Zoos und Antispeziesismus

Zoos und Antispeziesismus

Gita Yegane Arani (Gruppe Messel); Fotografien: Jan Brüning

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Im Sinne dieser nichtmenschlichen Tierfreunde, deren eigene Namen ich nicht kenne (…), die der Fotograf und Dipl. Soziologe Jan Brüning 1984 im Opel Zoo fotografierte, und im Sinne aller Nichtmenschen, lasst uns das Thema Zoos und Speziesismus verstärkt kritisch in den gesellschaftlichen Diskurs und nachthaltiger, und mit stärkerer Publizität in den allgemeinen veganen Diskurs einbringen! Und auf individueller Ebene: wenn Ihr vegan seid, dann betont ruhig insistent warum genau ihr Zoobesuche ablehnt und für den Schutz der Lebensräume in der naturgegebenen Freiheit seid. [1]

Zoos sind artifizielle Lebensräume in denen das Konzept des Lebensraumes selbst einen vollständig durchverwalteten Prozess darstellt. Das Leben der per Zwang bewohnenden nm-Tiere wird in allen Bereichen durchgeplant und ist für die Menschen ständig kontrollierbar und einsehbar. Der Gedanke des Zoos ist unumgänglich damit verbunden, dass das Leben von nm-Tieren ein über biologisch erklärbare Vorgänge organisierbares und fremdbestimmbares Leben zu sein habe. Die tierliche Autonomie wird den Nichtmenschen kategorisch abgesprochen und es wird auf minimaler Ebene vorgegeben, dass ausreichend Freiräume in der Gefangenschaft gewährleistet seien; Freiräume wiederum, die sich an biologistisch gedachte Determinismen angliedern lassen.

Aber die Würde bleibt auch dem, dem man sie vermeintlich nimmt – und ich glaube, das ist auch ein Grund weshalb Menschen immer wieder in Zoos gehen, so paradox dies klingen mag und so wenig das den Zoobesuch entschuldigt. Menschlicher Voyeurismus im Bezug auf die „Beobachtungslust“ von nm-Tieren ist eine allgemein gesellschaftlich als normal und richtig anerkannte „Neugier“ und eine Art „Lust“ an der vor allem visuellen Interaktion mit nm-Tieren in Gefangenschaft. Was der Mensch hier aber faktisch sieht sind würdevolle, trotz aller Widrigkeit integre, in problematischen bis hin zu grauenvollen Rahmenbedingungen untergebrachte Tierindividuen in Gefangenschaft, die den menschlichen Blicken und Kommentaren und Gebaren ausgeliefert sind. Das würdelose ist der Mensch in diesem Falle und der Rahmen, in denen er/sie die nm-Tiere zwängt.

Über verschiedene Fernsehsendungen wird eine vorgegebene Possierlichkeit der Lebenssituation für nm-Tiere in den Zoos gegenwärtig immer wieder propagiert. Was vermittelt uns solch eine heile-Welt-Aussicht auf die Zoos, warum haben wir Menschen ein Bedürfnis dort eine fiktive vorwiegend heile Welt in der Interaktion zwischen Mensch und nm-Tier zu betrachten?

Wenn ich in den Zoo gehen würde – ich tat dies zuletzt um Diskriminierungsmomente im Kontext Zoo gegenüber Wollschweinen schriftlich zu dokumentieren vor über zehn Jahren – so habe ich unmittelbar eine Form der Beziehung zu den Nichtmenschen, denen ich dort in Gefangenschaft begegne. Jeder von uns hat oder hätte das. Was mache ich aber mit dieser Begegnung, wie ordnen Menschen die Situation Zoo für die Nichtmenschen und sich selber ein?

Zoos sind keine statischen Institutionen, die ihr objektifizierendes Bild, das sie über Nichtmenschen vermitteln, in jeder Weise so aufrecht erhalten könnten. Längst wissen die meisten Menschen, dass die Menagerie ein voyeuristisches Gefängnis ist und dass sie selbst sich wie speziesistische Sadisten verhalten, indem die diese „Normalität“ als solche fortsetzen.

Das echte Problem ist nicht dass Menschen keinen Bezug zu nm-Tieren haben könnten, der in konstruktive Bahnen geleitet werden kann, durch die in der Mensch-Tier-Begegnung entstehende Synergie – man denke dabei an die endlos vielen Tiervideos in den sozialen Netzwerken die höchste Popularität genießen, wenn sie „tierlieb“ und „tierpositiv“ sind. Das grundlegende Problem ist der Analphabetismus über Speziesismus sowie Antispeziesismus respektive, der in der Gesellschaft eklatant vorherrscht. Und an diesem Problem können wir als Tierrechtler_innen was ändern.

Es gibt natürlich die extrem-speziesistischen Menschen, die meinen, was geht mich das an, ich konsumiere, ich arbeite, ich tue was für den (vermeintlichen) „Fortschritt“. Genau das sind aber die Leute, auf deren Einstellungen ein Großteil der gesamten gegenwärtigen Ökodestruktivität zurückzuführen ist. Menschen die meinen, die Erde sei da um ihren Wünschen und Zwecken zu dienen, die das Leben anderer zu instrumentalisieren suchen durch ihre Art „Fortschrittsgedanken“, die im Prinzip nichts anderes wollen als sich die Welt konstant untertan zu machen.

Der englische Philosoph Bertrand Russell beobachtete zur Funktionsweise menschlicher Hybris treffend folgenden Zyklus vom Privatmenschen bis zu einem fragwürdigen kollektivistischen Menschheitsgedanken, der alles außer sich in die Nutzbarkeit einer Marginalitätsrolle abrückt:

‚Höflichkeit ist die Praxis, den Teil einer Überzeugung eines Mannes zu respektieren, der sich besonders mit dessen eigenen Vorzügen und denen seiner Gruppe befasst. Jeder Mann ist, wo immer er geht, von einer Wolke beruhigender Überzeugungen eingehüllt, die sich mit ihm wie Fliegen an einem Sommertag bewegen. Einige dieser Überzeugungen beziehen sich auf sein Persönliches: sie bestätigen ihm seine Tugenden und Vorteilhaftigkeiten, die Zuneigung seiner Freunde und den Respekt seiner Bekannten, die rosigen Aussichten seiner Karriere und seine unbeeinträchtigbare Energie trotz seines delikaten Gesundheitszustandes. Als nächstes kommen seine Überzeugungen bezüglich der überlegenen Exzellenz seiner Familie; wie sein Vater die unbeugsame Standhaftigkeit hatte, die heute so selten ist; und seine Kinder mit einer Strenge erzogen hat die man kaum noch unter modernen Eltern findet; wie seine Söhne in den schulischen Sportwettkämpfen vor allen anderen liegen, und seine Tochter ist nicht die Art von Mädchen die eine unkluge Ehe eingehen würde. Dann kommen die Überzeugungen über seine Klasse, die nach seiner Beurteilung sozial die beste ist, oder die intelligenteste, oder die sich moralisch verdienendste all der Klassen in der Gemeinschaft – obwohl darüber eine Einigkeit unter Allen besteht, dass der Erste dieser Vorzüge wünschenswerter ist als der Zweite, und der Zweite mehr als der Dritte. Bezüglich seiner Nation erhält sich jeder Mann bequeme Illusionen, ‚Fremde Nationen, es tut mir leid das zu sagen, geht es so wie es ihnen halt geht.’ So sagte Mr Podsnad, mit diesen Worten einer der tiefsten Gefühle des menschlichen Herzens Ausdruck gebend. Schließlich kommen wir zu den Theorien, die die Menschheit generell lobpreisen, entweder absolut oder im Vergleich zur ‚vernunftslosen, tierischen Schöpfung’. Menschen haben Seelen, aber Tiere haben es nicht; der Mensch ist das ‚rationale Tier’; jede besonders grausame oder unnatürliche Handlung wird als ‚brutal’* oder ‚bestialisch’ bezeichnet (obgleich solche Handlungen tatsächlich unverwechselbar menschlich sind) (1); Gott hat den Menschen nach Seinem eigenen Ebenbild erschaffen, und das Wohlergehen der Menschen ist der letztendliche Zweck des Universums.’ [2]

Aber auf diesen „Menschenschlag“ wollen wir nicht hören, sondern uns auf diejenigen Leute konzentrieren, die offen sind für eine konstruktive soziale und ökosoziale Beziehung zu nm-Tierkulturen und der gesamten natürlichen Gemeinschaft.

Gute Materialien und Ansätze zum Thema Zoos und Antispeziesismus, die wir nutzen können um weltfreundliche Menschen von ihrem ethischen Analphabetismus im Bereich Antispeziesismus wegzubekommen sind meiner gegenwärtigen Meinung und Wissens nach beispielsweise folgende – wobei es natürlich weitaus mehr gibt. Leider sind insbesondere die Texte von Ralph Acampora, der wirklich ein Experte in Sachen Zookritik aus Tierrechtssicht ist, bislang nicht ins Deutsche übersetzt.

Zoos und Intersektionalität:

Zoos waren anfänglich Repräsentativprojekte herrschender Imperien, in denen man Menschen und Tiere zusammen ausstellte. Weiterhin sind Zoos ein Zeugnis der ultimativen menschlichen Hybris, indem dort postuliert wird, man könne Ökosysteme künstlich nachspielen – eine Afrikanische Savanne in Philadelphia! Ein arktisches Meer in Florida! – und gefährdete Tierarten dadurch „retten“, indem man sie nicht in ihre Habitate zurückführt, sondern deren Reproduktion kontrolliert. Aus pattrice jones: Intersektionalität und Tiere; http://simorgh.de/about/pattrice-jones-intersektionalitaet-und-tiere/ , Stand 21.11.2018.

Moving Forward: So where do we go from here, knowing that racial and animal oppression are deeply entangled? We continue to take anti-speciesist stances ourselves. Speciesism occurs when humans are viewed as the superior species, which leads to the exploitation of animals. And so, in response to speciesism, we choose to live vegan lifestyles, through the food we eat, the clothes we wear, the skincare products we use, and our work to end factory farming, circuses, zoos and more. We use whatever resources we have to make a change, http://www.farmsanctuary.org/wp-content/uploads/2016/10/AA_VeganStarterGuide_WebVersion.pdf , Stand 21.11.2018.

Mehr Vegan Society Infos über Zoos

[1] Veganism is a way of living which seeks to exclude, as far as is possible and practicable, all forms of exploitation of, and cruelty to, animals for food, clothing or any other purpose. Entertainment: Vegans choose not to support animal exploitation in any form and so avoid visiting zoos or aquariums, or taking part in dog or horse racing. A great alternative is visiting and supporting animal sanctuaries that provide safe and loving homes for rescued animals. https://www.vegansociety.com/go-vegan/definition-veganism , Stand 21.11.2018.

[2] RUSSELL, Bertrand, Sceptical Essays, Unwin Publishers Ltd., London, 1935, pp. 23-24. ‘Politeness is the practice of respecting that part of a man’s beliefs which is specially concerned with his own merits or those of his group. Every man, wherever he goes, is encompassed by a cloud of comforting convictions, which move with him like flies on a summer day. Some of these convictions are personal to himself: they tell him of his virtues and excellencies, the affection of his friends and the respect of his acquaintances, the rosy prospect of his career, and his unflagging energy in spite of delicate health. Next come convictions of the superior excellence of his family; how his father had that unbending rectitude which is now so rare, and brought up his children with a strictness beyond what is to be found among modern parents; how his sons are carrying all before them in school games, and his daughter is not the sort of girl to make an imprudent marriage. Then there are beliefs about his class, which according to his station, is the best socially, or the most intelligent, or the most deserving morally, of the classes in the community – though all are agreed that the first of these merits is more desirable than the second, and the second than the third. Concerning his nation, also, almost every man cherishes comfortable delusions, ‘Foreign nations, I am sorry to say, do as they do do.’ So said Mr Podsnap, giving expression, in these words, to one of the deepest sentiments of the human heart. Finally we come to the theories that exalt mankind in general, either absolutely or in comparison with the ‘brute creation’. Men have souls, though animals have not; Man is the ‘rational animal’; any peculiarly cruel or unnatural action is called ‘brutal’ or ‘bestial’ (although such actions are in fact distinctively human) (1); God made Man in His own image, and the welfare of Man is the ultimate purpose of the universe.’ (1) Compare Mark Twain’s Mysterious Stranger.

Relevanz nichtmenschlicher Moralität

Altruismus dient häufig eigenen Zwecken, zudem ist eine gegenseitige Fürsorge auch immer eine eigene Fürsorge – außer jemand ist völlig egoistisch. Die Grenzen, die der Altruismus zieht scheinen zu drastisch … Nichtmenschen verhalten sich moralisch altruistischer als wir Menschen es tun. Wir sind der Meinung dies sollte im Tierrechtsdiskurs hervorgehoben werden, denn eine Unsichtbarmachung dieses Umstandes bedeutet eine Unsichtbarmachung von Handlungbefähigtheit und von sozialen Architekturen.
Gruppe Messel, Tierautonomie / Animal Autonomy

Weiße Ignoranz bremst die Pluralität im Tierbefreiungsaktivismus aus

Weiße Ignoranz bremst die Pluralität im Tierbefreiungsaktivismus aus

Aktivismus auf bestimmte Wege und Mittel zu reduzieren, halten wir nicht für zielführend. Wenn wir sagen, jede Form des Aktivismus besitzt ihre eigene Legitimität, heißt das auch, dass bestimmte Methoden nicht unter- oder überbewertet sollten. Die meisten Aktivist_innen in der BRD wählen den kollektivistischen und körperpräsenten Aktivismus, sie blenden dabei aber andere mögliche Diskurswege und kommunikative Möglichkeiten erstmal und letztendlich aus.

Dabei wird die Gesellschaft-als-solche wiedergegeben als homogenes Gebilde, in dem der Einzelne sich konform einfügen kann um effizientes Mitglied der Menge zu sein. Der/die einzelne muss sich Akzeptanz in einer wenig pluralen Menge erarbeiten, wenn er/sie mit seinen/ihren Beiträgen denn wahrgenommen werden wollte. Um so mehr er/sie selbst denkt, um so weniger Akzeptanz findet er/sie jedoch.

Herangehensweisen sind von der überwiegend weißdefinierten Menge vorgegeben, diese sind das Maß dessen, was akzeptabel, relevant und der Anerkennung würdig ist. Ein weißdominierter Objektivitätsfilter findet dabei seinen intentionierten vollen Einsatz.

Der Aktivismus spiegelt dabei die Makroebenen gesellschaftlicher Organisationsformen wieder (Rassismus). In anderen Worten: es wird strukturell das wiederholt, was methodisch ebenso im Großen und Ganzen fungiert. Andere Herangehensweisen, die individualistischer sind, weniger massengesellschaftlich, weniger machtorientiert. die von anderen kulturellen Ansätzen her Tierrechte und Tierbefreiung adressieren, bleiben als bestehende Pluralität unsichtbar und die klassischen Elemente weißer Ignoranz kommen zum Tragen.

Wir… hingegen wollen nicht einbezogen werden in diese gesellschaftlichen Konstrukte, selbst wenn das vermeintliche Ziel das gleiche ist. Doch ist es eigentlich wirklich das gleiche?

Kosmetische kulturelle Vielfalt, wie wir sie hier wenn überhaupt haben, ist noch kein intersektionaler Weg. Wenn die weiß-identifizierte Menge entscheidet, welche Thesen die richtigen sind, dann haben wir ein Problem aber keine kulturelle Pluralität in der Sicht auf die Thematiken.

Die Tierthematik mutiert so zum Gegenstand eines weiß-identifiziertem vorgegebenen Denkens, die Nichtmenschen selbst sind dort ein entkulturalisierter Gegenstand des Rettungskomplexes weißer Arroganz.

In der Vorderfront stellt man den einen oder die andere VOC als Führungspersönlichkeit um die weiße Menge als bloße Anhänger in diffuse Machtbereiche verschwinden zu lassen. Pluralität im Denken findet dort ebensowenig ihren Platz, denn die Strukturen, die Hierarchiebedürfnisse sind die Gleichen, wie wenn der kosmetische Antirassismus ausgeblieben wäre.

Wir… bügeln diese Fehler im weiß-dominierten Denken nicht heraus. Die Leute werden weitermachen, wie sie es eben tun.

Das Thema wächst dank eines gesamtgesellschaftlichen Prozesses. Die Körperpräsenz weiß-identifizierter Menschen und kosmetische kulturelle Pluralität sind nicht mehr, als ein Zerrspiegelbild global-kultureller Veränderungen, die gemeinschaftlich durch einzelne und in Minderheiten adressiert werden ( – das Prinzip herrschender Minderheiten könnte hier erkennbar sein).

Konstruktive Beziehungen sind nicht eurozentrisch monopolisierbar.

Die Definition von Nichtmenschen bleibt Definition. „Das Tier“ bleibt in seiner speziesistischen Definition erhalten, wenn nun auch geliebt und geachtet – als „das Tier“, nicht aber als weitere Kulturen. Der Ansatz von Tierkulturen zu sprechen findet nicht statt, sowenig wie die Anerkennung menschlicher kultureller Pluralität.

Das Herrschaftskonstrukt Speziesismus in seiner Komplexität wird nicht demontiert, es wird weder der Bezug zu innermenschlichen Konflikten noch zu nichtmenschlich-tierlicher kultureller Vielfalt ausgedrückt.

@neovegan / https://derarchimedischepunkt.wordpress.com > https://derarchimedischepunkt.wordpress.com/2018/11/06/white-ignorance-stifles-animal-liberation-plurality/

Wir können uns nicht leisten, unterschiedliche Diskurse über Menschen- und Tierrechte zu führen.
Antispeciesist Animal Sociology

Michael Lebwohl: Ein Aufruf zum Handeln: Psychische Schäden bei Schlachthausarbeitern

Ein Aufruf zum Handeln: Psychische Schäden bei Schlachthausarbeitern

Michael Lebwohl*

Original veröffentlicht im Yale Global Health Review (2016), https://yaleglobalhealthreview.com/2016/01/25/a-call-to-action-psychological-harm-in-slaughterhouse-workers/ , Stand 14.10.2018. Übersetzung: Gita Yegane Arani, mit der freundlichen Genehmigung des Verfassers.

„Unten in der Blutgrube sagen sie, dass der Geruch von Blut dich aggressiv macht. Und das tut er auch. Du kriegst die Einstellung, dass wenn das Schwein dich tritt, du es ihm heimzahlen wirst. Du wirst das Schwein zwar sowieso töten, aber das reicht nicht; es muss leiden. Wenn das Schwein zu dir kommt denkst du, oh gut, dieses Vieh mach ich fertig.“ [1] Diese Worte stammen nicht von jemandem, den die Gesellschaft als mental gesund einstufen würde. Jedoch sind aber traurigerweise genau dies die Worte, die eine Gruppe von Arbeitern repräsentieren, die wir in allen zivilisierten Nationen rund um den Globus vorfinden: es sind die Worte eines Schlachthausarbeiters. In den USA alleine arbeiten über siebzigtausend Arbeiter in der Schlachtung [2] und sie sehen sich jeden Tag der Aufgabe gegenübergestellt einige hundert Tiere stündlich zu töten [3]. Diese Arbeiter üben einen Job aus, der diese Menschen durch das, was dieser Job beinhaltet, dem Risiko aussetzt psychische Störungen und einen pathologischen Sadismus zu entwickeln.

Dieses Risiko resultiert aus einer Kombination mehrerer Faktoren der Schlachthausarbeit, wovon einer die stressvolle Umgebung ist, die der Schlachtungsprozess mit sich bringt. Ein großer Anteil dieses Stresses kommt von den auffallend häufigen Verletzungsfällen unter den Arbeitern. Schlachthäuser weisen Verletzungsraten von 20 auf 100 Arbeiter auf. Eine Proportion, die zwar stetig abnimmt, was aber immernoch nichts daran ändert, dass die Fleischverarbeitung die bei weitem gefährlichste Arbeit in den USA darstellt. [3] Diese monströse Rate rührt vor allem von den alltäglichen Gefahrenquellen, wie wir sie insbesondere in den Schlachtbetrieben selbst vorfinden, hier hinein spielen sich wiederholende Bewegungen und schweres Heben. Ein beachtlicher Teil des Stresses stammt zudem von unvorhersehbaren Gefahren, die zu den Ursachen schwerwiegenderen täglichen Stresses zählen. Die Interaktion der Arbeiter mit lebenden angstvollen Tieren, die sich wehren und die unter Kontrolle gehalten werden, beinhaltet, dass jede Minute dieser Arbeit grundsätzlich mit Gefahren einhergeht.

Die Arbeiter, die dabei am meisten gefährdet sind, sind die, die zur Gruppe der „Sticker“ [wörtl. „Abstecher“] zählen. Das sind die Arbeiter, die die Hälse der Tiere aufschneiden, damit sie ausbluten. Theoretisch müssen alle Tiere, außer ‚Geflügel‘, zur Schlachtung betäubt werden bevor sie ausbluten, und dies geschieht zumeist mit einem Bolzenschussgerät oder mittels eines starken elektrischen Schocks. In vielen Betrieben wird die Betäubung aber kaum erzielt. Oft manipulieren Vorarbeiter an den Einstellungen der Bolzenschussgeräte oder an den Elektroschockpistolen um eine ‚bessere Fleischqualität‘ zu erhalten und stellen die Ablaufrate der Schlachtungsreihe auf ein noch schnelleres Tempo, wodurch die Tiere bei vollem Bewusstsein, sich am Band bewegend, zu den Abstechern katapultiert werden. Die Abstecher müssen dann mit der Gefahr umgehen von den großen angstvollen Tieren getreten zu werden. Die Situation wird dann noch gefährlicher und damit noch stressvoller, da der Abstecher das scharfe Messer hält, mit dem er den Tieren dann die Schnittverletzung zufügt. Diese Messer setzen den Arbeiter, in Kombination mit den tretenden Tieren, dem erhöhten Risiko von Verletzungen aus, rangierend von Schnittverletzungen mit kosmetischen Folgen bis hin zu qualvoll tödlichen Folgen. [1, 4]

Die Gefahren der Schlachthausarbeit sind selbstverständlich nicht ohne ihresgleichen. Es gibt zahlreiche Industriejobs bei denen die Gefahrenpotenziale Stress für den Arbeiter verursachen. Die Schlachthausarbeit ist jedoch einmalig innerhalb der großen Industrien, aufgrund der Gewalt, die diesem Job innewohnt. Bislang sind sehr wenige wirklich wissenschaftliche Versuche unternommen worden zu quantifizieren, welche Effekte diese Gewalt auf die Gesundheit und das Verhalten von Schlachthausarbeitern hat. Eine bekannte Studie, die in der Hinsicht unternommen wurde, hat sich mit den Kriminalitätsraten in Gemeinden befasst, in denen sich ein Schlachtbetrieb befindet, indem sie diesen Faktor als Maßstab für psychologische Gesundheit festlegte. Die Studie verwendete dazu Daten des FBI [den FBI Uniform Crime Report] zusammen mit Daten aus der US-Volkszählung, und untersuchte dabei, wie die Kriminalitätsraten sich geändert haben, in Abhängigkeit davon, welche neuen Industrien sich in einer Gegend ansiedelten. Die Studie hat dazu die Daten von über fünfhundert Landkreisen zwischen den Jahren 1994 und 2002 erhoben und dann die Auswirkungen von Schlachtbetrieben auf die Kriminalitätsrate mit denen anderer Industrien vergleichen. Die Industrien, die sie zum Vergleich heranzogen waren hinsichtlich anderer möglicherweise krimialitätsrelevanten Faktoren identisch (wie die Demographie der Arbeiter, das Potenzial sozialer Disorganisationsgefahren und der Effekt auf die Arbeitslosigkeit in den umliegenden Gebieten). Die Schlachtbetriebe übertrafen alle anderen Industrien in ihren Auswirkungen auf die Kriminalitätsrate. Sie wiesen nicht nur einen größeren Zuwachs in der allgemeinen Kriminalität auf, sondern beunruhigenderweise auch einen überproportionalen Zuwachs an Gewaltverbrechen und Sexualstraftaten. [5]

Die Autoren dieser Kriminalitätsstudie leiteten daraus ab, dass der Grund für diesen Zuwachs ein „Überlaufeffekt“ [spillover] in der Psyche der Schlachthausarbeiter war – eine Erklärung die durch die Sozialtheorie und anekdotische Beweise gestützt wird [6] Dies lässt sich auch erkennen in den Aussagen eines Arbeiters darüber, wie die langen Schichten in der Schlachtung von „Nutz“-tieren seine Sichtweise und Behandlungsweise von Mitarbeitern beeinflusst hat:

„Ich stelle mir vor wie ich meinen Vorarbeiter kopfüber aufhängen und seine Kehle durchschneiden würde. Ich erinnere mich wie ich in das Büro ging und den anderen Angestellten sagte, dass ich keinerlei Problem damit hätte einen anderen abzuknallen – wenn du mir in die Quere kommst, dann knall ich dich einfach ab.“ [1]

Sozialtheoretiker beschreiben solch ein Verhalten als eine „Progression“ von der Gewalt gegen Tiere zur Gewalt gegen Menschen [6] Jedoch unterscheidet sich diese Progression von der typischen Variante, wie sie von der soziologischen und psychologischen Literatur beschrieben wird. Der Großteil relevanter Literatur befasst sich mit der Gewalt gegen Tiere, wenn sie einem Menschenmord [6] oder häuslicher Gewalt [7] vorausgeht, als Fälle bei denen bereits eine mentale Prädisposition zur Gewaltbereitschaft besteht und wobei Tiere als bequeme Opfer für Aggressionen dienen, als ein relativ ‚problemloser‘ erster Schritt, bevor die Täter sich ihren menschlichen Zielen zuwenden. In Schlachthäusern besteht eine Prädisposition zur Gewaltbereitschaft nicht zwingendermaßen, aber das Töten von Tieren kann einen vergleichbaren Effekt haben, bei dem ohne Prädisposition, so wie in den Fällen bei denen eine Prädisposition besteht, die Handlung ein erster Schritt ist, der die Arbeiter desensibilisiert und sie dadurch bereit macht ähnliche Gewalt in einem weiteren Schritt Menschen gegenüber auszuüben.

Psychologisch gesprochen kann man diese Desensibilisierung auch durch den Mechanismus der „Verdopplung“ [doubling] erklären, bei dem der Mensch sich dazu bewogen fühlt ein zweites Ich zu entwickeln, ein gutes Ich und ein schlechtes. [8] Dieser Coping-Mechanismus wurde insbesondere im Falle der Naziärzte untersucht, einer Situation, die vergleichbar sein kann zur institutionalisierten und notwendigerweise empathielosen Tötung von Tieren in den Schlachtbetrieben. [8] Die Schaffung und die Illusion des eigenen moralischen Charakters als „gut“ während man zugleich ein anderes Selbst hat, das mechanisch jeden Tag stundenlang Leben beenden kann, stellt nicht alleine eine weitere Quelle des psychologischen Stresses von Arbeitern dar, sondern hierbei sind die Arbeiter auch dem Risiko ausgesetzt, dass ihr pathologisch empathieloses arbeitendes Selbst in ihr Gemeinschaftsleben mit hineinrutschen kann. Dies ist eine andere Erklärung für den Überlaufeffekt, den wir im Denken von Schachthausarbeitern und in deren Gemeinschaftsleben vorfinden.

Eine Kombination dieser mentalen Akrobatik und dieser Stressoren trägt zu psychologischen Störungen bei, und kann eine Art des posttraumatischen Belastungssyndroms hervorrufen, die als Tat-induzierter traumatischer Stress, engl. perpetration-induced traumatic stress oder PITS, bezeichnet wird. [8] Ungleich vieler Formen der traumatischen Stressbelastungen bei denen die Betroffenen das Opfer einer traumatischen Situation gewesen sind, sind PITS-Betroffene „herbeiführende“ oder „verursachende Teilnehmende“ (engl. causal participants) einer traumatischen Situation, [9] In anderen Worten: sie sind der direkte Grund für die Traumatisierung eines Anderen. Das Leben mit dem Wissen um die eigenen Taten und Handlungen verursacht Symptome, die denen des Opfers eines Traumas ähneln: Drogenmissbrauch, Angststörungen, Depression und eine Entkopplung von der Realität. [8] Und wiederum haben Untersuchungen dieses psychologischen Phänomens die Gruppe der Schlachthausarbeiter größtenteils ausgelassen, aber sie haben sich mit dem Thema in analogen Bevölkerungsgruppen befasst, vor allem mit Nazis und Scharfrichtern. [8] Man kann aber, ohne sich der formalen Untersuchung zuzuwenden, davon ausgehen, dass die Symptome (und Ursachen) von PITS sich problemlos mit den Aussagen von Schlachthausarbeitern über deren Erfahrungen decken:

„‘Und dann erreicht man einen Punkt an dem man sich nur noch in einem Tagtraumstadium befinden. Wo du über alles andere nachdenken kannst und immer noch deinen Job machen kannst. Du bist emotional tot.‘ […] Viele Kerle bei Morell [einem großen Schlachthausbetrieb] trinken und nehmen Drogen um mit ihren Problemen fertig zu werden. Einige von ihnen Misshandeln ihre Partner, weil sie die Gefühle die sie quälen einfach nicht los werden. Sie verlassen die Arbeit mit dieser Einstellung und gehen dann zur nächsten Kneipe um dort alles zu vergessen.“ [1]

Diese Geschichten erinnern an die von Kriegsveteranen und an Überlebende von Katastrophen, die an Stressstörungen leiden. Die Notwendigkeit sich von der Realität zu entkoppelt um mit der Arbeit weiterzumachen, führt die Menschen dazu einen Weg einzuschlagen, den manche als „pathologisch“ bezeichnen würden. Gegenwärtig ist die Arbeit in den Schlachthäusern noch immer eine notwendiges Übel [10] in der amerikanischen Gesellschaft, und genau deshalb sollte das Thema mehr akademische Aufmerksamkeit als bislang erhalten. Eine beachtliche Menge an theoretischen und anekdotischen Beweisen liegt dem Gedanken zugrunde, dass die Arbeit in Schlachtbetrieben mental schädlich ist. Doch ohne harte empirische quantitative Nachweise zur Untermauerung dieser Annahmen kann nur wenig unternommen werden um die Situation zu verbessern. Studien, die sich in Verbesserungen der Bedingungen zum Schutze der Arbeiter niederschlagen würden, sind insbesondere deshalb notwendig, da Schlachthausarbeiter allgemein aus Demographien stammen, die Schwierigkeiten damit haben, ihre eigenen Rechte zu vertreten oder damit, sich aus solch grundlegend schädigenden Arbeitsbedingungen herauszubewegen. [3] Das kontinuierliche Versagen darin, dieses Thema zur Kenntnis zu nehmen und zu adressieren, bedeutet eine nicht entschuldbare Gefahr für die individuelle Gesundheit solcher Arbeiter und für die Gesundheit der Gemeinschaften in denen sie leben.

Verweise und Anmerkungen

* Education Yale University, New Haven, CT August 2013 – May 2017 Bachelor of Arts in Chemistry with Distinction in the Major, cum laude

  1. Eisnitz, G.A. (1997). Slaughterhouse: The Shocking Story of Greed, Neglect, and Inhumane Treatment Inside the U.S. Meat Industry. Amherst, NY: Prometheus Books.
  2. Occupational Employment and Wages: Slaughterers and Meat Packers. (2013). Bureau of Labor Statistics, 51-3023, https://www.bls.gov/oes/current/oes513023.htm , Stand 14.10.2018.
  3. Worrall, M.S. (2005). Meatpacking Safety: Is OSHA Enforcement Adequate? Drake Journal of Agricultural Law, 9, 310-312.
  4. Cleeland, N. (2002). Need for Speed Has Workers Seething. Los Angeles Times, http://articles.latimes.com/2002/jun/19/business/fi-speedup19 , Stand 14.10.2018.
  5. Fitzgerald, A.J., Linda K., & Thomas D. (2009). Slaughterhouses and Increased Crime Rates: An Empirical Analysis of the Spillover From ‘The Jungle’ Into the Surrounding Community. Organization & Environment 22(2), 1. doi: 10.1177/1086026609338164.
  6. Beirne, P. (2004). From Animal Abuse to Interhuman Violence? A Critical Review of the Progression Thesis. Society & Animals, 12(1), 1.
  7. Ascione, F.R., Claudia V. W., and David S.W. (n.d.). Animal Welfare and Domestic Violence. National Online Resource Center on Violence Against Women, https://web.archive.org/web/20150918225429/http://www.vawnet.org/Assoc_Files_VAWnet/AnimalWelfareDV.pdf , Stand 14.10.2018.
  8. Dillard, J. (2008). A Slaughterhouse Nightmare: Psychological Harm Suffered by Slaughterhouse Employees and the Possibility of Redress through Legal Reform. Georgetown Journal on Poverty Law & Policy, 15(2), 398.
  9. MacNair, R. (2002). Perpetration-Induced Traumatic Stress: The Psychological Consequences of Killing. Lincoln, NE: Praeger/Greenwood.
  10. Anmerkung des Übersetzers: Die Formulierung, dass die institutionalisierte Tötung von nichtmenschlichen Tieren für die Lebensmittelindustrie ein „notwendiges Übel“ ist, würden wir in der Form nicht unterstützen, sondern hier andere Argumentationsstränge anführen, um pazifistische, nichtspeziesistische Alternativwege einzufordern.

In: Das Schlachthaus als Hauptort des institutionalisierten Zoozids (2018). Hrsg. G. Yegane Arani, TIERAUTONOMIE, 5(5), S.2, http://simorgh.de/tierautonomie/JG5_2018_5.pdf.

 

Vegane Ethik und Kreativität

Vegan? Zu denken.

Ein Keimling, 30. November 2011 @germanvegan

Vegan zu leben schlägt sich nicht nur nieder auf die Art wie ich mich ernähre, auf das was ich konsumiere. Die praktischen Implikationen der Lebensweise bieten allerdings den Schlüssel, mit dem ich mir die ethischen Hintergründe erschließe. Dem sei auch beigefügt, dass wenn es überhaupt keinen eigenen Begriff für die vegane Lebensweise gäbe, diese Art der Lebensweise aber nichtsdestotrotz sowohl einen ethisch-praktischen Aspekt abdeckt als auch einen ethischen Gedanken. Das Denken stellt schließlich den Ausgangspunkt eines ethisch motivierten Handelns dar.

Wir erfahren nun immer mehr über die Seite des Veganismus in Hinsicht auf das, was ich tun kann, das was mich als Handelnden involviert. Die Frage die ich hier aber stellen möchte, ist die danach welche gedanklichen Bausteine sich eigentlich hinter der Praxis verbergen, denn diese bilden das Fundament auf dem auch Andere den ethischen Veganismus verstehen lernen können.

Das Wort „Vegan“ ist nicht alles wovon wirklich alles abhängen muss. Wir begegenen vergleichbaren Lebensweisen in anderen Kulturen und anderen Zeitabschnitten der Geschichte. Der ethische Kern gleicht einer Bewegung die jahrtausende fast wortlos überlebt hat. Nur teilweise finden wir die wesentlichen Beweggründe expliziert durchfomuliert. Das Verhältnis Mensch-Tier birgt ein gigantisches Spannungsfeld in sich. Nichtmenschliche Tiere haben anders „evolutioniert“ als Menschen. Seit jeher betrachtete sich der Mensch wahrscheinlich als Krone der Schöpfung, und Tiere wurden und werden am eigenen Maßstab gemessen. Das Denksystem erweiterte sich, was die ethische Einbeziehung der Tiere anbetrifft, wenn dann zumeist aus altruitsischen Gründen. Die Tierwelt bleibt dem Menschen in ihrer eigenen Intergrität aber ein Mysterium.

Wir alle haben eine mehr oder weniger unausgeprochene Beziehung zu Tieren, die sich in unserer praktisch gelebten Einstellung gegenüber Tieren ausdrückt. Der Begriff Speziesismus weist auf die Negativ-Form der Mensch-Tier Beziehung hin. Dieser Begriff gibt aber auch Aufschluss über die Gegensätzlichkeit im Denken über Tiere.

Die Tierwelt an und für sich sich, und das wie wir sie im ganzen Welt- und Naturgeschehen am besten lokalisieren sollten (insbesondere in ihren großen Zusammenhängen mit der natürlichen Umwelt) ist sprachlich von uns noch nicht in einen adäquaten Rahmen gesetzt worden. Diese Materie kann auch nur schwerlich besprochen werden wenn die Gesellschaft sich über den eigenen Anthropozentrismus (Biologismus) nicht hinausbwegen will.

Eine vegane Ethik sollte sich idealerweise mit der Thematisierung der Probleme in der Mensch-Tier Beziehung auseinandersetzen. Die eigenen Gedanken zu äußern spielt hier den entscheidenden Faktor.

Vegane Politik, die grassroots Ebene

Handeln ist politisch, jede Handlung steht in einer Beziehung zur Umwelt. Meine privaten Entscheidungen sind Hebel, die im öffentlichen Raum irgendetwas betätigen. Auch das, wie ich mich äußere gegenüber Freunden, meiner Familie, unter Kollegen, auf einem Blog, egal wo, greift in das allgemeine Geschehen mit ein. Oft schließen sich Menschen mit ihrer Meinung zu einer größeren Gruppe zusammen, weil sie dadurch meinen „might makes right“ – was alle denken, ist auch richtig. Was natürlich falsch ist! Die größte Macht hat ein Denken, das sich auf die Wahrheitssuche begibt. Denn solch ein Denken richtet sich an dem aus, was ist in der Welt, und nicht an dem, was heute gerade angesagt ist.

Thesen zum Mensch-Tier-Geflecht sollten ihren Ausdruck finden in allen Themenbereichen die sich in diesem Bezug äußern können. Klarerweise auch ausserwissenschaftlich sollte jeder, der sich mit Ethik, Menschen und deren Beziehung zu Tieren befasst, sich äußern, eigene Gedanken formulieren und diese damit zum Teil der täglichen Diskussion machen. Das geht natürlich in allen expressiven Bereichen: Kunst, Musik, Dichtung, Design … . All das, wo der Mensch eine Rolle spielt, kann genau auch der Raum sein, in dem Tiere und die Natur anerkannt und respektiert werden.

Eine zenrale Frage, die allerdings eher die Zukunft der Tierrechtspolitik bestimmen wird, ist die Frage: Wie verhalten sich unsere Einstellung zur natürlichen Umwelt und die Lebensformen nichtmenschlicher Tiere und deren Verhalten im natürlichen Raum zueinander?

Was für uns jetzt als vegan lebende Menschen wichtig ist, ist es eine innere Spaltung unserer pionierhaften Bewegung durch die Abhängigkeit vom Begriff „Vegan-ismus“ zu vermeiden. Denn die Gefahr, dass der Begriff kommerziell funktionalisiert wird, und damit als ein Tool zur kommunikativen Gestaltung unserer Gesellschaft wegschrumpt, ist groß. Genauso sollte man sich nicht irritieren lassen durch die Risiken von Gruppendynamiken, die in jeder Bewegung auftreten. In jeder Gruppe geht der Einzelne unter; außer denen, die den Ton angeben wollen.

Der Begriff „Vegan“ ist ein Tool um einen Gedanken zu verbreiten.

Resume

Veganismus ist eine bewegliche Sache, eine Praxis ist damit bezeichtet. Das Denken aber dazu, das sich dahiner verbirgt, ist reich und frei. Wir alle füllen die Denkwelt, die uns in andere Verbindungen zur Tierwelt und unsere gemeinsame Welt setzt. Und unsere Kreativität kann zeigen, was wir alles schon schaffen zu *formulieren*.

Biologismus als Speziesismus

Biologismus als Speziesismus

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Den Begriff „Biologismus“ werden die meisten ausschließlich im Zusammenhang mit Diskriminierungsformen gegen andere Menschen kennen [1]. Ich wähle hier eine Perspektive, die Nichtmenschen mit einbezieht als Subjekte und Objekte biologistischer Betrachtungsweisen. Der Biologismus geht von einer Einteilbarkeit der Welt, ihrer Phänomene und Bewohner aus, bei der ein Teil der individuierten Welt als „Flora“ und „Fauna“ primär biologisch erklärbar ist und die andere Seite mit weitaus mehr Kriterien beurteilt wird, solchen etwa wie zum Beispiel Geist, Kultur, Transzendenz, Denken, Phantasie und Politik, Fortschritt, Macht, Identität. Die Welt wird dabei prinzipiell unterschieden in: den Raum der ‚Natur’ als biologischen Urzustand und den Raum des ‚Menschlichen’ als Ort an dem so etwas wie Kultur existiert.

Unsere strikte Trennung dessen, was ‚menschlicher Kulturraum’ ist und was ‚bloß’ Natur (bzw. so etwa “biologische, organische Materie“) ist, drückt sich in einer radikalen Entwertung nichtmenschlicher Lebenskontexte aus. Alles vermeintlich primär-biologisch-Betrachtbare wird dabei auf die Stufe eine dienstbaren „Ressource“ für den Menschen reduziert, als ein Mittel zum Zweck, und wird somit Gegenstand theoretischer und kategorischer Beherrschbarkeit und erst dadurch unterdrückbar.

Das, was die Andersartigkeit und die charakteristischen Besonderheiten von nichtmenschlichen Tieren ausmacht, so die Tierkommunikation, tierliche Verhaltensweisen, tierliche Vernunft, tierliches Denken, tierliches Dasein – all das wird zugeordnet zu Dingen, die als unter biologischen Kriterien allein beobachtbar seien. Alles Geistig-kulturelle und alle Möglichkeiten sinnvoller Handlungsebenen werden ausschließlich als in unseren (primär humanzentrischen) Gesellschaften vorkommend verortet.

Die Natur insgesamt und der Lebensraum – nicht im biologischen, sondern eher in einem andersartig kulturellen Sinne als dem menschlichen – wird als biologische Materie subsumiert. Eine Materie die weniger bedeutsam sein soll und weniger Sinnträchtig sein soll, als der Raum, den Menschen für ihr Dasein auf allen gangbaren Ebenen beanspruchen. Die Art der fundamentalen Verschiedenheit in den Prioritäten zwischen menschlichen Kulturräumen und tierlichen Kulturen, wird begründet mit dem Biologischen als schwerwiegendem Kriterium der Einteilbarkeit, im Sinne dessen das alles, was in starker Bezogenheit zum ‚Naturhaften’ steht, geistlos sei. Dabei werden die Sphären des nichtmenschlich Tierlichen und die des Pflanzlichen weitestgehend zusammengefasst und genau deren Kontextualität als biologistischen Determinismen folgend abgewertet. Die Begründbarkeit dazu wird geschaffen, sie ist aber nicht reell, denn der Fokus der Beobachtung bleibt auf bestimmte Handlungsweisen und Abläufe im Tier-Tier und Tier-Umwelt-Kontext begrenzt und zum Einsatz kommende Modelle der Analyse und Beobachtung stecken begrenzte Rahmen und richten sich an immer gleichen Parametern aus, die nichtmenschliches Sein eher der Definition als der autonomen Realität des beobachteten Gegenübers zuschreiben. Es ist schier unzulässig innerhalb der üblichen biologistischen Rahmen, die speziesitischen Unterdrückungmechanismen gleichkommen, jegliche Erscheinung und Verhaltensweise oder Existenzform einmal nicht biologistisch-reduktiv zu betrachten. Solch ein Akt würde einem Tabu gleichkommen, das gebrochen wurde und einem Beweis der Unvernunft und Irrationalität des Menschens, der von dieser vermeintlichen Ratio hierbei abweichen würde.

Für diese radikalen Kennzeichnungen von „Natur“ versus „Mensch“ haben Menschen selbst immer wieder ethische Einbußen erlitten. Die Geschichte menschlicher Diskriminierung weist auf dahingehende Unterteilungen auf, gleich Drohungen gegen Grenzübergänge, und das nicht nur in den groben biologistischen Diskriminierungsformen, wie einem biologistisch begründeten Rassismus, Sexismus oder Ableismus beispielsweise oder auch in der Beraubung des Menschen auf sein Recht auf ‚Land’ (schon lange bevor wir es mit Kapitalismus und Neoliberalismus zu tun hatten, wie etwas im Mittelalter) als Kampf gegen „Primitivismus“ und „Unkultiviertheit“ – nicht allein in diesen Segmenten menschlicher Diskriminierung spielt die Trennung „Natur“ versus „Mensch“ und vice versa eine Rolle, sondern auch in der Sensibilitätsbildung des einzelnen menschlichen Individuums, das sich ständig an das Menschheitscredo seiner Zeit binden soll, statt eine Ausrichtung unabhängig solcher Dualitäten zu finden. Der einzige Rückzug auf das ‚Naturhafte’ bleibt in der Metapher und dem Symbolhaften, aber nicht in der entschiedenen Assoziierung mit den Subjekten der „Natur“ und den tierlichen Seinsformen und Existenzverständnissen. Das Menschliche selbst wird eingegrenzt in seiner Beziehung zu anderen Tieren und in seiner Bezugnahme auf seine nichtmenschliche Umwelt insgesamt als relevante Mitakteure in dessen Welt.

Der Gedanke das Schnittstellen existieren zwischen Diskriminierungsformen gegen andere Menschen (und untereinander) und Unterdrückungsformen die nichtmenschliche Tiere betreffen, sollte erstens in seiner Überlappung im Biologismus-als-Diskriminierungsform anerkannt werden. Zudem sollte die Natur (oder das ‚Naturhafte’, Goethe sprach hier vom ‚Allleben’) mit als instrumentalisierte, biologistisch abkategorisierte Seinsdimension einbezogen werden. Bislang wird der Begriff Speziesismus nicht in seiner Intersektionalität als ein eigentlicher Biologismus verstanden und weiterhin werden nichtmenschliche Tiere anhand von Kriterien aus der Biologie statt soziologischer Beobachtungsinstrumente beschrieben und analysiert. Es gibt keinen tatsächlichen Grund nm-Tiere immer wieder auf einen primären biologischen Beobachtungsfokus zurückzuwerfen, genauso wenig wie es einen Grund gibt, Tierkommunikationen als im Vergleich zum Menschen weniger inhaltlich komplexe Sprachsysteme zu beschreiben. Hier werden Rahmenwerke geschaffen, die bewusst Kriterien der Beobachtung und Analyse selektieren und umfassendere, komplexere Systeme der Beobachtung und Einordnung vermeiden. Es existieren bislang wirklich keine wissenschaftlichen Parameter um Tieridentitäten und den naturhaften Raum nicht-biologistisch zu beschreiben und zu verorten, aber das ist der Begrenztheit unserer Erkenntnistheorien geschuldet und darf nicht auf dem Rücken der Wahrheitsfindung in der Begegnung mit dem nichtmenschlichen Raum und Sein ausgetragen werden.

Es bleibt fragwürdig, warum Biologismus interessanterweise nicht hinreichend mit Speziesismus in Verbindung gebracht wird. Ein merkwürdiges Phänomen, dass diese Verbindung immer noch beinahe völlig unhinterfragt dasteht [2].

Biologism as Speciesism
gets blurred out
despite
it’s obvious
interrelatedness

Animal reasoning,
meaningful interrelatedness
with the entire natural
space
ought not to be
recognized

Under the umbrella
of the separation
between
humanity
and
animality

Music credits: Soundbits from Rudimentary Peni: Rotten to the Core (1983).

[1] Eine gut dargestellte Übersicht zur Geschichte menschlicher Diskriminierung unter dem Vorwand ‚biologistischer’ Kriterien gegen andere Menschen und daraus folgender Ideologien, findet sich bei: Franz M. Wuketits: Biologismus, Lexikon der Biologie, https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/biologismus/8707 , Stand 24.05.2018. „Von Biologismus spricht man, wenn Phänomene eine Deutung durch biologische Tatsachen, Theorien und Modelle erfahren. In der Biologie ermittelte Gesetzlichkeiten werden dabei als einheitliche Gesetze der realen Welt verallgemeinert und gleichsam zu durchgehenden ‚Weltprinzipien: erhoben.“

[2] In der Tat wird der Rekurs auf das Biologische auch in Tierrechtskreisen und ihren Autor_innen immer wieder vollzogen und keine erweiterte und emanzipatorische Terminologie entwickelt. Nichtbiologistische Ansätze im Bezug auf nichtmenschliche Tiere finden sich bei verschiedenen Autor_innen die wir gefeatured haben, siehe http://simorgh.de/overview/autor_innen/ , insbesondere bei Barbara Noske und Anastasia Yarbrough. Auch bei Aph und Syl Ko finden wir ähnliche Diskussion in ihrem Buch ‚Aphroism’.

Lebensdeutung

Wenn Menschen aus ihren eigens beanspruchten Deutungshoheitsansprüchen heraus das Leben anderer Tiere definieren, definieren sie dabei das Leben an sich. Sie lokalisieren sich dann deutungsgebend über dem Rest (und somit die Mehrheit) der Tierheit und meinen zu wissen, was die Wahrheit/die Welt der anderen Lebewesen ist. Lebewesen können sich aber nur begegnen und in Beziehung setzen und diese Beziehungen sind wechselseitig und können nicht von einer Seite her vorbestimmt werden.

Tierautonomie