Eine Anerkennung von Verschiedenheit als Prinzip im Mitgestalten

Eine Anerkennung von Verschiedenheit als Prinzip im Mitgestalten

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Frage an eine nicht-anthropozentrische Person X: „Welche Rolle nimmst Du in der Bestimmung dessen ein, was Dein Recht ist, was Tierrechte sind und sein müssten, welche Bedeutung die ‚naturhafte Welt’ für Tiere und die-Natur-selbst hat? Was denkst Du ganz eigentlich und was sind Deine eigenen Gedankensythesen?“

Das Expertentum ermächtigt sich der Deutungshoheit über tierethische und bioethische Fragen und eine Denkträgheit in einer konsumorientierten Gesellschaft wird damit Sektorengerecht bedient. Für die meisten, die sich ethisch intensiver mit Tierrechten auseinandersetzen möchten, reicht es, sich im Veganismus als Alltagspraxis zu bewegen, auf Demos zu gehen, sich im Rahmen sozialer Netzwerke zu äußern, geistigen Input aber eher zu konsumieren. Was ist aber mit dem Ausdruck eigener Erlebnisse, eigener Überlegungen zu der detaillierten Realität von chauvinistischen Alltags-Humanzentrismen, in vergleichbarer Weise wie wir dies tun im Bezug auf Feminismus, Sexismus, Ableismus, Homophobie, Rassismus … ?

Die meisten Tierrechtsaktivist_innen navigieren das Feld öffentlicher Äußerungen in auffallend anderer Form im Punkte Tierrechte, verglichen mit der subjektiven Erörterungsbreite, die in den anderen Gebieten antidiskriminatorischer Aktivität beobachtet werden kann. Und das liegt nicht am Thema selbst. Kaum ein_e Tierrechtler_in hat eine tatsächliche reduzierte Sicht auf Tierlichkeit, aber die Artikulation nach außen wirkt deutlich gehemmt.

Viel liegt im Unklaren und im Unbenannten darüber, in welchen Mechanismen der ethische Ausschluss von nichtmenschlicher Tierlichkeit und ‚Naturhaftigkeit’ funktioniert, so dass genau diese ‚Befreiungsbewegung’ es sich tatsächlich am wenigsten leisten kann, auf einen gründlichen pluralistischen „von unten“ gedeihenden also paritätischen Diskurs zu verzichten.

Jeder Mensch verfügt über Erfahrungen mit oppressiven Systemen, so auch mit der systematischen und kulturell untermauerten Abwertung und Diskreditierung tierlicher Andersheit. Beispielsweise stellt sich die Frage, ob es wirklich das gemeinsame ist, auf dessen Grundlage wir Tierrechte begründen müssen, oder ob nicht genau die Einmaligkeit und Besonderheit tierlicher Gruppen und Individuen den Kern moralischer Berücksichtigung bilden sollten. Die Fragen, ob Gleichheit oder das Recht des Anderen ‚an sich’ eben in seiner Einmaligkeit und Besonderheit bedeutsamer sind, sind in der Diskussion über Sichtweisen auf Hierarchisierungen nichtmenschliches Daseins häufig Gratwanderungen [1, 2].

Genau solche Überlegungen weisen auf Denklücken und Definitionslücken in unseren ethischen- und Rechtssystemen hin, die wir nur durch einen Diskurs, an dem alle Erfahrungen und Meinungen teilhaben, klären können. Letztendlich muss in der Tierrechtsdiskussion unser Ziel sein, wie die Nichtmenschen und der ‚naturhafte Raum’ als voll autorisierte Teihabende mit einbezogen werden können und müssen – um die ethischen Fehler des Menschheitsgeschichte zu korrigieren.

Wenn wir aber sogar die Mehrzahl von Menschen nur mit Denken beliefern wollen, sie aber nicht teilhaben lassen mit ihrer eigenen gedanklichen Kreativität und ihren Handlungsvorschlägen, wie wollen wir dann erst diejenigen Mitlebenden einbeziehen, deren Interessen bei unseren gesellschaftlichen Eliten, Denkbeauftragten und Entscheidungsträgern noch weniger unmittelbar ins Gewicht direkter Berücksichtigung fallen? Tierpolitik und Erdrechte in der Praxis, mit der Grundlage des ethischen Gedankens von Würde und Recht, fängt nun einmal in der Lebensrealtität und der Existenzrealität an und kann nur auf der konkreten Ebene Wirklichkeit werden. Es wäre inkonsequent und verlogen, wenn wir von Tierrechten sprechen und behaupten solche schrittweise zu etablieren, wenn der Paradigmenwechsel auf der sozioethischen Ebene im Mensch-Tier-Natur-Verhältnis (inkl. Ökosoziologie) aber nicht tatsächlich angegangen wird und stattfindet.

Es geht um Fragen der Wahrnehmung der Lebensmodelle und Lebensarten unterschiedlicher Systeme und Individuierungen. Jede Stimme zählt in voller Realität, jede Individuierung zählt, jede Lebensform zählt und es geht darum, dass dominierende Gruppen und Systeme exakte Daseins- und Existenzformen anderer … rechtlich als „Eigenwertig“, als Ganzes, als „nicht minderwertig“, „nicht untergeordnet“ anerkennen, damit schützende Grenzräume geschaffen werden können um Autonomie, faire Koexistenz und Freiraum zu erhalten und zu schaffen.

Würden wir Definitionhoheiten stürzen und hätten autonomiegewährende Bereiche, würde sich das Problem von Fremdherrschaft in theoretischer Natur lösen. Wir brauchen keine Vorlage dafür, wer und was auf welche Art betrachtet und wie anerkannt werden darf und wer und was nicht. Wir brauchen das Selbst-Sein aller, das Selbst-Machen aller, das Vernetzen Selbstdenkender und Selbsthandelnder. Und das geht ins naturhafte System, in Akzeptanz naturhafter Andersartigkeit. Und auf der Seite intrahumaner gesellschaftlicher Räume heißt dies Emanzipation. Ohne eigenes, selbstständiges Denken bleiben Menschen weiterhin in künstlichen Hierarchien stecken.

[1] Lori Gruen schneidet in ihrem Artikel ‚Sollten Tiere Rechte haben’ (2014) ihre These an, dass die moralische Berücksichtigung eine größere Rolle als rechtliche Übereinkünfte, die gewissermaßen künstlicher Natur seien, einnehmen sollte im Leben mit Nichtmenschen. Sie betont, dass nm-Tiere, die sich besonders stark von Homo Sapiens unterscheiden würden, in ihrer Einmaligkeit häufig nicht anerkannt und respektiert würden, vgl./Link http://simorgh.de/about/lori-gruen-sollten-tiere-rechte-haben/.

[2] Auch Karen Davis beschreibt in ihrem Artikel ‚Schimpansen und Hühner: das seltsame Paar der Tierrechtsbewegung’ (2001) mit anderer Argumentationsleitlinie die Problematik der Hierarchisierung von Spezies aufgrund ihrer jeweiligen Nähe oder Ferne zur Spezies Mensch. So würden das ‚Great Ape Projekt’ und Koryphäen der Tierrechtsbewerung oder eher Bioethik, wie Peter Singer, Schimpansen oder andere große Säuger einer Personenschaft „würdig“ halten, andere Nichtmenschen, insbesondere auch Vögel wie Hühner, aber wegrelegieren aus dem Rahmen engerer ethischer Berücksichtigung, vgl./Link http://simorgh.de/davis/davis_39-57.pdf , S. 49.

Everything is co-creative in the universe … except those who wilfully disrupt this process – maybe? Photo: NASA

palang ly, painting top: farangis gy

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