Artgerecht ist allerdings nicht gerecht

Artgerecht ist allerdings nicht gerecht: Was tierisch und was menschlich ist? diese Frage wird – mit dem Hintergedanken darauf was ‘artgerecht’ ist – nur in Kategorien, die von einer anthropozentrischen Kultur definiert werden, zur Legitimierung der Tiertötung gestellt ( … im engsten, aber verheerendsten Sinne). Eine Frage nach einer biologischen Notwendigkeit sollte ihre Antwort in der Realität eines/des fühlenden Lebewesens (das Individuum ist!) finden.

Aus Leben, Tod und dazwischen von Nati Eyck, vegane antispemotivierte ultra-autonome Belletristik um es ganz deutlich zu betonen.

Mehr kritisches zum Begriff und dem Gedanken von Artgerechtigkeit. Ein höchst problematischer Begriff, mit dem man sich weitaus kritischer auseinander setzen sollte, denn die Zukunft wird den Speziesismus immer wieder auf vermeintlich artgerechte Weise zur Nutzbarkeit der Leben anderer als “Ressourcen” für menschliche Produktions-, Wirtschaftlichkeits und Konsumptionsbedürfnisse upzugraden wissen.

Fragment Tiersprache, ‘Tiersprech’

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Eigenes antispeziesistisches Gedankengut in Kürze ausdrücken, um Tierrechte thematisch damit in den Mittelpunkt täglichen ethischen Denkens, Sprechens und Handelns zu rücken:

Thema sprachliche Aspekte auf allen tier-menschlichen Ebenen

  • Eine Lingua franca zwischen Menschheit und Tierheit, Menschsein und Tiersein
  • Eine emanzipatorische, von vorgefassten spezies-derogativen Definitionen befreite Terminologie in der Tierbefreiungssprache entwickeln
  • Anerkennung anderer tierlicher Sprachsysteme als eigenständig, vollständig komplex, nicht nach gegenwärtigen humanzentrischen linguistischen und sprachwissenschaftlichen Kriterien einzugrenzen. Das Nichtverstehen zulassen, nicht ausdeuten, Sprache als unbegrenzt komplexes System der Kommunikation zwischen Individuen anderer Tierspezies zugestehen, Freiraumschaffung durch Anerkennung von Sprachautonomie verschiedener gelebter Lebensräume. Keine Reduktion auf biologistische Verhaltenserklärungsmuster zur Ausdeutung von tierlicher Sprache anwenden.

Biologismus als Speziesismus

Biologismus als Speziesismus

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Den Begriff „Biologismus“ werden die meisten ausschließlich im Zusammenhang mit Diskriminierungsformen gegen andere Menschen kennen [1]. Ich wähle hier eine Perspektive, die Nichtmenschen mit einbezieht als Subjekte und Objekte biologistischer Betrachtungsweisen. Der Biologismus geht von einer Einteilbarkeit der Welt, ihrer Phänomene und Bewohner aus, bei der ein Teil der individuierten Welt als „Flora“ und „Fauna“ primär biologisch erklärbar ist und die andere Seite mit weitaus mehr Kriterien beurteilt wird, solchen etwa wie zum Beispiel Geist, Kultur, Transzendenz, Denken, Phantasie und Politik, Fortschritt, Macht, Identität. Die Welt wird dabei prinzipiell unterschieden in: den Raum der ‚Natur’ als biologischen Urzustand und den Raum des ‚Menschlichen’ als Ort an dem so etwas wie Kultur existiert.

Unsere strikte Trennung dessen, was ‚menschlicher Kulturraum’ ist und was ‚bloß’ Natur (bzw. so etwa “biologische, organische Materie“) ist, drückt sich in einer radikalen Entwertung nichtmenschlicher Lebenskontexte aus. Alles vermeintlich primär-biologisch-Betrachtbare wird dabei auf die Stufe eine dienstbaren „Ressource“ für den Menschen reduziert, als ein Mittel zum Zweck, und wird somit Gegenstand theoretischer und kategorischer Beherrschbarkeit und erst dadurch unterdrückbar.

Das, was die Andersartigkeit und die charakteristischen Besonderheiten von nichtmenschlichen Tieren ausmacht, so die Tierkommunikation, tierliche Verhaltensweisen, tierliche Vernunft, tierliches Denken, tierliches Dasein – all das wird zugeordnet zu Dingen, die als unter biologischen Kriterien allein beobachtbar seien. Alles Geistig-kulturelle und alle Möglichkeiten sinnvoller Handlungsebenen werden ausschließlich als in unseren (primär humanzentrischen) Gesellschaften vorkommend verortet.

Die Natur insgesamt und der Lebensraum – nicht im biologischen, sondern eher in einem andersartig kulturellen Sinne als dem menschlichen – wird als biologische Materie subsumiert. Eine Materie die weniger bedeutsam sein soll und weniger Sinnträchtig sein soll, als der Raum, den Menschen für ihr Dasein auf allen gangbaren Ebenen beanspruchen. Die Art der fundamentalen Verschiedenheit in den Prioritäten zwischen menschlichen Kulturräumen und tierlichen Kulturen, wird begründet mit dem Biologischen als schwerwiegendem Kriterium der Einteilbarkeit, im Sinne dessen das alles, was in starker Bezogenheit zum ‚Naturhaften’ steht, geistlos sei. Dabei werden die Sphären des nichtmenschlich Tierlichen und die des Pflanzlichen weitestgehend zusammengefasst und genau deren Kontextualität als biologistischen Determinismen folgend abgewertet. Die Begründbarkeit dazu wird geschaffen, sie ist aber nicht reell, denn der Fokus der Beobachtung bleibt auf bestimmte Handlungsweisen und Abläufe im Tier-Tier und Tier-Umwelt-Kontext begrenzt und zum Einsatz kommende Modelle der Analyse und Beobachtung stecken begrenzte Rahmen und richten sich an immer gleichen Parametern aus, die nichtmenschliches Sein eher der Definition als der autonomen Realität des beobachteten Gegenübers zuschreiben. Es ist schier unzulässig innerhalb der üblichen biologistischen Rahmen, die speziesitischen Unterdrückungmechanismen gleichkommen, jegliche Erscheinung und Verhaltensweise oder Existenzform einmal nicht biologistisch-reduktiv zu betrachten. Solch ein Akt würde einem Tabu gleichkommen, das gebrochen wurde und einem Beweis der Unvernunft und Irrationalität des Menschens, der von dieser vermeintlichen Ratio hierbei abweichen würde.

Für diese radikalen Kennzeichnungen von „Natur“ versus „Mensch“ haben Menschen selbst immer wieder ethische Einbußen erlitten. Die Geschichte menschlicher Diskriminierung weist auf dahingehende Unterteilungen auf, gleich Drohungen gegen Grenzübergänge, und das nicht nur in den groben biologistischen Diskriminierungsformen, wie einem biologistisch begründeten Rassismus, Sexismus oder Ableismus beispielsweise oder auch in der Beraubung des Menschen auf sein Recht auf ‚Land’ (schon lange bevor wir es mit Kapitalismus und Neoliberalismus zu tun hatten, wie etwas im Mittelalter) als Kampf gegen „Primitivismus“ und „Unkultiviertheit“ – nicht allein in diesen Segmenten menschlicher Diskriminierung spielt die Trennung „Natur“ versus „Mensch“ und vice versa eine Rolle, sondern auch in der Sensibilitätsbildung des einzelnen menschlichen Individuums, das sich ständig an das Menschheitscredo seiner Zeit binden soll, statt eine Ausrichtung unabhängig solcher Dualitäten zu finden. Der einzige Rückzug auf das ‚Naturhafte’ bleibt in der Metapher und dem Symbolhaften, aber nicht in der entschiedenen Assoziierung mit den Subjekten der „Natur“ und den tierlichen Seinsformen und Existenzverständnissen. Das Menschliche selbst wird eingegrenzt in seiner Beziehung zu anderen Tieren und in seiner Bezugnahme auf seine nichtmenschliche Umwelt insgesamt als relevante Mitakteure in dessen Welt.

Der Gedanke das Schnittstellen existieren zwischen Diskriminierungsformen gegen andere Menschen (und untereinander) und Unterdrückungsformen die nichtmenschliche Tiere betreffen, sollte erstens in seiner Überlappung im Biologismus-als-Diskriminierungsform anerkannt werden. Zudem sollte die Natur (oder das ‚Naturhafte’, Goethe sprach hier vom ‚Allleben’) mit als instrumentalisierte, biologistisch abkategorisierte Seinsdimension einbezogen werden. Bislang wird der Begriff Speziesismus nicht in seiner Intersektionalität als ein eigentlicher Biologismus verstanden und weiterhin werden nichtmenschliche Tiere anhand von Kriterien aus der Biologie statt soziologischer Beobachtungsinstrumente beschrieben und analysiert. Es gibt keinen tatsächlichen Grund nm-Tiere immer wieder auf einen primären biologischen Beobachtungsfokus zurückzuwerfen, genauso wenig wie es einen Grund gibt, Tierkommunikationen als im Vergleich zum Menschen weniger inhaltlich komplexe Sprachsysteme zu beschreiben. Hier werden Rahmenwerke geschaffen, die bewusst Kriterien der Beobachtung und Analyse selektieren und umfassendere, komplexere Systeme der Beobachtung und Einordnung vermeiden. Es existieren bislang wirklich keine wissenschaftlichen Parameter um Tieridentitäten und den naturhaften Raum nicht-biologistisch zu beschreiben und zu verorten, aber das ist der Begrenztheit unserer Erkenntnistheorien geschuldet und darf nicht auf dem Rücken der Wahrheitsfindung in der Begegnung mit dem nichtmenschlichen Raum und Sein ausgetragen werden.

Es bleibt fragwürdig, warum Biologismus interessanterweise nicht hinreichend mit Speziesismus in Verbindung gebracht wird. Ein merkwürdiges Phänomen, dass diese Verbindung immer noch beinahe völlig unhinterfragt dasteht [2].

Biologism as Speciesism
gets blurred out
despite
it’s obvious
interrelatedness

Animal reasoning,
meaningful interrelatedness
with the entire natural
space
ought not to be
recognized

Under the umbrella
of the separation
between
humanity
and
animality

Music credits: Soundbits from Rudimentary Peni: Rotten to the Core (1983).

[1] Eine gut dargestellte Übersicht zur Geschichte menschlicher Diskriminierung unter dem Vorwand ‚biologistischer’ Kriterien gegen andere Menschen und daraus folgender Ideologien, findet sich bei: Franz M. Wuketits: Biologismus, Lexikon der Biologie, https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/biologismus/8707 , Stand 24.05.2018. „Von Biologismus spricht man, wenn Phänomene eine Deutung durch biologische Tatsachen, Theorien und Modelle erfahren. In der Biologie ermittelte Gesetzlichkeiten werden dabei als einheitliche Gesetze der realen Welt verallgemeinert und gleichsam zu durchgehenden ‚Weltprinzipien: erhoben.“

[2] In der Tat wird der Rekurs auf das Biologische auch in Tierrechtskreisen und ihren Autor_innen immer wieder vollzogen und keine erweiterte und emanzipatorische Terminologie entwickelt. Nichtbiologistische Ansätze im Bezug auf nichtmenschliche Tiere finden sich bei verschiedenen Autor_innen die wir gefeatured haben, siehe http://simorgh.de/overview/autor_innen/ , insbesondere bei Barbara Noske und Anastasia Yarbrough. Auch bei Aph und Syl Ko finden wir ähnliche Diskussion in ihrem Buch ‚Aphroism’.

Der erste Weltbienentag, und das ist was Mensch noch immer mit Bienenvolk macht

Metamorphosis; Is your pain the same, is it more than pain (MP3)

Der 20 Mai 2018 ist der erste Weltbienentag, und das ist was Mensch noch immer mit Bienenvolk macht

Der syrische Skeptiker Al-Ma’arri (973 – 1057 n. Chr.) schreibt:

“Nehmt nicht den Honig, den die Bienen mit Mühe von den Blumen und den duftenden Pflanzen sammeln; sie trugen ihn nicht zusammen damit er für andere sei, auch haben sie ihn nicht als Gabe und Geschenk gesammelt.”

Kaum einer mag sich das vorstellen, aber die Realität dessen, wie wir Menschen mit den fleißigen Baumbestäuber_innen umgehen, bedeutet Bienentod. Und wer außer radikale Antispeziesist_innen und ethische Veganer_innen spricht darüber als tatsächliche Gräuel, die wir an diesen Nichmenschen begehen. Argumentiert wird vom anthropozentrischen Mainstream-Bürger ungefähr so: Es seien ja nur Invertebraten und das ist doch nichts, wenn man ihnen Schmerz zufügt und ihr Dasein objektifiziert. Deren Lebensdimensionen in ihrem eigenen Recht seien ja komplett irrelevant.

Viel an vermeintlicher menschlicher Bienenliebe und -bewunderung drückt sich in einem fortlaufenden Wunsch aus die Tiere auszubeuten als ‘Nutztiere’, ihre Leben und ihre Populationen zu “verwalten” und sie in ihrer gesamten Existenz auf dieser Welt tatsächlich als eine Ressource für menschliche Zwecke zu betrachten. Die Illusionen über den guten Imker sollten schon lange zerstört sein. Und die Inspektion über den “richtigen Umgang” mit den Arten, je nach Zweck, dient auch weniger den Tieren selbst als den Industrien, die schlichtweg ihre Forschungsinteressen (für Elfengebeintürme und Kommerz) vorantreiben. High-Tech invasive Forschung an Bienen ist nicht weniger ethisch dubios als jede andere manipulative und invasive Forschung an Tieren.

Wir brauchen Lösungen im Sinne einer ‘Bee Liberation’, alles andere sind Mogelpackungen

Der Bienenalltag ist nicht nur der Mangel an Wäldern und Wiesen, sondern, schaut – solltet Ihr es noch nicht wissen – mal bei Google nach unter den Suchbegriffen z.B.:

Biene Flügel abschneiden

Biene künstliche Besamung

oder dies hier:

“Die Technik der Spermagewinnung bei den Drohnen. Die verschiedenen Besamungsstationen für Bienen verwenden unterschiedliche Methoden zur Gewinnung von Drohnen-Sperma. Der Kopf des Drohns wird durch Drehen vom Körper getrennt und der Drohn so getötet. [1]

“The drone is stimulated by decapitation” [2]

Oder das Sperma des Drohns wird herausgepresst und dabei stirbt dieser kleine Nichtmensch dann. Wer dazu noch ein Video sehen will, der folge diesem Link auf Youtube (nur zu dokumentationszwecken verlinkt). Es existieren noch weitere Methoden.

Zwar sterben die Drohnen nach der natürlichen Paarung, aber der Unterschied ist klar.

Honig und andere ‘Bienenprodukte’ werden gepriesen und vermarktet als etwas harmloses, sogar als etwas was den Bienen gegenüber eine zweifelhafte “Wertschätzung” ausdrücken würde. Tatsache ist: es die vollständige Ausbeutung und Versklavung dieser Invertebraten.

Bienenvölker (MP3)

they cut your wings of
your artficially inseminated
they electroejeculate you
and they steal your food, your house

they oppress you
and we won’t accept it
no we won’t accept it

you’re more than me
they don’t mind our lives
they kill us for taking our lives

they call us with their names
they call us with their words

** Die zwei Songs als MP4s

Is your pain the same


Bienenvölker

[1] Keiner-Stoehr, Wiebke, Versuche zur Eignung verschiedener Puffer bei der instrumentellen Besamung der Bienenkönigin (Apis mellifera). Giessen 2004, http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2004/1613/pdf/Keiner-StoehrWiebke-2004-06-18.pdf , Stand 18.05.2018.

[2] D.P. Abrol, Beekeeping: A Compressive Guide To Bees And Beekeeping, 2013, S. 379.

Tiermutter, Muttertier …

Viele Menschen denken, nur Menschinnen seien Mütter und Töchter.

Die Hartnäckigkeit, mit der die meisten Menschen sich gegen eine Anerkennung nichtmenschlicher Würde stellen, ist eklatant. Besonders scharf und gnadenlos wird das erkennbar in den Unterschieden, die zwischen tierlicher Elternschaft und tierlicher Kindheit, gegenüber der eigenen Spezies Mensch beschrieben werden. Eine Grenze wird gezogen, da wo nicht Gleiches sondern Anderes vorliegt. Was nicht genau ist wie bei einem selbst, ist auf der ethisch-moralischen Ebene uninteressant und das braucht keine Berücksichtigung, so scheint es.

Das Interessante ist, den Menschen ist ihre Willkür bewusst, zum größten Teil zumindest. Die Abwertung anderer tierlicher Individuen findet absichtlich statt und ist auch keine alleinige kognitive Dissonanz. Das Besondere an den psychologischen Herabsetzungsmechanismen gegenüber nm-Tieren ist etwas ideologisch Eingepflanztes und vom individuellen menschlichen Individuum stetig aufs neue Wiederholtes, denn alle Menschen sehen die gleiche Realität.

Wo ich ein Tierkind sehe oder die Fürsorglichkeit nichtmenschlicher Eltern, ist es genau das, was ich bewusst zur Kenntnis nehme. Ich handle trotzdem nicht gemäß meiner Erkenntnis und meines Wissens, sondern gemäß der Richtlinien, die mir meine Mitmenschen, meine Geschichte, meine vermeintliche Kultur als Mensch eben und nicht als denkendes Individuum vorgibt. Ich mache mit oder bin ein Bystander.

Wieso wehren sich Menschen nicht gegen die, die die Realitäten verzerren zugunsten gesellschaftlich-moralischer spezies-egozentrischer Normen?

In der Tiefe des Meeres sind Tierrechte ebenso wichtig

In der Tiefe des Meeres sind Tierrechte ebenso wichtig, die Problematiken des Ökozids und Zoozids allgegenwärtig

Bilder: Der Blaue Planet (2) – “Leuchtende Tiefsee”, Ein Film von Orla Doherty; Pfannkuchen-Tintenfisch; Glaskopffisch.

Kommentar, @germanvegan

Die meisten von uns schauen sich gerne die fanszinierende Welt der Art nichtmenschlicher (nm-)Tiere an, die uns wenig bekannt sind und die wunderschön und exotisch anmuten. Uns fasziniert die nm-Tierwelt. Und trotz aller Berührtheit und Bewunderung für diese Welt, nehmen wir kaum oder aber oftmals in hilfloser Form wahr, dass der Lebensraum für diese Tiere schwindet und wie das etwas mit uns allen zu tun hat und wo die Tierwelt ein geschlossenes Ökosystem trägt, nämlich unsere Welt, und zwar die nichtanthropozentrische Welt der Natur selbst.

Tierrechtler und Natur… Als Untergruppe blenden – man staune – selbst viele Tierrechtler die Dichte dieses Lebensgefüges aus. So hat die niederländische Anthropologin und Tierethikerin Barbara Noske diese interne Ausblendung der Zusammenhänge zwischen Tierrechten und Ökologie innerhalb der Tierrechtsbewegung bereits m Jahr 2004 kritisiert ( http://simorgh.de/noske/noske_22-33.pdf ), die Tierrechtler nähmen die Tiere aus der Kontextualität mit der natürlichen Umwelt heraus, und dass vice versa die Umweltbewegung die Tiere und deren Rechte (die wir zu wahren hätten), im Kontext mit dem natürlichen Lebensraum, kaum als Gegenstand der Auseinandersetzung betrachteten.

Individuen … Die Frage, welche Tiere im natürlichen Ökosystem auf der Wünschenswert-Skala ganz oben und welche ganz unten stehen  und welche genau weshalb in die Rolle von „Nutzlebewesen“ gerückt werden und wurden, stellt sich nicht wenn wir die Schönheiten der Natur beobachten und bewundern wollen. Sobald diese Tiere jedoch erforscht oder in jeglicher Weise in den menschlichen Raum hineingezogen werden, geraten diese Individuen (die sie sind) in die Maschinerie speziesistischer Betrachtungen und Kategorisierungen hinein und sind schlagartig verloren. Und ein Tier, für das wir eben noch begeistert geschwärmt haben, weil es solch ein „Wunder der Natur“ ist, und bei dem wir eben gerade noch ganz starke Empathie empfunden haben, schrumpft zu dem Repräsentanten eines Spezies. Wie mit dieser Spezies umgegangen wird, bestimmt sich aus unserer Historie der Herabwertung tierlichen Seins heraus und nicht mehr aus unserer im tiefsten Innern emfpundenen und gedachten Bewunderung.

Wäre es möglich, die Offenheit, die wir in einem Moment für die Anmut und Würde von Tierindividuen noch zeigen, zu übertragen auf unsere Sichtweise der allgemeinen Substanz des Tierseins? Oder können wir unsere wahren Gedanken und Anschauungen über Tiere, wie wir sie in Wirklichkeit ganz tief empfinden und denken, kaum formulieren, ihnen kaum Ausdruck verleihen, weil unsere Gedanken sofort auf humanzentrisches Regelwerksdenken stößt in der zwischenmenschlichen Kommunikation auf all den möglichen Ebenen und wir obendrein noch selbst eine innere scharfe Zensur betreiben?

Es ist nicht zu begreifen warum das Individuum ‘nm-Tier’ nicht zählen sollte, wer vermittelt uns diese Fehlansicht und warum akzeptieren wir diesen schandhaften Status quo?

Tierliebe setzt aus, in dem Moment, in dem wir deren Dasein „nutzen“ wollen. Wir wollen uns durch deren Existenz in irgendeiner Form selbst aufwerten in unserer Existenz. Dazu töten wir sie und bewundern sie aber auch. Aber alles, was wir von ihnen wollen, soll unserer Besserstellung und unserer Privilegiertheit dienen. Die existierenden Speziesismen (in den Naturwissenschaften, den Religionen, in philosophischen Theorien, usw.)  liefern den Beweis dafür.

Ein Argument bildet immer wieder ein besonderes Hindernis und es stellt eine grundsätzliche Unterscheidung im Denken der meisten Tierrechtler, gesinnungsneutralen Menschen und Speziesisten dar. Und zwar die Frage danach, warum Tiere auch Tiere töten und warum wir das dann als Mensch nicht dürfen sollten.

Das Gegenargument aus Tierechtsseite lautet dann meist: wir sind uns über das Unethische am Töten anderer Lebewesen bewusst, nm-Tiere seien abet nicht moralfähig. Ich glaube das nicht. Ich glaube nur, dass wir die Gründe, warum es Raubtiere unter den nm-Tieren gibt, nicht wirklich kennen und verstehen, und dass das Töten zur Verzwecklichung und Zerstörung des Lebens anderer Tierindividuen im Falle des Menschen nicht ethisch vertretbar ist und der Mensch eben kein Raubtier ist.

Ein Mensch, eine Gruppe von Menschen oder eine Gesellschaft, die das Töten in Kauf nimmt zur Durchsetzung ihrer Interessen (außer in der Notwehr oder dem Unfall bzw. der unbeabsichtigten Tötung/Verletzung), begeht eine Tat, die immer auf das gleiche hinausläuft. Sie wertet bewusst das Leben eines anderen Individuums und Lebewesens ab. Ohne diese Abwertung gäbe es keinen Mord, keinen Tiermord, keinen Menschenmord und das scheint eher der Punkt zu sein, warum der Mensch, der tötet, eben kein Raubtier ist. Die Herabsetzung (insbesondere qua Definition) ist ein urmenschliches Machwerk, man denke an die Geschichte der Tieropferungen und der Ritualität der Tiertötung, die kulturanthropologisch mit Sicherheit eine ganz prominemte Rolle in der menschheitsgeschichtlichen Verarbeitung des Tötens nm-Tiere seit jeher eingenommen haben müssen.

Nichtmenschliche Tiere sind nicht unsere Artgenossen, aber dennoch sind sie, wie wir, physiologisch Tiere. Sei es ein Pfannkuchentintenfisch oder ein Glaskopffisch im tiefsten Meer oder ein schöner Vögel in einer relativ unberührten Region der Welt, sei es mein Haustiergenosse, sei es das Tier, das heute für den Fleischverzehr, für den Glauben an eine religiös begründete Übermacht oder für den wissenschaftlichen Fortschritt (…) gemordet wird … sei es ein Käfer, ein Blauwal, sei es gleich welches tierliche Gegenüber: Alle Tiere sind wie wir Tiere.

Der Mensch ist im Mindesten physiologisch ein Tier. Der Mensch ist kein Raubtier, denn er muss eine Abwertung des Gegenübers vollziehen wenn er tötet, da er nicht ethisch wertfrei töten kann. Er muss die Physiologie seines Gegenübers ganzheitlich negieren. Würden wir unsere gesellschaftlichen Abwertungsmechanismem im Bezug auf Tiere (Speziesismen) überwinden, würden wir die faszinierenden nm-Tiere, und die Tiere, die wir schon häufiger gesehen haben, besser in unser System ethischer Relevanz mit einbeziehen können. Solange aber muss unsere Begeisterung als eine Art der Gefühlsduselei auf der Emotionalebene verharren. An der Stelle, an der wir uns selbst ganz wunderbar herabzuwerten wissen …

Autonomierechten einen Namen verleihen: Namensgebung für nichtmenschliche (nm-)Tiere als Zeugnis und Ausdruck sozialer Bezugnahme

Autonomierechten einen Namen verleihen:
Namensgebung für nichtmenschliche (nm-)Tiere als Zeugnis und Ausdruck sozialer Bezugnahme

Palang Yeganeh Arani-Prenzel, @nonhumanism (Gruppe Messel)

Das Bild von Farangis G. Yegane links stellt die Tauroktonie im Mithraskult in Gegenüberstellung mit der Kreuzigung Christi dar.

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Ich denke wir brauchen eine Praxis der Umsetzung von Tierrechten, nicht allein im juristischen, aber auch im einem ganz grundlegenden Sinne. Wir müssen uns dazu fragen: Erkennen wir denn selbst (auf allen Ebenen und soweit es uns möglich ist) Tierrechte, der nm-Tiere mit denen wir leben und derer, die wir indirekt repräsentieren wollen, an? Und wenn ja welche Rechte erkennen wir dabei an und was verstehen wir denn genau unter Tierrechten? Und damit einhergehend stellt sich auch die Frage: Wie kann die Praxis, die solchen Rechten ihr Gesicht verleiht, im alltäglichen Leben noch über eine intersektionale ethische vegane Lebensweise hinausgehen?

Wir werden im Vergleich miteinander feststellen, dass wir alle mitunter ein sich unterscheidendes Verständnis davon haben, was entscheidend für die Umsetzung von Tierrechten ist und was nicht, und was wir überhaupt unter Tierrechten beim genaueren Hinsehen verstehen. Ich persönlich nehme die Autonomierechte (d.h. die „Freiheit von einer menschlichen Definitionshoheit über das Tiersein“) von nm-Tieren besonders wichtig. Es gibt Tierrechtler, die meinen, nm-Tiere seien überhaupt nicht wirklich autonomiefähig, die meinen, nm-Tiere seien durch Instinktverhalten prädeterminiert.

Für den einen wären es mitunter ultimative Tierrechte, wenn er einen Lebenshof betreiben oder fördern und besuchen kann. Für jemand anderen sind die politischen Tierrechte besonders wichtig, auf der Ebene verbaler Agitation und Aufklärung. Der eine versteht darunter dann wiederum aber beispielsweise eher den Einsatz für die Abschaffung von Massentierhaltungs- und Schlachtungsanlagen, der andere legt den Fokus auf die Abschaffung der Tötung aller Tiere in der Menschengesellschaft ganz grundsätzlich.

Nun greife ich mein Ziel mal heraus, aus dem Wust von Zielen und Vorstellungen, die wir alle als Tierrechtler auf unsere Weise als persönliche Prioritäten wählen. Mein Fokus ist das Recht auf Autonomie im Sinne einer weitestgehenden Selbstbestimmtheit.

Mir wäre auf dem Weg zu diesem hohen Ziel, in der Praxis meiner sozialen Interaktionen mit nm-Tieren und Menschen, wichtig, dass nm-Tiere einen Rufnamen zur Anrede und Identifikation erhalten, ohne dabei eine „Vermenschlichung“ zu betreiben. Die Wahl des Namens entscheidet, ob ein Rufname für ein Tierindividuum humanzentrisch erdacht oder korresponsiv-sozial bezugnehmend auf mein individuelles Gegenüber ist. Ein Rufname ist schließlich eine individuelle, verbal intonierte Anredeform meines Gegenübers. Es ist eine Art Kommunikations- und Verständigungscode. Mein Gedanke dabei: Ich denke die Möglichkeit besteht, nm-Tiere (ich sage im Weiteren abkürzend nur ‚Tiere’) als Familienmitglieder oder Zugehörige mit einzubeziehen und hier ein klares Statement abzugeben: „Ich lebe mit diesem Tier zusammen und wir sind Freunde, dieses Individuum ist Teil meiner Lebensgemeinschaft und unter gegenwärtigen Umständen im gewissen Sinne mein Schutzbefohlener. Dieses Tier soll von meinen Rechten, soweit wie möglich, profitieren. Ich setze meine Rechte für seine/ihre Rechte ein.“ Das „Haustier“ muss nicht untergeordneter Lebensgenosse sein und ich sollte mir genau überlegen, dem/den Tieren einen so optimalen Rahmen für ihr Leben in Gemeinschaft mit mir zu schaffen, wie dies auch nur möglich sein kann, am besten in anderer tierlicher Gesellschaft.

Meine ganzen Vorstellungen in Hinsicht auf Tierrechte, wie meine Tierfreunde in der Praxis im gemeinschaftlichen Leben in einem Hausstand mit mir leben können, sollten ein klarer Ausdruck größtmöglicher Wahrung der Autonomierechte, in Schutz und Geborgenheit vor speziesistischen Repressalien soweit das möglich ist, darstellen. Und mein menschliches Umfeld sollte über diese bewusste Haltung informiert werden. Wir müssen, in diesen für Tiere widrigen Umständen, die in humanzentrischen Gesellschaften herrschen, nun einmal Lebensgemeinschaften bilden. Das optimale wäre, wenn wir zunehmend Grünflächen „nutzen“ könnten, auf denen neben einem ökozentrischen Naturschutzgedanken auch Tiere, z.B.auch befreite Tiere, beispielsweise Hühner aus Haltungshöllen, Enten, Gänse, Puten, leben könnten.

Hier muss ich einen kurzen Abstecher machen, denn das ist nämlich übrigens ein Punkt, der mich in einem Aspekt der Einseitigkeit an der bioveganen Landwirtschaft verwundert. Folgendes: a.) Wir nutzen Raum b.) der vegane Gedanke ist im Sinne der Tiere und ihrer Rechte angedacht worden c.) der vegane Landbau klammert die Tiere als Wesen, die grünen Lebensraum benötigen, jedoch gänzlich aus und fokussiert auf den Anbau und die Nutzbarkeit von Böden. Wir brauchen aber im Veganismus Land auch immer als Habitat von Tieren, als geschützte Räume, und dies sollte ebenso benannt werden wenn über Landnutzung im großen Stil gesprochen wird. Zudem ist tierliche Diversität immer ein Mitleben im natürlichen Raum und dieser Punkt sollte nicht in den Hintergrund veganer Erörterungen stehen dürfen.

Das heißt, neben einer bioveganen Agrarfläche kann auch Land anberaumt werden, das einen sicheren Lebensraum für Tiere bietet, und das nicht nur im Rahmen designierter Lebenshöfe sondern jeder veganen „Nutzung“ von Land. Die Frage, nach möglichen Refugien für Tierdivestität ist mitnichten unkompliziert und benötigt ebensoviel ökopolitischen Einsatz wie die Sorge um das menschlich leibliche vegane Wohl. Es ist bedauernswert, dass die Tierrechtsfrage im Kontext mit Veganismus immer wieder ‚Essen’ (primär für Menschen) und ‚(grundsätzliches) Lebensrecht’ (für Tiere) Seite-an-Seite stellt. Aber im Moment schlucke ich diesen Klotz, der Kürze halber. Das Problem ist dem Speziesismus in Hinsicht auf seine einverleibungsideologischen Aspekte geschuldet, die die nm-Tiere in die Nähe von Agrarfragen gerückt haben.

Der Lebenshof „Animal Place“ in Kalifornien hat seinen bioveganen Landbau mit seinem Lebenshofprojekt verbunden. Sinnvoll, denn Tiere aus unseren Planungen und dem Bedarf an Nutzflächen wegzurationalisieren – auch damit die Tiere in Zukunft nicht mehr leiden müssen (eine indirekte Implikation vieler Argumentationen über Lebensraum-, Ökologie- und Tierfragen) – kommt einer stillschweigenden Form speziesistischer Entrechtung gleich. Tiere leben auf der Welt und benötigen ihren natürlichen Lebensraum. Ich denke die Frage nach Lebensraum und der Wahrung und Schaffung dessen ist eine der ganz großen Prioritäten für eine vernünftige Tierethik, zumindest sollte sie das sein.

Zurück zur Namensüberlegung. Die Benennung mit einem Rufnahmen drückt die lebendige, soziale, anteilnehmende Bezugnahme zu meinem Gegenüber aus. Es würde meiner Meinung nach perfekten Sinn machen, die Namensgebung legitim als Schritt zur fernen Utopie allgemeingültig anerkannter Rechte mit zu etablieren. Name your beloved friend, write it down. Put it as a stance for making nonhuman animal rights become a reality in our society. Oder so.

Ein bekannter Tierrechtler aus den USA sagte mal zu mir, Tiere könnten überhaupt nie autonom sein, solange sie nicht befreit sind. Er verstand Autonomie in erster Linie allein als die nackte, leibliche Autonomie. Ich denke Autonomie ist etwas Substantielles, das sich im Sein, im rein Existentiellen, bereits befindet. Autonomie begründet Freiheitsfähigkeit, denn sie ist das Ich-Sein eines Individuums, und dies betrifft bei Tieren vor allen Dingen den Punkt ihres Denkens, das ihnen fortwährend aberkannt wird. Ich frage mich immer wieder was für eine merkwürdige Tierbefreiungsbewegung wir sind, die sich aufs Leibliche aber nicht auf das Geistige der Tierwelt beziehen mag. Diesen Fokus auf die leibliche Tierbefreiung finden wir immer wieder, während wir gleichzeitig auch immer wieder feststellen können, dass Vorurteils- und Urteilsstrukturen (insbesondere) aus den Naturwissenschaften und der Philosophie kontinuierlich von Tierrechtlern selbst mit kolportiert werden, statt eigene Terminologien der Tierbefreiung zu entwickeln, zu postulieren und zu etablieren. Der grundsätzliche Schritt zur Revolution im Denken fehlt, weg von den klassischen kausalistischen, entgeistlichten und den ans ‚Lebenssezierend-Biologische’ gebundenen Beobachtungswarten, hin zur Auseinandersetzung mit dem allumfassenden Faktum des Tierseins.

Nicht explizit verortete Tiefreundlichkeit: Tiere vorführen, um sich für ihre Rechte stark zu machen

Was zeige ich hiermit: ein Tier und ich als Retter mit auf dem Foto. Der Haltungsansatz Tiere zu zeigen, auf Fotos, Videos, in der bildenden Kunst, in unseren Texten, sie zu diskutieren, als seien sie selber nicht-denkende passive, nicht mitreflektierende, nicht den Menschen mitbeobachtende Rezipienten. Tiere sind andere Kulturen. Sie sind keine evolutionär reduzierten Wesen in Hinsicht auf ihr soziales Reziproksein und ihr Denken. Das wäre eine hierarchische Sichtweise auf unsere Freunde, zu meinen, nur wir können über sie reden, aber sie nicht über uns. Tiere haben ihre Sprachen. Und um klarzustellen, dass Tiere schlichtweg andere Kulturen sind (eben nichtmenschliche tierliche Kulturen) müssen wir noch nicht einmal den Rückgriff auf Darwins Evolutiontheorie vornehmen und uns brüsten, dass wir diese „Verwandten“ halt leider durch „survival of the fittest“ intellektuell im Anthropozäns hinweg evolutioniert haben und schon lange geistig überholt haben. Nein, sie sind in ihrer Entwicklung historisch in ihren Lebenszyklen an der Stelle, an der sie sind, sie haben ihre Kulturen über Jahrmillionen entwickelt und tradiert, sie praktizieren allesamt ein Leben, das einen tiefen, ultimativen Bezug zum Naturhaften hat. Sie sind nicht auf das Biologische zu reduzieren.

Die menschlichen Kulturen haben sich in letzter Konsequenz darauf geeinigt, die Natur als entseelt zu betrachten und ihr objektifizierend und verdinglichend zu begegnen. Alles Beseelte ist für uns an mehr oder weniger religiöse Vorstellungen gebunden, und unsere Religiosität haben wir als Machtmittel und als Mittel menschlicher Vereinheitlichung hingenommen. Sehen wir Spiritualität freier und ungebundener, wird klar, dass unsere Bezüge zur Natur ähnlich wertschätzend und bedeutungsvoll sein können, wie die der Tierkulturen. Dass auch wir fähig sind das All-Leben zu wahrzunehmen, vernunftsmäßig zu begreifen, statt es als Ressource auf ein Mittel zum Zweck zu degradieren. Und der starke Bezug der Tiere zum ‚Naturhaften’ weist weder auf eine Entseeltheit noch auf eine fundamentale ‚Materialität’ hin. Denken wir über das Universum nach, stellt die Materialität (oder aber auch das nicht Vorhandensein von Materie respektive) ja auch keinen Mangel in den Zuordnungen von Komplexität dar. Unseren Gesellschaften ermangelt es an der Anerkennung der Natur als Seinsvielfalt. Tierliche Individuen praktizieren aber eine solche interaktive, wertschätzende Lebenspraxis mit dem naturhaften Raum.

Resultierend aus der Dichotomie, die wir zwischen Mensch und Natur geschaffen haben, sprechen wir immer wieder über Tiere in aller Liebe, aber in entmündigender und vorführender Art und Weise. Wir weisen hin auf ihre Fähigkeiten und Sensibilitäten (gemessen an Dingen, die menschlichen Kollektiven vorrangig wichtig sind) als müsste man nochmal darauf hinweisen. Wir sprechen über sie in einer speziesistischen Gesellschaft, als wollten wir eine Beschwichtigungstaktik gegenüber den speziesistischsten aller Argumente betreiben. Nein, der Speziesismus negiert selbst dies alles, und er tut das ganz offenkundig, und nur wir harmlosen Tierrechtler meinen die Welt sei gerade aus dem Ei geschlüpft und wir müssten die anderen Menschen nochmal erweckenderweise darauf aufmerksam machen, dass Tiere sensibel und klug sind, in dem Maße aber bitteschön nur, wie die Biologen es ihnen momentan attestieren.

Ich denke es gibt noch andere Möglichkeiten um für Tierrechte aktiv zu sein, statt in dem erklärenden Modus zu verharren, in dem ich als Mensch, zu den anderen als Menschen und Gleichgestellten, über „die Tiere“ als die spreche, über deren Köpfe hinweg wir nun einmal sprechen wollen. Ich kann das dritte beteiligte Gegenüber durch meinen Ansatz bewusst mit einbeziehen und seine Rechte, auch wenn dieser Andere abwesend ist, in jedem Punkte mit berücksichtigen und verteidigen (das heißt also auch kein Appeasement gegenüber den speziesistischen Klassikern: Religion, Naturwissenschaften und Philosophie), oder ich kann primär einen Meinungsstreit zwischen zwei unterschiedlichen Positionen austragen, bei denen der Kontrahent im Mittelpunkt steht, die Argumentation dabei aber zu kurz greift, weil ich das Gegenüber ja nicht überfordern kann und dieses Gegenüber ja sowieso meint die Welt sei eine Scheibe. Ich kann in dem Moment die Wahrheit postulieren, auch wenn das Gegenüber in wirklich fast jedem Punkte widersprechen mag. Und ich sollte dies tun.

Denn wollen wir tatsächlich an der Stelle stehen bleiben, an der wir behaupten, wir hätten die Definitionshoheit als menschliches Kollektiv über das Tiersein und die Tierlichkeit (in all ihren individuellen Ausprägungen und inklusive der Spezies Mensch)? Oder schaffen wir es mit den Speziesismen in Religion, Recht, Philosophie, Soziologie, usw. kategorisch zu brechen und uns mal die feinen Details aller möglicher existenter Speziesismen anzuschauen? Indem wir dies täten, würden wir die Enge, die der Anthropozentrismus allem Sein verordnet, bloßstellen und zumindest unser eigenes Denken und Handeln würde sich grundlegend verändern und somit auch anderen einen Anstoß auf einer ganz grundlegenden Handlungsebene geben können.

Rev. 21.02.2018

Niemanden essen

Eine mythologische Spurenverfolgung menschlichen Fleischkonsums.
Farangis G. Yegane: Zahhak im Shahnameh HTML, PDF

Podcast: Niemanden essen (MP3)

Ist es schlimmer die einen oder die anderen Nichtmenschen zu essen? Oder ziehen wir hier nicht schon wieder eine ethische Trennlinie, mit der wir es versäumen aufzuzeigen, dass jeglicher Konsum toter nichtmenschlicher Tierkörper gleichermaßen ethisch verwerflich ist wie Kannibalismus?

Enge Denktrampelpfade in der Tierrechtsbewegung sollten erweitert werden:

1. Wir lieben die einen … (Hunde, Katzen, Haustiere):

Die Haustierhaltung ist problematisch, die Beziehung zu Haustieren stark verbesserungswürdig. Wir müssen nicht gleich, wie die Hardcore-Abolitionisten, das Kind mit dem Bade ausschütten und ein Verbot von der Lebensgemeinschaft von Mensch und Nichtmensch im gemeinschaftlichen Lebensraum fordern, aber wir sollten dennoch einsehen, dass sog. Haustiere massiv von Speziesismus betroffen sind. Menschen meinen sie wissen alles über „ihre Vierbeiner“ – besser als die Tiere es selber wissen könnten, Menschen sind autorisiert zusammen mit dem Tierarzt zu entscheiden, wann das Leben des nichtmenschlichen Tieres beendet werden soll, Tiere leben häufig alleine unter Menschen, sind den Vorstellungen des Menschen vollständig ausgeliefert, bei aller Tierliebe. Die gleichen Tiere gelten andernorts auch nur als Fleischlieferanten, etc, denn sie sind für die Menschheit eben „nur Tiere“.

2. Und quälen die anderen … (sog. Farmtiere, Schweine, Rinder, Hühner, Fische … ):

Die Massentierhaltungssysteme sind die Spitze des Eisbergs, jede Gewalt gegen Nichtmenschen zum Zwecke der Einverleibung und der Versklavung, jeder sexuelle Eingriff in das Reproduktionssystem, jede Beherrschung von und Gewalt gegen Tiere bildet den gesamten Felsen dieses Eisbergs.

3. Was ist mit Tieren die sich an anderer Stelle in den speziesistischen Systemen wiederfinden: wie z.B. Pferde, Esel, wildlebende Tierarten und „klassischerweise“ gejagte Tiere?

Alle Tiere sind dem Speziesismus / Speziesismen ausgesetzt.

4. Menschen essen nun halt einmal Fleisch, dann brauchen wir halt die In-Vitro-Variante:

Es gibt perfekte pflanzliche Alternativen und wir fordern in Menschenrechtsfragen ja auch nicht nur den halben emanzipatorischen Weg zu beschreiten. Warum sollten Menschen nicht Pflanzenfresser werden können?

Oberflächlichkeit bei den Diskutanten wenn es um Tierrechte geht

Wir glauben es ist nicht nur nicht nötig, bei der Diskussion über Speziesismus und Tierrechte an der Oberfläche zu bleiben, sondern das an der Oberfläche bleiben hindert genau den nötigen Fortschritt in der Sache, den es braucht. Wer würde meinen, ein oberflächlicher Diskurs reiche aus, wenn es um eigene Menschenrechte ginge oder Humorig-Oberflächliches als Grundtenor wählen, wenn das Thema Rassismus oder Sexismus hieße?

Warum denken viele Tierfreunde, unser gemeinsames Thema könne in der Tat „einfacher“ gelöst werden, als all die anderen ethischen Katastrophen der Menschheitsgeschichte?

Gruppe Messel / Animal Autonomy / Tierautonomie

Podcast: Oberflächlichkeit in der Tierrechtsszene, Normalisierung von Speziesismen (MP3)

In Veganen- und Tierrechtsszenen herrscht eine Normalisierung von Oberflächlichkeit vor in der Auseinandersetzung mit speziesistischer Gewalt. Woran liegt das? Mangelt es den meisten Tierfreunden an einem Instrumentarium in ähnlicher Weise tiefgreifende kritische Hinterfragungen an der Gesellschaft anzustellen, wie ein jeder von uns das zu leisten im Stande ist in Hinsicht auf die eigenen Rechte?

Wir alle können sagen was Rassismus, Sexismus, Ableismus, Ageismus, Sizeismus, usw. ist. Das heißt wir alle können über Menschenrechte adäquat sprechen, wenn wir sie verteidigen wollen. Über Tierrechte zu sprechen benötigt ebensoviel Tiefgang und Infragestellung unterdrückerischer Mechanismen.

Bei den Tierrechten sprechen die meisten Tierfreunde kaum Ursachen für Tierunterdrückung an. Sie reden von Speziesismus, aber geben nur allgemeine Formeln dafür, beschreiben was es in der Sache ist, aber verknüpfen das feine unterdrückerische Gewebe der Säulen des Speziesismus in den menschlichen Kulturen über Zeit und Raum nicht.

Wir bewegen uns in Sachen Menschenrechten in einem Raum, den wir für relativ selbstverständlich erachten, weil Menschenrechte zu einem gewissen Grad unserer eigenen menschlichen Hybris entsprechen. Tierrechte sind für uns schwieriger argumentativ zu beschreiben, und so fallen die meisten von uns immer wieder in die Speziesismen allgemeingeläufiger Sichtweisen über nichtmenschliche Tiere, ohne sich dessen selbst völlig gewahr zu sein und reproduzieren damit aber genau das Problem, das sie nun unbedingt aus den Angeln heben wollen.

Was braucht es um Speziesismen aus den Angeln im Denken der Menschen unserer Spezies zu heben? Hinterfragung und Tiefgang. Das Denken und die kritische Reflexion unserer Mitmenschen sollten angeregt werden. Oberflächliches Herumprotestieren gegen und Herumkritisieren an den allgegenwärtigen Symptomen der Gräuel reicht nicht. Wir müssen deren Ursachen adressieren.