Teufel besucht das Paradies

Wie könnte das „Paradies“ ein Paradies sein, wenn Menschen, die meinen sie hätten einen logischen Herrschafts- und Dominanzanspruch, die anderen Lebensformen, Daseinsformen und Lebewesen ihrer Beherrschungslogik, ihren eigenen Vorstellungen einer Ordnungssystematik manipulativ bis gewaltartig unterdrückerisch begegnen in Denken und Handeln; wenn die Ignoranz gegenüber anderem nichtmenschlichem und menschlichem Lebenssinn das Paradies besiedelt, dann? Diese Überlegungen werden dem vermeintlich „bösen“ Teufel in dieser Geschichte, die uns Farangis von Attar nacherzählt, nicht allzu abwägig erscheinen …

Teufel besucht das Paradies

Farangis G. Yegane: Eine freie Nacherzählung einer Geschichte Fariduddin Attars (ca. 1136 – 1221)

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Gott hatte das Paradies erschaffen, diesen Platz für die Menschen, wo sie sich stets am glücklichsten fühlen könnten. Der von Gott verstoßene Engel, der zum Teufel Iblis wurde, war von großer Neugier geplagt, warum ihm von Gott strengstens verboten wurde den Garten Eden, das Paradies, zu keiner Zeit zu betreten. Der Eingang wurde eifrig bewacht von einer klugen Schlange und einem Pfau von großer Schönheit.

Mit seinem Scharfsinn versuchte Iblis die beiden Paradieswächter zu überlisten, um endlich diesen geheimnisvollen Ort zu erkunden. Wie ein liebenswürdiger hübscher Engel verkleidet begrüßte er täglich die beiden Wächter, bewunderte die Schönheit des Pfaues und die Klugheit der Schlange, was die beiden Tiere sehr erfreute. Da ihr Wächterdienst oft sehr langweilig war, gefielen ihnen die lustigen Gespräche mit Iblis. Dieser konnte seine Neugier kaum bändigen, endlich einmal ins Innere des Paradieses zu gelangen, das noch nicht einmal von einem Engel besucht werden durfte. Die Schlange und der Pfau waren sehr treue Diener Gottes und hatten kein Mitleid mit dem Neugierigen.

Wieder einmal versuchte Iblis die Wächter zu erweichen. Trickreich verwickelte er nun den einen Wächter in ein Gespräch und begann mit der Schlange. Iblis und die Schlange erzählten sich gegenseitig Geschichten über die Schlauheiten und Tricksereien und jeder hielt sich für das klügste Lebewesen. Der schöne Pfau fand solche Unterhaltungen ziemlich albern, weil das Reden über Schönheit für ihn das wichtigste war. Vom vielen Sprechen fühlte er sich ermüdet und setzte sich in eine Ecke des Paradieseinganges, um etwas zu schlafen. Er fühlte sich sicher, dass die Schlange alles unter Kontrolle hatte.

Mit Raffinesse schmeichelte Iblis der Schlange, indem er ihr zutraute schlauer als Gott zu sein. Nun eröffnete er seinen Plan: Iblis könne sich ganz klein machen und die Schlange könnte sich ihr Maul ganz groß machen. Dann wird sich Iblis in ihrem Maul verstecken und – schwups – wären dann beide im Paradies. Wer will nicht schlauer sein als Gott? Also tat die Schlange was Iblis vorschlug.

Jetzt war der Teufel endlich im Paradies angekommen und stand neben Adam um Eva. Es überraschte ihn sehr, dass das Pärchen so gelangweilt auf Gottes herrliche Schöpfung schaute. Alles war reichlich vorhanden, alles so friedlich, alles so ungestört im eigenen Lebensrhytmus, alles war in sich selbst glücklich. Schließlich begannen sie zu jammern über das Leben im Paradies. Vieles wäre hier nicht vorhanden was den Menschen gefällt und von Nutzen ist. Iblis ärgerte sich über die Undankbarkeit und Unzufriedenheit von Adam und Eva und fragte, wie sie sich ein Paradies vorstellen. Beide wollten unbedingt etwas anderes und dazu müsse vorher alles verändert werden. Es sollten die Tiere hier nicht alle frei herumwimmeln, sondern in einer kleinen Ecke des Gartens wohnen und auch leichter einzufangen sein. Einige davon sollten ihre braven Diener werden. Manche wären schon recht nützlich geworden, wie z.B. Esel, Kühe, Hühner, Hunde. Gott hatte doch den Menschen als Krone der Schöpfung bezeichnet, und deshalb dürften sie sich die Schöpfung mit allem Reichtum zum Untertan machen.

Mit wieviel Liebe und Hoffnung hatte Gott das erste Menschenpaar erschaffen. Alle seine Engel versammelte er, damit die dieses Werk seiner Schöpfung anschauen, sich vor den zwei Menschen beugen und sie stets hoch verehren sollten.

Damals hatte Iblis als einziger Engel diese Menschenverehrung verweigert und damit Gott gewaltig erzürnt und wurde aus dem Himmel verstoßen. Ab dieser Zeit endete sein Engeldasein und begann sein Weiterleben als Teufel Iblis. Hier im Paradies erkannte er, dass er damals der klügste aller Engel war und seine Klugheit jetzt in seinem Teufeldasein steckte.

Der Garten Eden und seine zwei menschlichen Bewohner sind für Iblis jetzt kein Geheimnis mehr, das ihn stets so neugierig gemacht hatte. Die Schlange war treu an seiner Seite geblieben. Sie öffnete jetzt wieder ganz weit ihr Maul, der Teufel machte sich ganz klein und – schwups – schon hatten beide das Paradies verlassen. Adam und Eva waren so beschäftigt mit ihren Ideen das Paradies zu verändern, dass sie nicht einmal sich Gedanken um diesen merkwürdigen Besucher machten, wo der herkam und wo der hinging. Nicht im geringsten vermuteten sie, dass sie gerade vom Teufel besucht wurden. Der schöne Pfau hatte nichts von dem Unternehmen des Teufels und der Schlange gesehen und gehört. Nach seinem Erwachen beschäftigte er sich wahrscheinlich gleich wieder mit seiner Schönheit.

Edition Farangis 2011

Links:

Teufelsgeschichten aus Denk2Mail

Fruit Without Seeds, related poem by M. Jamali

Leuchtfunken

LEUCHTFUNKEN in
Menschenseelen
Leuchtfunken in Käferseelen
Vogelseelen Fischseelen
Hundeseelen Katzenseelen
Tigerseelen Elefantenseelen
Leuchtfunken in allen Lebewesen
großes Leuchtfunkenfeuerwerk

welcher Gott verordnet Dir
Funkstille?

Farangis Yegane: Wohnlabyrinth, Edition Farangis, 2007

LIGHTNING SPARKLES in
human souls
Lightning sparkles in beetle souls
bird souls fox souls
dog souls cat souls
tiger souls elephant souls
Lightning sparkles in all living beings
huge lightning sparkles firework

what god prescribes
radio silence to you?

Farangis Yegane: Wohnlabyrinth, Edition Farangis, 2007

Tierintelligenzen und ein häufiger anthropozentrischer Fehlschluss


“Who are you little insect … what about the dragon flies that lived in prehistoric times, you are just like them.” – love justice

Tierintelligenzen und ein häufiger anthropozentrischer Fehlschluss der bei Tierrechtler_innen immer wieder vorkommt

Anthropozentrismus ist…:

Wenn Tierrechtler_innen, Tierethiker_innen etc. meinen der Maßstab für Intelligenz sei eine vermeintlich mehr oder weniger normativ festlegbare menschliche Form von Intelligenz. Wenn sie ohne weitere Diskussionen durchgehen lassen, dass unterschiedliche nichtmenschliche Spezies oder alle Nichtmenschen als weniger Intelligent bezeichnet werden. Und wenn sie dann wie Jeremy Bentham im 19.Jhdt mutig äußern, dass das Leid und die Leidensfähigkeit alleine zählen.

  1. Gibt es unterschiedliche Intelligenzen, keine ist weniger wert, keine ist weniger komplex. [1]
  2. Wird der Bezugsrahmen bei solchen Faux pas an genau den menschlichen Idealen von Intelligenz ausgerichtet, die unsere Welt letztendlich auf den besten Weg zur totalen Zerstörung befördert haben.

Tierintelligenzen seien nicht so relevant für die Anerkennung der nichtmenschlichen Würde und derer Lebensrechte. Und Homo sapiens sei der Maßstab für relevante Intelligenz/en überhaupt.

Aber nochmal zu Benthams Erkenntnis über die Relevanz der Leidensfähigkeit aller tierlichen Lebewesen – so auch des Menschen:

Er begründete selbst die Rechte unterdrückter ‚nichtweisser’ Menschen auf deren Leid und deren Zustand der Unterdrücktheit und nicht primär aufgrund derer kultureller Stärken, eventueller Andersartigkeit und ihres eigenen Identitätsbewusstseins, so sagt er:

The French have already discovered that the blackness of skin is no reason why a human being should be abandoned without redress to the caprice of a tormentor.” [2]

Und fährt in einem Atemzug fort:

It may come one day to be recognized, that the number of legs, the villosity of the skin, or the termination of the os sacrum, are reasons equally insufficient for abandoning a sensitive being to the same fate. What else is it that should trace the insuperable line?

Was gehört aber zu einem senstitive being? Dazu äußert er sich nicht positiv. Sensitiv ist fühlend im eher biologisch, physiologischen Sinne, aber selbst dies ist ein slippery slope.

Im Bezug auf nichtmenschliche Tiere stehen wir also noch an ähnlicher Stelle wir die Utilitaristen. Wir begründen Rechte negativ, denn wir sprechen nicht von Besonderheiten, Einmaligkeiten, individuellen Stärken und vor allem von autonomer, eigenwertiger Bedeutsamkeit als Ausgangslage für die Anerkennung von Rechten. Wir sprechen von Leid, von fühlenden Wesen die Leiden können, der Rest bleibt erstmal zweitrangig in der Frage über Rechte. Dabei sind genau die Besonderheiten und die Autonomie des anderen Lebewesens, das woran Recht sich bemessen können muss.

Würde man Jeremy Benthams berühmtes Zitat über die Relevanz der Leidensfähigkeit von Tieren neu formulieren, würde der Fokus aber eben nicht weg von der Menge der Beine und der Beschaffenheit des Fells/Haut und der unbeantworteten Frage ihrer Vernunft hin zur Frage der Leidensfähigkeit geführt werden dürfen, ohne den anthropozentrischen Faux pas zu begehen, sondern wir würden genau an der Stelle anzetzen, wo das andere Individuum wegen seiner Besonderheit und Einmaligkeit anerkannt wird und der Mensch sich selbst neu genau daran ausrichtet, statt Definitionsmacht gegen das Leben anderer anzusetzen.

Benthams Schlüsselaussage, an der die Einklagung der Rechte scheitern muss, liegt eben an dem Punkt: “Is it the faculty of reason, or perhaps, the faculty for discourse?…the question is not, Can they reason? nor, Can they talk? but, Can they suffer? Why should the law refuse its protection to any sensitive being? The time will come when humanity will extend its mantle over everything which breathes…” Die Frage sei nicht ob Nichtmenschen über Vernunft verfügten oder einen Diskurs führen könnten, … auch nicht ob sie sprechen könnten, sondern ob sie leiden würden, denn warum sollte das Recht einem fühlenden Wesen den Schutz verwähren. Die Zeit werde kommen in der die Menschlichkeit ihren Mantel über alles was atmen kann schützend ausbreiten wird.

Dieser ethische Pfeiler erscheint edel, großartig, seiner Zeit und Kultur entsprechen mutig, scheint uns aber zugleich auch unzureichend. Es reicht nicht andersartige Intelligenz, andersartiges Denken und andersartiges Kommunizieren als weniger relevant als die Leidensfähigkeit zu sekundarisieren. Denn selbst die Leidensfähigkeit umfasst ein Netz an Ganzheitlichkeit. Und wir können den/die anderen nur in ihrer gegebenen Andersartigkeit und Besonderheit anerkennen und ihnen somit würdige Rechte zum Schutz vor Homo sapiens zugestehen, wenn wir deren Einmaligkeit als ebenso bedeutsam und gleichwertig wichtig in unser Rechtsverständnis mit einbeziehen können. Dazu müssen wir den anderen aber in seiner Ganzheit sehen wollen.

Das wäre letztendlich ein fortschrittlicheres umweltethisches und tierethisches Denken.

[1] Die Evolution nichtmenschliche Lebens ist nicht irgendwie stehen geblieben, http://simorgh.de/about/evolution_oder_stagnationen/

[2] Jeremy Bentham (1748 – 1832); Introduction to the Principles of Morals and Legislation, Zitate: https://www.utilitarianism.com/jeremybentham.html , Stand 03.11.17.

Gruppe Messel / Tierautonomie / Animal Autonomie

Angerungen für ein selbstdurchdachtes Tierrechts-FAQ: Anthropozentrismus – vom Wert menschlicher Intelligenzvorstellungen in der Beurteilung tierlicher Intelligenzen.

Sind (Lebens-) Rechte ein Privileg des Stärkeren (Menschen)?

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Bild: Farangis G. Yegane: Women and Doves, oil on canvas, http://www.farangis.de/early/page/2/

Sind (Lebens-) Rechte ein Privileg des Stärkeren (Menschen)?

Palang LY Arani-Prenzel

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Wenn wir über Rechte sprechen, sollten wir uns dabei bewusst machen, was für Rechte wir meinen:

1. Meinen wir ein Recht, das wir haben oder das uns fehlt?
2. Oder meinen wir das Recht, das ein anderer Mensch hat, das er nicht hat und das er haben müsste?
3. Meinen wir auch, dass alles, was nicht Mensch ist, kein wirksames Recht auf Leben hat und haben kann, oder weniger Rechte hätte autonom von unserem Herrschaftsanspruch zu existieren, weil wir alle anderen Lebewesen letztendlich unseren Wünschen, Vorstellung und vermeintlichen Bedürfnissen unterwerfen können?

Meinen wir, wenn wir zumindest an unsere Rechte denken, primär das Recht, das wir in unserer Gesellschaft, in dem Staat in dem wir leben, genießen? Wann und wie haben diese Rechte begonnen und womit begründen wir das Recht, Rechte haben zu können und zu dürfen?

Zumeist nehmen wir an, die Dinge seien, was Rechte anbetrifft, einfach so wie sie sind, und das Rechte etwas sind, das der, der sie vorgibt, erteilt und wahrt, diese Rechte – auch wenn dadurch die Rechte Dritter tangiert sind – in deren Sinn, Zweck und Logik selbst festlegen kann, solange diese Rechte ihren Legitimationsrahmen im mehrheitlichen menschlichen Kollektivinteresse finden.

Und wenn sich unsere Gesellschaft mit Berufung auf ihr allgemeines Rechtsempfinden und ihre Rechtsbegrifflichkeit geeinigt hat, dass die Rechte an einer bestimmten Grenze enden können/sollten, dann endet unser Rechtsverständnis in der Regel an eben dieser Grenze. Nämlich, zu unterschiedlichen Graden, an den Grenzen von Spezieszugehörigkeit (was über den anthropozentrischen Rahmen hinausgeht), sozialer Identität, körperlicher Befähigung, Ethnizität und Staatszugehörigkeit, Einkommensverhältnisse, Besitzstatus, usw. Weder haben die Menschen innerhalb unserer Gesellschaften zwangsläufig alle die Rechte, die sie zu ihrem unversehrten Leben bräuchten, noch haben es die Lebewesen, die sich außerhalb des menschliche-sozialen Kreises befinden.

Die meisten Menschen glauben, es gäbe einfach nur die Rechte, die sie in ihrem oder einem verwandten gesellschaftlichen System besitzen können, und es gäbe andererseits nur vermeintliche Naturrechte, wobei aber der Begriff von „der Natur“ ein völlig vager bleibt. Und von dieser Gleichung her wird zumeist abgeleitet – nicht viel besser als sei es gottgegeben – wo sich irgendwer auf der Rechteskala befindet.

Recht als Privileg

Durchgesetzt wird der Grad an Rechten die jemand besitzt, nicht allein in juristischer Hinsicht oder als tägliches Privileg in der einen oder anderen Form („dass wir hier halt mehr Rechte haben, weil wir ja auch mehr erwirtschaftet haben“ zum Beispiel, usw.), sondern ganz „banale“ Rechte werden dem Menschen und den anderen Lebewesen tagtäglich im sozialen und environmentalen Miteinander zu- oder abgesprochen; in einer Lebenspraxis, die nicht unbedingt mit in unsere Rechtsdefinitionen mit hinein fällt.

Und wegen dieser schwammigen Angelegenheit, ab wann ein Diskriminierungsmoment und ein Akt der Antidiskriminierung sich mit zur Definition von „Recht“ (und Unrecht) einbinden lassen sollten, scheinen auch viele Tierrechtler in ihrer Argumentation darüber, welche Rechte Tiere haben sollten, nicht den Ernst der Frage nach der Bedeutung von dem was Rechte alles mit ausmacht, zu begreifen.

Viele Tierrechtler kämpfen dafür, dass Tiere zwar Rechte haben sollten, fügen meist aber mildernd speziesistisch hinzu, dass man damit natürlich nicht das Recht meine, zu wahlen zu gehen oder das Recht auf Bildung, usw. In dem Moment schließen sie aber das basal politische in der Frage nach Rechten im Bezug auf Tiere mit aus, was sie als Tierrechtler eigentlich nicht tun sollten.

Rechte sind etwas grundsätzlich politisches, weil es bei Rechten um die Frage der Interessen und des Schutzes und der Wahrung von eben den festgestellten oder anerkannten oder auch aberkannten Rechten geht. Wir stellen uns Rechte in einem allein anthropozentrischen Kontext vor. In dem Moment aber, in dem unsere Rechtsbegriffe und unsere eigenverordneten Rechte in das Leben anderer eingreifen, wird die Situation des Rechts des anderen berührt.

Wenn wir sagen es ist unser Recht jeglichen Baum abzuholzen und einen Wald neu zu pflanzen und zu bewirtschaften, dann greifen wir in den Lebensraum und in den ökologischen Kontext anderer Spezies ein, oder aber, wenn wir sagen, wir haben das Recht, Tiere zu unseren Zwecken, unter von uns festgelegten Voraussetzungen zu „nutzen“, was heißt, sie zu töten als objektifizierte Wesen, dann greifen wir mit unserer Vorstellung über Sinn und Zweck und Wertigkeit des Seins und der Existenz anderer, mit unserer Definition von dem was wir als Recht begreifen ein. Wir beanspruchen für uns eine Festlegung dessen, was Recht ist, so wie eine Flagge, die wir in unbesiedeltes Terrain zur Behauptung unseres Besitzstatus aufstellen.

Eine Recht vor diesem „Recht“ des vermeintlich Stärkeren geschützt zu werden, muss grundsätzlich immer möglich sein, da eben unser Recht in das Leben und in die Systeme, die neben uns auf dieser Erde existieren, eingreift. Ein Recht, das wir uns nehmen, das wir für uns postulieren und festsetzten, bringt die Frage des Rechts darauf mit sich, vor diesem Übergriffs-Recht, das durch uns ausgeübt wird, geschützt zu werden.

Die Behauptung, es gäbe keine Notwendigkeit, vor dem Übergriff durch unsere Rechte geschützt werden zu müssen, geht meistens mit speziesistischen Empfindungen einher, dass Nichtmenschen ja auch weniger wert seien, weniger leisteten, weniger intelligent seien, weniger verlieren würden wenn sie sterben, ja allein durch Instinkte, aber nicht durch Denken funktionierten … und so errichtet man eine Hierarchie, die letztendlich unendlich fragwürdig ist, weil Tiere eben anders sind und auch anders sein dürfen, ohne, dass sich ihre Qualitäten an unseren bemessen lassen müssten.

Oder wir fangen damit an zu begründen, dass es da ja noch den gewichtigsten aller Gründe dafür gäbe, warum nur wir Rechte haben, weil wir diese ja auch formuliert und erfunden hätten und überhaupt nur wir Rechte durchsetzten könnten. Das heißt aber auch, dass wir nur unsere Definition von dem, was einem Recht auf Rechte zugrunde liegt, anerkennen. Moralische Wertigkeit, Sinn, Bedeutsamkeit in dieser Welt sprechen wir nur uns zu, dabei macht unser anthropozentrisches System nur ein Fragment innerhalb von Lebenssystemen aus, von denen wir allein aus Sicht unserer menschenzentrischen Hybris etwas begreifen.

Wir erteilen Rechte letztendlich nach unseren hierarchischen Vorstellungen – sei es in so drastischer Form wie einer völligen Negierung von Seinsautonomie, wie bei allen nichtmenschlichen Wesen (Anthropozentrismus), oder innerhalb unserer menschlichen Gesellschaften (Klassismus, Ableismus, Sexismus, Rassismus, Ageismus, usw.), wo in der einen oder anderen Form Rechte immer wieder übertreten werden, selbst wenn man sie im Zuge der Menschenrechte erst einmal postuliert und etabliert hat. Recht sollte eigentlich immer das sein, was man dem anderen an Würde zugesteht und zugestehen muss, und nicht das Recht des vermeintlich Stärkeren.

Speziesmismus, und so auch eine rechtlich-juristisch und sogar bioethisch argumentierender Speziesismus, ist ein kollektivistisch geleitetes Moment, das uns in unserer Fähigkeit unser moralisches Denken zu entwickeln hindert. In dem wir die Welt weiterhin unter anthropozentrischen Gesichtspunkten betrachten, bleibt unser Interesse an unserer nichtmenschlichen- und natürlichen Umwelt eigentlich ein allein auf uns selbst gerichtetes.

Der artgerechte Bio-Speziesismus

Ein kurzes Narrativ …

Leute, die ich kenne, die sagen: „Und wir essen gar kein Fleisch mehr!“

Die selbigen sagen vielleicht einen Monat später: „Bio ist einfach besser. Neulich sind wir zu unserem Bio-Bauern gegangen und die Leute da sind so lieb und wie gut die ihre Kühe behandeln, … das war auch das erste Mal, dass wir wieder Rind gegessen haben.“

Speziesismus ist nicht nur ein Indikator für einen Mangel an grundlegender basaler menschlicher Empathie, sondern zeugt zugleich auch von einem defizitärem rationalen Gemeinsinn. Um exakt nachzuvollziehen weshalb das so ist, solltet Ihr Euch mal diesen Text von Vasile Stanescu durchlesen:

Warum es nicht genügt, Tiere zu lieben: eine feministische Kritik. Ein Vortrag, der die Ethik der „Tierliebe“ kritisiert, basierend auf feministischer und queerer Theorie (PDF), als HTML.

 

Was ist schlimmer: religiöser Fanatismus oder Speziesismus?

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Was ist schlimmer: religiöser Fanatismus oder Speziesismus?

Palang LY

Die Antwort ist beileibe nicht eindeutig, denn beides sind Ausrichtungen auf ideologische Rahmenwerke, bei denen ein Opfer als Geisel genommen wird und mittels Gewalt Angst erzeugt wird.

Woher kommt das Opfer im religiösen Kontext und woher nimmt sich der Speziesismus die Berechtigung, die Tierheit als Geisel seiner Lüste, Bräuche und Definitionen zu halten?

Der religiöse Fanatismus scheint mir eine krude Form einer „Wahrheitsfindung“ zu sein (oder sein zu wollen), bei der sich die Antworten auf „Gott“ ausrichten, und wo derjenige, der an diesen Gott glaubt, eine Rechtfertigung für jede gottgegebene Regel findet, egal wie grausam oder unlogisch sie sein mag. Meiner Meinung nach funktioniert der Speziesismus in ähnlicher Weise, indem eine Gruppe von Lebewesen, aufgrund einer arbiträren Vorstellung über allgemeingültige „Objektivität“, per definitionem über andere Lebewesen gestellt wird.

Die Parallelen beider Ideologien zeigen sich in der Gewalt, die als wesentliches Mittel zur Eigen- und Fremddefinition eingesetzt wird. Indem ich ein Opfer schaffe, das leidet und das mir nicht entkommen kann, dessen Freiheit ich somit negiere, schaffe ich mir als „Stärkerer“/„Überlegener“ einen Raum der Herrschaftsausübung über die Existenz des anderen. Ich eigne mir über die Angst meines Opfers den Raum seiner Freiheit an, und wandle ihn zum Raum der Angst und Unterdrückung. Das Gebilde, das ich auf diesem Fundament errichten kann, ist schier endlos ausbaubar; ich kann ganze Philosophien und Technologien auf Basis dieser Unterdrückung errichten und mir vormachen, ich verfügte über eine endgültige Definitionsmacht.

Ich glaube tiefenpsychologisch finden wir tatsächlich viele Ähnlichkeiten in allen Systemen, die sich über die Zerstörung des anderen als „sinnstiftendes Moment“ definieren können, wollen oder müssen. Es fragt sich, was wir an dem Punkt, an dem sich Ideologien dieser Art kreuzen, erkennen können – wenn, wie in diesem Falle, Menschenmord und Tiermord eine gleiche „Qualität“ erlangen? Kollabieren solche hierarchisch-ideologischen Gewaltsysteme, wie eine „gottgegebene Legitimität zur Alleinherrschaft“ und das kollektivistische Prinzip der Objektivitätsbehauptung des „Menschseins-als-dem-Tiersein-überlegen“ in dem Moment, in dem erkennbar wird, dass

1.) Geistig-spirituelle Herrschaftsansrprüche einen Hang zu Selbstvernichtung haben,
und 2.) die Objektivität des Tierseins die Objektivität des Menschseins relativieren könnte?

Radikale Selbstfürsorge und Tierbefreiung

Die radikale Selbstfürsorge und der Gedanke sozialer Gerechtigkeit verbindet eine lange gemeinsame Geschichte, die zurückgeht bis zur abolitionistischen- und zu der Anti-Sklavereibewegung des späten 18. und des frühen 19. Jahrhunderts. Es gibt ein Zitat von einer schwarzen Frau namens Mrs. Wittington, das, so finde ich, wirklich den Geist dessen erfasst, was die radikale Selbstfürsorge in der Bewegung sozialer Gerechtigkeit bedeutet:

Wir wollen leben und nicht einfach nur so von Tag zu Tag existieren – so wie ihr oder irgendein Mensch es auch will.

Als Tieraktivist_innen können wir diesen Anspruch erweitern auf den Einbeschluss aller Lebewesen. Als Lebewesen wollen wir mit Würde leben, und ich denke, dass wir uns genau dafür einsetzten können – für diese Bedeutung der Würde, nämlich, dass das Leben über die bloße Subsistenz oder das von-Tag-zu-Tag-existieren hinausgeht. Das ist ein zentraler Punkt, und wir sollten dazu imstande sein, dass dies in unserem eigenen individuellen Leben für uns irgendwie fühlbar wird, damit wir das Bewusstsein in unsere aktivistische Arbeit in einer erweitert kreativen und informierten Art und Weise hineintragen können.

Aus: Anastasia Yarbrough: Radikale Selbstfürsorge in Erwägung ziehen: Tierrechte – denn das Leben zählt, http://simorgh.de/about/yarbrough-radikale-selbstfuersorge/.

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Bild: International Bird Rescue Center, http://www.bird-rescue.org/

Tod ist nicht verhandelbar

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Es geht nicht um „Fleisch“, es geht um Tiermord

Manche wollen die Tötungsmaschinerie „realpolitisch“ reformieren, mit der Formulierung des Langzeitziels: Tierrechte und Veganismus.

„Töten oder nicht töten“ ist aber keine Grundsatzfrage, die wir längerfristig miteinander verhandeln können. Töten ist das Verdikt des fundamentalsten existierenden Unrechts.

Der Zoozid kann nur durch klare Positionierungen, eine konsequente Hinterfragung und durch Dekonstruktion eine den Tatsachen gerecht werdende breite gesellschaftliche Ächtung finden.

Gegenwärtig gilt in der Gesellschaft noch die Vorstellung: „Töten ist weiterhin gestattet, nur die ‚Haltungsbedingungen’ sollen sich ändern.“

Es braucht eine klare Distanzierung von der Rhetorik, die versucht den Tiermord als ethisch verhandelbar darzustellen.