit kritischen Rassenstudien, schwarzen feministischen-, dekolonialen- und kritischen Weißseinsstudien innerhalb des Veganismus in den USA zu befassen. Ich versichere euch, dass sowohl Harvard (meine Masters These) als auch die University of California (meine Disserationsarbeit), meine Arbeiten nicht als Bestanden abgesegnet hätten, wenn ich sozialwissenschaftliche und rigorose Forschungmethoden und methodologische Herangehensweisen bei meiner intersektionalen Arbeit über Veganismus, Kultur und systemische Unterdrückung, nicht in richtiger Weise angewendet hätte. Ich hätte den begehrten Dean’s Award von Harvard für meine Masters-Thesenarbeit (die jeweils nur einem Kanditaten pro Fachbereich verliehen wird) nicht erhalten, und auch kein zweijähriges Stipendium, um meine Dissertationsarbeit an der Universtiy of California abzuschließen, wenn die entscheidungstragenden Kommitees beider Institutionen der Meinung gewesen wären, dass meine akademischen Untersuchungen über den Veganismus ‚sinnlos’ oder ‚rassenhetzerisch’ (wie von vielen [mis]interpretiert) seien. Bitte emailt mir unter sistahvegan (at) gmail (dot) com wenn ihr Auszüge und/oder Kopien meiner veröffentlichten Arbeiten, meiner Thesenarbeit und/oder meiner Dissertation haben möchtet, um euch mal mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und vor diesem Hintergrund …

gilt ein ausgesprochener Dank all denen, die dies zu einem unwahrscheinlich beeindruckenden Event gemacht haben. Ich freue mich auf das, nächsten Jahres!

Wenn ihr an der Veranstaltung teilgenommen habt und/oder euch die Aufszeichnungen angehört habt, dann postet bitte wie ihr die Konferenz und das Gelernte empfunden habt, und das, womit ihr vielleicht Probleme hattet, oder was euch eventuell überrraschte, usw.

***

A.d.Ü.: Und Sinn und Zweck dieser Übersetzung ist es, das Sistah Vegan Projekt wegen seiner internationalen und globalen Wichtigkeit im deutschsprachigen Raum noch weiter bekannt zu machen, und um einige Aktionen des Projekts auch innerhalb des deutschen Sprachraums zu dokumetieren:

Siehe in diesem Zusammenhang …

Eine Info über die Sistah Vegan Anthologie (2010):
http://simorgh.de/harper/die_sistah_vegan_anthologie_2010_s.pdf

Die Kurzzusammenfassungen der Redebeiträge der Sistah Vegan Webconference 2013:
http://simorgh.de/harper/sistahvegan_conference_2013_8bs.pdf

Und in aller Kürze die Programmübersicht der Webkonferenz 2013:
http://simorgh.de/niceswine/wp-content/uploads/2013/09/sistahvegan_conference_programm_1.pdf

Programmübersicht: Kritische Nahrungsmittel- und Gesundheitsstudien Webkonferenz: „Verkörperte und kritische Perspektiven auf den Veganismus von schwarzen Frauen und ihren Verbündeten“

Kritische Nahrungsmittel- und Gesundheitsstudien

Webkonferenz: „Verkörperte und kritische Perspektiven auf den Veganismus von schwarzen Frauen und ihren Verbündeten“

Die Programmübersicht auf  Deutsch als PDF

Kurzzusammenfassungen der Redebeiträge auf Deutsch

Datum: 14. September 2013

Zeit: 10:00 AM – 6:00 PM PST (pazifische Standardzeit). Die mitteleuropäische Zeit (MEZ) ist der pazifischen Standardzeit 9 Stunden voraus.

Ort: Online-Webkonferenz über Anymeeting.com

Die Sprecherinnen und das Programm

10:00 AM: „Einführung: Wie bildet der Veganismus für schwarze Frauen und ihre Verbündeten einen kritischen Eingangspunkt zur Diskussion über Themen sozialer Gerechtigkeit und von Gerechtigkeitsfragen betreffend nichtmenschlicher Tiere und der Umwelt.“ Dr. A Breeze Harper, University of California-Davis.

10:15 AM: „Wie Weißsein und das Patriarchat Tieren schaden.“Anastasia Yabrough, Inner Activism Services.

10:50 AM: „PETA und der Tropus des „Aktivismus“: Die Naturalisierung postfeministischer und postrassischer Einstellungen durch Proteste sexualisierter Körper.“ Aphrodite Kocięda, University of South Florida.

11:25 AM: „Eine verkörperte Perspektive auf die Redefinierung von ‚Gesundheit’ in einem kulturellen Kontext und die Betrachtung der Rolle von ‚Sizeism’ [der diskriminatorischen Vorurteilshaltung gegenüber ‚Körpergröße u. -masse’] im Paradigma veganer schwarzer Frauen.“ Nicole Norman.

12:25 PM: „Kosmetische Marginalisierung: Status, Zugänge und vegane Schönheitslektionen unserer Urmütter.“ Pilar Harris, Pilar in Motion.

1:00 PM: Offene Diskussion: „Warum ich das ‚Hühnchen am Sonntag’ aufgegeben habe und vegan geworden bin. Mädchen und Frauen afrikanischer Herkunft diskutieren ihre Gründe dafür, warum sie sich für den Veganismus entschieden haben.“

1:50 PM: „Hebammentum, Medizin und die Babynahrungs-Politik: Untergrundfeminismus, indigene pflanzlich-basierende ‚Foodways’ [Versorgungswege] und Ernährung.“ Claudia Serrato, University of Washington.

2:30 PM PST: „Die Konstruktion von Quellen zusätzlich zur elterlichen Kompetenz als schwarze Veganerin: Eine Diskussion über Geografie und Theologie und derer inneren Widersprüche.“ Candace M. Laughinghouse, Regent University.

3:05 PM: Podiumsdiskussion: „Yoga für die stressfreie Soul Sista und Lehre radikaler Selbstfürsorge: Erforschung von Privileg im Yoga und Veganismus für Girls of Color [farbige Mädchen].“ Sari Leigh und Kayla Bitten.

4:20 PM: Offen Diskussion: Reflektionen über die Sistah Vegan Anthologie.

5:00 PM: „Ist eine schwarze Dekolonialisierung in einer moralischen Ökonomie neoliberalen Weißseins möglich? Wie in den USA eine schwarze vegane Befreiungsrhetorik oft die Grundsätze kolonialen Weißseins verlängert.“ Dr. A. Breeze Harper, University of California Davis.

Information zur Konferenz und Registration: http://sistahveganconference.com 

Organisation: Dr. phil. A. Breeze Harper, breezehaper [at] gmail [dot] com

Kurzzusammenfassungen der Redebeiträge auf Deutsch

Und für die, die das Sistah Vegan Projekt noch nicht kennen: Infos über die Sistah Vegan Anthologie 2010 auf Deutsch

 

Sistah Vegan Conference: „Verkörperte und kritische Perspektiven auf den Veganismus von schwarzen Frauen und ihren Verbündeten“

Anfang August hatten wir die Sistah Vegan Anthology (2010), herausgegeben von Dr. A. Breeze Harper, vorgestellt: ‚Sistah Vegan: Schwarze Veganerinnen sprechen über Nahrungsmittel, Identität, Gesundheit und die Gesellschaft’.

Dieses Jahr findet die erste jährliche Sistah Vegan Conference am 14. September statt.

Wir haben das Programm mit den Kurzbeschreibungen der Vortrags- und Diskussionsthemen übersetzt, um Denkanstöße, die dort gegeben werden, an eine ins Deutsche erweiterte Blog-Leserschaft weiterzugeben:

Sistah Vegan Web Conference: „Verkörperte und kritische Perspektiven auf den Veganismus von schwarzen Frauen und ihren Verbündeten“