Das Geheimnis der Liebe zum Leben. Religiöse Widerständler und heidnische Modernisten.

Das Geheimnis der Liebe zum Leben: Religiöse Widerständler und heidnische Modernisten

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Die Katharer waren eine christliche Splittergruppe des europäischen Hochmittelalters, die ihren Glauben an den Gut-Böse-Dualismus der aus Persien stammenden Manichäer des 3. Jahrunderts nach Christus anlehnte. Die Manichäer selbst verbanden unterschiedliche Elemente in ihrem Glauben und so findet man bei ihnen auch eine Anlehnung an das Christentum.

Beide Glaubensgruppen teilten die Vorstellung, dass Tiere nicht geopfert werden dürfen – weder für religöse Zwecke, noch zu Ernährungszwecken. Man geht allerdings davon aus, dass die Katharer Fische aus dieser Vorstellung des (gewollten oder indirekten, religiös verordenten) Lebensschutzes ausschlossen, weil sie meinten, dass sich Fische nicht geschlechtlich vermehren würden und aus dem Wasser entstünden.

Die Katharer glaubten, dass „Lichtteile“ von Engelsseelen ausversehen mit einem toten Tier mitverzehrt werden könnten, und die Manichäer meinten, dass Tiere-Essen hätte zur Folge, dass die „Lichtteile“ des Tieres durch den Verzehr nicht aus dem Tierkörper entweichen könnten. Beide Glaubensgruppen erwarteten eine strenge Befolgung ihrer asketischen Ideale aber nur von der Priesterschaft (bei den Katharern die Parfaits, bei den Manichäern die Electi).

Es gab eine Reihe von Schnittstellen beider Glaubenssysteme, eine davon scheint uns in die Gegenwart zu führen: die Hütung des Geheimnisses irdischer Existenz. Ein Stein bei den Manichäern, ein Gral bei den Katharern.

„Wolfram’s Grail/Stone bears a great resemblance to the Manichaean jewel, the Buddhist padma mani, the jewel found in the heart of the lotus that is the solar symbol of the Great Liberation and which can also be found in the Indian traditions concerning the Tree of Life.” Jean Markale, The Grail: The Celtic Origins of the Sacred Icon, 1999, S. 134.

Beim christlichen Ritter Wolfram von Eschenbach in seinem Parzival taucht der „heilige Gral“, der in der Mystik des Mittelalters für so viele Ritterorden von solch großer Bedeutung war, in der Form des „lapsit excillis / Lapis excilis“ auf:

„Die wehrliche Ritterschaft,
höret, was ihr Nahrung schafft:
Sie leben von einem Stein,
dessen Art muss edel sein.
Ist euch der noch unbekannt,
Sein Name wird euch hier genannt:
Er heißet Lapis exilis.
Von seiner Kraft der Phönix
Verbrennt, dass er zu Asche wird
Und dann der Gluth verjüngt entschwirrt.
Der Phönix schüttelt sein Gefieder
Und gewinnt so lichten Schimmer wieder,
Das er schöner wird als eh.
Wär einem Menschen noch so weh,
Doch stirbt er nich denselben Tag,
Da er den Stein erschauen mag,
Und noch die nächste Woche nicht;
Auch enthellt sich nicht sein Angesicht:
Die Farbe bleibt ihm klar und rein,
Wenn er täglich schaut den Stein,
Wie in seiner besten Zeit
Einst als Jüngling oder Maid.
Säh er den Stein zweihundert Jahr,
Ergrauen würd ihm nicht sein Haar.
Solche Kraft dem Menschen gibt der Stein,
Daß ihm Fleisch und Gebein
Wieder jung wird gleich zur Hand:
Dieser Stein ist Gral genannt.“

Parzival und Titurel: Rittergedichte von Wolfram von Eschenbach, Hrsg. Karl Simrock, Tübingen, 1842, S. 40-41.

Parzival and Titurel. By Wolfram von Eschenbach.

Siehe auch:

Wolfram von Eschenbach: Parzival. Mittelhochdeutscher Text. Hrsg. Karl Lachmann 1833, Berlin

Die Sicht auf den heiligen Gral eröffnet ein Spektrum in dem Inhalte mythischer und religiöser Natur gemeinsam im Universalen zu entdecken sind. Anerkannte „Religionen“ und heidnische „Mythen“ und „Legenden“ lassen sich nicht hundertprozentig voneinander trennen.

Eine andere Parallele, die diese beiden Brückenreligionen, die der Manichäer und die der Katharer, aufwiesen, war ihr Widerstandsgeist der sich gehen die Hauptkirche richtete, der sie sich jeweils entlehnten und durch die sie letzendlich auch vernichtet wurden. Die Manichäer wurden in ihrem Urspungsland Persien vom Zoroastrismus bekämpft, Mani in den Kerker gesteckt, wo er bald starb. Ein Zeungis der zoroastrischen Verachtung des Manichäismus finden wir in diesem Beispiel:

Studia Manichaica edited by Ronald E. Emmerick, Werner Sundermann, Peter Zieme

Die Katharer wurden im qualvoll lang andauernden Albigenserkreuzzug durch die Katholiken final ausgelöscht, nachdem auch die letzten friedlichen Verhandlungen zwischen ihnen und den Katholiken gescheitert waren. Der katharischen Priesterin Esclarmonde de Foix wurde bei diesen Verhandlungen vom später heiligen Dominikus der Mund verboten, sie sei eine Frau, daher stehe es ihr nicht zu sich in einen theologischen Disput einzumischen.

(Vergleiche: Gottfried Koch, Frauenfrage und Ketzertum im Mittelalter: die Frauenbewegung im Rahmen des Katharismus und des Waldensertums und ihre sozialen Wurzeln [12.-14. Jahrhundert], 1962, S. 52 und Giovanni Chiantore, Studi medievali, 1964, S. 748)

Auf dieser Seite befindet sich eine praktische Übersicht über den Verlauf des Albigenserkreuzzugs: http://www.okzitanien.de/historie.htm

Warum sich ausgerechtnet ein christlicher Ritter aus Franken, nämlich Wolfram von Eschenbach, mit einem Geheimnis befasste, dass auch diese beiden Widerstandsreligionen beschäftige, muss mit der geheimnisvollen Popularität des Mythos um den heiligen Gral gelegen haben, der in Europa besonders durch die Arthus-Legende bekannt gewesen ist.

Die Suche und zugleich die Festlegung dessen, worum es eigentlich in dieser Suche nach dem Gral geht (was nun das Abendland und das Mittelalter anbetrifft), ist bis in die deutsche Romantik hineingetragen worden, bedeutungsvoll und mit tiefem Pathos. So band Richard Wagner in seinem Parsifal neue Ideale an die Legende, die bis heute Fragen aufwirft, die für immer unbeantwortbar bleiben müssen.

Richard Wagner, der seinen Parsifal an den Eschenbachs anlehnte, befasste sich zu der Zeit als er dieses, sein letztes Werk schrieb, mit der buddhistischen Lehre der Gewaltsoligkeit gegenüber dem Leben und war fasziniert von der Möglichkeit der „Erlösung“ durch die menschliche Anerkennung der Verantwortung gegenüber dem Leid der Tiere. Er lag damit ganz im Geiste der europäischen vegetarischen Bewegung seiner Zeit.

Auf der Seite der International Vegetarian Union findet man zahlreiche detailierte Biographien von Menschen, die in der vegetarischen Bewegung damals eine Rolle spielten: http://www.ivu.org/

Wagner, der es selbst nicht ganz konsequent bis zum praktiziernden Vegetarier schaffte, schrieb über seine Gefühle der Gewalt Tieren gegenüber:

Richard Wagner an Mathilde Wesendonk (Timokrates Verlag), S. 53

Seine oft zitierte Ablehnung des „Urfalls“ der Gewalt gegenüber Tieren – der biblischen Geschichte über Kain, den Ackerbauenden, der aus Neid seinen Bruder Abel, den Hirten, erschlug, als Gott das Fleischopfer der pflanzlichen Opfergabe vorzog – erinnert intuitiv an die Ablehnung des Alten Testament der Katharer und der Manichäer.

Der Kritik an der jüdischen Tradition seitens Wagners mag damit zusammenhängen. Man will ein Übel an einem vermeintlichen Schuldigen festmachen, an einer bestimmten Lehre, damit man „der Sache“ habhaft werden kann – dabei ist jedes Übel immer an die Fehlerhaftigkeit individueller Menschen gebunden. Wagner wird sich kaum über die Tragweite seiner Kritik bewusst gewesen sein.

Aus Cosima Wagners Aufzeichnungen lässt sich einiges Wichtiges ableiten über das, was ihn zuletzt am meisten beschäftigt haben muss:

Jost Hermand, Freundschaft: Zur Geschichte einer sozialen Bindung , 2006, S. 100.

Wichtig ist es festzuhalten, dass die Suche nach dem heiligen Wahrheitskern auf diesem Pfad, wenn wir ihn denn so verfolgen, so scheint, dass der Lebensschutz bewusst, direkt und unbewusst und indirekt darin zu finden ist. Im Libretto Wagners erfahren wir, dass seine Gestalten im Parsifal von der Heiligkeit des Lebens sprechen:

KUNDRY: Sind die Tiere hier nicht heilig?

[…]

(Vom See her vernimmt man Geschrei und das Rufen der Ritter und Knappen.)

RITTER UND KNAPPEN: Weh’! – Weh’! Hoho! Auf! Wer ist der Frevler?

(Gurnemanz und die vier Knappen fahren auf und wenden sich erschrocken um. – Ein wilder Schwan flattert matten Fluges vom See daher; er ist verwundet, die Knappen und Ritter folgen ihm nach auf die Szene. Der Schwan sinkt, nach mühsamem Fluge, inatt zu Boden; der zweite Ritter zieht ihm den Pfeil aus der Brust. – Währenddem)

GURNEMANZ: Was gibt’s?

VIERTER KNAPPE: Dort!

DRITTER KNAPPE: Hier!

ZWEITER KNAPPE: Ein Schwan!

VIERTER KNAPPE: Ein Wilder Schwan!

DRITTER KNAPPE: Er ist verwundet!

ALLE RITTER UND KNAPPEN: Ha! Wehe! Wehe!

GURNEMANZ: Wer schoss den Schwan?

DER ERSTE RITTER (hervorkommend): Der König grüsste ihn als gutes Zeichen, als überm See kreiste der Schwan, da flog ein Pfeil…

KNAPPEN UND RITTER (Parsifal hereinführend, auf Parsifals Bogen weisend): Der war’s! Der schoss! Dies der Bogen! Hier der Pfeil, den seinen gleich.

GURNEMANZ (zu Parsifal): Bist du’s, der diesen Schwan erlegte?

PARSIFAL: Gewiss! Im Fluge treff’ ich, was fliegt!

GURNEMANZ: Du tatest das? Und bangt’ es dich nicht vor der Tat?

DIE KNAPPEN UND RITTER: Strafe dem Frevler!

GURNEMANZ : Unerhörtes Werk! Du konntest morden, – hier im heil’gen Walde, des’ Stiller Friede dich umfing? Des Haines Tiere nahten dir nicht zahm, – Grüssten dich freundlich und fromm? Aus den Zweigen, was sangen die Vöglein dir? Was tat dir der treue Schwan? Sein Weibchen zu suchen, flog er auf, mit ihm zu kreisen über dem See, den so er herrlich weihte zum Bad. – Dem stauntest du nicht? Dich lockt’ es nur zu wild kindischem Bogengeschoss?

Er war uns hold: was ist er nun dir? Hier, schau her! – hier trafst du ihn: da starrt noch das Blut, – matt hängen die Fluegel; das Schneegefieder dunkel befleckt, – gebrochen das Aug’, – siehst du den Blick? (Parsifal hat Gurnemanz mit wachsender Ergriffenheit zugehört; jetzt zerbricht er seinen Bogen und schleudert die Pfeile von sich.) Wirst deiner Sündentat du inne? (Parsifal führt die Hand über die Augen.) Sag’, Knab’, erkennst du deine grosse Schuld? Wie konntest du sie begehn?

PARSIFAL: Ich wusste sie nicht.

So fast auch der Kulturgeschichtler Jost Hermand diesbezüglich zusammen:

 

Jost Hermand, Glanz und Elend der deutschen Oper, 2008, S. 139.

Es wird einen Grund haben, warum die Katharer und die Manichäer bis heute dafür bekannt sind, dass sie es als eine Vollendung ihrer Glaubensmission betrachteten in der Askese zu leben, die Gewalt gegen Tiere vermeidet. Und es wird einen Grund haben, warum wir das Motif des Lebensschutzes in anderer Form, aber gebunden an den Mythos der Gralslehre, wieder finden in der deutschen Romantik.

Der Wert solcher Botschaften ist ein fragiler. Der sensible Sinn entweicht schnell denen, die zweifeln an der Möglichkeit des Menschen als transspezies-empathisches Wesen. Aber gerade an dieser Zerbrechlichkeit mag das Geheimnis einer Erkenntnissuche liegen – an dem zu halten, was kaum zu greifen ist, was aber tief in das Herz führt. Weder Religion noch wahre Kunst ist ohne Sensibilität und Reverenz für das Leben denkbar und wenn sie diese nicht aufweisen, werden sie zu Zerstörern.

Es geht hier nicht darum, ob ein Mensch, der durch sein Talent und sein Schaffen besonders hervorragt, nun mit gutem Beispiel voranging und wie genau. Wagner schaffte es selbst nicht ganz hin zum zumindest dauerhaft gelebten Vegetarismus, aber er bemühte sich um eine Botschaft des All-Lebensschutzes, die die Forderung beinhaltete, dass Tiere nicht gejagt, gegessen, getötet werden dürften. Worum es geht ist, dass die Erinnerung und das Bewusstsein über Zeit und Geschichte hinweg erhalten bleiben. Das besondere ist, von welchen Seiten her Fragen aufgeworfen wurden am menschlicher Töten von Tieren für den Fleischverzehr und für das Opfern, gleichwohl wir Zeugnisse dieser Art in den Irrgärten menschlicher Überlieferung nur wie Fragmente zusammentragen können.

So existierte der Manichäismus beispielsweise in einer Zeit, in der er als ‚Lichtreligion’ schon durch eine innere menschliche Spaltung zwischen einem absolut Guten und einem absolut Bösen belastet war. Hier konnte man die Sinnlosigkeit und die ethische Verwerflichkeit der Verursachung von Leid durch den Menschen als eine eigene Verantwortlichkeit, der im menschlichen Handeln Rechnung getragen werden muss, nicht mehr ohne Weiteres thematisieren, denn sowohl die Macht des Bösen, als auch die des Guten waren so gewaltig, dass das eigene Handeln nicht mehr als ein dienen oder gehorchen (der einen oder der anderen Seite) sein konnte.

Dort wo Mensch und Tier in ihrer Problematik und in ihrer Heiligkeit ihres Lebens als Eins genommen werden, wird es für uns aber immer schwierig bleiben das anhand der weltanschaulichen Hinterlassenschaften solcher kulturellen Begebenheiten nachweisen zu können. Zum einen wird man hier keine direkte Hervorhebung der Tierproblematik finden, zum anderen, gehen wir zu stark davon aus, dass alle menschlichen Lebensvorstellungen im Bezug auf die Mitwelt eigentlich ähnlich gewesen sein müssten wie unserer heute.

St. Augustinus , der erst begeistert vom Manichäismus war, wendete sich später von ihm ab in Empörung und überlieferte uns in seiner Kritik viel über die Gründe, warum die Manichäer Tiere nicht töten, opfern oder essen wollten: http://books.google.de/books?id=lHZPAAAAYAAJ&redir_esc=y, + http://www.animalrightshistory.org/animal-rights-antiquity-ce/mani/mani.htm)

Im persischen Mythos gibt es den Humaay / Homa, den Phönix, der im Schahnameh und im iranischen Schöpfungsmythos auch Simorgh genannt wird, in prominenter Weise. Dieser mythische Vogel trug im gesamten Kulturraum zahlreiche, fast unzählige Nahmen, denn er stand für ein Seins-Prinzip.

Abbildung, Miniatur eines unbekannten Künstlers aus dem Schahnameh von Firdausi: Simorgh trägt das Kind Zal zu seinem Nest um es vor dem Tode zu retten.

Die bekanntesten Erzählungen über diese Vogelgestalt ist die von Farīd ad-Dīn ʻAṭṭār: The Conference of the Birds und die des im Gebirge nistenden Vogels Simorgh, der das ausgestzte Kind Zal rettet und aufzieht, im Schahnameh von Firdausi.

Nach der Vorstellung im iranischen Mythos teilte sich das Sein in drei Bereiche auf:

1. Die verletzliche Leiblichkeit auf dieser Erde, die „Tankard“; der Raum der Sichtbarkeit und Greifbarkeit.

2. Gab es den Bereich des Sichtbaren aber Ungreifbaren, der durch Simorgh dargestellt wurde. Simorgh konnte nur auf der Erde verletzt werden, aber auch niemals ‚getötet’ werden, sie war der Vogel der Wiedererstehung. Sobald sie vom Boden abhob, konnte man sie auch nicht mehr verletzen.

3. Und es gab den Bereich des Unsichtbaren und Ungreifbaren, den Bereich der Gottheit Vohuman, in der das Sein überging, wenn es auf der Erde verletzt wird und sich nicht mehr schützen kann.

Diese drei Bereiche waren untrennbar Verbunden. In dem Buch: Das Denken beginnt mit dem Lachen: die unsterbliche Kultur der Iran von M. Jamali und G. Y. Arani-May wird der Mythos des Simorgh in seinem Kontext erörtert. Das Buch ist hier abrufbar.

 

Würden Sie wegen Ihres Veganismus auch auf Gott und Glauben verzichten?

Palang LY

„Macht Euch die Erde untertan“ 1. Mose (1)

Würden Sie wegen Ihres Veganismus auch auf Gott und Glauben verzichten?

Wenn wir Tiere nicht als Produkte, als Ware betrachten, als Besitz mit dem man machen kann was man will, wieso sind wir dann bereit hinzunehmen, dass Tiere auf dem Altar der Religionen oder traditioneller Bräuche geopfert werden? Wir schließen Zirkusse und Pelz aus, obgleich auch sie Bestandteile unserer spezisistischen „Kulturen“ sind. Aber wenn es um den Glauben geht, dann ist uns unser Gott wichtiger als das Recht, das wir nichtmenschlichen Tiere zuteil werden lassen müssten, um als Menschen wirklich gerecht/er zu werden.

Sollten wir nicht von vegan lebenden Menschen erwarten können, dass sie wissen, dass ein Tier nicht nur nicht im Bezug auf Kommerz und Großindustrie verdinglicht und objektifiziert werden darf?

Manche sprechen vom Respekt gegenüber Tieren, der ausreiche um der Tierrechtsfrage gerecht zu werden. Und sie sagen es sei akzeptabel Tiere aus religiösen (sprich aus „geheiligten“) Gründen zu töten, wenn man dem Tier nur ausreichend Respekt gegenüber brächte. Und man soll das Tier, das zum Opfer wird, „human“ Töten. Das ist kein veganer Standpunkt, denn der Veganimus fordert, dass kein Tier zum menschlichen Nutzen eingesetzt werden darf. Die Religion kann hier keine Sonderregelung schaffen, denn es geht im Veganimus um Tiere und nicht um Gott.

Es geht um Lebewesen und das Leben. Wenn ich ein Tier meinen Zwecken unterwerfe, um es zu benutzen, zu verletzen und zu töten, dann lässt sich das nicht mit einer veganen Ethik auf sinnvolle Weise verbinden, auch wenn eine Religion solches von mir fordern möchte.

Manche sagen, das möge schon stimmen, aber so schnell könnten wir mit einem Umdenken bei religiös denkenden Menschen nicht rechnen, wenn überhaupt. Wir seien mit der veganen Bewegung ja überhaupt erst am Anfang und Religion und auf ihnen fußende traditionelle Bräuche könne man nicht von heute auf morgen abschaffen.

Solch eine Denkrichtung ist nicht ganz richtig. Denn auch wenn Gesellschaften – die im Westen oder die in der östlichen Hemisphäre gelegene Gesellschaften – bislang weit entfernt davon sind sich in Richtung eines Bewusstseins zu bewegen, dass Tiere auf ethische und affirmative Weise mit einbeschließen würde, nichtsdestotrotz richten sich unsere Vorstellungen über die vegane Lebensweise nicht nach dem „wie es in diesem Moment ist“ oder dem „wie es in der Vergangenheit war“, sondern nach dem „wie es sein sollte“!

Eine Utopie hat es bis hierher geschafft, und eine Utopie kann es, wenn sie nur konsequent durchgeführt wird, auch noch weiter schaffen.

So gravierende Lücken, wie die Inkaufnahme des Tieropfers in Religionen – d. h. rituelle und traditionelle Bräuche unangetastet zu lassen – bergen, außer dem Unrecht, das sie aus Tierrechtssicht darstellen, die Gefahr der Verwässerung in sich für die, die meinen, dass beides ging: konsequenter Veganismus und das Festhalten an einem Glauben, der das Gehorsam über die Vernunft setzt.

Der Sinn des Veganismus als das bislang effizienteste Mittel um der Tierausbeutung mit Widerstand zu begegnen, erscheint im Kontext von Religiosität fragwürdig, wenn die Religion den Menschen sowieso an die oberste Stelle der Schöpfung setzt. Eine Ergänzug im ethischen Codex wäre dann notwendig, kann in einem religiösen Denksystem aber nicht wirklich vollzogen werden, weil hier ja nur Gott und die von ihm Auserkorenen solche gravierenden Entscheidungen über Sein und Nicht-Sein und den Wert des Seins fällen dürfen.

Tiere sind keine Gegenstände, weder zum profanen Handel, noch im “erhabenen” Geiste – weder als Konsumgut, noch für einen Gott und dessen menschliche Schöpfung.

(1) „Und Gott segnete sie und sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“
http://bibel-online.net/buch/luther_1912/1_mose/1/ (letzter Zugriff vom 19. Nov. 2012)

Tierrecht oder Rassismus

Tiermord ist immer unendlich schlimm, unendlich grausam, niemals vertretbar. Irgendeine Variante des Mordes von einem nichtmenschlichen Tier als “human” zu bezeichnen ist spezisistisch. Die Art wie ein Lebewesen zu Tode kommt, selbst wenn es ein Gewaltsamer, von außen zugefügter Mord ist, spielt für das erleidende Subjekt aber immer eine Rolle.

Das betäubungslose Ausbluten lassen eines Tieres ist eine vergleichweise grausamere Tötungsmethode, als die Tötung der ein Betäubungsstoß vorausgeht. Das sind zwar graduelle Unterschiede, die zu diskutieren makaber erscheint, wo es doch eigentlich darum geht, dass jede intentionierte Tötung eines Tieres nicht sein dürfte. Aber im Sinne des Tierschutzes kann man dieser Frage nicht aus dem Wege gehen, ohne dabei in innere Konlikte zu geraten.

Kritik und die Emotionen, die sich um das Thema Schächten ansiedeln in die Ecke “rassistischen Gedankenguts” einstufen zu wollen, zeugt davon, dass der Fokus noch nicht ausreichend auf die Fragen des Tierschutzes und der Tierrrechte gelenkt ist, von denen, die die religiöse Freiheit als primäres Recht sehen.

Religiöse Fragen dürfen in einer sekularen, laizistischen Welt, in der “Kirche und Staat” getrennt werden, nicht über die Frage der Lebensrechte nichtmenschlicher Tiere gesetzt werden, will man an der ethischen Vernunftshaltung der Tierrechte festhalten.

Goerge Bernard Shaw schrieb in seinem 1929 erschienenem Intelligent Woman’s Guide to Socialism, Capitalism, Sovietism and Fascism, dass:

Wenn eine Kirche behauptet, dass sich andere Tiere vom Menschen unterscheiden weil sie keine Seele hätten, und dass Tiere für den Nutzen der Menschen geschaffen wären und nicht wegen ihrer selbst, wenn solch eine Kirche auf dieser Grundlage behauptet, dass Tiere keine Rechte und Frauen und Männer ihnen gegenüber keine Pflichten hätten, dann würde man deren Lehren aus den Lehrplänen der Schulen verbannen und ihren Anhängern würde seitens der sekularen Behörden Grausamkeit gegen Tiere vorgeworfen.

Wenn eine andere Kirche nun einen Schlachthof errichten will, in dem Tiere in einer vergleichbar grausameren Weise getötet werden, als durch die humanere Methode des städtischen Schlachthauses, würde man ihnen das untersagen und man würde auch fordern, dass diese Haltung nicht an deren Kinder weitervermittelt werden solle – außer natürlich wenn diese Gruppe in den städtischen Entscheidungsfindungen über ein ausreichend großes Mitbestimmungsrecht verfügt; und würden nun aber deren Mitglieder ablehnen “human” geschlachtetes Fleich zu essen, dann müssten sie, wie ich, zum Vegetarismus übertreten.

@BRDvegan

Willensfreiheit, die abrahamitischen Religionen und die Naturwissenschaften

«Willensfreiheit» in Augustinus Werk de civitate dei : http://bit.ly/augustinus_willensfreiheit , siehe auch allgemein http://de.wikipedia.org/wiki/Freier_Wille.

versus

“Wolf Singer – dessen Credo sein Geheimnis bleibt – ist Beirat in der religionskritischen Giordano-Bruno-Stiftung. Als Hirnforscher kam er zu dem Schluss, der Mensch habe keinen freien Willen. Weil das die Theologie seit Paulus an den Wurzeln trifft, wird Singers Position am Vatikan mit offenen Ohren gehört.” source: http://bit.ly/AtPDmh

Der Mensch besteht also aus Sündertum / Schuldig-Sein und kann sich über irgendeinen Determinismus nicht hinaus bewegen, höchstens ein Glaubensbekenntnis ablegen?

“Verschaltungen legen uns fest: Wir sollten aufhören von Freiheit zu sprechen.” so meint dieser jenige Gehirnforscher, siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Wolf_Singer (letzter Zugriff: 21.02.12)

Freiheit liegt aber, so denke ich, im Wirken des Gesamten.

Polemischerweise könnte man auch fragen: Handeln zum Beispiel Demonstranten – wie jetzt in den politischen Unruhen globalen Ausmaßes – aus einem unfreien Denken heraus? Wohl kaum. Ihre Gehirne sind aber nicht alle sezierbar und im Individuum wird sich keine absolute Regelmäßigkeit feststellen lasssen, die den Grundsatz der Einmaligkeit jeden Lebens (die Individualität) in Frage stellen kann.

Zu Augustinus und dem freien Willen: Sehr wohl wurde die Frage des Willens im Menschen auch im Christentum bejaht, wie von Augustinus, denn immerhin musste ein Mensch ja fähig sein, sich dazu entscheiden zu können – aus freiem Willen – Christ zu werden, und anderen Glaubensrichtungen oder “-verirrungen” damit abzusagen.

Auch muss man sagen es ist vorstellbar, dass Wolf Singer davon ausgeht, dass es keine Freiheit im Leben eines biologischen Organismus an und für sich gibt. Er begeht als vivisektionausübernder Gehirnforscher Gewalt an Tieren, und jedes fühlende Wesen, das mit Gewalt konfrontiert ist, wird unfrei, weil es Angst hat, weil ihm Schmerzen angetan werden.

Macht, im Sinne von gewaltausübender Macht, kann Freiheit nicht verstehen. Niemals … .