Wert und Willkür – kontrastierend gegen „das Naturhafte“

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Wert und Willkür – kontrastierend gegen „das Naturhafte“

Ein Essay von Palang Latif

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Homozentrisches Denken beschränkt sich darauf, dass alles sich auf den Menschen wie ein einzig existierendes Zentrum beziehen soll. Die Sicht, dass allein die Menschen von entscheidender Bedeutung sind, zieht fast automatisch nach sich, dass die Perspektiven die von den Menschen eingenommen werden, sich alle gewissermaßen ähneln, allein aus dem Grund der Zielsetzung des Denkens: Mensch als Ziel.

Der Denkende erhält hingegen ganz andere Perspektiven, wenn er versteht, dass alle Atome Zentren sind, die aber nicht alle gleichmäßig “dasselbe” sind, sondern die alle ihre eigene „unterschiedliche Bedeutung“ haben. Unterschiedlich zu sein, heißt nicht, dass sich das Verschie­dene nur auf der Stufe einer hierarchischen Verschiedenheit bewegen kann – wobei das non-hierarchische aber wiederum nicht gleichzusetzen ist mit dem Fehlen von Gesetz­mäßigkeiten. Das heißt, es bestehen Verschiedenheiten zwischen allen Wesenseinheiten, die alle Bedeutung haben, aber nicht in hierarchischer Weise, sondern in einer Weise, die Gesetzmäßigkeiten folgt.

Die Einmaligkeit, die dem Zentrum “Mensch” zugeschrieben wird, rührt aus der Sicht, dass der Mensch das wäre, was Dingen Wert verleiht. Das hieße, würde es stimmen, dass alles andere außer dem Menschen existent wäre in einer Art hierarchischen Struktur um den Menschen herum siedelnd, rein passiv, noch weniger als aus dem Nichts herrührend – daher, dass der Mensch seine Beobachtung so ausgerichtet hat, dass seine Priorität im Mittelpunkt steht, und alles was sich zu ihm marginal verhält, ganz weit unten auf seiner Wertehie­rarchie zu bestehen hat.

Das einzig aktive ist dabei das “Ich”, das “Hier” und das “Jetzt” des Menschen, aber nicht in deren attributhaftem Bezug zum eigentlichen und kontexthaften Wesen, das ja wieder in eine völligen Gesamtheit einbezogen ist, sondern in dem spezifischen Ver­ständnis des menschlichen Selbst als zu dem Zentrum gehörend, um das gelegen sich allein Marginales bewegen kann.

“Wert” ist im homozentrischen Kontext eine hierarchische Form der Einteilung, die Fragwürdig erscheint, wenn man bedenkt, dass solch ein “Wert” die Tendenz haben kann “Gesetzmäßigkeiten” umstoßen zu wollen.

Was ist “Wert” und was ist “Gesetzmä­ßigkeit”?

“Wert” ist zum einen das, was das Verhältnis des einzelnen Lebewesens zu seiner Umwelt bestimmt – dabei sollte aber auch in Betracht gezogen werden, dass das Verhältnis zur Umwelt nicht zu einem zusammengefasst werden kann, denn die Umwelt ist eben kein gigantischer Marginalraum eines einzigen erlebenden Selbst.

Der “Wert” ist das, wie ein Wesen jeweils etwas empfindet – positiv oder negativ, ob wichtig oder schädlich für sich und für das, was für dieses Wesen entscheidend ist. Das Wesen ist gebunden an die Gesetzmäßigkeit der naturhaften Integrität. Auf der anderen Seite kann “Wert” aber zum Platzhalter für “Willkürentscheidung” werden, im Fall des homozentrischen Menschen, wenn das Verhältnis einer Gesetzmäßigkeit in ihrem Bezug zur naturhaften Integrität bewußt oder unbewußt negiert wird.

Die Einbindung des Subjektiven in seine naturhafte Integrität garantiert, dass sein empfundener Wert sich im Rahmen einer Gesetzmäßigkeit befindet (die den Wert als Willkürentscheidung ausschließt). Der “Wert” nimmt die Eigenschaft der Willkürent­scheidung dann an, wenn sich das erlebende Wesen aus der naturhaften Kontextualität herausbewegt und Gesetzmäßigkeit der Willkür unterordnet.

“Wert” ist die Übersetzung des Empfindens eines Einzelwesens in die Form, in der sich das Empfundene an die Willkürentscheidung binden kann, oder die Empfindung bindet sich an die Gesetzmä­ßigkeit der naturhaften Integrität.

Die Willkürentscheidung ist an ein Zentrum des Wollens gebunden

Die Willkürentscheidung ist an ein Zentrum des Wollens gebunden. Im Homozentris­mus ist dieses Zentrum der menschliche Belang, dem eine eigene ausschließliche Wichtigkeit zugeordnet wird. Der Wert ergibt sich nicht aus der Kontextualität naturhafter Integrität, sondern aus der Frage der gesonderten Willkür des “idealen Menschen”.

Die Willkür erzeugt Wert, auch den eigenen Wert, die naturhafte Integrität wird aufgehoben, und um so mehr sich die Willkür über das Andersartige (die naturhafte Pluralität) hinwegzusetzen weiß, um so mehr manifestiert sich das Zentrum und verfestigt sich diese besondere Art des Willens, dessen Stärke und Bedeutung sich aus seiner Zentriertheit ergibt. (Das Unzentrierte wäre eine Verstreuung des Willens und würde eine Abnahme der Potenzialität zur Willkür mit sich bringen).

Kontextualität spielt in der homozentrischen Ebene theoretisch und praktisch auch eine we­sentliche Rolle, aber nur in dem abgesteckten Bereich: innerhalb von Grenzen, die sich aus dem Unverständnis für das Andersartige ergeben. Das heißt, alles was verstanden wird, wird miteinander vernetzt betrachtet, aber das Andersartige, nicht ganz verstehbare, an sich stellt eine unüber­windbare Grenze für den Homozentriker dar. Die ganze Existenzialität darf sich nur auf das Gewusste und das Gesehene und auf das Gewollte beziehen, aber das Andersartige kann hier in keinem scheinbar sinnvolen Bezug stehen. Und das aus einem einfachen Grund: Die Kontextualität nämlich, die sich im homozentrischen Bereich ergeben darf, soll eben nur den mensch­lichen Belang als Fokussierpunkt postulieren, und soll oder will dadurch gerade das Andersartige in dessen eigenkontextuellem Wert mindern.

Für den “idealen Menschen” spielt das Andersartige keine elementare Rolle, und würde es das tun, dann wären all diese andersartigen Belange definiert und nur ’unter bekannten Namen’ greifbar als Belange von Wert.

Nur ist es so, dass all dieses Andersartige was der Homozentrismus letzendlich ausschließt, in der Kontextualität naturhafter Integrität jedoch den wesentlichen Belang darstellt. All das mannigfaltige, was dem Menschen “das Andere” ist, stellt in der Kontextualität der natur­haften Integrität das dar, auf das sich Gesetzmäßigkeit bezieht: all jenes, das andersartige, verschiedenartige Werte mittelbar oder unmittelbar kontextuell produziert. Der Homozentrismus leitet daraus ab, ohne sich dessen vollständig bewusst zu sein. Die Konsequenz aber, die sich aus der Willkür des Homozentrismus ergibt, ist, die Gesetzmäßigkeit dem Wert unterzuord­nen.

Wenn der Homozentriker sich dessen bewusst würde, das er selbst Subjekt sowohl von Wert als auch übergeordneter Gesetzmäßigkeit ist, und zwar in der Kontextualität der naturhaften Integrität, das heitßt: des Übergreifenden, dann müssen seine Grenzen und Denk-Mauern gegenüber dem Andersartigen aufweichen, denn er muss merken, dass seine Willkür nur ein Zeichen relativer Ohnmacht ist.

Der Linolschnitt oben stammt von Farangis Yegane www.farangis.de. Dieser Text ist im Veganswines Reader 08 erschienen.

 

 

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