Christopher Sebastian McJetters: Radikaler Veganismus und die Sprache über Vergewaltigung in den Tierverteidigenden Bewegungen

Radikaler Veganismus und die Sprache über Vergewaltigung in den Tierverteidigenden Bewegungen

Christopher Sebastian McJetters

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Originaltext: Radical Veganism and Rape Language in Animal Advocacy https://strivingwithsystems.com/2017/08/10/radical-veganism-and-rape-language-in-animal-advocacy/. Übersetzung: Gita Yegane Arani, mit der freundlichen Genehmigung des Autoren.

Anmerkung des Autoren: Ich habe hierüber bei meiner Rede im Oktober beim VegFestUK über ‚Das Queering der Tierbefreung’ [1, https://www.youtube.com/watch?v=SkRke88QKPs ] gesprochen. Diesen folgenden Beitrag habe ich aber für all diejenigen geschrieben, die keine Zeit haben einer 30-minütigen Präsentation zuzuhören und ich wolle einfach einen leicht lesbaren Text verfassen, der spezifisch auf dieses Thema fokussiert. Ich pensönlich verwende das Thema Vergewaltigung in meiner eigenen Tierbefreiungsarbeit nicht (vielleicht nicht unbedingt aus den Gründen, von denen Ihr unter Umständen ausgehen würdet), auch wenn einige ökofeministische Veganer_innen es in der Vergangenheit taten und es auch noch immer tun. Meine Ansichten sollen aber auch niemanden zum Schweigen bringen oder Lesenden vorschreiben, wie er/sie ihre Arbeit zu tun hätte. Dies sind allein MEINE EIGENEN Reflexionen über MEINE EIGENE Herangehensweise und warum ICH diese für mich gewählt habe.

Wenn es um die Diskussionen über Vergewaltigung geht, beobachte ich meistens zwei Hauptpositionen. Die intersektionale vegane Position argumentiert, dass der Gebrauch einer schwerwiegenden Sprache über Vergewaltigung die menschlichen Opfer herabsetze und Frauen zumeist triggern würde. Auf der anderen Seite argumentiert die Mainstreamgemeinschaft, es sein speziesistisch gegenüber Tieren, die sexuelle Gewalt gegen sie thematisch auszusparen. Indem ich eine radikale Position im Bezug auf dieses Thema einnehme, erscheinen mir beide Argumente weder als ganz richtig noch als produktiv. Und das ist der Grund warum:

Der Diskurs über Vergewaltigung findet meist vor dem Hintergrund unseres Wissens über die Milchindustrie statt.

Und warum sollte das auch nicht so sein? Die Milchproduktion für den menschlichen Verzehr ist eine emotional traumatisierende Erfahrung für Eltern und eine ökologische Katastrophe für den Planeten. Und auch wenn es manche als emotional manipulativ bezeichnen würden, so ist ein stillendes Elternteil doch ein kraftvolles Bild, zu dem man sich in Bezug setzen kann. Doch wenn wir Milch als oberstes Symbol von Elternschaft in den Mittelpunkt setzten im Zusammenhang mit der Ausbeutung reproduktiver Autonomie, dann riskieren wir dabei ungewollt die Erfahrungen von Eltern aus den Gruppen der Nicht-Säugetiere herabzuspielen, denen ebenso ihre reproduktive Autonomie geraubt wird – und das ausschließlich aus dem Grund, weil bei ihnen die gleiche Art der schmerzvollen Penetration zum großen Teil nicht stattfindet. Und zwar spreche ich hier von Hühnern und Fischen, die zudem zu einer weitaus höheren Anzahl ausgebeutet werden. Und wenn wir hier von Penetration sprechen …

Der Diskurs über Vergewaltigung fokussiert auf die Penetration, was inhärent reduktiv scheint.

Wenn wir von der strengsten Definition von Vergewaltigung ausgehen (und wir alle lieben ja die Definitionen aus den Wörterbüchern), so wird die Vergewaltigung als eine unrechtmäßige und bei fehlender Übereinkunft stattfindende Penetration bezeichnet. Ausgehend von diesem Standard, würde es absolut kein Argument dafür geben, dass die Milchindustrie das Kriterium einer Vergewaltigung von Tieren erfüllt (und tatsächlich, würde sich dies nicht allein auf die weiblichen Tiere, die in der Milchindustrie ausgebeutet werden, beziehen, sondern auf alle Säugetiere, die eine übereinkunftslose Penetration zum Zwecke menschlicher Interessen durchmachen). Doch wenn wir die größeren sozialen Konstrukte betrachten, welche die Vergewaltigung umgeben, würde ich die strikte Definition sowieso eher nicht anwenden.

Wenn wir von dem sozialen Faktor ausgehen, geht es bei einer Vergewaltigung weniger um den penetrativen Sex als mehr um die Ausübung von Macht und Dominierung gegenüber einem vulnerablen Individuum, die in einem 1-zu1-Verhältnis geschieht. Was die Milchindustrie anbetrifft, so findet dies häufig nicht statt. Die Beraubung reproduktiver Autonomie wird aufgrund ökonomischer Interessen durchgeführt. Ist das sexuelle Gewalt? GANZ DEFINITIV. Und wir sollten sie als solche auch kompromisslos bezeichnen. Aber ich denke, dass Vergewaltigung nicht einmal das Maß und den Horror dieser Form sexueller Gewalt abdeckt. Und, die Zentrierung der Penetration ist ebenso reduktiv im Bezug auf diejenigen Körper, die missbraucht werden zum Zwecke der Gewinnung des Spermas, das zur Schwängerung verwendet wird. Und übrigens, beachtet dass ich den Begriff ‚Körper’ (bodies) verwende, statt weiblich (female) oder männlich (male). Weshalb? Weil …

Unsere Diskussionen über Vergewaltigung gendern Körper unnötigerweise, was die Gender-Konformität fördert.

Wir sind so daran gewöhnt Tierkörper zu gendern, dass wir die einzelnen Identitäten der Tiere im Namen ihres Schutzes völlig unsichtbar machen. Aber wir müssten dies nicht tun. Körper mit Uteri werden ausgebeutet. Körper mit Penissen werden ausgebeutet. Auf sie Bezug zu nehmen, als männlich oder weiblich, verstärkt unnötigerweise eine veraltete Sprechweise rund um Männlichkeit und Weiblichkeit. Wir können über sexuelle Gewalt sprechen, ohne die Diversität von Sexualität und das innerhalb des gesamten Tierreichs vorkommende Gender-Sein auszublenden. Sexuelle Gewalt gegen Tiere zerstört Familien und schafft Traumata, unabhängig vom Geschlecht. Und welche Körperteile sie haben, ändert nichts an der Tatsache, dass es alles furchtbar ist. Und …

Reproduktive Autonomie und sexuelle Autonomie sind miteinander verwandt aber nichtsdestotrotz auch unterschiedlich.

Wenn wir davon sprechen, dass Tieren ihre reproduktive Autonomie genommen wird, dann werfen wir dies häufig mit sexueller Autonomie durcheinander. Aber der Raub von sexueller Autonomie ist eine andere Form der sexuellen Gewalt und verdient als solche eigenständig zur Kennntis genommen zu werden. Zum Beispiel werden Tierfreunde [animal companions] (am häufigsten Hunde und Katzen) gewaltsam sterilisiert. Dies raubt diesen Individuen ihre sexuellen Identitäten und nimmt ihnen die Spanne ihrer sexuellen Ausdrucksweise. Und wenn ihr meint, die erzwungenen Sterilisationen anderer Tiere beeinflussten nicht unsere Einstellungen gegenüber anderen Menschen: sie werden gleichermaßen fortwährend an vulnerablen Menschen vollzogen. Man schaue sich den industriellen Gefängniskomplex [2] an, die Zwangssterilisation nordamerikanischer indianischer Frauen in der Vereinigten Staaten [3] und weitere solcher Beispiele.

Sexuelle Gewalt manifestiert sind in mehr Formen als allein der penetrativen Vergewaltigung.

Wenn wir uns das schiere Ausmaß und die Spanne an sexueller Gewalt anschauen, die wir gegen andere Spezies auf diesem Planeten ausüben, dann stellt die Vergewaltigung nur einen Teil eines wahrhaft beängstigenden Systems dar. In den Vereinigten Staaten allein werden praktisch alle männlichen Schweinebabies auf routinärer Basis ohne Betäubung kastriert [4]. Wir jedoch diskutieren dies aber nicht als einen Akt genitaler Verstümmlung, was wir jedoch tun sollten. Und man denke an die anale Elektrekution [5]. Sie stellt eine häufig angewendete Methode der Tötung von Tieren auf Pelzfarmen dar.

Nun durch diese ganze Rede über Vergewaltigung hinweg, habe ich, so werden die Leser vielleicht bemerkt haben, nicht ein einziges Mal eine einzige Trigger-Warnung ausgesprochen. Und das mag den streitbarsten Teil dieses Blogeintrages darstellen. Doch hier …

Die gemeinläufige Verwendung emotionaler Trigger in Online-Räumen wird nicht durch Daten unterstützt.

Nachdem ich einen besonders spannungsreichen Online-Austausch bezeugt habe, bei dem eine Person gegen die Verwendung der Wortes „Entführen“ zur Beschreibung im Bezug auf Tieropfer argumentiere, da diese Person selbst entführt wurde (und menschliche Opfer von Entführungsfällen eine unterdrückte Minderheit darstellen, wie ich annehme), habe ich mich entschlossen, dass ich mich genauer mit emotionalen Triggern befassen wollte. Immerhin verhinderte das Potential dieser Person getriggert zu werden, jegliche weitere Diskussion.

Komplette Offenlegung: Ich bin ein zweimaliges Opfer von Vergewaltigung und bei mir wurden eine klinische Depression und eine soziale Phobie diagnostiziert. Ich weiß was meine emotionalen Trigger sind und ich weiß, wie ich sie zu handeln habe. Dies trifft offenbar nicht auf alle Menschen zu, doch das sind meine Erfahrungen. Als ich nun aber nach wissenschaftlichen Quellen über emotionalen Trigger suchte, konnte ich nur sehr wenige zugreifbare Quellen ausmachen.

Unbeirrt habe ich mich von zwei veganen Psychiatern beraten lassen, die sich auf verschiedene Formen von Traumata spezialisiert haben. Einer weiß und männlich und die andere schwarz und weiblich – beide sind Doktoren und beide schauen zurück auf mehr als 10 Jahre Berufserfahrung. Unter der Bedingung der Anonymität (ach kommt, keiner will, dass sein beruflicher Name mit einen obskuren Blog, der einige entschieden liberale Ansichten über den veganen Aktivismus vertritt, in Verbindung gebracht wird), beide haben jeweils bejaht, dass die Vermeidung von emotionalen Triggern das absolut Schlimmste ist, was man beim eigenen Gesundungsprozess tun kann, und dass Trigger von Laien häufig überverwendet und falsch dargestellt werden. Zu allermindest exisitert kein Konsens innerhalb der Berufsgemeinschaft. Ich habe mich dafür entschieden sie, als solche, nicht zu verwenden und damit unbeabsichtigt zu riskieren Leute zu befähigen, die sie missbrauchen.

Und natürlich, wenn alles gesagt und getan ist….

Nichts von dem Gesagten soll implizieren, dass Vergewaltigungen anderer Tiere NICHT stattfinden.

Nicht einvernehmlicher sexueller Kontakt mit anderen Tieren ist nicht nur real sondern auch weit verbreitet. Zu den Zeitpunkt zu dem ich dieses Text verfasse, hat der oberste Gerichtshof Kanadas entschieden, dass die gegenwärtige Definition von Bestialität [6] ausschließlich penetrative Handlungen mit einbeschliesst und ein VICE-Artikel über einen Orang-Utan, der rasiert wurde und als ein Sexsklave missbraucht wurde [7] kursiert nun schon seit längerer Zeit in den sozialen Netzwerken. Die Vergewaltigung von anderen Spezies findet also unbezweifelbar satt. Ich denke nur, dass der Begriff zu großzügig verwendet wird und stattdessen in einem viel weiteren Kontext diskutiert werden sollte. Einem nämlich der anerkennt, dass sexuelle Gewalt eine grundlegende Tatsache der industriellen Tieragrarkultur darstellt. Und alleine auf einen Aspekt sexueller Gewalt zu fokussieren ist so, als würdest du den Teppich staubsaugen während gerade dein ganzes Haus abbrennt. Ganz gleich, ob sie wegen dem Profit oder wegen sexueller Befriedigung stattfindet, diese Form der Gewalt muss abgeschafft werden.

Links:

[1] Christopher-Sebastian McJetters, Queering Animal Liberation: Why Animal Rights is a Queer Issue, https://www.youtube.com/watch?v=SkRke88QKPs , Stand 7.4.2018.

[2] Hunter Schwarz, Following reports of forced sterilization of female prison inmates, California passes ban, https://www.washingtonpost.com/blogs/govbeat/wp/2014/09/26/following-reports-of-forced-sterilization-of-female-prison-inmates-california-passes-ban/?utm_term=.e3ef87204a0d , Stand 7.4.2018.

[3] Native Voices: 1976, Government admits forced sterilization of Indian Women, https://www.nlm.nih.gov/nativevoices/timeline/543.html , Stand 7.4.2018.

[4] Laboratory of Animal Behavior, Physiology and Welfare, Pig Castration, http://www.depts.ttu.edu/animalwelfare/Research/PigCastration/ , Stand 7.4.2018.

[5] Sandra Lweis Elisabeth Swart, Nothing Humane About Fur Farms, https://www.nytimes.com/1991/02/20/opinion/l-nothing-humane-about-fur-farms-956191.html , Stand 7.4.2018.

[6] Feliks Garcia, Most bestiality is legal, declares Canada‘s Supreme Court, https://www.independent.co.uk/news/world/americas/bestiality-legal-canada-supreme-court-a7073196.html , Stand 7.4.2018.

[7] Jack Adams, Conclusive Proof That There Is No God and Humans Are Essentially Evil, https://www.vice.com/en_us/article/dpdnp7/yo1-v14n10 , Stand 7.4.2018.

Grafik: Palang LY, Moving beyond the horizon of humancentrism.

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