Fragment Tiersprache, ‘Tiersprech’

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Eigenes antispeziesistisches Gedankengut in Kürze ausdrücken, um Tierrechte thematisch damit in den Mittelpunkt täglichen ethischen Denkens, Sprechens und Handelns zu rücken:

Thema sprachliche Aspekte auf allen tier-menschlichen Ebenen

  • Eine Lingua franca zwischen Menschheit und Tierheit, Menschsein und Tiersein
  • Eine emanzipatorische, von vorgefassten spezies-derogativen Definitionen befreite Terminologie in der Tierbefreiungssprache entwickeln
  • Anerkennung anderer tierlicher Sprachsysteme als eigenständig, vollständig komplex, nicht nach gegenwärtigen humanzentrischen linguistischen und sprachwissenschaftlichen Kriterien einzugrenzen. Das Nichtverstehen zulassen, nicht ausdeuten, Sprache als unbegrenzt komplexes System der Kommunikation zwischen Individuen anderer Tierspezies zugestehen, Freiraumschaffung durch Anerkennung von Sprachautonomie verschiedener gelebter Lebensräume. Keine Reduktion auf biologistische Verhaltenserklärungsmuster zur Ausdeutung von tierlicher Sprache anwenden.

Biologismus als Speziesismus

Biologismus als Speziesismus

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Den Begriff „Biologismus“ werden die meisten ausschließlich im Zusammenhang mit Diskriminierungsformen gegen andere Menschen kennen [1]. Ich wähle hier eine Perspektive, die Nichtmenschen mit einbezieht als Subjekte und Objekte biologistischer Betrachtungsweisen. Der Biologismus geht von einer Einteilbarkeit der Welt, ihrer Phänomene und Bewohner aus, bei der ein Teil der individuierten Welt als „Flora“ und „Fauna“ primär biologisch erklärbar ist und die andere Seite mit weitaus mehr Kriterien beurteilt wird, solchen etwa wie zum Beispiel Geist, Kultur, Transzendenz, Denken, Phantasie und Politik, Fortschritt, Macht, Identität. Die Welt wird dabei prinzipiell unterschieden in: den Raum der ‚Natur’ als biologischen Urzustand und den Raum des ‚Menschlichen’ als Ort an dem so etwas wie Kultur existiert.

Unsere strikte Trennung dessen, was ‚menschlicher Kulturraum’ ist und was ‚bloß’ Natur (bzw. so etwa “biologische, organische Materie“) ist, drückt sich in einer radikalen Entwertung nichtmenschlicher Lebenskontexte aus. Alles vermeintlich primär-biologisch-Betrachtbare wird dabei auf die Stufe eine dienstbaren „Ressource“ für den Menschen reduziert, als ein Mittel zum Zweck, und wird somit Gegenstand theoretischer und kategorischer Beherrschbarkeit und erst dadurch unterdrückbar.

Das, was die Andersartigkeit und die charakteristischen Besonderheiten von nichtmenschlichen Tieren ausmacht, so die Tierkommunikation, tierliche Verhaltensweisen, tierliche Vernunft, tierliches Denken, tierliches Dasein – all das wird zugeordnet zu Dingen, die als unter biologischen Kriterien allein beobachtbar seien. Alles Geistig-kulturelle und alle Möglichkeiten sinnvoller Handlungsebenen werden ausschließlich als in unseren (primär humanzentrischen) Gesellschaften vorkommend verortet.

Die Natur insgesamt und der Lebensraum – nicht im biologischen, sondern eher in einem andersartig kulturellen Sinne als dem menschlichen – wird als biologische Materie subsumiert. Eine Materie die weniger bedeutsam sein soll und weniger Sinnträchtig sein soll, als der Raum, den Menschen für ihr Dasein auf allen gangbaren Ebenen beanspruchen. Die Art der fundamentalen Verschiedenheit in den Prioritäten zwischen menschlichen Kulturräumen und tierlichen Kulturen, wird begründet mit dem Biologischen als schwerwiegendem Kriterium der Einteilbarkeit, im Sinne dessen das alles, was in starker Bezogenheit zum ‚Naturhaften’ steht, geistlos sei. Dabei werden die Sphären des nichtmenschlich Tierlichen und die des Pflanzlichen weitestgehend zusammengefasst und genau deren Kontextualität als biologistischen Determinismen folgend abgewertet. Die Begründbarkeit dazu wird geschaffen, sie ist aber nicht reell, denn der Fokus der Beobachtung bleibt auf bestimmte Handlungsweisen und Abläufe im Tier-Tier und Tier-Umwelt-Kontext begrenzt und zum Einsatz kommende Modelle der Analyse und Beobachtung stecken begrenzte Rahmen und richten sich an immer gleichen Parametern aus, die nichtmenschliches Sein eher der Definition als der autonomen Realität des beobachteten Gegenübers zuschreiben. Es ist schier unzulässig innerhalb der üblichen biologistischen Rahmen, die speziesitischen Unterdrückungmechanismen gleichkommen, jegliche Erscheinung und Verhaltensweise oder Existenzform einmal nicht biologistisch-reduktiv zu betrachten. Solch ein Akt würde einem Tabu gleichkommen, das gebrochen wurde und einem Beweis der Unvernunft und Irrationalität des Menschens, der von dieser vermeintlichen Ratio hierbei abweichen würde.

Für diese radikalen Kennzeichnungen von „Natur“ versus „Mensch“ haben Menschen selbst immer wieder ethische Einbußen erlitten. Die Geschichte menschlicher Diskriminierung weist auf dahingehende Unterteilungen auf, gleich Drohungen gegen Grenzübergänge, und das nicht nur in den groben biologistischen Diskriminierungsformen, wie einem biologistisch begründeten Rassismus, Sexismus oder Ableismus beispielsweise oder auch in der Beraubung des Menschen auf sein Recht auf ‚Land’ (schon lange bevor wir es mit Kapitalismus und Neoliberalismus zu tun hatten, wie etwas im Mittelalter) als Kampf gegen „Primitivismus“ und „Unkultiviertheit“ – nicht allein in diesen Segmenten menschlicher Diskriminierung spielt die Trennung „Natur“ versus „Mensch“ und vice versa eine Rolle, sondern auch in der Sensibilitätsbildung des einzelnen menschlichen Individuums, das sich ständig an das Menschheitscredo seiner Zeit binden soll, statt eine Ausrichtung unabhängig solcher Dualitäten zu finden. Der einzige Rückzug auf das ‚Naturhafte’ bleibt in der Metapher und dem Symbolhaften, aber nicht in der entschiedenen Assoziierung mit den Subjekten der „Natur“ und den tierlichen Seinsformen und Existenzverständnissen. Das Menschliche selbst wird eingegrenzt in seiner Beziehung zu anderen Tieren und in seiner Bezugnahme auf seine nichtmenschliche Umwelt insgesamt als relevante Mitakteure in dessen Welt.

Der Gedanke das Schnittstellen existieren zwischen Diskriminierungsformen gegen andere Menschen (und untereinander) und Unterdrückungsformen die nichtmenschliche Tiere betreffen, sollte erstens in seiner Überlappung im Biologismus-als-Diskriminierungsform anerkannt werden. Zudem sollte die Natur (oder das ‚Naturhafte’, Goethe sprach hier vom ‚Allleben’) mit als instrumentalisierte, biologistisch abkategorisierte Seinsdimension einbezogen werden. Bislang wird der Begriff Speziesismus nicht in seiner Intersektionalität als ein eigentlicher Biologismus verstanden und weiterhin werden nichtmenschliche Tiere anhand von Kriterien aus der Biologie statt soziologischer Beobachtungsinstrumente beschrieben und analysiert. Es gibt keinen tatsächlichen Grund nm-Tiere immer wieder auf einen primären biologischen Beobachtungsfokus zurückzuwerfen, genauso wenig wie es einen Grund gibt, Tierkommunikationen als im Vergleich zum Menschen weniger inhaltlich komplexe Sprachsysteme zu beschreiben. Hier werden Rahmenwerke geschaffen, die bewusst Kriterien der Beobachtung und Analyse selektieren und umfassendere, komplexere Systeme der Beobachtung und Einordnung vermeiden. Es existieren bislang wirklich keine wissenschaftlichen Parameter um Tieridentitäten und den naturhaften Raum nicht-biologistisch zu beschreiben und zu verorten, aber das ist der Begrenztheit unserer Erkenntnistheorien geschuldet und darf nicht auf dem Rücken der Wahrheitsfindung in der Begegnung mit dem nichtmenschlichen Raum und Sein ausgetragen werden.

Es bleibt fragwürdig, warum Biologismus interessanterweise nicht hinreichend mit Speziesismus in Verbindung gebracht wird. Ein merkwürdiges Phänomen, dass diese Verbindung immer noch beinahe völlig unhinterfragt dasteht [2].

Biologism as Speciesism
gets blurred out
despite
it’s obvious
interrelatedness

Animal reasoning,
meaningful interrelatedness
with the entire natural
space
ought not to be
recognized

Under the umbrella
of the separation
between
humanity
and
animality

Music credits: Soundbits from Rudimentary Peni: Rotten to the Core (1983).

[1] Eine gut dargestellte Übersicht zur Geschichte menschlicher Diskriminierung unter dem Vorwand ‚biologistischer’ Kriterien gegen andere Menschen und daraus folgender Ideologien, findet sich bei: Franz M. Wuketits: Biologismus, Lexikon der Biologie, https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/biologismus/8707 , Stand 24.05.2018. „Von Biologismus spricht man, wenn Phänomene eine Deutung durch biologische Tatsachen, Theorien und Modelle erfahren. In der Biologie ermittelte Gesetzlichkeiten werden dabei als einheitliche Gesetze der realen Welt verallgemeinert und gleichsam zu durchgehenden ‚Weltprinzipien: erhoben.“

[2] In der Tat wird der Rekurs auf das Biologische auch in Tierrechtskreisen und ihren Autor_innen immer wieder vollzogen und keine erweiterte und emanzipatorische Terminologie entwickelt. Nichtbiologistische Ansätze im Bezug auf nichtmenschliche Tiere finden sich bei verschiedenen Autor_innen die wir gefeatured haben, siehe http://simorgh.de/overview/autor_innen/ , insbesondere bei Barbara Noske und Anastasia Yarbrough. Auch bei Aph und Syl Ko finden wir ähnliche Diskussion in ihrem Buch ‚Aphroism’.

Der erste Weltbienentag, und das ist was Mensch noch immer mit Bienenvolk macht

Metamorphosis; Is your pain the same, is it more than pain (MP3)

Der 20 Mai 2018 ist der erste Weltbienentag, und das ist was Mensch noch immer mit Bienenvolk macht

Der syrische Skeptiker Al-Ma’arri (973 – 1057 n. Chr.) schreibt:

“Nehmt nicht den Honig, den die Bienen mit Mühe von den Blumen und den duftenden Pflanzen sammeln; sie trugen ihn nicht zusammen damit er für andere sei, auch haben sie ihn nicht als Gabe und Geschenk gesammelt.”

Kaum einer mag sich das vorstellen, aber die Realität dessen, wie wir Menschen mit den fleißigen Baumbestäuber_innen umgehen, bedeutet Bienentod. Und wer außer radikale Antispeziesist_innen und ethische Veganer_innen spricht darüber als tatsächliche Gräuel, die wir an diesen Nichmenschen begehen. Argumentiert wird vom anthropozentrischen Mainstream-Bürger ungefähr so: Es seien ja nur Invertebraten und das ist doch nichts, wenn man ihnen Schmerz zufügt und ihr Dasein objektifiziert. Deren Lebensdimensionen in ihrem eigenen Recht seien ja komplett irrelevant.

Viel an vermeintlicher menschlicher Bienenliebe und -bewunderung drückt sich in einem fortlaufenden Wunsch aus die Tiere auszubeuten als ‘Nutztiere’, ihre Leben und ihre Populationen zu “verwalten” und sie in ihrer gesamten Existenz auf dieser Welt tatsächlich als eine Ressource für menschliche Zwecke zu betrachten. Die Illusionen über den guten Imker sollten schon lange zerstört sein. Und die Inspektion über den “richtigen Umgang” mit den Arten, je nach Zweck, dient auch weniger den Tieren selbst als den Industrien, die schlichtweg ihre Forschungsinteressen (für Elfengebeintürme und Kommerz) vorantreiben. High-Tech invasive Forschung an Bienen ist nicht weniger ethisch dubios als jede andere manipulative und invasive Forschung an Tieren.

Wir brauchen Lösungen im Sinne einer ‘Bee Liberation’, alles andere sind Mogelpackungen

Der Bienenalltag ist nicht nur der Mangel an Wäldern und Wiesen, sondern, schaut – solltet Ihr es noch nicht wissen – mal bei Google nach unter den Suchbegriffen z.B.:

Biene Flügel abschneiden

Biene künstliche Besamung

oder dies hier:

“Die Technik der Spermagewinnung bei den Drohnen. Die verschiedenen Besamungsstationen für Bienen verwenden unterschiedliche Methoden zur Gewinnung von Drohnen-Sperma. Der Kopf des Drohns wird durch Drehen vom Körper getrennt und der Drohn so getötet. [1]

“The drone is stimulated by decapitation” [2]

Oder das Sperma des Drohns wird herausgepresst und dabei stirbt dieser kleine Nichtmensch dann. Wer dazu noch ein Video sehen will, der folge diesem Link auf Youtube (nur zu dokumentationszwecken verlinkt). Es existieren noch weitere Methoden.

Zwar sterben die Drohnen nach der natürlichen Paarung, aber der Unterschied ist klar.

Honig und andere ‘Bienenprodukte’ werden gepriesen und vermarktet als etwas harmloses, sogar als etwas was den Bienen gegenüber eine zweifelhafte “Wertschätzung” ausdrücken würde. Tatsache ist: es die vollständige Ausbeutung und Versklavung dieser Invertebraten.

Bienenvölker (MP3)

they cut your wings of
your artficially inseminated
they electroejeculate you
and they steal your food, your house

they oppress you
and we won’t accept it
no we won’t accept it

you’re more than me
they don’t mind our lives
they kill us for taking our lives

they call us with their names
they call us with their words

** Die zwei Songs als MP4s

Is your pain the same


Bienenvölker

[1] Keiner-Stoehr, Wiebke, Versuche zur Eignung verschiedener Puffer bei der instrumentellen Besamung der Bienenkönigin (Apis mellifera). Giessen 2004, http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2004/1613/pdf/Keiner-StoehrWiebke-2004-06-18.pdf , Stand 18.05.2018.

[2] D.P. Abrol, Beekeeping: A Compressive Guide To Bees And Beekeeping, 2013, S. 379.

Lebensdeutung

Wenn Menschen aus ihren eigens beanspruchten Deutungshoheitsansprüchen heraus das Leben anderer Tiere definieren, definieren sie dabei das Leben an sich. Sie lokalisieren sich dann deutungsgebend über dem Rest (und somit die Mehrheit) der Tierheit und meinen zu wissen, was die Wahrheit/die Welt der anderen Lebewesen ist. Lebewesen können sich aber nur begegnen und in Beziehung setzen und diese Beziehungen sind wechselseitig und können nicht von einer Seite her vorbestimmt werden.

Tierautonomie

Ein Auszug aus Tom Regans The Case for Animal Rights

kts8

Tierautonomie, Jahrgang 5, Nr. 1, Art. 1, ISSN 2363-6513, April 2018. Edition Farangis: Animalistic Issue 80.

Eine Übersetzung eines gekürzten Auszugs aus: Tom Regan, The case for animal rights und ein Interview der Advocates for Animals mit Tom Regan

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Ein Auszugs aus: Tom Regan, The case for animal rights, in Peter Singer (ed.), In Defense of Animals, Basil Blackwell, Oxford, 1985.

[…] Zu den Zielen der Tierrechtsbewegung gehören:

Die völlige Abschaffung der Verwendung von Tieren in der Wissenschaft; Die völlige Auflösung der kommerziellen Tieragrarkultur; Die völlige Eliminierung kommerziellen Jagens, Jagens als Sport und der Fallenlegung.

Es gibt Leute, die angeben sie würden an Tierrechte glauben, die aber diese Ziele ausschließen. Diese Leute sagen, dass die Fabriktierhaltung falsch ist – sie verstößt gegen die Rechte von Tieren – aber traditionelle Tieragrarkultur sei akzeptabel. Toxizitätstests von kosmetischen Produkten an Tieren verstoßen gegen deren Rechte, aber „wichtige“ medizinische Forschung – z.B. die Krebsforschung – täte das nicht. Das Totschlagen von kleinen Seehunden ist grauenhaft, aber nicht die Tötung erwachsener Seehunde. Ich dachte ich könnte diese Denkweise verstehen. Ich kann es aber nicht mehr. Man ändert ungerechte ‚Institutionen’, d.h. ungerechte Systeme nicht indem man sie aufräumt.

Was falsch ist – fundamental falsch – mit der Art in der Tiere behandelt werden, sind nicht allein die Details, die von Fall zu Fall verschieden sind. Es ist das ganze System. Die Situation des Kalbes, das für Kalbfleisch gehalten wird ist erbärmlich, herzzerreißend; der pulsierende Schmerz des Schimpansen in dessen Gehirn Elektroden tief implantiert wurden, ist abstoßend; der langsame, grausame Tod eines Waschbären, der in einer Beinfalle gefangen ist, ist unfassbar schlimm. Aber was falsch ist daran ist nicht der Schmerz, das Leid, die Situation der Tiere selbst in denen ihnen alles aberkannt wird. Aus all diesen Dingen setzt sich das zusammen was falsch ist. Manchmal – häufig – machen diese Dinge es viel schlimmer. Aber sie sind nicht das fundamental Falsche.

Das was fundamental falsch ist, ist das System, das zulässt, dass wir Tiere als unsere Ressourcen betrachten können, dass sie für uns da seien – um gegessen zu werden, chirurgisch manipuliert zu werden oder um für Sportzwecke oder Geld ausgebeutet zu werden. Sobald wir diese Sichtweise über Tiere akzeptieren – Tiere als unsere Ressourcen zu sehen – ist der Rest so vorhersehbar wie erschütternd. Warum sollte man sich über ihre Einsamkeit, ihre Schmerzen, ihren Tod Gedanken machen? Da sie für uns existieren, um uns in der einen oder anderen Weise einen Vorteil zu bringen, bedeutet das was sie verletzt wirklich nichts – oder es bedeutet nur etwas, wenn es anfängt uns etwas auszumachen, wenn wir uns ein bisschen unwohl dabei fühlen wenn wir unser Kalbsschnitzel essen zum Beispiel. So, lasst uns die Kalbfleisch-Kälber raus aus der Einzelhaltung bringen, gebt ihnen mehr Platz, ein bisschen Streu, ein paar Artgenossen. Aber lasst uns unser Kalbsschnitzel beibehalten.

Aber ein bisschen Stroh, mehr Raum und ein paar Artgenossen eliminieren nicht das grundsätzlich Falsche, das verhaftet ist mit unserer Sichtweise und Behandlung dieser Tiere als unserer Ressourcen – diese Dinge berühren überhaupt noch nicht einmal das grundsätzlich Falsche. Ein Kalbsfleisch-Kalb (veal calf), das getötet wird um gegessen zu werden, nachdem es in einer extrem beengenden Haltung gehalten worden ist, wird in dieser Art gesehen und behandelt; aber genau so wird es ein anderes, das (wie sie sagen) „humaner/artgerechter“ gehalten worden ist. Um das Falsche an unserer Behandlung von Farmtieren richtig zu machen, braucht es mehr als die Aufzuchtsmethoden ‚humaner’ oder ‚artgerechter’ zu machen; es braucht die völlige Auflösung der kommerziellen Tieragrarkultur.

Wie wir dies machen, ob wir es machen, oder wie, in dem Fall von Tieren in der Wissenschaft, ob und wie wir ihre Verwendung abschaffen – dies sind vor allen Dingen politische Fragen. Menschen müssen ihre Sichtweisen ändern, bevor sie ihre Gewohnheiten verändern. Genügend Menschen, vor allen Dingen die in öffentliche Ämter gewählt sind, müssen an Veränderung glauben – müssen es wollen – bevor wir Gesetze haben werden, die die Rechte von Tieren schützen. Dieser Prozess der Veränderung ist sehr kompliziert, fordert sehr viel, ist sehr erschöpfend, benötigt die Bemühungen und viel Arbeit in Erziehung, Publicity, politischer Organisation und Aktivität, bis hin zum Eintüten und frankieren von Briefen … […].

[…] Manche Leute glauben, dass wir keine direkten Pflichten gegenüber Tieren haben, dass wir ihnen nichts schuldig sind, dass wir nichts tun könnten was ungerecht ihnen gegenüber wäre. Sie meinen stattdessen, dass wir falsche Handlungen machen können, die Tiere beinhalten, dass wir somit schon Pflichten bezüglich von Tieen hätten, aber nicht ihnen selbst gegenüber. Solche Sichtweisen werden als Standpunkte indirekter Pflichten bezeichnet. Um dies noch einmal zu illustrieren: nehmen Sie an Ihr Nachbar tritt Ihren Hund. Dann hat Ihr Nachbar etwas Falsches gemacht. Aber nicht etwas Falsches an Ihrem Hund. Das Falsche was er gemacht hat, ist das, was falsch Ihnen gegenüber ist. Immerhin sieht man es als falsch an Leute zu empören, und dass Ihr Nachbar Ihren Hund getreten hat empört Sie. Also sind Sie der, dem gegenüber etwas falsch gemacht worden ist, nicht Ihr Hund. Oder wiederum: indem Ihr Nachbar Ihren Hund tritt, beschädigt er Ihr Eigentum. Und da es falsch ist das Eigentum einer anderen Person zu beschädigen, hat Ihr Nachbar etwas falsches gemacht – Ihnen gegenüber natürlich, aber nicht gegenüber Ihrem Hund. Ihr Nachbar tut Ihrem Hund gegenüber nicht mehr an Falschem als Ihrem Auto etwas Falsches angetan werden könnte, wenn die Windschutzscheibe zerschlagen worden wäre. Die Pflichten Ihres Nachbarn bezüglich Ihres Hundes sind indirekte Pflichten Ihnen gegenüber. Allgemeiner: alle unsere Pflichten bezüglich von Tieren sind indirekte Pflichten gegenüber jemandem anderen – der Menschheit gegenüber.

Wie könnte jemand eine solche Sichtweise rechtfertigen? Jemand könnte sagen, dass Ihr Hund nichts fühlt und folglich durch den Tritt Ihres Nachbarn nicht verletzt wird, ihm der Schmerz egal ist, weil kein Schmerz gefühlt wird, er so unbewusst über Dinge ist, wie Ihre Windschutzscheibe. Jemand könnte dies sagen, aber keine vernpnftige Person würde das sagen, da, neben anderen Dingen die unter Berücksichtigung stehen würden, solch eine Sichtweise zwangläufig dazu führen würde, dass jemand die Position beziehen müsste, dass auch kein Mensch Schmerz fühlt – dass es Menschen auch egal ist, was ihnen passiert. Eine zweite Möglichkeit ist, dass obwohl Menschen und Ihr Hund verletzt werden, wenn sie getreten werden, es nur der menschliche Schmerz ist der zählt. Aber nochmal, keine vernpnftige Person kann das glauben. Schmerz ist Schmerz, wo auch immer er auftritt. Wenn es falsch ist, wenn Ihr Nachbar Ihnen Schmerz zufügt, wegen des zugefügten Schmerzes, können wir die moralische Relevanz des Schmerzes, den ihr Hund fühlt, nicht rational ignorieren oder ablehnen.

Philosophen die Sichtweisen indirekter Pflichten annehmen – viele tun dies immernoch – sind zu der Einsicht gekommen, dass sie die beiden gerade beschriebenen Mängel vermeiden müssen, und zwar, sowohl die Sichtweise, dass Tiere nichts fühlen, als auch den Gedanken, dass nur menschlicher Schmerz moralisch relevant sein könne. Unter solchen Denkern ist die Sichtweise die jetzt bevorzugt wird, die eine oder andere Form von dem was Kontraktualismus genannt wird.

Dies ist sehr grob umrissen die Idee, die dem Kontraktualismus zugrunde liegt: Moralität besteht aus einem Set von Regeln, dem Personen freiwillig zustimmen diese für sich anzunehmen, so wie wenn wir einen Kontrakt also einen ertrag unterzeichnen (daher der Name Kontraktualismus). Diejenigen, die die Begriffe des Kontraktes verstehen und akzeptieren, sind direkt durch ihn abgedeckt; sie haben Rechte, die durch den Kontrakt geschaffen werden und durch ihn anerkannt und geschützt werden. Diese Kontraktoren können auch bewirken, dass ein Schutz für andere ausgesprochen wird. Andere von denen ausgegangen wird, als dass sie nicht dazu imstande sind Moralität zu verstehen, und die somit den Kontrakt selbst ‚nicht unterzeichnen’ können, die aber geliebt werden oder für die gesorgt wird, von denen die es können, können ebenso von solch einem Kontakt abgedeckt werden. So sind zum Beispiel kleine Kinder nicht imstande den Kontrakt ‚zu unterzeichenen’ und haben ersmal keine unmittelbaren [selbst erwirkten] Rechte. Aber sie werden trotzdem geschützt durch den Kontrakt, wegen des emotionalen Interesses anderer, vor allen Dingen ihrer Eltern. Wir haben dann also Pflichten in bezug auf diese Kinder, aber keine Pflichten ihnen direkt gegenüber, sondern unsere Pflichten sind indirekte Pflichten gegenüber anderen Menschen, normalerweise deren Eltern.

Was Tiere anbetrifft, da sie Verträge nicht verstehen können, können sie klarerweise nicht ‚unterzeichnen’; und da sie nicht unterzeichen können, haben sie keine Rechte. Wie Kinder, sind aber manche Tiere die Objekte des emotionalen Interesses anderer. Sie, oder jemand anderes, lieben zum Beispiel Ihre Katze oder Ihren Hund. So werden die Tiere, die genügend Leuten etwas bedeuten (Haustiere, Wale, Baby-Robben, der amerikanische Weißkopfadler z.B.), obwohl sie selbst keine Rechte haben, geschützt, wegen des emotionalen Interesses anderer. Ich habe somit dem Kontraktualismus zufolge, keine direkte Pflicht Ihrem Hund gegenüber oder gegenüber irgendeinem anderen Tier, noch nicht einmal die Pflicht ihnen keine Schmerzen oder kein Leid zuzufügen; meine Pflicht diese Tiere nicht zu verletzen, ist eine Pflicht die ich den Leuten gegenüber habe, denen es etwas bedeutet was mit ihnen geschieht. Bei Tieren, denen kein oder fast kein emotionales Interesse gegenüber bestehet – wie im Fall von Farmtieren zum Beispiel oder Laborratten – werden die Pflichten ihnen gegenüber immer weniger und weniger, vielleicht bis zu dem Punkt, wo gar keine mehr bestehen. Der Schmerz und den Tod den sie durchleiden, ist, obwohl er reell ist, nicht falsch, wenn er niemanden etwas bedeutet.

Was den moralischen Status von Tieren anbetrifft, könnte Kontraktualismus einen schwierigen Standpunkt darstellen, was die Infragestellung anbetrifft, wenn er eine adäquate theoretische Herangehensweise and den moralischen Status von Menschen darstellen würde. Er ist aber nicht adäquat als Herangehensweise in diesem Punkt, dadurch wird seine Adäquatheit in bezug auf Tiere auch streitbar. Zum Beispiel ist zu bedenken, dass Moralität, nach der (groben) kontraktualistischen Position, die uns hier vorliegt, aus Regeln besteht, denen Leute zustimmen, dass diese für sie Gültigkeit besitzen. Welche Leute? Immerhin so viele, dass sie bestimmend sind – so viele, dass sie kollektiv die Macht haben, die Regeln in Kraft zu setzen, die durch den Kontrakt festgelegt werden. Das ist sehr angenehm und zum Vorteil der ‚Unterzeichnenden’, aber nicht so vorteilhaft für jemanden, der dabei nicht gefragt wird ‚zu unterzeichnen’. Und es gibt nichts im Kontraktualismus der Art die wir gerade diskutieren, das garantieren oder erfordern würde, dass jeder eine gleichberechtigte Chance hätte bei der Schaffung des Rahmens für die Regeln von Moralität mit teilzunehmen. Das Resultat ist, dass diese Herangehensweise an Ethik die blatantesten Formen sozialer, ökonomischer, moralischer und politischer Ungerechtigkeit sanktionieren könnte, was von einem repressiven Kastensystem bis hin zu systematischer rassischer oder sexueller Diskriminierung reichen könnte. Macht schafft – nacht dieser Theorie – Rechte. Die, die die Opfer von Ungerechtigkeit sind, werden leiden gelassen wie sie leiden werden. Es bedeutet nichts, so lange es keinem anderen – keinem Kontraktor oder zu wenigen von ihnen – etwas bedeutet. Solch eine Theorie raubt einem den moralischer Atem … zum Beispiel wäre nichts falsch an der Apartheid in Südafrika gewesen, wenn wenige Südafrikaner dadurch empört wären. Eine Theorie die so wenig enthält was für sie spricht, in Hinsicht auf die Ethik dessen wie wir andere Menschen behandeln, kann nicht mehr bieten was für sie spräche, wenn es zu der Ethik dessen kommt wie wir mit Tieren umgehen.

Die Version des Kontraktualismus die wir gerade betrachtet haben, ist, wie ich bereits gesagt habe, eine grobe Ausgabe, und in Hinsicht auf das Potenzial an Überzeugungsfähigkeit von Kontraktualismus muss gesagt werden, dass viel detailliertere, subtilere und einfallsreichere Varianten möglich sind. Zum Beispiel hat John Rawls in seinem Buch ‚A Theory of Justice’ eine Version des Kontraktualismus niedergelegt, in dem zufällige Eigenschaften eines Menschen ignoriert werden sollen – zum Beispiel ob er schwarz oder weiß ist, weiblich oder männlich, genial oder einen bescheidenen Intellekt hat. Nur indem solche Eigenschaften ignoriert werden, glaubt Rawls, können wir sicherstellen, dass die Prinzipien von Ungerechtigkeit, auf die die Kontraktoren sich einigen würden, nicht auf Vorurteilen oder Voreingenommenheit basieren würden. Trotz der Verbesserung solch eines Standpunktes, im Vergleich zu den groberen Formen des Kontraktualismus, bleibt er mangelhaft; er verneint systematisch, dass wir direkte Pflichten gegenüber Menschen haben, die beispielweise kein [a.d.Ü.: von der Gesellschaft wahrgenommenes] Gerechtigkeitsempfinden haben – zum Beispiel kleine Kinder und viele geistig behinderte Menschen. Doch zugleich scheint es wohl ziemlich klar, dass wenn wir ein kleines Kind oder einen geistig behinderten Erwachsenen foltern würden, wir etwas täten, was falsch ihm oder ihr gegenüber wäre, und nicht etwas das falsch wäre, wenn (und nur wenn) andere Menschen mit einem Gerechtigkeitsempfinden dadurch empört wären. Und da dies wahr ist im Fall dieser Menschen, können wir dasselbe nicht rational verneinen im Fall von Tieren.

Standpunkte indirekter Pflichten, einschließlich der besten unter ihnen, versagen somit dabei unsere rationale Zustimmung zu erhalten. Um welche ethische Theorie es auch immer geht, wir sollten Rationalität und Vernunft akzeptieren, daher muss eine ethische Theorie zumindest davon ausgehen, dass wir einige Pflichten Tieren direkt gegenüber haben, so wie wir einige Pflichten direkt gegenüber einander haben. Die nächsten zwei Theorien die ich umreiße, versuchen dieser Erfordernis zu gerecht zu werden.

Den ersten nenne ich ‚cruelty-kindness view’ (Standpunkt über Grausamkeit und „Gutsein“). Einfach gesagt bedeutet dieser Standpunkt, dass wir direkte Pflichten haben uns gut gegenüber Tieren zu verhalten und eine direkte Pflicht haben ihnen gegenüber nicht grausam zu sein. Trotz der Geläufigkeit dieses sich selbst rückbestätigenden Kreislaufs der Idee, glaube ich nicht, dass dieser Standpunkt eine adäquate Theorie bietet. Um dies zu verdeutlichen: Betrachten Sie das „Gutsein“. Eine liebevolle oder gutherzige Person handelt aus einer bestimmten Art des Motivs – Mitgefühl oder Betroffenheit zum Beispiel, was eine Tugend ist. Es gibt aber keine Garantie, dass eine gute Handlung auch eine richtige Handlung, im Sinne einer gerechten Handlung ist. Wenn ich z.B. ein großzügiger Rassist bin, werde ich mich wahrscheinlich gut gegenüber Zugehörigen meiner eigenen Ethnie verhalten. Ich würde deren Interessen als wichtiger als die anderer erachten. Mein „Gutsein“ währe echt, und so weit es reichen würde auch gut. Aber es ist wohl nur zu klar, als dass es hier des Arguments bedürfe, dass meine guten Handlungen wohl nicht mehr als eine moralische Eingeschränktheit darstellen würden – sie könnten tatsächlich sogar falsch sein, da sie auf Ungerechtigkeit basieren würden. „Gut zu sein“ kann also, trotz seines Status als einer positiven Tugend die gefördert werden soll, keine Theorie richtiger Handlungsweisen tragen.

Grausamkeit schneidet hier nicht besser ab. Leute oder deren Handlungen sind grausam wenn positives Interesse aufgrund von grundloser Antipathie unmöglich ist, sie eine grundlose offensive Antipathie zeigen oder, schlimmer noch, wenn jemand Spaß am Leid eines anderen (Tieres) hat. Grausamkeit ist in all seinen Erscheinungsformen eine schlimme Sache, ein tragisches menschliches Fehlverhalten. Aber so wie wenn eine Person dadurch motiviert ist ‚gut zu sein’, nicht garantiert, dass er oder sie tut was richtig ist, so stellt die Abwesenheit von Grausamkeit nicht automatisch sicher, dass er oder sie vermeidet zu tun was falsch ist. Viele Leute die Abtreibungen durchführen z.B. sind keine grausamen, sadistischen Leute. Aber diese Tatsache alleine löst noch nicht die furchtbar schwierigen moralischen Fragen im Zusammenhang mit Abtreibungen. Der Fall liegt nicht anders wenn wir die Ethik unserer Behandlungsweise von Tieren betrachten. Sicher, lasst uns für das ‚Gutsein’ und gegen Grausamkeit sein. Aber lasst uns nicht davon ausgehen, dass für das Eine und gegen das Andere zu sein die Frage über moralisches Recht und Unrecht beantwortet.

Manche Leute denken, dass die Theorie nach der wir hier Ausschau halten der Utilitarismus sein müsse. Ein Utilitarist geht von zwei moralischen Prinzipien aus. Das erste Prinzip ist das der Gleichheit: Jedem seine Interessen zählen und gleiche Interessen haben eine gleiche Wichtigkeit und müssen gleich gewichtet werden. Weiß oder schwarz, Amerikaner oder Iraner, Mensch oder Tier – jedem seine Schmerzen oder seine Frustrationen sind von Bedeutung und sie zählen genauso viel wie ein äquivalenter Schmerz oder eine Frustration von irgendeinem Anderen. Das zweite Prinzip eines Utilitaristen ist das der Utilität: Wird eine Handlung das beste Gleichgewicht erzeugen zwischen ‚Zufriedenstellung’ und ‚Nicht-Zufriedenstellung’ für jeden der durch den Ausgang der Handlung betroffen ist.

Als Utilitarist würde ich an die Aufgabe dessen, was ich moralisch richtigerweise tun sollte, in folgender Art herangehen: Ich muss mir die Frage stellen wer dadurch betroffen sein wird, wenn ich mich dafür entscheide das eine zu tun statt etwas anderem, wie stark jedes Individuum dadurch betroffen wäre und wodurch sich dann die besten Resultate für jeden ergäben – anders gesagt, welche Option die besten Resultate dabei bringen würde, das optimalste Gleichgewicht zwischen ‚Zufriedenstellung’ und Frustration oder ‚Nicht-Zufriedenstellung’ herzustellen. Diese Option – welche auch immer es dann wäre – ist die, die ich wählen müsste. An dieser Stelle würde meine moralische Pflicht liegen.

Der große wesentliche Anreiz des Utilitarismus liegt in seinem kompromisslosen Egalitarismus: Jedem seine Interessen zählen und sie zählen so viel, wie die entsprechenden Interessen von irgendjemand anderem. Die Arten ungerechter Diskriminierung, die einige Formen des Kontraktualismus legitimieren können – Diskriminierung aufgrund von Rasse oder Geschlecht zum Beispiel – scheinen im Utilitarismus vom Prinzip her ausgeschlossen zu sein, wie auch der Speziesismus, der eine systematische Diskriminierung auf Basis der Spezieszugehörigkeit darstellt.

Die Gleichheit die wir im Utilitarismus finden, ist aber nicht die Art der Gleichheit, die ein Verfechter von Tier- oder Menschenrechten im Sinn haben sollte. Der Utilitarismus lässt keinen Raum für die gleichen moralischen Rechte verschiedener Individuen, weil er keinen Raum lässt für deren gleichen inhärenten Wert. Was zählt für den Utilitaristen, ist die Zufriedenstellung der Interessen eines Individuums, nicht das Individuum selbst, dessen Interessen es sind. Ein Universum, in dem einem sein Wunsch nach Wasser, Nahrung und Wärme – oder auch anderer Dinge – befriedigt ist, ist besser als ein Universum in dem diese Wünsche frustriert werden. Das Gleiche trifft hier auch zu auf ein Tier, das die gleichen Wünsche hat. Aber weder man selbst noch das Tier haben irgendeinen Wert im eigenen Rechte. Nur die Gefühle haben diesen Wert.

Hier ist eine Analogie um den philosophischen Punkt etwas klarer zu machen: Eine Tasse enthält verschiedene Flüssigkeiten, manchmal süße, manchmal bittere, manchmal eine Mischung von beidem. Was Wert hat sind die Flüssigkeiten: Um so süßer um so besser, um so bitterer um so schlechter. Die Tasse, der Behälter, hat keinen Wert. Es ist was hineinkommt, was in sie hineingeht, das Wert hat. Für den Utilitaristen sind Sie und ich die Tasse; wir haben keinen Wert als Individuen und daher auch keinen gleichen Wert. Was Wert hat, ist das was in uns passt, für das wir Empfänger sind; unsere Gefühle von Zufriedenheit haben einen positiven Wert, unsere Gefühle von Frustration haben einen negativen Wert.

Ernsthafte Probleme entstehen im Utilitarismus wenn wir uns bewusst machen, dass er uns dazu ermahnt, die besten Konsequenzen zu erzielen. Was bedeutet das? Es bedeutet nicht die besten Konsequenzen für mich alleine, oder für meine Familie oder Freunde oder irgendeine andere Person als Individuum genommen. Nein, das was wir laut Utilitarismus machen müssen verläuft grob etwa so: Wir müssen (irgendwie!) die separaten Zufriedenheiten und Frustrationen von jedem, der durch unsere Entscheidung betroffen wäre, zusammenrechnen, die sich daraus ergebende Zufriedenheit in eine Kolumne setzen und die Frustrationen in die andere daneben. Wir müssen diese Kolumnen für jede vor uns liegende Option zusammenrechnen. Das ist auch was es bedeutet, wenn man sagt, dass diese Theorie ‚aggregativ’ ist. Dann müssen wir die Option wählen, die die höchste Wahrscheinlichkeit besitzt, die beste Balance der zusammengerechneten Zufriedenheiten zu den zusammengerechneten Frustrationen zu bringen. Welche Handlung auch immer dieses Ergebnis dann erfüllen würde, ist die Handlung, die wir moralisch richtigerweise vollziehen sollten. An dieser Stelle würde unsere moralische Pflicht dann liegen. Und diese Handlung, mag dann klarerweise nicht eben genau die sein, die die besten Ergebnisse für mich selbst bringen würde, oder für meine Familie oder meine Freunde oder für ein Versuchstier. Die besten aggregierten Konsequenzen für jeden Betroffenen sind nicht notwendigerweise die besten für jedes Individuum.

Dass der Utilitarismus eine aggregative Theorie ist – die verschiedenen Zufriedenstellungen oder Frustrationen werden zusammengerechnet, summiert, zu einem Ganzen gefasst – ist der Punkt, der den Utilitarismus entscheidend angreifbar macht. Meine Tante Bea ist alt, kaum aktiv, eine griesgrämige unzufriedene Person, wenn auch nicht physisch krank. Sie hat vor noch ewig zu leben. Sie ist auch ziemlich reich. Ich könnte ein Vermögen machen, wenn ich jetzt an ihr Geld käme. Geld, das sie vorhat mir sowieso zu geben nachdem sie stirbt, aber das sie mir jetzt noch nicht geben will. Um zu vermeiden, dass ich extrem viel an Steuern zahlen muss, habe ich geplant einen recht großen Anteil meiner Profite an das örtliche Kinderkrankenhaus zu spenden. Sehr viele Kinder werden so von meiner Großzügigkeit profitieren, und deren Eltern, Verwandte und Freunde werden das auch gut finden. Wenn ich das Geld nicht bald bekomme, wird aus all diesen Plänen nichts. Meine einmalige Chance enormen Reichtum zu erwerben wird für immer vertan sein. Vielleicht sollte ich meine Tante Bea, die alles verhindert, einfach umbringen? Klar, ich könnte geschnappt werden. Aber ich bin nicht dumm, und außerdem könnte ich auf ihren Arzt zählen, dass er dabei kooperieren würde (er möchte in der gleichen Weise investieren und ich weiß zufälligerweise ziemlich gut über die Schattenseiten seiner Vergangenheit bescheid). Die Tat könnte – sollen wir sagen … professionell begangen werden. Die Chance ertappt zu werden ist sehr gering. Und was mein Gewissen anbetrifft und dass ich mir Schuldvorwürfe machen könnte, ich bin ein progressiver Typ und werde mich – wenn ich am Strand von Akapulko liege – lieber ausgiebig damit befassen die Freuden und Vorteile zu kontemplieren, die ich so vielen anderen bereitet habe.

Nehmen wir an Tante Bea wird umgebracht und der Rest der Story nimmt den Verlauf wie gerade geschildert. Hätte ich etwas Falsches begangen? Irgendetwas Unmoralisches? Man würde denken dem sei so. Aber nicht wenn man sich an die Theorie des Utilitarismus hält. Da das was ich getan habe das optimalste Gleichgewicht zwischen der addierten Zufriedenstellung und Frustration für all die durch den Ausgang betroffenen gebracht hat, ist meine Tat nicht falsch. In der Tat würden der Arzt und ich dadurch Tante Bea zu töten, sogar das tun, was die Pflicht von uns verlangen würde.

Die gleiche Art der Argumentation kann in allen möglichen Fällen wiederholt werden, wodurch Fall für Fall sichtbar würde, wie die utilitaristische Position zu Resultaten führt, die unparteiische Personen für moralisch verwerfbar halten. Es ist falsch meine Tante Bea im Namen dessen umzubringen, was für andere die besten Resultate bringen würde. Ein gutes Ende rechtfertigt keine bösartigen Mittel. Jede adäquate Moraltheorie muss erklären können, warum das so ist. Der Utilitarismus versagt in dieser Hinsicht und kann somit nicht die Theorie sein, nach der wir suchen.

Was sollen wir machen? Wo sollen wir noch einmal anfangen? Der Punkt an dem wir ansetzen sollten, denke ich, ist an der Stelle der utilitaristischen Sicht über den Wert des Individuums oder beziehungsweise des nicht Vorhandenseins dieses Wertes. Nehmen wir nun stattdessen an, dass Sie und ich zum Beispiel einen Wert als Individuen besitzen, den wir als inherent value oder inhärenten Wert bezeichnen wollen. Zu sagen, dass wir solch einen Wert haben, bedeutet, dass wir etwas mehr sind und etwas anderes als bloße Rezipienten. Darüber hinaus müssen wir, um sicherzustellen, dass wir nicht den Weg für solche Ungerechtigkeiten wie Sklaverei oder sexuelle Diskriminierung bereiten, davon ausgehen, dass alle die inhärenten Wert haben, es in einem gleichen Maße haben, unabhängig von deren Geschlecht, Rasse, Religion, Geburtsort und so weiter.

Was gleichermaßen als irrelevant herausgenommen werden muss, sind jemandem seine Talente oder Fähigkeiten, Intelligenz und Reichtum, Persönlichkeit oder Pathologie, oder ob jemand geliebt und verehrt wird oder verachtet und abgelehnt. Das Genie und das retardierte Kind, der Prinz und der Bettler, der Hirnchirurg und der Obstverkäufer, Mutter Theresa und der skrupelloseste Gebrauchtwagenhändler – alle haben inhärenten Wert, alle besitzen ihn gleichermaßen und alle haben ein gleiches Recht mit Respekt behandelt zu werden und in einer Weise, die sie nicht auf den Status von Dingen reduziert, als existierten sie als Ressourcen für andere. Mein Wert als ein Individuum ist unabhängig von meiner Nützlichkeit für Sie. Ihr Wert ist nicht abhängig von Ihrer Nützlichkeit für mich. Den Anderen in Arten und Weisen zu behandeln die seinen unabhängigen Wert nicht respektieren, bedeutet für beide von uns unmoralisch zu handeln; es bedeutet gegen die Rechte des Individuums zu verstoßen.

Einige der rationalen Vorteile dieser Sichtweise – die ich den ‚rights view’ [a.d.Ü.:  Sichtweise über Recht, als sich aus dem inhärenten Wert des Lebenwesens ableitend] nenne – sollten klar sein: Im Gegensatz zum (grobgefassten) Kontraktualismus zum Beispiel, verneint der ‚rights view’ vom Prinzip her die moralische Tolerierbarkeit jeglicher Form rassistischer, sexueller oder sozialer Diskriminierung und im Gegensatz zum Utilitarismus verneint diese Sichtweise prinzipiell, dass wir gute Resultate durch die Anwendung grausamer Mittel, die gegen die Rechte eines Individuums verstoßen, rechtfertigen könnten – die Sichtweise verneint zum Beispiel, dass es moralisch sein könnte meine Tante Bea umzubringen um vorteilhafte Konsequenzen für andere zu erlangen. Eine Sanktionierung des respektlosen Umgangs mit dem Individuum im Namen dessen was soziale Vorteile verschaffen könnte ist etwas, was der ‚rights view’ niemals – kategorisch niemals – zulässt.

Ich glaube, dass der ‚rights view’ [die inhärent-basierenden Rechte eines Individuums] rational die befriedigendste Moraltheorie darstellt. Er ist allen anderen Theorien voraus in dem Maße, in dem er die Fundamente unserer Pflichten gegenüber einander beleuchten und erklären kann – als Aufgabengebiet menschlicher Moralität; in diesem Punkt stehen die besten Gründe und die besten Argumente auf seiner Seite. Wenn es natürlich möglich wäre aufzuzeigen, dass nur Menschen durch diesen Rahmen umfasst wären, dann würde eine Person wie ich, die an Tierrechte glaubt, gezwungen sein woanders weiterzuschauen. […]

Ein Interview der Advocates for Animals mit Prof. Tom Regan (erschienen in den Advocates for Animals News, Herbst 2002)

Im August 2002 hatten die Animals for Advocates, Schottland (GB) das Privileg den berühmten Tierrechtsphilosophen Tom Regan zu einem Vortrag einzuladen. Tom Regan hat mehr als 25 Bücher über die Tierrechtsphilosophie veröffentlicht und lehrt seit langem als Professor Philosophie and der North Carolina State University, USA. Sein wegbereitendes und einflussreiches Buch ‚The Case for Animal Rights’ wurde für den Pulitzer Preis nominiert und gilt als als Pflichtliektüre der Tierrechtsbewegung.

AA: Wie kamen Sie zur Tierrechtsbewegung?

TR: Ich wuchs in einer Arbeiterfamilie während der Depression auf. Fleisch wurde gleichgesetzt mit Erfolg und ich arbeitete sogar als Metzger während ich zum College ging. Es war als ich an der North Carolina State University zu lehren begann, als ich den Gedanken Gandhis begegnete. Die Botschaft der Gewaltlosigkeit sprach mich an, und ich begann mich zu fragen wie ich meine Anti-Kriegs- und Anti-Gewalt-Einstellung bewahren kann während ich immer noch Körper toter Tiere in meinem Kühlschrank hatte. Der letzte ausschlaggebende Punkt war als der über alles geliebte Hund meiner Familie überfahren wurde und dabei starb. Der Tod meines Hundes öffnete mein Herz, und ich war plötzlich fähig diese Gefühle auf Kühe, Schafe, Hühner und Schweine zu übertragen.

AA: Was war der wichtigste Sieg bei dem Sie persönlich eine aktive Rolle mitgespielt haben?

TR: Ich war an der 4-tägigen Besetzung des National Institute for Health (NIH) in Amerika beteiligt. Das NIH finanzierte Experimente über Kopfverletzungen, die an der Universtiy of Pennsylvania durchgeführt wurden. Die Forscher hatten sich tatsächlich selbst dabei gefilmt wie sie in einer hydraulischen Einrichtung Pavianen Gehirnschäden zufügten und die Tiere dann quälten und sich darüber belustigten. Die Filmdokumente zeigen inadäquat anästhesierte, geschlagene Paviane, die sich versuchen unter den Festhaltungsvorrichtungen zu wehren. Man sieht die Vivisektoren Zigaretten rauchen und wie sie auf den Boden gefallene chirurgische Instrumente weiterverwenden. Sie hätten sich niemals erträumt dass ihre Videodokumentation in die Hände von Tieraktivisten fallen würde.

101 Personen kamen als eine Gruppe bei dem Büro an, riefen Parolen und liefen direkt hinein. Das NIH war darauf nicht vorbereitet. Die Beamten und die Polizei hatten erwatet, dass der Protest bald wieder vorüber sein würde, da wir keine Lebensmittel oder Kleider zu wechseln dabei hatten. Die Beamten und die Polizei versuchten alles um uns zum Gehen zu zwingen – sie stellten sogar die Belüftung auf volle Leistung damit es uns zu kalt wird.

Wir beendeten den Protest am vierten Tag, als uns mitgeteilt wurde dass man die Finanzierung des Laboratoriums eingestellt hatte. Das Schönste an allem war, dass als wir das Gebäude schließlich verließen, wir mit einem klaren und entschiedenen Sieg hinausgingen. Das war der Tag an dem ich mich am lebendigsten fühlte. Ich glaube immer noch, dass wenn wir unsere Kampagnen gut wählen, es möglich ist Veränderungen durch ziviles ungehorsam herbeizuführen.

AA: Tier-Gruppen können oft sehr verschieden Wege dabei gehen wie sie Kampagnen durchführen, was manchmal zu Reibungen führt. Wie können diese Unstimmigkeiten gelöst werden?

TR: Es wird immer Leute geben, die für größere Käfige kämpfen um das letztendliche Ziel zu erreichen. Ich glaube nicht, dass das bedeutet unrealistisch zu sein, da wir uns alle dafür einsetzen die Mauer Stein für Stein abzubauen. Woran wir denken müssen ist, dass Ungerechtigkeit zu reformieren bedeutet Ungerechtigkeit zu verlängern. Alles, was die größeren Käfige erreichen, ist die Ausbeutung von Tieren ‚akzeptabler’ zu machen.

Für Tierrechtsleute ist Leid nicht das was fundamental das Übel darstellt, sondern es ist, dass Tiere an allererster Stelle überhaupt in Käfige gesperrt werden. Wir wollen nicht einfach das Leid beenden – wir müssen die Ausbeutung beenden. Zum Beispiel, man hat keinen Kompromiss mit der Schottischen ‚hunting bill’ (Jagdgesetz) gemacht. Das Schottische Parlament entschied nicht, dass berittene Fuchsjagden eine begrenzte Anzahl von Füchsen pro Jahr töten könnten, oder dass die Jagdhunde bei der Jagd Schutzschilder aus Hartgummi tragen sollten! Sie verboten das Töten von Füchsen mit Hunden ganz grundsätzlich.

Wovon all die die Tiere ausbeuten abhängig sind, ist, dass wir aufgeben und einfach verschwinden. Sie setzen zunehmend Einschüchterungstaktiken ein, um uns in den Medien als Übeltäter darzustellen weil wir ein Dorn in ihren Augen sind. Alles was wir tun können, ist positiv zu bleiben und die Öffentlichkeit dazu zu ermutigen einen Schritt in ihrer Sicht von Tieren voran zu tun, in dem Moment wo sie überhaupt keinerlei Notwendigkeit zur Bewegung empfinden.

AA: Die Beteiligten an Tierexperimenten und in der Agrarkultur betonen oft wie wichtig ihnen Animal ‚Welfare’ (das Wohlergehen der Tiere) ist. Was ist Ihre Meinung hierzu?

TR: Das ist ein grausamer Schwindel. Viele Wissenschaftler und Farmer sagen, dass gesunde Tiere im größten Interesse der Industrien sind – dass es die Profite oder Resultate beieinträchtigen würde, wenn sie sich nicht um das Wohlergehen der Tiere in ihrer ‚Obhut’ kümmern würden. Aber wenn Sie sich anschauen was sie tun, Zwangsfütterung toxischer Chemikalien, Verbrennung, Organzertrümmerung … dann denken Sie „was ist hier mit dem ‚Welfare’ geschehen?!“

Was Welfare (das Wohlergehen) diesen Leuten wirklich bedeutet, ist, dass während diese Praktiken fortlaufen, die Tiere einen sauberen Käfig und einen Zugang zu Nahrung und Wasser haben sollen. Es ist einfach die Public#Relations-Rhetorik der Tierausbeuter von ‚Animal Welfare’ [Tierschutz] zu sprechen.

AA: Denken Sie, dass ihre Ansichten über Themen sich immer noch ändern, obwohl Sie so viele Jahre schon über die Tierrechtsbewegung geschrieben haben?

TR: Ich verstehe die Dinge anders. Die Welt ist ein wirklich schlimmer Ort wenn Sie ein Tiermensch sind. Deprimierend, fast unerträglich. Was die schlimmen Dinge steigert ist, dass Menschen, entweder direkt oder indirekt, Spaß an den Praktiken haben, die Tiere verletzen. Ihnen macht es Spaß sie zu essen. Ihnen macht es Spaß in den Zirkus zu gehen. Das mach es noch härter für diejenigen, die sich wirklich um Tiere Sorgen machen.

Wir müssen die Botschaft der Öffentlichkeit rüberbringen, dass wirklich eine Verbindung zwischen ‚Animal Liberation’ [Tierbefreiung] und ‚Human Liberation’ [der Befreiung der Menschen] besteht. Das Leben der Menschen wäre so viel besser und reicher wenn sie beenden würden Spaß an den Früchten menschlichen und tierischen Leids zu haben.

Hinweis: Besuchen Sie im Web die Culture and Animals Foundation, gegründet 1985 von Nancy and Tom Regan, auf www.cultureandanimals.org.

Übersetzung
Gita Yegane Arani-May, www.simorgh.de – ‚Open Access in der Tier-, Menschen- und Erdbefreiung’. Revised 4/2018.

Zitation
Edition Farangis (2018). Eine Übersetzung eines gekürzten   Auszugs aus: Tom Regan, The case for animal rights und ein Interview der Advocates for Animals mit Tom Regan. TIERAUTONOMIE, 5 (1), URL: http://simorgh.de/tierautonomie/JG5_2018_1.pdf.

TIERAUTONOMIE (ISSN 2363-6513)

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Autonomierechten einen Namen verleihen: Namensgebung für nichtmenschliche (nm-)Tiere als Zeugnis und Ausdruck sozialer Bezugnahme

Autonomierechten einen Namen verleihen:
Namensgebung für nichtmenschliche (nm-)Tiere als Zeugnis und Ausdruck sozialer Bezugnahme

Palang Yeganeh Arani-Prenzel, @nonhumanism (Gruppe Messel)

Das Bild von Farangis G. Yegane links stellt die Tauroktonie im Mithraskult in Gegenüberstellung mit der Kreuzigung Christi dar.

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Ich denke wir brauchen eine Praxis der Umsetzung von Tierrechten, nicht allein im juristischen, aber auch im einem ganz grundlegenden Sinne. Wir müssen uns dazu fragen: Erkennen wir denn selbst (auf allen Ebenen und soweit es uns möglich ist) Tierrechte, der nm-Tiere mit denen wir leben und derer, die wir indirekt repräsentieren wollen, an? Und wenn ja welche Rechte erkennen wir dabei an und was verstehen wir denn genau unter Tierrechten? Und damit einhergehend stellt sich auch die Frage: Wie kann die Praxis, die solchen Rechten ihr Gesicht verleiht, im alltäglichen Leben noch über eine intersektionale ethische vegane Lebensweise hinausgehen?

Wir werden im Vergleich miteinander feststellen, dass wir alle mitunter ein sich unterscheidendes Verständnis davon haben, was entscheidend für die Umsetzung von Tierrechten ist und was nicht, und was wir überhaupt unter Tierrechten beim genaueren Hinsehen verstehen. Ich persönlich nehme die Autonomierechte (d.h. die „Freiheit von einer menschlichen Definitionshoheit über das Tiersein“) von nm-Tieren besonders wichtig. Es gibt Tierrechtler, die meinen, nm-Tiere seien überhaupt nicht wirklich autonomiefähig, die meinen, nm-Tiere seien durch Instinktverhalten prädeterminiert.

Für den einen wären es mitunter ultimative Tierrechte, wenn er einen Lebenshof betreiben oder fördern und besuchen kann. Für jemand anderen sind die politischen Tierrechte besonders wichtig, auf der Ebene verbaler Agitation und Aufklärung. Der eine versteht darunter dann wiederum aber beispielsweise eher den Einsatz für die Abschaffung von Massentierhaltungs- und Schlachtungsanlagen, der andere legt den Fokus auf die Abschaffung der Tötung aller Tiere in der Menschengesellschaft ganz grundsätzlich.

Nun greife ich mein Ziel mal heraus, aus dem Wust von Zielen und Vorstellungen, die wir alle als Tierrechtler auf unsere Weise als persönliche Prioritäten wählen. Mein Fokus ist das Recht auf Autonomie im Sinne einer weitestgehenden Selbstbestimmtheit.

Mir wäre auf dem Weg zu diesem hohen Ziel, in der Praxis meiner sozialen Interaktionen mit nm-Tieren und Menschen, wichtig, dass nm-Tiere einen Rufnamen zur Anrede und Identifikation erhalten, ohne dabei eine „Vermenschlichung“ zu betreiben. Die Wahl des Namens entscheidet, ob ein Rufname für ein Tierindividuum humanzentrisch erdacht oder korresponsiv-sozial bezugnehmend auf mein individuelles Gegenüber ist. Ein Rufname ist schließlich eine individuelle, verbal intonierte Anredeform meines Gegenübers. Es ist eine Art Kommunikations- und Verständigungscode. Mein Gedanke dabei: Ich denke die Möglichkeit besteht, nm-Tiere (ich sage im Weiteren abkürzend nur ‚Tiere’) als Familienmitglieder oder Zugehörige mit einzubeziehen und hier ein klares Statement abzugeben: „Ich lebe mit diesem Tier zusammen und wir sind Freunde, dieses Individuum ist Teil meiner Lebensgemeinschaft und unter gegenwärtigen Umständen im gewissen Sinne mein Schutzbefohlener. Dieses Tier soll von meinen Rechten, soweit wie möglich, profitieren. Ich setze meine Rechte für seine/ihre Rechte ein.“ Das „Haustier“ muss nicht untergeordneter Lebensgenosse sein und ich sollte mir genau überlegen, dem/den Tieren einen so optimalen Rahmen für ihr Leben in Gemeinschaft mit mir zu schaffen, wie dies auch nur möglich sein kann, am besten in anderer tierlicher Gesellschaft.

Meine ganzen Vorstellungen in Hinsicht auf Tierrechte, wie meine Tierfreunde in der Praxis im gemeinschaftlichen Leben in einem Hausstand mit mir leben können, sollten ein klarer Ausdruck größtmöglicher Wahrung der Autonomierechte, in Schutz und Geborgenheit vor speziesistischen Repressalien soweit das möglich ist, darstellen. Und mein menschliches Umfeld sollte über diese bewusste Haltung informiert werden. Wir müssen, in diesen für Tiere widrigen Umständen, die in humanzentrischen Gesellschaften herrschen, nun einmal Lebensgemeinschaften bilden. Das optimale wäre, wenn wir zunehmend Grünflächen „nutzen“ könnten, auf denen neben einem ökozentrischen Naturschutzgedanken auch Tiere, z.B.auch befreite Tiere, beispielsweise Hühner aus Haltungshöllen, Enten, Gänse, Puten, leben könnten.

Hier muss ich einen kurzen Abstecher machen, denn das ist nämlich übrigens ein Punkt, der mich in einem Aspekt der Einseitigkeit an der bioveganen Landwirtschaft verwundert. Folgendes: a.) Wir nutzen Raum b.) der vegane Gedanke ist im Sinne der Tiere und ihrer Rechte angedacht worden c.) der vegane Landbau klammert die Tiere als Wesen, die grünen Lebensraum benötigen, jedoch gänzlich aus und fokussiert auf den Anbau und die Nutzbarkeit von Böden. Wir brauchen aber im Veganismus Land auch immer als Habitat von Tieren, als geschützte Räume, und dies sollte ebenso benannt werden wenn über Landnutzung im großen Stil gesprochen wird. Zudem ist tierliche Diversität immer ein Mitleben im natürlichen Raum und dieser Punkt sollte nicht in den Hintergrund veganer Erörterungen stehen dürfen.

Das heißt, neben einer bioveganen Agrarfläche kann auch Land anberaumt werden, das einen sicheren Lebensraum für Tiere bietet, und das nicht nur im Rahmen designierter Lebenshöfe sondern jeder veganen „Nutzung“ von Land. Die Frage, nach möglichen Refugien für Tierdivestität ist mitnichten unkompliziert und benötigt ebensoviel ökopolitischen Einsatz wie die Sorge um das menschlich leibliche vegane Wohl. Es ist bedauernswert, dass die Tierrechtsfrage im Kontext mit Veganismus immer wieder ‚Essen’ (primär für Menschen) und ‚(grundsätzliches) Lebensrecht’ (für Tiere) Seite-an-Seite stellt. Aber im Moment schlucke ich diesen Klotz, der Kürze halber. Das Problem ist dem Speziesismus in Hinsicht auf seine einverleibungsideologischen Aspekte geschuldet, die die nm-Tiere in die Nähe von Agrarfragen gerückt haben.

Der Lebenshof „Animal Place“ in Kalifornien hat seinen bioveganen Landbau mit seinem Lebenshofprojekt verbunden. Sinnvoll, denn Tiere aus unseren Planungen und dem Bedarf an Nutzflächen wegzurationalisieren – auch damit die Tiere in Zukunft nicht mehr leiden müssen (eine indirekte Implikation vieler Argumentationen über Lebensraum-, Ökologie- und Tierfragen) – kommt einer stillschweigenden Form speziesistischer Entrechtung gleich. Tiere leben auf der Welt und benötigen ihren natürlichen Lebensraum. Ich denke die Frage nach Lebensraum und der Wahrung und Schaffung dessen ist eine der ganz großen Prioritäten für eine vernünftige Tierethik, zumindest sollte sie das sein.

Zurück zur Namensüberlegung. Die Benennung mit einem Rufnahmen drückt die lebendige, soziale, anteilnehmende Bezugnahme zu meinem Gegenüber aus. Es würde meiner Meinung nach perfekten Sinn machen, die Namensgebung legitim als Schritt zur fernen Utopie allgemeingültig anerkannter Rechte mit zu etablieren. Name your beloved friend, write it down. Put it as a stance for making nonhuman animal rights become a reality in our society. Oder so.

Ein bekannter Tierrechtler aus den USA sagte mal zu mir, Tiere könnten überhaupt nie autonom sein, solange sie nicht befreit sind. Er verstand Autonomie in erster Linie allein als die nackte, leibliche Autonomie. Ich denke Autonomie ist etwas Substantielles, das sich im Sein, im rein Existentiellen, bereits befindet. Autonomie begründet Freiheitsfähigkeit, denn sie ist das Ich-Sein eines Individuums, und dies betrifft bei Tieren vor allen Dingen den Punkt ihres Denkens, das ihnen fortwährend aberkannt wird. Ich frage mich immer wieder was für eine merkwürdige Tierbefreiungsbewegung wir sind, die sich aufs Leibliche aber nicht auf das Geistige der Tierwelt beziehen mag. Diesen Fokus auf die leibliche Tierbefreiung finden wir immer wieder, während wir gleichzeitig auch immer wieder feststellen können, dass Vorurteils- und Urteilsstrukturen (insbesondere) aus den Naturwissenschaften und der Philosophie kontinuierlich von Tierrechtlern selbst mit kolportiert werden, statt eigene Terminologien der Tierbefreiung zu entwickeln, zu postulieren und zu etablieren. Der grundsätzliche Schritt zur Revolution im Denken fehlt, weg von den klassischen kausalistischen, entgeistlichten und den ans ‚Lebenssezierend-Biologische’ gebundenen Beobachtungswarten, hin zur Auseinandersetzung mit dem allumfassenden Faktum des Tierseins.

Nicht explizit verortete Tiefreundlichkeit: Tiere vorführen, um sich für ihre Rechte stark zu machen

Was zeige ich hiermit: ein Tier und ich als Retter mit auf dem Foto. Der Haltungsansatz Tiere zu zeigen, auf Fotos, Videos, in der bildenden Kunst, in unseren Texten, sie zu diskutieren, als seien sie selber nicht-denkende passive, nicht mitreflektierende, nicht den Menschen mitbeobachtende Rezipienten. Tiere sind andere Kulturen. Sie sind keine evolutionär reduzierten Wesen in Hinsicht auf ihr soziales Reziproksein und ihr Denken. Das wäre eine hierarchische Sichtweise auf unsere Freunde, zu meinen, nur wir können über sie reden, aber sie nicht über uns. Tiere haben ihre Sprachen. Und um klarzustellen, dass Tiere schlichtweg andere Kulturen sind (eben nichtmenschliche tierliche Kulturen) müssen wir noch nicht einmal den Rückgriff auf Darwins Evolutiontheorie vornehmen und uns brüsten, dass wir diese „Verwandten“ halt leider durch „survival of the fittest“ intellektuell im Anthropozäns hinweg evolutioniert haben und schon lange geistig überholt haben. Nein, sie sind in ihrer Entwicklung historisch in ihren Lebenszyklen an der Stelle, an der sie sind, sie haben ihre Kulturen über Jahrmillionen entwickelt und tradiert, sie praktizieren allesamt ein Leben, das einen tiefen, ultimativen Bezug zum Naturhaften hat. Sie sind nicht auf das Biologische zu reduzieren.

Die menschlichen Kulturen haben sich in letzter Konsequenz darauf geeinigt, die Natur als entseelt zu betrachten und ihr objektifizierend und verdinglichend zu begegnen. Alles Beseelte ist für uns an mehr oder weniger religiöse Vorstellungen gebunden, und unsere Religiosität haben wir als Machtmittel und als Mittel menschlicher Vereinheitlichung hingenommen. Sehen wir Spiritualität freier und ungebundener, wird klar, dass unsere Bezüge zur Natur ähnlich wertschätzend und bedeutungsvoll sein können, wie die der Tierkulturen. Dass auch wir fähig sind das All-Leben zu wahrzunehmen, vernunftsmäßig zu begreifen, statt es als Ressource auf ein Mittel zum Zweck zu degradieren. Und der starke Bezug der Tiere zum ‚Naturhaften’ weist weder auf eine Entseeltheit noch auf eine fundamentale ‚Materialität’ hin. Denken wir über das Universum nach, stellt die Materialität (oder aber auch das nicht Vorhandensein von Materie respektive) ja auch keinen Mangel in den Zuordnungen von Komplexität dar. Unseren Gesellschaften ermangelt es an der Anerkennung der Natur als Seinsvielfalt. Tierliche Individuen praktizieren aber eine solche interaktive, wertschätzende Lebenspraxis mit dem naturhaften Raum.

Resultierend aus der Dichotomie, die wir zwischen Mensch und Natur geschaffen haben, sprechen wir immer wieder über Tiere in aller Liebe, aber in entmündigender und vorführender Art und Weise. Wir weisen hin auf ihre Fähigkeiten und Sensibilitäten (gemessen an Dingen, die menschlichen Kollektiven vorrangig wichtig sind) als müsste man nochmal darauf hinweisen. Wir sprechen über sie in einer speziesistischen Gesellschaft, als wollten wir eine Beschwichtigungstaktik gegenüber den speziesistischsten aller Argumente betreiben. Nein, der Speziesismus negiert selbst dies alles, und er tut das ganz offenkundig, und nur wir harmlosen Tierrechtler meinen die Welt sei gerade aus dem Ei geschlüpft und wir müssten die anderen Menschen nochmal erweckenderweise darauf aufmerksam machen, dass Tiere sensibel und klug sind, in dem Maße aber bitteschön nur, wie die Biologen es ihnen momentan attestieren.

Ich denke es gibt noch andere Möglichkeiten um für Tierrechte aktiv zu sein, statt in dem erklärenden Modus zu verharren, in dem ich als Mensch, zu den anderen als Menschen und Gleichgestellten, über „die Tiere“ als die spreche, über deren Köpfe hinweg wir nun einmal sprechen wollen. Ich kann das dritte beteiligte Gegenüber durch meinen Ansatz bewusst mit einbeziehen und seine Rechte, auch wenn dieser Andere abwesend ist, in jedem Punkte mit berücksichtigen und verteidigen (das heißt also auch kein Appeasement gegenüber den speziesistischen Klassikern: Religion, Naturwissenschaften und Philosophie), oder ich kann primär einen Meinungsstreit zwischen zwei unterschiedlichen Positionen austragen, bei denen der Kontrahent im Mittelpunkt steht, die Argumentation dabei aber zu kurz greift, weil ich das Gegenüber ja nicht überfordern kann und dieses Gegenüber ja sowieso meint die Welt sei eine Scheibe. Ich kann in dem Moment die Wahrheit postulieren, auch wenn das Gegenüber in wirklich fast jedem Punkte widersprechen mag. Und ich sollte dies tun.

Denn wollen wir tatsächlich an der Stelle stehen bleiben, an der wir behaupten, wir hätten die Definitionshoheit als menschliches Kollektiv über das Tiersein und die Tierlichkeit (in all ihren individuellen Ausprägungen und inklusive der Spezies Mensch)? Oder schaffen wir es mit den Speziesismen in Religion, Recht, Philosophie, Soziologie, usw. kategorisch zu brechen und uns mal die feinen Details aller möglicher existenter Speziesismen anzuschauen? Indem wir dies täten, würden wir die Enge, die der Anthropozentrismus allem Sein verordnet, bloßstellen und zumindest unser eigenes Denken und Handeln würde sich grundlegend verändern und somit auch anderen einen Anstoß auf einer ganz grundlegenden Handlungsebene geben können.

Rev. 21.02.2018

Ethische Schnittstellen im Denken erkennen und verfolgen

Einbruch ethischer Grenzen zwischen Mensch- und Tiersein:
Wir brauchen eine Ethik der Schnittstellen … Alleiniges Kriterium [dabei] ist das Tiersein und seine Bedeutung für die Tiere [selbst]. Dies bringt mehr an Denken und neuem Denken mit sich (so auch für den ‚Tierfreund’ und das Tier: Mensch) als all die Hemmnisse, die sich fortwährend aus den geistigen Beheimatungen in Annahme, Glaube, Behauptung und den daraus abgeleiteten Beobachtungen, Untersuchungen, Festlegungen und Definitionen über das Tiersein, die Welt und das Menschsein ergeben.

Hemmnisse in unserer unmittelbaren Beziehung zum ‚Sein im Kontext von Physis und Zeit’, die wie Denkvorschriften metaphysischen Ausmaßes einen Raum fundamentalster Ungerechtigkeit am Mitleben geschaffen haben.

Der Unterschied in der Eklärung oder in den Ableitungen über Existenz, liegt also

in der Wahrung und den gegenseitigen Wahrnehmungen gleichbedeutsamer Integrität allen tierlichen Seins, da wir alle unser Leben und unsere Lebensräume gegenseitig mitgestalten, mitbeleben und mitbeeiflussen einerseits,
– zu andererseits der willkürlichen, die Andersartigkeit herabwürdigende Klassifizierung tierlichen Seins als ethisch-moralischen Gegensatz bildend, im Sinne einer Zuordnung von Passivität und des bloßen Rezipierens in Rolle eines Objektes von Ethik und Moral, was den Fehlschluss mit einbeschließt das Tierlich-Denkende sei eine vom menschlich-denkenden Sein qualitativ auszuschließende Hemisphäre.

Gruppe Messel / Tierautonomie /Animal Autonomy: Eine Ethik der Schnittstellen.

Nachsatz: man könnte hier noch von falschem Wissen sprechen und von der Frage, wie man das Tiersein und seine Bedeutung für Tiere ableiten soll, wenn man selbst kein Tier ist. Doch gehen wir vom ‘Mensch-Tierkontinuum’ im Mindesten, aber doch mehr von tierlicher Pluralität aus, die das Menschsein mit einbeschließt. So können wir als ‘Mensch/Tier’ uns anderen Tieren in loyal, sozial, verständnisvoller Weise annähern wie anderen ‘Mensch/Tieren’. Und was das Problem des Wissens anbetrifft, es muss in der Tat zur notwendigen Korrektur verworfen und kritisch überprüft werden, doch nicht am Lebewesen, sondern inhaltlich.

Tierintelligenzen und ein häufiger anthropozentrischer Fehlschluss


“Who are you little insect … what about the dragon flies that lived in prehistoric times, you are just like them.” – love justice

Tierintelligenzen und ein häufiger anthropozentrischer Fehlschluss der bei Tierrechtler_innen immer wieder vorkommt

Anthropozentrismus ist…:

Wenn Tierrechtler_innen, Tierethiker_innen etc. meinen der Maßstab für Intelligenz sei eine vermeintlich mehr oder weniger normativ festlegbare menschliche Form von Intelligenz. Wenn sie ohne weitere Diskussionen durchgehen lassen, dass unterschiedliche nichtmenschliche Spezies oder alle Nichtmenschen als weniger Intelligent bezeichnet werden. Und wenn sie dann wie Jeremy Bentham im 19.Jhdt mutig äußern, dass das Leid und die Leidensfähigkeit alleine zählen.

  1. Gibt es unterschiedliche Intelligenzen, keine ist weniger wert, keine ist weniger komplex. [1]
  2. Wird der Bezugsrahmen bei solchen Faux pas an genau den menschlichen Idealen von Intelligenz ausgerichtet, die unsere Welt letztendlich auf den besten Weg zur totalen Zerstörung befördert haben.

Tierintelligenzen seien nicht so relevant für die Anerkennung der nichtmenschlichen Würde und derer Lebensrechte. Und Homo sapiens sei der Maßstab für relevante Intelligenz/en überhaupt.

Aber nochmal zu Benthams Erkenntnis über die Relevanz der Leidensfähigkeit aller tierlichen Lebewesen – so auch des Menschen:

Er begründete selbst die Rechte unterdrückter ‚nichtweisser’ Menschen auf deren Leid und deren Zustand der Unterdrücktheit und nicht primär aufgrund derer kultureller Stärken, eventueller Andersartigkeit und ihres eigenen Identitätsbewusstseins, so sagt er:

The French have already discovered that the blackness of skin is no reason why a human being should be abandoned without redress to the caprice of a tormentor.” [2]

Und fährt in einem Atemzug fort:

It may come one day to be recognized, that the number of legs, the villosity of the skin, or the termination of the os sacrum, are reasons equally insufficient for abandoning a sensitive being to the same fate. What else is it that should trace the insuperable line?

Was gehört aber zu einem senstitive being? Dazu äußert er sich nicht positiv. Sensitiv ist fühlend im eher biologisch, physiologischen Sinne, aber selbst dies ist ein slippery slope.

Im Bezug auf nichtmenschliche Tiere stehen wir also noch an ähnlicher Stelle wir die Utilitaristen. Wir begründen Rechte negativ, denn wir sprechen nicht von Besonderheiten, Einmaligkeiten, individuellen Stärken und vor allem von autonomer, eigenwertiger Bedeutsamkeit als Ausgangslage für die Anerkennung von Rechten. Wir sprechen von Leid, von fühlenden Wesen die Leiden können, der Rest bleibt erstmal zweitrangig in der Frage über Rechte. Dabei sind genau die Besonderheiten und die Autonomie des anderen Lebewesens, das woran Recht sich bemessen können muss.

Würde man Jeremy Benthams berühmtes Zitat über die Relevanz der Leidensfähigkeit von Tieren neu formulieren, würde der Fokus aber eben nicht weg von der Menge der Beine und der Beschaffenheit des Fells/Haut und der unbeantworteten Frage ihrer Vernunft hin zur Frage der Leidensfähigkeit geführt werden dürfen, ohne den anthropozentrischen Faux pas zu begehen, sondern wir würden genau an der Stelle anzetzen, wo das andere Individuum wegen seiner Besonderheit und Einmaligkeit anerkannt wird und der Mensch sich selbst neu genau daran ausrichtet, statt Definitionsmacht gegen das Leben anderer anzusetzen.

Benthams Schlüsselaussage, an der die Einklagung der Rechte scheitern muss, liegt eben an dem Punkt: “Is it the faculty of reason, or perhaps, the faculty for discourse?…the question is not, Can they reason? nor, Can they talk? but, Can they suffer? Why should the law refuse its protection to any sensitive being? The time will come when humanity will extend its mantle over everything which breathes…” Die Frage sei nicht ob Nichtmenschen über Vernunft verfügten oder einen Diskurs führen könnten, … auch nicht ob sie sprechen könnten, sondern ob sie leiden würden, denn warum sollte das Recht einem fühlenden Wesen den Schutz verwähren. Die Zeit werde kommen in der die Menschlichkeit ihren Mantel über alles was atmen kann schützend ausbreiten wird.

Dieser ethische Pfeiler erscheint edel, großartig, seiner Zeit und Kultur entsprechen mutig, scheint uns aber zugleich auch unzureichend. Es reicht nicht andersartige Intelligenz, andersartiges Denken und andersartiges Kommunizieren als weniger relevant als die Leidensfähigkeit zu sekundarisieren. Denn selbst die Leidensfähigkeit umfasst ein Netz an Ganzheitlichkeit. Und wir können den/die anderen nur in ihrer gegebenen Andersartigkeit und Besonderheit anerkennen und ihnen somit würdige Rechte zum Schutz vor Homo sapiens zugestehen, wenn wir deren Einmaligkeit als ebenso bedeutsam und gleichwertig wichtig in unser Rechtsverständnis mit einbeziehen können. Dazu müssen wir den anderen aber in seiner Ganzheit sehen wollen.

Das wäre letztendlich ein fortschrittlicheres umweltethisches und tierethisches Denken.

[1] Die Evolution nichtmenschliche Lebens ist nicht irgendwie stehen geblieben, http://simorgh.de/about/evolution_oder_stagnationen/

[2] Jeremy Bentham (1748 – 1832); Introduction to the Principles of Morals and Legislation, Zitate: https://www.utilitarianism.com/jeremybentham.html , Stand 03.11.17.

Gruppe Messel / Tierautonomie / Animal Autonomie

Angerungen für ein selbstdurchdachtes Tierrechts-FAQ: Anthropozentrismus – vom Wert menschlicher Intelligenzvorstellungen in der Beurteilung tierlicher Intelligenzen.

Podcast: Unwort “artgerecht”

Podcast: Unwort “artgerecht” (MP3)

Warum wir uns an dem Wort und unterschiedlichen Gedanken, die hinter dem Begriff “artgerecht” stehen, stoßen. Wer schreibt einer Gruppe von Tierindividuen zu, was deren grundlegende Bedürfnisse sind und an welcher Stelle sollten grundlegende Bedürfnisse im Leben eines Lebewesens eingrenzbar sein? Provokativ könnte man auch fragen ob man auch Menschen artgerecht behandeln kann.

Artgerechtigkeit bezieht sich auf das ganze Leben, den ganzen Lebenskontext eines Tieres. Wenn man also nur nichtmenschliche Tiere “artgerecht” behandeln kann, Menschen aber nicht, dann legt man damit fest, dass im Leben eines Menschen weit mehr fließende Übergänge im Lebensablauf und in seinen Lebenskontexten stattfinden als bei nichtmenschlichen Tieren. “Artgerecht” – sprich: die Eingrenzung und Bestimmung von Bedürfnissen und wo diese ihre Grenzen und Prioritäten haben – ist zu einfach um die Lebenskontexte von Tierindividuen zu beschreiben. Derer jeglicher Tierindividuen.

Hier sind auch einige Snippets, die mit der Materie zu tun haben und die Euch hoffentlich ebenfalls zum Denken anregen können. Uns geht es darum, dass die Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung wirklich eigene sinnvollere Terminologien (insbesondere Schlüsselterminologien) entwickeln sollte, statt sich der Sprache der bedingt objektiven Wissenschaften und derjenigen gesellschaftlichen Mehrheitssegmente zu bedienen, die effektive keine tierbefreierischen Ansätze verfolgen und die kaum ursächlich motiviert sind Nichtmenschen unter freieren, autonomie-respektierenden Gesichtspunkten zu betrachten.

Der Begriff “artgerecht” stammt primär aus der Agrarindustrie, den Tierhaltungsystemen, den Zoos, auch den zoologischen Programmen zur Nachzucht gefährdeter Spezies … weniger den Schutzreservaten, denn ich glaube um so freier und “wilder” der erhaltene Lebensraum, um so absurder und überflüssiger wird die Eingrenzung einer Spezies in einen bestimmten, eingrenzbaren Bedürfnisrahmen. Außer es geht um den “Artenerhalt” in Form einer Sortierung bestimmter Spezies, die als ökologisch erwünscht oder die bzw. als “fremd” und “schädigend” für ein ökologisches System klassifiziert werden, wo der Mensch die unerwünschte Spezies zur gewaltsamen Eliminierung freigibt. Die Tötungsmechanismen werden dann häufig wiederum unter “artgerechten” Gesichtspunkten ausgewählt.

Gruppe Messel: Freiheit, insbesondere Tierfreiheit, hat nichts mit „artgerecht“ zu tun

Das Wort „Freiheit“ im Zusammenhang mit „Artgerecht“ ist problematisch, denn Freiheit wird von Tierrechtler_innen selbst tatsächlich oft „artspezifisch“ definiert, und ist somit also überhaupt keine Freiheit mehr. Wäre man konsequent, müsste das Wort „Freiheit“ den Begriff „artspezifisch” logischerweise aufheben. Wäre die Freiheit „artgerecht“, dann wäre sie keine Freiheit mehr. Die Freiheit wird nicht einer Art gerecht, sondern das Individuum ist frei.

Anastasia Yarbrough: Rassismus und Speziesismus. Sind beide miteinander austauschbar?

Rasse und Spezies sind willkürliche Unterscheidungen die ungefähr in der gleichen Zeit im europäischen Denken entstanden. Beide sind geleitet von phänotypischen Unterscheidungen aber tragen das Gewicht und die Legitimität als seien sie biologisch verwurzelt, und biologisch wird oft gleichgesetzt mit etwas „Fixiertem.“

Barbara Noske: Die Tierfrage in der Anthropologie

Im besten Falle wird unsere „Animalität“ (unser Körper) als materielle Basis betrachtet, aus der sich unser echtes „Menschsein“ (Verstand, Sozialität, Kultur, Sprache) entwickeln konnte. Ironischerweise gravitieren viele Wissenschaftler um essenzialistische Positionen (wie Rasse und Geschlecht), die sie selbst in Hinsicht auf den Menschen ablehnen, sobald aber eine andere biologische Kategorie in Sicht kommt, und zwar unsere Speziesbarriere, wird eine biobehavioristische wissenschaftliche Charakterisierung in den Begriffen beobachtbarer Verhaltensweisen und Mechanismen dargestellt, von denen ausgegangen wird, dass diese im genetischen Aufbau der Tiere eincodiert sind. Biologie und Ethologie sind irgendwie zu den Wissenschaften über die Tierheit (animalkind) geworden. Es ist von diesen Wissenschaften woher die Sozialwissenschaftler (die Wissenschaften über die Menschheit) ihr eigenes Bild von Tieren und Tiersein unkritisch und zum größten Teil unbeabsichtigt beziehen. Tiere sind an biologische und genetische Erklärungen gebunden worden.

Chris von Olde Ghost: Ein Statement zu veganer Intersektionalität

Eine der Situationen, die mich immer wieder perplex machen, verwirren und oft auch erschüttern, ist wie Leute, die sich so dem Schutz, dem Erhalt und der Wiederherstellung der natürlichen Umwelt widmen, ein so geringes echtes Verständnis haben von der Verbindung zwischen dem Veganismus und den Auswirkungen, die eine auf Fleisch basierende Ernährung auf die Umwelt hat. In solchen Diskussionen wurde mir häufig entgegenet „naja, das Fleisch, dass ich esse ist von Tieren aus artgerechter Haltung, und daher ist es ok“ oder man kam mir mit dem blinden Versuch das Thema abzutun, indem man mir von den Negativauswirkungen von Sojabohnenprodukten etzählte, oder von der Tatsache, dass die vegane Lebensweise einfach „extrem“ sei.

Steven Bartlett: Menschlicher Widerstand gegen Tierrechte, psychologische und konzeptuelle Blockaden

Unabhängig vom religiösen Dogma, aber ebenfalls den homozentrischen Stempel tragend, hat der zweite, spezies-zentrierte Anspruch menschliche Interaktionen mit Tieren durchdrungen, in dem die Tiere vergleichsweise zur menschlichen Spezies als in vielen Weisen minderwertig befunden wurden. Nach dieser Ansicht wird behauptet, dass Tiere Eigenschaften ermangeln oder komplett fehlen, auf die Menschen bei sich selbst stolz sind: Der Besitz von Vernunft, Sprach- und Symbolverwendung, Fähigkeit zur Reflektion, Bewusstsein des Selbst und so weiter. Historisch haben Befürworter dieser Sichtweise eine extreme Agilität gezeigt in der Verschiebung ihrer territorialen Ansprüche von einer putativ speziell den Menschen unterscheidenden Eigenschaft zur nächsten, während Biologie und Ethologie weiterhin vorangeschritten sind und empirisch beweisen, dass eine einzigartig menschliche Eigenschaft nach der anderen von Mitgliedern anderer Spezies geteilt wird.

In der Zusammenhang noch einen Auszug aus Bartletts Text den ich hier noch gerne anführen möchte, in allgemeiner Hinsicht im Bezug auf diskriminierende Eingrenzungen von Nichtmenschen aufgrund ihnen zugeordneter biologischer Parameter.

[…] Der homozentrische Peter Singer schlägt eine welfaristisch-utilitaristische Theorie vor, die Menschen dazu auffordert, ihre eigenen Bedürfnisse mit den Bedürfnissen nichtmenschlicher Tiere auszubalancieren, in der Form, dass dadurch unnötiges Tierleid vermieden wird ohne dabei die Priorität menschlicher Interessen zu kompromittieren. Für Singer kann das Vorhandensein von Unterschieden in der kognitiven Fähigkeit korrespondierende Unterschiede im Grad moralischer Wichtigkeit mit sich bringen, und indem er dies sagt, schlägt er implizit eine Position vor, die karikiert werden kann als insistierend: um so mehr sie wie wir sind, um so wertvoller sind sie. In anderen Worten, die Spezies-Barriere ist aufgeweicht – aber nur bis zu dem Punkt, an dem die Ähnlichkeit zur menschlichen Spezies deutlich bleibt. Diese Position ist voller Probleme: zum Beispiel, es mag einige Leser erstaunen, dass Singer bezweifelt, dass für Tiere auf dem Weg zur Schlachtung, ihr schmerzloser Tod wirklich überhaupt eine Beraubung um etwas ist.

Vasile Stanescu: Warum Tiere zu lieben nicht reicht, eine feministische Kritik

In meiner Präsentation heute möchte ich die Aussagen von Kathy Rudy und die Praktiken von Catherine Friend kritisieren, als emblematisch für eine größere Bewegung, die den Feminismus mit Rechtfertigungen für einen fortgesetzten Konsum von Tierprodukten zusammenführen will. Ganz in Gegenteil dazu glaube ich, dass gerade aus der Position sowohl der feministischen als auch der queeren Epistemologie heraus, wir die Aufzucht und die Tötung ganz gleich welcher Tiere kritisieren müssen, auch wenn solche Praktiken als „human“ oder „artgerecht“ gekennzeichnet werden.

[…]

Über das Falsche am ländlichen Bild vom „Happy Meat“ [„glücklichen Fleisch“], hat Alice Walker in ihrem Essay „Bin ich Blue? sagen meine Augen dir dies denn nicht?“ geschrieben [im Englischen bedeutet ‚blue’ sowohl blau als auch traurig]. In dieser Kurzgeschichte erzählt Walker von der Begegnung mit einem Pferd, das jedes der Kriterien aufweisen würde, die Rudy für eine humane, „artgerechte“ Tierhaltung voraussetzt. So trägt dieses Pferd beispielsweise einen Namen, es ist gut genährt, es wurde nicht geschlagen oder „misshandelt“ und es verfügt sogar über zweitausend Quadratmeter an „schöner“ Fläche Land, in denen es umher galoppieren kann.

Dennoch lehnt Walker (die auch glaubt, dass Tiere lieben können und Emotionen haben) die Behandlung von Blue ab, weil das weibliche Pferd, in das Blue sich verliebt hat, von ihm getrennt wurde […].

Vasile Stanescu: Das Judas-Schwein, wie wir “invasive Spezies” unter Vorgabe des “Naturschutzes” töten

[…] So stellt auch seine Kritik an „Fabrikfarmen“ keinen Aufruf zur Beendigung allen Fleischverzehrs dar, sondern es ist nur ein Aufruf dazu, den Mangel an „Fürsorge“ für die Tiere zu beheben. Sein zugrunde liegendes Argument und die Art und Weise in der er imstande ist von den verwilderten Tieren zur artgerechten landwirtschaftlichen Tierhaltung überzuleiten, basiert auf der zweiten Idee, die, so meine ich, seinen beiden Argumenten unterliegt: der Biopolitik, dem Argument also, dass die Menschen das Leben selbst verwalten müssten. Das heißt, der Grundgedanke scheint zu sein, dass die „Natur“ sich nicht um sich selbst kümmern kann, ohne ständige menschliche „Intervention“. Und trotzdem muss genau zur gleichen Zeit diese „Intervention“ kontinuierlich im Verborgenen gehalten werden. Gleich den unsichtbaren Händen der Märkte, die der fortwährenden menschlichen Regulation bedürfen, scheint dieser Aufruf – sowohl zur Entfernung der verwilderten Tiere als auch zur Aufzucht artgerechten Fleisches – in simultaner Weise die ständige Einmischung der Menschen innerhalb des sogenannten „Natürlichen“ zu fordern und zugleich zu leugnen.

[…]

Ich möchte also diesen Diskurs bezüglich der Tötung verwilderter Tiere im Zusammenhang mit dem Diskurs über die artgerechte Viehwirtschaft betrachten. In Wirklichkeit werden Tiere aus vermeintlich humaneren, sog. artgerechten Haltungsbedingungen immer noch genetisch manipuliert, grob misshandelt und im Babyalter in industriellen Schlachthäusern getötet (Stanscu, „Green Eggs and Ham“; „Why Loving Animals in Not Enough“; „Crocodile Tears“). Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, so wäre diese Praxis immer noch praktisch irrelevant, da 99,9 Prozent aller Tiere, die zu landwirtschaftlichen Zwecken gehalten werden, unter den Bedingungen von Fabrikfarmen bzw. in der Massentierhaltung aufgezogen werden (Farm Forward). Ich habe daher auch zuvor argumentiert (Stanescu und Pedersen, „The Future of Critical Animal Studies“), dass der ganze Reiz oder die ganze Nützlichkeit eines locavoren Produkts darin liegt, die beinahe universelle Realität des Fabrikfarmensystems zu maskieren, und, was noch wichtiger ist, die Realität der harten Wahl, die getroffen werden muss, zu maskieren – dass es im Wesentlichen nämlich unmöglich ist, Fleisch und Ethik, beides zu haben. In anderen Worten: das, was die Verbraucher zu einem erhöhten Preis kaufen, ist nicht das Fleisch per se, sondern das Vergessen, dass eine Wahl getroffen werden musste. Und als solche dienen diese wenigen Vorzeigetiere, die auf den vermeintlich humaner oder artgerecht betriebenen Höfen leben, in einer Art symbolischer Stellvertretung der Wiedergutmachung, vergleichbar mit der sonderbaren Praxis der Präsidenten der Vereinigten Staaten einen Truthahn vor Thanksgiving, zu dem in den USA Millionen Truthähne getötet werden, zu begnadigen (Fiskesjö). In ähnlicher Weise agieren diese Höfe, als begnadigten sie symbolisch einige wenige Tiere, um eine Wiedergutmachung für die schätzungsweise 70 Milliarden Tiere zu betreiben, die nun bald weltweit fast ausschließlich unter Farbrikfarmbedingungen getötet werden.

Barbara Noske: Die Tierfrage in der Anthropologie. Ein Kommentar.

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Jahrgang 3, Nr. 1, Art. 1, ISSN 2363-6513, Dezember 2016

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Die Tierfrage in der Anthropologie: Ein Kommentar

Barbara Noske

Titel der englischsprachigen Originalfassung: The Animal Question in Anthropology: A Commentary. Der Artikel wurde der Zeitschrift Society & Animals in der Ausgabe: Vol. 1 No. 2, 1993 veröffentlicht. Übersetzung aus dem Englischen: Gita Yegane Arani. Mit der freundlichen Genehmigung von Dr. Barbara Noske.

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Zusammenfassung: Anthropologen und Soziologen, so wie Wissenschaftler in den Humanwissenschaften generell, gehen davon aus, dass Sozialität und Kultur nicht außerhalb des menschlichen Bereichs existieren. In der Anthropologie stehen Tiere nicht nur als Objekte da, denen gegenüber menschliche Subjekte sich verhalten, sondern sie stehen auch als Antithese da für all das, was den Menschen den Sozialwissenschaften zufolge, menschlich macht. Die Sozialwissenschaften gebären sich als die Wissenschaften der Diskontinuität zwischen Menschen und Tieren. Unsere Kontinuität zu Tieren wird als ein rein materieller Rest einer prähistorischen Vergangenheit angesehen. Im besten Falle wird unsere „Animalität“ (unser Körper) als materielle Basis betrachtet, aus der sich unser echtes „Menschsein“ (Verstand, Sozialität, Kultur, Sprache) entwickeln konnte. Ironischerweise gravitieren viele Wissenschaftler um essenzialistische Positionen (wie Rasse und Geschlecht), die sie selbst in Hinsicht auf den Menschen ablehnen, sobald aber eine andere biologische Kategorie in Sicht kommt, und zwar unsere Speziesbarriere, wird eine biobehavioristische wissenschaftliche Charakterisierung in den Begriffen beobachtbarer Verhaltensweisen und Mechanismen dargestellt, von denen ausgegangen wird, dass diese im genetischen Aufbau der Tiere eincodiert sind. Biologie und Ethologie sind irgendwie zu den Wissenschaften über die Tierheit (animalkind) geworden. Es ist von diesen Wissenschaften woher die Sozialwissenschaftler (die Wissenschaften über die Menschheit) ihr eigenes Bild von Tieren und Tiersein unkritisch und zum größten Teil unbeabsichtigt beziehen. Tiere sind an biologische und genetische Erklärungen gebunden worden. Dies hat zu einer „Anti-Tier Reaktion“ unter den Gelehrten in den Humanwissenschaften geführt. Sie erklären geradewegs, dass die Evolutionstheorie der Interpretation von Tieren und tierischer Handlungen genüge tut, aber nicht für Menschen. Fast kaum ein Kritiker biologischen Determinismusses wird fragen, ob Tiere wirklich in engen genetischen und biologischen Begriffen erklärt werden können.

Schlagworte: Anthropologie, Humanwissenschaften, Speziesismus, Anthropozentrismus

TIERAUTONOMIE,  Jg. 3 (2016), Heft 1.

Barbara Noske: Die Tierfrage in der Anthropologie: Ein Kommentar

Anthropologen definieren ihre Disziplin, die Anthropologie, allgemein als die Studie über den Anthropos (den Menschen) und halten es für völlig natürlich dem nichtmenschlichen Bereich des Tierreichs wenig oder gar keine Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Selbstverständlich kommen Tiere in anthropologischen Studien zwar vor, aber sie kommen dort vor als Rohmaterial menschlicher Handlungen und menschlichen Denkens. Die Anthropologie hat eine lange Tradition darin, die Formen zu untersuchen in denen Gruppen von Menschen und Kulturen mit ihrer natürlichen Umwelt, einschließlich anderer Tierspezies, umgehen, und in welcher Art sie sie betrachten. Solche Studien beschränken sich normalerweise auf Menschen in ihren Eigenschaften als Handlungsträger und Subjekten, die mit Tieren umgehen und über Tiere nachdenken.

Infolgedessen besteht die Tendenz Tiere als passive Objekte zu porträtieren, die in menschliche Handlungen einbezogen sind, über die gedacht wird und gegenüber denen Gefühle existieren. Weit davon entfernt als Handlungsträger und Subjekte in ihrem eigenen Recht verstanden zu werden, werden die Tiere selber von den Anthropologen praktisch übersehen. Sie und ihre Beziehungen zu Menschen werden normalerweise nicht als des anthropologischen Interesses wert betrachtet. Die meisten Anthropologen würden es für völlig natürlich halten, wenig oder keine Aufmerksamkeit darauf anzuwenden, wie Dinge für die involvierten Tiere aussehen, riechen, sich anfühlen, schmecken oder klingen. Folglich spielen Fragen, die für den Animal Welfare in der westlichen Welt oder in der Dritten Welt von Bedeutung sind, im anthropologischen Denken selten eine Rolle.

Anthropologen behandeln Tiere als integrale Teile menschlich ökonomischer Konstellationen und menschlich-zentrierter Ökosysteme: Tiere sind ökonomische Ressourcen, Gegenstände und Produktionsmittel, die dem menschlichen Gebrauch dienen.

Auf Tieren basierende Ökonomien wurden extensiv von Anthropologen erforscht, die die Hauptfrage darin sahen, ob verschiedene menschliche Praktiken mit Tieren ökonomisch oder ökologisch rational sind (von einem menschlichen Standpunkt aus gesehen) oder nicht. Nur in denjenigen Fällen, in denen halbwilde Tiere noch etwas an Kontrolle über ihren eigenen Verbleib behalten haben, schauen Anthropologen manchmal auf die Vorteile für die Tiere bei existierenden Mensch-Tier Arrangements.

Die Disziplin der Anthropologie ist unverhohlen anthropozentrisch. Im besten Falle werden Menschen und Tiere als Interagierende innerhalb eines gemeinschaftlichen Ökosystems gefasst, wobei der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit der Anthropologen auf das Verstehen der Menschen, eher als auf das Verstehen der Tiere gerichtet wird. Fragen konzentrieren sich auf Menschen und Menschen alleine. Doch hat die Dynamik von Tierpopulationen, deren Ernährungsformen und deren Mobilität keinen Einfluss auf die menschliche Kultur?

Abgesehen von Tieren, die als Faktoren der Lebens- und Überlebensgrundlagen funktionieren, haben Anthropologen ordnungsgemäß Aufmerksamkeit auch auf die Tiere gelenkt, die da sind um den nicht-subsistenziellen menschlichen Zwecken zu dienen, wie zum Beispiel als Objekte des Prestiges, als Opferungsobjekte oder als Totems. Tieren in dieser Funktion wurde religiöse Bedeutsamkeit und symbolische und metaphorische Kraft zugesprochen. Auch haben sich Anthropologen auf die Rollen konzentriert, die Tiere im menschlichen zeremoniellen- und im religiösen Leben spielen.

Das anthropologische Interesse an Totemtieren oder an Tiersymbolen bietet keine Garantie gegen eine anthropozentrische Herangehensweise. Mehr als oft dient solch ein Interesse als Entschuldigung dafür, bei menschlichen Konstrukten anzuhalten, statt den Tieren selbst Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen.

Wenn Anthropologen auf dieses Thema hin angesprochen werden, argumentieren sie, dass man hinsichtlich von Fragen über Tiere per se, sich besser an die Biologie oder Ethologie wenden sollte. Sie darauf hinzuweisen, dass es über die Mensch-Tier Beziehung hinaus auch so etwas wie eine Tier-Mensch Beziehung gibt, und dass dies zu ignorieren zu einer einseitigen Subjekt-Objekt Herangehensweise führt, ist Zeitverschwendung. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt bleibt der Anthropozentrismus in der Anthropologie effektive unhinterfragt.

Den Anthropozentrismus der Anthropologie verstehen

Der Grund hierfür ist die allgemein verbreitete Ansicht, dass Tiere selber einer Wissenschaft, die sich mit dem Sozialen und dem Kulturellen befasst,  nichts zu bieten haben. Anthropologen und Soziologen, so wie alle Gelehrten in den Humanwissenschaften generell, gehen davon aus, dass Sozialität und Kultur nicht außerhalb des menschlichen Bereichs existieren. Man sieht diese Phänomene als ausschließlich menschliche an, und diese Sicht führt die Anthropologen und ihre Kollegen zu dem Zirkelschluss, dass Tiere, da sie nicht Menschen sind, in keiner Weise soziale Wesen oder Kulturwesen sein können.

Sozialwissenschaftler charakterisieren Menschen in den Begriffen der materiellen und sozialen Arrangements die diese Menschen treffen und durch die sie auch geformt sind: als Wesen die sozial konstituieren und sozial konstituiert sind.

Menschen werden gesehen als solche, die ihre eigene Geschichte schaffen. Und während man einst glaubte, dass ihre Naturgeschichte für sie gemacht war, versucht die moderne Menschheit diese Geschichte nun auch zu formen. Im Kontrast dazu, geht man bei Tieren davon aus, dass sie allein eine Naturgeschichte haben, die für sie gemacht ist und die sie an erster Stelle überhaupt hat entstehen lassen.

Im Gegensatz zum Fall des Menschen tendiert man dazu Tiere als Organismen zu betrachten, die primär durch ihren individuell basierenden genetischen Aufbau geleitet sind. Aber es zeigt sich, dass diese Anschauung a priori gesetzt ist – betrachtet vor dem Hintergrund, dass fast kein Student in der menschlichen Gesellschaft und Kultur, die gleiche Fragen über Tiere stellt, die über Menschen gestellt werden.

Man schaut nicht nach dem Sozialen und dem Kulturellen, wo es gewiss nicht gefunden werden kann, außerhalb der menschlichen Sphäre! Jedoch wenn man in seiner Betrachtung voraussetzt, dass Menschen die einzigen Wesen sind, die imstande sind sich eine Gesellschaft, Kultur und Sprache zu schaffen, dann schließt man Tierformen von Gesellschaft, Kultur und Sprache per Definition aus. Im Ganzen stehen Tiere in der Anthropologie nicht nur als Objekte da, denen gegenüber menschliche Subjekte sich verhalten, sondern sie stehen auch als Antithese da für all das, was den Menschen, den Sozialwissenschaften zufolge, menschlich macht. Die Sozialwissenschaften zeigen sich in erster Linie als die Wissenschaften der Diskontinuität zwischen Menschen und Tieren.

Nur wenige Sozialwissenschaftler sind bereit zu fragen, was eine Tier-Mensch Kontinuität in den Begriffen ihres eigenen Gebietes bedeuten könnte. So interessieren sich Soziologen nicht für die Soziologie von Tieren. Auch Hinterfragen die meisten Soziologen nicht die allgemeine Subjekt-Objekt Herangehensweise in der Mensch-Tier Beziehung; und am allerwenigsten werfen sie Fragen darüber auf, in welchen Formen tierliche Subjekte sich auf menschliche Subjekte beziehen können. Die meisten Sozialwissenschaftler neigen dazu unsere Kontinuität zu Tieren als einen rein materiellen Rest einer prähistorischen Vergangenheit anzusehen. Im besten Falle wird unsere „Animalität“ (unser Körper) als die materielle Basis betrachtet, aus der sich unser echtes „Menschsein“ (Verstand, Sozialität, Kultur, Sprache) entwickeln konnte. Unser Menschsein ist auf einer Tierbasis bestimmter Art gebaut, mit einem wesentlichen Zusatz.

Biologischer Essentialismus: Nur für Tiere

Im gleichen Zuge tendieren Sozialwissenschaftler dazu, sich vor jeder Form eines biologischen Essenzialismus in acht zu nehmen. Sie weisen schnellstens hin auf die Gefahren in Erklärungen sozialer Unterschiede bei Menschen über Begriffe biologischer Essenzen, so wie Rasse oder Geschlecht (und das in berechtigter Weise).

Ironischerweise gravitieren viele Wissenschaftler die diese Ansicht vertreten trotzdem noch um die essenzialistischen Positionen die sie selbst angeblich ablehnen, sobald eine andere biologische Kategorie in Sicht kommt, und zwar unsere Speziesbarriere. Plötzlich tauchen unter den Anthropologen und Sozialwissenschaftlern klar umrissene Vorstellungen darüber auf, was menschlich ist und was tierisch ist. Ihre direkte Kritik an denjenigen, die in Begriffen anderer biologischer Essenzen denken, verliert an Glaubhaftigkeit in Anbetracht ihrer eigenen Annahmen über menschliche und tierische Essenzen. Implizit haben Anthropologen Konzeptionen, die sich an eine universelle menschliche Essenz binden: Diese scheint an erster Stelle und am hauptsächlichsten in unserem „Nicht-Tierseins“ und in dem „Nicht-Menschseins“ der Tiere repräsentiert zu sein. Aber wenn das Menschsein mit dem Nicht-Tiersein identisch ist, was macht das Tiersein aus und was sind Tiere?

Wie wir vorher festgestellt haben, zeigt kaum ein Sozialwissenschaftler ein Interesse an Tieren wegen ihrer selbst, geschweige denn ein Interesse daran soziologische und anthropologische Fragen [a.d.Ü.: die Wirkung der Tiere auf die menschlichen Belange] über sie zu stellen. Mit diesem gegebenen Ausschluss von Tieren aus deren respektiven Wissenschaftsbereichen, welche Grundlagen haben diese Sozialwissenschaftler dann dafür solch überzeugte Erklärungen über Tiere abzugeben und vor allen Dingen darüber was Tiere nicht sind? Welche Konzeptionen haben diese Wissenschaftler von Tieren und woher stammen diese Auffassungen?

In einer früheren Veröffentlichung (Noske, Humans and other Animals, 1989) habe ich beschrieben in welchem Ausmaß das sozialwissenschaftliche Bild der Tiere und des Tierseins durch Wissenschaften geprägt wurde, die häufig in bezichtigender Weise als reduktionistisch und objektifizierend bezeichnet werden können. Solch ein Reduktionismus wird aber nur dann beschuldigt, wenn er sich auf menschliche Wesen richtet. Die Naturwissenschaften, insbesondere die biobehavioristischen Wissenschaften, sind verantwortlich für die Schaffung des gegenwärtig bestehenden Bildes vom Tier. Die biobehavioristische wissenschaftliche Charakterisierung von Tieren wird in Begriffen beobachtbarer Verhaltensweisen und Mechanismen dargestellt, von denen ausgegangen wird, dass diese im genetischen Aufbau des Tieres eincodiert sind. Ungleich genetischer Transmission, geht menschlich kulturelle Transmission nicht über die Köpfe der betroffenen Individuen hinaus. Sie beinhaltet die aktive, wenn auch nicht immer bewusste Teilnahme der Transmittoren (der Lehrer) so wie der Rezipienten (der Lernenden).  Es ist nicht so, als wären die Ersteren aktiv und die Zweiteren passiv.

Biologie und Ethologie sind irgendwie zu den Wissenschaften über die Tierheit (animalkind) geworden. Es ist von diesen Wissenschaften woher die Sozialwissenschaftler (die Wissenschaften über die Menschheit) ihr eigenes Bild von Tieren und Tiersein unkritisch und zum größten Teil unbeabsichtigt beziehen. Tiere sind an biologische und genetische Erklärungen gebunden worden.

Dies hat zu einer „Anti-Tier Reaktion“ unter den Gelehrten in den Humanwissenschaften geführt. Sie erklären geradewegs, dass die Evolutionstheorie der Interpretation von Tieren und tierischer Handlungen genüge tut, aber nicht für Menschen. Fast kaum ein Kritiker biologischen Determinismusses wird fragen, ob Tiere wirklich in engen genetischen und biologischen Begriffen erklärt werden können.

Viele Menschen in oder in Verbindung mit den Sozialwissenschaften irren mit ihrer Akzeptanz des biologischen Bildes von Tieren als der tierischen Essenz. Sie versäumen es anzuerkennen, dass das Bild von Tieren ein de-animalisiertes biologisches Konstrukt ist. Die anthropozentrischen Sozialwissenschaften betrachten ihren eigenen Gegenstand, Menschen, als Tier in der Basis, plus eines wesentlichen Zusatzes. Diese Sicht macht Tiere automatisch zu reduzierten Menschen. Das Argument verläuft folgendermaßen: Wenn Biologen und Ethologen reduktionistisch sind, ist das weil Tiere als reduzierte Wesen sie dazu veranlassen so zu denken.

So mag es wohl sein, dass Tiere weiterhin objektifiziert werden, da Biologen es vorziehen reduktionistisch zu bleiben und da Sozialwissenschaftler für ihren Teil es bevorzugen anthropozentrisch zu bleiben.

Die Neubetrachtung der Mensch-Tier Kontinuität

Vermittelt unser gegenwärtiges Bild von Tieren wirklich alles was es mit Tieren auf sich hat? Wenn wir die Zerrbilder abgelehnt haben, die Reduktionisten von Menschen angefertigt haben, warum nehmen wir deren Zerrbilder über Tiere dann als einen gültigen Parameter hin?

Eine Anerkennung der Mensch-Tier Kontinuität heißt nicht notwendigerweise sich in einen biologischen Reduktionismus stürzen zu müssen (Noske, 1989). Ein anderes Hindernis für die Anerkennung einer Mensch-Tier Kontinuität, ist die Angst unter Biologen des Anthropomorphismus bezichtigt zu werden, d.h. der Attribution menschlicher Charakteristiken an Tiere. Für ihren Teil haben Sozialwissenschaftler das eifersüchtig bewacht, was sie als die menschliche Domäne betrachten, und sie neigen somit dazu der Angst der Biologen vor einem Anthropomorphismus zuzustimmen. Was gegenwärtig des Anthropomorphismusses beschuldigt wird sind solche Charakterisierungen auf die Sozialwissenschaftler erpicht sind sie dem Menschen vorzubehalten. In ihrer Kritik eines biologischen Determinismusses richten Sozialwissenschaftler häufig einen bezichtigenden Finger auf jeden, der Tieren Personenschaft zuspricht. Aber nochmals, wie kann man wissen, in welcher Weise sich Tiere von Menschen unterscheiden oder ihnen gleichen, wenn man ablehnt die gleichen Fragen über beide zu stellen?

Es gibt einige mutige Tierwissenschaftler die sagen, dass Tiere menschlicher und weniger objekthaft sind als ihre eigene Wissenschaft uns glauben machen will. Aber sie äußern solche Dinge häufig außerhalb von Berichten oder in fast entschuldigender Weise. Das ist verständlich, da sie sowohl aus der Perspektive der Tierwissenschaften als auch aus der der Humanwissenschaften ein Sakrileg begehen. Die Wissenschaftler die Tiere tatsächlich als teilnehmende Beobachter studiert haben – der gewöhnlichen anthropologischen Herangehensweise an menschliche Gesellschaften – zeigen eine Spannung in ihren Aufzeichnungen zwischen den akzeptierten biologischen Codes und ihren eigenen Erfahrungen mit Tierpersonenschaft.

Jane Goodall, die mit Schimpansen arbeitet, Dian Fossey, die mit Berggorillas lebte und starb, das Douglas-Hamilton Paar und Cynthia Moss, die bei Elefanten lebt und arbeitet, sie alle schreiben über berührende Erfahrungen mit der Personenschaft von Tieren. Ihre Wissenschaft kann mit diesen Formen der Tierrealität nicht umgehen und sie tendiert dazu diese zu verkleinern oder zu ignorieren. Die Tierwissenschaften sind einfach nicht dafür ausgestattet mit denjenigen Charakteristiken bei Tieren umzugehen, die den Sozialwissenschaften zufolge die Menschen menschlich machen.

Konfrontiert mit den Unzulänglichkeiten ihrer eigenen Tradition, hat eine Anzahl unzufriedener Tierforscher, wie Donna Haraway und Donald Griffin, eine tentative anthropologische Herangehensweise an Tiere gefordert. Was ihnen an der Anthropologie gefällt und vor allen Dingen an ihrer Methode der partizipierenden Beobachtung, ist ihre intersubjektive, nonreduktionistische Art Wissen zu erlangen; eine Methode die im starken Kontrast zur Subjekt-Objekt Herangehensweise der Tierwissenschaftler in deren Laboratorien steht.

Anthropologen behandeln den Anderen mit Respekt und hüten sich vor Ethnozentrismus. Selbst wenn der Andere nicht voll begriffen oder verstanden werden kann, wurden Anthropologen dahingehen geschult diesen nichterfassbaren Boden mit Respekt eher als mit Herablassung zu betreten. Aber all dies richtet sich nur an den menschlichen Anderen. Es ist sonderbar, dass Wissenschaftler, die gelernt haben auf die Gefahren von Ethnozentismus zu achten, so leicht in eine andere Form des Zentrismus, des Anthropozentrismus, fallen.

Wir sind traurigerweise bei zwei nach außen hin als unverbunden erscheinenden Bildern steckengeblieben: einem der Menschheit und einem der Tierheit, die durch zwei völlig separate Arten von Wissenschaft vermittelt werden; die eine, die Menschen als soziale Subjekte typifiziert, und die andere, die Tiere als biologische Objekte typifiziert. Für die neu hevorgehende Disziplin der Mensch-Tier Beziehungen, wird dies ein beträchtliches Hindernis sein, das es zu überwinden gilt.

Zur Autorin
Barbara Noske ist Kulturanthropologin und hat ihr Doktorat in Philosophie an der Universität von Amsterdam absolviert. Dr. Noske arbeitet als Research Fellow am Research Institute for Humanities and Social Sciences der University of Sydney, Australien. Eine weitere Diskussion über die Fragen, die in diesem Kommentar aufgeworfen sind, befindet sich in ihrem Buch, Humans and other animals: Beyond the boundaries of anthropology, London: Pluto Press, 1989. Dieses Buch ist nun leider vergriffen. Es existiert aber eine neu aufgelegte und neu überarbeitete Version. Sie heißt Beyond Boundaries: humans and animals und ist herausgekommen bei Black Rose Books, Montreal, 1997.

Grafik
Farangis G. Yegane, Portrait einer Kuh, 200 cm x 175 cm, Acryl auf Leinwand, 1996.

Übersetzung
Gita Yegane Arani, www.simorgh.de – ‚Open Access in der Tier-, Menschen- und Erdbefreiung’. Revised 12/2016.

Zitation
Noske, Barbara (2016). Die Tierfrage in der Anthropologie: Ein Kommentar. TIERAUTONOMIE, 1(3), URL: http://simorgh.de/tierautonomie/JG3_2016_1_noske_2a.pdf.

TIERAUTONOMIE (ISSN 2363-6513)

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