Wenn Antirassismus sein Ziel verfehlt

Wenn die Antirassismus-Debatte instrumentalisiert wird:

  • Um die sozial-kollektiven subtileren Formen der Ausgrenzung aufgrund ethnisch-kultureller oder weltanschaulicher Verschiedenheit zu verharmlosen.
  • Um Ausgrenzungs- und Abwertungsmechanismen, die übergreifend und grundlegend sind, unkritisiert fortsetzen zu können.
  • Um vorzugeben, man sei menschenrechtlich auf der sicheren Seite und dabei aber die weiteren Diskussionen über Problematiken zu hemmen und für die Zukunft auszuschließen.

Was dann? … Sichtbarmachung multi-ethnischer und weltanschalicher Pluralität wäre ein echter Baustein eines funktionierenden Antirassismus.

Hat das Essen von Tierkörperteilen mehr mit Glauben oder eher etwas mit ideologischem Denken zu tun?

Ist das selbstbewusste Bekenntnis zum Fleischverzehr Ausdruck eines ideologischen Speziesismus oder selbst schon ein „Glaubensakt“?

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Man könnte den Verzehr des Fleisches nichtmenschlicher Tiere als der Evolution geschuldet bezeichnen, also auf der naturwissenschaftlichen Ebene argumentieren: aber die Evolution ist etwas in-sich-selbst im wandelbaren Begriffenes.

Vielleicht reicht es, dass Götter oder ein Gott das Opfer durch den Menschen von Nichtmenschen verlangen, aber vielleicht ist der Fleischverzehr selbst schon ein Glaube, denn Glaube und Ideologie liegen doch so nah beieinander und der Speziesismus ist gewiss ein ideologischer Akt.

Warum empfinden Menschen mit nichtmenschlichen Tieren nur nach eigenem Gutdünken Empathie? Warum sieht unser Mehrheitsethikbegriff Empathie mit dem Mitmenschen vor, aber nicht mit den Mittieren?

Es gilt sich eigene Ethikbegriffe zu schaffen, die in das Puzzle authentischer ethischer Realitätsbezüge mit hineinpassen; und diese kommen – wenn wir nicht-anthropozentrisch denken – aus allen Teilen der Realität, also nicht nur von den von anderen Menschen beschriebenen Perspektiven. Auch Dinge, die wir selbst unmittelbar erleben, in unserem individuellen Realitätsbegriff innerhalb des natürlichen Raumes, bilden ebenso relevante und ethisch gültige Realitätsbezüge.

Yet another fragment by the Gruppe Messel

Definitionsmächtig

Selbst definieren

wenn
weiß-identifizierte und/oder
mainstream Veganer_innen
mir erklären:

was Speziesismus …
was Rassismus …
was Sexismus …
was Ableismus bedeutet

dann ist das nicht intersektional gedacht
sondern sie begeben sich in eine Definitionsmacht.

Ich erlebe und definiere Speziesismus, Rassismus, Sexismus, Ableismus, Klassismus und die Art wie mein Gegenüber mich oder jemanden anderen diskriminiert anders als du es vielleicht tust.

Unser Stand der Dinge: Wie steht es mit der „eigenen Meinungsfreiheit“ und was ist Meinungswirksamkeit?

jesuischar

Unser Stand der Dinge: Wie steht es mit der „eigenen Meinungsfreiheit“ und was ist Meinungswirksamkeit?

Wir – als Gesellschaft – haben im gewissen Sinne alle ein Problem mit der Meinungsfreiheit: Meinungen werden nicht als flexible, sich verändernde Gebilde wahrgenommen, sondern zeigen nur ein grobes politisches (oder nichtpolitisches) Lager an, dem sich jemand zuordnen lässt, und, wir alle (als „Masse“ sozusagen) haben ein Problem mit dem Fokus: alle Welt fokussiert relativ zeitgleich auf ein oder wenige aktuelle Themen, wobei das Problem dabei ist, dass alles, was in dem Moment nicht zu den Mainstreamthemen gehört, sowenig Interesse und Zurkenntnisnahme in der öffentlichen Debatte erhält, als gäbe es überhaupt kategorisch irrelevante Themen und Perspektiven.

In welchem Feld finden sich vor solch einem Hintergrund betrachtet Tierrechte und Antispeziesismus?

Wenn der ethische Veganismus Revolution sein will, kann er sich nicht den bestimmenden politischen Lagern unterordnen, bei denen die Interessen nichtmenschlicher Tiere als relativ unbedeutend für die Gesamtheit ethischer Koexistenz bewertet werden. Ein ethischer Veganismus, die Tierrechtsbewegung und die Antispeziesismusbewegung müssen selbst meinungsbildend sein, in dem Sinne, dass alte politische Kategorien und Lager aufgebrochen und neue Blickweisen aufgezeigt und inspiriert werden. Eine Meinung gilt nichts, wenn sie sich keinen eigenen Raum schafft und nur als Sekundärmeinung betrachtet wird.

Was ist das aber für ein Phänomen, dass „Menschenmassen“ immer zeitgleich auf gleiche Themen anspringen – wobei endlos viele Themen in verschiedener Hinsicht relevanter sein können oder genauso relevant sind, wie die, denen gerade alle Aufmerksamkeit zuteil wird? Es mag meistens letztendlich um Menschenrechtsfragen und Fragen des Weltfriedens gehen, aber es fragt sich, warum Menschenrechte nicht auch Tierrechte und eine reifere Haltung der natürlichen Umwelt gegenüber mit sich vereinbaren lassen könnten.

Wenn auch ein Diktat des Fokus existiert, so können Themenschnittmengen doch einen Ausweg aus den einseitigen Gewichtungen in der Wahrnehmung von Problemkomplexen bieten: kaum ein Thema hat rein gar nichts mit einem anderen zu tun. So wäre die gegenwärtige Debatte über Extremismus und Terrorismus eine Möglichkeit, das Thema der Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft/den Gesellschaften allgemein stärker anzusprechen. Gewalt ist den meisten Problemen, mit denen wir primär zu kämpfen haben (Speziesismus, Rassismus, Sexismus, … usw. usf.) immanent; ein einziges Phänomen solcher Gewalt herauszusondern, führt zu keiner tiefergreifenden Analyse und möglichen fundamentalen Kritik der Psychologie der Gewalt.

TIERAUTONOMIE / Gruppe Messel

Vegan sein ist nicht das Letzte

Vegan sein ist ein mehr oder weniger technischer Ausdruck für eine bestimmte Lebensweise, einen bestimmten Lebensstil, der die Exklusion von Produkten beinhaltet, die mit Tiermord oder Tierausbeutung verbunden sind. Vegan sein drückt noch nichts darüber aus, wie ich zu nichtmenschlichen Tieren und Tierrechten in einem eher politischen Sinne stehe und auch nichts über mein Verständnis von Ethik generell, also auch mein ethisches Verständnis über die Mensch-Tier Beziehung.

Vegan zu sein ist für mich persönlich daher “bloß” ein Baustein in einem größerem Gebilde.

Der große ethische Bau, den ich für mich beanspruche, dass er mein Denken repräsentieren würde, ist das Haus in dem Tierrechte, Menscherechte und Erdrechte Hand in Hand gehen, mit all dem was dazu gehört. Nichts lässt sich vom anderen trennen.

Nach der Existenz von über 60 Jahren Veganismus (die Vegan Society hat 1944 den Begriff “vegan” geprägt und die vegane Bewegung begründet) glaube ich, können wir weiter gehen, und als schon fast selbstverständlich erwarten, dass ein Mensch vegan sein sollte. Das klingt vielleicht etwas “gewagt”, aber der Umstand dessen allein, dass Veganer_innen noch eine numerische Minderheit darstellen, besagt nichts über den moralischen Imperativ mit dem die Gesellschaft es im Veganismus zu tun hat – im Sinne dessen, woran der Veganismus inhaltlich angrenzt.

Wir als Veganer_innen, glaube ich, könnten noch weitaus mehr Menschen gewinnen dazu vegan zu leben, wenn der Veganismus nicht mehr als ein Einzelbaustein, sondern eher als ein Element einer umfassenderen Tierrechts-, Menschenrechts- und Erdrechtsethik dasteht.