Podcast: Unwort “artgerecht”

Podcast: Unwort “artgerecht” (MP3)

Warum wir uns an dem Wort und unterschiedlichen Gedanken, die hinter dem Begriff “artgerecht” stehen, stoßen. Wer schreibt einer Gruppe von Tierindividuen zu, was deren grundlegende Bedürfnisse sind und an welcher Stelle sollten grundlegende Bedürfnisse im Leben eines Lebewesens eingrenzbar sein? Provokativ könnte man auch fragen ob man auch Menschen artgerecht behandeln kann.

Artgerechtigkeit bezieht sich auf das ganze Leben, den ganzen Lebenskontext eines Tieres. Wenn man also nur nichtmenschliche Tiere “artgerecht” behandeln kann, Menschen aber nicht, dann legt man damit fest, dass im Leben eines Menschen weit mehr fließende Übergänge im Lebensablauf und in seinen Lebenskontexten stattfinden als bei nichtmenschlichen Tieren. “Artgerecht” – sprich: die Eingrenzung und Bestimmung von Bedürfnissen und wo diese ihre Grenzen und Prioritäten haben – ist zu einfach um die Lebenskontexte von Tierindividuen zu beschreiben. Derer jeglicher Tierindividuen.

Hier sind auch einige Snippets, die mit der Materie zu tun haben und die Euch hoffentlich ebenfalls zum Denken anregen können. Uns geht es darum, dass die Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung wirklich eigene sinnvollere Terminologien (insbesondere Schlüsselterminologien) entwickeln sollte, statt sich der Sprache der bedingt objektiven Wissenschaften und derjenigen gesellschaftlichen Mehrheitssegmente zu bedienen, die effektive keine tierbefreierischen Ansätze verfolgen und die kaum ursächlich motiviert sind Nichtmenschen unter freieren, autonomie-respektierenden Gesichtspunkten zu betrachten.

Der Begriff “artgerecht” stammt primär aus der Agrarindustrie, den Tierhaltungsystemen, den Zoos, auch den zoologischen Programmen zur Nachzucht gefährdeter Spezies … weniger den Schutzreservaten, denn ich glaube um so freier und “wilder” der erhaltene Lebensraum, um so absurder und überflüssiger wird die Eingrenzung einer Spezies in einen bestimmten, eingrenzbaren Bedürfnisrahmen. Außer es geht um den “Artenerhalt” in Form einer Sortierung bestimmter Spezies, die als ökologisch erwünscht oder die bzw. als “fremd” und “schädigend” für ein ökologisches System klassifiziert werden, wo der Mensch die unerwünschte Spezies zur gewaltsamen Eliminierung freigibt. Die Tötungsmechanismen werden dann häufig wiederum unter “artgerechten” Gesichtspunkten ausgewählt.

Gruppe Messel: Freiheit, insbesondere Tierfreiheit, hat nichts mit „artgerecht“ zu tun

Das Wort „Freiheit“ im Zusammenhang mit „Artgerecht“ ist problematisch, denn Freiheit wird von Tierrechtler_innen selbst tatsächlich oft „artspezifisch“ definiert, und ist somit also überhaupt keine Freiheit mehr. Wäre man konsequent, müsste das Wort „Freiheit“ den Begriff „artspezifisch” logischerweise aufheben. Wäre die Freiheit „artgerecht“, dann wäre sie keine Freiheit mehr. Die Freiheit wird nicht einer Art gerecht, sondern das Individuum ist frei.

Anastasia Yarbrough: Rassismus und Speziesismus. Sind beide miteinander austauschbar?

Rasse und Spezies sind willkürliche Unterscheidungen die ungefähr in der gleichen Zeit im europäischen Denken entstanden. Beide sind geleitet von phänotypischen Unterscheidungen aber tragen das Gewicht und die Legitimität als seien sie biologisch verwurzelt, und biologisch wird oft gleichgesetzt mit etwas „Fixiertem.“

Barbara Noske: Die Tierfrage in der Anthropologie

Im besten Falle wird unsere „Animalität“ (unser Körper) als materielle Basis betrachtet, aus der sich unser echtes „Menschsein“ (Verstand, Sozialität, Kultur, Sprache) entwickeln konnte. Ironischerweise gravitieren viele Wissenschaftler um essenzialistische Positionen (wie Rasse und Geschlecht), die sie selbst in Hinsicht auf den Menschen ablehnen, sobald aber eine andere biologische Kategorie in Sicht kommt, und zwar unsere Speziesbarriere, wird eine biobehavioristische wissenschaftliche Charakterisierung in den Begriffen beobachtbarer Verhaltensweisen und Mechanismen dargestellt, von denen ausgegangen wird, dass diese im genetischen Aufbau der Tiere eincodiert sind. Biologie und Ethologie sind irgendwie zu den Wissenschaften über die Tierheit (animalkind) geworden. Es ist von diesen Wissenschaften woher die Sozialwissenschaftler (die Wissenschaften über die Menschheit) ihr eigenes Bild von Tieren und Tiersein unkritisch und zum größten Teil unbeabsichtigt beziehen. Tiere sind an biologische und genetische Erklärungen gebunden worden.

Chris von Olde Ghost: Ein Statement zu veganer Intersektionalität

Eine der Situationen, die mich immer wieder perplex machen, verwirren und oft auch erschüttern, ist wie Leute, die sich so dem Schutz, dem Erhalt und der Wiederherstellung der natürlichen Umwelt widmen, ein so geringes echtes Verständnis haben von der Verbindung zwischen dem Veganismus und den Auswirkungen, die eine auf Fleisch basierende Ernährung auf die Umwelt hat. In solchen Diskussionen wurde mir häufig entgegenet „naja, das Fleisch, dass ich esse ist von Tieren aus artgerechter Haltung, und daher ist es ok“ oder man kam mir mit dem blinden Versuch das Thema abzutun, indem man mir von den Negativauswirkungen von Sojabohnenprodukten etzählte, oder von der Tatsache, dass die vegane Lebensweise einfach „extrem“ sei.

Steven Bartlett: Menschlicher Widerstand gegen Tierrechte, psychologische und konzeptuelle Blockaden

Unabhängig vom religiösen Dogma, aber ebenfalls den homozentrischen Stempel tragend, hat der zweite, spezies-zentrierte Anspruch menschliche Interaktionen mit Tieren durchdrungen, in dem die Tiere vergleichsweise zur menschlichen Spezies als in vielen Weisen minderwertig befunden wurden. Nach dieser Ansicht wird behauptet, dass Tiere Eigenschaften ermangeln oder komplett fehlen, auf die Menschen bei sich selbst stolz sind: Der Besitz von Vernunft, Sprach- und Symbolverwendung, Fähigkeit zur Reflektion, Bewusstsein des Selbst und so weiter. Historisch haben Befürworter dieser Sichtweise eine extreme Agilität gezeigt in der Verschiebung ihrer territorialen Ansprüche von einer putativ speziell den Menschen unterscheidenden Eigenschaft zur nächsten, während Biologie und Ethologie weiterhin vorangeschritten sind und empirisch beweisen, dass eine einzigartig menschliche Eigenschaft nach der anderen von Mitgliedern anderer Spezies geteilt wird.

In der Zusammenhang noch einen Auszug aus Bartletts Text den ich hier noch gerne anführen möchte, in allgemeiner Hinsicht im Bezug auf diskriminierende Eingrenzungen von Nichtmenschen aufgrund ihnen zugeordneter biologischer Parameter.

[…] Der homozentrische Peter Singer schlägt eine welfaristisch-utilitaristische Theorie vor, die Menschen dazu auffordert, ihre eigenen Bedürfnisse mit den Bedürfnissen nichtmenschlicher Tiere auszubalancieren, in der Form, dass dadurch unnötiges Tierleid vermieden wird ohne dabei die Priorität menschlicher Interessen zu kompromittieren. Für Singer kann das Vorhandensein von Unterschieden in der kognitiven Fähigkeit korrespondierende Unterschiede im Grad moralischer Wichtigkeit mit sich bringen, und indem er dies sagt, schlägt er implizit eine Position vor, die karikiert werden kann als insistierend: um so mehr sie wie wir sind, um so wertvoller sind sie. In anderen Worten, die Spezies-Barriere ist aufgeweicht – aber nur bis zu dem Punkt, an dem die Ähnlichkeit zur menschlichen Spezies deutlich bleibt. Diese Position ist voller Probleme: zum Beispiel, es mag einige Leser erstaunen, dass Singer bezweifelt, dass für Tiere auf dem Weg zur Schlachtung, ihr schmerzloser Tod wirklich überhaupt eine Beraubung um etwas ist.

Vasile Stanescu: Warum Tiere zu lieben nicht reicht, eine feministische Kritik

In meiner Präsentation heute möchte ich die Aussagen von Kathy Rudy und die Praktiken von Catherine Friend kritisieren, als emblematisch für eine größere Bewegung, die den Feminismus mit Rechtfertigungen für einen fortgesetzten Konsum von Tierprodukten zusammenführen will. Ganz in Gegenteil dazu glaube ich, dass gerade aus der Position sowohl der feministischen als auch der queeren Epistemologie heraus, wir die Aufzucht und die Tötung ganz gleich welcher Tiere kritisieren müssen, auch wenn solche Praktiken als „human“ oder „artgerecht“ gekennzeichnet werden.

[…]

Über das Falsche am ländlichen Bild vom „Happy Meat“ [„glücklichen Fleisch“], hat Alice Walker in ihrem Essay „Bin ich Blue? sagen meine Augen dir dies denn nicht?“ geschrieben [im Englischen bedeutet ‚blue’ sowohl blau als auch traurig]. In dieser Kurzgeschichte erzählt Walker von der Begegnung mit einem Pferd, das jedes der Kriterien aufweisen würde, die Rudy für eine humane, „artgerechte“ Tierhaltung voraussetzt. So trägt dieses Pferd beispielsweise einen Namen, es ist gut genährt, es wurde nicht geschlagen oder „misshandelt“ und es verfügt sogar über zweitausend Quadratmeter an „schöner“ Fläche Land, in denen es umher galoppieren kann.

Dennoch lehnt Walker (die auch glaubt, dass Tiere lieben können und Emotionen haben) die Behandlung von Blue ab, weil das weibliche Pferd, in das Blue sich verliebt hat, von ihm getrennt wurde […].

Vasile Stanescu: Das Judas-Schwein, wie wir “invasive Spezies” unter Vorgabe des “Naturschutzes” töten

[…] So stellt auch seine Kritik an „Fabrikfarmen“ keinen Aufruf zur Beendigung allen Fleischverzehrs dar, sondern es ist nur ein Aufruf dazu, den Mangel an „Fürsorge“ für die Tiere zu beheben. Sein zugrunde liegendes Argument und die Art und Weise in der er imstande ist von den verwilderten Tieren zur artgerechten landwirtschaftlichen Tierhaltung überzuleiten, basiert auf der zweiten Idee, die, so meine ich, seinen beiden Argumenten unterliegt: der Biopolitik, dem Argument also, dass die Menschen das Leben selbst verwalten müssten. Das heißt, der Grundgedanke scheint zu sein, dass die „Natur“ sich nicht um sich selbst kümmern kann, ohne ständige menschliche „Intervention“. Und trotzdem muss genau zur gleichen Zeit diese „Intervention“ kontinuierlich im Verborgenen gehalten werden. Gleich den unsichtbaren Händen der Märkte, die der fortwährenden menschlichen Regulation bedürfen, scheint dieser Aufruf – sowohl zur Entfernung der verwilderten Tiere als auch zur Aufzucht artgerechten Fleisches – in simultaner Weise die ständige Einmischung der Menschen innerhalb des sogenannten „Natürlichen“ zu fordern und zugleich zu leugnen.

[…]

Ich möchte also diesen Diskurs bezüglich der Tötung verwilderter Tiere im Zusammenhang mit dem Diskurs über die artgerechte Viehwirtschaft betrachten. In Wirklichkeit werden Tiere aus vermeintlich humaneren, sog. artgerechten Haltungsbedingungen immer noch genetisch manipuliert, grob misshandelt und im Babyalter in industriellen Schlachthäusern getötet (Stanscu, „Green Eggs and Ham“; „Why Loving Animals in Not Enough“; „Crocodile Tears“). Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, so wäre diese Praxis immer noch praktisch irrelevant, da 99,9 Prozent aller Tiere, die zu landwirtschaftlichen Zwecken gehalten werden, unter den Bedingungen von Fabrikfarmen bzw. in der Massentierhaltung aufgezogen werden (Farm Forward). Ich habe daher auch zuvor argumentiert (Stanescu und Pedersen, „The Future of Critical Animal Studies“), dass der ganze Reiz oder die ganze Nützlichkeit eines locavoren Produkts darin liegt, die beinahe universelle Realität des Fabrikfarmensystems zu maskieren, und, was noch wichtiger ist, die Realität der harten Wahl, die getroffen werden muss, zu maskieren – dass es im Wesentlichen nämlich unmöglich ist, Fleisch und Ethik, beides zu haben. In anderen Worten: das, was die Verbraucher zu einem erhöhten Preis kaufen, ist nicht das Fleisch per se, sondern das Vergessen, dass eine Wahl getroffen werden musste. Und als solche dienen diese wenigen Vorzeigetiere, die auf den vermeintlich humaner oder artgerecht betriebenen Höfen leben, in einer Art symbolischer Stellvertretung der Wiedergutmachung, vergleichbar mit der sonderbaren Praxis der Präsidenten der Vereinigten Staaten einen Truthahn vor Thanksgiving, zu dem in den USA Millionen Truthähne getötet werden, zu begnadigen (Fiskesjö). In ähnlicher Weise agieren diese Höfe, als begnadigten sie symbolisch einige wenige Tiere, um eine Wiedergutmachung für die schätzungsweise 70 Milliarden Tiere zu betreiben, die nun bald weltweit fast ausschließlich unter Farbrikfarmbedingungen getötet werden.

Podcast: Verbindungsstellen zwischen Menschen- und Tierrechten erkennen

Podcast: Die Verbindungsstellen zwischen Menschen- und Tierrechten erkennen (MP3)

Oft haben wir in den sozialen Feeds von uns intersektionalen Tierrechtlern nur dieses Ping-Pong zwischen einem Tweet für Tierrechte und einem für Menschenrechte … , aber kaum diskutieren wir die tatsächlichen Verbindungsstellen zwischen Unterdrückungsformen wie Rassismus und Speziesismus. Ich habe einige sehr interessante intersektionale Texte von englischsprachigen Autor_innen übersetzt, in denen klar wird, wo Unterdrückungsformen sich berühren und wie wir die Verbindung in logischer und vernünftiger Weise herstellen können: siehe einige Texte hier.

In Zeiten, in denen die Menschenrechte zunehmend zur Farce wegschrumpfen, Lebensräume für Menschen wie Tiere weltweit nurnoch dominiert werden von machtvollen Menschengruppen, wo Rassismus, Sexismus, Ableismus … und die Gewalt gegen Nichtmenschen in Form von Speziesismen und Gewalt gegen die natürlichen Lebensräume von Nichtmenschen sich zur totalen Zerstörung verdichten, können wir nicht sagen, wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, sondern wir sollten Kritik üben und Kritik überhaupt üben können in den täglichen Diskussionen mit Mitmenschen und bei unserem Output in sozialen Netzwerken zum Beispiel.

Dies ist ein Aufruf die Verbindung zwischen Menschen- und Tierrechten vermehrt zu verbalisieren, und nicht nur bei dem Nebeneinander der Tragödien zu verharren.

P.S. Es reicht meiner Meinung nach nicht für die Argumentation für die Schnittstellen von Menschen- und Tierrechten von der sensuellen Empfindsamkeit beider “Klassen” von Lebewesen (….) auf biologischer Grundlage zu sprechen. Ich weiß, dies tat Jeremy Bentham Ende des 18. Jahrhunderts schon als Utilitartist der er war sehr überzeugend, aber genau da ist der Knackpunkt: wir sollten uns seit der Diskussion über Tierethik und/oder Tierwürde, etc. seit dem 18. Jhdt. doch inzwischen ein bisschen weiter voraus wagen.

Sebastian McJetters: Queere Menschen haben ein Problem mit den Republikanern … und Tieren geht es da nicht anders

Headline: „Republikanischer Abgeordneter: „Es exisitert ein ‚Unterschied’ zwischen Schwulen und Menschen“

Christopher McJetters: Queere Menschen haben ein Problem mit den Republikanern … und Tieren geht es da nicht anders

Titel des Textes im Original: , Queer people have a republican problem…but animals have one toohttps://strivingwithsystems.com/2017/06/28/queer-people-have-a-republican-problembut-animals-have-one-too/. Übersetzung: Gita Yegane Arani, mit der freundlichen Genehmigung von Crhistopher McJetters.

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Während einer Debatte vom letzten Monat über ein Gesetz zum Schutz von LGBT-Menschen hat der republikanische Politiker Rick Brattin folgendes erklärt: „Wenn man sich die Grundlagen der Religionen anschaut, der der Bibel, des Korans und anderer Religionen, so gibt es einen Unterschied zwischen Homosexualität und dem schlichten Menschsein.“

Ich wiederhole den letzten Teil des Satzes nochmal für die Leute in den hinteren Reihen: Es existiert ein Unterschied zwischen Homosexualität und der schlichten Tatsache ein Mensch zu sein. Tatsächlich. Brattin glaubt, dass Homosexualität einen Menschen unmenschlich macht. Und er ist mit seiner Überzeugung nicht alleine.

Ich war natürlich entsetzt angesichts solch einer bemerkenswerten Aussage. Aber dann erinnerte ich mich, dass diese Worte nur die letzten sind in einer langen und stolzen Geschichte von konservativen US-amerikanischen Politikern, die Erklärungen mit einer Qualität geistiger Brandstiftung über queere Menschen von sich gegeben haben. Doch diese Überlegung überraschte mich noch nicht einmal.

Der einstige Präsidentschaftskandidat (und jedermanns liebstes komplettes Desaster) Dr. Ben Carson erklärte im Jahr 2014, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu Pädophilie und Zoophilie führen würden. Und Rick Santormum [A.d.Ü. ein weiterer republikanischer Politiker und Kongressmann, ehem. Senator des Bundesstaates Pennsylvania] hat solche Thesen mindestens seit dem Jahre 2003 verbreitet.

Wenn man nun mal davon absieht, dass dieses waghalsige Argument jeglicher Logik entbehrt (und völlig bekloppt ist) … und wenn man auch einmal davon absieht, dass die meisten pädophilen und zoophilen Akte von Leute begangen werden die „straight“ sind [A.d.Ü. d.h. der völligen heteronormativen ‚Normalität’ entsprechen], zeugen Brattins Worte von einem immer wiederkehrenden Argumentationsstrang, den wir schon zuvor hier diskutiert habe, und zwar die Erfindung des Menschseins als einer politischen Identität.

Wie wir sehen ist „der Mensch“ ist ein kodierter Ausdruck, der für normatives Weißsein [A.d.Ü. siehe Erklärung zum Begriff ‚Weißsein’ unten] steht. Der Zugang zu diesem Weißsein wird nur durch die Sprünge mehrerer brennender Reifen gestattet. Und ratet mal was. Dieser Zugang ist flüchtig und er kann jederzeit widerrufen werden. Jeder der nicht im Sinne der Standards normativen Weißseins als ‚menschlich’/’Mensch’ gilt ist nicht mehr als entweder eine Kollateralschaden, minderwertig oder er stell eine ausbeutbare Ressource dar (und dieser letzte Punkt kann nichtmenschliche Tiere einbeschließen, Schwarze, so ziemlich jedes Wesen mit einem funktionierenden Uterus, Geringverdienende oder diejenigen auf die all dies gleichzeitig zutrifft!).

Weiße schwule Männer dürfen dem Club beitreten … aber auch nur manchmal. Der Schutz durch das Weißsein gilt für sie nur begrenzt, basierend auf ihrer Fähigkeit heterosexuelle Maskulinität darzustellen. Und, wie wir in Brattins Kommentar feststellen können, der Poposex kann sie manchmal direkt vor den Bus werfen.

Und wenn die Kommentare im Pink News Artikel uns dies irgendwie aufzeigen können, so sind sie nicht allzu glücklich darüber.

Natürlich, animalisiert zu werden stellt für jede farbige Person unter den Blicken normativen Weißseins nichts wirklich Neues dar. Leute haben schwarze Menschen schon ewig mit Tieren verglichen. Fragt Serena William oder Michelle Obama, Es gibt unzählige Beispiele. Und wenn Du eine queere schwarze Frau bist, dann hast Du in jeglicher Hinsicht Probleme, denn Du stehst genau mitten in der Kreuzung von „Rasse“ [A.d.Ü. siehe Anmerkung zum Begriff „Rasse“ unten], Gender und Sexualität. Und der Bus ist SCHNELL da. Und bitte, denkt nicht einmal darüber nach auch zusätzlich noch trans zu sein, denn … (verstummt in Erschöpfung bei dem Gedanken mehr als 14,000 weitere Worte niederschreiben zu müssen).

Die Falle in die wir natürlich treten, ist die, dem Weißsein weiterhin die Vorteile dieser Hierarchie zu gestatten. Der Mensch (lies: Weißsein) kann nicht oben auf dem Hügel sitzen wenn wir den Hügel insgesamt abschaffen. Als ich damit aufhörte zu versuchen mein Menschsein in den Augen des Weißseins beweisen zu wollen, und mich stattdessen mit den marginalisierten Personen zusammentat in einem Sinne der Tiere mit einbezog, gelangte ich zu einem bindenderen Sinne von Solidarität. Die langjährige vegane und queere Aktivistin pattrice jones befasst sich mit diesem Thema in ihrem Vortrag über die Gemeinsamkeiten von Unterdrückung, der für mich eine maßgebliche Rolle bei der Veränderung meines Rahmenkonzepts spielte.

Als schwarze queere femme-of-center Person der Menschenrechte etwas bedeuten meine ich, dass unser gemeinschaftliches Verständnis dessen was diese Rechte bedeuten, einen Drall in die Richtung erhalten hat, dass wir dadurch einen eigenen Zugang zum Weißsein [A.d.Ü. siehe Erklärung zum Begriff „Weißsein“ unten] erhalten würden, statt wirklich nach Gerechtigkeit zu suchen. Und da dies immer noch die Hierarchie von Unterdrückung aufrecht erhält, bin ich daran nicht interessiert. Das heißt zum Teil fokussiere ich aus diesem Grund stattdessen meinen Aktivismus auf Tiere. Wir wissen inzwischen bereits, dass Unterdrückung in Isolation am besten gedeiht. Unser Privileg also dazu zu nutzen um uns selbst auf eine Linie mit den marginalisierten Gruppen zu bringen, stellt also eine direkte Bedrohung für die Institution weißen Überlegenheitsdenkens dar.

Obwohl, wenn man es realistisch betrachtet schaffen es weiße queere Leute (insbesondere Männer) kaum ihre Solidarität farbigen queeren Menschen gegenüber zu bekunden, das letzte Beispiel war die Menge an boshaft rassistischer Kritik an queeren Leuten in Philadelphia die eine neue Variante der Pride-Flagge in ihrer Community vorgestellt hatten. Vielleicht bete ich also bloß für ein Wunder.

Und, eine Ausschlussklausel: Bevor es Dir vielleicht einfällt zu sagen, dass auch einige schwarze Leute diesen Firlefanz mit unterzeichnen würden, so wissen wir dies bereits. Und das ist auch warum ich den Begriff des normativen Weißseins so betone. Du musst nicht tatsächlich weiß SEIN um dich damit zu identifizieren oder das normative Weißsein fortzusetzen. Eine anti-schwarze Haltung ist so schlimm wie eine Droge. Und ironischerweise beschränkt sich die Sucht danach nicht auf irgendeine Hautfarbe.

Und wenn wir schon gerade davon sprechen, können wir nochmal kurz zurück zu Ben Carson gehen? Ich denke wir müssen wirklich etwas tun. Dieser Mann ist ein Hirnchirurg. Ein echter GEHIRNCHIRURG. Ich glaube ihr solltet Euch alle mehr fürchten als ich glaube dass ihr es tut.

Anmerkungen des Übersetzters:

Zum Begriff des Weißseins: „Weißsein ist die soziale Lokalisierung von Macht, Privileg und Prestige. Es ist ein unsichtbares Päckchen unverdienter Vorteile. Als eine epistemologische Überzeugung ist es manchmal eine Handhabe der Verneinung. Weißsein ist eine Identität, eine Kultur und eine oft kolonialisierende Lebensweise, die Weißen zumeist nicht bewusst ist, aber selten nicht den ‚People of Color’ [Nicht-Weißen]. Das Weißsein trägt auch die Autorität innerhalb des größeren Kulturraums den es beherrscht, indem es die Bedingungen festlegt wie jeder Aspekt von Rasse diskutiert und verstanden wird. Das Weißsein verfügt so über einen Facettenreichtum und ist durchsetzend. Das systemische Weißsein liegt im Mittelpunkt des Problems von ‚Rasse’ innerhalb dieser Gesellschaft.“ Zitiert aus: Barbara J. Flagg, Foreword: Whiteness as Metaprivilege, Washington University Journal of Law and Policy 1-11 (2005).

Der Begriff ‚race’ wird in der kritischen Diskussion über Rassismus im Amerikanischen in seiner politisierten Bedeutung verwendet und ist klar abgegrenzt zu verstehen von einem rassenbiologistischen Begriff, wenn er sich im westlichen Denken auch ursprünglich darauf begründet hat. Ich setze den Begriff „Rasse“ der Übersetzung in Anführungszeichen, da der Begriff im deutschen Sprachgerbauch vorwiegend durch seinen geschichtlichen Hintergrund der rassistischen Propaganda des NS-Regimes gekennzeichnet ist. In einigen anderen rassismuskritischen Überserzungstexten habe ich nichtdestotrotz bei der Verwendung des Begriffes auf die Anführungszeichen verzichtet, da der Unterschied zwischen politisiertem und rassenbiologistischem Sprachgebrauch aus solchen Texten prinzipiell klar hervorgeht. Da dieser Text einen weitläufig einführenden Charakter hat, habe ich mich hier für die Setzung in Anführungszeichen entschieden.

Alle Links: Stand 15.07.2017.

Introspektionen und Distanz. Eine Eigenkritik am Vegansein, denn es umfasst noch nicht genug.

Was mich interessiert ist der Grund, warum die ‘vegane Bewegung’ im deutschsprachigen Raum so kaum kritisch mit sich selbst umgehen will. Das fällt mir besonders auf, bei der Kluft zwischen Wunsch und Realität in Sachen ‘wir sind moralisch ja doch überlegen – weil wir die Tiere in unsere Ethik mit einbeziehen’.

Meine lieben veganen Kolleg_innen werden ihrem Anspruch in einer eingegrenzten und praxisorientierten Ebene gerecht, aber die Ursachen von Speziesismus (als den Veganismus notwendig machende Unterdrückungsform) werden nicht weiter hinterfragt und ‘veganisiert’. Und so und anders ist der Veganismus noch lange nicht die letzte Station in Sachen intersektionaler Gerechtigkeit, die wir jemals erlangen könnten.

Man denke an folgende offensichtliche Defizite:

Wie geht man mit dem veganen Konsumerismus um?

Das schlimme ist, dass immer nur ein Weg als der gangbare untereinander gefördert wird. So haben wir es auf der einen Seite mit der Gruppe Veganer_innen zu tun, die sagen, jeder Konsum ist gut, solange vegan… und mit der andere Seite, die da sagt, wir müssen alles in Richtung Postwachstum ausbauen und eine biovegane Landwirtschaft (1) als gemeinsame Utopie verfolgen. Die reell existierende Schnittmenge (denn wir alle sind gezwungen irgendwie zu konsumieren) und die bislang kaum wahrgenommenen Ruderalerscheinungen (andere, vielleicht auch weniger spektakuläre vegane Lebensmodelle) ringsherum fallen in der Selbstwahrnehmung der ‘veganen Bewegung’ generell unter den Tisch.

Wie geht man mit der veganen Entpolitisiertheit um?

a.) in Sachen Menschenrechten: die Veganer_innen in unseren Gefilden halten sich zumeist für interessiert an globalen Menschenrechten. Die Warte, die aber immer vorwiegend eingenommen wird, ist eine weiß-zentrische, patriarchal-freundliche, die die Folgen von Rassismus und (Post-)Kolonialisierung und das Ineinandergreifen unterschiedlicher Herrschaftsstrukturen und hegemonialer Unterdrückungsmechanismen als ‘Minderheitsprobleme’ (2) abtut. So kannst Du kaum erwarten, dass ein_e Veganer_in hierzulande sich dafür interessiert, was tatsächlich in einem anderen Land an Menschenrechtsverstößen los ist. Ein Mensch, der die Privilegien unserer neoliberalen Demokratien genießt, braucht sich nur nach dem Soll zu richten, dass die Medien und ein allgemeines soziales Unwohlsein und schlechtes Gewissen in der Gesellschaft ihm vorgibt.

b.) auf welcher Ebene wird der Veganismus eigentlich beworben? Es gibt die Veganer_innen, die die gesundheitlichen Aspekte betonen, und diejenigen, die mit der ethischen Seite werben und primär argumentieren… soweit, dass Nichtmenschen ja auch fühlende Wesen sind; aber viel mehr wird auch nicht am anthropozentrischen Gerüst gekratzt … und das waren wohl auch schon beide Hauptströmungen im Veganismus. Beide sind in dem Punkt miteinander d’accord, dass sie auf die Ernsthaftigkeit der Tierunterdrückung nur mit einer Tierethik hinweisen, die Tiere immer noch als Objekte der Definitionshoheitsgebiete einer anthropozentrischen Naturwissenschaft, eines anthropozentrischen Rechts, solcher Religionen und Kulturen und Kulturverständnisse betrachten. Der eigentliche Unterdrückungsmoment ist also im weiß-zentrischen Veganismus immer noch nicht behoben.

Der Lösungsweg zur veganen Gesundheit und die Vorstellung von veganer Konsequenz liegt zumeist einerseits in der Propagierung eines konsumabhängigen Hebels (3) und Lifestyles, und andererseits haben wird den Anspruch auf vegane Kompetenz im kollektiven Aktivismus bei Demos, in sozialen Netzwerken, in Vereinen, bei Konferenzen, in der Obhut des Kulturindustriellen- und Bildungsindustriellen-Komplex… , wobei immer wieder Mehrheitsprinzipien begünstigt werden und dabei wenig pluralistisches Denken und Handeln zugelassen und/oder hervorgebracht wird. (4)

Der intersektionale Anspruch der ‘aufgeklärten’ Variante des weiß-zentrischen Veganismus klammert immer noch aus, den Tieren im politischen und soziologischen Zusammenhang als ‘animal bodies’ eine Autonomie zuzugestehen und die Menschen in einem weitaus größeren Geflecht zu betrachten als unter dem Gesichtspunkt weiß-zentrischer Narrative. Dies mag an den stagnanten Vorgehensweisen liegen die man wählt, oder daran, dass das Konzept des Veganismus selbst immer noch zu vage ist und in seinen politisch/ethischen/sozialen Forderungen nicht wirklich weit genug geht.

Ich denke immer noch man könne den Veganismus ausbauen, aber vielleicht muss man auch an neuen konkreteren Konzepten basteln. Und das Bewusstsein, dass Tiere mit in den ethischen und politischen Raum hineingehören, ist vielleicht einfach eines, das eh, ganz selbstverständlich im Zuge menschlicher Emanzipation fällig war.

(1) Die biovegane Landwirtschaft interessiert sich für die nichtmenschlichen Tiere, denen Raum zurückgegeben müsste, auch nur als ‘abwesenden Referenten”, indem ihnen in der Lebensgemeinschaft, für die man ‘Land’ in veganer Weise in Anspruch nimmt, keine tierliche Teilhabe zugestanden wird und man ihrer Problematik nur als indirekt adressierbar begegnet. Das Problem des Lebensraumes wird den Lebenshöfen überlassen, die als ‘Utopie’ und Lebensform weit weniger seitens des Veganismus durchformuliert werden. Siehe für eine Kritik an dieser Handlungsweise: Vegan Mergers: Sanctuaries, Veganic Land ‘use’ and Biotopes.

(2) Zur Unsichtbarkeit neoliberalen Post-Rassismus: Neoliberal Racism’s Post-Racial Playbook, wobei der ‘Unsichtbarkeit’ als soziales Problem der Unterdrückungsmechanismen überhaupt fortwährend und übergreifend begegnet werden muss.

(3)  “Bei vielem der Rhetorik, die sich um das koloniale Weißsein windet, geht es um Ängste bezüglich des Körpers und um Reinheit. Und dann schließlich, ein Konzept das nun eher neu dazukommt: Neoliberalismus: dass eine Veränderung effektiv nur durch die individuelle Macht der Konsumenten herbeigeführt werden kann, nicht aber durch strukturelle Veränderungen. Alles was du zu tun hast, ist ein veganes Produkt zu kaufen um damit einen gesunden Körper zu erlangen.” – A. Breeze Harper: Vegane Nahrungsmittelpolitik: eine schwarze feministische Perspektive.

(4) Das Denken, als Notwendigkeit und Chance im Aktivismus, fällt im Veganismus noch zu viel unter den Tisch, und so wird kein zugrunde liegendes Konzept, kein Rahmenwerk einer ‘veganen’ Ethik entwickelt. Die antirassistische Tierbefreiungs-Aktivistin Aph Ko äußert dazu folgende Kritik:

“Viele Leute bereifen nicht, dass das Denken tatsächlich einen Teil unseres Aktivismus ausmachen sollte. Das Denken wurde schon viel zu lange von der akademischen Welt vereinnahmt und so meinen wir, dass wir Theorie und Gedankenentwicklung eben ‚diesen’ elitistischen Menschen überlassen sollten … wenn genau aber dies doch einen Teil der öffentlichen Domäne ausmachen sollte.
[…]
Da zahlreiche unkritische Menschen Führungspositionen in den Bewegungen einnehmen, verlässt man sich auf sehr einfache, an der Oberfläche verharrende Taktiken um Menschen zu einem politischen Lebensstil hingehend zu „schocken“. Daher hat der Veganismus auch einen entsprechend schlechten Namen erhalten … er bleibt an der Oberfläche und ist sensationalistisch. Bildlichkeit kann funktionieren, insbesondere wenn sie an ein neues Rahmenwerk gebunden wird … aber die Schaffung neuer konzeptueller Rahmenwerke ist generell genau der Teil, der übersehen wird.”

Siehe: Eine antirassitische Aktivistin, die für die Tierbefreiung kämpft. Ein Interview von Mark Hawthorne mit Aph Ko.

Krokodil @veganerbund

Eine antirassitische Aktivistin, die für die Tierbefreiung kämpft. Ein Interview von Mark Hawthorne mit Aph Ko.

Ein Interview von Mark Hawthorne mit Aph Ko

Aph Ko: Eine antirassitische Aktivistin, die für die Tierbefreiung kämpft

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Quelle dieses Interviews mit Aph Ko ist Mark Hawthornes Blog ‚Striking at the Roots: Animal activism around the world’: Aph Ko: Anti-Racist Activist Fighting for Animal Liberation, https://strikingattheroots.wordpress.com/2016/05/31/aph-ko-anti-racist-activist-fighting-for-animal-liberation/. Übersetzung: Gita Yegane Arani-Prenzel, mit der freundlichen Genehmigung von Aph Ko und Mark Hawthorne.

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Wer sich im letzten Jahr aktiv in der veganen Bewegung engagiert hat, der hat bestimmt bereits schon etwas von Aph Ko gehört. Aph ist im Bereich sozialer Gerechtigkeit aktiv und setzt dazu in effektiver Weise die sozialen Medien ein. Sie hat 2015 das Projekt ‚Black Vegans Rock’ gegründet, nachdem sie als vegane Aktivistin einen Bericht mit einer erstmaligen Auflistung 100 schwarzer Veganer_innen verfasste, und, sie ist die Gründerin von Aphro-ism – einer Webseite, die sich der schwarzen veganen feministischen Analyse widmet, und die sie gemeinsam mit ihrer Schwester Syl Ko betreibt. Beide fordern dort das, was sie als eine „epistemologische Revolution“ bezeichnen, indem sie über die Unterdrückung von Tieren und rassifizierte Unterdrückung schreiben. „Wir glauben, dass wir mitunter mehr für die Tiere und uns selbst tun können, indem wir die Art und Weise ändern, wie wir tatsächlich begreifen, warum Unterdrückung überhaupt geschieht,“ erklärt Aph in dieser beeindruckenden Rede, die sie anlässlich der Intersectional Justice Conference im Staate Washington gehalten hat, und bei der ich die Ehre hatte Aph und einige andere beachtenswerte Aktivist_innen im März dieses Jahres kennen zu lernen.

Aph ist auch eine Produzentin unabhängiger Medien und die Schöpferin der Comedy-Webserie ‚Black Feminist Blogger’. Man braucht wohl kaum erwähnen, dass Aph außerordentlich beschäftigt ist, ich bin ihr daher also besonders dankbar, dass sie sich die Zeit genommen hat, mir auf einige Fragen über ihren Aktivismus per Email zu antworten. Ich denke Ihr werdet von ihren Denkanstoß gebenden Antworten sehr begeistert sein.

Aph, du bist im Punkte digitaler Medien unheimlich bewandert – bloggen, Videos, die sozialen Medien, Online-Artikel. Bist Du der Meinung, dass es eine Form gibt, die sich für den Aktivismus für soziale Gerechtigkeit in ihrer Effizienz ganz besonders eignet?

Ich denke all diese Formen dienen einem einmaligen und spezifischen Zweck. Videos sind hilfreich dabei, bestimmte Narrative voranzutreiben, in einer Weise wie es das Bloggen nicht kann; Bloggen hingegen ist eher persönlich. Es hilft mir dabei, meine eigene Stimme auszutesten, während ich anderen dabei zugleich gute Ressourcen empfehlen kann. Ich denke deine Stärken geben dir vor, welches Medium du am besten verwenden solltest. Wenn du mehr Fähigkeiten darin besitzt, deine Gedanken expressiv zu artikulieren und Zusammenhänge eher über das Sprechen herleitest, dann ist es wahrscheinlich besser wenn du ein Video machst. Wenn du deine Gedanken aber besser über das Schreiben organisieren kannst, dann ist es von Vorteil, wenn du ein Blogposting verfasst.

Ich glaube viele Veganer_innen sind sich in dem Punkt einig, dass die digitalen Medien dabei geholfen haben, die vegane Botschaft voranzubringen. Denkst Du, dass die digitalen Medien auch dabei hilfreich waren, Fortschritte bei den Themen zu erwirken, die die marginalisierten Gruppen anbetreffen?

Ich würde sagen ja und nein. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich realisiert habe, wie ich die digitalen Medien dazu gebrauchen wollte, um meine Stimme zu verstärken, während ich mir aber gleichzeitig mein Gefühl für die Gemeinschaft bewahrt habe. Ich denke, dass die digitalen Medien und das Internet insgesamt bloß eine Erweiterung der realen Welt, in der wir leben, darstellten, und so beherrschen Rassismus und Sexismus selbst auch diese digitalen Räume. Aus diesem Grund erhalten auch bestimmte Stimmen mehr Aufmerksamkeit als andere. Bestimmte Versionen der Realität werden verbreitet, während andere zur Seite gedrängt werden.

Und das ist auch warum das eurozentrische Denken und das Weißsein [1] beinahe alle Bewegungen sozialer Gerechtigkeit befallen – selbst online. Weiße Menschen schreiben zum größten Teil die Literatur, die verbreitet wird. Ihre Sichtweise über Unterdrückung und Befreiung wird als einzige oder als die maßgebliche Perspektive betrachtet. Und, da sie die über die meisten Ressourcen verfügen, sind sie auch imstande dazu, zu den bestimmenden Autor_innen in den Forderungen nach sozialem Wandel und im Aktivismus zu werden, was allerdings verheerende Konsequenzen mit sich gebracht hat.

In der Vergangenheit habe ich Stunden damit verbracht, die Art zu bekämpfen wie Weiße ihre Arbeiten erledigen, bis ich eines Tages gemerkt habe, dass mich das Ganze einfach nur noch langweilte. Die weiße Realität fortwährend zu bekämpfen, lässt einen zu dem Eindruck gelangen, als sei deren Realität tatsächlich die einzige die existiert. Ich musste meine eigenen Erfahrungen validieren indem mit People of Color [2] sprach, indem ich für und an People of Color schrieb und indem ich Texte von People of Color las. Und hierbei halfen mir die digitalen Medien. Ich habe meine Herangehensweise an die Themen Unterdrückung und Befreiung dabei absolut revolutionieren können und bin dafür vielen schwarzen radikalen Autor_innen dankbar, die unermüdlich online arbeiten um qualitativ hochwertige und wegweisende Analysen zu bieten.

Für minorisierte Menschen ist es schwer online miteinander zu kommunizieren, ohne einem weißen, sich einmischenden Kontrollblick ausgesetzt zu sein und ohne Appropriationen. Sobald einige Minderheiten bemerken, dass Weiße ihnen zuschauen, ändern sie ihr Verhalten oder fangen an ihre Artikel auf ein weißes Publikum zuzuschneiden.

Ich kann dir nicht sagen wie viele Vegans of Color Essays und Artikel FÜR Weiße schreiben, während sie dabei die farbige Leserschaft total außer Acht lassen.

Und daher denke ich, dass abhängig davon wo man sich gerade in seinem Aktivismus befindet, die digitalen Medien entweder ein Werkzeug zur Befreiung sein können, dass einem dabei hilft sich mit Leuten zu verbinden, die ebenso dabei engagiert sind sich für einen positiven Wechsel in der Welt einzusetzen, oder sie können dir dabei helfen, die weiße Version der Realität (ungeachtet deiner Hautfarbe) zu reproduzieren.

Es ist (wirklich) schwer einen echten Wechsel online zu erleben, wenn das digitale Terrain auf dem wir stehen, sich im Besitz Weißer befindet.

Welchen Rat hast du für Leute, die damit beginnen wollen, die digitalen Medien für ihren Aktivismus zu gebrauchen?

Meine Antwort hängt zum größten Teil davon ab, wer mir solch eine Frage stellt. Der Kontext spielt hier definitiv eine Rolle. Wenn du eine weiße Person bist, die eine Webseite oder ein digitales Projekt über Tierrechte oder Feminismus oder Antirassismus starten will, dann halte inne und überlege mal, warum du meinst du müsstest dies tun wenn es bereits so viele Räume gibt, die von Weißen geschaffen worden sind. Bietest du wirklich eine Perspektive die es nicht schon da draußen gibt, oder willst du einfach ein wenig digitales Land für dich einnehmen?

Wenn du eine Person of Color bist, würde ich dir zuerst einmal zur Vorsicht raten, bevor du damit beginnst, deine Ideen kostenfrei dort in die Welt zu tragen. Es gibt vermehrt Belege dafür, dass Ideen und Gedanken, die von People of Color online gestellt werden, immer öfter gestohlen werden. Das heißt, dass eine Urheberschaft von People of Color nicht gekennzeichnet wird, oder auch, dass sie für ihre Ideen nicht kompensiert werden, was wiederum bedeutet, dass farbige Aktivist_innen wirklich vorsichtig sein sollten, wenn sie die digitalen Medien verwenden um andern ihre Gedanken mitzuteilen.

Ich würde sagen, dass man nicht all sein Vertrauen in das Internet oder die sozialen Medien stecken sollte. Zum Beispiel ist es kein Zufall, dass weiße Männer einige der erfolgreichsten Plattformen sozialer Medien, die wir heute verwenden, geschaffen haben. Dies sollte Activists of Color, die diese Räume gebrauchen um antirassistische Befreiungsprojekte [3] zu schaffen, etwas signalisieren. Das Rohmaterial, das wir in unserem Aktivismus gebrauchen, spielt eine Rolle.

Ich musste das in einer unliebsamen Weise herausfinden. Meine Ideen wurden gestohlen, neu verpackt, und ich habe zusehen müssen wie andere dafür Gelder einstrichen – für genau die Dinge, die ich zuvor geschrieben hatte (selbst Activists of Color haben meine Arbeiten verwendet). Ich bin dadurch viel vorsichtiger damit geworden, meine Texte online zu veröffentlichen. Wenn man etwas Neues oder Interessantes zu sagen hat, dann haben Leute häufig die Neigung, sich in deine Richtung zu bewegen und dann tatsächlich Dinge zu übernehmen, die du geschrieben hast. Um ehrlich zu sein, betrachte ich das Bloggen insgesamt durch diese Erfahrung in einem ganz andern Licht.

Ich denke People of Color müssen lernen die geschäftliche Seite des Aktivismus zu begreifen, bevor sie sich der digitalen Welt anschließen und beginnen, ihr zu vertrauen … denn nicht zuletzt ist der Aktivismus selbst zum größten Teil ein Geschäft. Im überwiegenden Maße besitzen Weiße die größten Non-Profits und die korporativen Aktivist_innen-Seiten und -Räume. Den People of Color ist dies nicht ganz so bewusst, da wir eher dazu tendieren an den Aktivismus aus Gründen des Überlebens zu kommen und nicht so sehr wegen des Geschäfts (dies trifft allerdings nicht auf alle Fälle zu).

Wenn marginalisierte Menschen also die digitalen Medien für ihr Überleben einsetzen, und man die Leute der dominanten Klasse hat, die digitale Medien für Geschäftszwecke nutzen, dann kannst du dir wohl ausmalen als wie predatorisch und brutal sich das digitale Territorium für einige von uns entpuppen kann.

Ich entwickle ein zunehmendes Misstrauen der Onlinewelt gegenüber als ein Vehikel für den sozialen Wechsel. Und deshalb erkunde ich zusätzliche Möglichkeiten was zum Beispiel die Printmedien anbetrifft. Minorisierte Aktivist_innen sollten meiner Meinung nach viel mehr Kraft in das Verfassen von Buchpublikationen oder in die Schöpfung eine Zines stecken … als etwas haptisches, das man besitzen kann, statt das weiße digitale Land einzusetzen um ihre intellektuellen Gedanken zu kultivieren.

Existieren neben BlackVegansRock.com und Aphro-ism.com weitere schwarz-zentrische Online-Räume die du Aktivist_innen empfehlen würdest – insbesondere welche, die dich beeinflusst haben?

Defnitiv. Mich haben Seiten wie das Sistah Vegan Project und Striving with Systems sehr beeinflusst. Ich schaue mir auch gerne digitale Räume an, die nicht unbedingt über Tierrechte sprechen, jedoch aber über andere ebenfalls systemische Probleme. Ich liebe For Harriet, Black Girl Dangerous, Crunk Feminist Collective, alles von Dr. Brittney Cooper und Autostraddle (bei denen man einige großartige queere schwarze Autor_innen findet).

Du hast an anderer Stelle gesagt, dass die Tierrrechts-/vegane Bewegung sich zu sehr auf Bilder verlässt und zu wenig auf das kritische Denken. Kannst du uns das ein wenig erklären?

Ich bin bekannt für meine Aussage: Menschen sind nicht durch einen Schock zum Fleischessen gekommen und sie werden sich auch nicht durch einen Schock wieder davon wegbringen lassen.

Ich will das ein wenig erklären: das größte Problem, das die weiße Tierrechtsbewegung hat, ist, dass sie es nicht wirklich schaffen zu orten WARUM Tierunterdrückung stattfindet. Sie sehen die Unterdrückungsfolgen – die sehen die Opfer – aber die meisten dieser Aktivist_innen haben konzeptuell keine Ahnung weshalb Tiere systematisch verletzt werden. Manchmal tut es einem weh Aktivist_innen der dominanten Klasse dabei zu beobachten, wie sie versuchen Kampagnen zu entwerfen, die die Unterdrückung von Tieren beenden sollen (ohne zu begreifen, dass sie sie in Wirklichkeit fortsetzen) und andere Male ist es beinahe lachhaft.

Weiße Leute scheinen nicht zu versehen, dass das weiße Überlegenheitsdenken Tieren systematisch schadet [4]. Weiße möchten nicht aus ihrer Führungsrolle hinaustreten, sie wollen aber die Tierunterdrückung beenden, was soviel heißt wie, sie wollen Verhaltensweisen, die Tiere diskursiv verletzen, nicht verändern.

Da zahlreiche unkritische Menschen Führungspositionen in den Bewegungen einnehmen, verlässt man sich auf sehr einfache, an der Oberfläche verharrende Taktiken um Menschen zu einem politischen Lebensstil hingehend zu „schocken“. Daher hat der Veganismus auch einen entsprechend schlechten Namen erhalten … er bleibt an der Oberfläche und ist sensationalistisch. Bildlichkeit kann funktionieren, insbesondere wenn sie an ein neues Rahmenwerk gebunden wird … aber die Schaffung neuer konzeptueller Rahmenwerke ist generell genau der Teil, der übersehen wird.

Taktiken die primär Bilder nutzen, erinnern mich an so manche Feminist_innen, die sich auf eine sexualisierte Bildmetaphorik, in der Frauen dargestellt werden, stützen, um Menschen dahingehend zu schockieren, damit sie beginnen sich gegen Sexismus einzusetzen … es ist so … wenn du Menschen kein neues Rahmenwerk bietest, mit dem sie problematische Verhaltensweisen begreifen lernen können, dann ist alles was sie da sehen, einfach noch mehr Bebilderung von jeweiligen Objekten die hier objektifiziert werden.

Ich will damit nicht sagen, dass Leute ihr Verhalten nicht ändern könnten, wenn sie solche Bilder gesehen hätten; was ich sagen möchte ist, dass ich nicht gezwungenermaßen davon ausgehe, dass dadurch ein langfristiger Wechsel stattfinden wird. In unseren Bewegungen konzentrieren wir uns zu sehr auf die Opfer, ohne dabei zu verstehen, weshalb diese Körper eingangs überhaupt zu Opfern geworden sind. Sie sind schließlich nicht über Nacht zu Opfern geworden und wir müssen ebenso konzeptuell arbeiten um dieses Problem zu lösen. Viele Leute bereifen nicht, dass das Denken tatsächlich einen Teil unseres Aktivismus ausmachen sollte. Das Denken wurde schon viel zu lange von der akademischen Welt vereinnahmt und so meinen wir, dass wir Theorie und Gedankenentwicklung eben ‚diesen’ elitistischen Menschen überlassen sollten … wenn genau aber dies doch einen Teil der öffentlichen Domäne ausmachen sollte.

Zu einem großen Anteil ist die Tierunterdrückung nicht allein eine Problematik, die ausschließlich die Tiere anbetrifft. Das Problem liegt vielmehr im weißen menschlichen Überlegenheitsdenken, und so müssen wir den entsprechenden Punkt auch mitsamt seiner Wurzeln ans Tageslicht befördern, bevor wir kontextlos auf die Opfer hyperfokussieren. Doch genau das ist was geschieht: wir sollen die Bildquellen von Tierunterdrückung, ohne irgendeinen Kontext hinsichtlich dessen, wer der echte Unterdrücker ist, anschauen, was aber letztendlich zu so viel Verwirrung im Punkte der Strategien zur Beendigung der Tierunterdrückung führt.

In der Tierrrechts-/veganen Bewegung existieren zahlreiche innere Zwistigkeiten, und es scheint, dass es in den letzten Jahren eher noch schlimmer geworden ist. Hast Du irgendeinen Rat für einen Neuling in der Bewegung, der durch diese Zwiste vielleicht verwirrt ist?

Ich habe eigentlich nicht den Eindruck, dass die internen Streitereien schlimmer werden … ich denke das weiße Überlegenheitsdenken in der Bewegung wird einfach leichter erkennbar. Ich glaube, dass die Menschen in der dominanten Klasse, die sich niemals über marginalisierte Menschen und deren Perspektiven den Kopf zerbrechen mussten (einfach weil das Spiel immer abgekartet war), inzwischen begreifen, dass minorisierte Menschen ihre eigenen Bewegungen betreiben, und dass das bei ihnen ein gewisses Unwohlsein verbreitet.

Viele weiße Menschen beanspruchen einen nicht zu hinterfragenden Besitzstatus über Tierrechte (und Tiere generell). In dem Moment aber, in dem schwarze Menschen Tierkörper (‚animal bodies’) mit in ihre antirassitsichen Bewegungen mit einbeschließen, lassen Weiße ihre soziale Kraft in Erscheinung treten, indem sie unsere Räume kommentieren und unsere Intentionen hinterfragen.

Viele Aktivist_innen in der dominanten Klasse setzen ihre Privilegien dazu ein, andere Aktivist_innen, die abweichende Meinungen haben, zu ignorieren, was furchtbar ist, da eine echte Veränderung nur stattfinden kann, wenn wir plurale Bewegungen und Stimmen zulassen. Wir müssen alle Ideen auf den Tisch bringen, denn die Tierunterdrückung ist ein derart ernsthaftes Problem.

Der Akt dessen, andere, die abweichende Meinungen haben oder andere Strategien verfolgen, zum Schweigen zu bringen, hat einfach nichts mir der Befreiung von Tieren zu tun, sondern dient stattdessen dem Erhalt der gleichen Systeme, die Tiere unterdrückt halten.

Jedem/r, der/die neu ist in der Tierrechtsbewegung, würde ich empfehlen sie gleich wieder zu verlassen (haha). Man braucht diese verkörperschaftlichte, weißgewaschene Bewegung nicht um Tieren zu helfen. Die Vorstellung man müsse sich durch die großen Bewegungen und Organisationen hindurch bewegen um Veränderungen zu bewirken, ist ein kapitalistischer Nonsens. Wenn Du eine Person of Color bist, würde ich dir empfehlen in deiner antirassitsichen Bewegung zu bleiben und nach Wegen zu schauen, wie du die Tierkörper (‚animal bodies’) in deine Analyse mit einbeziehen kannst … versuche nicht dich der weißen Mainstream-Tierrechtsbewegung anzuschließen, denn du wirst dadurch letztendlich nur frustriert und verwirrt.

Teil des inhärenten Problems der Tierrechtsbewegung ist tatsächlich, dass das Weißsein das Rahmenwerk dieser Bewegung bildet. Was wir brauchen, sind Leute, die den Aktivismus für Tiere mit in die anderen Ziele sozialer Gerechtigkeit einbeziehen, statt sich in die nebulöse Blase der Tierrechtsbewegung mit einzubringen. Deshalb bezeichne ich mich auch selbst nicht als Tierrechtsaktivistin. Ich bin eine antirassistische Aktivistin, die für die Tierbefreiung kämpft. Ich wüsste nicht wie ich sonst für Tiere kämpfen sollte, außer aus meiner Sichtweise als schwarzer Frau … ich weiß nicht wie weiße Menschen sich für eine andere Gruppe einsetzen können, ohne ihre eigene Position mitzuberücksichtigen … und das ist weshalb ihre Bewegungen problembehaftet sind.

Was tust Du um ein Burnout zu vermeiden?

Ein Erschöpfungszustand trifft dich in dem Moment, indem du eine bewusst-denkende politische Woman of Color bist, gleich ob du Aktivistin bist oder nicht. Ich bin hauptsächlich deshalb Aktivistin geworden, weil ich die Unterdrückung leid war, und es satt hatte, dass die dominante Klasse mir mein Narrativ und meine Geschichte vorschreiben will. Das war ein Burnout. Ich bin also nicht freiwillig zur Aktivistin geworden, sondern es war ein Akt des Überlebens; ich wurde zur Aktivistin weil ich unter einem Burnout durch den Rassismus und Sexismus in meinem täglichen Leben gelitten habe.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob überhaupt eine funktionierende Methode existiert um ein Burnout zu verhindern, solange das weiße, die Überlegenheit in Anspruch nehmende Patriarchat weiter existiert. Um ehrlich zu sein hilft mir oft, aus dem Internet rauszugehen.  Ein Raum außerhalb der digitalen Welt hilft, was die Prioritäten anbelangt, denn man wird dort leicht eingesogen von Dingen die im Prinzip total irrelevant sind. Ich stelle also immer sicher, dass ich viel Zeit offline verbringe.

Noch etwas, das ich gelernt habe um ein Burnout zu verhindern, ist es, nicht davon beeindruckt zu sein, dass weiße Leute meine Arbeit mögen. Wenn Du in einem System einer weißen Überlegenheitsgläubigkeit lebst, dann kann eine Menge an Aufmerksamkeit (seitens dieses Systems) als ein_e Minderheitsangegörige_r sich anfühlen, als seist du nun ganz oben auf … als hättest du das Richtige getan. Ich würde aber jedem Menschen, der einer Minderheit angehört, empfehlen sehr vorsichtig mit solch einem Gefühl umzugehen, weil es dich in eine Situation der Ausbeutung hinein katapultieren kann und du beginnst Dinge umsonst für weiße Leute zu tun. Ich musste wirklich lernen „nein“ zu sagen wenn mir weiße Leute Möglichkeiten in Aussichten stellten, mir aber keinerlei finanzielle Kompensation für meine Arbeit boten. Der leere Ruhm und die Möglichkeit in Erscheinung zu treten, sind immer wieder instrumentalisiert worden um farbige Menschen glauben zu machen, dass die Arbeit die du umsonst tust, eines Tages zu einem Gewinn führt, und normalerweise tut es das nicht.

Als Woman of Color habe ich auch gelernt nicht mehr auf Menschen in der dominanten Klasse zu hören und mich mit ihnen auseinanderzusetzen, wenn sie meine Arbeit und mich kritisieren. Ich habe gelernt den Kanal zu switchen und meine Arbeit einfach weiterzumachen. Wie Toni Morrison gesagt hat, macht Ablenkung einen großen Teil im Rassismus aus, und so lerne ich, Ablenkung zu meiden. Statt auf jede Person, die einen verleumderischen, unwahren Artikel über meine Arbeit oder mich schreibt, zu reagieren, mache ich einfach mit meiner Sache weiter. Ich muss mich ja nicht auf jeden überflüssigen Quatsch einlassen.

Und schließlich ist es wichtig wenn man seine gegenwärtige Arbeit erledigt, über Arbeit, die in der Zukunft getan werden muss, nachzudenken. Es geschieht so leicht, dass man vergisst warum man jeden Tag so hart arbeitet. Und das ist auch warum ich den Afrofuturismus so sehr liebe. Er hat mir dabei geholfen zu verstehen, dass es einen Tag geben wird, an dem ich durchatmen und entspannen kann. Aber der Preis, der dafür gezahlt werden muss, ist der Kampf heute, den ich auch weiter führen werde.

Ich danke Aph sehr für dieses Interview. Schaut euch ihre Seite/Arbeit an bei Black Vegans Rock und Aphro-ism und besucht auch ihre Facebook-Seite.

Anmerkungen zur Übersetzung:

[1] Zur Bedeutung des kanonischen Begriffs des Weißseins: „Weißsein ist die soziale Lokalisierung von Macht, Privileg und Prestige. Es ist ein unsichtbares Päckchen unverdienter Vorteile. Als eine epistemologische Überzeugung ist es manchmal eine Handhabe der Verneinung. Weißsein ist eine Identität, eine Kultur und eine oft kolonialisierende Lebensweise, die Weißen zumeist nicht bewusst ist, aber selten nicht den ‚People of Color’ [Nicht-Weißen]. Das Weißsein trägt auch die Autorität innerhalb des größeren Kulturraums den es beherrscht, indem es die Bedingungen festlegt wie jeder Aspekt von Rasse diskutiert und verstanden wird. Das Weißsein verfügt so über einen Facettenreichtum und ist durchsetzend. Das systemische Weißsein liegt im Mittelpunkt des Problems von ‚Rasse’ innerhalb dieser Gesellschaft.“ Zitiert aus: Barbara J. Flagg, Foreword: Whiteness as Metaprivilege, Washington University Journal of Law and Policy 1-11 (2005).

[2] People of Color, siehe Definition bei Wikipedia.de: https://de.wikipedia.org/wiki/Person_of_color

[3] Habe ‚racial liberation projects’ übersetzt mit ‚antirassistische Befreiungsprojekte’; diese abweichende Übersetzungsweise ergibt sich aus der anderen Verwendung des Begriffs „Rasse“ als politisiertem Begriff in der Diskussion über soziale Gerechtigkeit in den USA.

[4] Siehe auch folgende Präsentation von Anastasia Yarbrough bei der Sistah Vegan Conference 2013: Weißes Überlegenheitsdenken und das Patriarchat schaden Tieren, http://simorgh.de/about/yarbrough_weisssein_patriarchat_tiere/

Alle Links: 21.06.2016

Breeze Harper: Ein Toolkit für Anfänger zum Verständnis über den „Rasse“-Begriff im ethischen Konsum

Dr. A. Breeze Harper, The Sistah Vegan Project: A Critical Race Feminists’s Journey Through the ‘Post-Racial’ Ethical Foodscape … and Beyond.

Das Sistah Vegan Projekt: die Reise einer sich mit den kritischen Rassestudien befassenden Feministin durch die ‚post-rassische’ Landschaft ethischer Nahrungsmittel … und darüber hinaus.

Realitstisch werden was den „Rasse“[1]-Begriff anbetrifft: Ein Toolkit für Anfänger zum Verständnis über den „Rasse“-Begriff im ethischen Konsum (beim Veganismus, in den Tierrechten, usw.)

Dieser Text als PDF

Originaltext: Getting Real about Race: A Starter Toolkit for Understanding Race in Ethical Consumption (Veganism, Animal Rights, and More). Übersetzung: Gita Yegane Arani-Prenzel, mit der freundlichen Genehmigung von Dr. A. Breeze Harper.

Quelle: http://www.sistahvegan.com/2015/11/11/getting-real-about-race-a-toolkit-for-ethical-consumption-veganism-animal-rights-and-more/

If-Race-is-Just-a-Skin-Color...

Wenn es bei „Rasse“ nur um ‚Hautfarbe’ geht, wieso wurde mir dann immer wieder gesagt, ich würde ‚weiß’ klingen? Wie kann man denn jemandes Hautfarbe ‚hören’?
– Dr. A. Breeze Harper, The Sistah Vegan Project.

Ich habe die letzten zehn Jahre darüber publiziert und Vorträge darüber gehalten, wie das Weißsein [2] in den USA den ethischen Konsum und weitere darüber hinaus im Zusammenhang stehende Dinge anbetrifft. Das Hauptthema der Verwirrung, dem ich im Bezug auf die Problematik von „Rasse“ und Weißsein begegnet bin, stammt meistens von weiß-identifizierten Menschen, die tatsächlich nicht verstehen, wie „Rasse“ und Rassifizierung sich geschichtlich, sozial, physisch, geographisch und rechtlich konstituieren. Die meisten weiß-identifizierten Menschen, die ihre prägenden Jahre in den USA oder anderen weiß-dominierten Gesellschaften verbracht haben, scheinen davon auszugehen, dass „Rasse“ einfach eine Frage der „Hautfarbe“ sei, bei der bestimmte Phänotypen wie ‚blondes Haar’ oder ‚schmale Lippen’ die Kennzeichnungen für die jeweilige „Rasse“ ausmachen; darüber hinaus denken die meisten, Rassismus sei kein bedeutendes Hindernis zur Gleichheit und Inklusion, trotz der erschütternden Daten, die noch nach dem Jahr 2000 das Gegenteil beweisen. Für diese Demographie heißt „Rasse“ schlichtweg ‚Hautfarbe’ und ist ein ‚Ding der Vergangenheit’…

… aber nichts könnte den Tatsachen weniger entsprechen.

Einige wesentliche Fragen, die ich in Reaktion auf [weiße] Konstruktionen darüber, dass „Rasse“ eine Frage der ‚Hautfarbe’ sei, gestellt habe, sind folgende gewesen:

Wenn es bei „Rasse“ nur um ‚Hautfarbe’ geht, warum wurde mir dann immer wieder gesagt, ich würde ‚weiß’ klingen? Wie kann man denn jemeades Hautfarbe ‚hören’?

Wenn es bei „Rasse“ nur um Hautfarbe geht, warum hat man die Iren in den Vereinigten Staaten trotz gleicher Hautfarbe bis ins 20. Jahrhundert hinein nicht gleichermaßen als Weiße wie die weißen angelsächsischen Protestanten betrachtet? Wodurch waren sie und andere hellhäutige europäischen Immigranten in der Lage auf das „Weißsein“ hinzuarbeiten?

Wenn es bei „Rasse“ nur um Hautfarbe geht, warum wurde mein neugeborenes Baby im Jahr 2009, das mit einer sehr hellen Hautfarbe, hellblauen Augen und glattem braunen Haar geboren wurde, von manchen als ‚schwarz’ und von anderen als ‚weiß’ eingeordnet?

In dem letzten Teaching-Tolerance-Rundbrief des Southern Poverty Law Centers (SPLC) wurde H. Richard Milner IV zitiert. Ich habe einen Screenshot [3] davon gemacht, wie der SPLC Menschen darüber aufklärt, wie das Konzept von „Rasse“ jenseits des Hautfarben-Mythos funktioniert (siehe folgende Liste):

  1. Physisch konstruiert. Bezugnehmend auf die Pigmentierung der Haut, konstruieren Menschen in der Gesellschaft Vorstellungen, Charakteristiken, Bilder und Glaubenssysteme über sich selbst und andere. Diese physischen Konstruktionen sind manchmal falsch, bleiben aber dennoch in den Köpfen bestehen. Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass sich physische Konstruktionen über „Rasse“ von Gesellschaft zu Gesellschaft unterscheiden. So sind zum Beispiel die Konstruktionen von „Rasse“ in Afrika und Asien andere als die auf dem Phänotyp basierenden Konstruktionen von „Rasse“ in Nordamerika.
  2. Sozial konstruiert. Basierend auf einer Reihe von gesellschaftlichen Botschaften und Informationen, kategorisieren Menschen sich selbst und andere. Diese gesellschaftlichen Konstruktionen verbinden sich mit Präferenzen, sind weltanschaulich und haben mit der Art und Weise zu tun, wie Gruppen von Menschen vermeintlich funktionieren. Sie gründen auf unterschiedlichen Perspektiven, die sich aus den Interpretationen der Menschen von Geschichte und Recht speisen, und sie prägen unser Denken im Bezug auf Einzelne und auf Gruppen von Menschen.
  3. Rechtlich konstruiert. Die Gesetzgebung in den USA hat ihren Beitrag zum Rassebegriff geleistet. Rechtspolitik und Grundsatzfälle, wie das Naturalisationsgesetz (1790), Plessy gegen Ferguson (1896), Takao Ozawa gegen die Vereinigten Staaten (1922), Brown gegen das US-Bildungsministerium (1954) und Milliken gegen Bradley (1974) haben allesamt Konstruktionen und Definitionen von „Rasse“ innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft mitbestimmt.
  4. Historisch konstruiert. Die geschichtlichen Realitäten dessen, wie Menschen in einer Gesellschaft, die durch Rassismus und Unterdrückung geprägt war, behandelt wurden und wie es ihnen in dieser Gesellschaft erging, formten auch die Art und Weise, wie Menschen „Rasse“ verstehen, kommunizieren und konzeptualisieren. So beeinflussen beispielsweise die Jim-Crow-Gesetze [4], die Sklaverei und rassistische Diskriminierung, wie Menschen „Rasse“ konzeptualisieren und begreifen.

Die Annahmen von Menschen über „Rasse“, die durch die oben beschriebenen Aspekte beeinflusst sind, prägen deren Handeln und Nicht-Handeln auf praktischer Ebene. Und obgleich „Rasse“ ein zentrales Konstrukt darstellt in der Untersuchung bildungstechnischer Ergebnisse, Verfahrensweisen und Praktiken, so sind Umfang und Ausmaß gewonnener Erkenntnisse über verbesserte Handlungspraktiken im öffentlichen sowie akademischen Diskurs zumeist begrenzt. Es wird beispielsweise häufig über die „Bildungskluft“ und die Disparitäten zwischen weißen und schwarzen/farbigen Student_innen diskutiert, „Rasse“ [A.d.Ü.: im Sinne von ‚Rassismusproblematik’] wird aber dennoch nicht in grundlegender Weise adressiert, außer dass man die Ergebnisse aus Datenerhebungen veröffentlicht. Die Gründe dafür, warum das Thema „Rasse“ so schwierig zu thematisieren ist, sprengen den Rahmen dieses Buches, aber auch meine Erfahrungen über die Jahre, in der Arbeit mit mehr als tausend Pädagog_innen, haben mir gezeigt, dass „Rasse“ ein in „gemischter“ Gesellschaft schwierig zu diskutierendes Problem ist.

Quelle: http://www.tolerance.org/magazine/number-51-fall-2015/feature/excerpt-getting-real-about-race, 01.05.2016.

Das Toolkit zum Verständnis für den Auszug: „Realistisch werden über den ‚Rasse’-Begriff“ im Rahmen einer Welt des ethischen Konsums

Anmerkung: dies ist ein Entwurf, der sich in Arbeit befindet und über die Zeit ergänzt wird …

Der Mainstream in den USA hat Schwierigkeiten damit, sich einen reellen Begriff von der Komplexität von „Rasse“ und Machtverhältnissen, derer Geschichte, Politik, usw. zu machen. Das betrifft insbesondere diejenigen, die rassisch privilegiert sind und sich niemals mit der Problematik auseinandersetzen mussten.

Dieses Toolkit habe ich aus dem Original: „Ein Auszug aus: realistisch werden über den ‚Rasse’-Begriff“ herausgearbeitet, das sich mehr auf Erfahrungen und Praxis im schulischen Bereich bezieht. Ich werde dieses Toolkit verwenden um damit Fragestellungen zu leisten, zur Begleitung der Reflexion und Diskussion darüber, wie die physischen, sozialen, juristischen und historischen Konstruktionen von „Rasse“ Menschen beeinflusst, die sich in den Bereichen des ethischen Konsums bewegen – rangierend vom Veganismus über Tierrechte bis hin zu ‚guter Ernährung’.

Einfühung

In Rac(e)ing to Class: Confronting Poverty and Race in Schools and Classrooms schreibt H. Richard Milner IV: „Pädagogen haben häufig Schwierigkeiten damit, das Thema ‚Rasse’ [A.d.Ü. die Rassismusproblematik] zu adressieren, und damit auch die Frage, in wieweit ihre Arbeit mit den Schülern, den Eltern, mit der Gemeinschaft und mit den Kollegen durch diese Problematik beeinflusst ist.“ Milner empfiehlt eine nuancierte Herangehensweise zur Konzeptualisierung von „Rasse“ als physische, soziale, juristische und historische Konstruktionen. Was folgt sind kurze Auszüge aus Rac(e)ing to Class und sich daran anknüpfende Fragestellungen, die ich für den Bereich des ethischen Konsums adaptiert habe. Diese Tools können von euch, eurer Gruppe oder bei eurem Arbeitsplatz gerne verwendet werden.

Die wesentliche Frage

1. In welcher Weise ist die Gemeinschaft ethischen Konsums, in der ich aktiv bin, durch die physischen, sozialen, juristisch-rechtlichen und geschichtlichen Konstruktionen von „Rasse“ betroffen?

Vorgehensweise

Diese vier Fragen können als Stichpunkte beim Verfassen eines Tagebucheintrags oder in der stillen Reflexion verwendet werden, sie können auch unterstützend bei einer Gruppendiskussion mit Kollegen über das Thema „Rasse“ [Rassismus] zur Hilfe genommen werden, oder beides.

„Rasse“ ist physisch konstruiert.

In seinem Buch Rac(e)ing to Class schreibt Milner:

Bezugnehmend auf die Pigmentierung der Haut, konstruieren Menschen in der Gesellschaft Vorstellungen, Charakteristiken, Bilder und Glaubenssysteme über sich selbst und andere. Diese physischen Konstruktionen sind manchmal falsch, bleiben aber dennoch in den Köpfen bestehen. Es ist wichtig, sich klar zu machen, dass sich physische Konstruktionen über „Rasse“ von Gesellschaft zu Gesellschaft unterscheiden. So sind zum Beispiel die Konstruktionen von „Rasse“ in Afrika und Asien andere als die auf dem Phänotyp basierenden Konstruktionen von „Rasse“ in Nordamerika.

  1. Nenne ein Beispiel dessen, wie „Rasse“ in der Bewegung ethischen Konsums physisch konstruiert ist.
  2. In welcher Weise betrifft die physische Konstruktion von „Rasse“ dich persönlich oder dein Engagement im ethischen Konsum?

Beispielsweise sind ‚normale’ gesunde Körper in der Werbung ethischen Konsums beinahe immer ‚weiße’ und schlanke Personen. Warum sehen wir dunkelhäutigere Menschen und/oder ‚dicke’ Menschen fast nie, wenn überhaupt, als ‚Maßstab’ für normal und gesund? In welcher Weise betreffen sowohl Hautfarbe als auch Körpergröße die Rassifizierung als ein ‚maßgebliches’ Weißsein? In welchen anderen Formen hat ein Verständnis ‚richtigen’ Weißseins einen Einfluss auf den ethischen Konsum?

  1. In welcher Weise betrifft die physische Konstruktion von „Rasse“ die Demographien denen du deine Dienstleistungen anbietest und/oder die du über ethischen Konsum informierst?

Warum werden dunkelhäutigere Menschen die ‚fett’ sind, eher adressiert als Menschen, die man über den ethischen Konsum ‚aufklären’ sollte, als weiße dünne Menschen? Wie und weshalb spielen Rassifizierung in den Intersektionen von Hautfarbe, Körpergröße und Ethik eine Rolle?

  1. Wie beeinflusst die physische Konstruktion von „Rasse“ den Bereich ethischen Konsums in dem Du aktiv bist?

Rasse ist sozial konstruiert.

In Rac(e)ing to Class schreibt Milner:

Basierend auf einer Reihe von gesellschaftlichen Botschaften und Informationen, kategorisieren Menschen sich selbst und andere. Diese gesellschaftlichen Konstruktionen verbinden sich mit Präferenzen, sind weltanschaulich und haben mit der Art und Weise zu tun, wie Gruppen von Menschen vermeintlich funktionieren. Sie gründen auf unterschiedlichen Perspektiven, die sich aus den Interpretationen der Menschen von Geschichte und Recht speisen, und sie prägen unser Denken im Bezug auf Einzelne und auf Gruppen von Menschen.

Ich würde dem hinzufügen, dass die meisten Menschen sich dessen völlig unbewusst sind, inwiefern ihre Auffassungen und Wahrnehmungen eine Voreingenommenheit hinsichtlich „Rasse“ aufweisen.

  1. Nenne ein Beispiel dessen, in welcher Weise „Rasse“ im ethischen Konsum sozial konstruiert ist.
  2. In welcher Weise bist du durch die soziale Konstruktion von „Rasse“ betroffen und wie wirkt sich das auf dein Engagement im Bereich des ethischen Konsums aus, und darauf, wie du die Inhalte wahrnimmst.
  3. In welcher Form sind die Menschen, mit denen du innerhalb deines Sektors des ethischen Konsums zusammenarbeitest oder denen du deine Leistungen anbietest, durch die soziale Konstruktion von „Rasse“ betroffen?
  4. Ich welcher Form ist deine Gruppe oder dein Betrieb durch die soziale Konstruktion von „Rasse“ betroffen?

„Rasse“ ist rechtlich konstruiert.

In Rac(e)ing to Class schreibt Millner:

Die Gesetzgebung in den USA hat ihren Beitrag zum Rassebegriff geleistet. Rechtspolitik und Grundsatzfälle, wie das Naturalisationsgesetz (1790), Plessy gegen Ferguson (1896), Takao Ozawa gegen die Vereinigten Staaten (1922), Brown gegen das US-Bildungsministerium (1954) und Milliken gegen Bradley (1974) haben allesamt Konstruktionen und Definitionen von „Rasse“ innerhalb der US-amerikanischen Gesellschaft mitbestimmt.

  1. Nenne ein Beispiel dessen, wie „Rasse“ in deinem Leben/deiner Kultur/deiner Gesellschaft rechtlich konstruiert ist.
  2. Ich welcher Weise ist dein Engagement im Bereich des ethischen Konsums durch die juristisch-rechtliche Konstruktion von „Rasse“ betroffen?
  3. In welcher Weise betrifft die juristisch-rechtliche Konstruktion von „Rasse“ die Demographien, die du vornehmlich adressierst, denen du deine Leistungen anbietest oder mit denen du zusammen arbeitest (z.B. Auftraggeber_innen, Kund_innen, Schüler_innen und Student_innen, Patient_innen, usw.)?
  4. Wie betrifft die juristisch-rechtliche Konstruktion von „Rasse“ die Konstruktion ethischen Konsums deiner Gruppe oder deines Betriebs?

vegansoso

(Quelle: http://mic.com/articles/127821/the-surprising-way-these-activists-are-using-veganism-to-fight-white-supremacy)

Wenn Du in der Tierrechts- und/oder der veganen Bewegung aktiv bist, verwendest Du solche Bilder, wie das oben abgebildete, ohne Dir dabei bewusst zu sein, dass schwarze Menschen vom rechtlichen Standpunkt her nicht als Menschen, sondern in der Tat als Tiere (in der eurozentrischen speziesistischen und kolonialistisch-rassistischen Art und Weise) betrachtet wurden, während man die Gesamtheit weißer Menschen rechtlich als vollwertige Menschen konstituierte?

Bist Du Dir dessen bewusst, dass, obwohl es heutzutage in den USA verboten ist, schwarze Menschen mit Stricken und Bäumen zu lynchen, immer noch legale Wege existieren um schwarze Menschen zu „lynchen“ – insbesondere mittels Racial Profiling und tödliche Übergriffe durch Polizeibeamte, die immer noch durch die geschichtlichen und rechtlich tolerierten Praktiken des traditionellen Lynchens schwarzer Menschen beeinflusst sind?

Dieses Bild impliziert auch, dass „Rasse“ und Rassismus keine weiteren bedeutsamen Hindernisse in Gesundheitsfragen, in dem Streben nach Glück und nach Sicherheit im Leben schwarzer Menschen darstellen würden. Und, es impliziert auch, dass diejenigen, die dieses Bild verwenden, nicht mit den nach dem Jahre 2000 entstandenen umfassenden Kanon in den Sozial- und Rechtswissenschaften vertraut sind, der aufzeigt, dass der weiße Mainstream in den USA schwarze Menschen immer noch als Tiere konzeptualisiert, und der Meinung ist, dass sie es verdienten „gelyncht“ zu werden – wenn auch nicht mit Stricken und Bäumen, so aber doch dafür, sich ‚hochnäsig’ gegenüber der Polizei zu gebärden, wie Sandra Bland es angeblich tat; oder indem Du als 12-jähriger Junge (Tamir Rice) erschossen wirst, weil eine systemische Negrophobie ein [un]bewusstes rassifiziertes Vorurteil im Denken des Mainstreams in der Bevölkerung geschafften hat, die die Menschen glauben macht, dass ein kleiner schwarzer Junge wie ein „großer angsteinflößender“ schwarzer Mann aussehen kann.

Es existieren eine Unzahl von Formen, in denen systemischer Rassismus das Rechtssystem in negativer Weise beeinflusst. Und, man bedenke, dass Systeme miteinander verbunden sind: das Rechtssystem hat seinen Einfluss auf das Gesundheitssystem, auf das Bildungssystem, auf das Lebensmittelsystem, usw.

„Rasse“ ist geschichtlich und geographisch* konstruiert.

(Anmerkung: in dem originalen Toolkit wird die Geographie nicht mit als ein Teil von Rassifizierung aufgeführt, aber als Cultural Food Geographer [Lebensmittelkulturgeographin] komme ich nicht umhin die Geographie hier mit einzubeziehen.)

In Rac(e)ing to Class schreibt Milner:

Die geschichtlichen Realitäten dessen, wie Menschen in einer Gesellschaft, die durch Rassismus und Unterdrückung geprägt war, behandelt wurden und wie es ihnen in dieser Gesellschaft erging, formten auch die Art und Weise, wie Menschen „Rasse“ verstehen, kommunizieren und konzeptualisieren. So beeinflussen beispielsweise die Jim-Crow-Gesetze [4], die Sklaverei und rassistische Diskriminierung, wie Menschen „Rasse“ konzeptualisieren und begreifen.

  1. Nenne ein Beispiel dessen, wie „Rasse“ in deinem Leben/deiner Kultur/deiner Gesellschaft geschichtlich konstruiert ist.
  2. In welcher Weise bist du und ist dein Engagement in der Bewegung für den ethischen Konsum durch die geschichtliche Konstruktion von „Rasse“ betroffen? Hast Du beispielsweise jemals über die Geschichte der Sundown Towns [5] nachgedacht und in welcher Weise dies die geographische Lokalisierung beispielsweise einer Permakultur-Veranstaltung betreffen kann?
  3. In welcher Form sind dein Arbeitsplatz und/oder die Dynamiken zwischen den Aktivist_innengruppen rund um den ethischen Konsum durch die geschichtlichen, physischen und geographischen Konstruktionen von „Rasse“ anbetroffen?

Für was stehen eigentlich die Vorstellungen rund um den ‚weißen männlichen Farmer’ als die unhinterfragte ‚Norm’ in den gegenwärtigen Mainstream-Abbildungen von Lebensmitteln, Nachhaltigkeit und Landwirtschaft? In welcher Form spielen Geschichte und ländliche Geographien eine Rolle in den Vorstellungen von „Rasse“, und davon, wie man sich ein physisch annehmbares Vorbild des ethischen Konsums vorstellt?

  1. In welcher Weise ist die Auffassung über ethischen Konsum in deiner Gruppe oder im Geschäftsmodel deines Betriebs durch die historische Konstruktion von „Rasse“ betroffen? Wie wirkt sich das auf eure aufklärerische Öffentlichkeitsarbeit und eure Kommunikation aus?

So ist beispielsweise der geschichtliche Hintergrund der US-Agrargesetze und dessen Auswirkungen bis in die Gegenwart hinein stark durch eine systemische Rassifizierung beeinflusst. Die Art und Weise wie rassifizierte Minderheiten in den unterschiedlichen Sektoren des landwirtschaftlichen Systems in den USA behandelt wurden, beeinflusst die Funktionsweisen des heutigen Mainstream-Nahrungsmittelsystems … und erhält die in dem System gegebenen „rassischen“- und sozioökonomischen Ungleichheiten. Geht es um ethische Lebensmittel, wie ‚Grünkohl’ oder ‚Erdbeeren’, muss man die sich die Geschichte der Rassifizierung und seiner Auswirkungen auf die Agrargesetze vergegenwärtigen … die den Weg vom Anbau bis zum Vertrieb und Handel dieser Nahrungsmittel bis hin auf unsere Teller mit beeinflusst hat … . Die individuellen Auffassungen derer, die sich im Bereich des ethischen Konsums engagieren, sind hinsichtlich dessen, wie ein ‚gerechtes’ Lebensmittelsystem aussehen sollte, vor solch einem Hintergrund zu verstehen.

Wenn weiße Menschen in den USA, in der Vergangenheit bis in die Gegenwart, aufgrund rechtlich-juristischer Institutionen des Rassismus, einen sichereren, gesünderen und einfacheren Zugang zu Nahrungsmitteln und medizinischen Ressourcen hatten, in welcher Weise ist deine Konstruktion dessen, wie Menschen Nahrungsmittel in ‚ethischer’ Weise konsumieren sollten, durch diesen geschichtlichen Hintergrund mit beeinflusst? Inwiefern richtet sich Dein Kommunikationsmodel an der Berücksichtigung solcher Fragen mit aus?

Wenn du magst, so kannst du auf einige der oben gestellten Fragen im Kommentarbereich antworten. Ich möchte dies hier zu einem fortlaufenden Dialog umwandeln, statt es bei einem Monolog zu belassen. [6]

Das System „rassischer“ Ungleichheit in dem der ethische Konsum existiert, kann durch eine Vielzahl von Ressourcen besser verstanden werden, so wie durch das vielbeachtete Video Cracking the Codes, das hier eingesehen werden kann: http://crackingthecodes.org/. Kein Mensch der, so wie ich, im Anti-Rassismus arbeitet, hat alle Antworten auf all die Fragen die sich in unserem Kontext stellen; diese Arbeit hier bildet ein Kontinuum und niemand schafft es, bei solch schwerwiegenden Themen von sich zu behaupten ein_e 100% Expert_in zu sein. Ich habe mich nunmehr seit 20 Jahren mit Systemen „rassischer“ Ungleichheit beschäftigt (was meine formale Bildung anbetrifft) und lerne immer noch hinzu.

Zum Schluss will ich noch hinzufügen, dass ich über die oben diskutierten Fragen detailliert in meinem neuen Buch schreiben werde, das Ende 2016 / Anfang 2017 erscheinen wird (siehe folgenden Link):

recipes-for-racial-tension-headcover

http://www.sistahvegan.com/2015/07/10/recipes-for-racial-tension-headaches-a-critical-race-feminists-journey-through-post-racial-usas-ethical-foodscape-2016/

Schau dir mal die Teaching Tolerance-Textsammlung des SPLC an, dort findest du viele Materialien, die du für deinen Aktivismus im ethischen Konsum, für deine Studien in dem Bereich, usw. adaptieren kannst.

Alle Links: letzter Zugriff am 25.05.2016.

Ergänzugen zur Übersetzung:

[1] Der Begriff ‚race’ wird in der kritischen Diskussion über Rassismus im Amerikanischen in seiner politisierten Bedeutung verwendet und ist klar abgegrenzt zu verstehen von einem rassenbiologistischen Begriff, wenn er sich im westlichen Denken auch ursprünglich darauf begründet hat. Ich setze den Begriff „Rasse“ in dieser Übersetzung in Anführungszeichen, da der Begriff im deutschen Sprachgerbauch vorwiegend durch seinen geschichtlichen Hintergrund der rassistischen Propaganda des NS-Regimes gekennzeichnet ist. (In einigen anderen rassismuskritischen Überserzungstexten habe ich nichtdestotrotz bei der Verwendung des Begriffes auf die Anführungszeichen verzichtet, da der Unterschied zwischen politisiertem und rassenbiologistischem Sprachgebrauch aus solchen Texten prinzipiell klar hervorgeht. Da dieser Text einen einführenden Charakter hat, habe ich mich hier für die Setzung in Anfürhungszeichen entschieden.)

[2] Zum Begriff des Weißseins: „Weißsein ist die soziale Lokalisierung von Macht, Privileg und Prestige. Es ist ein unsichtbares Päckchen unverdienter Vorteile. Als eine epistemologische Überzeugung ist es manchmal eine Handhabe der Verneinung. Weißsein ist eine Identität, eine Kultur und eine oft kolonialisierende Lebensweise, die Weißen zumeist nicht bewusst ist, aber selten nicht den ‚People of Color’ [Nicht-Weißen]. Das Weißsein trägt auch die Autorität innerhalb des größeren Kulturraums den es beherrscht, indem es die Bedingungen festlegt wie jeder Aspekt von Rasse diskutiert und verstanden wird. Das Weißsein verfügt so über einen Facettenreichtum und ist durchsetzend. Das systemische Weißsein liegt im Mittelpunkt des Problems von ‚Rasse’ innerhalb dieser Gesellschaft.“ Zitiert aus: Barbara J. Flagg, Foreword: Whiteness as Metaprivilege, Washington University Journal of Law and Policy 1-11 (2005).

[3] Ich füge den Screenshot aus Gründen der Übersichtlichkeit an dieser Stelle ein:

GettingRealAboutRace

[4] Die Jim-Crow-Gesetze nannte man in der Geschichte der Vereinigten Staaten eine Reihe von Gesetzten, die eine „rassische“ Segregation erzwangen. Sie galten in den Südstaaten zwischen dem Ende der Rekonstruktion 1877 bis zum Anfang der Bürgerrechtswegegung in den 1950ern. ‚Jim Crow’ (eigentlich ‚Jump Jim Crow’) bezeichnete eine der damals typischen rassistischen „Minstrel“-Darstellungen, bei der schwarze Menschen in herabsetzender Weise von Weißen „karikiert“ wurden. Der Name ‚Jim Crow’ („Jim die Krähe“) wurde zu einem Schimpfwort für alle Afro-Amerikaner_innen und designierte ihre Segregiertheit in der Nation.

[5] Als ‚Sundown Towns’ bezeichnete man eine Form der Segregation, bei der in den USA eine Stadt, eine Ortschaft oder eine Nachbarschaft bewusst nur Weiße ansiedeln ließ und alle ‚People of Color’ (POC, farbige Menschen) ausgeschlossen wurden. Diese Art der rassistischen Einschränkung erwirkte man durch eine Kombination regionaler diskriminatorischer Gesetze, durch Einschüchterung und Erniedrigung und letztendlich auch durch physische Gewalt. Die Benennung stammt von den Schildern, die zum Zwecke der Ausgrenzung errichtet wurden, auf denen die weißen Anwohner kundgaben, dass ‚POC’ die jeweilige Ortschaft bis zum Einbruch der Dunkelheit zu verlassen hätten. Man nannte diese Ortschaften auch ‚Sunset Towns’ oder ‚Gray Towns’. Seit der Entscheidung des Obersten Gerichtshofes von 1917 im Falle Buchanan gegen Warley ist die „rassische“ Diskriminierung beim Verkauf von Immobilien verboten. Die Rassismusproblematik zeigt ihre Auswirkungen auf die Siedlungslandschaft in den USA aber noch bis in die Gegenwart hinein.

Dr. A. Breeze Harper ist die Gründerin von Critical Diversity Solutions und leitet zurzeit das Staff Diversity Initiative’s Multicultural Education Program des UC Berkeley. Im Oktober dieses Jahres wird Dr. Harper bei der Pro-intersectional Vegan Conference zu Gast sein, die vom VegfestUK in Brighton organisiert wird.

Sie finden auf unserem Blog auch weitere Textmaterialien von Dr. A. Breeze Harper zu den Themen kritische Rasse- und Weißseinsstudien, Veganismus und Tierrechte.

Wie ist das mit dem Rassismus?

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Intersektionalität ist ein Begriff, der in der veganen Bewegung zunehmend an Selbstverständnis gewinnt. In unserer Gesellschaft jedoch wird ein ‘Rassismusvorwurf’ (als eine der schwerwiegenden Diskriminierungsformen) immer noch als etwas drastisches verstanden und man möchte sich mit dieser Kritik und dem Thema lieber doch nicht näher befassen.

Die allergische bis aggressive Abwehrreaktionen auf den ‘Rassismusvorwurf’ hat die auf multikulturelle Erziehung spezialisierte US-amerikanische Pädagogin Robin DiAngelo als ‘weiße Fragilität‘ bezeichtet. Die Problematik solcher Abwehrmechanismen betrifft auch die Bewegungen ethischen Konsums, so wie den Veganismus und die Tierrechtsbewegung in unserer Gesellschaft. Was veganen Rassismus bzw. Anti-Rassismus anbetrifft, besteht – trotz unseres wachsenden Bewusstseins über intersektionale Problematiken – ein fortwährender Aufklärungsbedarf.

Zahlreiche Beiträge auf unserem Blog, befassen sich mit Intersektionalität. Unser besonderes Anliegen ist es aber auch, speziefisch über analytische Ansätze wie die kritischen Rassestudien / Critical Race Studies und die kritischen Weißseinsstudien / Critical Whiteness Studies aus intersektionaler veganer Sicht zu informieren und hier sind einige wichtige Beiträge zu diesen Themenbereichen:

A. Breeze Harper: Rasse als eine „nebensächliche Angelegenheit“ im Veganismus: Eine Hinterfragung des Weißseins, geopolitischer Privilegien und der Philosophie des Konsums „tierqualfreier“ Produkte

A. Breeze Harper: Vegane Nahrungsmittelpolitik: eine schwarze feministische Perspektive

Die Sistah Vegan Konferenz 2015

Info zur Sistah Vegan Konferenz 2015: Die vegane Praxis von „Black Lives Matter“

A. Breeze Harper: Liebe PETA, Schwarze Leben zählen … wo steht Ihr eigentlich in diesem ganzen Chaos?

A. Breeze Harper: Sich mit der Idee zu befassen, dass Hinterfragungen von Rasse, Gender und Weißsein, innerhalb des Veganismus, nicht sinnlos sind: Reflektionen über die Sistah Vegan Conference

Programmübersicht: Kritische Nahrungsmittel- und Gesundheitsstudien Webkonferenz: „Verkörperte und kritische Perspektiven auf den Veganismus von schwarzen Frauen und ihren Verbündeten“

Sistah Vegan Conference: „Verkörperte und kritische Perspektiven auf den Veganismus von schwarzen Frauen und ihren Verbündeten“

Die Sistah Vegan Anthologie 2010

Anastasia Yarbrough: Weißes Überlegenheitsdenken und das Patriarchat schaden Tieren

 

A. Breeze Harper: Liebe PETA, Schwarze Leben zählen … wo steht Ihr eigentlich in diesem ganzen Chaos?

Liebe PETA, Schwarze Leben zählen … wo steht Ihr eigentlich in diesem ganzen Chaos?

Dr. A. Breeze Harper, sistahvegan.com

Quelle: Dear PETA, Black Lives Matter … so, where are you in all this mess? Übersetzung: Palang LY (simorgh.de), mit der freundlichen Genehmigung von Dr. A. Breeze Harper.

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Liebe PETA,

Ich stieß auf diesen alten Eintrag von vor 5 Jahren (siehe Ende dieses Blogeintrags). Weshalb konntet Ihr Euer Anliegen nicht anders vermitteln? Ernsthaft, dies ist nun fünf Jahre her und ich frage mich, ob Ihr jemals begreift, dass schwarze Leben zählen, und dass wir nicht einfach da sind, um für Eure weißen, neoliberal-rassistischen Vorstellungen von Tierbefreiung zu werben. Als ich dies zuerst auf Craig’s List geposted sah (siehe unten), wollte ich mich am liebsten übergeben und weinen … ich dachte darüber nach, wie, geschichtlich betrachtet, die Körper Schwarzer Frauen immer wieder ausgebeutet, misshandelt und erniedrigt wurden um das weiß-supremazistische US-amerikanische System aufrechtzuerhalten … und ja, dieser Prozess wird immer noch fortgeführt. So empfand ich diese Anzeige schlichtweg als herzzerbrechend, denn sie zeigt wirklich, dass PETA ‚Diversität’ in einem extremst weiß-supremazistischen, kapitalistischen, heteropatriarchalen Sinne einsetzt; dass Ihr kein Freund und Alliierter seid, sondern ein Mittäter.

In den letzten Monaten, in denen ich mit meiner Arbeit zu schwarzen feministischen veganen Themen befasst war, die die Ziele der Black Lives Matter-Bewegung unterstützen, fragte ich mich, ob Ihr Euch jemals für diese Anzeige unten entschuldigt habt. Und ich frage mich auch, was Eure Rolle in der Black Lives Matter-Bewegung ist. Auch wenn Ihr davon besessen seid, „posthuman“ zu sein, und damit, „dass wir doch alle Tiere sind“, so spielt Rasse nichtsdestotrotz eine Rolle. Schwarze Menschen betrachten sich kollektiv soweit nicht als posthuman, denn hat man uns bis heute nicht einmal das Recht zugestanden, als fühlende und liebende menschliche Wesen betrachtet zu werden. Und ich sage dies nicht um damit den Speziesismus zu unterstützen. Ich sage dies mit einem vollständigen Kanon kritischer Rasseforschung und schwarzer feministischer Forschung auf die ich mich stützen kann. Ich weiß, dass Schwarze Menschen seit dem europäischen Kolonialismus bis in die Gegenwart (und wahrscheinlich auch bis morgen und bis nächste Woche und bis nächstes Jahr) aufgrund des systemischen Rassismus und des neoliberalen Weißseins als Tiere behandelt werden – solange wie postrassische, posthumanistische, „ich sehe keine Farbigkeit“-Machtbesitzende wie Ihr nicht dazu übertretet, die Grundsätze von Black Lives Matter zu praktizieren (wie es viele andere anti-rassistische Bewegungen tun) und sie in Eure veganen Aktionen mit einbezieht. Und wenn ich schreibe „wie Tiere behandelt“, dann beziehe ich mich auf den sozio-historischen Kontext nach 1492, als die europäischen Kolonisator_innen entschieden, dass nichtmenschliche Tiere verfügbar, ausbeutbar und nicht-fühlend sind … und dann schwarze Afrikaner_innen als solch eine Art Tiere kategorisierten.

Nun wo die Black Lives Matter-Bewegung stärker wird, stärker in den gesamten USA, und während ich diese Bewegung durch meine eigenen Aktivitäten als schwarze feministische Veganerin unterstütze, frage ich mich, wo Ihr in diesem ganzen Chaos eigentlich steht? Was habt ihr geleistet um uns zu zeigen, dass Schwarze leben zählen? Was tut ihr hinsichtlich einer Umgestaltung auf Organisationsebene, um eure Angestellten und freiwilligen Helfer_innen dahingehen fortzubilden, dass eine vegane Praxis des Black Lives Matter nicht nur möglich, sondern auch notwendig ist? Das dies euren Singe-Issue-Ansatz in der Tierbefreiung in gar in keiner Weise stört? Ihr bittet Omnivore darum, die systemische Gewalt gegen nichtmenschliche Tiere und das Leid nichtmenschlicher Tiere nicht mehr totzuschweigen. Ich bitte Euch darum, die systemische Gewalt und Ausbeutung von schwarzen Menschen nicht mehr totzuschweigen und nicht mehr zu tolerieren. Es ist möglich, sich auf die Tierbefreiung zu konzentrieren und antirassistisch zu sein, ohne dadurch die Macht einzubüßen zu müssen, Veränderung bewirken zu können. Aber ich denke, dass Ihr das inzwischen auch selbst wisst, und frage mich, ob es Euch vielleicht leichter fällt speziesistische Macht aufzugeben, als die Macht des kollektiven neoliberalen weißen Privilegs, über die der Großteil Eurer Führungsspitze verfügt, und das es selbst auch kaum ablegen kann.

Wie in dieser Anzeige unten werdet ihr schwarze und braune Körper, denen weißsupremazistische Mythen anhängen („die sind ausbeutbar“, „die sind hypersexuell“, usw.), weiterhin einsetzen um Eure ureigenen und ausschließlichen Zielen veganer sozialer (Selbst-)Gerechtigkeit voranzubringen; Ziele, die systemischen Rassismus und neoliberales Weißsein nicht dekonstruieren, sondern bestätigen und aufrechterhalten?

Ich lade Euch dazu ein, an der Sistah Vegan 2015 Conference „The Vegan Praxis of ‚Black Lives Matter’“ teilzunehmen, die online stattfindet. Ihr habt durch eine Teilnahme nichts zu verlieren und könnt dabei nur gewinnen. Und nehmt einige Bücher zur Hand, die Euch dabei helfen, mehr über die Black Lives Matter-Bewegung zu erfahren; wie diese Bewegung ein Kontinuum der schwarzen Befreiung darstellt. Eine Liste befindet sich am Ende dieses anderen Eintrags auf dem Sistah Vegan Blog.

(Breeze sitzt hier in der Erwartung die Grillen zu hören und weitere 5 Jahre veganer sozialer (Selbst-)Gerechtigkeit, wie in der Anzeige unten, zu erleben.)

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(Alle Links: 1. Januar 2015)

Info zur Sistah Vegan Konferenz 2015: Die vegane Praxis von „Black Lives Matter“

Quelle: Sistah Vegan Conference 2015. The Vegan Praxis of “Black Lives Matter”: Challenging NeoliberalWhitenessWhileBuilding Anti-Racist Solidarity Amongst Vegans of Color and Allies (Before, After, and Beyond Ferguson)
Übersetzung: Palang LY (simorgh.de), mit der freundlichen Genehmigung von Dr. A. Breeze Harper.

Die Sistah Vegan Konferenz 2015
Die vegane Praxis von „Black Lives Matter“ [„schwarze Leben zählen“].

Eine Hinterfragung neoliberalen Weißseins im Kontext mit der Bildung antirassistischer Solidarität unter farbigen Veganer_innen und ihren Freund_innen und Unterstützer_innen (vor, nach und über die Geschehnisse in Ferguson hinaus).

Wann: 24-25 April 2015
Wo: Online-Webkonferenz

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Über die Konferenz

Im Jahr 2012 lernte das Sistah Vegan Project die Bewegung und die Webseite von „Black Lives Matter“ kennen. Die Black Lives Matter-Bewegung, deren Wurzeln in einer schwarzen feministischen, queeren Perspektive gründen, entsprach in ihrem Verständnis über Gerechtigkeit und über die Befreiung schwarz-indentifizierter Menschen in der Diaspora in vielen Punkten dem des Sistah Vegan Project. Die Begründer_innen von Black Lives Matter fokussierten nicht alleine auf schwarze Cisgender-Männer als Opfer militarisiert-polizeilicher staatlicher Gewalt, sondern das Leben aller Schwarzer stand hier im Mittelpunkt (wie das queerer, trans, anders befähigter, inhaftierter, usw. Schwarzer). Black Lives Matter ist eine Bewegung und nicht nur ein Moment. Die Begründer_innen dieser Bewegung schreiben:

#BlackLivesMatter wurde im Jahr 2012 ins Leben gerufen, nachdem George Zimmerman, der Mörder von Trayvon Martin, freigesprochen wurde und der verstorbene siebzehnjährige Trayvon noch posthum für seinen eigenen Mord verantwortlich gemacht wurde. Gründend auf den Erfahrungen Schwarzer Menschen in diesem Land, die wir uns aktiv gegen unsere Entmenschlichung wehren, ist #BlackLivesMatter ein Aufruf zum Handeln und eine Reaktion auf den virulenten anti-schwarzen Rassismus, der unsere Gesellschaft durchsetzt. Black Lives Matter ist ein spezifischer Beitrag, der den außergerichtlichen Morden Schwarzer durch die Polizei und Vigilanten nachgeht.

#BlackLivesMatter bewegt sich jenseits des engstirnigen Nationalismus, der in den schwarzen Gemeinschaften vorherrschen kann, und der Schwarze dazu auffordert, nur Schwarze zu lieben, nur schwarz zu leben und nur schwarz zu kaufen, während gleichzeitig heterosexuelle schwarze Cis-Männer die Front dieser Bewegung ausmachen – unsere Schwestern, unsere queere-, tans- und behinderten Freund_innen hingegen aber nur die Rollen im Hintergrund einnehmen dürfen oder aber gar keine keine Rolle spielen. Black Lives Matter bejaht das Leben Schwarzer, die queer und trans sind, behindert sind, offiziell nicht erfasst sind, vorbestraft sind, das Leben schwarzer Frauen und aller Schwarzer entlang des Gender-Spektrums. Diejenigen, die innerhalb der schwarzen Befreiungsbewegungen marginalisiert wurden, werden hier in den Mittelpunkt gerückt. Es geht darum, die schwarze Befreiungsbewegung (neu) zu errichten.

Wenn wir sagen, dass schwarze Leben zählen, dann erweitern wir die Diskussion über die staatlich ausgeübte Gewalt zum Einbeschluss all der Formen, in denen Schwarze in beabsichtigter Weise dem Staat gegenüber machtlos gehalten werden. Wir sprechen darüber, in welcher Art und Weise uns als Schwarze grundsätzliche Menschenrechte vorenthalten und uns unsere Würde geraubt wird, darüber; wie Armut und Genozid eine Form staatlicher Gewalt darstellen; wie die Einsperrung von 2,8 Millionen Schwarzen Menschen in Käfige in diesem Land staatliche Gewalt ist; wie die Belastung schwarzer Frauen durch ständige Angriffe auf unsere Kinder und unsere Familien eine Form staatlicher Gewalt darstellt; wie schwarze queere und Trans-Menschen unter der Belastung durch eine hetero-patriarchale Gesellschaft leiden, die uns systematisch verschrottet, während sie uns gleichzeitig fetischisiert und von uns profitiert, und wie dies ebenso eine Form der Gewalt durch den Staat darstellt; wie 500.000 schwarze Menschen in den USA als illegale Immigranten leben und in die Unsichtbarkeit verbannt werden; wie Schwarze Mädchen als Verhandlungsmasse in Zeiten des Konflikts und des Krieges eingesetzt werden; wie Schwarze Menschen, die eine Behinderung haben oder anders Befähigt sind, unter der Belastung staatlich geförderter darwinistischer Experimente leiden, durch die man versucht, sie in Kategorien der Normalität zu zwängen, die durch ein weißes Überlegenheitsdenken definiert werden – und auch dies ist eine Form staatlicher Gewalt.

#BlackLivesMatter setzt sich für eine Welt ein, in der das Leben Schwarzer nicht mehr systematisch und vorsätzlich eine Zielfläche destruktiver Angriffe darstellt. Wir bekräftigen unseren Beitrag für die Gesellschaft, für die Menschheit, und unseren Widerstand angesichts der tödlichen Unterdrückung mit der wir konfrontiert sind. Wir haben unser ehrenamtliches Engagement und unsere Liebe zu Schwarzen Menschen dahingehend eingesetzt, ein politisches Projekt ins Leben zu rufen – wir haben den Hashtag aus den sozialen Medien herausgeholt und sind auf die Straßen gegangen. Der Ruf nach der Bedeutung Schwarzer Leben ist unser Ruf für die Leben ALLER Schwarzer, die sich für Befreiung eínsetzen.

(Quelle: BlackLivesMatter.com/about)

Die zweijährliche Sistah Vegan Konferenz: „Die vegane Praxis von Black Lives Matter“ 2015 ist Teil dieser Bewegung. Diejenigen, die nicht wissen, was wir mir „Praxis“ meinen und wie wir dieses Konzept gebrauchen, sollten dazu diesen Abschnitt lesen.

In den letzten zehn Jahren habe ich, Dr. A. Breeze Harper, die Begründerin des Sistah Vegan Projekts, mich intensivst mit der kritischen Rasse- und der kritischen Weißseins-Analyse der nordamerikanischen veganen Bewegung befasst. Mir war klar, dass die Mainstream-Rhetorik innerhalb der veganen Bewegung wenig in Sinne dessen tut, anzuerkennen, dass „Schwarze leben zählen“; dies hängt mit einer postrassischen/posthumanen veganen Praxis zusammen. Das Kollektiv weißer neoliberal orientierter Veganer_innen reagiert auf die Konfrontation mit dieser Tatsache, durch vorwiegend nicht-weiße und antirassistische Personen (die vegan sein können oder nicht-vegan), häufig in einer defensiven Art und Weise. Sie reagieren gemeinsam mit verbaler Gewalt, Täter-Opfer-Umkehr und/oder drücken selbstbewusst aus, dass die Einbeziehung eines antirassistischen und dem Weißsein gegenüber kritischen Bewusstsein in ihrer veganen Praxis „zu ablenkend“ von ihren Zielen der Befreiung nichtmenschlicher Tiere wäre. Diese Reaktion selbst spricht Bände von dem weißen Privileg, dass es sich leisten kann, Fragen von Rasse, Rassismus und Rassifizierung als „zu unpassend“ zu empfinden.

Doch so gibt es aber auch diejenigen von uns schwarzen Veganer_innen und Freund_innen, die sich seit langem in verschiedenen Praktiken dessen engagiert haben, den systemischen und institutionell begründeten Rassismus, die Negrophobie, das neolibeale Weißsein (manche nennen es auch den ‚neoliberalen Rassismus’) und den Speziesismus aufzulösen. Wir sind das Kontinuum eines Erbes antirassistischer und anti-weiß-supremazistischer Aktivist_innen und Akademiker_innen, die sich schon immer darum bemüht haben zu zeigen, dass „Schwarze leben zählen“: W.E.B. DuBois, Assata Shakur, Fanny Lou Hammer, Angela Davis (vegan), Morris Dees, Ella Baker, Nina Simone, bell hooks, Ida B. Wells, Octavia Butler (vegan), Audre Lorde, Derrick Bell, Peggy McIntosh, James Baldwin, the Black Panther Party, the Combahee Collective … und die Liste geht weiter.

Vor kurzem hat der geniale rassenbewusste schwarz-identifizierte vegane Chefkoch Bryant Terry darüber geschrieben, wie das Kochbuch Thug Kitchen, das im Herbst 2014 erschienen ist, im Widerspruch zu den Kernthemen steht, wie wir sie in der „Black Lives Matter“-Bewegung finden.  Die Kontroverse rund um Thug Kitchen entwickelte sich zu einem Mikrokosmos dessen, wie Rasse in den USA durch weiß-identifizierte Menschen, so wie den Autor_innen des Buches Thug Kitchen, anders gelebt wird. Die Autor_innen verweigerten sich darin, die Gefahren des Zusammenwirkens ihres eigenen weißen neoliberalen geopolitischen Statuses mit der Aufrechterhaltung von systemischem Rassismus und anti-schwarzer Gewalt wahrzunehmen – sie waren schlichtweg nicht imstande dazu, zu reflektieren, wie ihr Gebrauch des Wortes „Thug“ nicht unschuldig sein konnte, sondern hauptsächlich auf der Rassifiziertheit des Begriffes als „angsteinflößener, schwarzer, urbaner männlicher Gangsta“ aufbaut. Solch eine Verneinung zeigte eindeutig, so die Kritiker des Buches Thug Kitchen (wie Lizbut Ross und der Blogger Michael Twitty, dass die Rassifiziertheit als weiß in einer neoliberalen Zeit, eine überwältigend großen Anzahl weißer Menschen hervorgebracht hat, die tatsächlich nicht verstehen, wie und weshalb der Begriff „Thug“ mit diesem „überzeugenden Mythos“ der weißen Mehrheit gleichgesetzt werden kann: dass alle Schwarzen und Braunen Menschen gefährlich sind und man daher zweifellos vorsorglich mit staatlich sanktionierter Gewalt oder einzelnen Akten präventiver „Selbstverteidigung“ vorgehen darf.

Jedoch wirft man den Blick auf die schwarze vegane Erfahrung, so versteht man bald, wie ihre kollektive Praxis Antirassismus, schwarze Befreiung und die Dekonstruktion weiß-supremazistischer Systeme und Institutionen in einer angeblich post-rassischen Zeit beinhalten muss. Dj Cavem zum Beispiel, ein junger schwarzer veganer Hip-Hop-Aktivist aus Denver Colorado, engagiert sich dafür, Jugendliche mit der veganen Praxis vertraut zu machen. Er zeigt uns, dass „schwarze Leben zählen,“ indem er gegen Nahrungsmittelwüsten, den Gefängnis-Industrie-Komplex, Polizeigewalt und Ungleichheiten im Gesundheitswesen kämpft – Konsequenzen des anti-schwarzen Erbes im weiß-supremazistischen kapitalistisch-basierenden US-amerikanischen System.

Schauen wir in Richtung der Ostküste der USA, dort finden wir die anfrozentrisch ausgerichtete vegane Aktivistin Queen Afua, deren wegweisendes Buch Sacred Woman die vegane Ernährungspraxis mit der Bewusstsein verband, dass rassifiziert-sexualisierte Gewalt gegen schwarze Frauen und Mädchen nicht verschwiegen und ignoriert werden darf.

Nicht-schwarz-identifizierte Freund_innen und Unterstützer_innen, so wie Dr. Harlan Weaver, bringen eine antirassistische vegane Praxis und die der Tierbefreiung in ihrer Arbeit zusammen. Dr. Weaver beobachtet wie cisgender, rassische und nichtbehinderte Identitäten die Beziehung zu Pitbulls in den USA in direkter Weise beeinflussen. Die rassistischen Reaktionen seitens der Mainstream-Tierrechts- und veganen Bewegung auf den Fall Michael Vicks und seine Beteiligung an Pittbull-Hundekämpfen zeigen, dass es nicht nur Michael Vick war, der hier vor Gericht stand, sondern insgesamt die schwarze urbane Hip-Hop-Kultur und die „wilden“ Männer, die ihr angeblich entsprangen. Die Arbeit Weavers kann angeführt werden um verstehen zu lernen, wie solche Reaktionen des Mainstreams weißer Tierrechtler_innen und Veganer_innen erkennbar machen, dass die Leben Schwarzen in derer veganen Praxis nicht zählen.

Eine der kontroversesten Gruppen die für den Veganismus werben sind PETA. Sie setzen sich für die Befreiung nichtmenschlicher Tiere ein, während sie zugleich ihre eigene unterstützende Rolle, sowohl in der Aufrechterhaltung eines neoliberalen Rassismusses, als auch dabei, durch transphobe Texte und Bilder den Mainstream dahingehend zu beeinflussen, aus „ekel“ Vegetarier_innen oder Veganer_innen zu werden, ignorieren. Ob beabsichtigt oder nicht, solch eine vegane Praxis wie die, die PETAs Kampagnenstrategien treibt, betrifft die Leben von Trangender-Menschen in negativer Weise – insbesondere das Leben von schwarzen Transgenderfrauen wie CeCe McDonald. Der weiße vegane Freund und Unterstützer Kris Gebhard hat seine Solidarität mit der Black Lives Matter-Bewegung gezeigt, indem er sich für die Befreiung CeCe McDonalds engagiert.

Lauren Ornelas, die Leiterin des Food Empowerment Projects ist latina-identifizierte anti-rassistische Veganerin. Ornelas hat einen enormen Beitrag darin geleistet, aufzudecken, welche Unternehmen vegane Kakaoprodukte herstellen und vertreiben, deren Produktion die Ausbeutung schwarzer afrikanischer Kinder beinhaltet. Diese Kinder werden versklavt um Kakao zu ernten – und das auch für tierqualfreie vegane Schokoladenriegel . Ihre kontinuierliche Arbeit zur Sichtbarmachung dieser grausamen Praxis ‚moderner Sklaverei’ stellt ein beeindruckendes Beispiel trans-kontinentalen Einsatzes dar, mit dem Ziel Veganer_innen im globalen Westen und Norden bewusst zu machen, wie/ob ein „qualfreier“ Konsum über die Frage: „Wurde einem Nichtmenschen Grausamkeit angetan?“ hinausgehend praktiziert wird. Das Food Empowerment Project klärt auf und bringt Konsumenten dazu, sich mit der Realität auseinanderzusetzen, dass der meiste Kakao der gehandelt wird mit folgender Logik einhergeht: 1. schwarze afrikanische Leben zählen nichts und dürfen nicht zählen, und 2.) wir haben es hier mit einem größeren Problem rassifizierten Nahrungsmittelhandels zu tun, bei dem diejenigen, die Nahrungsmittel unter grausamsten Bedinungen ernten, zumeist braune und schwarze Menschen dieser Welt sind.

In Fortsetzung mit der pro-veganen Arbeit im Sinne des Gedanken von Black Lives Matter, wie sie geleistet wird von Menschen wie Lizbut Ross, Bryant Terry, DJ Cavem, Harlan Weaver, Lauren Ornelas und Queen Afua, werden sich die Workshops und Redebeiträge der kommenden Konferenz mit folgenden Fragen befassen (und versuchen sie zu beantworten oder immerhin in eine Richtung besserer Antworten zu verweisen).

  1. Wie sieht eine vegane Praxis im Sinne von Black Lives Matter aus?
  2. Wie sieht der Veganismus aus, der die Idee von Black Lives Matter ignoriert und was sind die (un)gewollten Konsequenzen, die daraus resultieren?
  3. Weshalb spielen Rasse und Weißsein eine Rolle, und was sind ihre Funktionsweisen?
  4. Wie sieht die gegenseitige Unterstützung innerhalb der Black Lives Matter-Bewegung unter nicht-schwarzen und schwarzen Veganer_innen aus?

Das Programm, die Liste der Sprecher_innen, der angebotenen Workshops und die Informationen zur Registration sind hier abrufbar.

(Alle Links: 27. Dez. 2014)

Amie Breeze Harper: Rasse als eine „nebensächliche Angelegenheit“ im Veganismus: Eine Hinterfragung des Weißseins, geopolitischer Privilegien und der Philosophie des Konsums „tierqualfreier“ Produkte

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Jahrgang 1, Nr. 2, Art. 1, ISSN 2363-6513, August 2014

Rasse als eine „nebensächliche Angelegenheit“ im Veganismus: Eine Hinterfragung des Weißseins, geopolitischer Privilegien und der Philosophie des Konsums „tierqualfreier“ Produkte

Amie Breeze Harper [1]

Titel der englischsprachigen Originalfassung: Race as a “Feeble Matter” in Veganism: Interrogating whiteness, geopolitical privilege, and consumption philosophy of “cruelty-free”products. Journal for Critical Animal Studies, Volume VIII, Issue 3, 2010 (ISSN1948-352X). Übersetzung: simorgh.de.

Dieser Text als PDF

Zusammenfassung: Im Kontext feministischer Geographie, von Rassenpolitik und mit Studien über Verzehr und Konsumverhalten, habe ich, innerhalb der „Outreach“-Modelle des Mainstreams im Veganismus und in den Bestsellern vegan-orientierter Buchveröffentlichungen, selten, wenn überhaupt, eine Zurkenntnisnahme der unterschiedlichen sozio-historisch rassifizierten Epistemologien rassisch nicht-weißer Gruppen beobachten können. In den weißen veganen Mainstream-Medien besteht eine unterschwellige Annahme, dass Rassifizierung und die Schaffung veganer Räume miteinander in keinerlei Verbindung stehen könnten. Doch ist Raum, ob vegan oder nicht, rassifiziert und gleichzeitig auch sexualisiert und vergeschlechtlicht [gendered], was Individuen und räumlich-/örtliche Identitäten in direkter Weise affiziert. Rassifizierte Orte und Räume bilden eine Grundlage dafür, wie wir unsere sozio-räumlichen Epistemologien entwickeln; diese Epistemologien sind aus diesem Grunde rassifiziert. Dieses Essay befasst sich mit Beispielen dessen, wie Epistemologien des Weißseins sich in der veganen Rhetorik in den USA manifestieren, und versucht eine Erklärung darüber abzulegen, weshalb eine „post-rassische“ Herangehensweise des veganen Aktivismus durch eine anti-rassistische und „farbigkeits-bewusste“ [color-conscious] Praxis ersetzt werden muss.

Schlagworte: Kritische Weißseinsstudien, Rassismus, feministische Geographie, Veganismus

TIERAUTONOMIE,  Jg. 1 (2014), Heft 2.

Rasse als eine „nebensächliche Angelegenheit“ im Veganismus: Eine Hinterfragung des Weißseins, geopolitischer Privilegien und der Philosophie des Konsums „tierqualfreier“ Produkte

Menschen, die vegan leben, enthalten sich tierischer Produkte (in Hinsicht sowohl auf die Ernährung als auch auf alle anderen Zwecke). Die Kultur des Veganismus selbst stellt in sich aber keinen Monolithen dar, sondern setzt sich aus vielen unterschiedlichen Subkulturen und Philosophien aller Orte in der Welt zusammen, rangierend von Punks, die aus strikten Tierrechtsgründen vegan sind, bis zu Leuten, die sich aus persönlichen Gesundheitsgründen vegan ernähren oder Menschen, die aus religiösen und spirituellen Gründen vegan leben (Cherry, 2006; Iacobbo, 2006). Beim Veganismus geht es nicht allein um den Verzicht des Verzehrs und Gebrauchs tierlicher Produkte; sondern es geht auch um das fortwährende Streben darum, sozio-räumliche Epistemologien des Konsums zu schaffen, durch die ein kultureller und räumlicher Wandel bedingt werden kann; es geht um die kritische Infragestellung der Dominanz des Narrativs des Konsums von Tierprodukten, das in der sozio-historischen, sowie in der Nation-stiftenden Rhetorik der Vereinigten Staaten, eine zentrale Rolle einnimmt und vorherrschend ist. Innerhalb meines Interesses für feministische Geographie, Rassenpolitik und die Studien über Konsum und Verzehr, konnte ich beobachten, dass die „Outreach“-Modelle des Mainstreams im Veganismus und in den Bestsellern vegan-orientierter Buchveröffentlichungen, selten, wenn überhaupt, aber solche unterschiedlichen sozio-historischen rassifizierten Epistemologien zwischen dem weißen Status quo einer Mittelklasse und der Kollektivität anderer rassischer Gruppen, wie den Afro-Amerikaner_innen, den chinesischen Amerikaner_innen oder den amerikanischen Ureinwohner_innen, zur Kenntnis nehmen. In den weißen veganen Mainstream-Medien besteht eine unterschwellige Annahme, dass Rassifizierung und die Schaffung veganer Räume miteinander in keinerlei Verbindung stehen könnten. Doch ist Raum, ob vegan oder nicht, rassifiziert (Dyer und Jones, 2000; McKittrick, 2006; McKittrick und Woods, 2007; Price, 2009) und zugleich auch sexualisiert und vergeschlechtlicht [gendered] (Massey, 1994; Moss, 2008), was Individuen und räumlich-/örtliche Identitäten in direkter Weise affiziert. Wie Menschen ihre Wissensbasis entwickeln, hängt unmittelbar mit den verkörperten Erfahrungen der Orte und Räume zusammen, durch die wir hindurch navigieren. Wissenschaftler aus dem Bereich kritischer Geographien der Rassen, gehen sogar davon aus, das die Welt komplett rassifiziert ist.

David Delaney, ein Geograph der im Bereich kritischer Rassentheorie arbeitet, fragt: „Was heißt es für Geograph_innen, die Annahme einer vollständig rassifizierten Welt ernst zu nehmen?“ (Price, 2009). Als schwarze feministische Geographin und Theoretikerin kritischer Rassenstudien nehme ich ernst, dass rassifizierte Orte und Räume eine Grundlage dessen bilden, wie wir unsere sozio-räumlichen Epistemologien entwickeln; diese Epistemologien sind daher rassifiziert.

Das kollektive Wissen in der weißen US-amerikanischen Mittelklasse über Räume und die Bezugnahme darauf, und auf all die Objekte und Lebensformen, die diese Räume besiedeln, stehen mit der physischen und sozialen Platzierung dieser Demographie innerhalb einer rassifizierten Hierarchie in Verbindung, in der

[…] sie als normal, nicht-rassifiziert, universal und als Status quo naturalisiert werden; Weißsein als die Norm steht im Mittelpunkt in der Wissensgenerierung und der Schaffung von Raum und Macht in den USA.

Zudem,

[ist] für farbige Menschen, als Opfer von Rassismus/weißem Überlegenheitsdenken, Rasse ein Filter, durch den sie die Welt betrachten. Weiße blicken nicht auf die Welt durch diesen Filter rassischen Bewusstseins, auch wenn sie selbst eine Rasse [2] bilden. Dieses Privileg, ihre eigene Rasse zu ignorieren, verschafft Weißen einen gesellschaftlichen Vorteil, der sich von jedem Vorteil, der aus der Existenz diskriminatorischen Rassismusses resultiert, unterscheidet. [Grillo und Wildman] gebrauchen den Begriff des Rassismusses/weißen Überlegenheitsdenkens zur Betonung der Verbindung zwischen dem Privileg Weißer, ihre eigene Rasse zu ignorieren, und dem diskriminatorischen Rassismus. (Grillo und Wildman 1995, 565)

In diesem Essay werde ich die Begriffe Weißsein und weißes Privileg als Synonyme für diese Erklärung von Grillo und Wildman über ‚Rassismus/weißes Überlegenheitsdenken’ gebrauchen. Was uns Geograph_innen im Bereich der kritischen Rassestudien anbetrifft, wie verstehen wir also die Funktionsweise des Weißseins als Epistemologie innerhalb der Macht und Schaffung von Räumen? Ich welcher Form beeinflussen rassifizierte Geographien des Ausschlusses/der Einbeziehung nuancierte und verdeckte Handlungsweisen des Weißseins und weißer Privilegien im Rahmen eines rassischen Status quo? Wie manifestieren sich diese Akte verdecken Weißseins und des weißen Privilegs – selbst wenn unverschuldet und unbewusst – in Räumen des Veganismus? In einer rassifizierten Nation lebend, in der die Epistemologien und Ontologien dieser Demographie im Mittelpunkt angesiedelt sind, sind sich die US-Amerikaner_innen kollektiv dessen nicht bewusst, dass dieser „Mittelpunkt“ die Realitäten derjenigen nicht reflektiert, die sich nicht in solchen weiß-privilegierten Räumen des Einschlusses befinden.

Rassifizierte Räume schaffen rassifizierte psychische Räume. Arnold Farr bezieht sich darauf als ein rassifiziertes Bewusstsein – ein Begriff, der besonders in seiner Anwendung auf diejenigen Menschen hilfreich ist, die nicht so ganz verstehen, dass sie verdeckte Handlungen des Weißseins/weiß-priviligierten Rassismusses begehen können, während sie sich gleichzeitig im TR/VEG-gründenden sozialen Aktivismus betätigen. Ein ‚rassifiziertes Bewusstsein’, so definiert der afro-amerikanische Philosoph Dr. Arnold Farr diesen Begriff,

[…] ersetzt den Rassismus als den traditionell operativen Begriff in den Diskursen über Rasse. Das Konzept des rassifizierten Bewusstseins kann uns dabei helfen, zu erkennen, in welchen Weisen das Bewusstsein in Hinsicht auf rassistische soziale Strukturen geformt ist …

Der Begriff eines ‚rassifizierten Bewusstseins’ hilft dabei zu verstehen, weshalb selbst ein weißer Liberaler, der in guter Absicht handelt und am Kampf gegen den Rassismus teilnimmt, unbeabsichtigt selbst eine Form des Rassismusses fortsetzten kann (Farr, 2004).

Bekannte vegan-orientiere Buchveröffentlichungen in den USA, wie Vegan: The New Ethics of Eating (Marcus, 2001), Being Vegan in a Non-Vegan World (Torres and Torres, 2005), The Vegan Sourcebook (Stepaniak and Messina, 2000) und Becoming Vegan (Davis and Vesanto, 2000), die allesamt als eine Art veganer Bibeln für den veganen Status quo gehandelt werden, beziehen die Fragen nicht substantiell oder kritisch mit ein, in welcher Weise Rasse (Rassifizierung, Weißsein, Rassismus, Anti-Rassismus) beeinflusst, wie und warum jemand vegan ist, warum jemand über die vegane Praxis schreibt, sie weiter vermittelt und letztendlich vegane Räume schafft, um einen kulturellen Wechsel zu bedingen. Was aber bedeutet es, sich über Rasse bewusst zu sein, wenn jemand damit beginnt, beispielsweise ein Projekt vegan-orientierter Forschung zu betreiben? Dies ist Teil einer breiteren Auseinandersetzung darüber, wie Rassifizierung, Rasse und Weißsein innerhalb veganer Räume in weiß-dominierten Nationen funktioniert und sich manifestiert.

[…] So wie die Friedens- und die Umweltbewegung, so setzt sich auch die Tierrechtsbewegung vorwiegend aus weißen Personen aus der Mittelschicht zusammen. Andrew Rowan, ein Vizepräsident der Humane Society of the United States, sagte, dass Umfragen zeigten, dass der Anteil farbiger Menschen in der Tierrechtsbewegung „weniger als drei Prozent“ ausmache. Im April diesen Jahres nahmen 316 Personen aus 20 Bundesstaaten an der ersten ‚Grassroots AR Conference’ [Graswurzel-Tierrechtskonferenz) in New York City teil. Die Teilnehmerzahl (inklusive dem Gremium) farbiger Menschen zählte nur acht Personen. Wenn niemand rassistisch ist, warum ist die Bewegung dann innerlich so stark segregiert? (Hamanaka, 2005)

In ähnlicher Weise wie bei der zweiten Welle des US-amerikanischen Feminismus, der die heterosexuelle weibliche Erfahrung der Mittelklasse fälschlicherweise generalisierte und als Erfahrung sozialer Räume, von Macht und Kampf aller Frauen annahm, so geht auch die vegane Mainstream-Rhetorik von dieser falschen Annahme aus. Während der Veganismus selbst zwar entgegengesetzte Räume des Konsums schafft, die die Standardräume der amerikanischen karnizentrischen Ernährung in Frage stellen, so will dieses Essay doch genauer betrachten, wie die Praxis des veganen Mainstreams gleichzeitig sozio-räumliche Epistemologien des Weißseins schafft, die für die meisten weiß-identifizierten Personen aber unsichtbar bleiben.

Man kann interessanterweise davon ausgehen, dass die rassisch weiße Demographie in den USA, sich kollektiv des Rassismusses und des weißen Dominanzanspruchs, als einem fortlaufenden, institutionellen und systemischen Prozess, nicht bewusst ist (Tuana und Sullivan, 2007; Yancy, 2004). Zudem zeigt sich diese Ignoranz häufig als eine „postrassische“ oder eine „rasselose“ Herangehensweise, in der mit der Welt umgegangen wird. Das kann sich so manifestieren, dass geglaubt wird, eine Veranstaltung über Tierrechte, an der 308 weiße und 8 farbige Menschen teilnehmen, habe nichs zu tun mit der US-amerikanischen Geschichte (und Gegenwart) des institutionalisierten und environmentalen Rassismusses sowie dem Weißsein als Norm.

In einer „postrassischen“ oder „rasselosen“ Gesellschaft, so glaubt man, existiere kein Rassismus mehr, weil die Hautfarbe nicht mehr die Gleichheit vorbestimmt. In diesem Text werden die Begriffe „rasselos“ und „postrassisch“ in Anführungszeichen gesetzt, um dadurch zu reflektieren, dass diese Begriffe eine kodifizierte Sprache darstellen für ein „erwartetes Weißsein“ [Weißsein als Norm] (Kang, 2000), und dass „rasselos“ gleichzusetzen ist „mit einem Normalzustand des Weißseins“ (Nakamura, 2002). Die Konsequenzen einer „postrassischen“ Herangehensweise einer Person in der TR/VEG-Bewegung [3], ignorieren den sozio-historischen Kontext von Hautfarbe, sowie die Ausstaffierungen weißen Privilegs, was beides die Zugänge zu und die Generierung von lokalen und globalen Ressourcen mit beeinflusst; hiermit einbeschlossen sind die Ressourcen für vegane Produkte, die von Menschen in der TR/VEG-Bewegung in den USA gekauft werden. Selbst im Kreise des radikalsten Aktivismusses – so wie in den Bewegungen der Anti-Globalisierung, der Tierrechte, des Lebensmittelaktivismus über Erzeugermärkte, im Veganismus und in der Bewegung, die gegen den Wirtschaftskomplex indutriell betriebener Gefängnisse kämpft – erhält und repliziert sich dieses kollektive Unbewusstsein gegenüber weißen sozio-räumlichen Epistemologien als eine Form der Ignoranz (Appel, 2003; Clark, 2004; Nagra, 2003; Poldervaart, 2001; Slocum, 2006; Yancy, 2004).

Die Epistemologie der Ignoranz beinhaltet eine Betrachtung des komplexen Phänomens der Ignoranz. Ziel dabei ist es, die verschiedenen Formen zu identifizieren, genauer zu untersuchen wie sie generiert und aufrecht erhalten werden und welche Rolle sie in den Wissenspraktiken spielen … Manchmal nehmen [die Epistemologien der Ignoranz] eine Form an, indem diejenigen, die sich in ihrem Zentrum befinden, den Marginalisierten das Bescheidwissen darüber verweigern: man blicke dazu auf das im 19. Jahrhundert geltende Verbot für schwarze Sklaven, Lesen und Schreiben zu lernen. Andere Male begegnen wir [diesen Epistemologien] in der Form der eigenen Ignoranz des Zentrums gegenüber der Ungerechtigkeit, der Grausamkeit und dem Leid, wie der gegenwärtige Wahrnehmungsmangel weißer Menschen im Bezug auf Rassismus und die Dominierung durch Weiße/das Weißsein (Sullivan und Tuana, 2007).

Es ist dennoch aber auch wichtig anzumerken, dass nicht alle farbigen Menschen in den USA die Konsequenzen oder selbst die Existenz rassifizierter oder ethnozentrischer Epistemologien der Ignoranz als solche anerkennen. Dr. Charles Mills, der Verfasser von The Racial Contract, geht jedoch davon aus, dass sich die meisten schwarz-identifizierten Menschen in den USA dessen vollständig bewusst sind, dass ihr Bewusstsein „rassifiziert“ ist, und dass die epistemologische Norm in den USA dem Weißsein entstammt (Mills, 2007). Und das ist was mich an der weißen Ignoranz verblüfft: aufgrund verkörperter Erfahrung durch weiße Rassifizierung und Sozialisierung, die diese Demographie strategisch in Richtung einer kollektiven Ignoranz bezüglich Rasse lenkt, verneint die Mehrheit weiß-identifizierter Menschen in den USA, dass ihre Epistemologien und ihr ethisches Verständnis „rassisch“ sind (Sullivan und Tuana, 2007). Dr. Mills hat diese epistemologische Norm als eine Art weißer Ignoranz beschrieben:

[…] Eine Form der Ignoranz, die man als weiße Ignoranz bezeichnen könnte und die mit dem weißen Überlegenheitsdenken verbunden ist. Die Vorstellung eines vorliegenden kognitiven Handicaps einer Gruppe ist der radikalen Tradition in diesem Bereich nicht fremd, wenn nicht überhaupt normaler Bestandteil im Sinne ihrer „Ignoranz“. In der Tat ist das sogar ein direkter Folgesatz der Standpunkttheorie: wenn eine Gruppe privilegiert ist, muss sie sich im Verhältnis zu einer anderen Gruppe befinden, die eingeschränkt (handicapped) ist. Zusätzlich hat für mich dieser Begriff [der weißen Ignoranz] den Vorzug meine theoretischen Sympathien mit dem zu bekunden, was vielen wahrscheinlich als ein bedauernswert altmodisch und „konservatives“, realistisch-intellektuelles Rahmenwerk erscheinen mag – einem in dem Wahrheit, Falschheit, Fakten, Realität und Ähnliches nicht in ironische Anführungszeichen gesetzt werden. Der Ausdruck „weißer Ignoranz“ schließt die Möglichkeit einer kontrastierenden „Kenntnis“ mit ein (Mills, 2007).

Wie manifestiert sich solch eine Ignoranz in der veganen Praxis? Ich werde dies in der folgenden Sektion betrachten.

Rasse und Ethnizität in einer veganen- und Tierrechtsanalyse … ist das wirklich eine „nebensächliche“ Angelegenheit?

Von: Clara
Datum: 8. November 2007
An: sistahvegan98@mac.com
Betreff: Unter uns Veganern …

Hallo, mein Name ist Clara. Ich bin eine Highschool-Erstsemesterin und stieß, als ich einige Recherchen zur Misshandlung von Tieren anstellte, auf Deine Webseite über Dein Buch.

Ich finde es spannend, dass Du dich an vegane afro-amerikanische Feministinnen wendest, bin aber irritiert darüber, wie SEHR du alles mit Rasse und Ethnizität in Verbindung bringst. Ich möchte einfach nur sagen, dass ich ehrlich gesagt nicht daran glaube, dass die Rasse eines Veganers irgendetwas mit der Rettung der Tiere zu haben sollte, und damit, andere über Tierquälerei aufzuklären. Du schreibst über viele Themen, die mir den Eindruck vermitteln, dass Du irgendwann mal in Deinem Leben nicht stolz darauf gewesen bist, Afro-Amerikanerin UND vegan zu sein – wegen der Darstellung der meisten Veganer. Und das finde ich enttäuschend, weil Rasse, für mich, solch eine nebensächliche Angelegenheit ist. Es gibt einfach wichtigere Dinge im Leben als immer nur auf so etwas wie Rasse zu achten. Und ständig zu betonen, dass Rassethemen wichtiger sind als das, an was man glaubt, kommt mir irgendwie ignorant vor.

Naja, also danke für Deine Aufmerksamkeit: Clara :)

Diese Nachricht erhielt ich Anfang November 2007. Als Kulturgeographin, Akademikerin und Aktivistin, die sich mit der Analyse dessen befasst, wie Rasse, Klasse, Rassismus, Weißsein und geopolitische Lokalität die eigene Philosophie über TR/VEG formt, faszinierte diese Email mich. Diese junge Frau schrieb mir bezüglich meiner Webseite www.breezharper.com und meiner Anthologie schwarzer Veganerinnen, Sistah Vegan. Man muss nicht lange im Zeitraum der letzten ein zwei Jahre suchen, um festzustellen, dass Rasse in den USA keine „nebensächliche Angelegenheit“ ist: The Jena 6, der „nappy-headed hos“-Kommentar von Don Imus über das Frauenbasketballteam der Rutgers University und Megan Williams Peiniger, die sie als „Niggerin“ bezeichneten, während sie sie mit dem Messer malträtierten (Tone, 2007), sind einige Beispiele rassisch begründeter verbaler und/oder  physischer Gewalt.

Obgleich Rasse ein soziales Konstrukt ist, so existieren doch die offensichtlichen Konsequenzen dieses Konstrukts – in deutlichster Form das weiße Privileg, weiße Ignoranz und weißer Rassismus –, die alle Aspekte des Lebens in den USA und global in negativer Weise beeinflussen (Bell, 1992; Bell, 2005; Sullivan und Tuana, 2007; Wing, 2003). Diese Konsequenzen schließen den geopolitisch rassifizierten Konsum und eine geopolitisch rassifizierte Produktion veganer Produkte (dazu zählen sowohl Nahrungsmittel so wie auch Wissen als ein Produkt) für US-amerikanische Konsumenten, die zur veganen Tierrechtsbewegung zu zählen sind, nicht aus. Claras Email deutet darauf hin, dass sie sich dessen nicht bewusst ist, in welcher Weise eine geopolitisch rassifizierte Arbeitskraft, und solch ein Verbrauchersystem, es den Personen aus dem TR/VEG-Kreis in den USA ermöglicht, Zugang zu veganen Produkten zu haben.

Die Formulierung, dass etwas geopolitisch rassifiziert ist, habe ich für dieses Essay festgelegt. Darin inbegriffen ist eine Zusammenführung des Gedankens kritischer geopolitischer Theorie mit dem Begriff der Rassifizierung. Die kritische geopolitische Theorie wählt eine „kritische Perspektive auf die Kräfte der Fusionen zwischen geographischem Wissen und Machtsystemen“ (Dalby und Tuathail, 1996). Ich ergänze diese Fusion mit den Begriffen der Produktionssysteme und der Systeme des Konsums, nicht allein von Wissen/Erkenntnissen, sondern auch von materiellen Ressourcen, so wie Nahrungsmitteln, Bekleidung und [selbst bis hin zu] Gewürzen.

Rassifizierung im Zusammenhang mit Geopolitik bedeutet in anderen Worten, dass menschliche Produzenten und Konsumenten innerhalb dieses Machtsystems in „rassifizierten“ Körpern existieren, die sozial und geopolitisch in einem globalisierten kapitalistischen ökonomischen System lokalisiert sind. Solch eine „rassifizierte“ Ortung wirkt sich aus auf ihre Beziehungen zu und ihr Verständnis von Wissen/Erkenntnis und Materialerzeugung, Macht und Ignoranz. Dr. Radhika Mohanram, Professorin für Frauenstudien, Englisch und der Geopolitik rassischer Identitäten, erklärt:

[…] Es ist nichts ungewöhnliches darauf hinzuweisen, dass das Konzept von Rasse immer in Hinsicht auf die geopolitische Verteilung von Menschen artikuliert wurde. Rassische Unterschiede heißt auch räumliche Unterschiede, die ungleichen Machtbeziehungen zwischen verschiedenen Räumen und Orten werden reartikuliert als die ungleichen Machtbeziehungen zwischen den Rassen (Mohanram, 1999).

So hat zum Beispiel zwangsverpflichteter schwarzer haitianischer Zuckerrohrarbeiter in der Dominikanischen Republik eine andere Beziehung zu und Wahrnehmung von Zucker, als ein „freier“ weißer US-amerikanischer Veganer, der ein veganes Produkt verzehrt, das Zucker enthält, der von dem versklavten Dominikaner geerntet wurde. Zudem bedingt sich der eigene Sinn für „ethischen Konsum“ aus der geopolitischen sozialen und physischen Position (Barnett et al., 2005).

Vegane Schokoladen-, Zucker- und Baumwollprodukte (als vegane Alternative zu Wolle und Seide) sind Beispiele dessen, wie ein globalisierter Rassismus geopolitisch rassifizierte Hierarchien in der Nahrungsproduktion und in der tierproduktfreien Textilproduktion aufrecht erhält (Harper, 2010). Ich werde das Obige weiter erläutern, für diejenigen, die vielleicht nicht ganz verstehen, weshalb sie sich damit auseinandersetzen sollten, welche Auswirkungen ein unbeachtetes geopolitisch rassifiziertes Bewusstsein auf ihre Tierrechtsepistemologien hat und auf den Einsatz dieser Epistemologien durch einen veganen Konsumerismus und Verzehr/Konsum.

Es gibt Menschen außerhalb der USA, die Kakao unter den schlimmsten Bedingungen ernten, nur für die Produktion von Süßigkeiten – einschließlich schokoladehaltiger Zutaten, die man in verschiedenen veganen Nahrungsmitteln und Getränken findet. Es gibt tausende von Menschen auf den Kakaoplantagen, die als Sklaven arbeiten um Schokolade für die USA zu ernten. Die Elfenbeinküste exportiert fünfzig Prozent der Kakaobohnen, die in der globalen Herstellung von Schokolade verwendet werden (Hawksley, 2001).

Es existiert ein überraschend anmutender Zusammenhang zwischen der Schokolade und der Kinderarbeit an der Elfenbeinküste … mit der die Schokolade erzeugt wird, unter unmenschlichen Bedingungen und mit den extremsten Formen von Misshandlung. Dieses westafrikanische Land ist globaler Hauptexporteur von Kakaobohnen. Die Kinderarbeit ist somit relevant für die internationale ökonomische Gemeinschaft im Ganzen, durch Handelsbeziehungen und viele Akteure, die unumgänglich in dieses Problem mit einbezogen sind, ob das nun die Regierung der Elfenbeinküste, die Bauern, die amerikanischen oder europäischen Schokoladenhersteller oder die Konsumenten sind, die unwissend die Schokolade kaufen [Betonung hinzugefügt] (Chanthavong, 2002).

Zudem wurden im Jahr 2001 in Mali tausende Kinder als „vermisst“ gemeldet. Die Regierungsbehörden gehen davon aus, dass sich „schätzungweise 15.000 Kinder in der benachbarten Elfenbeinküste befinden und dort in der Kakaoproduktion arbeiten …  . Viele werden in den Landwirtschaftsbetrieben gefangen gehalten, und wenn sie versuchen zu fliehen, körperlich misshandelt. Manche dieser Kinder sind jünger als 11 Jahre alt“ (Hawksley, 2001).

Obgleich viele Veganer_innen in den USA glauben, dass ihr Konsum/Verzehr „gewaltfrei“ [cruelty free] ist, indem sie das Leben eines nichtmenschlichen Tieres dadurch retten, dass sie vegane Schokoladenprodukte essen, so verursachen diejenigen aber, die Kakaoprodukte aus dem nicht-fairen Handel kaufen, Grausamkeit [cruelty] gegen tausende von Menschen. Wenn ein Produkt nicht in einer Art und Weise gekennzeichnet ist, dass erkennbar wird, ob es durch faire und sweatshop-freie Praktiken produziert wurde, wie kann dann jemand wissen, ob dieses Produkt ohne Menschenquälerei erzeugt worden ist? Wer sind die nicht-weißen rassifizierten Populationen, die diese Schokolade unter Bedingungen der Grausamkeit und Gewalt ernten, und damit bestimmten [4] US-amerikanischen Veganer_innen dabei helfen eine moderne Ethik durch den Konsum veganer schokoladehaltiger Lebensmittel zu praktizieren? Die Antwort ist: Es sind Menschen die nicht zur weißen sozio-ökonomisch privilegierten Klasse gehören, die in den Vororten US-amerikanischer Städte lebt.

Seit dem Beginn der europäischen Kolonialisierung und dem europäischen (und heute auch dem US-amerikanischen) Streben nach „Zivilisierung“ und „Modernisierung“ der Welt, sind diejenigen, die die Schokolade, den Kaffee, das Zuckerrohr und den Tee geerntet haben, zu einem überwältigenden Anteil nicht-weiße rassifizierte Populationsgruppen gewesen (Mintz, 1986; Harper, 2010). Und dieses Muster setzt sich bis ins Jahr 2010 fort (Gautier, 2007; Hunt, 2007). In meinem Buch Sistah Vegan habe ich über den Schaden geschrieben, den die US-amerikanische Abhängigkeit von bestimmten Nahrungsmitteln, die aus dem globalen Süden bezogen werden, anrichtet:

Nicht allein verzehren wir in den USA unüberlegt [Un-]Lebensmittel, mit denen wir unserer Gesundheit massiv schaden, wir unterstützen auch den Schmerz, das Leiden und den kulturellen Genozid derer, deren Land und Volk versklavt und/oder ausgebeutet werden, für …. Sucrose, Kaffee, schwarzen Tee und auch Schokolade. Wenn auf einem Paket solch einer suchterzeugenden Substanz nicht „Fair Trade“ und „ökologisch nachhaltig/bio“ steht, dann stammt es mit aller Wahrscheinlichkeit von einer Firma, die den Menschen weniger zahlt als das Minimum von dem sie leben könnten, während sie auf Plantagen arbeiten, die giftige Pestizide verwenden und/oder auch das Recht verbieten, sich für die eigenen Menschenrechte zu organisieren … . Es sind unsere Abhängigkeiten, die Leid und Ausbeutung tausende Meilen weit weg verursachen, auf einer Zuckerplantage in der Nähe einer Stadt, die stark unter Verarmung und einer Unterernährtheit ihrer Bevölkerung leidet, nur weil auf deren Boden unser „Stoff“ angebaut wird, statt regionaler Getreide- und Gemüsesorten für die Bewohner selbst. Wir haben unsere suchtbedingten Konsumgewohnheiten fälschlicherweise mit „Zivilisiertheit“ verwechselt (Jensen, 2006). Die Briten, die ihre zuckrigen Tees schlürften, betrachteten sich selbst als „zivilisiert“, trotz der Folter und Versklavung, die es brauchte um diesen weißen Zucker bis in ihre Teetasse zu bringen (Harper, 2010).

Ich möchte auch behaupten, dass man das problematische Konzept der Modernität (was etwa gleichzusetzen wäre mit „Zivilisiertheit“) nicht übersehen darf, wenn man untersuchen will, wie ein weiß-rassifiziertes Bewusstsein und weiße Epistemologien der Ignoranz unsichtbar bleiben für die „post-rassischen“ Veganer_innen und Tierrechtsproponenten in den USA. Philosophisch [5] kann man die Menschen im TR/VEG-Aktivismus am besten beschreiben, als sich engarierend in einer Form des „ethischen Konsums.“ Jedoch innerhalb dieses „ethischen Konsums“,

[…] existieren unausgesprochene politische Annahmen, die mit dieser Praxis in Verbindung gebracht werden. Wie Tamás Dobos beschrieben hat, so geht es in Ungarn, wo der ethische Konsum gerade erst neu auftritt, nicht allein um den ethischen Konsum selbst: es geht auch darum, modern [Hervorhebung hinzugefügt] zu werden. Die ersten Aktivist_innen, die sich für [den ethischen Konsum] einsetzten, kamen aus Westeuropa und den Vereinigten Staaten, oder stehen mit solchen Leute in engem Kontakt, und ein immer wieder erscheinendes Motiv in den Diskussionen über den ethischen Konsum ist seine Verbindung zu einem okzidentalisierten imaginierten Westen, den die Osteuropäer nachahmen sollten. Es scheint, dass einige Formen des ethischen Konsums nicht verstanden werden können, ohne dies als eine Befürwortung einer bestimmten Art der Modernität zu sehen, die im Speziellen mit der EU in Verbindung gebracht wird (Carrier, 2007).

Obgleich Carrier sich auf die EU bezieht, so fallen mir doch die gleichen Philosophien als der Praxis des ethischen Konsums vieler US-amerikanischer TR/VEG-Organisationen zugrundeliegend auf, wie etwa bei der Organisation Vegan Outreach, die davon spricht die Grausamkeit gegenüber den nichtmenschlichen Tiere zu beenden, indem man, anstelle von Produkten, die auf tierlicher Milch basieren, Kakao der Firma Silk oder Schokoeis von Soy Delicious kauft (Vegan Outreach, 2007). Ich glaube das Vegan Outreach eine enorme Leistung darin vollbracht haben, Menschen über das Leid aufzuklären, das nichtmenschlichen Tieren durch Menschen zugefügt wird. Meine zwei Kritikpunkte lauten aber folgendermaßen, dass a.) die Tierrechtsaktivist_innen, die auf dem Vegan Outreach’s Guide to Cruelty-Free Eating [Vegan Outreach Ratgeber zur tierqualfreien Ernährung] zu sehen sind, alle weiß zu sein scheinen [6], und b.) das Vegan Outreach neuen Veganer_innen die Schokoladenprodukte von Silk und Soy Delicious in ihrem Ratgeber empfehlen (Vegan Outreach, 2007); die Kakaoquellen beider Produkte sind nicht Menschenqualfrei. Auf der Vegetarian Baby & Child Webseite werden die gefrorenen veganen „Soy Delicious“-Desserts von Turtle Mountain in folgender Weise beschrieben:

Die Firma ist nicht groß genug um Fairtrade-Schokolade einzukaufen, doch verwendet Turtle Mountain keinen knochengebleichten Zucker und die Produkte sind alle Bio. Zudem unterstützen sie das Sea Turtle Restoration Project – eine Organisation die dabei hilft, die Meeresschildkröten vorm Aussterben zu bewahren. Welchen besseren Grund gäbe es sich ein Sojaeis zu kaufen, als um damit den Meeresschildkröten zu helfen? (Veggies123.com)

Man wundert sich weshalb die Firma Turtle Mountain nicht einfach überhaupt keine Schokolade einkauft, wenn sie es sich nicht leisten können, fair gehandelte Schokolade einzukaufen. Zudem wird erwähnt, dass der Zucker vegan ist, aber man erfährt nicht, ob seine Herstellung die Ausbeutung von Menschen beinhaltete. Man kann davon ausgehen, dass Profit die Motivation dazu darstellt, weiterhin den Kakao von einer Quelle her zu beziehen, die nicht fair-trade ist. Auch kann man annehmen, das die Rettung von Meeresschildkröten und die Verwendung eines Zuckers, der ohne Knochenkohle raffiniert wurde, das ist, was dieses vegane Dessert zu einem „ethischen“ und „ohne Quälerei hergestellten“ Produkt macht, was bei vielen heutigen modernen TR/VEG Leuten in den USA eine positive Wirkung erzielt. Es ist nicht zu übersehen, dass die „Ethik“ einer geopolitisch rassifizierten Produktion von Nicht-Fairtrade-Kakao und -Zucker für Turtle Mountain (und seine Kunden), nicht im gleichen Maße wichtig genommen wird, wie die Garantie dessen, dass der Zucker „ohne Knochenmehl“ ist, und dass Meeresschildkröten ihr Recht auf Selbstbestimmtheit und Überleben erteilt wird. Wäre es anders gewesen, so nehme ich an, dass Turtle Mountain zahlreiche Beschwerden von seinen Kund_innen (oder Boykottaufrufe) erhalten hätte, mit der Aufforderung, dass man beginnen solle Zutaten aus fairem Handel zu kaufen.

Was die Bilder auf der Broschüre anbetrifft, die nur weiße Menschen dabei zeigen, wie sie sich im Tierrechtsaktivismus engagieren, wundert man sich, warum Vegan Outreach keine Bilder von rassisch verschiedenen Menschen zeigen, die dabei sind Flugblätter zu verteilen oder in irgendeiner anderen Form im Tierrechtsaktivismus tätig sind. Auf der zweiten Seite einer dieser Flugschriften sehen wir eine weiße Frau mit einem weißen Baby, die ihr Essen mit einem Truthahn teilt (Vegan Outreach, 2007). Auf Seite zweiundzwanzig sehen wir ein weißes Kind, das einen Apfel hält und das Kind wird als „junge_r Veganer_in“ beschrieben (Vegan Outreach, 2007). Auf Seite sechsundzwanzig sehen wir einen jungen weißen Mann, der gerade dabei ist, Literatur über die Tierverteidigung zu lesen (Vegan Outreach, 2007). Auf Seite siebenundzwanzig sehen wir ein Bild eines weißen Mannes, der einem Schwarzen eine ein Vegan Outreach-Flugschrift reicht (Vegan Outreach, 2007). Auf Seite achtundzwanzig ist ein junges weißes Mädchen zu sehen, dass Broschüren von Vegan Outreach verteilt (Vegan Outreach, 2007).

Die Kombination von Bildern weißer Menschen als Tierrechtsaktivist_innen gekoppelt mit Bildern, die für vegane Produkte werben, die Zucker und Schokolade enthalten, die nicht-fair geerntet wurden, durch die Arbeit nicht weißer rassifizierter Menschen, stellt für mich einen widersprüchlichen Ethos dar, bei denen, die Veganismus praktizieren und wie sie dies tun. Was mir merkwürdig erscheint, ist dass dies die Praxis hinter dem „tierqualfreien Verzehr“ [„cruelty-free eating“] bildet (daher der Titel dieses Vegan Outreach Ratgebers für Neulinge). Durch den ganzen Ratgeber hindurch wird kein einziges Mal das Vermeiden veganer Produkte erwähnt, die nicht als fair-trade gekennzeichnet sind, nicht aus Sweatshops kommen und keine heutigen Versklavungspraktiken von Menschen beinhalten. Welche Art geopolitisch rassifizierter „Ethik“ wird hiermit also generiert und verbreitet? In einem Interview, das im Jahr 2005 im Satya Magazine erschien, schreiben Sheila Hamanaka und Tracy Basile:

Es ist eine Sache, wenn eine weiße Person vegane Flyer verteilt, aber die Versuche weißer TR-Aktivist_innen anderen Kulturen ihre Agenda vorzuschreiben, erinnert in unangenehmer Weise an das geschichtliche Muster der Unterdrückung durch die dominierenden Nationen. Statt der „Demokratie“, exportieren die TR-Aktivist_innen ihre kulturellen Konzepte über die richtige Beziehung zwischen Menschen und nichtmenschlichen Tieren (Hamanaka 2005).

Wird im Falle des Ratgebers von Vegan Outreach ein weiß-rassifiziertes neoliberales US-amerikanisches Konzept darüber, was richtige vegane Produkte sind, exportiert? Ist dies eine Konsequenz weißer Epistemologien der Ignoranz, von „Post-Rassischheit“ und Modernität der Praxis im TR/VEG-Aktivismus, ohne ein volles Bewusstsein darüber, wie all die verschiedenen Unterdrückungsformen miteinander verbunden sind (Harper, 2010; Smith, 2007), und kann es nicht sein, dass es ebenso „grausam“ [„cruel“] ist, Tiere zu essen, wie die Lebensmittel und die Textilien zu konsumieren/verbrauchen, die von versklavten Menschen auf Kakao-, Zucker- oder Baumwollplantagen erzeugt werden?

Um das noch einmal festzuhalten, ich kritisiere die Leute im TR/VEG-Bereich in den USA, die Produkte wie Silk oder Soy Delicious konsumieren, nicht. Meine Kritik richtet sich gegen die (weißen und nicht-weißen Personen), die meinen, „Rasse sei eine nebensächliche Angelegenheit“ im Tierrechtsaktivismus. Solche Menschen produzieren und praktizieren ihre eigenen „post-rassischen“ Epistemologien und ihre eigene Praxis einer TR/VEG- „tierqualfreien Ethik“. Zugleich ignorieren solche „post-rassischen“ Herangehensweisen aber die Abhängigkeit von der ausgebeuteten Arbeitskraft nicht-weißer rassifizierter Minderheiten, die außerhalb der Vereinigten Staaten leben – die Materialien für vegane Produkte produzieren, wie z.B. diejenigen Menschen, die Zucker in der Dominikanischen Republik ernten. [7] Eine Abhängigkeit, die in veganen Lebensmittelprodukten wiederzufinden sein kann; viele dieser veganen Leckereien sind nicht einschließlich daraufhin gekennzeichnet, ob ihre Erzeugung/Herstellung Praktiken der Grausamkeit gegenüber Menschen beinhaltet haben.

In der Dominikanischen Republik ist Onkel Toms Hütte nie verschwunden. Nahe der privaten Luxusresorts und ihrer Strände, verborgen hinter dem undurchdringbaren Vorhang des Zuckerrohrs, stehen die heruntergekommenen Barracken der Bateyes in Gruppen beieinander. In diesen improvisierten Dörfern, in denen es kein Wasser gibt, keine Elektrizität, keinen Schutz, leben [schwarze] haitianische Familien. Nachdem du den Eingang in die Bateyes gefunden hast, kannst du dich dem dort herrschenden Elend nicht mehr entziehen: die Männer arbeiten in den Zuckerrohrplantagen bis zur völligen Erschöpfung, die Frauen kämpfen um das Überleben ihrer Familien, die Kinder der haitianischen Eltern dort sind dazu verdammt, selbst wieder zu Sklaven zu werden.

Jedes Jahr überqueren etwa 20.000 Haitianer die Grenze zur Dominikanischen Republik, um auf den Zuckerrohrplantagen zu arbeiten. Dort werden sie der Zwangsarbeit unterworfen, ihre Freiheiten werden eingeschränkt, die Lebensräume sind inadäquat und die Arbeitsbedingungen gefährlich. Die Vereinigten Staaten sind der größte Verbraucher von Zucker aus der Dominikanischen Republik (Gautier, 2007).

Nochmal: Ich kritisiere nicht die Entscheidung von Menschen, Produkte zu konsumieren, die durch die ausbeuterische Arbeit nicht-weißer rassifizierter Menschen im globalen Süden hergestellt worden sind. Was mir Sorge bereitet, sind die Folgen, die einige Menschen aus dem TR/VEG-Bereich verursachen, durch ihre Verneinung und/oder Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass „Rasse ein ernstzunehmendes Problem darstellt“ – auch in dem Moment, indem man ein Baumwollshirt, das nicht aus fairem Handel stammt, trägt, das mit einem Bild oder einen Slogan der für Tierrechte oder den Veganismus wirbt.

Ein Großteil der weltweit vermarkteten Baumwolle (eine vegane Alternative zu tierisch-basierenden Fasern) wird von Zwangsarbeitern in Usbekistan geerntet (Grabka, 2007). Kinder sind von dieser verachtenswerten Praktik der Arbeit unter sklavenähnlichen Bedingungen nicht ausgenommen. „Im Oktober 2004 gab ein Minister zu, dass 44.000 Schüler_innen und Stutent_innen die Baumwolle [in Usbekistan] ernteten“ (Grabka, 2007). Solange der „tierqualfreie“ Baumwollsweater kein Label trägt, durch das erkennbar wird, dass er über eine Fair-Trade Quelle bezogen wurde, und nicht unter Sweatshop-Bedingungen hergestellt wurde, existiert keine Garantie dafür, dass das Bekleidungsstück ohne menschliches Leid und/oder Sklaverei hergestellt worden ist. Und nochmal, die Menschen, die unmittelbar durch unfaire Bedingungen in der Baumwollerzeugung betroffen sind, sind keine weiß-rassifizierten Menschen und/oder sind durch ihre sozial-ökonomische Klasse privilegierte Menschen, die in den USA leben (Grabka, 2007). Und das ist keine „nebensächliche Angelegenheit“.

Als Clara schrieb, „Ich möchte einfach sagen, dass ich ernsthaft nicht glaube, dass die Rasse eines Veganers/einer Veganerin irgendetwas mit dem Ziel der Rettung der Tiere zu tun haben sollte, und damit, andere über Tierquälerei aufzuklären“, sprach sie da von einer privilegierten Position innerhalb der Moderne/Kolonialität und der privilegierten Seite der geopolitisch rassifizierten Produktion von Konsumgütern? Ramón Grosfoguel, ein Wissenschaftler, dessen Schwerpunkt die dekoloniale Theorie ist, verwendet den Begriff ‚Kolonialität’ um damit

[…] ‚koloniale Situationen’ in der Gegenwartsperiode [zu bezeichnen], in der koloniale Administrationen fast gänzlich aus dem kapitalistischen Weltsystem verschwunden sind. Mit ‚kolonialen Situationen’ meine ich die kulturelle, politische, sexuelle, spirituelle, epistemische und ökonomische Unterdrückung/Ausbeutung rassifiziert/ethnisch „untergeordneter“ Gruppen durch dominante rassifizierte/ethnische Gruppen [Hervorhebung hinzugefügt] mit oder ohne der Existenz kolonialer Verwaltungen. Fünfhundert Jahre europäischer kolonialer Expansion und Herrschaft formten eine internationale Aufteilung der Arbeit zwischen Europäer_innen und Nicht-Europäer_innen, die in der gegenwärtigen sogenannten ‚post-kolonialen’ Phase des kapitalistischen Weltsystems reproduziert wird (Wallerstein 1979, 1995 in Grosfoguel 2007). Heute überschneiden sich die Kernzonen der kapitalistischen Weltwirtschaft mit den prädominant weißen/europäischen/euro-amerikanischen Gesellschaften wie Westeuropa, Kanada, Australien und den Vereinigten Staaten, während die peripheren Zonen sich mit den vormals kolonialisierten nicht-europäischen Völkern überschneiden. Japan bildet hier die einzige Ausnahme, die diese Regel bestätigt. Japan ist niemals durch die Europäer kolonialisiert gewesen, und hat aber, vergleichbar mit dem Westen, eine aktive Rolle in der Errichtung eines eigenen kolonialen Imperiums gespielt … . Der Mythos einer ‚Dekolonialisierung der Welt’ verdunkelt die Kontinuitäten zwischen kolonialer Vergangenheit und gegenwärtig global-kolonialen/rassischen Hierarchien und trägt zur Unsichtbarkeit von ‚Kolonialität’ heute bei [Hervorhebung hinzugefügt] (Grosfoguel, 2007).

„Der Mythos einer ‚Dekolonialisierung der Welt…“ kann auch ersetzt werden mit:

Der Mythos eines ‚post-rassischen’ Status der USA verdunkelt die Kontinuitäten zwischen kolonialer Vergangenheit und gegenwärtig global-kolonialen/rassischen Hierarchien und trägt zur Unsichtbarkeit eines ‚weiß-rassifizierten klassenprivilegierten Bewusstseins’ in den USA heute bei. [8]

Wenn wir uns die „koloniale Vergangenheit und die gegenwärtigen kolonialen/rassischen Hierarchien“ anschauen, wird Clara dann zu einem weißen christlichen Priester aus der Zeit vor dem Sezessionskrieg, der den weißen Herren über Plantagen und Sklaven sagt, dass Gott die „Ethik“ der Einrichtung der Ehe und der Heiligkeit der Familie (Modernität) für gut beheißt, während schwarze Famillien in Fesseln auseinandergerissen werden, jedes Mal wenn eine Ehefrau oder ein Kind oder ein Vater verkauft wird, um in einem Baumwollfeld oder auf einer Tabakfarm (Kolonialität) zu arbeiten? Wird Clara der „zivilisierte“ und „moderne“ US-amerikanische Aristokrat aus dem acthzehnten Jahrhundert, der Texte verfasst, die ihren Beitrag zu den Philosophien der „Ethik“ und „Aufklärung“ der Menschheit (Moderne) beitragen, während man den Tee mit Zucker schlürft (Moderne), der von nichtweißen Menschen in Fesseln produziert wurde (Kolonialität)? Wird Clara hier zu einem weißen Lehrer aus den USA des frühen neunzehnten Jahrhunderts, der die weißen Kinder über die „Ethik“ dessen „aufklärt“ ein freier [weißer] Mensch zu sein (Moderne), als einem Preis, der durch die Amerikanische Revolution gewonnen wurde, während man ein Stück moderner Baumwollbekleidung trägt, dass mit dem Leid der schwarzen Menschen in Fesseln hergestellt wurde, Menschen die diese Freiheit niemals erfahren dürften (Kolonialität). Ist Clara der weiße US-amerikanische Regierungbeamte des zwanzigsten Jahrhunderts, tätig im internationalen Huminitarismus, der vorschlägt, dass wir als eine Nation „ethisch“ handeln sollten und kuhmilch-basierende verarbeitete Produkte (Moderne) an afrikanische Länder, in denen in den 1980ern in denen Hungersnöte herrschten, schicken sollten – vollständig davon überzeugt, dass jeder [tierliche] Milch vertragen können sollte und muss, so wie das die eigenen weiß-europäischen Vorfahren können (Kolonialität)?

Claras Einstellung repräsentiert die Einstellungen vieler Menschen in den USA – aus der Vergangenheit, so wie in der Gegenwart – die eine gewisse Vorstellung über „Ethik“, „Freiheit“, „Aufklärung“ und „Moralität“ durch den Schleier von Universalismus, Ignoranz und eurozentrischer Logik (Yanca, 2004) hochhalten und anwenden. Solch eine singularistische eindimensionale Herangehensweise an die Frage von „Ethik“ ignoriert häufig und selbstbequem die Systeme miteinander einhergehender Unterdrückungsformen, die durch den Rassismus, Klassismus, Ableismus, Heterosexismus, Nationalismus, etc. beeinflusst werden und diese auch wiederum reziprok beeinflussen. Rámon Grosfoguel argumentiert, dass

die hegemonischen eurozentrischen Paradigmen, die die westliche Philosophie und die Wissenschaften im ‚modernen/kolonialen kapitalistichen/patriarchalen Weltsystem’ in den letzten 500 Jahren beeiflusst haben, nehmen einen universalistischen, neutralen, objektiven Standpunkt ein … . Niemand entkommt den Hierarchien von Klasse, Geschlecht, Spiritualität, Linguistik, Geographie und Rasse des ‚modernen/kolonialen kapitalistichen/patriarchalen Weltsystems’ (Grosfoguel, 2007).

Zusätzlich sehen Veganer_innen, die Claras Wahrnehmung über Rasse teilen, unter Umständen weder die Bedeutung noch die Implikationen rassischer Identität innerhalb der TR/VEG-Philosophie und ihrer erzieherischen Aufklärung, da viele Menschen im globalen Westen, wie etwa in den Vereinigten Staaten, dahingehend erzogen wurden, die Kräfteverhältnisse außerhalb von „Klassenanalyse und ökonomisch-strukturellen Transformationen“ nicht zu verstehen (Grosfoguel, 2007). Obgleich meine Webseite, auf der ich meine Forschung vorstelle, eindeutig angibt, dass ich über die Implikationen von Rasse und Klasse in der Wahrnehmung von Nahrungsmitteln, Gesundheit, „ethischem Konsum“ und Tierrechten forsche, war Clara nur über die rassische Komponente meiner Forschung „irritiert“. [9]

Ich hoffe, dass dieses Essay dabei helfen wird, „post-rassiche“ weiße vegane Aktivist_innen näher an ein Einbrechen der Barrieren heranzubringen, und daran, sich stärker kritisch reflektierend zu betätigen im Punkte rassisch privilegiert-orientierter Formen dessen, Teil der weltweiten TR/VEG Bewegung zu sein – und zwar nicht nur innerhalb der weiß dominierten oder weißer Siedlernationen, sondern überall in der Welt. Weiße Freund_innen und Unterstützer_innen, so wie die antirassistischen Tierrechtsaktivist_innen Noah Lewis, Say Burgin und Daniel Hammer, so wie auch pattrice jones, haben sich proaktiv dazu entschieden, sich über ihr eigenes weiß rassifiziertes Bewusstsein Gedanken zu machen. Sie versuchen weiß identifizierten und TR/VEG Aktivist_innen die Wichtigkeit dessen zu vermitteln, sowohl die kritischen Weißseinsstudien als auch den Antirassismus in ihren TR/VEG und nicht-TR/VEG-verbundenen Philosophien und Erziehungsmodellen mit einzubeziehen. So lautet die Beschreibung eines Workshops den Burgin, Hammer und Lewis 2008 unter dem Titel ‚Weiße hinterfragen den Rassismus – eine Studiengruppe’ organisiert haben, folgendermaßen:

Die erste Session unserer Gruppe fand von Juli bis September 2007 statt und wurde von Say Burgin, Daniel Hammer und Noah Lewis organisiert. Diese Gruppe hat sich aus einem experimentellen College-Kurs zum Thema weißes Privileg und antirassistischer Organisation am Oberlin College heraus entwickelt, am dem Noah teilgenommen hatte während seines Aufenthaltes in Oberlin, Ohio.

Die Organisator_innen sind keine „Expert_innen“ – wir erheben diesen Anspruch in keiner Weise für uns! Wir sind schlichtweg weiße Individuen, die sich ernsthaft darüber Sorgen machen, auf welche Weise das weiße Überlegenheitsdenken, männliches Überlegenheitsdenken, Klassismus und andere Unterdrückungsformen, sowohl auf persönlicher Ebene als auch durch unseren Aktivismus, fortgesetzt werden. Wir möchten uns aus diesem Grunde darum bemühen, uns über diese Probleme zu informieren und unser Verhalten entsprechend zu verändern, und, wir möchten diesen Lernprozess gerne mit denjenigen Teilen, die ebenfalls daran interessiert sind, sich mit den Fragen auseinanderzusetzen (Burgin et al., 2007).

Was diese Form des Aktivismus so auszeichnet, ist, dass die Organisator_innen gleichzeitig auch im Bereich des veganen- und des Tierrechtsaktivismus tätig sind; sie bieten ebenso Workshops über Veganismus und Tierrechte über ihre Gruppe ‚Animal Freedom’ an. Denjenigen weißen Personen, die den Bezug zwischen Tierrechten und kritischen Weißseinsstudien bislang nicht sehen, erklären die Organisator_innen auf ihrer Webseite:

Weshalb wird dies von einer Tierrechtsgruppe organisiert?

Warum nicht? Animal Freedom hinterfragt den Speziesismus und das menschliche Überlegenheitsdenken im Kontext mit einer Beendigung der damit verbundenen Unterdrückungssysteme (die auf Sexismus, Rassismus, Klassismus, Ageismus, Ableismus, usw. basieren und/oder Diskriminierung betreiben wegen sexueller Ausrichtung, religiöser [oder nicht-religiöser] Anschauungen, Nationalität und Ethnizität, usw.). Wir planen in Zukunft einen Kurs anzubieten, der sich speziell mit dem Rassismus in der Tierrechtsbewegung auseinandersetzt. Dieser nun stattfindende Kurs ist aber allgemein gehalten und bezieht jede_n mit ein (Burgin et al., 2007).

Menschen, die sich aktivistisch für eine vegane Ernährung einsetzen, sind fortwährend mit Ängsten, Verneinung und Abwehrhaltungen konfrontiert, seitens von Menschen, die vom institutionalisierten Speziesismus „als Norm“ profitieren. So wie diese Menschen nicht ohne weiteres einsehen können, warum sie sich über Speziesismus Gedanken machen sollten, so können in einer vergleichbaren Weise manche weißen TR/VEG Aktivist_innen nicht einsehen, in welcher Weise sie profitieren vom institutionalisierten Weißsein „als der Norm“ oder wie dies ihr Engagement für den Veganismus mitbeeinflusst. Ich hoffe, dass dieses Essay diejenigen, die eine „post-rassische“ Haltung vertreten oder die meinen, „Rasse sei eine nebensächliche Angelegenheit“, dazu bewegen kann, die eigene Wahrnehmung über Rasse einmal kritisch zu überdenken und zu überlegen, ob man selbst zu sozialer Ungerechtigkeit innerhalb des eigenen veganen- und Tierrechtsaktivismus mit beiträgt.

Anmerkungen

[1] Amie Breeze Harper promoviert [A.d.Ü.: im Jahr 2013 hat die Autorin ihre Promotion mit summa cum laude abgeschlossen] an der University of California, Davis, im Bereich der Critical Food Geographies. Sie untersucht in welcher Weise Rasse, Klassenzugehörigkeit und Region/Lokalität innerhalb der USA die Beziehung einzelner zu ihrer Wahrnehmung pflanzlich-zentrierter Ernährungsweisen (‚food ways’) beeinflussen. Die Autorin ist in Connecticut, USA, geboren und aufgewachsen und lebt heute mit ihrem Ehemann und ihrem neugeborenen Sohn in Berkeley, Kalifornien. Amie kann unter der Emailadresse breezeharper@gmail.com kontaktiert werden.

[2] A.d.Ü.: der Begriff „Rasse“ bezeichnet selbstverständlich auch an dieser Stelle ein politisch-soziologisches Phänomen, und keine biologistisch-ethnische Demarkationslinie verschiedener Kulturgeschichten.

[3] „TR/VEG“ ist die Abkürzung, die ich hier verwende, wenn ich mich auf den Tierrechts-, den vegetarischen- und den veganen Aktivismus und seine Philosophien beziehe.

[4] Ich schreibe hier „bestimmte“, weil es vegane Produkte aus fairem Handel gibt, die auch von Veganer_innen gekauft werden können, wie zum Beispiel Equal Exchange Bio-Tees, Zucker und Kaffee aus fairem Handel oder Produkte von Steaz Energy. Ich habe hier jedoch die Marken Silk und Soy Delicious kritisch im Auge, weil sie in den USA den Markt für vegane, auf Soja basierende Getränke und tiermilch-freie gefrorene Desserts dominieren.

[5] Damit meine ich die eurozentrischen und griechischen Grundpfeiler der Philosophien, der Ethik und der Moralität. Ich bin mir der Tatsache bewusst, dass diese nur eine Art der Philosophien ausmachen.

[6] A.d.Ü.: Vegan Outreach haben ihre Broschüre „Guide to Cruelty-Free Eating“ im Jahr 2013 überarbeitet und die in diesem Text beschriebene Bebilderung wurde ausgetauscht, durch Fotos, die auch farbige Menschen als Aktivist_innen zeigen und nicht nur als Rezipienten veganer Aufklärungsprogramme.

[7] A.d.Ü.: Im Bezug auf die BRD liegt bei diesem Kritikpunkt der Schwerpunkt nicht in erster Linie auf dem Zucker, der bei uns zu einem prozentual geringen Anteil aus Drittländern importiert wird. Allgemein ändert dies allerdings nichts an der beschriebenen Problematik, der nicht aus Fairtrade-Quellen bezogenen Rohstoffe und Produkte, die im veganen Marktsegment ihren Gebrauch finden können.

[8] Im Bezug auf Clara kann man sagen, dass die Auswirkungen, die dieses dominierende Bewusstsein auf die Erziehungsphilosophie im primären und sekundären Bildungsbereich hat (das die meisten Kinder, ungeachtet ihrer Rasse, in den USA prägt) hier nicht zu übersehen sind. Den Kindern und Jugendlichen wird zumeist vermittelt, dass die eurozentrischen philosophischen Fundamente von „Gerechtigkeit“ und „Ethik“ nicht „rassifiziert“ seien; dass sie in der Tat „post-rassisch“ sind und für alle zutreffen, ungeachtet der Tatsache, dass zentrale philosophische Gedanken zu einem Großteil für und durch die Interessen weißer männlicher Europäer und US-Amerikaner geschaffen wurden. So soll ein zwölfjähriges Mädchen, dass aus einer Familie mit niedrigem Einkommen stammt und im ländlichen Raum Alabamas lebt, lernen und akzeptieren, dass die Philosophien von „Freiheit“, „Ethik“ und der „Aufklärung“ (die von europäischen und US-amerikanischen Männern „guten Willens“ geschaffen worden sind), nicht rassifiziert sind; und dass sie niemals von weißen Philosophen produziert wurden, die kleine schwarzen Mädchen, so wie sie selbst eines ist, hätten unterdrücken wollen. Das ist auffällig, da die Mehrzahl dieser „großen Männer“ Nichtweiße entweder als minderwertig sahen und/oder ihr eigenes weißes männliches Privileg in der Schaffung ihrer universellen Philosophien ignoriert haben. Dazu zu zählen sind Thomas Jefferson, Hegel, Kant, Hume und Locke (Farr, 2004; Jones, 2004; Moore, 2005; Yancy, 2004). Dies sind Männer, die eindeutig dachten, dass Schwarze minderwertige Menschen wären, doch produzierten sie gleichzeitig universale Gedanken und Literatur über „Freiheit“, „Ethik“ und „Aufklärung“, die größtenteils integriert sind in das Gewebe der modernen US-amerikanischen Gesellschaft, in der Schulbildung und in den philosophischen Fakultäten der Universitäten. Das Weißsein und die geopolitisch rassifizierten Aspekte dieser Philosophien sind als universalistisch maskiert (Yancy, 2005) und werden in falscher Weise als für genau die Menschen zugänglich konstruiert, die diese „großen Männer“ für minderwertig hielten. Hinsichtlich der Philosophien, auf denen die USA begründet wurde, schreibt Dr. T. Owen Moore:

Seit der Etablierung dieser weiß-dominierten und durch Weiße kontrollierten Gesellschaft, bestand von Anfang an ein mentaler Konflikt. Dieser mentale Konflikt wurde von der Seite der Unterdrücker her generiert (wie zum Beispiel von den Gründervätern), durch die Hypokrisie in ihrer Agenda. Es ist nicht möglich eine demokratische und gleichberechtigte Gesellschaft zu entwickeln, wenn die weißen Menschen, die die Gesetze geschrieben und implementiert haben, nicht-weiße Menschen als Untermenschen betrachteten. Die Hypokrisie der Gründerväter hat eine soziale Erkrankung weitergereicht (Forbes, 1992) die in dieser Gesellschaft niemals ausradiert werden kann, da die demokratischen Prinzipien auf einer falschen Grundlage gebildet wurden (Moore, 2005).

[9] Wenn Sie auf meine Seite unter http://www.breezeharper.com gehen, können Sie sehen, dass mein letzter Call for Papers sich mit dem Thema „Rassen- und Klassenbewusstsein“ in der Bewegung ethischen Konsums befasst hat.

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Zur Autorin
Dr. A. Breeze Harpers Arbeitsschwerpunkte liegen in den Themen kritischer Rassestudien, schwarzer feministischer Theorie und den Intersektionen kritischer Nahrungsmittelstudien. Ihre gegenwärtige Forschung befasst sich mit schwarzen männlichen Veganern, die Hip Hop und dekoloniale Methodologien im Gesundheits-, Nahrungsmittel- und Umweltaktivismus einsetzen. Dr. Harper ist Leiterin und Begründerin des Sistah Vegan Project, http://www.sistahvegan.com.

Übersetzung
Gita Yegane Arani-May, www.simorgh.de – ‚Open Access in der Tier-, Menschen- und Erdbefreiung’. Revised 8/2014.

Zitation
Harper, A. Breeze (2014). Essay: Rasse als eine „nebensächliche Angelegenheit“ im Veganismus: Eine Hinterfragung des Weißseins, geopolitischer Privilegien und der Philosophie des Konsums „tierqualfreier“ Produkte. TIERAUTONOMIE, 1(2), http://simorgh.de/tierautonomie/JG1_2014_2.pdf.

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