Lori Gruen: Sollten Tiere Rechte haben?

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Sollten Tiere Rechte haben?

Lori Gruen

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Prof. Lori Gruen: http://www.lorigruen.com/, http://lgruen.faculty.wesleyan.edu/.

Dieser Artikel: ‚Should Animals Have Rights?’ von Lori Gruen ist im Original erschienen auf: https://animalstudiesblog.wordpress.com/2014/01/17/should-animals-have-rights-2/ und https://www.thedodo.com/community/LoriGruen/should-animals-have-rights-396291626.html.

Übersetzung: Palang L. Arani-May, NiceSwine.Info. Mit der freundlichen Genehmigung von Lori Gruen. Revised 08/01/14.

Im Dezember [2014] reichte das Nonhuman Rights Project eine Habeas-Corpus-Klage für vier Schimpansen im Bundesstaat New York ein. Die Klage wurde abgelehnt, aber die Anwälte planen in die Berufung zu gehen. Der Fall hat für viel Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit gesorgt, über die Frage, ob Tieren Rechte zuteil werden sollten.

Diese Woche hat als Reaktion auf diesen Fall – und den Start einer neuen Webseite: The Dodo, die sich allem rund um die Tiere widmet, und in Reaktion auf einen Kommentar von Frank Bruni in der New York Times, in dem der Autor schreibt, dass wir uns nun in einer Ära befänden, in der die Forderung nach der Achtung der Würde anderer Tiere an Zuwachs gewinnt – diese Woche nun, hat der Journalist Damon Linker behauptet: „Nein, Tiere haben keine Rechte.“

Diese jüngste Debatte folgt allgemeinen Diskussionen, in denen die Frage „Sollen Tiere Rechte haben“ generell auf zwei diametrisch entgegengesetzte Reaktionen trifft. Auf der einen Seite finden wir die herablassend Kichernden, die meinen es ginge allein um juristische Rechte, und die finden, dass das absurd klingt. Und auf der anderen Seite sind diejenigen, die meinen, dass die Antwort klar auf der Hand liegt, denn natürlich sollten Tiere moralische Rechte haben, wir Menschen sind immerhin auch Tiere und viele von uns lieben, schätzen und respektieren Nichtmenschen, also warum keine Rechte für sie? Ich denke die Frage ist keinesfalls absurd, aber ich mache mir etwas Sorgen über die Terminologie der „Rechte“. Rechte sind Dinge, die die Machthabenden erteilen, so haftet Rechten immer etwas assimilationistisches an.

Argumente zur Einbeziehung von mehr als der menschlichen Welt als designierten Rechtsträgern in unsere ethischen Überlegungen, neigten bisher dazu, parallel zu den Argumenten zu verlaufen, die den ethischen Belang auf das ausdehnen, was außerhalb derer liegt, die das moralische Zentrum bereits belegen. Historisch haben wir beispielsweise in den USA und in Europa weiße christliche Männer in diesem Zentrum gesehen, und Rechte wurden auf nichtchristliche, nichtweiße Männer zuerst, und dann auch auf Frauen ausgedehnt. Und so wie der Kreis der Rechtsträger wächst, so herrscht auch das Ideal vor, dass die ganze Menschheit einbeschlossen sein soll, gleich welcher Rasse, Nation oder Gender-Identität.

Aber warum an der Speziesbarierre enden? Einige Gelehrte und Aktivist_innen haben das, was alternativ auch als „Speziesismus“, „Humanonormativität“ und „menschlichem Exzeptionalismus“ bezeichnet wird, versucht zu bekämpfen indem sie die Grenze des Kreises um den Menschen herum weiter bewegt haben.

Eine der Hauptstrategien zur Erweiterung des Kreises liegt in der Referenz auf empirische Arbeiten, die gedacht sind aufzuzeigen, dass andere Tiere in Wirklichkeit denen ähneln, die sich im Zentrum befinden, und dass sie daher Rechte verdienen. Um als kohärent und fair zu gelten, sind wir angehalten dazu, gleiche Fälle auch gleich zu behandeln. Wenn man von denen, die sich an den Rändern des Kreises moralischen Belanges befinden, mittels Ethologie und kognitiver Forschung beispielsweise beweisen kann, dass sie einige der Qualitäten aufweisen, die wir an uns selbst schätzen und denen wir Wert beimessen, dann sollten wir diese Qualitäten, erscheinend in anderen Körpern, wessen auch immer, ebenso achten und wertschätzen.

Solche Untersuchungen haben gezeigt, dass viele andere Tiere über reiche soziale Beziehungsgeflechte verfügen, ihre eigene Sicherheit aufs Spiel setzen um bei kranken oder verletzten Familienmitgliedern zu bleiben, damit der Todsterbenskranke nicht alleine sterben wird, dass Tiere um ihre Toten trauern, auf die emotionalen Zustände anderer reagieren, ein normbestimmtes Verhalten aufweisen, manipulativ sein können, täuschen können, symbolische Zeichen verstehen und Kultur weitergeben.

Einige Untersuchungen an Schimpansen und Bonobos zeigen, dass sie über ein ausgeprägtes Bewusstsein ihrer Selbst verfügen, und dass sie sich selbst verstehen, in einem sich über Zeiträume erstreckenden Eigeninteresse. Die Fähigkeit sich selbst zu erkennen als eine Vergangenheit und Zukunft habend, heißt, wie John Locke meinte, eine Person zu sein.

In unserem Rechtssystem gelten Schimpansen nicht als Personen. Kein Tier wird als Person betrachtet und somit auch nicht als Träger von Rechten. Tiere werden stattdessen als Besitz klassifiziert. Der Wunsch diese Klassifikation zu ändern, ist das Ziel, welches das Nonhuman Rights Project motiviert. In einem Rechtssystem, in dem es nur zwei Kategorien gibt um zwischen Lebewesen zu unterscheiden, nämlich der als Person oder als Besitz, ist eine Klassifizierung von Schimpansen als legale Personen akkurater als ihre Einstufung als bloßer Besitz. So ist in einem rechtlichen Zusammenhang verständlich, dass Schimpansen, da sie ähnliche Fähigkeiten wie menschliche Personen aufweisen, bestimmte Rechte haben sollten.

Aber ich habe gewisse Bedenken bei der „Rechts“-Herangehensweise. Rechte sind Forderungen die wir gegeneinander einklagen und die wir verfechten um uns vor Übergriffen anderer zu schützen. Unser Rechtssystem mag so aufgebaut sein, dass wir innerhalb seiner die Rechtsträger als zueinander im Konflikt stehen betrachten. Aber das ist eine sehr pessimistische Sicht darüber, wie wir uns als Einzelne und in unseren Gemeinschaften zueinander verhalten. In der Tat könnte dieses Rahmenwerk, innerhalb dessen wir uns vor anderen Schützen müssen, dazu dienen, eine relativ düstere Sicht über unsere gegenseitigen Beziehungen und denen zu anderen Tieren zu bestärken. Wir bleiben dabei konzentriert auf das, was wir einander abgewinnen können oder wie wir das, was wir haben, schützen können, statt uns auf das zu konzentrieren, wie wir gemeinsam daran arbeiten könnten, das Leben des jeweils anderen zu verbessern.

Wenn wir stattdessen auf das fokussieren, was wir einander und anderen Tieren schuldig sind, dann werden unsere Beziehungen zu einem zentraleren moralischen Belang. Unsere Rolle darin, das Wohl eines anderen Tieres zu fördern oder zu verhindern, wird zu einer Ursache ethischen Bedenkens. Fast alle unserer Handlungen und Entscheidungen affizieren andere Tiere in unterschiedlicher Weise. Ob sie leben oder sterben, ob ihre Jungen eine Zukunft haben werden, ob ihre Lebensräume weiterhin bestehen bleiben werden, hängt davon ab, was wir kaufen, was wir essen und selbst davon wen wir wählen. Keiner will in einer „schlechten“ Beziehung zu etwas stehen, so kann das Denken darüber, in welcher Beziehung wir zu anderen Tieren stehen, und darüber, was wir ihnen schuldig sind, helfen, diese Beziehungen zu verbessern.

Die Herangehensweise der Rechte tendiert auch dazu, dass wir unsere Beziehungen auf diejenigen reduzieren, an denen wir Ähnlichkeiten schätzen, und dass wir dabei wichtige Unterschiede übersehen, die uns dabei helfen könnten, neu zu überdenken wer wertvoll ist und warum.

Wenn das, wonach wir schauen Ähnlichkeiten sind – beispielsweise in dem, wie wir eine gleiche Art von Intelligenz oder kognitiver Fähigkeiten teilen – dann neigen wir dazu, unverwechselbar wertvolle Aspekte im Leben derer, die anders sind als wir, aus dem Sichtfeld zu verdrängen. Und was impliziert so eine Sichtweise für diejenigen Tiere, menschliche sowie nichtmenschliche, die weniger intelligent sind oder deren kognitive Fähigkeiten komplett anders sind als unsere eigenen?

Darauf zu fokussieren, wie sehr andere Tiere uns ähneln, zwingt uns dazu, sie in unser sich nach dem Menschen orientierenden Rahmenwerk einzugliedern; wir erteilen ihnen Beachtung im Punkte dessen, was wir glauben, dass sie mit uns teilen, statt wegen dem, was ihr eigenes Leben bedeutsam und wertvoll im eigenen Lichte macht. Und durch unseren sich nach dem Menschen orientierenden Blick, landen wir schlichtweg dabei, einen Dualismus zu rekonfigurieren oder bestenfalls eine Hierarchie, die unvermeidbar einen „anderen“ finden wird, den sie ausschließen oder ganz unten ansiedeln kann – nämlich diejenigen, die sich wirklich unterscheiden von körperlich-fähigen (able-bodied), mental-fähigen (able-minded) Personen.

Wenn wir über „Rechte“ sprechen, dann sollten wir besonders darauf achten, „andere“ nicht erst zu konstruieren und dann zu ignorieren – andere, d.h einige Menschen und viele Nichtmenschen, die bedeutsame Lebensweisen in dieser Welt erschaffen, aber über andere Befähigungen verfügen, so dass sie nicht als denen ähnlich betrachtet werden [können], die sich im menschlichen Zentrum befinden.

Stattdessen sollten wir darüber nachdenken, wie es ist ein Schimpanse oder ein Huhn oder ein menschliches Kind mit einer kognitiven Eingeschränktheit zu sein, in ihren jeweils einzigartigen Beziehungen zu andern. Indem wir uns ihre Welten aus ihren Perspektiven vorstellen, erkennen wir vielleicht, dass ihr allgemeines Wohl anders gefördert werden müsste, aber dass ihr Wohl nicht weniger wertvoll ist, nur weil sie anders sind.

Bild: Zwei Vögel und Kristallfrau, Farangis Yegane.

Alle Links: 26. Feb. 2014.

 

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