Ethische Schnittstellen im Denken erkennen und verfolgen

Einbruch ethischer Grenzen zwischen Mensch- und Tiersein:
Wir brauchen eine Ethik der Schnittstellen … Alleiniges Kriterium [dabei] ist das Tiersein und seine Bedeutung für die Tiere [selbst]. Dies bringt mehr an Denken und neuem Denken mit sich (so auch für den ‚Tierfreund’ und das Tier: Mensch) als all die Hemmnisse, die sich fortwährend aus den geistigen Beheimatungen in Annahme, Glaube, Behauptung und den daraus abgeleiteten Beobachtungen, Untersuchungen, Festlegungen und Definitionen über das Tiersein, die Welt und das Menschsein ergeben.

Hemmnisse in unserer unmittelbaren Beziehung zum ‚Sein im Kontext von Physis und Zeit’, die wie Denkvorschriften metaphysischen Ausmaßes einen Raum fundamentalster Ungerechtigkeit am Mitleben geschaffen haben.

Der Unterschied in der Eklärung oder in den Ableitungen über Existenz, liegt also

in der Wahrung und den gegenseitigen Wahrnehmungen gleichbedeutsamer Integrität allen tierlichen Seins, da wir alle unser Leben und unsere Lebensräume gegenseitig mitgestalten, mitbeleben und mitbeeiflussen einerseits,
– zu andererseits der willkürlichen, die Andersartigkeit herabwürdigende Klassifizierung tierlichen Seins als ethisch-moralischen Gegensatz bildend, im Sinne einer Zuordnung von Passivität und des bloßen Rezipierens in Rolle eines Objektes von Ethik und Moral, was den Fehlschluss mit einbeschließt das Tierlich-Denkende sei eine vom menschlich-denkenden Sein qualitativ auszuschließende Hemisphäre.

Gruppe Messel / Tierautonomie /Animal Autonomy: Eine Ethik der Schnittstellen.

Nachsatz: man könnte hier noch von falschem Wissen sprechen und von der Frage, wie man das Tiersein und seine Bedeutung für Tiere ableiten soll, wenn man selbst kein Tier ist. Doch gehen wir vom ‘Mensch-Tierkontinuum’ im Mindesten, aber doch mehr von tierlicher Pluralität aus, die das Menschsein mit einbeschließt. So können wir als ‘Mensch/Tier’ uns anderen Tieren in loyal, sozial, verständnisvoller Weise annähern wie anderen ‘Mensch/Tieren’. Und was das Problem des Wissens anbetrifft, es muss in der Tat zur notwendigen Korrektur verworfen und kritisch überprüft werden, doch nicht am Lebewesen, sondern inhaltlich.

Tierintelligenzen und ein häufiger anthropozentrischer Fehlschluss


“Who are you little insect … what about the dragon flies that lived in prehistoric times, you are just like them.” – love justice

Tierintelligenzen und ein häufiger anthropozentrischer Fehlschluss der bei Tierrechtler_innen immer wieder vorkommt

Anthropozentrismus ist…:

Wenn Tierrechtler_innen, Tierethiker_innen etc. meinen der Maßstab für Intelligenz sei eine vermeintlich mehr oder weniger normativ festlegbare menschliche Form von Intelligenz. Wenn sie ohne weitere Diskussionen durchgehen lassen, dass unterschiedliche nichtmenschliche Spezies oder alle Nichtmenschen als weniger Intelligent bezeichnet werden. Und wenn sie dann wie Jeremy Bentham im 19.Jhdt mutig äußern, dass das Leid und die Leidensfähigkeit alleine zählen.

  1. Gibt es unterschiedliche Intelligenzen, keine ist weniger wert, keine ist weniger komplex. [1]
  2. Wird der Bezugsrahmen bei solchen Faux pas an genau den menschlichen Idealen von Intelligenz ausgerichtet, die unsere Welt letztendlich auf den besten Weg zur totalen Zerstörung befördert haben.

Tierintelligenzen seien nicht so relevant für die Anerkennung der nichtmenschlichen Würde und derer Lebensrechte. Und Homo sapiens sei der Maßstab für relevante Intelligenz/en überhaupt.

Aber nochmal zu Benthams Erkenntnis über die Relevanz der Leidensfähigkeit aller tierlichen Lebewesen – so auch des Menschen:

Er begründete selbst die Rechte unterdrückter ‚nichtweisser’ Menschen auf deren Leid und deren Zustand der Unterdrücktheit und nicht primär aufgrund derer kultureller Stärken, eventueller Andersartigkeit und ihres eigenen Identitätsbewusstseins, so sagt er:

The French have already discovered that the blackness of skin is no reason why a human being should be abandoned without redress to the caprice of a tormentor.” [2]

Und fährt in einem Atemzug fort:

It may come one day to be recognized, that the number of legs, the villosity of the skin, or the termination of the os sacrum, are reasons equally insufficient for abandoning a sensitive being to the same fate. What else is it that should trace the insuperable line?

Was gehört aber zu einem senstitive being? Dazu äußert er sich nicht positiv. Sensitiv ist fühlend im eher biologisch, physiologischen Sinne, aber selbst dies ist ein slippery slope.

Im Bezug auf nichtmenschliche Tiere stehen wir also noch an ähnlicher Stelle wir die Utilitaristen. Wir begründen Rechte negativ, denn wir sprechen nicht von Besonderheiten, Einmaligkeiten, individuellen Stärken und vor allem von autonomer, eigenwertiger Bedeutsamkeit als Ausgangslage für die Anerkennung von Rechten. Wir sprechen von Leid, von fühlenden Wesen die Leiden können, der Rest bleibt erstmal zweitrangig in der Frage über Rechte. Dabei sind genau die Besonderheiten und die Autonomie des anderen Lebewesens, das woran Recht sich bemessen können muss.

Würde man Jeremy Benthams berühmtes Zitat über die Relevanz der Leidensfähigkeit von Tieren neu formulieren, würde der Fokus aber eben nicht weg von der Menge der Beine und der Beschaffenheit des Fells/Haut und der unbeantworteten Frage ihrer Vernunft hin zur Frage der Leidensfähigkeit geführt werden dürfen, ohne den anthropozentrischen Faux pas zu begehen, sondern wir würden genau an der Stelle anzetzen, wo das andere Individuum wegen seiner Besonderheit und Einmaligkeit anerkannt wird und der Mensch sich selbst neu genau daran ausrichtet, statt Definitionsmacht gegen das Leben anderer anzusetzen.

Benthams Schlüsselaussage, an der die Einklagung der Rechte scheitern muss, liegt eben an dem Punkt: “Is it the faculty of reason, or perhaps, the faculty for discourse?…the question is not, Can they reason? nor, Can they talk? but, Can they suffer? Why should the law refuse its protection to any sensitive being? The time will come when humanity will extend its mantle over everything which breathes…” Die Frage sei nicht ob Nichtmenschen über Vernunft verfügten oder einen Diskurs führen könnten, … auch nicht ob sie sprechen könnten, sondern ob sie leiden würden, denn warum sollte das Recht einem fühlenden Wesen den Schutz verwähren. Die Zeit werde kommen in der die Menschlichkeit ihren Mantel über alles was atmen kann schützend ausbreiten wird.

Dieser ethische Pfeiler erscheint edel, großartig, seiner Zeit und Kultur entsprechen mutig, scheint uns aber zugleich auch unzureichend. Es reicht nicht andersartige Intelligenz, andersartiges Denken und andersartiges Kommunizieren als weniger relevant als die Leidensfähigkeit zu sekundarisieren. Denn selbst die Leidensfähigkeit umfasst ein Netz an Ganzheitlichkeit. Und wir können den/die anderen nur in ihrer gegebenen Andersartigkeit und Besonderheit anerkennen und ihnen somit würdige Rechte zum Schutz vor Homo sapiens zugestehen, wenn wir deren Einmaligkeit als ebenso bedeutsam und gleichwertig wichtig in unser Rechtsverständnis mit einbeziehen können. Dazu müssen wir den anderen aber in seiner Ganzheit sehen wollen.

Das wäre letztendlich ein fortschrittlicheres umweltethisches und tierethisches Denken.

[1] Die Evolution nichtmenschliche Lebens ist nicht irgendwie stehen geblieben, http://simorgh.de/about/evolution_oder_stagnationen/

[2] Jeremy Bentham (1748 – 1832); Introduction to the Principles of Morals and Legislation, Zitate: https://www.utilitarianism.com/jeremybentham.html , Stand 03.11.17.

Gruppe Messel / Tierautonomie / Animal Autonomie

Angerungen für ein selbstdurchdachtes Tierrechts-FAQ: Anthropozentrismus – vom Wert menschlicher Intelligenzvorstellungen in der Beurteilung tierlicher Intelligenzen.

Podcast: Unwort “artgerecht”

Podcast: Unwort “artgerecht” (MP3)

Warum wir uns an dem Wort und unterschiedlichen Gedanken, die hinter dem Begriff “artgerecht” stehen, stoßen. Wer schreibt einer Gruppe von Tierindividuen zu, was deren grundlegende Bedürfnisse sind und an welcher Stelle sollten grundlegende Bedürfnisse im Leben eines Lebewesens eingrenzbar sein? Provokativ könnte man auch fragen ob man auch Menschen artgerecht behandeln kann.

Artgerechtigkeit bezieht sich auf das ganze Leben, den ganzen Lebenskontext eines Tieres. Wenn man also nur nichtmenschliche Tiere “artgerecht” behandeln kann, Menschen aber nicht, dann legt man damit fest, dass im Leben eines Menschen weit mehr fließende Übergänge im Lebensablauf und in seinen Lebenskontexten stattfinden als bei nichtmenschlichen Tieren. “Artgerecht” – sprich: die Eingrenzung und Bestimmung von Bedürfnissen und wo diese ihre Grenzen und Prioritäten haben – ist zu einfach um die Lebenskontexte von Tierindividuen zu beschreiben. Derer jeglicher Tierindividuen.

Hier sind auch einige Snippets, die mit der Materie zu tun haben und die Euch hoffentlich ebenfalls zum Denken anregen können. Uns geht es darum, dass die Tierrechts-/Tierbefreiungsbewegung wirklich eigene sinnvollere Terminologien (insbesondere Schlüsselterminologien) entwickeln sollte, statt sich der Sprache der bedingt objektiven Wissenschaften und derjenigen gesellschaftlichen Mehrheitssegmente zu bedienen, die effektive keine tierbefreierischen Ansätze verfolgen und die kaum ursächlich motiviert sind Nichtmenschen unter freieren, autonomie-respektierenden Gesichtspunkten zu betrachten.

Der Begriff “artgerecht” stammt primär aus der Agrarindustrie, den Tierhaltungsystemen, den Zoos, auch den zoologischen Programmen zur Nachzucht gefährdeter Spezies … weniger den Schutzreservaten, denn ich glaube um so freier und “wilder” der erhaltene Lebensraum, um so absurder und überflüssiger wird die Eingrenzung einer Spezies in einen bestimmten, eingrenzbaren Bedürfnisrahmen. Außer es geht um den “Artenerhalt” in Form einer Sortierung bestimmter Spezies, die als ökologisch erwünscht oder die bzw. als “fremd” und “schädigend” für ein ökologisches System klassifiziert werden, wo der Mensch die unerwünschte Spezies zur gewaltsamen Eliminierung freigibt. Die Tötungsmechanismen werden dann häufig wiederum unter “artgerechten” Gesichtspunkten ausgewählt.

Gruppe Messel: Freiheit, insbesondere Tierfreiheit, hat nichts mit „artgerecht“ zu tun

Das Wort „Freiheit“ im Zusammenhang mit „Artgerecht“ ist problematisch, denn Freiheit wird von Tierrechtler_innen selbst tatsächlich oft „artspezifisch“ definiert, und ist somit also überhaupt keine Freiheit mehr. Wäre man konsequent, müsste das Wort „Freiheit“ den Begriff „artspezifisch” logischerweise aufheben. Wäre die Freiheit „artgerecht“, dann wäre sie keine Freiheit mehr. Die Freiheit wird nicht einer Art gerecht, sondern das Individuum ist frei.

Anastasia Yarbrough: Rassismus und Speziesismus. Sind beide miteinander austauschbar?

Rasse und Spezies sind willkürliche Unterscheidungen die ungefähr in der gleichen Zeit im europäischen Denken entstanden. Beide sind geleitet von phänotypischen Unterscheidungen aber tragen das Gewicht und die Legitimität als seien sie biologisch verwurzelt, und biologisch wird oft gleichgesetzt mit etwas „Fixiertem.“

Barbara Noske: Die Tierfrage in der Anthropologie

Im besten Falle wird unsere „Animalität“ (unser Körper) als materielle Basis betrachtet, aus der sich unser echtes „Menschsein“ (Verstand, Sozialität, Kultur, Sprache) entwickeln konnte. Ironischerweise gravitieren viele Wissenschaftler um essenzialistische Positionen (wie Rasse und Geschlecht), die sie selbst in Hinsicht auf den Menschen ablehnen, sobald aber eine andere biologische Kategorie in Sicht kommt, und zwar unsere Speziesbarriere, wird eine biobehavioristische wissenschaftliche Charakterisierung in den Begriffen beobachtbarer Verhaltensweisen und Mechanismen dargestellt, von denen ausgegangen wird, dass diese im genetischen Aufbau der Tiere eincodiert sind. Biologie und Ethologie sind irgendwie zu den Wissenschaften über die Tierheit (animalkind) geworden. Es ist von diesen Wissenschaften woher die Sozialwissenschaftler (die Wissenschaften über die Menschheit) ihr eigenes Bild von Tieren und Tiersein unkritisch und zum größten Teil unbeabsichtigt beziehen. Tiere sind an biologische und genetische Erklärungen gebunden worden.

Chris von Olde Ghost: Ein Statement zu veganer Intersektionalität

Eine der Situationen, die mich immer wieder perplex machen, verwirren und oft auch erschüttern, ist wie Leute, die sich so dem Schutz, dem Erhalt und der Wiederherstellung der natürlichen Umwelt widmen, ein so geringes echtes Verständnis haben von der Verbindung zwischen dem Veganismus und den Auswirkungen, die eine auf Fleisch basierende Ernährung auf die Umwelt hat. In solchen Diskussionen wurde mir häufig entgegenet „naja, das Fleisch, dass ich esse ist von Tieren aus artgerechter Haltung, und daher ist es ok“ oder man kam mir mit dem blinden Versuch das Thema abzutun, indem man mir von den Negativauswirkungen von Sojabohnenprodukten etzählte, oder von der Tatsache, dass die vegane Lebensweise einfach „extrem“ sei.

Steven Bartlett: Menschlicher Widerstand gegen Tierrechte, psychologische und konzeptuelle Blockaden

Unabhängig vom religiösen Dogma, aber ebenfalls den homozentrischen Stempel tragend, hat der zweite, spezies-zentrierte Anspruch menschliche Interaktionen mit Tieren durchdrungen, in dem die Tiere vergleichsweise zur menschlichen Spezies als in vielen Weisen minderwertig befunden wurden. Nach dieser Ansicht wird behauptet, dass Tiere Eigenschaften ermangeln oder komplett fehlen, auf die Menschen bei sich selbst stolz sind: Der Besitz von Vernunft, Sprach- und Symbolverwendung, Fähigkeit zur Reflektion, Bewusstsein des Selbst und so weiter. Historisch haben Befürworter dieser Sichtweise eine extreme Agilität gezeigt in der Verschiebung ihrer territorialen Ansprüche von einer putativ speziell den Menschen unterscheidenden Eigenschaft zur nächsten, während Biologie und Ethologie weiterhin vorangeschritten sind und empirisch beweisen, dass eine einzigartig menschliche Eigenschaft nach der anderen von Mitgliedern anderer Spezies geteilt wird.

In der Zusammenhang noch einen Auszug aus Bartletts Text den ich hier noch gerne anführen möchte, in allgemeiner Hinsicht im Bezug auf diskriminierende Eingrenzungen von Nichtmenschen aufgrund ihnen zugeordneter biologischer Parameter.

[…] Der homozentrische Peter Singer schlägt eine welfaristisch-utilitaristische Theorie vor, die Menschen dazu auffordert, ihre eigenen Bedürfnisse mit den Bedürfnissen nichtmenschlicher Tiere auszubalancieren, in der Form, dass dadurch unnötiges Tierleid vermieden wird ohne dabei die Priorität menschlicher Interessen zu kompromittieren. Für Singer kann das Vorhandensein von Unterschieden in der kognitiven Fähigkeit korrespondierende Unterschiede im Grad moralischer Wichtigkeit mit sich bringen, und indem er dies sagt, schlägt er implizit eine Position vor, die karikiert werden kann als insistierend: um so mehr sie wie wir sind, um so wertvoller sind sie. In anderen Worten, die Spezies-Barriere ist aufgeweicht – aber nur bis zu dem Punkt, an dem die Ähnlichkeit zur menschlichen Spezies deutlich bleibt. Diese Position ist voller Probleme: zum Beispiel, es mag einige Leser erstaunen, dass Singer bezweifelt, dass für Tiere auf dem Weg zur Schlachtung, ihr schmerzloser Tod wirklich überhaupt eine Beraubung um etwas ist.

Vasile Stanescu: Warum Tiere zu lieben nicht reicht, eine feministische Kritik

In meiner Präsentation heute möchte ich die Aussagen von Kathy Rudy und die Praktiken von Catherine Friend kritisieren, als emblematisch für eine größere Bewegung, die den Feminismus mit Rechtfertigungen für einen fortgesetzten Konsum von Tierprodukten zusammenführen will. Ganz in Gegenteil dazu glaube ich, dass gerade aus der Position sowohl der feministischen als auch der queeren Epistemologie heraus, wir die Aufzucht und die Tötung ganz gleich welcher Tiere kritisieren müssen, auch wenn solche Praktiken als „human“ oder „artgerecht“ gekennzeichnet werden.

[…]

Über das Falsche am ländlichen Bild vom „Happy Meat“ [„glücklichen Fleisch“], hat Alice Walker in ihrem Essay „Bin ich Blue? sagen meine Augen dir dies denn nicht?“ geschrieben [im Englischen bedeutet ‚blue’ sowohl blau als auch traurig]. In dieser Kurzgeschichte erzählt Walker von der Begegnung mit einem Pferd, das jedes der Kriterien aufweisen würde, die Rudy für eine humane, „artgerechte“ Tierhaltung voraussetzt. So trägt dieses Pferd beispielsweise einen Namen, es ist gut genährt, es wurde nicht geschlagen oder „misshandelt“ und es verfügt sogar über zweitausend Quadratmeter an „schöner“ Fläche Land, in denen es umher galoppieren kann.

Dennoch lehnt Walker (die auch glaubt, dass Tiere lieben können und Emotionen haben) die Behandlung von Blue ab, weil das weibliche Pferd, in das Blue sich verliebt hat, von ihm getrennt wurde […].

Vasile Stanescu: Das Judas-Schwein, wie wir “invasive Spezies” unter Vorgabe des “Naturschutzes” töten

[…] So stellt auch seine Kritik an „Fabrikfarmen“ keinen Aufruf zur Beendigung allen Fleischverzehrs dar, sondern es ist nur ein Aufruf dazu, den Mangel an „Fürsorge“ für die Tiere zu beheben. Sein zugrunde liegendes Argument und die Art und Weise in der er imstande ist von den verwilderten Tieren zur artgerechten landwirtschaftlichen Tierhaltung überzuleiten, basiert auf der zweiten Idee, die, so meine ich, seinen beiden Argumenten unterliegt: der Biopolitik, dem Argument also, dass die Menschen das Leben selbst verwalten müssten. Das heißt, der Grundgedanke scheint zu sein, dass die „Natur“ sich nicht um sich selbst kümmern kann, ohne ständige menschliche „Intervention“. Und trotzdem muss genau zur gleichen Zeit diese „Intervention“ kontinuierlich im Verborgenen gehalten werden. Gleich den unsichtbaren Händen der Märkte, die der fortwährenden menschlichen Regulation bedürfen, scheint dieser Aufruf – sowohl zur Entfernung der verwilderten Tiere als auch zur Aufzucht artgerechten Fleisches – in simultaner Weise die ständige Einmischung der Menschen innerhalb des sogenannten „Natürlichen“ zu fordern und zugleich zu leugnen.

[…]

Ich möchte also diesen Diskurs bezüglich der Tötung verwilderter Tiere im Zusammenhang mit dem Diskurs über die artgerechte Viehwirtschaft betrachten. In Wirklichkeit werden Tiere aus vermeintlich humaneren, sog. artgerechten Haltungsbedingungen immer noch genetisch manipuliert, grob misshandelt und im Babyalter in industriellen Schlachthäusern getötet (Stanscu, „Green Eggs and Ham“; „Why Loving Animals in Not Enough“; „Crocodile Tears“). Aber selbst wenn das nicht der Fall wäre, so wäre diese Praxis immer noch praktisch irrelevant, da 99,9 Prozent aller Tiere, die zu landwirtschaftlichen Zwecken gehalten werden, unter den Bedingungen von Fabrikfarmen bzw. in der Massentierhaltung aufgezogen werden (Farm Forward). Ich habe daher auch zuvor argumentiert (Stanescu und Pedersen, „The Future of Critical Animal Studies“), dass der ganze Reiz oder die ganze Nützlichkeit eines locavoren Produkts darin liegt, die beinahe universelle Realität des Fabrikfarmensystems zu maskieren, und, was noch wichtiger ist, die Realität der harten Wahl, die getroffen werden muss, zu maskieren – dass es im Wesentlichen nämlich unmöglich ist, Fleisch und Ethik, beides zu haben. In anderen Worten: das, was die Verbraucher zu einem erhöhten Preis kaufen, ist nicht das Fleisch per se, sondern das Vergessen, dass eine Wahl getroffen werden musste. Und als solche dienen diese wenigen Vorzeigetiere, die auf den vermeintlich humaner oder artgerecht betriebenen Höfen leben, in einer Art symbolischer Stellvertretung der Wiedergutmachung, vergleichbar mit der sonderbaren Praxis der Präsidenten der Vereinigten Staaten einen Truthahn vor Thanksgiving, zu dem in den USA Millionen Truthähne getötet werden, zu begnadigen (Fiskesjö). In ähnlicher Weise agieren diese Höfe, als begnadigten sie symbolisch einige wenige Tiere, um eine Wiedergutmachung für die schätzungsweise 70 Milliarden Tiere zu betreiben, die nun bald weltweit fast ausschließlich unter Farbrikfarmbedingungen getötet werden.

Barbara Noske: Die Tierfrage in der Anthropologie. Ein Kommentar.

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Jahrgang 3, Nr. 1, Art. 1, ISSN 2363-6513, Dezember 2016

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Die Tierfrage in der Anthropologie: Ein Kommentar

Barbara Noske

Titel der englischsprachigen Originalfassung: The Animal Question in Anthropology: A Commentary. Der Artikel wurde der Zeitschrift Society & Animals in der Ausgabe: Vol. 1 No. 2, 1993 veröffentlicht. Übersetzung aus dem Englischen: Gita Yegane Arani. Mit der freundlichen Genehmigung von Dr. Barbara Noske.

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Zusammenfassung: Anthropologen und Soziologen, so wie Wissenschaftler in den Humanwissenschaften generell, gehen davon aus, dass Sozialität und Kultur nicht außerhalb des menschlichen Bereichs existieren. In der Anthropologie stehen Tiere nicht nur als Objekte da, denen gegenüber menschliche Subjekte sich verhalten, sondern sie stehen auch als Antithese da für all das, was den Menschen den Sozialwissenschaften zufolge, menschlich macht. Die Sozialwissenschaften gebären sich als die Wissenschaften der Diskontinuität zwischen Menschen und Tieren. Unsere Kontinuität zu Tieren wird als ein rein materieller Rest einer prähistorischen Vergangenheit angesehen. Im besten Falle wird unsere „Animalität“ (unser Körper) als materielle Basis betrachtet, aus der sich unser echtes „Menschsein“ (Verstand, Sozialität, Kultur, Sprache) entwickeln konnte. Ironischerweise gravitieren viele Wissenschaftler um essenzialistische Positionen (wie Rasse und Geschlecht), die sie selbst in Hinsicht auf den Menschen ablehnen, sobald aber eine andere biologische Kategorie in Sicht kommt, und zwar unsere Speziesbarriere, wird eine biobehavioristische wissenschaftliche Charakterisierung in den Begriffen beobachtbarer Verhaltensweisen und Mechanismen dargestellt, von denen ausgegangen wird, dass diese im genetischen Aufbau der Tiere eincodiert sind. Biologie und Ethologie sind irgendwie zu den Wissenschaften über die Tierheit (animalkind) geworden. Es ist von diesen Wissenschaften woher die Sozialwissenschaftler (die Wissenschaften über die Menschheit) ihr eigenes Bild von Tieren und Tiersein unkritisch und zum größten Teil unbeabsichtigt beziehen. Tiere sind an biologische und genetische Erklärungen gebunden worden. Dies hat zu einer „Anti-Tier Reaktion“ unter den Gelehrten in den Humanwissenschaften geführt. Sie erklären geradewegs, dass die Evolutionstheorie der Interpretation von Tieren und tierischer Handlungen genüge tut, aber nicht für Menschen. Fast kaum ein Kritiker biologischen Determinismusses wird fragen, ob Tiere wirklich in engen genetischen und biologischen Begriffen erklärt werden können.

Schlagworte: Anthropologie, Humanwissenschaften, Speziesismus, Anthropozentrismus

TIERAUTONOMIE,  Jg. 3 (2016), Heft 1.

Barbara Noske: Die Tierfrage in der Anthropologie: Ein Kommentar

Anthropologen definieren ihre Disziplin, die Anthropologie, allgemein als die Studie über den Anthropos (den Menschen) und halten es für völlig natürlich dem nichtmenschlichen Bereich des Tierreichs wenig oder gar keine Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Selbstverständlich kommen Tiere in anthropologischen Studien zwar vor, aber sie kommen dort vor als Rohmaterial menschlicher Handlungen und menschlichen Denkens. Die Anthropologie hat eine lange Tradition darin, die Formen zu untersuchen in denen Gruppen von Menschen und Kulturen mit ihrer natürlichen Umwelt, einschließlich anderer Tierspezies, umgehen, und in welcher Art sie sie betrachten. Solche Studien beschränken sich normalerweise auf Menschen in ihren Eigenschaften als Handlungsträger und Subjekten, die mit Tieren umgehen und über Tiere nachdenken.

Infolgedessen besteht die Tendenz Tiere als passive Objekte zu porträtieren, die in menschliche Handlungen einbezogen sind, über die gedacht wird und gegenüber denen Gefühle existieren. Weit davon entfernt als Handlungsträger und Subjekte in ihrem eigenen Recht verstanden zu werden, werden die Tiere selber von den Anthropologen praktisch übersehen. Sie und ihre Beziehungen zu Menschen werden normalerweise nicht als des anthropologischen Interesses wert betrachtet. Die meisten Anthropologen würden es für völlig natürlich halten, wenig oder keine Aufmerksamkeit darauf anzuwenden, wie Dinge für die involvierten Tiere aussehen, riechen, sich anfühlen, schmecken oder klingen. Folglich spielen Fragen, die für den Animal Welfare in der westlichen Welt oder in der Dritten Welt von Bedeutung sind, im anthropologischen Denken selten eine Rolle.

Anthropologen behandeln Tiere als integrale Teile menschlich ökonomischer Konstellationen und menschlich-zentrierter Ökosysteme: Tiere sind ökonomische Ressourcen, Gegenstände und Produktionsmittel, die dem menschlichen Gebrauch dienen.

Auf Tieren basierende Ökonomien wurden extensiv von Anthropologen erforscht, die die Hauptfrage darin sahen, ob verschiedene menschliche Praktiken mit Tieren ökonomisch oder ökologisch rational sind (von einem menschlichen Standpunkt aus gesehen) oder nicht. Nur in denjenigen Fällen, in denen halbwilde Tiere noch etwas an Kontrolle über ihren eigenen Verbleib behalten haben, schauen Anthropologen manchmal auf die Vorteile für die Tiere bei existierenden Mensch-Tier Arrangements.

Die Disziplin der Anthropologie ist unverhohlen anthropozentrisch. Im besten Falle werden Menschen und Tiere als Interagierende innerhalb eines gemeinschaftlichen Ökosystems gefasst, wobei der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit der Anthropologen auf das Verstehen der Menschen, eher als auf das Verstehen der Tiere gerichtet wird. Fragen konzentrieren sich auf Menschen und Menschen alleine. Doch hat die Dynamik von Tierpopulationen, deren Ernährungsformen und deren Mobilität keinen Einfluss auf die menschliche Kultur?

Abgesehen von Tieren, die als Faktoren der Lebens- und Überlebensgrundlagen funktionieren, haben Anthropologen ordnungsgemäß Aufmerksamkeit auch auf die Tiere gelenkt, die da sind um den nicht-subsistenziellen menschlichen Zwecken zu dienen, wie zum Beispiel als Objekte des Prestiges, als Opferungsobjekte oder als Totems. Tieren in dieser Funktion wurde religiöse Bedeutsamkeit und symbolische und metaphorische Kraft zugesprochen. Auch haben sich Anthropologen auf die Rollen konzentriert, die Tiere im menschlichen zeremoniellen- und im religiösen Leben spielen.

Das anthropologische Interesse an Totemtieren oder an Tiersymbolen bietet keine Garantie gegen eine anthropozentrische Herangehensweise. Mehr als oft dient solch ein Interesse als Entschuldigung dafür, bei menschlichen Konstrukten anzuhalten, statt den Tieren selbst Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen.

Wenn Anthropologen auf dieses Thema hin angesprochen werden, argumentieren sie, dass man hinsichtlich von Fragen über Tiere per se, sich besser an die Biologie oder Ethologie wenden sollte. Sie darauf hinzuweisen, dass es über die Mensch-Tier Beziehung hinaus auch so etwas wie eine Tier-Mensch Beziehung gibt, und dass dies zu ignorieren zu einer einseitigen Subjekt-Objekt Herangehensweise führt, ist Zeitverschwendung. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt bleibt der Anthropozentrismus in der Anthropologie effektive unhinterfragt.

Den Anthropozentrismus der Anthropologie verstehen

Der Grund hierfür ist die allgemein verbreitete Ansicht, dass Tiere selber einer Wissenschaft, die sich mit dem Sozialen und dem Kulturellen befasst,  nichts zu bieten haben. Anthropologen und Soziologen, so wie alle Gelehrten in den Humanwissenschaften generell, gehen davon aus, dass Sozialität und Kultur nicht außerhalb des menschlichen Bereichs existieren. Man sieht diese Phänomene als ausschließlich menschliche an, und diese Sicht führt die Anthropologen und ihre Kollegen zu dem Zirkelschluss, dass Tiere, da sie nicht Menschen sind, in keiner Weise soziale Wesen oder Kulturwesen sein können.

Sozialwissenschaftler charakterisieren Menschen in den Begriffen der materiellen und sozialen Arrangements die diese Menschen treffen und durch die sie auch geformt sind: als Wesen die sozial konstituieren und sozial konstituiert sind.

Menschen werden gesehen als solche, die ihre eigene Geschichte schaffen. Und während man einst glaubte, dass ihre Naturgeschichte für sie gemacht war, versucht die moderne Menschheit diese Geschichte nun auch zu formen. Im Kontrast dazu, geht man bei Tieren davon aus, dass sie allein eine Naturgeschichte haben, die für sie gemacht ist und die sie an erster Stelle überhaupt hat entstehen lassen.

Im Gegensatz zum Fall des Menschen tendiert man dazu Tiere als Organismen zu betrachten, die primär durch ihren individuell basierenden genetischen Aufbau geleitet sind. Aber es zeigt sich, dass diese Anschauung a priori gesetzt ist – betrachtet vor dem Hintergrund, dass fast kein Student in der menschlichen Gesellschaft und Kultur, die gleiche Fragen über Tiere stellt, die über Menschen gestellt werden.

Man schaut nicht nach dem Sozialen und dem Kulturellen, wo es gewiss nicht gefunden werden kann, außerhalb der menschlichen Sphäre! Jedoch wenn man in seiner Betrachtung voraussetzt, dass Menschen die einzigen Wesen sind, die imstande sind sich eine Gesellschaft, Kultur und Sprache zu schaffen, dann schließt man Tierformen von Gesellschaft, Kultur und Sprache per Definition aus. Im Ganzen stehen Tiere in der Anthropologie nicht nur als Objekte da, denen gegenüber menschliche Subjekte sich verhalten, sondern sie stehen auch als Antithese da für all das, was den Menschen, den Sozialwissenschaften zufolge, menschlich macht. Die Sozialwissenschaften zeigen sich in erster Linie als die Wissenschaften der Diskontinuität zwischen Menschen und Tieren.

Nur wenige Sozialwissenschaftler sind bereit zu fragen, was eine Tier-Mensch Kontinuität in den Begriffen ihres eigenen Gebietes bedeuten könnte. So interessieren sich Soziologen nicht für die Soziologie von Tieren. Auch Hinterfragen die meisten Soziologen nicht die allgemeine Subjekt-Objekt Herangehensweise in der Mensch-Tier Beziehung; und am allerwenigsten werfen sie Fragen darüber auf, in welchen Formen tierliche Subjekte sich auf menschliche Subjekte beziehen können. Die meisten Sozialwissenschaftler neigen dazu unsere Kontinuität zu Tieren als einen rein materiellen Rest einer prähistorischen Vergangenheit anzusehen. Im besten Falle wird unsere „Animalität“ (unser Körper) als die materielle Basis betrachtet, aus der sich unser echtes „Menschsein“ (Verstand, Sozialität, Kultur, Sprache) entwickeln konnte. Unser Menschsein ist auf einer Tierbasis bestimmter Art gebaut, mit einem wesentlichen Zusatz.

Biologischer Essentialismus: Nur für Tiere

Im gleichen Zuge tendieren Sozialwissenschaftler dazu, sich vor jeder Form eines biologischen Essenzialismus in acht zu nehmen. Sie weisen schnellstens hin auf die Gefahren in Erklärungen sozialer Unterschiede bei Menschen über Begriffe biologischer Essenzen, so wie Rasse oder Geschlecht (und das in berechtigter Weise).

Ironischerweise gravitieren viele Wissenschaftler die diese Ansicht vertreten trotzdem noch um die essenzialistischen Positionen die sie selbst angeblich ablehnen, sobald eine andere biologische Kategorie in Sicht kommt, und zwar unsere Speziesbarriere. Plötzlich tauchen unter den Anthropologen und Sozialwissenschaftlern klar umrissene Vorstellungen darüber auf, was menschlich ist und was tierisch ist. Ihre direkte Kritik an denjenigen, die in Begriffen anderer biologischer Essenzen denken, verliert an Glaubhaftigkeit in Anbetracht ihrer eigenen Annahmen über menschliche und tierische Essenzen. Implizit haben Anthropologen Konzeptionen, die sich an eine universelle menschliche Essenz binden: Diese scheint an erster Stelle und am hauptsächlichsten in unserem „Nicht-Tierseins“ und in dem „Nicht-Menschseins“ der Tiere repräsentiert zu sein. Aber wenn das Menschsein mit dem Nicht-Tiersein identisch ist, was macht das Tiersein aus und was sind Tiere?

Wie wir vorher festgestellt haben, zeigt kaum ein Sozialwissenschaftler ein Interesse an Tieren wegen ihrer selbst, geschweige denn ein Interesse daran soziologische und anthropologische Fragen [a.d.Ü.: die Wirkung der Tiere auf die menschlichen Belange] über sie zu stellen. Mit diesem gegebenen Ausschluss von Tieren aus deren respektiven Wissenschaftsbereichen, welche Grundlagen haben diese Sozialwissenschaftler dann dafür solch überzeugte Erklärungen über Tiere abzugeben und vor allen Dingen darüber was Tiere nicht sind? Welche Konzeptionen haben diese Wissenschaftler von Tieren und woher stammen diese Auffassungen?

In einer früheren Veröffentlichung (Noske, Humans and other Animals, 1989) habe ich beschrieben in welchem Ausmaß das sozialwissenschaftliche Bild der Tiere und des Tierseins durch Wissenschaften geprägt wurde, die häufig in bezichtigender Weise als reduktionistisch und objektifizierend bezeichnet werden können. Solch ein Reduktionismus wird aber nur dann beschuldigt, wenn er sich auf menschliche Wesen richtet. Die Naturwissenschaften, insbesondere die biobehavioristischen Wissenschaften, sind verantwortlich für die Schaffung des gegenwärtig bestehenden Bildes vom Tier. Die biobehavioristische wissenschaftliche Charakterisierung von Tieren wird in Begriffen beobachtbarer Verhaltensweisen und Mechanismen dargestellt, von denen ausgegangen wird, dass diese im genetischen Aufbau des Tieres eincodiert sind. Ungleich genetischer Transmission, geht menschlich kulturelle Transmission nicht über die Köpfe der betroffenen Individuen hinaus. Sie beinhaltet die aktive, wenn auch nicht immer bewusste Teilnahme der Transmittoren (der Lehrer) so wie der Rezipienten (der Lernenden).  Es ist nicht so, als wären die Ersteren aktiv und die Zweiteren passiv.

Biologie und Ethologie sind irgendwie zu den Wissenschaften über die Tierheit (animalkind) geworden. Es ist von diesen Wissenschaften woher die Sozialwissenschaftler (die Wissenschaften über die Menschheit) ihr eigenes Bild von Tieren und Tiersein unkritisch und zum größten Teil unbeabsichtigt beziehen. Tiere sind an biologische und genetische Erklärungen gebunden worden.

Dies hat zu einer „Anti-Tier Reaktion“ unter den Gelehrten in den Humanwissenschaften geführt. Sie erklären geradewegs, dass die Evolutionstheorie der Interpretation von Tieren und tierischer Handlungen genüge tut, aber nicht für Menschen. Fast kaum ein Kritiker biologischen Determinismusses wird fragen, ob Tiere wirklich in engen genetischen und biologischen Begriffen erklärt werden können.

Viele Menschen in oder in Verbindung mit den Sozialwissenschaften irren mit ihrer Akzeptanz des biologischen Bildes von Tieren als der tierischen Essenz. Sie versäumen es anzuerkennen, dass das Bild von Tieren ein de-animalisiertes biologisches Konstrukt ist. Die anthropozentrischen Sozialwissenschaften betrachten ihren eigenen Gegenstand, Menschen, als Tier in der Basis, plus eines wesentlichen Zusatzes. Diese Sicht macht Tiere automatisch zu reduzierten Menschen. Das Argument verläuft folgendermaßen: Wenn Biologen und Ethologen reduktionistisch sind, ist das weil Tiere als reduzierte Wesen sie dazu veranlassen so zu denken.

So mag es wohl sein, dass Tiere weiterhin objektifiziert werden, da Biologen es vorziehen reduktionistisch zu bleiben und da Sozialwissenschaftler für ihren Teil es bevorzugen anthropozentrisch zu bleiben.

Die Neubetrachtung der Mensch-Tier Kontinuität

Vermittelt unser gegenwärtiges Bild von Tieren wirklich alles was es mit Tieren auf sich hat? Wenn wir die Zerrbilder abgelehnt haben, die Reduktionisten von Menschen angefertigt haben, warum nehmen wir deren Zerrbilder über Tiere dann als einen gültigen Parameter hin?

Eine Anerkennung der Mensch-Tier Kontinuität heißt nicht notwendigerweise sich in einen biologischen Reduktionismus stürzen zu müssen (Noske, 1989). Ein anderes Hindernis für die Anerkennung einer Mensch-Tier Kontinuität, ist die Angst unter Biologen des Anthropomorphismus bezichtigt zu werden, d.h. der Attribution menschlicher Charakteristiken an Tiere. Für ihren Teil haben Sozialwissenschaftler das eifersüchtig bewacht, was sie als die menschliche Domäne betrachten, und sie neigen somit dazu der Angst der Biologen vor einem Anthropomorphismus zuzustimmen. Was gegenwärtig des Anthropomorphismusses beschuldigt wird sind solche Charakterisierungen auf die Sozialwissenschaftler erpicht sind sie dem Menschen vorzubehalten. In ihrer Kritik eines biologischen Determinismusses richten Sozialwissenschaftler häufig einen bezichtigenden Finger auf jeden, der Tieren Personenschaft zuspricht. Aber nochmals, wie kann man wissen, in welcher Weise sich Tiere von Menschen unterscheiden oder ihnen gleichen, wenn man ablehnt die gleichen Fragen über beide zu stellen?

Es gibt einige mutige Tierwissenschaftler die sagen, dass Tiere menschlicher und weniger objekthaft sind als ihre eigene Wissenschaft uns glauben machen will. Aber sie äußern solche Dinge häufig außerhalb von Berichten oder in fast entschuldigender Weise. Das ist verständlich, da sie sowohl aus der Perspektive der Tierwissenschaften als auch aus der der Humanwissenschaften ein Sakrileg begehen. Die Wissenschaftler die Tiere tatsächlich als teilnehmende Beobachter studiert haben – der gewöhnlichen anthropologischen Herangehensweise an menschliche Gesellschaften – zeigen eine Spannung in ihren Aufzeichnungen zwischen den akzeptierten biologischen Codes und ihren eigenen Erfahrungen mit Tierpersonenschaft.

Jane Goodall, die mit Schimpansen arbeitet, Dian Fossey, die mit Berggorillas lebte und starb, das Douglas-Hamilton Paar und Cynthia Moss, die bei Elefanten lebt und arbeitet, sie alle schreiben über berührende Erfahrungen mit der Personenschaft von Tieren. Ihre Wissenschaft kann mit diesen Formen der Tierrealität nicht umgehen und sie tendiert dazu diese zu verkleinern oder zu ignorieren. Die Tierwissenschaften sind einfach nicht dafür ausgestattet mit denjenigen Charakteristiken bei Tieren umzugehen, die den Sozialwissenschaften zufolge die Menschen menschlich machen.

Konfrontiert mit den Unzulänglichkeiten ihrer eigenen Tradition, hat eine Anzahl unzufriedener Tierforscher, wie Donna Haraway und Donald Griffin, eine tentative anthropologische Herangehensweise an Tiere gefordert. Was ihnen an der Anthropologie gefällt und vor allen Dingen an ihrer Methode der partizipierenden Beobachtung, ist ihre intersubjektive, nonreduktionistische Art Wissen zu erlangen; eine Methode die im starken Kontrast zur Subjekt-Objekt Herangehensweise der Tierwissenschaftler in deren Laboratorien steht.

Anthropologen behandeln den Anderen mit Respekt und hüten sich vor Ethnozentrismus. Selbst wenn der Andere nicht voll begriffen oder verstanden werden kann, wurden Anthropologen dahingehen geschult diesen nichterfassbaren Boden mit Respekt eher als mit Herablassung zu betreten. Aber all dies richtet sich nur an den menschlichen Anderen. Es ist sonderbar, dass Wissenschaftler, die gelernt haben auf die Gefahren von Ethnozentismus zu achten, so leicht in eine andere Form des Zentrismus, des Anthropozentrismus, fallen.

Wir sind traurigerweise bei zwei nach außen hin als unverbunden erscheinenden Bildern steckengeblieben: einem der Menschheit und einem der Tierheit, die durch zwei völlig separate Arten von Wissenschaft vermittelt werden; die eine, die Menschen als soziale Subjekte typifiziert, und die andere, die Tiere als biologische Objekte typifiziert. Für die neu hevorgehende Disziplin der Mensch-Tier Beziehungen, wird dies ein beträchtliches Hindernis sein, das es zu überwinden gilt.

Zur Autorin
Barbara Noske ist Kulturanthropologin und hat ihr Doktorat in Philosophie an der Universität von Amsterdam absolviert. Dr. Noske arbeitet als Research Fellow am Research Institute for Humanities and Social Sciences der University of Sydney, Australien. Eine weitere Diskussion über die Fragen, die in diesem Kommentar aufgeworfen sind, befindet sich in ihrem Buch, Humans and other animals: Beyond the boundaries of anthropology, London: Pluto Press, 1989. Dieses Buch ist nun leider vergriffen. Es existiert aber eine neu aufgelegte und neu überarbeitete Version. Sie heißt Beyond Boundaries: humans and animals und ist herausgekommen bei Black Rose Books, Montreal, 1997.

Grafik
Farangis G. Yegane, Portrait einer Kuh, 200 cm x 175 cm, Acryl auf Leinwand, 1996.

Übersetzung
Gita Yegane Arani, www.simorgh.de – ‚Open Access in der Tier-, Menschen- und Erdbefreiung’. Revised 12/2016.

Zitation
Noske, Barbara (2016). Die Tierfrage in der Anthropologie: Ein Kommentar. TIERAUTONOMIE, 1(3), URL: http://simorgh.de/tierautonomie/JG3_2016_1_noske_2a.pdf.

TIERAUTONOMIE (ISSN 2363-6513)

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Der Mensch ist kein allgemeiner Maßstab für die Qualifikatoren zur Freiheitsfähigkeit

Müssen Tiere Menschen ähneln damit ihnen ihre eigene Freiheit zuerkannt werden kann? Nein.

Weder ist der Mensch ein allgemeiner Maßstab für die Qualifikatoren zur Freiheitsfähigkeit (außer Freiheit begänne mit irgendeiner Definition von Freiheit und ist ein rein abstraktes Konzept, was die Idee von ‘Freiheit’ aber ad absurdum führen würde), noch kann es Bedingung sein einer menschlichen Norm ähneln zu müssen um in einen ethsichen Rahmen hineinzupassen, der einen vor der menschlichen Übergriffigkeit (auf die leibliche und die seelische Existenz) schützt.

Die Tiere sind nicht in einer Bringschuld beweisen zu müssen, dass sie sich für irgendwelche rechtswürdigen Attribute qualifizieren, sondern wir müssten eigentlich beweisen, warum wir es nur der Spezies Mensch vorbehalten wollen, das Recht darauf zu haben vor der Spezies Mensch geschützt zu werden.

Kritik an einer anthropozentrischen Argumentation gegen Speziesismus.

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Sind (Lebens-) Rechte ein Privileg des Stärkeren (Menschen)?

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Bild: Farangis G. Yegane: Women and Doves, oil on canvas, http://www.farangis.de/early/page/2/

Sind (Lebens-) Rechte ein Privileg des Stärkeren (Menschen)?

Palang LY Arani-Prenzel

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Wenn wir über Rechte sprechen, sollten wir uns dabei bewusst machen, was für Rechte wir meinen:

1. Meinen wir ein Recht, das wir haben oder das uns fehlt?
2. Oder meinen wir das Recht, das ein anderer Mensch hat, das er nicht hat und das er haben müsste?
3. Meinen wir auch, dass alles, was nicht Mensch ist, kein wirksames Recht auf Leben hat und haben kann, oder weniger Rechte hätte autonom von unserem Herrschaftsanspruch zu existieren, weil wir alle anderen Lebewesen letztendlich unseren Wünschen, Vorstellung und vermeintlichen Bedürfnissen unterwerfen können?

Meinen wir, wenn wir zumindest an unsere Rechte denken, primär das Recht, das wir in unserer Gesellschaft, in dem Staat in dem wir leben, genießen? Wann und wie haben diese Rechte begonnen und womit begründen wir das Recht, Rechte haben zu können und zu dürfen?

Zumeist nehmen wir an, die Dinge seien, was Rechte anbetrifft, einfach so wie sie sind, und das Rechte etwas sind, das der, der sie vorgibt, erteilt und wahrt, diese Rechte – auch wenn dadurch die Rechte Dritter tangiert sind – in deren Sinn, Zweck und Logik selbst festlegen kann, solange diese Rechte ihren Legitimationsrahmen im mehrheitlichen menschlichen Kollektivinteresse finden.

Und wenn sich unsere Gesellschaft mit Berufung auf ihr allgemeines Rechtsempfinden und ihre Rechtsbegrifflichkeit geeinigt hat, dass die Rechte an einer bestimmten Grenze enden können/sollten, dann endet unser Rechtsverständnis in der Regel an eben dieser Grenze. Nämlich, zu unterschiedlichen Graden, an den Grenzen von Spezieszugehörigkeit (was über den anthropozentrischen Rahmen hinausgeht), sozialer Identität, körperlicher Befähigung, Ethnizität und Staatszugehörigkeit, Einkommensverhältnisse, Besitzstatus, usw. Weder haben die Menschen innerhalb unserer Gesellschaften zwangsläufig alle die Rechte, die sie zu ihrem unversehrten Leben bräuchten, noch haben es die Lebewesen, die sich außerhalb des menschliche-sozialen Kreises befinden.

Die meisten Menschen glauben, es gäbe einfach nur die Rechte, die sie in ihrem oder einem verwandten gesellschaftlichen System besitzen können, und es gäbe andererseits nur vermeintliche Naturrechte, wobei aber der Begriff von „der Natur“ ein völlig vager bleibt. Und von dieser Gleichung her wird zumeist abgeleitet – nicht viel besser als sei es gottgegeben – wo sich irgendwer auf der Rechteskala befindet.

Recht als Privileg

Durchgesetzt wird der Grad an Rechten die jemand besitzt, nicht allein in juristischer Hinsicht oder als tägliches Privileg in der einen oder anderen Form („dass wir hier halt mehr Rechte haben, weil wir ja auch mehr erwirtschaftet haben“ zum Beispiel, usw.), sondern ganz „banale“ Rechte werden dem Menschen und den anderen Lebewesen tagtäglich im sozialen und environmentalen Miteinander zu- oder abgesprochen; in einer Lebenspraxis, die nicht unbedingt mit in unsere Rechtsdefinitionen mit hinein fällt.

Und wegen dieser schwammigen Angelegenheit, ab wann ein Diskriminierungsmoment und ein Akt der Antidiskriminierung sich mit zur Definition von „Recht“ (und Unrecht) einbinden lassen sollten, scheinen auch viele Tierrechtler in ihrer Argumentation darüber, welche Rechte Tiere haben sollten, nicht den Ernst der Frage nach der Bedeutung von dem was Rechte alles mit ausmacht, zu begreifen.

Viele Tierrechtler kämpfen dafür, dass Tiere zwar Rechte haben sollten, fügen meist aber mildernd speziesistisch hinzu, dass man damit natürlich nicht das Recht meine, zu wahlen zu gehen oder das Recht auf Bildung, usw. In dem Moment schließen sie aber das basal politische in der Frage nach Rechten im Bezug auf Tiere mit aus, was sie als Tierrechtler eigentlich nicht tun sollten.

Rechte sind etwas grundsätzlich politisches, weil es bei Rechten um die Frage der Interessen und des Schutzes und der Wahrung von eben den festgestellten oder anerkannten oder auch aberkannten Rechten geht. Wir stellen uns Rechte in einem allein anthropozentrischen Kontext vor. In dem Moment aber, in dem unsere Rechtsbegriffe und unsere eigenverordneten Rechte in das Leben anderer eingreifen, wird die Situation des Rechts des anderen berührt.

Wenn wir sagen es ist unser Recht jeglichen Baum abzuholzen und einen Wald neu zu pflanzen und zu bewirtschaften, dann greifen wir in den Lebensraum und in den ökologischen Kontext anderer Spezies ein, oder aber, wenn wir sagen, wir haben das Recht, Tiere zu unseren Zwecken, unter von uns festgelegten Voraussetzungen zu „nutzen“, was heißt, sie zu töten als objektifizierte Wesen, dann greifen wir mit unserer Vorstellung über Sinn und Zweck und Wertigkeit des Seins und der Existenz anderer, mit unserer Definition von dem was wir als Recht begreifen ein. Wir beanspruchen für uns eine Festlegung dessen, was Recht ist, so wie eine Flagge, die wir in unbesiedeltes Terrain zur Behauptung unseres Besitzstatus aufstellen.

Eine Recht vor diesem „Recht“ des vermeintlich Stärkeren geschützt zu werden, muss grundsätzlich immer möglich sein, da eben unser Recht in das Leben und in die Systeme, die neben uns auf dieser Erde existieren, eingreift. Ein Recht, das wir uns nehmen, das wir für uns postulieren und festsetzten, bringt die Frage des Rechts darauf mit sich, vor diesem Übergriffs-Recht, das durch uns ausgeübt wird, geschützt zu werden.

Die Behauptung, es gäbe keine Notwendigkeit, vor dem Übergriff durch unsere Rechte geschützt werden zu müssen, geht meistens mit speziesistischen Empfindungen einher, dass Nichtmenschen ja auch weniger wert seien, weniger leisteten, weniger intelligent seien, weniger verlieren würden wenn sie sterben, ja allein durch Instinkte, aber nicht durch Denken funktionierten … und so errichtet man eine Hierarchie, die letztendlich unendlich fragwürdig ist, weil Tiere eben anders sind und auch anders sein dürfen, ohne, dass sich ihre Qualitäten an unseren bemessen lassen müssten.

Oder wir fangen damit an zu begründen, dass es da ja noch den gewichtigsten aller Gründe dafür gäbe, warum nur wir Rechte haben, weil wir diese ja auch formuliert und erfunden hätten und überhaupt nur wir Rechte durchsetzten könnten. Das heißt aber auch, dass wir nur unsere Definition von dem, was einem Recht auf Rechte zugrunde liegt, anerkennen. Moralische Wertigkeit, Sinn, Bedeutsamkeit in dieser Welt sprechen wir nur uns zu, dabei macht unser anthropozentrisches System nur ein Fragment innerhalb von Lebenssystemen aus, von denen wir allein aus Sicht unserer menschenzentrischen Hybris etwas begreifen.

Wir erteilen Rechte letztendlich nach unseren hierarchischen Vorstellungen – sei es in so drastischer Form wie einer völligen Negierung von Seinsautonomie, wie bei allen nichtmenschlichen Wesen (Anthropozentrismus), oder innerhalb unserer menschlichen Gesellschaften (Klassismus, Ableismus, Sexismus, Rassismus, Ageismus, usw.), wo in der einen oder anderen Form Rechte immer wieder übertreten werden, selbst wenn man sie im Zuge der Menschenrechte erst einmal postuliert und etabliert hat. Recht sollte eigentlich immer das sein, was man dem anderen an Würde zugesteht und zugestehen muss, und nicht das Recht des vermeintlich Stärkeren.

Speziesmismus, und so auch eine rechtlich-juristisch und sogar bioethisch argumentierender Speziesismus, ist ein kollektivistisch geleitetes Moment, das uns in unserer Fähigkeit unser moralisches Denken zu entwickeln hindert. In dem wir die Welt weiterhin unter anthropozentrischen Gesichtspunkten betrachten, bleibt unser Interesse an unserer nichtmenschlichen- und natürlichen Umwelt eigentlich ein allein auf uns selbst gerichtetes.

Analogievergleiche differenziert betrachten

Intersektional über Speziesismus aufklären, ohne in unzureichende Analogismen zu verfallen

Speziesismus alleine zu erklären ist oftmals schwierig. Nicht aufgrund der Materie, die zwar in sich kompliziert aber erklärbar ist, sondern da viele Menschen das Thema abblocken, weil es Ihnen neu ist einmal ernsthaft über die Speziesbarierre in konstruktiver Weise hinauszublicken. Viele Tierrechtler_innen versuchen sich, um zum Thema Speziesismus überzuleiten, mit einigen Analogieschlüssen in denen sie intersektional argumentieren, um so das Interesse des Gegenübers zu erwecken. An dieser Stelle muss aber eine wichtige Unterscheidung getroffen werden:

Intersektionale Analog-Vergleiche müssen in sich differenziert betrachtet werden!

1.) Die Analogie Rassismus / Speziesismus

Rassismus ist eine Problematik, der wir mit allgemeingültigen kontemporären Ethikbegriffen entgegentreten können, Speziesismus hingegen bewegt sich in einer kulturphilosophischen und soziologischen Leerstelle, in der sich bislang noch keine breiten ethisch-moralischen Übereinkünfte entwickeln konnten.

Das ist so, weil wir nichtmenschliche Tiere seit Jahrtausenden aus unserem Zentrum ethischer und moralischer Berücksichtigung ausgeschlossen haben und die Tiere somit in einen Raum der “Rechtslosigkeit” relegiert haben. Für uns sollte es heute somit wichtig sein, die nichtmenschlichen Tiere mit in den Mittelpunkt einer objektiven ethischen Relevanz einzubeziehen, in der der Mensch sich nicht in hierarchischer Weise in Alleinherrschaft dem Rest der Natur überordnet.

Nicht nur die Zuordnung der Menschheit in biologische “Rassen” ist ein diskriminatorischer Biologismus, sondern auch die Unterteilung der Tiere in Spezies mit mehr oder weniger lebenswerten Leben (1) erweist sich als eine ethisch unzulässige Argumentationsplatform. Die Zugehörigkeit zu einer Spezies sagt qualitativ nichts über Sinn und Wert der autonomen Eigenbedeutung eines tierlichen Organismus aus.

Das Leben als solches darf keinem externen Wertesystem, keiner auferlegten Wertekategorisierung unterworfen werden, wobei dies eben das Problem ist, mit dem wir es in einer anthropozentrisch ausgerichteten Gesellschaft aus religiöser, philosophischer, naturwissenschaftlcher, ökonomischer und sozialer Sicht immer wieder zu tun haben.

2.) Die Analogie Sexismus / Speziesimus

Disproportionale Machtverhältnisse innerhalb der menschlicher Sozialkonstrukte drücken sich in unseren patriarchalisch geprägten Gesellschaften über das Geschlechterverhältnis und die den Geschlechtern zugeordneten binären Rollen und Stereotype aus. Menschen wird in den sozialen Gefügen in denen sie leben, automatisch eine Geschlechterrolle als “Mann/Junge” oder “Frau/Mädchen” oder “Neutrum/Hermaphrodit” zugeteilt, über das Körperliche hinaus gehend, in dem soziale und psychologische Zuschreibungen getroffen werden. Heute wehren sich Menschen aber zunehmend gegen die festen Zuweisungen an solche Geschlechter-Stereotypien, indem sie sich selbstbewusst anders definieren als die starren Gender-Rollen und Konventionen im Geschlechterverhalten es in den meisten Gesellschaften für uns vorgesehen haben.

Menschen haben insofern zumindest theoretisch die Auswahl, qua ihres Menschenrechts, aus beengenden, für sie vorgefassten Definitionsrahmen, ihr eigenes Leben betreffend, auszubrechen und ihr Widerstand wird auch als solcher wahrgenommen. Nichtmenschliche Tiere bleiben in ihrer Andersheit und Eigenheit, die sie vom entindividualisierten Stereotyp trennen, immer weitestgehend unsichtbar, und dies hat wieder mit einem “Biologismus” zu tun, das heißt mit einer Festlegung eines Individuums auf seinen biologischen, seinen geno- und phänotypischen Aufbau, und zwar in dem die tierlichen Spezies einer Fremddefinition zugeordnet werden, die sie auf ein induziertes Instinktverhalten reduziert.

Diese eingeengte Sicht auf nichtmenschliche Tiere öffnet einer moralischen Skrupellosigkeit das Tor, bei der die Tiere zu Gebärmaschinen – sich fortpflanzenden Fleisch-, Milch und Eierlieferanten usw. herab reduziert werden. Das Geschlecht des nichtmenschlichen Tieres wird zur Funktionsvariable einer ökonomisch gelenkten Ausbeutungsindustrie. Die Geschlechtlichkeit der Tiere wird gewaltsam manipuliert, gegen das leibliche Wohl der Tiere. So wird die biologische Fähigkeit zur geschlechtlichen Fortpflanzung zum Verhängnis der körperlichen Existenz der in solcher Form unterdrückten nichtmenschlichen Tiere.

3.) Der Speziesismus selbst

Speziesismus ist eine menschliche Haltung und Handlungsebene gegenüber nichtmenschlichen Tieren, bei der Menschen ihre eigene Spezies im Hinblick auf die biologischen und damit einhergehenden Unterschiede, den nichtmenschlichen Tierspezies als übergeordnet betrachten. Speziesismus drückt sich in vielen unterschiedlichen Formen aus:

Der Speziesismus, die Speziesismen

Der Speziesismus dekliniert sich. Die Objektifizierung nichtmenschlicher Tiere läuft vielschichtig ab:

– Auf juristischer Ebene können wir von einem Speziesismus sprechen der die Tiere als Besitz klassifiziert.
– Im religiösen Bereich wird dem Mensch auf spiritueller Ebene gegenüber dem Tier der Vorzug gegeben und ihm das Privileg des Rechts auf Unterwerfung erteilt.
– In den verschiedenen philosophischen Schulen treffen wir Argumente an die Spezisismus unterschiedlich fundieren können.
– In den Naturwissenschaften unterscheidet man zwischen Instinktwesen, den niedrigeren Lebensformen, den höheren Wesen und dem Menschen als das (vermeintlich) organisch komplexeste Lebewesen, was Geist und Gehirn anbetrifft.
– Es gibt eine spezisistische Ausprägung in der Gesellschaft, die sich im Karnismus ausdrückt, wobei domestizierte „Nutz-“Tiere allein (oder letztendlich, wie z.B. im Falle von Pferden oder Exoten wie Straußen) als Lebensmittellieferanten gesehen werden.
– Haustiere die in unserer Gesellschaft eigentlich geliebt werden sind aber auch von spezisitischen Sichtweisen betroffen.
– Wildtiere, die von den Jägern in deren „Jagdkultur“ eingebaut sind, und die Vortellung vom Urzustand des Menschen als „Jäger und Sammler“ die weiter durch die Jagd gepflegt wird … sind in eigener Weise betroffen.
– Aber auch sind Wildtiere betroffen von auf sie und ihren Fall zugeschnittete spezisitische Argumentationen wenn es darum geht ob sie als invasive Spezies gelten oder als heimisch und vielleicht schützenswert.

Auf jede Tierart werden wir eine oder mehrere Ausprägungen spezisistischer Sichtweisen antreffen. Speziesismus – als unterordnende Haltung des Menschen gegenüber nichtmenschlichen Tieren – scheint in allen Segmenten menschlicher Kulturen mitangelegt zu sein, die das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt bestimmen.

Wenn wir von „dem Speziesismus“ sprechen, sollte im Auge behalten werden wie außerordentlich komplex und daher schwer analysierbar sich die Abwertung des tierlichen Lebens in unseren anthropozentrischen Kulturen und Gesellschaften gestaltet.

(1) Selbst in der ‘Tierrechtsbewegung werden häufig Unterscheidungen getroffen welche nichtmenschlichen Tiere leidensfähiger seien und welches ‘Leben’ vom Individuum stärker selbstreflektierend wahrgenommen würde. Einige Tierrechtler_innen argumentieren dahingehend, dass man aus einer naturwissenschaftlich erkennbaren Fähigkeit zur Eigenreflektion (nach menschlichen Begriffen) ableiten kann, welches Leben mehr ethisch-sozialen Wert tragen sollte und welchem mit weniger ethischer Berücksichtigung begegnet werden darf.

Unser Stand der Dinge: Wie steht es mit der „eigenen Meinungsfreiheit“ und was ist Meinungswirksamkeit?

jesuischar

Unser Stand der Dinge: Wie steht es mit der „eigenen Meinungsfreiheit“ und was ist Meinungswirksamkeit?

Wir – als Gesellschaft – haben im gewissen Sinne alle ein Problem mit der Meinungsfreiheit: Meinungen werden nicht als flexible, sich verändernde Gebilde wahrgenommen, sondern zeigen nur ein grobes politisches (oder nichtpolitisches) Lager an, dem sich jemand zuordnen lässt, und, wir alle (als „Masse“ sozusagen) haben ein Problem mit dem Fokus: alle Welt fokussiert relativ zeitgleich auf ein oder wenige aktuelle Themen, wobei das Problem dabei ist, dass alles, was in dem Moment nicht zu den Mainstreamthemen gehört, sowenig Interesse und Zurkenntnisnahme in der öffentlichen Debatte erhält, als gäbe es überhaupt kategorisch irrelevante Themen und Perspektiven.

In welchem Feld finden sich vor solch einem Hintergrund betrachtet Tierrechte und Antispeziesismus?

Wenn der ethische Veganismus Revolution sein will, kann er sich nicht den bestimmenden politischen Lagern unterordnen, bei denen die Interessen nichtmenschlicher Tiere als relativ unbedeutend für die Gesamtheit ethischer Koexistenz bewertet werden. Ein ethischer Veganismus, die Tierrechtsbewegung und die Antispeziesismusbewegung müssen selbst meinungsbildend sein, in dem Sinne, dass alte politische Kategorien und Lager aufgebrochen und neue Blickweisen aufgezeigt und inspiriert werden. Eine Meinung gilt nichts, wenn sie sich keinen eigenen Raum schafft und nur als Sekundärmeinung betrachtet wird.

Was ist das aber für ein Phänomen, dass „Menschenmassen“ immer zeitgleich auf gleiche Themen anspringen – wobei endlos viele Themen in verschiedener Hinsicht relevanter sein können oder genauso relevant sind, wie die, denen gerade alle Aufmerksamkeit zuteil wird? Es mag meistens letztendlich um Menschenrechtsfragen und Fragen des Weltfriedens gehen, aber es fragt sich, warum Menschenrechte nicht auch Tierrechte und eine reifere Haltung der natürlichen Umwelt gegenüber mit sich vereinbaren lassen könnten.

Wenn auch ein Diktat des Fokus existiert, so können Themenschnittmengen doch einen Ausweg aus den einseitigen Gewichtungen in der Wahrnehmung von Problemkomplexen bieten: kaum ein Thema hat rein gar nichts mit einem anderen zu tun. So wäre die gegenwärtige Debatte über Extremismus und Terrorismus eine Möglichkeit, das Thema der Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft/den Gesellschaften allgemein stärker anzusprechen. Gewalt ist den meisten Problemen, mit denen wir primär zu kämpfen haben (Speziesismus, Rassismus, Sexismus, … usw. usf.) immanent; ein einziges Phänomen solcher Gewalt herauszusondern, führt zu keiner tiefergreifenden Analyse und möglichen fundamentalen Kritik der Psychologie der Gewalt.

TIERAUTONOMIE / Gruppe Messel

Jenseits der Politik des menschlich-kollektiven Eigeninteresses

Jenseits der Politik des menschlich-kollektiven Eigeninteresses, braucht es einen ökozentrischen Politikbegriff (statt des alten anthropozentischen Politikbegriffs), dessen Grundsätze sich auf einer Anerkennung der Individuumswürde nichtmenschlicher Tiere im Rahmen der Gesamtwelt (Natur) konstituieren.

Die Welt, und nicht nur die Gesellschaft, müsste dazu als politischer Raum begriffen werden.

Gruppe Messel / Tierautonomie

Das Statement als PNG

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