Kim Socha: Die Venen öffnen

kts8

Jahrgang 1, Nr. 4, Art. 1, ISSN 2363-6513, Dezember 2014

Die Venen öffnen

Kim Socha

Englischsprachige Originalfassung
Opening Veins. Aus: Defiant Daughters: 21 Women on Art, Activism, Animals, and the Sexual Politics of Meat. Herausgegeben von Kara Davis und Wendy Lee, mit einem Vorwort von Carol Adams. Erschienen bei Lantern Books, 2014. http://www.lanternbooks.com/books/BookDetail.aspx?productID=357873.

Schlagworte: Tierrechte, Feminismus, Veganismus, Intersektionalität

Dieser Text als PDF

TIERAUTONOMIE,  Jg. 1 (2014), Heft 4.

Die Venen öffnen

Ist es Kultur oder Biologie? Dieses stark vereinfachende Binär ungerliegt oft den Gesprächen, die ich mit den Menschen draußen, während meiner Tierrechtsarbeit führe. Sind wir biologisch geschaffen um Tiere zu essen oder ist es eher eine kulturell bedingte Motivation? Meine ehrliche Antwort darauf ist: es ist mir egal. Wir leben in einer industrialisierten Kultur, in der es eine Menge an Alternativen zum Verzehr und Gebrauch von tierischen Produkten gibt. Wir sollten diese Dinge also meiden. Im Kontext mit dem Aktivismus ist es besonders frustrierend mit der esoterischen Kritik dieser uns so plagenden Binäre konfrontiert zu werden – Mensch/Tier (als wären Menschen keine Tiere), Mann/Frau (als wäre das Gender kein soziales Konstrukt), Gut und Böse (als würden all unsere Handlungen ganz einfach in die eine oder andere Kategorie hineinpassen – Ambiguität sei verdammt!).

Es war Carol Adams, die mir mit ihrem Buch The Sexual Politics of Meat und mit ihren anderen Publikationen geholfen hat, die Binäre und Annahmen, die der rationalistischen philosophischen Geschichte der westlichen Kultur entsprungen sind, zu hinterfragen. Meine sich noch entwickelnde Forschung baut auf dem Fundament ihrer Gedanken auf, und die Botschaften ihrer Arbeit begleiten mich nunmehr seit den letzten 12 Jahren, seitdem ich das erste Mal ihr Buch las. Meine Beziehung zu Adams Arbeit ist jedoch nicht einheitlicher Natur. So las ich beispielsweise ihre starken Aussagen über die miteinander verbundenen Unterdrückungsformen und über weibliche Selbstbefähigung, wurde aber erst neun Jahre später vegan. Tatsächlich trat ich sogar eine selbstzerstörerische Lebensreise an, auf der ich mich immer noch befinde, obwohl ich inzwischen eine vegane Tierrechtlerin und Akademikerin bin und mich auch in anderen Bereichen für soziale Gerechtigkeit einsetze. Liegt das an der Kultur oder an der Biologie? Habe ich einen Hang zur Selbstzerstörung aufgrund einer frauenhassenden Gegenstandskultur, oder die es die Biologie – sind es die falschen Signale in meinem Gehirn, die mich immer wieder zur eigenen Infragestellung veranlassen, und dazu, mich selbst zum Schweigen zu bringen? Aber warum hat sich meine Selbstzerstörung am stärksten über die Anorexie, die Drogenabhängigkeit und die Abhängigkeit von unterdrückerischen Männern manifestiert? Ich frage mich weshalb ich eine Stimme habe, wenn ich die nichtmenschlichen Tiere und die menschlichen Tiere, die ich liebe, verteidige, doch wenn es um mich selbst geht dann bleibe ich zumeist still. Und warum habe ich, wenn ich nicht still bin, das Gefühl ich hätte etwas falsch gemacht?

Bei einer Konferenz vor kurzem las ich aus meinem Buch Frauen, Zerstörung und die Avant-Garde: ein Paradigma für die Tierbefreiung vor – ein Buch, das sich fest und überzeugt auf Adams Theorien begründet. Ich war wütend (in einer guten Weise, gegen die Ungerechtigkeit) und fühlte mich stark, und die Zuhörerinnen reagierten mit Begeisterung und Applaus. Ich fühlte mich wie eine motivierende Kraft, weil ich in diesem Buch die Wahrheit sagte. Später am Abend aber, als ich versuchte einzuschlafen, fühlte ich mich aber als hätte ich gelogen, denn eigentlich bin ich in so vielen Punkten immer noch so schwach, was auch einen Teil meiner Wahrheit ausmacht. Und das ist die Geschichte, die ich hier erzählen will. Eine Geschichte, die ich nicht hinter meiner Gelehrsamkeit verstecken will. Doch bevor ich meine Geschichte von Zerstörung und Erneuerung erzähle, muss ich doch diese Zusatzerklärung abgeben: Mit geht es inzwischen viel besser und ich bin weiterhin auf dem Weg der Besserung.

Der Schriftsteller Paul Gallico machte diese oft zitierte Beobachtung: „Nur wenn Du deine Venen ein wenig öffnest und das Blut auf das Papier träufeln lässt, kannst Du eine Beziehung zu deinem Leser herstellen.“ Welch Glück ich habe, dass ich das nur im metaphorischen Sinne tun muss. Selbst jetzt wo ich diese Worte schreibe, denke ich an all die nichtmenschlichen Tiere, denen die Venen tatsächlich zu Milliarden jährlich geöffnet werden, um den Wunsch der Menschen nach ihrem Fleisch zu stillen. Und das ist, worum es in dieser Geschichte geht: es ist die Geschichte einer selbstzerstörerischen Frau, die ihre Zerstörung im metaphorischen Sinne als vergleichbar zu der Zerstörung nichtmenschlicher Tiere erlebt, eine Frau die jedoch privilegiert genug ist um Wege aus dieser Verheerung heraus zu finden, eine Frau, die sich schuldig fühlt dafür, dass sie sagt, sie leidet und sie hat gelitten, während andere doch so viel mehr leiden. Aber diese Geschichte nicht zu erzählen, hieße wieder in die Falle der Selbstzensur zu treten. Ich will also versuchen „meine Venen zu öffnen.“

Auch möchte ich ein Bild von mir selbst zeichnen, einer achtundreißigjährigen Frau, die immer noch die Antworten auf die Frage: „Wer bin ich?“ sucht, während sie gleichzeitig versucht mit der Tatsache klarzukommen, dass sie es vielleicht niemals herausfinden wird. Ich schaue auf den Buchumschlag von The Sexual Politics of Meat, auf diese nackte Frau, die ihren Kopf wendet mit dem roten Cowgirl-Hut, dem rabenschwarzen Haar, dem verführerischen Augenausdruck und den purpurnen Lippen. Sie ist beides von dem was ich immer sein wollte – eine schöne, begehrte Frau – und das, was ich an mir verachte zu sein – ein Gegenstand, der nur wegen der Teile, aus denen er sich zusammensetzt, gewünscht wird, dessen man sich dann aber auch wieder entledigen kann. Sie erinnert mich als Lynda Carters Cartoon-Charakter Wonder Woman, den ich als Kind so liebte – unglaublich schön und stark, umherlaufend in so wenig Kleidungsstücken, wie es in den 1970ern auf den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern gerade noch erlaubt war. Die Frau auf dem Cover verfügt jedoch über keinerlei Macht. Sie ist ein Produkt, das in seine Stücke untergliedert wird, das gedemütigt und bloßgestellt wird. Sie ist ein öffentlicher Besitz. Die westliche Kultur hat ihr dies durch ihre misogynistischen Medien angetan, sie hat es mir angetan und sie tut es weiterhin Mädchen und Frauen an, zumindest im übertragenen Sinne – den Nichtmenschen tut sie es faktisch an.

Dann blättere ich in dem Buch zu dem Bild von „Ursula Hamdress“, dem Pinup-Schwein, das erscheint als freue es sich seiner selbst an seinem eigenen milden Lächeln und einem Drink neben ihm. Ursulas Bild spiegelt die Botschaft des Umschlagsbildes wider. Als übergewichtiger Teenager nannten die Menschen, nach deren Anerkennung ich mich sehnte, mich „Schwein“, „Kuh“ und „Elch“. Zu dieser Zeit dachte ich, dass diese Beleidigungen die schlimmstmöglichen sein müssten. Animalisiert zu werden, hieß abgelehnt zu werden. Als Frau eine „Sau“ zu sein, heißt verdammt zu werden, reduziert auf den Status eines unerwünschten Produkts, und obgleich „Fox“ oder „Biest“ vordergründig als Komplimente zu verstehen sein sollen, handelt es sich doch ebenso um eine Reduzierung von Frauen auf objektifizierte Wesen. Rückblickend wünschte ich, ich hätte zu denjenigen, die mich auf dieses Art und Weise verdammt haben, gesagt: „Dank Dir! Denn Schweine sind intelligente, sensible und schöne Wesen.“ Doch ich war damals, im Teenageralter, noch so weit entfernt von solchen Gedanken, wie denen, den ich später in Adams Arbeiten begegnete, so dass ich kaum so reagieren konnte. Und statt meinen Peinigern schlau zu kontern, entwickelte ich Anorexie.

Bild 1: Die hungernde Frau

Ich habe mich etwa sechs Jahre lang hungern lassen, von meinem neunzehnten bis zu meinem fünfundzwanzigsten Lebensjahr, was mir zwei Krankenhausaufenthalte einbrachte. Als ich im Krankenhaus war, traf ich andere Frauen wie mich selbst: schlau, witzig, fürsorglich und selbsthassend genug um sich im Land der Fülle aushungern zu lassen. Wir waren privilegiert genug um Nahrung abzulehnen, während andere Menschen auf dieser Welt aufgrund des Mangels an Nahrung hungern müssen. Und, wir hatten das Glück Eltern oder andere Menschen zu haben, die über ausreichend finanzielle Mittel verfügten um für unsere Krankenhausaufenthalte aufzukommen. Die meisten von uns, die wir uns in Behandlung befanden, waren weiß, aber es waren auch einige farbige Frauen dort. Soweit wie ich es erlebte, waren die meisten Patientinnen, die sich aushungern ließen und bulimisch waren, zumeist weiße Frauen, während diejenigen, die zu viel aßen, hauptsächlich farbige Frauen waren. Warum auch immer, aber diese Unterschiedlichkeit existierte. Eine Tatsache ist, dass wir alle Nahrung dazu einsetzten, um uns selbst zu „behandeln“, wegen dem einfachen wenn auch komplexen Grund, dass wir uns allesamt selbst nicht mochten.

Während meines Krankenhausaufenthaltes schloss ich kurz andauernde Freundschaften. Ich glaube diese Verbindungen unterlagen solch einem Zeitlimit, weil viele von uns letztendlich doch miteinander konkurrierten. Bei einer Größe von 1.68 m wog ich immerhin 36 kg, dort lebten aber Frauen, die größer und noch dünner waren als ich. Ich konnte sie kaum anschauen, weil sie so dünn waren. Und während ihr brüchiges Haar und ihre hervorstehenden Knochen mich abstießen, so war ich doch zugleich auch neidisch auf sie. Sie kriegten die Anorexie besser hin als ich.

Ich versuchte in meiner Selbstvorenthaltung von Nahrung perfekt zu sein, so dass man mich nicht mehr länger „Kuh“ oder „Schwein“ nennen würde, fing an Gewicht zu verlieren und hörte dann einfach nicht mehr damit auf. Dabei versuchte ich aber nicht in bewusster Weise Models nachzuahmen, die sich selbst aushungern lassen um „vermarktbar“ zu sein, aber ich gab definitv der kulturellen Annahme nach, dass dünn zu sein bedeutet Wert zu haben. Auch war das meine Art den Männern, die mich zuvor wegen meines Gewichts ärgerten, zu sagen (und in meinem Fall waren es immer Männer): „Euch werd ichs zeigen!“

Ein merkwürdiger „Vorteil“ meiner Anorexie war, dass ich auch aufhörte zu fühlen. Natürlich zeigte ich Gefühle. Ich weinte fortwährend und reagierte, als ich meinen Abschluss am College machte, immer hyperaktiv auf den geringsten Stress, und, ich schaffte es mit so wenig Nahrung wie möglich durch bis zu meinem Masterabschluss. (Jahre später, als ich mit meiner Dissertation begann im Jahr 2006 und ich die Anorexie, die mich einst plagte, augenscheinlich schon weit hinter mir gelassen hatte, da sprach im meinem Hinterkopf doch immer noch diese Stimme zu mir, die sagte, dass der Grund weshalb ich als Studentin erfolgreich war, doch allein in meiner Anorexie gelegen habe. Wie könnte ich meinen Doktortitel erlangen ohne mich selbst hungern zu lassen? Wie sich später herausstellte hatte das eine aber wirklich nichts mit dem anderen zu tun.) Mein absichtliches Hungern setzte meine weiblichen Körperfunktionen außer Kraft, ich hatte keine Periode mehr und entwickelte Osteoporose in einem Alter von dreiundzwanzig Jahren. Ich hatte auch keinerlei sexuellen Gefühle mehr in jegliche Richtung, was ich als eine Art Auszeichnung empfand, als einen Beweis dafür, dass anorexisch zu sein irgendwie richtig sein müsste, weil alles andere, das ich in meinem Leben tat, falsch oder nicht gut genug erschien. Kalorien zählen, exzessives trainieren und zu versuchen eine Top-Studentin zu sein, war alles was für mich zählte; das waren die täglichen Übungen einer Frau, die keine Frau sein wollte, weil sie nicht dachte, dass sie in der „echten Welt“ sichtbar sein könnte. Sie würde keine Freunde haben, sie würde unfähig sein jemanden außerhalb der Familie zu lieben oder von jemandem außerhalb der Familie geliebt zu werden, und sie würde nicht dazu imstand sein, dauerhaft einen Job zu bewältigen und für sich selbst finanziell sorgen zu können. Sie würde zusammenbrechen, ab dem Punk, ab dem sie für sich selbst sorgen müsste. Die Frau, die ich mir vorstellte zu werden, wäre außerstande dazu, irgendetwas selbst zu schaffen.

Ich bin mir nicht sicher wie die offiziellen Statistiken lauten, aber viele der anorexischen Frauen, denen ich während meiner Behandlung begegnete, identifizierten sich auch als Vegetarierinnen. Mitte und Ende der 1990er wusste ich über den Veganismus zwar Bescheid, er war zu der Zeit aber bei weitem noch nicht so populär wie heute, und so gab es damals auch nicht so viele Frauen, die über sich gesagt hätten, dass sie vegan seien. Im Zuge ihrer Behandlung begannen allerdings viele dieser vegetarischen Frauen wieder Fleisch zu essen. Ich tat das nicht. Ich konnte stolz von mir behaupten, dass ich ethisch bleiben würde, selbst wenn die Leute im Krankenhaus mich unter Druck setzten, dass doch Fleisch essen solle. Rückblickend mache ich ihnen aber keinen Vorwurf daraus, dass sie dachten der Vegetarismus wäre nur ein Weg gewesen um fetthaltige Nahrung und die Nahrungsausfnahme überhaupt zu reduzieren. Mir bedeutete er jedoch mehr als das, selbst damals. Es war für mich eine Frage der Ethik.

Ethik, ein System richtigen Handelns. Ich hungerte mich bis zur Krankheit und dachte ich handle ethisch. Tatsächlich versuchte ich eine Kraft für diejenigen zu sein, denen in unserer Kultur Gewalt angetan wird – den nichtmenschlichen Tieren – während ich mir selbst jegliche Kraft entzog, die mir hätte helfen können (und damit schließlich auch den Tieren) um das Leid zu beenden. Ja ich hatte The Sexual Politics of Meat gelesen, aber ich konnte die Frau-Tier-Bezeihung im Bezug auf mich selbst nicht herstellen. Ich konnte nicht sehen, dass auch ich der Fürsorge bedurfte.

Erst jetzt kann ich diesen Abschnitt meines Lebens mit den Erfahrungen anderer weiblicher Wesen, die für Profitzwecke ausgehungert werden, vergleichen – keine Supermodels, sondern Hennen, denen man in einem abartigen Versuch die Natur zu mimen, das Futter für fünf bis vierzehn Tage lang verweigert, um sie dadurch zu zwingen, mehr Eier zu produzieren, für mehr Gewinne. Selbst in meinen schlimmsten Zeiten habe ich nie solange gehungert. Ich aß jeden Tag, nur einfach nicht genug, und ich trainierte täglich zwei Stunden und verbrannte so die wenigen Nährstoffe, die ich zu mir genommen hatte.

In der Zeit als ich mich, nach vielen Unterbrechungen und Neuanfängen, von meiner Anorexie erholt hatte, entwickelte ich eine emotionale Kälte gegenüber Frauen mit Essstörungen. Ich behauptete ich könne ihnen gegenüber keinerlei Sympathie empfinden. Schließlich hatte ich herausgefunden, wie ich wieder essen konnte, warum konnten sie das dann nicht? Und wie könnten sie nur so selbstbezogen sein, wo doch Menschen, insbesondere Kinder, wirklich hungern müssen, in den Teilen der Welt, in denen Hungersnöte und Krieg herrschen? Warum sollte sich jemand überhaupt Sorgen machen um Leute die absichtlich hungern, wo es sogar in den USA Familien gibt, die nicht mal ihre eigenen Kinder versorgen können? „Eine reiche Zicke, die nicht essen will? Ja und!“ lautete ein Witz von George Carlin über Frauen mit Essstörungen, und ich stimmte ihm voll zu. Ich glaubte, dass mein Mangel an Sympatie ein Anzeichen dafür wäre, dass ich meine Anorexie nun überwunden hätte, dass ich nun frei sei von der mir selbst auferlegten Selbstzerstörung, und dass ich vielleicht überhaupt niemals ein echtes Problem gehabt hatte, von Anfang an nicht.

Doch ich hatte ein Problem, und es begrenzte sich nicht nur auf die Anorexie. Und recht bald schon nahm dieses Problem einfach eine andere Gestalt an.

Bild 2: Die „liebes“- und drogenabhängige Frau

Kultur oder Biologie? Welches dieser beiden auch immer (oder waren es beide?) mich anorexisch gemacht hatte, das gleiche machte mich nun auch „liebes“- und drogenabhängig. Viele Leute betrachten das als zwei voneinander unabhängige Problemkomplexe, aber für mich ist das wie Roxy Music es in einem ihrer Songs beschrieben haben, dass „Liebe eine Droge [für mich] ist.“ Und ich setze „Liebe“ hier in Anführungszeichen, da ich natürlich durch keine meiner missbrauchenden Beziehungen mit Männern jemals Liebe erfahren hätte. Liebe erlebte ich in meinem Leben von meiner Familie und meinen Freunden, trotzdem suchte ich sie von Männern, die auf mich mit emotionaler und physischer Gewalt, mit Obsession und manchmal auch ganz einfach mit Desinteresse reagierten. Wenn ein stereotyper „netter Kerl“ an mich herantrat, interessierte mich das überhaupt nicht. Zeit mit einem Mann zu verbringen, der lieb zu mir war, der denken würde ich sein okay, der mich nicht verändern wollte, schien mir irgendwie uninteressant und abwegig. Ich suchte nach jemandem, den ich zufriedenstellen und/oder bei dem ich irgendetwas in Ordnung bringen müsste. Um ehrlich zu sein weiß ich nicht einmal, weshalb mir Männer so wichtig waren. Bis heute bin ich mir über meine Sexualität nicht im Klaren. Über die Jahre hinweg habe ich mich selbst als so ziemlich alles definiert, von heterosexuell bis bisexuell zu asexuell und pansexuell, bis zu dem was gerade als nächstes kommen könnte. Doch Label beiseite – ich persönlich denke diese Label können problematisch und oppressiv sein –, unterm Strich betrachtet suchte und suche ich immer noch häufig nach einer Bestätigung von Männern.

Ich habe meine „Liebesabhängigkeit“ erst durch eine langwierige Therapie für mein wohl noch schwerwiegenderes Problem mit der Drogenabhängigkeit begreifen gelernt. Denn nur einige Jahre nachdem ich mich von der Anorexie erholt hatte, wurde ich kokain- und cracksüchtig. Während meiner Behandlung wegen der Drogensucht schickte man mich auch zu den Treffen der Gruppe anonymer Sex- und Liebessüchtiger, da ich mit einem Mitpatienten eine sexuelle Beziehung eingegangen war. Ich musste erst lachen, als sie mich zu diesen Treffen schickten: Ich mochte Sex nicht einmal, auch tat ich mich schwer mit der Vorstellung einer romantischen Liebesbeziehung. Nach einer Weile ergaben diese Treffen aber Sinn für mich, und so auch der Zusammenhang zu meiner Sucht nach dem Kokain. Im Gehirn gibt es Chemikalien, die eine „Liebessucht“ stimulieren, so wie es Chemikalien im Kokain gibt, die eine Euphorie simulieren. Zudem verband sich meine Drogensucht mit Männern, sie war gespeist durch Männer, auch wenn ich die Verantwortung für meine Sucht selbstverständlich ganz alleine trage. Diese beiden Süchte haben, im Gegensatz zur Anorexie, beinahe jeglichen ethischen Codex, dem ich in meinem Leben gefolgt war, zerstört – insbesondere was den Punkt meiner eigenen Integrität und der nichtmenschlicher Tiere anbetraf.

Ich erzählte einer befreundeten Tierrechtsaktivistin einmal wie ich nach zehn Jahren Vegetarismus drei Jahre lang in die Fleischesserei zurückverfiel. Sie war schockiert als ich das sagte und ich merkte, dass sie mich dafür verurteilte. Ich bin mir sicher sie fragte sich: Wie kann es sein, dass jemand, nachdem er/sie die Wahrheit über das Tierleid einmal erfahren hat, sein Wissen wieder darüber wieder verlernt? Ich hatte die Wahrheit nicht vergessen, es machte mir nur einfach kaum mehr etwas aus. Sie und andere Aktivist_innen, die ich kennengelernt habe seitdem ich selbst Aktivistin geworden bin, erinnern mich, ohne dass es ihre Absicht wäre, daran, wie lang ich gebraucht habe um die Wahrheit zu internalisieren, statt sie einfach nur zu wissen. Ich höre von deren langen Werdegängen innerhalb der Bewegung, einhergehend mit einer langen veganen Praxis, heroischen Taten, Tierrettungen, usw., und dann denke ich an die zerstörerischen Süchte, die Teil meines Lebens waren, während die anderen bereits mit vollem Bewusstsein handelten.

So schlimm meine Anorexie auch gewesen ist, die Drogenabhängigkeit führte mich einen weitaus dunkleren Abgrund hinab. Bis heute sehe ich meine damalige Rückkehr zum Fleischessen als eines der zahlreichen Beispiele dessen, wie selbsthassend, egoistisch und lustabhängig ich damals geworden war. Die Kokainsucht führte bei mir dazu, dass mir alles andere egal wurde, außer dem, wie ich an mehr Kokain herankommen würde. Mir war egal mit wem ich dazu verkehren müsste, wo ich es herbekommen könnte, was ich dazu tun müsste, wen ich verletzen und wie ich mich behandeln lassen müsste, um es zu bekommen. So kam es auch dazu, dass wenn ich aß, was so alle paar Tage geschah nachdem ich von einem Drogentrip herunterkam, mir egal war, wem ich schaden würde um meinen hungrigen Körper zu nähren. Und mit den um die Drogen kaufen zu können anwachsenden Schulden auf meinem Konto, waren es die Fastfood-Restaurants geworden, die für mich zu billigen unumständlichen Orten wurden, wo ich mir mein Essen kaufte. Zusammenfassend gesagt begann ich damit, die faktischen Fragmente gefolterter Tierkörper zu essen, weil ich selbst mental gequält und emotional zergliedert war.

Während dieser Phase hatte ich einen „Komplizen“, einen Mann, wegen dem ich zweimal die Polizei rief, weil er mich emotional und körperlich misshandelte. Er gab vor eine Heroinsucht erfolgreich überwunden zu haben, und meinte, dass er daher seinen Alkohol- und Kokainkonsum locker im Griff habe. Ich dachte ich würde ihn lieben und glaubte, dass er mich liebte, weil er mir einmal mit Selbstmord drohte als ich ihn verlassen wollte, dabei hielt er sich sogar das Messer an die Schlagader um mir zu zeigen, dass er es ernst meinte. Wie gut es uns doch ging, dass wir mit dem Gedanken spielen konnten unsere Venen zu öffnen, während die Tiere, die wir aßen, diese Wahl nicht hatten.

Wenn wir gerade mal nicht high waren – und wir versuchten tatsächlich nicht high zu sein – dann waren wir hungrig. Und wenn wir Hunger hatten, dann labten wir uns an Tierfleisch. Da er zumeist kein Geld hatte, zahlte ich für unsere McDonalds-Besuche und unsere Frühstücke bei einem nahegelegenen Café, wo wir Käseomelettes und Pork Rolls (eine typische Mahlzeit in Philadelphia) aßen. An besonderen Abenden gingen wir in ein Pub in der Nähe, aßen Steak und tranken Wein (als wäre Wein keine Droge). Trotz der Tiefe, in die ich während meiner Sucht sank, fühlte ich mich nie wie ein Fleischesser. Ich fühlte mich eher wie ein Vegetarier im Gewand eines Fleischessers, denn selbst während meiner Suchtphase empfand ich das Fleischessen irgendwo in meinem Hinterkopf als etwas Schmähliches. Das entschuldigt mein Verhalten nicht, aber ich glaube ein Teil von mir wusste, oder hoffte, dass ich eines Tages zum Vegetarismus zurückkehren würde, auch wenn mir der Veganismus zu dem Zeitpunkt noch unvorstellbar vorkam. Die Wahrheit von The Sexual Politics of Meat existierte, nur mir war alles egal und ich handelte nicht entsprechend meines Wissens. Alles war mir egal, außer mein süchtiges Hirn mit Kokain zu versorgen und die „Liebe“ instabiler Männer.

Ich missachtete die körperliche Integrität von Nichtmenschen und ich missachtete auch die meinige. Es ist wenig überraschend, dass der Handel mit illegalen Drogen zumeist von Männern betrieben wird. Und obgleich ich in etwas bizarrer Weise stolz auf mich war, dass ich lieber Schulden machen würde, bevor ich meinen Körper zur Beschaffung von Drogen verkaufen würde, was so viele Frauen tun, muss ich wenn ich ehrlich bin aber einräumen, dass dies nicht die ganze Geschichte war. Ich bewegte mich aus den krankhaften Beziehungen nicht heraus, um mir meinen kontinuierlichen Fluss an Kokain zu sichern, und, mehr als einmal setzte ich meine Sexualität dazu ein, um die Droge zu erhalten. Ein Mann zwang mich sogar mit dem Messer auf die Knie, damit ich ihn für etwas Crack befriedige. In diesem Moment schützte ich mich vor der Reaität der Situation, indem ich mir sagte, dass er ja schließlich mein Freund sei und ich ihm den Sex doch schulde, da er mir die Drogen doch „umsonst“ verschaffte. In so einem Leben fand Mitgefühl wenig oder auch gar keinen Platz, nicht für mich, nicht für die, die mich liebten, und nicht für die Tiere, die ich aß.

Und wieder, so wie mit der Anorexie, hatte ich den Luxus aus der Krise herauszukommen, und wenn ich an die Behandlung denke, für die meine Eltern mehr als 50.000 Dollar zahlten, dann schäme ich mich, doch ich bin ihnen auch dankbar. Dieses Geld wurde gezahlt um mich aus einer destruktiven Beziehung und aus der Kokainsucht herauszuholen. In Folge dieser Erfahrungen habe ich mich in den letzten fünf Jahren für Opfer sexueller und häuslicher Gewalt in ländlichen Gegenden und für inhaftierte Jugendliche in urbanen Gegenden eingesetzt. Drogen und Alkohol sind oft ein Teil ihrer Geschichte, als Opfer sowie auch als Häftlinge. Im Gegensatz zu mir verfügen diese Menschen und ihre Familien aber nicht über die finanziellen Mittel, die nötig wären, um sie aus den Kontexten herauszuholen in denen der Drogenhandel floriert. Bis heute bin ich stolz darauf, dass ich die Kokainsucht überwunden habe, aber dieser Stolz ist durch das Gefühl getrübt, ein kleines weißes Mädchen zu sein, dessen Mami und Papi es aus einer verkommenen Welt herausgeholt haben, aus der andere nicht so leicht entfliehen können. Diese Ambiguität kehrt immer wieder zurück, so wie auch die Tiere.

Ich habe nun seit etwa acht Jahren kein Kokain mehr genommen und habe sogar einen Weg gefunden, wie ich meine Suchterfahrungen einsetzten kann, um den Nichtmenschen, die ich während der schlimmsten meiner Tage verraten habe, zu helfen. Zuerst hat mich diese Verknüpfung selbst überrascht. Während ich zwar verstand, dass die Anorexie mit der Verbindung von Speziesismus und Sexismus zu tun hat, so dachte ich doch nicht, dass meine hedonistischen Kokainzeiten irgendwann jemals etwas anderes sein könnten, als ein dunkler Teil meiner Lebensgeschichte, ein weiteres selbstverursachtes Hindernis das ich überwand. Ich bekam, als ich ehrenamtlich bei einer Tierbefreiungsgruppe in Minneapolis mitarbeitete, die Gelegenheit mit meiner bedauerlichen Geschichte etwas Konstruktives anzufangen.

Primaten, Ratten und Mäuse wurden (und werden immer noch) in einem Forschungslabor an der Universität von Minnesota, nur einige Meilen von meinem Wohnort entfernt, gewaltsam drogenabhängig gemacht. Eines der schlimmsten Gefühle, die ich jemals erlebt habe, ist es gewesen, von einem Kokain- oder Crack-High runterzukommen, wenn keine weiteren Drogen zur Verfügung standen und kein Geld für mehr Drogen da war. Um dieses Gefühl passend zu beschreiben, muss ich eine andere Person zitieren, eine starke farbige Frau, die während meines Genesungsprozesses kurzzeitig als meine Sponsorin einsprang. Sie formulierte es so: „Du kannst nicht schlafen, du kannst nicht wach sein, du kannst nicht still sitzen, du kannst dich nicht bewegen, aber du versucht die ganze Zeit immer wieder all diese Dinge zu tun. Dein Gehirn funktioniert nicht, doch es arbeitet forwährend daran, dich zu drängen mehr Kokain aufzutreiben. Und wenn du das nicht kannst, dann bist du wie ein eingesperrtes Tier, ein Tiger in einem kleinen Käfig.“ Dies ist die Extravaganz einer Metaphorik, aber sie drückt genau das aus, wie sich der Zerstörungsprozess der Sucht bemerkbar macht.

Die Tiere in der Universtät von Minnesota sind nun aber tatsächlich in Käfigen eingesperrt, in denen sie sich ruhelos hin und her bewegen, und sie können nicht schlafen, nicht wach sein, nicht still sitzen und sich nicht wirklich bewegen. Ich sage nicht gerne, dass die Folgen eines Drogenhighs Folter sind, aber im Falle der Primaten, Ratten und Mäuse ist dieses Wort genau das zutreffende. Während sie leiden macht ein Mensch seine Aufzeichnungen und entscheidet wann oder ob sie mehr Kokain, Heroin, Meth, Nikotin, Alkohol und so weiter verabreicht bekommen. Ein Mensch beobachtet sie in ihren Käfigen und trifft Einschätzungen darüber, wie lange sie es ohne Nahrung aushalten, während sie „mehr Stoff brauchen“. Ihre Eltern können sie nicht retten, weil sie ihren Eltern weggenommen wurden. Der Staat hat dem Problem mit-Drogen-misshandelter-Tiere keinen Krieg erklärt, im Gegenteil finanziert er die ihnen auferzwungenen Süchte. Und trotz vieler auf lokaler und nationaler Ebene betriebenen Versuche sie zu befreien, vermittelt das Desinteresse, das die Universität, die Justiz und die Öffentlichkeit deren Problem gegenüber zeigen, doch stark den Eindruck, dass sie niemals gerettet werden können. Obgleich Suchtexperten sich da uneinig sein mögen, aber diesen Wesen fehlt eines, was andere Süchtige hatten und haben: eine Wahl.

Ganz offensichtlich wird diese Forschung für Drogensüchtige wie mich durchgeführt; sie wird gemacht um Verhaltens- und Drogentherapien zu entwickeln, die die Drogensucht beenden können. Diese Forschung wird nun seit mehr als fünfundzwanzig Jahren durchgeführt, mit kaum bis zu gar keinen Ergebnissen. Es beunruhigt mich zutiefst, dass etwas, das ich einmal getan habe, in Verbindung mit diesen Experimenten an der Universität von Minnesota steht, und so nahm ich an einer lokalen Kampagne mit dem Titel „Kein Schmerz in meinem Namen“ teil, bei der ehemalige und immer noch drogenabhängige versuchen, ein Mitspracherecht bei der Frage zu erwirken, wie die Forscher in ihren Versuchen dabei, uns zu „reparieren“, vorgehen dürfen.

In dieser Kampagne sprechen wir in kurzen Videoclips von unseren Geschichten. In meinem Interview erkläre ich, wie die Drogensucht mein Leben zerstört hat, wie ich dadurch Freunde verlor, den Respekt meiner Familie und wie meine berufliche Laufbahn und mein Leben zum Stillstand kamen. Dann spreche ich darüber, wie furchtbar ich es finde, dass Tiere gezwungen werden, die Depression und die Isolation zu erfahren, die ich als Drogenabhängige durchmachte. Ich spreche auch über die Beobachtung, die ich oben bereits erwähnte: dass diese Forschung nun seit einem viertel Jahrhundert läuft und nichts an Resultaten hervorgebracht hat, was Drogenabhängigen geholfen hätte. (Obgleich selbst wenn die Forschung „erfolgreich“ gewesen wäre, so denke ich persönlich doch, dass der Zweck die Mittel nicht heiligt.) Meine Hoffnung und die Hoffnung anderer, die an dieser Kampagne teilnehmen, besteht darin, die Universität bloßzustellen und aufzuzeigen, dass diese Forschung nicht entschuldbar ist, und keinesfalls einen Anlass bietet, stolz auf sie zu sein. Wie ich in dem Video erkläre, habe ich, wie so viele andere, die Drogensucht überwinden können, ohne irgendein Zutun jeglicher Forschungen und Studien, die an dieser Universität stattfinden. Und so erzählen wir alle unsere verschiedenen Geschichten über den Drogen- und Alkoholmissbrauch und über die Heilung von der Sucht, und wir enden alle mit der gleichen Aufforderung, dem Appell: „In meinem Namen soll kein Leid verursacht werden.“ Es gibt bereits genug Leid, das aus der Entscheidung zur Drogensucht resultiert; wir wollen aber das Leid, das aus dem Zwingen anderer zur Drogensucht resultiert, beenden.

Bild 3: Eine erneurte, unperfekte Frau

Bei der Konferenz für kritische Tierstudien im Jahr 2012 sprach ich über mein Buch, mit vier anderen Redner_innen – zwei Männern und zwei Frauen – die auch über ihre Arbeiten sprachen. Ich war mit meiner Präsentation zuletzt an der Reihe, und während ich bei den anderen zusah und ihnen zuhörte, nahm ich wahr, dass die Frauen, als sie sprachen, hinter dem Podium standen, während die Männer sich hingegen locker neben das Podium stellten oder sich weiter vorne im Raum bewegten und dabei dynamisch gestikulierten. Man hörte die Frauen, aber sie versteckten sich zugleich, wenn auch unbewusst. Die Männer wurden gehört, und sie fühlten dabei keine Notwendigkeit sich zu verstecken. Wie würde ich mich verhalten? Mein Bauchgefühl war: „Ich werde das wie die Männer machen. Ich werde mich nicht hinter das Podium stellen!“ Aber nein, es zog mich hinter das Podium, dank kultureller und/oder biologischer Einflüsse; ich weiß nicht was von beidem. Ich thematisierte dieses Problem vor der Zuhörerschaft und später sagten mir einige Frauen, dass ihnen das Gleiche auch aufgefallen war.

Ich habe jetzt aber kein Problem mehr damit, hinter dem Podium gestanden zu haben, denn, so argumentierte ich in meinem Buch, unser Ziel als Frauen ist es nicht, wie Männer zu sein, ebenso wie wir nicht für Tiere kämpfen sollten, um menschlicher zu sein. In beiden diesen Kämpfen wird unser authentisches Selbst und das authentische Selbst anderer Spezies abgewertet. Unterschwellig wird in diesen Kämpfen vermittelt, dass Männer das Paradigma für Normalität stellen, ebenso wie die Menschen das allgemein tun, im Bezug auf Nichtmenschen. So habe ich, wie die anderen Frauen an diesem Abend, meinen Körper versteckt, aber auch meine Stimme hörbar gemacht. In meinem Vortrag sprach ich darüber, dass mein Buch ohne die Arbeit von Carol Adams, als zugrundeliegendes theoretisches Fundament, nicht existieren würde, und auch würde es nicht existieren wenn es keine Liebe, kein Mitgefühl und nicht die Gefühle gäbe, die in empfinde, wenn ich über die Milliarden nichtmenschlicher Tiere nachdenke, die jeden Tag unter der Grausamkeit der Menschen leiden.

Dies ist eine Erneuerung. Eine Frau, die einstmals hungerte und sich mit Drogen fast bis zur völligen Stumfpsinnigkeit vollgepumpt hat, erreichte ihr Ziel ihre Dissertationsarbeit fertig zu stellen. Sie wurde vegan und Tierverteidigerin. Und sie schrieb ein Buch, mit dem sie versucht, die Verbindungen zwischen allen kulturellen Unterdrückungsformen aufzuzeigen: die Unterdrückung der Frauen, der nichtmenschlichen Tiere, der LGBTQIA-Gemeinschaft, der Armen und der Ausgebeuteten.  Um ein ultimatives Klischee zu verwenden, das hier aber wirklich passt: Ich habe meine Stimme gefunden.

Doch bis heute setzte ich sie nicht immer ein, selbst wenn ich weiß, dass ich es tun sollte. Und manchmal bringe ich mich immer noch selbst zum Schweigen, in der Hoffnung bei Männern zu punkten. Nichts ist klar, einfach oder perfekt, aber ich bessere mich. Ich bin zu der Erkenntnis gekommen, dass, wenn ich für mich selbst nicht in allen Kontexten eintreten kann, ich auch niemals so ganz dazu imstande sein werde, mich für andere Menschen und nichtmenschliche Tiere einzusetzen. Der erste Schritt dabei ist diese Tatsache anzuerkennen und im metaphorischen Sinne meine Vene zu öffnen, so dass meine unangenehmen Wahrheiten kein Geheimnis mehr vor der Welt sein müssen; nur dann kann ich, und nur dann können andere, die meine Geschichte verstehen, meine Wahrheiten ohne Angst oder falsche Vorgaben reflektieren, so unbequem diese Wahrheiten auch sein mögen.

Zur Autorin
Dr. phil. Kim Socha ist die Autorin von Women, Destruction, and the Avant-Garde: A Paradigm for Animal Liberation (Rodopi: 2011) und Mitherausgeberin von Confronting Animal Exploitation: Grassroots Essays on Liberation and Veganism  und Defining Critical Animal Studies: A Social Justice Approach for Liberation. Unter anderem hat sie zu Themen publiziert wie: Latino/a Literatur, Surrealismus, Kritische Tierstudien (critical animal studies) und composition pedagogy. Kim Socha lehrt Englisch und ist aktivistisch tätig im Bereich der Tierbefreiung, transformativer Gerechtigkeit und der Reformierung der Drogenpolitik.

Übersetzung
Gita Yegane Arani-May, www.simorgh.de – ‚Open Access in der Tier-, Menschen- und Erdbefreiung’. Revised 8/2014.

Zitation
Socha, Kim (2014). Essay: Die Venen Öffnen. TIERAUTONOMIE, 1(4), http://simorgh.de/tierautonomie/JG1_2014_4.pdf.

TIERAUTONOMIE (ISSN 2363-6513)

by-nc-nd.eu

Dieses Werk ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Nicht-kommerziell – Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland Lizenz.

Leser_innen dürfen diese Publikation kopieren und verbreiten, solange ein Verweis auf den/die Autor_innen und das Journal TIERAUTONOMIE gegeben wird. Die Verwendung ist ausschließlich auf nicht-kommerzielle Zwecke eingeschränkt und es dürfen keine Veränderungen am Textmaterial vorgenommen werden. Weitere Details zu dieser Creative Commons Lizenz findet sich unter http://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/3.0/. Alle anderen Verwendungszwecke müssen von dem/den Autor_innen und den Herausgeber_innen von TIERAUTONOMIE genehmigt werden.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *