Konstrukte über Tiere: biologisch, philosophisch, religiös … hinterfragen

Ein unnötiges aber wesentliches Hindernis in der Tierrechtsdebatte besteht wenn Tierrechtler sich mit Nicht-Tierrechtlern über die hauptsächlichen nichtmenschliche Tiere definierenden Annahmen einig sind, in Hinsicht auf:

– Biologie; Position: Tiere sind Instinktwesen, „survival of the fittest“ mit Menschen ganz oben
– Philosophie; Position: Tiere können nicht denken. Moral und Denken sind etwas urmenschliches
– Religion; Position: Gott hat den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen, Mach Dir die Erde untertan … nur der Mensch ist spirituell begabt

Wenn der einzige eintscheidende Unterschied von speziesistischen Annahmen zu denen von Tierrechtlern darin besteht, dass Tierrechtler sich in der Höherbewertung der Wichtigkeit nichtmenschlich tierlichen Lebens unterscheiden, dann bleibt die Ursache von Tierunterdrückung unangetastet.

Der Fehler nämlich liegt nicht allein in der Abwertung von Tieren, sondern bereits in den Konstrukten über Tiere: biologisch, philosophisch, religiös … . Diese sollten primär hinterfragt werden, der Unterschied in den Anschauungen in Hinsicht auf die Bewertung würde dann klar werden können.

Gruppe Messel / Tierautonomie /Animal Autonomy

Podcast: Verbindungsstellen zwischen Menschen- und Tierrechten erkennen

Podcast: Die Verbindungsstellen zwischen Menschen- und Tierrechten erkennen (MP3)

Oft haben wir in den sozialen Feeds von uns intersektionalen Tierrechtlern nur dieses Ping-Pong zwischen einem Tweet für Tierrechte und einem für Menschenrechte … , aber kaum diskutieren wir die tatsächlichen Verbindungsstellen zwischen Unterdrückungsformen wie Rassismus und Speziesismus. Ich habe einige sehr interessante intersektionale Texte von englischsprachigen Autor_innen übersetzt, in denen klar wird, wo Unterdrückungsformen sich berühren und wie wir die Verbindung in logischer und vernünftiger Weise herstellen können: siehe einige Texte hier.

In Zeiten, in denen die Menschenrechte zunehmend zur Farce wegschrumpfen, Lebensräume für Menschen wie Tiere weltweit nurnoch dominiert werden von machtvollen Menschengruppen, wo Rassismus, Sexismus, Ableismus … und die Gewalt gegen Nichtmenschen in Form von Speziesismen und Gewalt gegen die natürlichen Lebensräume von Nichtmenschen sich zur totalen Zerstörung verdichten, können wir nicht sagen, wir sehen den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, sondern wir sollten Kritik üben und Kritik überhaupt üben können in den täglichen Diskussionen mit Mitmenschen und bei unserem Output in sozialen Netzwerken zum Beispiel.

Dies ist ein Aufruf die Verbindung zwischen Menschen- und Tierrechten vermehrt zu verbalisieren, und nicht nur bei dem Nebeneinander der Tragödien zu verharren.

P.S. Es reicht meiner Meinung nach nicht für die Argumentation für die Schnittstellen von Menschen- und Tierrechten von der sensuellen Empfindsamkeit beider “Klassen” von Lebewesen (….) auf biologischer Grundlage zu sprechen. Ich weiß, dies tat Jeremy Bentham Ende des 18. Jahrhunderts schon als Utilitartist der er war sehr überzeugend, aber genau da ist der Knackpunkt: wir sollten uns seit der Diskussion über Tierethik und/oder Tierwürde, etc. seit dem 18. Jhdt. doch inzwischen ein bisschen weiter voraus wagen.

Podcast: Tierkörper in der Kunst und mal wieder PETA und die Tiereuthanasie

Podcast: Tierkörper un der Kunst und mal wieder PETA und die Tiereuthanasie (MP3)

Eine vielleicht nicht so gelungene aber immerhin nicht-speziesistische Möglichkeit der künstlerischen Verarbeitung des Themas Speziesismus in unserer Gesellschaft (von mir selbst angefertigte Zeichnung).

Warum wieder das lästige Thema Tiereuthanasie und PETA, habe darüber bereits vorher berichtet, siehe hier: http://www.simorgh.de/archive.htm. Im Podcats gebe ich unrichtigerweise an man solle in der Suchbox unten PETA eingeben, aber die Einträge zum Thema PETA und Euthanasie befinden sich in meinem Archiv. Also warum wieder dieses Thema, ganz einfach: weil es innerhalb der TR-Bewegung immer noch zumeist negiert wird und Fälle wie der der Hündin Maya in den USA einfach unsäglich tragisch sind.

Das andere Thema: Tierkörper in der Kunst ist zur Zeit brandaktuell, weil sich die Geister in der TR-Bewegung zunehmend daran scheiden, was noch Kunst und was bereits Speziesismus ist.

Also dies sind hier einige Aspekte die mir dazu in den Sinn gekommen sind, und die ich Euch / Ihnen gerne mitteilen wollte – auch zur Ermutigung, dass der/die Zuhörer_in auch seine/ihre Meinung zu derart Themen öffentlich kundtut!

Sebastian McJetters: Queere Menschen haben ein Problem mit den Republikanern … und Tieren geht es da nicht anders

Headline: „Republikanischer Abgeordneter: „Es exisitert ein ‚Unterschied’ zwischen Schwulen und Menschen“

Christopher McJetters: Queere Menschen haben ein Problem mit den Republikanern … und Tieren geht es da nicht anders

Titel des Textes im Original: , Queer people have a republican problem…but animals have one toohttps://strivingwithsystems.com/2017/06/28/queer-people-have-a-republican-problembut-animals-have-one-too/. Übersetzung: Gita Yegane Arani, mit der freundlichen Genehmigung von Crhistopher McJetters.

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Während einer Debatte vom letzten Monat über ein Gesetz zum Schutz von LGBT-Menschen hat der republikanische Politiker Rick Brattin folgendes erklärt: „Wenn man sich die Grundlagen der Religionen anschaut, der der Bibel, des Korans und anderer Religionen, so gibt es einen Unterschied zwischen Homosexualität und dem schlichten Menschsein.“

Ich wiederhole den letzten Teil des Satzes nochmal für die Leute in den hinteren Reihen: Es existiert ein Unterschied zwischen Homosexualität und der schlichten Tatsache ein Mensch zu sein. Tatsächlich. Brattin glaubt, dass Homosexualität einen Menschen unmenschlich macht. Und er ist mit seiner Überzeugung nicht alleine.

Ich war natürlich entsetzt angesichts solch einer bemerkenswerten Aussage. Aber dann erinnerte ich mich, dass diese Worte nur die letzten sind in einer langen und stolzen Geschichte von konservativen US-amerikanischen Politikern, die Erklärungen mit einer Qualität geistiger Brandstiftung über queere Menschen von sich gegeben haben. Doch diese Überlegung überraschte mich noch nicht einmal.

Der einstige Präsidentschaftskandidat (und jedermanns liebstes komplettes Desaster) Dr. Ben Carson erklärte im Jahr 2014, dass gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu Pädophilie und Zoophilie führen würden. Und Rick Santormum [A.d.Ü. ein weiterer republikanischer Politiker und Kongressmann, ehem. Senator des Bundesstaates Pennsylvania] hat solche Thesen mindestens seit dem Jahre 2003 verbreitet.

Wenn man nun mal davon absieht, dass dieses waghalsige Argument jeglicher Logik entbehrt (und völlig bekloppt ist) … und wenn man auch einmal davon absieht, dass die meisten pädophilen und zoophilen Akte von Leute begangen werden die „straight“ sind [A.d.Ü. d.h. der völligen heteronormativen ‚Normalität’ entsprechen], zeugen Brattins Worte von einem immer wiederkehrenden Argumentationsstrang, den wir schon zuvor hier diskutiert habe, und zwar die Erfindung des Menschseins als einer politischen Identität.

Wie wir sehen ist „der Mensch“ ist ein kodierter Ausdruck, der für normatives Weißsein [A.d.Ü. siehe Erklärung zum Begriff ‚Weißsein’ unten] steht. Der Zugang zu diesem Weißsein wird nur durch die Sprünge mehrerer brennender Reifen gestattet. Und ratet mal was. Dieser Zugang ist flüchtig und er kann jederzeit widerrufen werden. Jeder der nicht im Sinne der Standards normativen Weißseins als ‚menschlich’/’Mensch’ gilt ist nicht mehr als entweder eine Kollateralschaden, minderwertig oder er stell eine ausbeutbare Ressource dar (und dieser letzte Punkt kann nichtmenschliche Tiere einbeschließen, Schwarze, so ziemlich jedes Wesen mit einem funktionierenden Uterus, Geringverdienende oder diejenigen auf die all dies gleichzeitig zutrifft!).

Weiße schwule Männer dürfen dem Club beitreten … aber auch nur manchmal. Der Schutz durch das Weißsein gilt für sie nur begrenzt, basierend auf ihrer Fähigkeit heterosexuelle Maskulinität darzustellen. Und, wie wir in Brattins Kommentar feststellen können, der Poposex kann sie manchmal direkt vor den Bus werfen.

Und wenn die Kommentare im Pink News Artikel uns dies irgendwie aufzeigen können, so sind sie nicht allzu glücklich darüber.

Natürlich, animalisiert zu werden stellt für jede farbige Person unter den Blicken normativen Weißseins nichts wirklich Neues dar. Leute haben schwarze Menschen schon ewig mit Tieren verglichen. Fragt Serena William oder Michelle Obama, Es gibt unzählige Beispiele. Und wenn Du eine queere schwarze Frau bist, dann hast Du in jeglicher Hinsicht Probleme, denn Du stehst genau mitten in der Kreuzung von „Rasse“ [A.d.Ü. siehe Anmerkung zum Begriff „Rasse“ unten], Gender und Sexualität. Und der Bus ist SCHNELL da. Und bitte, denkt nicht einmal darüber nach auch zusätzlich noch trans zu sein, denn … (verstummt in Erschöpfung bei dem Gedanken mehr als 14,000 weitere Worte niederschreiben zu müssen).

Die Falle in die wir natürlich treten, ist die, dem Weißsein weiterhin die Vorteile dieser Hierarchie zu gestatten. Der Mensch (lies: Weißsein) kann nicht oben auf dem Hügel sitzen wenn wir den Hügel insgesamt abschaffen. Als ich damit aufhörte zu versuchen mein Menschsein in den Augen des Weißseins beweisen zu wollen, und mich stattdessen mit den marginalisierten Personen zusammentat in einem Sinne der Tiere mit einbezog, gelangte ich zu einem bindenderen Sinne von Solidarität. Die langjährige vegane und queere Aktivistin pattrice jones befasst sich mit diesem Thema in ihrem Vortrag über die Gemeinsamkeiten von Unterdrückung, der für mich eine maßgebliche Rolle bei der Veränderung meines Rahmenkonzepts spielte.

Als schwarze queere femme-of-center Person der Menschenrechte etwas bedeuten meine ich, dass unser gemeinschaftliches Verständnis dessen was diese Rechte bedeuten, einen Drall in die Richtung erhalten hat, dass wir dadurch einen eigenen Zugang zum Weißsein [A.d.Ü. siehe Erklärung zum Begriff „Weißsein“ unten] erhalten würden, statt wirklich nach Gerechtigkeit zu suchen. Und da dies immer noch die Hierarchie von Unterdrückung aufrecht erhält, bin ich daran nicht interessiert. Das heißt zum Teil fokussiere ich aus diesem Grund stattdessen meinen Aktivismus auf Tiere. Wir wissen inzwischen bereits, dass Unterdrückung in Isolation am besten gedeiht. Unser Privileg also dazu zu nutzen um uns selbst auf eine Linie mit den marginalisierten Gruppen zu bringen, stellt also eine direkte Bedrohung für die Institution weißen Überlegenheitsdenkens dar.

Obwohl, wenn man es realistisch betrachtet schaffen es weiße queere Leute (insbesondere Männer) kaum ihre Solidarität farbigen queeren Menschen gegenüber zu bekunden, das letzte Beispiel war die Menge an boshaft rassistischer Kritik an queeren Leuten in Philadelphia die eine neue Variante der Pride-Flagge in ihrer Community vorgestellt hatten. Vielleicht bete ich also bloß für ein Wunder.

Und, eine Ausschlussklausel: Bevor es Dir vielleicht einfällt zu sagen, dass auch einige schwarze Leute diesen Firlefanz mit unterzeichnen würden, so wissen wir dies bereits. Und das ist auch warum ich den Begriff des normativen Weißseins so betone. Du musst nicht tatsächlich weiß SEIN um dich damit zu identifizieren oder das normative Weißsein fortzusetzen. Eine anti-schwarze Haltung ist so schlimm wie eine Droge. Und ironischerweise beschränkt sich die Sucht danach nicht auf irgendeine Hautfarbe.

Und wenn wir schon gerade davon sprechen, können wir nochmal kurz zurück zu Ben Carson gehen? Ich denke wir müssen wirklich etwas tun. Dieser Mann ist ein Hirnchirurg. Ein echter GEHIRNCHIRURG. Ich glaube ihr solltet Euch alle mehr fürchten als ich glaube dass ihr es tut.

Anmerkungen des Übersetzters:

Zum Begriff des Weißseins: „Weißsein ist die soziale Lokalisierung von Macht, Privileg und Prestige. Es ist ein unsichtbares Päckchen unverdienter Vorteile. Als eine epistemologische Überzeugung ist es manchmal eine Handhabe der Verneinung. Weißsein ist eine Identität, eine Kultur und eine oft kolonialisierende Lebensweise, die Weißen zumeist nicht bewusst ist, aber selten nicht den ‚People of Color’ [Nicht-Weißen]. Das Weißsein trägt auch die Autorität innerhalb des größeren Kulturraums den es beherrscht, indem es die Bedingungen festlegt wie jeder Aspekt von Rasse diskutiert und verstanden wird. Das Weißsein verfügt so über einen Facettenreichtum und ist durchsetzend. Das systemische Weißsein liegt im Mittelpunkt des Problems von ‚Rasse’ innerhalb dieser Gesellschaft.“ Zitiert aus: Barbara J. Flagg, Foreword: Whiteness as Metaprivilege, Washington University Journal of Law and Policy 1-11 (2005).

Der Begriff ‚race’ wird in der kritischen Diskussion über Rassismus im Amerikanischen in seiner politisierten Bedeutung verwendet und ist klar abgegrenzt zu verstehen von einem rassenbiologistischen Begriff, wenn er sich im westlichen Denken auch ursprünglich darauf begründet hat. Ich setze den Begriff „Rasse“ der Übersetzung in Anführungszeichen, da der Begriff im deutschen Sprachgerbauch vorwiegend durch seinen geschichtlichen Hintergrund der rassistischen Propaganda des NS-Regimes gekennzeichnet ist. In einigen anderen rassismuskritischen Überserzungstexten habe ich nichtdestotrotz bei der Verwendung des Begriffes auf die Anführungszeichen verzichtet, da der Unterschied zwischen politisiertem und rassenbiologistischem Sprachgebrauch aus solchen Texten prinzipiell klar hervorgeht. Da dieser Text einen weitläufig einführenden Charakter hat, habe ich mich hier für die Setzung in Anführungszeichen entschieden.

Alle Links: Stand 15.07.2017.

Introspektionen und Distanz. Eine Eigenkritik am Vegansein, denn es umfasst noch nicht genug.

Was mich interessiert ist der Grund, warum die ‘vegane Bewegung’ im deutschsprachigen Raum so kaum kritisch mit sich selbst umgehen will. Das fällt mir besonders auf, bei der Kluft zwischen Wunsch und Realität in Sachen ‘wir sind moralisch ja doch überlegen – weil wir die Tiere in unsere Ethik mit einbeziehen’.

Meine lieben veganen Kolleg_innen werden ihrem Anspruch in einer eingegrenzten und praxisorientierten Ebene gerecht, aber die Ursachen von Speziesismus (als den Veganismus notwendig machende Unterdrückungsform) werden nicht weiter hinterfragt und ‘veganisiert’. Und so und anders ist der Veganismus noch lange nicht die letzte Station in Sachen intersektionaler Gerechtigkeit, die wir jemals erlangen könnten.

Man denke an folgende offensichtliche Defizite:

Wie geht man mit dem veganen Konsumerismus um?

Das schlimme ist, dass immer nur ein Weg als der gangbare untereinander gefördert wird. So haben wir es auf der einen Seite mit der Gruppe Veganer_innen zu tun, die sagen, jeder Konsum ist gut, solange vegan… und mit der andere Seite, die da sagt, wir müssen alles in Richtung Postwachstum ausbauen und eine biovegane Landwirtschaft (1) als gemeinsame Utopie verfolgen. Die reell existierende Schnittmenge (denn wir alle sind gezwungen irgendwie zu konsumieren) und die bislang kaum wahrgenommenen Ruderalerscheinungen (andere, vielleicht auch weniger spektakuläre vegane Lebensmodelle) ringsherum fallen in der Selbstwahrnehmung der ‘veganen Bewegung’ generell unter den Tisch.

Wie geht man mit der veganen Entpolitisiertheit um?

a.) in Sachen Menschenrechten: die Veganer_innen in unseren Gefilden halten sich zumeist für interessiert an globalen Menschenrechten. Die Warte, die aber immer vorwiegend eingenommen wird, ist eine weiß-zentrische, patriarchal-freundliche, die die Folgen von Rassismus und (Post-)Kolonialisierung und das Ineinandergreifen unterschiedlicher Herrschaftsstrukturen und hegemonialer Unterdrückungsmechanismen als ‘Minderheitsprobleme’ (2) abtut. So kannst Du kaum erwarten, dass ein_e Veganer_in hierzulande sich dafür interessiert, was tatsächlich in einem anderen Land an Menschenrechtsverstößen los ist. Ein Mensch, der die Privilegien unserer neoliberalen Demokratien genießt, braucht sich nur nach dem Soll zu richten, dass die Medien und ein allgemeines soziales Unwohlsein und schlechtes Gewissen in der Gesellschaft ihm vorgibt.

b.) auf welcher Ebene wird der Veganismus eigentlich beworben? Es gibt die Veganer_innen, die die gesundheitlichen Aspekte betonen, und diejenigen, die mit der ethischen Seite werben und primär argumentieren… soweit, dass Nichtmenschen ja auch fühlende Wesen sind; aber viel mehr wird auch nicht am anthropozentrischen Gerüst gekratzt … und das waren wohl auch schon beide Hauptströmungen im Veganismus. Beide sind in dem Punkt miteinander d’accord, dass sie auf die Ernsthaftigkeit der Tierunterdrückung nur mit einer Tierethik hinweisen, die Tiere immer noch als Objekte der Definitionshoheitsgebiete einer anthropozentrischen Naturwissenschaft, eines anthropozentrischen Rechts, solcher Religionen und Kulturen und Kulturverständnisse betrachten. Der eigentliche Unterdrückungsmoment ist also im weiß-zentrischen Veganismus immer noch nicht behoben.

Der Lösungsweg zur veganen Gesundheit und die Vorstellung von veganer Konsequenz liegt zumeist einerseits in der Propagierung eines konsumabhängigen Hebels (3) und Lifestyles, und andererseits haben wird den Anspruch auf vegane Kompetenz im kollektiven Aktivismus bei Demos, in sozialen Netzwerken, in Vereinen, bei Konferenzen, in der Obhut des Kulturindustriellen- und Bildungsindustriellen-Komplex… , wobei immer wieder Mehrheitsprinzipien begünstigt werden und dabei wenig pluralistisches Denken und Handeln zugelassen und/oder hervorgebracht wird. (4)

Der intersektionale Anspruch der ‘aufgeklärten’ Variante des weiß-zentrischen Veganismus klammert immer noch aus, den Tieren im politischen und soziologischen Zusammenhang als ‘animal bodies’ eine Autonomie zuzugestehen und die Menschen in einem weitaus größeren Geflecht zu betrachten als unter dem Gesichtspunkt weiß-zentrischer Narrative. Dies mag an den stagnanten Vorgehensweisen liegen die man wählt, oder daran, dass das Konzept des Veganismus selbst immer noch zu vage ist und in seinen politisch/ethischen/sozialen Forderungen nicht wirklich weit genug geht.

Ich denke immer noch man könne den Veganismus ausbauen, aber vielleicht muss man auch an neuen konkreteren Konzepten basteln. Und das Bewusstsein, dass Tiere mit in den ethischen und politischen Raum hineingehören, ist vielleicht einfach eines, das eh, ganz selbstverständlich im Zuge menschlicher Emanzipation fällig war.

(1) Die biovegane Landwirtschaft interessiert sich für die nichtmenschlichen Tiere, denen Raum zurückgegeben müsste, auch nur als ‘abwesenden Referenten”, indem ihnen in der Lebensgemeinschaft, für die man ‘Land’ in veganer Weise in Anspruch nimmt, keine tierliche Teilhabe zugestanden wird und man ihrer Problematik nur als indirekt adressierbar begegnet. Das Problem des Lebensraumes wird den Lebenshöfen überlassen, die als ‘Utopie’ und Lebensform weit weniger seitens des Veganismus durchformuliert werden. Siehe für eine Kritik an dieser Handlungsweise: Vegan Mergers: Sanctuaries, Veganic Land ‘use’ and Biotopes.

(2) Zur Unsichtbarkeit neoliberalen Post-Rassismus: Neoliberal Racism’s Post-Racial Playbook, wobei der ‘Unsichtbarkeit’ als soziales Problem der Unterdrückungsmechanismen überhaupt fortwährend und übergreifend begegnet werden muss.

(3)  “Bei vielem der Rhetorik, die sich um das koloniale Weißsein windet, geht es um Ängste bezüglich des Körpers und um Reinheit. Und dann schließlich, ein Konzept das nun eher neu dazukommt: Neoliberalismus: dass eine Veränderung effektiv nur durch die individuelle Macht der Konsumenten herbeigeführt werden kann, nicht aber durch strukturelle Veränderungen. Alles was du zu tun hast, ist ein veganes Produkt zu kaufen um damit einen gesunden Körper zu erlangen.” – A. Breeze Harper: Vegane Nahrungsmittelpolitik: eine schwarze feministische Perspektive.

(4) Das Denken, als Notwendigkeit und Chance im Aktivismus, fällt im Veganismus noch zu viel unter den Tisch, und so wird kein zugrunde liegendes Konzept, kein Rahmenwerk einer ‘veganen’ Ethik entwickelt. Die antirassistische Tierbefreiungs-Aktivistin Aph Ko äußert dazu folgende Kritik:

“Viele Leute bereifen nicht, dass das Denken tatsächlich einen Teil unseres Aktivismus ausmachen sollte. Das Denken wurde schon viel zu lange von der akademischen Welt vereinnahmt und so meinen wir, dass wir Theorie und Gedankenentwicklung eben ‚diesen’ elitistischen Menschen überlassen sollten … wenn genau aber dies doch einen Teil der öffentlichen Domäne ausmachen sollte.
[…]
Da zahlreiche unkritische Menschen Führungspositionen in den Bewegungen einnehmen, verlässt man sich auf sehr einfache, an der Oberfläche verharrende Taktiken um Menschen zu einem politischen Lebensstil hingehend zu „schocken“. Daher hat der Veganismus auch einen entsprechend schlechten Namen erhalten … er bleibt an der Oberfläche und ist sensationalistisch. Bildlichkeit kann funktionieren, insbesondere wenn sie an ein neues Rahmenwerk gebunden wird … aber die Schaffung neuer konzeptueller Rahmenwerke ist generell genau der Teil, der übersehen wird.”

Siehe: Eine antirassitische Aktivistin, die für die Tierbefreiung kämpft. Ein Interview von Mark Hawthorne mit Aph Ko.

Krokodil @veganerbund

Sich mit der ethischen Seite des Veganismus befassen

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Der Veganismus ist keine perfekte Allround-Lösung für alle Probleme, die die Fragen betreffend der menschlichen Ausbeutung von Tieren und die menschliche systemische Gewalt gegen sie anbetreffen. Aber der Veganismus, als praktische Ethik, ist ein unerlässlicher Schritt und es gilt seine Ansätze weiter zu optimieren auf dem Weg eine gerechte Gesellschaft zu schaffen, die ein Bewusstsein für die Bedürfnisse und die Würde ihrer Mitlebewesen entwickeln will.

Ein Problem, das der Veganismus bislang noch nicht gelöst hat, ist die Frage, inwieweit er sich mit den Ursachen von Gewalt gegen die Tierwelt auseinandersetzen sollte. Das wäre fast eine Aufgabe einer ‘veganen Soziologie’.

Man bezeichnet die Problematik der menschlichen Abwertung gegenüber Tieren in ihrer systemischen Form als “Speziesismus”. In Hintergrund der meisten Veganer_innen schwirrt selbstverständlich der Gedanke, dass man hauptsächlich etwas Gutes für Tiere bewirken will – der Veganismus selbst hat sich eindeutig auf diesem Anspruch begründet. Aber vordergründig gerät genau dieser Punkt oft ins Abseits, und statt einer Diskussion über den Speziesismus sehen wir in den meisten veganen Blogs hauptsächlich alles andere was rund um den veganen Lifestyle noch so von Interesse sein kann. Und kaum einer protestiert. Warum wohl?

Wir alle müssen den Anfang selber machen liebe Veganer_innen

Wir denken es ist Zeit sich mit der veganen Ethik als Diskussionsgegenstand zu befassen. Wir befürchten, dass der Mangel an einer breiteren Diskussion über den ethischen Veganismus, in der veganen Szene selbst, letztendlich dazu führt, dass die Tierfrage im Veganismus immer uninformierter behandelt wird. Es geht um Tiere beim Veganismus, und wir setzen die Tierbefreiung und die Befreiung der Menschen und unser Umweltbewusstsein *weitestgehend* auf eine Stufe, jedoch in der ethischen Diskussion weist der Veganismus noch über zu große Lücken auf.

Was genau ist eigentlich Speziesismus – außer einem Statement das besagt, dass wir Sexismus, Rassismus und Speziesismus allesamt gleichermaßen verwerflich finden? Es ist der Ausschluss der nichtmenschlichen Tiere aus unserem allein für uns selbst beanspruchten ethischen Selbstverständnis, das heißt wir beanspruchen Freiheiten und eine *absolute* Würde für uns, die wir der Tierwelt auf allen möglichen Ebenen absprechen. So haben wir es beim Speziesismus mit einer ganzen Latte von Argumentationssträngen zu tun, die uns allesamt beweisen sollen, dass Tiere im Vergleich zum Menschen weniger “Wert” sind. Diese Argumente können biologisch begründend sein, sich auf Kultur und Traditionen berufen, religiös sein, philosophisch, soziologisch,  usw. usf. Die Dichotomie, die Menschen zwischen sich zur Tierwelt und Natur kreiert haben, scheint geschichtlich gesehen kulturell übergreifend gewesen zu sein und sie ist es bis heute, und diese ethische Separierung umfasst – mehr oder weniger sichtbar – so gut wie alle Lebensbereiche.

Wir alle erleben Speziesismus in unserem täglichen Leben, aber wir sprechen kaum darüber. Warum fehlt uns der Mut dazu und warum versuchen wir nicht diese Barriere zu brechen und ein Vokabular zu entwickeln, mit dem die gesellschaftlichen Funktionsweisen des Speziesismus für uns diskutierbar werden? Nur so können wir das Thema effektiv zunehmend in das Bewusstsein der Gesellschaft rücken.

Mankos in der veganen Bewegung, die sich aus einem Mangel an kritischer Diskussion über den Speziesismus ergeben, fallen uns zur Zeit auf in solchen Punkten wie:

  • Das Rätselraten einiger Veganer_innen darüber, ob der Veganismus überhaupt antispeziesistisch zu sein hat
  • Der biovegane Landbau einerseits als Planung und Zukunftsvision der veganen Selbstversorgung und Nahrungsmittelpolitik, aber andererseits die fehlenden Überlegungen über die Schaffung von neuen Lebensräumen für gerettete ‘Farmtiere – hier fehlt einfach die gesammelte Vision statt es bei einigen ‘isolierten’ Lebenshöfen zu belassen
  • Die Fokussierung auf das den Menschen betreffende Politische in der intersektionalen Diskussion im Veganismus, der fehlende Vorstoß der Politisierung der Speziesismus-Problematik in dem Zusammenhang
  • Mängel an Pluralität in der veganen Bewegung, geistig- kultureller Konsumerismus und Konformismus als Gruppenidentität im Veganismus
  • die fortwährende Fokussierung auf eine Abschaffung der Massentierhaltung statt der Forderung auch die einzelne Tötung von Tieren in der ökologischen oder in der ‘traditionellen’ Landwirtschaft durch öffentliche Thematisierung als ethisches Problem ins Bewusstsein der Gesellschaft zu rücken.
  • Die Unterscheidung von Tierausbeutung bei unterschiedlichen Tierspezies, insbesondere abhängig von Geographie oder Status der Tierspezies in unserer Gesellschaft

Gruppe Messel @veganwerden, tierautonomes Netzwerken.

Eine antirassitische Aktivistin, die für die Tierbefreiung kämpft. Ein Interview von Mark Hawthorne mit Aph Ko.

Ein Interview von Mark Hawthorne mit Aph Ko

Aph Ko: Eine antirassitische Aktivistin, die für die Tierbefreiung kämpft

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Quelle dieses Interviews mit Aph Ko ist Mark Hawthornes Blog ‚Striking at the Roots: Animal activism around the world’: Aph Ko: Anti-Racist Activist Fighting for Animal Liberation, https://strikingattheroots.wordpress.com/2016/05/31/aph-ko-anti-racist-activist-fighting-for-animal-liberation/. Übersetzung: Gita Yegane Arani-Prenzel, mit der freundlichen Genehmigung von Aph Ko und Mark Hawthorne.

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Wer sich im letzten Jahr aktiv in der veganen Bewegung engagiert hat, der hat bestimmt bereits schon etwas von Aph Ko gehört. Aph ist im Bereich sozialer Gerechtigkeit aktiv und setzt dazu in effektiver Weise die sozialen Medien ein. Sie hat 2015 das Projekt ‚Black Vegans Rock’ gegründet, nachdem sie als vegane Aktivistin einen Bericht mit einer erstmaligen Auflistung 100 schwarzer Veganer_innen verfasste, und, sie ist die Gründerin von Aphro-ism – einer Webseite, die sich der schwarzen veganen feministischen Analyse widmet, und die sie gemeinsam mit ihrer Schwester Syl Ko betreibt. Beide fordern dort das, was sie als eine „epistemologische Revolution“ bezeichnen, indem sie über die Unterdrückung von Tieren und rassifizierte Unterdrückung schreiben. „Wir glauben, dass wir mitunter mehr für die Tiere und uns selbst tun können, indem wir die Art und Weise ändern, wie wir tatsächlich begreifen, warum Unterdrückung überhaupt geschieht,“ erklärt Aph in dieser beeindruckenden Rede, die sie anlässlich der Intersectional Justice Conference im Staate Washington gehalten hat, und bei der ich die Ehre hatte Aph und einige andere beachtenswerte Aktivist_innen im März dieses Jahres kennen zu lernen.

Aph ist auch eine Produzentin unabhängiger Medien und die Schöpferin der Comedy-Webserie ‚Black Feminist Blogger’. Man braucht wohl kaum erwähnen, dass Aph außerordentlich beschäftigt ist, ich bin ihr daher also besonders dankbar, dass sie sich die Zeit genommen hat, mir auf einige Fragen über ihren Aktivismus per Email zu antworten. Ich denke Ihr werdet von ihren Denkanstoß gebenden Antworten sehr begeistert sein.

Aph, du bist im Punkte digitaler Medien unheimlich bewandert – bloggen, Videos, die sozialen Medien, Online-Artikel. Bist Du der Meinung, dass es eine Form gibt, die sich für den Aktivismus für soziale Gerechtigkeit in ihrer Effizienz ganz besonders eignet?

Ich denke all diese Formen dienen einem einmaligen und spezifischen Zweck. Videos sind hilfreich dabei, bestimmte Narrative voranzutreiben, in einer Weise wie es das Bloggen nicht kann; Bloggen hingegen ist eher persönlich. Es hilft mir dabei, meine eigene Stimme auszutesten, während ich anderen dabei zugleich gute Ressourcen empfehlen kann. Ich denke deine Stärken geben dir vor, welches Medium du am besten verwenden solltest. Wenn du mehr Fähigkeiten darin besitzt, deine Gedanken expressiv zu artikulieren und Zusammenhänge eher über das Sprechen herleitest, dann ist es wahrscheinlich besser wenn du ein Video machst. Wenn du deine Gedanken aber besser über das Schreiben organisieren kannst, dann ist es von Vorteil, wenn du ein Blogposting verfasst.

Ich glaube viele Veganer_innen sind sich in dem Punkt einig, dass die digitalen Medien dabei geholfen haben, die vegane Botschaft voranzubringen. Denkst Du, dass die digitalen Medien auch dabei hilfreich waren, Fortschritte bei den Themen zu erwirken, die die marginalisierten Gruppen anbetreffen?

Ich würde sagen ja und nein. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich realisiert habe, wie ich die digitalen Medien dazu gebrauchen wollte, um meine Stimme zu verstärken, während ich mir aber gleichzeitig mein Gefühl für die Gemeinschaft bewahrt habe. Ich denke, dass die digitalen Medien und das Internet insgesamt bloß eine Erweiterung der realen Welt, in der wir leben, darstellten, und so beherrschen Rassismus und Sexismus selbst auch diese digitalen Räume. Aus diesem Grund erhalten auch bestimmte Stimmen mehr Aufmerksamkeit als andere. Bestimmte Versionen der Realität werden verbreitet, während andere zur Seite gedrängt werden.

Und das ist auch warum das eurozentrische Denken und das Weißsein [1] beinahe alle Bewegungen sozialer Gerechtigkeit befallen – selbst online. Weiße Menschen schreiben zum größten Teil die Literatur, die verbreitet wird. Ihre Sichtweise über Unterdrückung und Befreiung wird als einzige oder als die maßgebliche Perspektive betrachtet. Und, da sie die über die meisten Ressourcen verfügen, sind sie auch imstande dazu, zu den bestimmenden Autor_innen in den Forderungen nach sozialem Wandel und im Aktivismus zu werden, was allerdings verheerende Konsequenzen mit sich gebracht hat.

In der Vergangenheit habe ich Stunden damit verbracht, die Art zu bekämpfen wie Weiße ihre Arbeiten erledigen, bis ich eines Tages gemerkt habe, dass mich das Ganze einfach nur noch langweilte. Die weiße Realität fortwährend zu bekämpfen, lässt einen zu dem Eindruck gelangen, als sei deren Realität tatsächlich die einzige die existiert. Ich musste meine eigenen Erfahrungen validieren indem mit People of Color [2] sprach, indem ich für und an People of Color schrieb und indem ich Texte von People of Color las. Und hierbei halfen mir die digitalen Medien. Ich habe meine Herangehensweise an die Themen Unterdrückung und Befreiung dabei absolut revolutionieren können und bin dafür vielen schwarzen radikalen Autor_innen dankbar, die unermüdlich online arbeiten um qualitativ hochwertige und wegweisende Analysen zu bieten.

Für minorisierte Menschen ist es schwer online miteinander zu kommunizieren, ohne einem weißen, sich einmischenden Kontrollblick ausgesetzt zu sein und ohne Appropriationen. Sobald einige Minderheiten bemerken, dass Weiße ihnen zuschauen, ändern sie ihr Verhalten oder fangen an ihre Artikel auf ein weißes Publikum zuzuschneiden.

Ich kann dir nicht sagen wie viele Vegans of Color Essays und Artikel FÜR Weiße schreiben, während sie dabei die farbige Leserschaft total außer Acht lassen.

Und daher denke ich, dass abhängig davon wo man sich gerade in seinem Aktivismus befindet, die digitalen Medien entweder ein Werkzeug zur Befreiung sein können, dass einem dabei hilft sich mit Leuten zu verbinden, die ebenso dabei engagiert sind sich für einen positiven Wechsel in der Welt einzusetzen, oder sie können dir dabei helfen, die weiße Version der Realität (ungeachtet deiner Hautfarbe) zu reproduzieren.

Es ist (wirklich) schwer einen echten Wechsel online zu erleben, wenn das digitale Terrain auf dem wir stehen, sich im Besitz Weißer befindet.

Welchen Rat hast du für Leute, die damit beginnen wollen, die digitalen Medien für ihren Aktivismus zu gebrauchen?

Meine Antwort hängt zum größten Teil davon ab, wer mir solch eine Frage stellt. Der Kontext spielt hier definitiv eine Rolle. Wenn du eine weiße Person bist, die eine Webseite oder ein digitales Projekt über Tierrechte oder Feminismus oder Antirassismus starten will, dann halte inne und überlege mal, warum du meinst du müsstest dies tun wenn es bereits so viele Räume gibt, die von Weißen geschaffen worden sind. Bietest du wirklich eine Perspektive die es nicht schon da draußen gibt, oder willst du einfach ein wenig digitales Land für dich einnehmen?

Wenn du eine Person of Color bist, würde ich dir zuerst einmal zur Vorsicht raten, bevor du damit beginnst, deine Ideen kostenfrei dort in die Welt zu tragen. Es gibt vermehrt Belege dafür, dass Ideen und Gedanken, die von People of Color online gestellt werden, immer öfter gestohlen werden. Das heißt, dass eine Urheberschaft von People of Color nicht gekennzeichnet wird, oder auch, dass sie für ihre Ideen nicht kompensiert werden, was wiederum bedeutet, dass farbige Aktivist_innen wirklich vorsichtig sein sollten, wenn sie die digitalen Medien verwenden um andern ihre Gedanken mitzuteilen.

Ich würde sagen, dass man nicht all sein Vertrauen in das Internet oder die sozialen Medien stecken sollte. Zum Beispiel ist es kein Zufall, dass weiße Männer einige der erfolgreichsten Plattformen sozialer Medien, die wir heute verwenden, geschaffen haben. Dies sollte Activists of Color, die diese Räume gebrauchen um antirassistische Befreiungsprojekte [3] zu schaffen, etwas signalisieren. Das Rohmaterial, das wir in unserem Aktivismus gebrauchen, spielt eine Rolle.

Ich musste das in einer unliebsamen Weise herausfinden. Meine Ideen wurden gestohlen, neu verpackt, und ich habe zusehen müssen wie andere dafür Gelder einstrichen – für genau die Dinge, die ich zuvor geschrieben hatte (selbst Activists of Color haben meine Arbeiten verwendet). Ich bin dadurch viel vorsichtiger damit geworden, meine Texte online zu veröffentlichen. Wenn man etwas Neues oder Interessantes zu sagen hat, dann haben Leute häufig die Neigung, sich in deine Richtung zu bewegen und dann tatsächlich Dinge zu übernehmen, die du geschrieben hast. Um ehrlich zu sein, betrachte ich das Bloggen insgesamt durch diese Erfahrung in einem ganz andern Licht.

Ich denke People of Color müssen lernen die geschäftliche Seite des Aktivismus zu begreifen, bevor sie sich der digitalen Welt anschließen und beginnen, ihr zu vertrauen … denn nicht zuletzt ist der Aktivismus selbst zum größten Teil ein Geschäft. Im überwiegenden Maße besitzen Weiße die größten Non-Profits und die korporativen Aktivist_innen-Seiten und -Räume. Den People of Color ist dies nicht ganz so bewusst, da wir eher dazu tendieren an den Aktivismus aus Gründen des Überlebens zu kommen und nicht so sehr wegen des Geschäfts (dies trifft allerdings nicht auf alle Fälle zu).

Wenn marginalisierte Menschen also die digitalen Medien für ihr Überleben einsetzen, und man die Leute der dominanten Klasse hat, die digitale Medien für Geschäftszwecke nutzen, dann kannst du dir wohl ausmalen als wie predatorisch und brutal sich das digitale Territorium für einige von uns entpuppen kann.

Ich entwickle ein zunehmendes Misstrauen der Onlinewelt gegenüber als ein Vehikel für den sozialen Wechsel. Und deshalb erkunde ich zusätzliche Möglichkeiten was zum Beispiel die Printmedien anbetrifft. Minorisierte Aktivist_innen sollten meiner Meinung nach viel mehr Kraft in das Verfassen von Buchpublikationen oder in die Schöpfung eine Zines stecken … als etwas haptisches, das man besitzen kann, statt das weiße digitale Land einzusetzen um ihre intellektuellen Gedanken zu kultivieren.

Existieren neben BlackVegansRock.com und Aphro-ism.com weitere schwarz-zentrische Online-Räume die du Aktivist_innen empfehlen würdest – insbesondere welche, die dich beeinflusst haben?

Defnitiv. Mich haben Seiten wie das Sistah Vegan Project und Striving with Systems sehr beeinflusst. Ich schaue mir auch gerne digitale Räume an, die nicht unbedingt über Tierrechte sprechen, jedoch aber über andere ebenfalls systemische Probleme. Ich liebe For Harriet, Black Girl Dangerous, Crunk Feminist Collective, alles von Dr. Brittney Cooper und Autostraddle (bei denen man einige großartige queere schwarze Autor_innen findet).

Du hast an anderer Stelle gesagt, dass die Tierrrechts-/vegane Bewegung sich zu sehr auf Bilder verlässt und zu wenig auf das kritische Denken. Kannst du uns das ein wenig erklären?

Ich bin bekannt für meine Aussage: Menschen sind nicht durch einen Schock zum Fleischessen gekommen und sie werden sich auch nicht durch einen Schock wieder davon wegbringen lassen.

Ich will das ein wenig erklären: das größte Problem, das die weiße Tierrechtsbewegung hat, ist, dass sie es nicht wirklich schaffen zu orten WARUM Tierunterdrückung stattfindet. Sie sehen die Unterdrückungsfolgen – die sehen die Opfer – aber die meisten dieser Aktivist_innen haben konzeptuell keine Ahnung weshalb Tiere systematisch verletzt werden. Manchmal tut es einem weh Aktivist_innen der dominanten Klasse dabei zu beobachten, wie sie versuchen Kampagnen zu entwerfen, die die Unterdrückung von Tieren beenden sollen (ohne zu begreifen, dass sie sie in Wirklichkeit fortsetzen) und andere Male ist es beinahe lachhaft.

Weiße Leute scheinen nicht zu versehen, dass das weiße Überlegenheitsdenken Tieren systematisch schadet [4]. Weiße möchten nicht aus ihrer Führungsrolle hinaustreten, sie wollen aber die Tierunterdrückung beenden, was soviel heißt wie, sie wollen Verhaltensweisen, die Tiere diskursiv verletzen, nicht verändern.

Da zahlreiche unkritische Menschen Führungspositionen in den Bewegungen einnehmen, verlässt man sich auf sehr einfache, an der Oberfläche verharrende Taktiken um Menschen zu einem politischen Lebensstil hingehend zu „schocken“. Daher hat der Veganismus auch einen entsprechend schlechten Namen erhalten … er bleibt an der Oberfläche und ist sensationalistisch. Bildlichkeit kann funktionieren, insbesondere wenn sie an ein neues Rahmenwerk gebunden wird … aber die Schaffung neuer konzeptueller Rahmenwerke ist generell genau der Teil, der übersehen wird.

Taktiken die primär Bilder nutzen, erinnern mich an so manche Feminist_innen, die sich auf eine sexualisierte Bildmetaphorik, in der Frauen dargestellt werden, stützen, um Menschen dahingehend zu schockieren, damit sie beginnen sich gegen Sexismus einzusetzen … es ist so … wenn du Menschen kein neues Rahmenwerk bietest, mit dem sie problematische Verhaltensweisen begreifen lernen können, dann ist alles was sie da sehen, einfach noch mehr Bebilderung von jeweiligen Objekten die hier objektifiziert werden.

Ich will damit nicht sagen, dass Leute ihr Verhalten nicht ändern könnten, wenn sie solche Bilder gesehen hätten; was ich sagen möchte ist, dass ich nicht gezwungenermaßen davon ausgehe, dass dadurch ein langfristiger Wechsel stattfinden wird. In unseren Bewegungen konzentrieren wir uns zu sehr auf die Opfer, ohne dabei zu verstehen, weshalb diese Körper eingangs überhaupt zu Opfern geworden sind. Sie sind schließlich nicht über Nacht zu Opfern geworden und wir müssen ebenso konzeptuell arbeiten um dieses Problem zu lösen. Viele Leute bereifen nicht, dass das Denken tatsächlich einen Teil unseres Aktivismus ausmachen sollte. Das Denken wurde schon viel zu lange von der akademischen Welt vereinnahmt und so meinen wir, dass wir Theorie und Gedankenentwicklung eben ‚diesen’ elitistischen Menschen überlassen sollten … wenn genau aber dies doch einen Teil der öffentlichen Domäne ausmachen sollte.

Zu einem großen Anteil ist die Tierunterdrückung nicht allein eine Problematik, die ausschließlich die Tiere anbetrifft. Das Problem liegt vielmehr im weißen menschlichen Überlegenheitsdenken, und so müssen wir den entsprechenden Punkt auch mitsamt seiner Wurzeln ans Tageslicht befördern, bevor wir kontextlos auf die Opfer hyperfokussieren. Doch genau das ist was geschieht: wir sollen die Bildquellen von Tierunterdrückung, ohne irgendeinen Kontext hinsichtlich dessen, wer der echte Unterdrücker ist, anschauen, was aber letztendlich zu so viel Verwirrung im Punkte der Strategien zur Beendigung der Tierunterdrückung führt.

In der Tierrrechts-/veganen Bewegung existieren zahlreiche innere Zwistigkeiten, und es scheint, dass es in den letzten Jahren eher noch schlimmer geworden ist. Hast Du irgendeinen Rat für einen Neuling in der Bewegung, der durch diese Zwiste vielleicht verwirrt ist?

Ich habe eigentlich nicht den Eindruck, dass die internen Streitereien schlimmer werden … ich denke das weiße Überlegenheitsdenken in der Bewegung wird einfach leichter erkennbar. Ich glaube, dass die Menschen in der dominanten Klasse, die sich niemals über marginalisierte Menschen und deren Perspektiven den Kopf zerbrechen mussten (einfach weil das Spiel immer abgekartet war), inzwischen begreifen, dass minorisierte Menschen ihre eigenen Bewegungen betreiben, und dass das bei ihnen ein gewisses Unwohlsein verbreitet.

Viele weiße Menschen beanspruchen einen nicht zu hinterfragenden Besitzstatus über Tierrechte (und Tiere generell). In dem Moment aber, in dem schwarze Menschen Tierkörper (‚animal bodies’) mit in ihre antirassitsichen Bewegungen mit einbeschließen, lassen Weiße ihre soziale Kraft in Erscheinung treten, indem sie unsere Räume kommentieren und unsere Intentionen hinterfragen.

Viele Aktivist_innen in der dominanten Klasse setzen ihre Privilegien dazu ein, andere Aktivist_innen, die abweichende Meinungen haben, zu ignorieren, was furchtbar ist, da eine echte Veränderung nur stattfinden kann, wenn wir plurale Bewegungen und Stimmen zulassen. Wir müssen alle Ideen auf den Tisch bringen, denn die Tierunterdrückung ist ein derart ernsthaftes Problem.

Der Akt dessen, andere, die abweichende Meinungen haben oder andere Strategien verfolgen, zum Schweigen zu bringen, hat einfach nichts mir der Befreiung von Tieren zu tun, sondern dient stattdessen dem Erhalt der gleichen Systeme, die Tiere unterdrückt halten.

Jedem/r, der/die neu ist in der Tierrechtsbewegung, würde ich empfehlen sie gleich wieder zu verlassen (haha). Man braucht diese verkörperschaftlichte, weißgewaschene Bewegung nicht um Tieren zu helfen. Die Vorstellung man müsse sich durch die großen Bewegungen und Organisationen hindurch bewegen um Veränderungen zu bewirken, ist ein kapitalistischer Nonsens. Wenn Du eine Person of Color bist, würde ich dir empfehlen in deiner antirassitsichen Bewegung zu bleiben und nach Wegen zu schauen, wie du die Tierkörper (‚animal bodies’) in deine Analyse mit einbeziehen kannst … versuche nicht dich der weißen Mainstream-Tierrechtsbewegung anzuschließen, denn du wirst dadurch letztendlich nur frustriert und verwirrt.

Teil des inhärenten Problems der Tierrechtsbewegung ist tatsächlich, dass das Weißsein das Rahmenwerk dieser Bewegung bildet. Was wir brauchen, sind Leute, die den Aktivismus für Tiere mit in die anderen Ziele sozialer Gerechtigkeit einbeziehen, statt sich in die nebulöse Blase der Tierrechtsbewegung mit einzubringen. Deshalb bezeichne ich mich auch selbst nicht als Tierrechtsaktivistin. Ich bin eine antirassistische Aktivistin, die für die Tierbefreiung kämpft. Ich wüsste nicht wie ich sonst für Tiere kämpfen sollte, außer aus meiner Sichtweise als schwarzer Frau … ich weiß nicht wie weiße Menschen sich für eine andere Gruppe einsetzen können, ohne ihre eigene Position mitzuberücksichtigen … und das ist weshalb ihre Bewegungen problembehaftet sind.

Was tust Du um ein Burnout zu vermeiden?

Ein Erschöpfungszustand trifft dich in dem Moment, indem du eine bewusst-denkende politische Woman of Color bist, gleich ob du Aktivistin bist oder nicht. Ich bin hauptsächlich deshalb Aktivistin geworden, weil ich die Unterdrückung leid war, und es satt hatte, dass die dominante Klasse mir mein Narrativ und meine Geschichte vorschreiben will. Das war ein Burnout. Ich bin also nicht freiwillig zur Aktivistin geworden, sondern es war ein Akt des Überlebens; ich wurde zur Aktivistin weil ich unter einem Burnout durch den Rassismus und Sexismus in meinem täglichen Leben gelitten habe.

Ich bin mir auch nicht sicher, ob überhaupt eine funktionierende Methode existiert um ein Burnout zu verhindern, solange das weiße, die Überlegenheit in Anspruch nehmende Patriarchat weiter existiert. Um ehrlich zu sein hilft mir oft, aus dem Internet rauszugehen.  Ein Raum außerhalb der digitalen Welt hilft, was die Prioritäten anbelangt, denn man wird dort leicht eingesogen von Dingen die im Prinzip total irrelevant sind. Ich stelle also immer sicher, dass ich viel Zeit offline verbringe.

Noch etwas, das ich gelernt habe um ein Burnout zu verhindern, ist es, nicht davon beeindruckt zu sein, dass weiße Leute meine Arbeit mögen. Wenn Du in einem System einer weißen Überlegenheitsgläubigkeit lebst, dann kann eine Menge an Aufmerksamkeit (seitens dieses Systems) als ein_e Minderheitsangegörige_r sich anfühlen, als seist du nun ganz oben auf … als hättest du das Richtige getan. Ich würde aber jedem Menschen, der einer Minderheit angehört, empfehlen sehr vorsichtig mit solch einem Gefühl umzugehen, weil es dich in eine Situation der Ausbeutung hinein katapultieren kann und du beginnst Dinge umsonst für weiße Leute zu tun. Ich musste wirklich lernen „nein“ zu sagen wenn mir weiße Leute Möglichkeiten in Aussichten stellten, mir aber keinerlei finanzielle Kompensation für meine Arbeit boten. Der leere Ruhm und die Möglichkeit in Erscheinung zu treten, sind immer wieder instrumentalisiert worden um farbige Menschen glauben zu machen, dass die Arbeit die du umsonst tust, eines Tages zu einem Gewinn führt, und normalerweise tut es das nicht.

Als Woman of Color habe ich auch gelernt nicht mehr auf Menschen in der dominanten Klasse zu hören und mich mit ihnen auseinanderzusetzen, wenn sie meine Arbeit und mich kritisieren. Ich habe gelernt den Kanal zu switchen und meine Arbeit einfach weiterzumachen. Wie Toni Morrison gesagt hat, macht Ablenkung einen großen Teil im Rassismus aus, und so lerne ich, Ablenkung zu meiden. Statt auf jede Person, die einen verleumderischen, unwahren Artikel über meine Arbeit oder mich schreibt, zu reagieren, mache ich einfach mit meiner Sache weiter. Ich muss mich ja nicht auf jeden überflüssigen Quatsch einlassen.

Und schließlich ist es wichtig wenn man seine gegenwärtige Arbeit erledigt, über Arbeit, die in der Zukunft getan werden muss, nachzudenken. Es geschieht so leicht, dass man vergisst warum man jeden Tag so hart arbeitet. Und das ist auch warum ich den Afrofuturismus so sehr liebe. Er hat mir dabei geholfen zu verstehen, dass es einen Tag geben wird, an dem ich durchatmen und entspannen kann. Aber der Preis, der dafür gezahlt werden muss, ist der Kampf heute, den ich auch weiter führen werde.

Ich danke Aph sehr für dieses Interview. Schaut euch ihre Seite/Arbeit an bei Black Vegans Rock und Aphro-ism und besucht auch ihre Facebook-Seite.

Anmerkungen zur Übersetzung:

[1] Zur Bedeutung des kanonischen Begriffs des Weißseins: „Weißsein ist die soziale Lokalisierung von Macht, Privileg und Prestige. Es ist ein unsichtbares Päckchen unverdienter Vorteile. Als eine epistemologische Überzeugung ist es manchmal eine Handhabe der Verneinung. Weißsein ist eine Identität, eine Kultur und eine oft kolonialisierende Lebensweise, die Weißen zumeist nicht bewusst ist, aber selten nicht den ‚People of Color’ [Nicht-Weißen]. Das Weißsein trägt auch die Autorität innerhalb des größeren Kulturraums den es beherrscht, indem es die Bedingungen festlegt wie jeder Aspekt von Rasse diskutiert und verstanden wird. Das Weißsein verfügt so über einen Facettenreichtum und ist durchsetzend. Das systemische Weißsein liegt im Mittelpunkt des Problems von ‚Rasse’ innerhalb dieser Gesellschaft.“ Zitiert aus: Barbara J. Flagg, Foreword: Whiteness as Metaprivilege, Washington University Journal of Law and Policy 1-11 (2005).

[2] People of Color, siehe Definition bei Wikipedia.de: https://de.wikipedia.org/wiki/Person_of_color

[3] Habe ‚racial liberation projects’ übersetzt mit ‚antirassistische Befreiungsprojekte’; diese abweichende Übersetzungsweise ergibt sich aus der anderen Verwendung des Begriffs „Rasse“ als politisiertem Begriff in der Diskussion über soziale Gerechtigkeit in den USA.

[4] Siehe auch folgende Präsentation von Anastasia Yarbrough bei der Sistah Vegan Conference 2013: Weißes Überlegenheitsdenken und das Patriarchat schaden Tieren, http://simorgh.de/about/yarbrough_weisssein_patriarchat_tiere/

Alle Links: 21.06.2016

Analogievergleiche differenziert betrachten

Intersektional über Speziesismus aufklären, ohne in unzureichende Analogismen zu verfallen

Speziesismus alleine zu erklären ist oftmals schwierig. Nicht aufgrund der Materie, die zwar in sich kompliziert aber erklärbar ist, sondern da viele Menschen das Thema abblocken, weil es Ihnen neu ist einmal ernsthaft über die Speziesbarierre in konstruktiver Weise hinauszublicken. Viele Tierrechtler_innen versuchen sich, um zum Thema Speziesismus überzuleiten, mit einigen Analogieschlüssen in denen sie intersektional argumentieren, um so das Interesse des Gegenübers zu erwecken. An dieser Stelle muss aber eine wichtige Unterscheidung getroffen werden:

Intersektionale Analog-Vergleiche müssen in sich differenziert betrachtet werden!

1.) Die Analogie Rassismus / Speziesismus

Rassismus ist eine Problematik, der wir mit allgemeingültigen kontemporären Ethikbegriffen entgegentreten können, Speziesismus hingegen bewegt sich in einer kulturphilosophischen und soziologischen Leerstelle, in der sich bislang noch keine breiten ethisch-moralischen Übereinkünfte entwickeln konnten.

Das ist so, weil wir nichtmenschliche Tiere seit Jahrtausenden aus unserem Zentrum ethischer und moralischer Berücksichtigung ausgeschlossen haben und die Tiere somit in einen Raum der “Rechtslosigkeit” relegiert haben. Für uns sollte es heute somit wichtig sein, die nichtmenschlichen Tiere mit in den Mittelpunkt einer objektiven ethischen Relevanz einzubeziehen, in der der Mensch sich nicht in hierarchischer Weise in Alleinherrschaft dem Rest der Natur überordnet.

Nicht nur die Zuordnung der Menschheit in biologische “Rassen” ist ein diskriminatorischer Biologismus, sondern auch die Unterteilung der Tiere in Spezies mit mehr oder weniger lebenswerten Leben (1) erweist sich als eine ethisch unzulässige Argumentationsplatform. Die Zugehörigkeit zu einer Spezies sagt qualitativ nichts über Sinn und Wert der autonomen Eigenbedeutung eines tierlichen Organismus aus.

Das Leben als solches darf keinem externen Wertesystem, keiner auferlegten Wertekategorisierung unterworfen werden, wobei dies eben das Problem ist, mit dem wir es in einer anthropozentrisch ausgerichteten Gesellschaft aus religiöser, philosophischer, naturwissenschaftlcher, ökonomischer und sozialer Sicht immer wieder zu tun haben.

2.) Die Analogie Sexismus / Speziesimus

Disproportionale Machtverhältnisse innerhalb der menschlicher Sozialkonstrukte drücken sich in unseren patriarchalisch geprägten Gesellschaften über das Geschlechterverhältnis und die den Geschlechtern zugeordneten binären Rollen und Stereotype aus. Menschen wird in den sozialen Gefügen in denen sie leben, automatisch eine Geschlechterrolle als “Mann/Junge” oder “Frau/Mädchen” oder “Neutrum/Hermaphrodit” zugeteilt, über das Körperliche hinaus gehend, in dem soziale und psychologische Zuschreibungen getroffen werden. Heute wehren sich Menschen aber zunehmend gegen die festen Zuweisungen an solche Geschlechter-Stereotypien, indem sie sich selbstbewusst anders definieren als die starren Gender-Rollen und Konventionen im Geschlechterverhalten es in den meisten Gesellschaften für uns vorgesehen haben.

Menschen haben insofern zumindest theoretisch die Auswahl, qua ihres Menschenrechts, aus beengenden, für sie vorgefassten Definitionsrahmen, ihr eigenes Leben betreffend, auszubrechen und ihr Widerstand wird auch als solcher wahrgenommen. Nichtmenschliche Tiere bleiben in ihrer Andersheit und Eigenheit, die sie vom entindividualisierten Stereotyp trennen, immer weitestgehend unsichtbar, und dies hat wieder mit einem “Biologismus” zu tun, das heißt mit einer Festlegung eines Individuums auf seinen biologischen, seinen geno- und phänotypischen Aufbau, und zwar in dem die tierlichen Spezies einer Fremddefinition zugeordnet werden, die sie auf ein induziertes Instinktverhalten reduziert.

Diese eingeengte Sicht auf nichtmenschliche Tiere öffnet einer moralischen Skrupellosigkeit das Tor, bei der die Tiere zu Gebärmaschinen – sich fortpflanzenden Fleisch-, Milch und Eierlieferanten usw. herab reduziert werden. Das Geschlecht des nichtmenschlichen Tieres wird zur Funktionsvariable einer ökonomisch gelenkten Ausbeutungsindustrie. Die Geschlechtlichkeit der Tiere wird gewaltsam manipuliert, gegen das leibliche Wohl der Tiere. So wird die biologische Fähigkeit zur geschlechtlichen Fortpflanzung zum Verhängnis der körperlichen Existenz der in solcher Form unterdrückten nichtmenschlichen Tiere.

3.) Der Speziesismus selbst

Speziesismus ist eine menschliche Haltung und Handlungsebene gegenüber nichtmenschlichen Tieren, bei der Menschen ihre eigene Spezies im Hinblick auf die biologischen und damit einhergehenden Unterschiede, den nichtmenschlichen Tierspezies als übergeordnet betrachten. Speziesismus drückt sich in vielen unterschiedlichen Formen aus:

Der Speziesismus, die Speziesismen

Der Speziesismus dekliniert sich. Die Objektifizierung nichtmenschlicher Tiere läuft vielschichtig ab:

– Auf juristischer Ebene können wir von einem Speziesismus sprechen der die Tiere als Besitz klassifiziert.
– Im religiösen Bereich wird dem Mensch auf spiritueller Ebene gegenüber dem Tier der Vorzug gegeben und ihm das Privileg des Rechts auf Unterwerfung erteilt.
– In den verschiedenen philosophischen Schulen treffen wir Argumente an die Spezisismus unterschiedlich fundieren können.
– In den Naturwissenschaften unterscheidet man zwischen Instinktwesen, den niedrigeren Lebensformen, den höheren Wesen und dem Menschen als das (vermeintlich) organisch komplexeste Lebewesen, was Geist und Gehirn anbetrifft.
– Es gibt eine spezisistische Ausprägung in der Gesellschaft, die sich im Karnismus ausdrückt, wobei domestizierte „Nutz-“Tiere allein (oder letztendlich, wie z.B. im Falle von Pferden oder Exoten wie Straußen) als Lebensmittellieferanten gesehen werden.
– Haustiere die in unserer Gesellschaft eigentlich geliebt werden sind aber auch von spezisitischen Sichtweisen betroffen.
– Wildtiere, die von den Jägern in deren „Jagdkultur“ eingebaut sind, und die Vortellung vom Urzustand des Menschen als „Jäger und Sammler“ die weiter durch die Jagd gepflegt wird … sind in eigener Weise betroffen.
– Aber auch sind Wildtiere betroffen von auf sie und ihren Fall zugeschnittete spezisitische Argumentationen wenn es darum geht ob sie als invasive Spezies gelten oder als heimisch und vielleicht schützenswert.

Auf jede Tierart werden wir eine oder mehrere Ausprägungen spezisistischer Sichtweisen antreffen. Speziesismus – als unterordnende Haltung des Menschen gegenüber nichtmenschlichen Tieren – scheint in allen Segmenten menschlicher Kulturen mitangelegt zu sein, die das Verhältnis des Menschen zu seiner Umwelt bestimmen.

Wenn wir von „dem Speziesismus“ sprechen, sollte im Auge behalten werden wie außerordentlich komplex und daher schwer analysierbar sich die Abwertung des tierlichen Lebens in unseren anthropozentrischen Kulturen und Gesellschaften gestaltet.

(1) Selbst in der ‘Tierrechtsbewegung werden häufig Unterscheidungen getroffen welche nichtmenschlichen Tiere leidensfähiger seien und welches ‘Leben’ vom Individuum stärker selbstreflektierend wahrgenommen würde. Einige Tierrechtler_innen argumentieren dahingehend, dass man aus einer naturwissenschaftlich erkennbaren Fähigkeit zur Eigenreflektion (nach menschlichen Begriffen) ableiten kann, welches Leben mehr ethisch-sozialen Wert tragen sollte und welchem mit weniger ethischer Berücksichtigung begegnet werden darf.

Unser Stand der Dinge: Wie steht es mit der „eigenen Meinungsfreiheit“ und was ist Meinungswirksamkeit?

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Unser Stand der Dinge: Wie steht es mit der „eigenen Meinungsfreiheit“ und was ist Meinungswirksamkeit?

Wir – als Gesellschaft – haben im gewissen Sinne alle ein Problem mit der Meinungsfreiheit: Meinungen werden nicht als flexible, sich verändernde Gebilde wahrgenommen, sondern zeigen nur ein grobes politisches (oder nichtpolitisches) Lager an, dem sich jemand zuordnen lässt, und, wir alle (als „Masse“ sozusagen) haben ein Problem mit dem Fokus: alle Welt fokussiert relativ zeitgleich auf ein oder wenige aktuelle Themen, wobei das Problem dabei ist, dass alles, was in dem Moment nicht zu den Mainstreamthemen gehört, sowenig Interesse und Zurkenntnisnahme in der öffentlichen Debatte erhält, als gäbe es überhaupt kategorisch irrelevante Themen und Perspektiven.

In welchem Feld finden sich vor solch einem Hintergrund betrachtet Tierrechte und Antispeziesismus?

Wenn der ethische Veganismus Revolution sein will, kann er sich nicht den bestimmenden politischen Lagern unterordnen, bei denen die Interessen nichtmenschlicher Tiere als relativ unbedeutend für die Gesamtheit ethischer Koexistenz bewertet werden. Ein ethischer Veganismus, die Tierrechtsbewegung und die Antispeziesismusbewegung müssen selbst meinungsbildend sein, in dem Sinne, dass alte politische Kategorien und Lager aufgebrochen und neue Blickweisen aufgezeigt und inspiriert werden. Eine Meinung gilt nichts, wenn sie sich keinen eigenen Raum schafft und nur als Sekundärmeinung betrachtet wird.

Was ist das aber für ein Phänomen, dass „Menschenmassen“ immer zeitgleich auf gleiche Themen anspringen – wobei endlos viele Themen in verschiedener Hinsicht relevanter sein können oder genauso relevant sind, wie die, denen gerade alle Aufmerksamkeit zuteil wird? Es mag meistens letztendlich um Menschenrechtsfragen und Fragen des Weltfriedens gehen, aber es fragt sich, warum Menschenrechte nicht auch Tierrechte und eine reifere Haltung der natürlichen Umwelt gegenüber mit sich vereinbaren lassen könnten.

Wenn auch ein Diktat des Fokus existiert, so können Themenschnittmengen doch einen Ausweg aus den einseitigen Gewichtungen in der Wahrnehmung von Problemkomplexen bieten: kaum ein Thema hat rein gar nichts mit einem anderen zu tun. So wäre die gegenwärtige Debatte über Extremismus und Terrorismus eine Möglichkeit, das Thema der Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft/den Gesellschaften allgemein stärker anzusprechen. Gewalt ist den meisten Problemen, mit denen wir primär zu kämpfen haben (Speziesismus, Rassismus, Sexismus, … usw. usf.) immanent; ein einziges Phänomen solcher Gewalt herauszusondern, führt zu keiner tiefergreifenden Analyse und möglichen fundamentalen Kritik der Psychologie der Gewalt.

TIERAUTONOMIE / Gruppe Messel

Wir haben Can Başkent über Schnittstellen zwischen Atheismus und Tierrechten befragt

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Aus: TIERAUTONOMIE,  Jg. 1 (2014), Heft 3, ISSN 2363-6513.

Wir haben Can Başkent über Schnittstellen zwischen Atheismus und Tierrechten befragt

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Wir fragten Can Baskent über sichtbare und unsichtbare Formen der Gewalt gegen Tiere und die Umwelt im Namen der Religion, und, ob ethischer Veganismus eine Ablehnung von Seinshierarchien aller Art mit sich bringen sollte.

Can Başkent  (http://canbaskent.net/logic/CV.pdf) ist geboren in Istanbul in der Türkei. Er hat Mathematik und Philosophie studiert, seinen Masters Degree in Logik in Amsterdam erhalten und in New York in Computerwissenschaften promoviert. Seine akademische Tätigkeit führte er in Frankreich fort an der Sorbonne und der École Normale Supérieure im Bereich Philosophie; am French Institute for Research in Computer Science and Automation (INRIA) arbeitete er als Forscher. Als Aktivist hat Can zahlreiche Texte zu Anarchismus, Atheismus, zu veganen- und tierrechtsrelevanten Themen verfasst. Er hat sich für die „Food not Bombs“-Kampagne engagiert und leitete eine Kampage zur Unterstützung des veganen politischen Gefangenen Osman Evcan. Im Jahr 2011 gründete er den anarchistischen Verlag ‚Propaganda Yayınları’ (‚Propaganda Presse’, http://propagandayayinlari.net/), 2013 verfasste er gemeinsam mit der veganen Journalistin Zülâl Kalkandelen (http://veganlogic.net/) das erste türkischsprachige Handbuch zu politischen Aspekten des ethischen Veganismus: ‚Veganizm: Ahlakı, Siyaseti ve Mücadelesi’ (‚Veganism: Its Ethics, Politics and Struggle’) http://propagandayayinlari.net/vegan.html. Cans Webseite ist unter der URL http://canbaskent.net/ abrufbar.

In diesem Land ist es nicht einfach ein Atheist zu sein. An erster Stelle deshalb, weil die Verletzung der religiösen Gefühle anderer als eine Art „Straftat“ gebrandmarkt wurde.
Ramadan Atheismus / Ramazan’da Ateizm, http://www.canbaskent.net/politika/86.html

Die Diskriminierung aufgrund religiöser Gesinnungen betrachtet man heutzutage als eine Verletzung von Menschenrechten. Dass Religion selbst eine Verletzung der Menschenrechte darstellt, wird dabei aber stetig vergessen.
Ein reformisitscher Atheismus / Bir Devrimcilik Olarak Ateizm http://www.canbaskent.net/politika/85.html

Can: Ich finde, dass viele Leute in der Türkei eine unbegründete Panik haben. Als Atheist hatte ich hier bislang keine Schwierigkeiten, außer dass ich ab und zu mal ein paar lächerliche Hatemails erhalte. Maßnahmen werden hier zumeist nur gegen berühmte Persönlichkeiten ergriffen. Solange du nicht immer mal wieder im Fernsehen erscheinst oder ständig in der Presse erwähnt wirst, ist es den Behörden egal ob irgendein Durchschnittsbürger gegen entsprechende Gesetzesregelungen verstößt oder nicht. Es ist hier also diesbezüglich sicherer als man glauben mag und wir sollten uns nicht hinter der Angst vor gesetzlich-staatlichen Repressionen verstecken.

1. Das Töten bezeugen

TA: In deinem Text über ‚das Opferfest’ (Kurban’in Bayrami, http://www.canbaskent.net/vegan/19.html) stellst Du die Frage in den Raum, warum das Argument einer kognitiven Dissonanz beim Menschen, der sich seiner eigenen Grausamkeit nicht bewusst werden will (weil er ihrer nicht bewusst werden muss) im Falle von ‚Opferfesten’ nicht greift. Dass sich die Überlegung: ‚wenn Schlachthäuser Glaswände hätten, würde die Menschen Vegetarier’ in der Türkei während des Opferfestes als unzutreffend erweist. Es existiert eine soziale Akzeptanz für eine offene Grausamkeit gegenüber Tieren, wenn so ein „Volksspektakel“ in einer religiösen Praxis eine gewisse Tradition vorweisen kann.

Im „säkularen Westen“ ist die Sichtbarkeit des Speziesismus der Tötung-des-Fleisches-wegen eine modifizierte. Das Töten selbst bleibt zumeist eher unsichtbar indem es abdelegiert wird. Bei einem massenhaft veranstalteten Tieropfer im Namen einer Religion, wie in dem Falle im Islam, ist die Grausamkeit: Tier = Fleisch und Tier = Opfer unmittelbar für jeden, ob er will oder nicht, zu sehen, und jeder der möchte kann daran teilnehmen und selbst auf der Straße einen Nichtmenschen töten. Solche Veranstaltungen und Festivitäten haben eine starke öffentliche Sichtbarkeit und sind in diesem Falle spezifisch an religiös eingefärbte Traditionen gebunden.

Einige Menschen argumentieren, dass es wohl ehrlicher wäre, wenn alle den Tiermord zu sehen bekämen. Sehen wir im religiös (zumindest) sanktionierten Töten von Nichtmenschen einen noch ursprünglicheren Akt eines tiefenpsychologischen Speziesismus, während der Tiermord „um des Fleisches willen“, durch einen Metzger oder ein Schlachthaus, ein Modernismus im Speziesismus ist bei dem die Dechiffrierung anders verlaufen muss?

Can: Ich muss zuerst sagen, dass ich niemals geglaubt habe, dass der Grund warum die meisten Leute nicht vegan sind, epistemologischer Natur ist. Die Dinge sind nicht so wie sie sind, weil die Leute etwas nicht wissen oder ihnen nicht bewusst wäre, dass das was sie essen bzw. töten fühlende Lebewesen sind. Echte Psychopathen töten ihre Opfer von Angesicht zu Angesicht, ohne irgendein Hemmnis. Die Tiere zu essen (die man zuvor erjagt / erlegt hat) ist eine vergleichbare Tat; es ist noch grausamer, noch „männlicher“.

Und sicherlich, die Religion reflektiert schlichtweg dieses Diktum. Da Gott aber nicht existiert und die Religionen nicht wirklich von einem „Gott“ geschickt worden sind, reflektieren deren „heiligen“ Texte einfach nur dieses herrschende Paradigma.

Ich glaube nicht, dass die besondere Hervorhebung unterschiedlicher speziesistischer Einsichten und Praktiken nützlich ist, aber, da es sich aber um Verschiedenheiten bei ihnen handelt, müssen sie alle in spezifischer Weise bekämpft werden.

Und hier wäre noch ein anderer Bedenkenspunkt. Man muss die religiösen Praktiken verstehen lernen, die Angst, die hinter ihnen steckt; der Bedarf, durch den sie entstanden sind – das sind Punkte die wir verstehen müssen um zu sehen, weshalb Menschen bei solch grausamen Praktiken mitmachen. Man kann diese Verbrechen nicht abschaffen ohne ein Ideal einen „Himmels“, die Furcht vor dem Unbekannten, usw. zu demontieren. Es gibt also einen „menschlichen“ und „sozialen“ Grund warum Leute meinen es sei völlig normal wenn Menschen (junge Mädchen, Tiere, usw.) opfern, in einem Glauben an solche Fehlannahmen. Solange wir diese Annahmen nicht aus der Welt schaffen können, kommen wir in dem Punkt nicht weiter.

2. Gräben bestehen lassen?

TA: Der ethische Vegetarismus kann auf eine Geschichte zurückverweisen, die älter als die großen monotheistischen Religionen (Islam, Christentum und das Judentum) ist. Gerade diese Religionen sind es nun aber, die im gegenwärtigen Diskurs über Lebensethik und moralisches Handeln heute wieder eine maßgebliche Rolle einnehmen oder auch einnehmen wollen.

Der ethischen Kritik seitens veganer Tierrechtler an der allgemeinen Gesellschaft (im säkularen Sinne) wird normalerweise entweder mit verschiedenen Graden der Verneinung und Ablehnung (Speziesismus) begegnet oder aber mit einer gewissen Offenheit und auch Diskursbereitschaft, bei der die schier endlosen Fragen über die tatsächliche, ethisch so problematische Konstitution unserer Gesellschaften in Hinsicht auf die Nichtmenschen und die Umwelt aufgeworfen werden können.

Bei religiösen Glaubensystemen können wir eine Öffnung für fundamental neue Einsichten weniger erwarten, da deren Dogmen und Prinzipien in ihrer religionsgeschichtlichen Vergangenheit durch die Propheten und heiligen Schriften in deren Endzielen festgelegt worden sind – dazu zählt auch die Bewertung von Leben, die Festlegung über Seinshierarchien: Tier-, Pflanzenwelt, die Erde insgesamt, stehen unter Gott und unter dem Menschen, deren Obhut oder Tyrannei sie unterworfen sind. Auch binden religiöse Praktiken und Traditionen an das jeweilige Glaubenssystem und auch sie beinhalten zumeist eine Sicht auf Tiere und die Umwelt als dem Menschen untergeordnete Objekte, denen der Mensch mit Wohlwollen aber auch mit Ignoranz gegenüber treten darf, ohne weitere soziale Konsequenzen.

Religionen benennen die Destruktivität gegenüber unseren Mitlebewesen und der Umwelt nicht als eine frevelhafte Sünde, erheben aber einen Anspruch als moralische Instanzen und ethische Wegweiser für alle Bereiche des Lebens. Kann dieser Anspruch der großen Weltreligionen, ethisch rund um den Sinn und Zweck des Lebens Antworten bieten zu können, in einer Zeit, in der sich Gesellschaften zunehmend für Fragen der Tierethik und umweltethische Fragen sensibilisieren, überhaupt noch maßgeblich sein? Inwieweit müssen wir uns in unserem ethischen Diskurs auf deren Positionen einlassen? Inwieweit können wir sie als anthropozentrisch abtun?

Can: Sicher, wer könnte die wichtige Rolle eines religiös motivierten Vegetarismus in Indien verneinen? Wie wir anhand solch eines Beispiels sehen, bieten Religionen manchmal einen pragmatischen Vorteil – im Falle des Hinduismus ist dies aber nur eine günstige  Nebenerscheinung. Ein wesentliches Problem mit dem religiös motivierten Verzicht auf das Töten von Tieren, ist die eingegrenzte Sichtweite mit der wir es hier zu tun haben. Allerdings haben jedoch auch die meisten anderen Menschen, die nicht religiös sind, eine engstirnige Sichtweise auf das Leben. Im politischen Sinne, so denke ich, dürfen wir die Religionen als soziologischen Fakt nicht ignorieren oder ablehnen. Ein revolutionärer politischer Kampf darf sehr wohl mit dem einen Bein in der Realität fußen, während zugleich ein Schritt in die Zukunft getan wird.

Religion ist ein soziales Phänomen, das Menschen eine Errichtung und Ausübung von Herrschaft ermöglicht. Es gibt eine ökonomische Seite der Religion neben der „moralischen“. Man kann sich leicht vorstellen, wie ein moralischer Codex dem Klerus dabei hilft, sich ökonomische (parteipolitische, selbst sexuelle) Vorteile zu verschaffen. Wir können bei Religion also noch nicht mal von einer ehrlichen Moral sprechen. Politisch brauchen wir aber eine Balance. Wenn die meisten Menschen [im engeren oder weiteren Sinne] gläubig sind, und wenn diese Leute diejenigen sind, die man im Sinne der Tierbefreiungsbewegung zum Nachdenken bringen will, dann muss man bei seiner Formulierung anti-religiöser Perspektiven vorsichtig, wenn auch direkt vorgehen. Es ist gewissermaßen eine Kunst, das zu bewerktstelligen.

Leute wie ihr seid letztendlich nicht meine Zielgruppe, da ihr ja bereits am Ziel angelangt seid. Wen ich versuche zu erreichen, sind diejenigen Menschen, die jeden Tag Fleisch essen und zweimal in der Woche zu ihrem Gotteshaus [Kirche, Moschee, usw.] gehen. Wenn ich diese Leute verärgere, dann werden noch mehr Tiere aufgrund meiner Arroganz und meiner falschen Strategie sterben. Das ist ein Preis, den zu zahlen ich nicht bereit bin.

3. Der Gipfel irdischer Existenz: der Mensch?

TA: Tierrechte und der Schutz der natürlichen Lebensräume aller Lebewesen formen andere politische, soziale und moralische Endziele als die Endziele der Religionen, in deren Mittelpunkt der Mensch als „Ebenbild Gottes“ steht. Unsere Widerstandsbewegungen formulieren neue Fragestellungen über Seinshierarchien. Ist die Infragestellung von Seinshierarchien, nämlich dass der Mensch nicht die Krone der Schöpfung ist/sein kann, ein notwendiger Pradigmenwechsel im Denken, oder reicht es, wenn Menschen sich zu mehr Verantwortung gegenüber ihrer Mitwelt und ihren Mitlebewesen verpflichten, auch wenn sie das nur im Sinne einer anthropozentrischen Hybris tun?

Can: Vielleicht ist dies ein guter Augenblick um festzuhalten, dass eine anthropozentrische Herangehensweise nicht das eigentliche Übel ist. Immerhin ist selbst der Veganismus anthropozentrisch. Der Mensch / Anthro muss kein Übel darstellen. So halte ich es auch weder für philosophisch noch für pragmatisch hilfreich, wenn wir meinen, wir sollten beginnen nicht mehr menschlich zu denken oder zu agieren. Anders gesagt: Wir müssen Menschen sein um vegan zu sein (deinen Hund dahingehend zu forcieren, dass er vegan lebt, zählt hier nicht aus leicht nachvollziehbaren Gründen). Dem muss ich hinzufügen, dass ich an eine Pluralität in der Bewegung glaube: manche Menschen sind stärker am Menschen ausgerichtet, manche stärker an den nichtmenschlichen Tieren und/oder der Ökologie. Das alles ist richtig und es ist relevant für ein erweitertes und vielleicht heterodoxeres Verständnis von Gott. Das ist ein kompliziertes Thema.

Wenn Menschen mit einer sehr harmlosen Vorstellung eines liebenden und gewaltlosen Gottes leben, was denke ich mir dabei? Ich denke, dass eine göttliche Gewalt nicht das einzige Übel ist, das man mit Gott assoziieren kann, und Gott zu einem gewaltlosen Gott zu erklären, löst das Problem nicht unmittelbar. Dennoch kann dies Menschen und nichtmenschlichen Tieren in praktischer Hinsicht helfen. Und wie ich bereits zuvor gesagt habe, wir sollten vorsichtig sein, wenn es darum geht das Leben von Tieren aufs Spiel zu setzten allein wegen unserer Vorstellungen von politischer Korrektheit.

Ich hoffe ihr könnt das Paradox hierin erkennen: Tierrechtsaktivisten opfern Tiere manchmal auch (u.z. in indirekter Weise), wegen ihrer Vorstellungen von politischer Korrektheit. Diesen Aspekt sollte man nicht unbeachtet lassen.

4. Grenzen und Barrieren?

TA: Die Religionen sprechen von den indirekten Pflichten, die wir gegenüber den Tieren und der Umwelt haben, das heißt vom Mitgefühl mit den Tieren als menschliche Tugend die gottgefällig ist (denn sie sind ja Teil der „Schöpfung“ Gottes). In der Tierbefreiungsbewegung formulieren wir Gedanken und Thesen, die Tiere und die Umwelt in einer eigenen, autonomen Würde und in ihrem Eigenwert zu beschreiben suchen und wir postulieren damit einige (erste) Grundsätze zu ihrem Schutz und zu ihrer Verteidigung. Wenn wir die Tier- und die Umweltbewegung (als nicht-antropozentrische ethische Rahmenwerke) im Spezifischen den religiösen Glaubenssystemen gegenüberstellen, als zwei unterschiedliche soziale Epistemologien in denen Ethik definiert wird, birgt das Abrücken vom Anthropozentrismus (die Forderung der Tierrechts- und von Teilen der Umweltbewegung) ein Konfliktpotenzial in dem Moment, in dem Religion (als anthropozentrisches Rahmenwerk) in einer Gesellschaft einen verstärkten Raum einnimmt? In anderen Worten: schaffen religiöse Dogmen und autoritäre Glaubensansprüche eine Einengung, wenn es in ethischen Debatten um Ansätze geht, in denen der Anthropozentrismus als Barriere ethischen Denkens erkannt wird?

Can: Nein … religiöse Philosophie ist ein reiches und sehr breites Feld. Es gibt so große Denker, die ihr Leben damit verbrachten, beeindruckende Abhandlungen zu verfassen in denen sie Moralität mit Religion verbinden. Averroes und Abelard sind die ersten, die mir dabei einfallen. Religion ist eine komplexere Angelegenheit als viele Atheisten meinen, auch  hatte sie mehr wichtige Denker als die meisten Atheisten annehmen. Aber natürlich ist nicht jeder Gläubige ein Abelard (man würde sich das wünschen), dennoch kann das religiöse Moralitätsverständnis eine beeindruckende und sehr kluge Philosophie hervorbringen, und das hat es auch getan.

Aber natürlich betrachten 99,9% religiöse Dogmen als Rahmenwerke von Einschränkungen und Tabus. Ich solch einer Welt kann sich ein Vernunftsdenken nicht entwickeln.

5. Protestpflicht?

TA: Haben wir ein grundsätzliches moralisches Recht, dass wir uns einen Raum für eine freidenkerische Sicht schaffen dürfen, in der die nichtmeschlichen Tiere und die Umwelt mit in den ethischen Mittelpunkt gerückt werden, auch wenn uns das automatisch und vielleicht ungewollt in eine prinzipiell antagonistische Position insbesondere zu stark religiösen Menschen und religiösen Gemeinschaften versetzt? Und damit einhergehend möchte ich fragen: Kann uns diese Freiheit im Denken über die Mensch-Tier und die Mensch-Umwelt-Beziehung aus einem „gesellschaftlichen Kontraktualismus“ herauskatapultieren?

Can: Jede Annahme über Moralität kann zu einer Art des Autoritarismus führen. Wenn man sich all die faschistischen und dogmatischen Morallehren ansieht, wird man immer solch einen essentialistischen Aspekt vorfinden: es wird davon ausgegangen, dass Menschen entweder schlecht oder eben gut im Geiste und der Gesinnung sind. Das macht deren Philosophie mit Sicherheit leichter im Aufbau und im Verständnis, aber das Resultat ist schlichtweg eine weitere metaphysische moralphilosophische Annahme, die das Risiko des Essentialismus trägt. Menschlicher und nichtmenschlicher Kontraktualismus stellt, so meine ich, ein sehr gefährliches Feld dar, wodurch der Veganismus über seine realen Grenzen hinauskatapultiert wird und es zu einer quasi religiösen Rekonstruktion kommen kann. Ich trete für eine empirische, dynamische und interaktive Moralität ein, die auf ihr zugrundegelegte Annahmen oder Rechte (selbst das auf Leben) verzichten kann.

6. Wo liegt die goldene Mitte?

TA: Wenn nun aber beides, Religion und Tierbefreiung, sich punktuell miteinander vereinbaren ließen, sollten wir uns dann keine weiteren Sorgen darüber machen, dass Tierrechte/Tierbefreiung und Umweltschutz wieder nur bedingte ethische Belange sind, und dass durch eine Kompromissbereitschaft oder gar Vermischung von Tierrechtsethik und (anthopozentrischer) Religion auch weiterhin kein ursächliches Umdenken angestoßen werden kann? Ist die Befürchtung berechtigt, dass in einer, durch die Religion ethisch und moralisch stark beeinflussten Gesellschaft, keine wirklich neue und gerechte Sichtweise und Politik „über den Menschen hinaus“ erarbeitet werden kann?

Daran anschließend die Frage: Braucht ein stark biologistisch belegtes Feld – das heißt alle Themen rund um die nichtmenschlichen Tiere und deren natürliches Habitat – überhaupt ein fundamentales Umdenken in seinen ethischen, sozialen und politischen Variablen?

Can: Nun ja, die Evolution ist ein Phänomen der Kontinuietät. Ich kann mir heute nicht vorstellen, wie die Tierbefreiung in hundert Jahren aussehen wird. Was selbst schon das letzte Jahrhundert anbetrifft, so konnten wir unglaublich viele neue gute und einmalige Ideen kennenlernen, an die sich spannende revolutionäre Praktiken banden. Ich wüsste nicht, weshalb wir daran zweifeln sollten, dass sie Zukunft noch viele Potentiale in sich birgt.

7. Utopien?

TA: Ließe sich eine anthropozentrische Religion so weit über Auslegungen dehnen und modifizieren, dass zum Beispiel der Mensch nicht mehr allein das Privileg hätte Ebenbild Gottes zu sein, sondern, dass die ganze Welt ein Wert ist, der den höchstmöglichen Respekt und die höchste Reverenz verdient? Hätte Religion überhaupt noch ihren eigenen Sinn und ihre eigene „gesellschaftsstiftende“ Funktion, wenn sie nicht seinshierarchisch wäre?

Can: Doch, ich denke schon. In zahlreichen unterschiedlichen Interpretationen der verschiedenen großen Religionen (einschließlich des Islam und des Buddhismus) finden wir solche Spuren vor. Der heterodoxe Islam bietet einige interessante und beeindruckende Beispiele dessen, so etwa die Vorstellung, dass jeder Organismus als eine Reflektion von Gottes „Gutem“ betrachtet wird.

8. Materielle Instinkte versus abstrakter Geist?

TA: Wir setzten bei Tieren die Empfindsamkeit (sentience) als entscheidendes und hauptsächliches Kriterium voraus (in säkularer und naturwissenschaftlicher Hinsicht), als qualifizierendes Merkmal für den Sinn und Wert tierlichen Lebens in der Welt. Diese Qualifikatoren sind primär an die biologische Konstitution des jeweiligen Organismusses und an unser Verständnis davon gebunden. In den großen abrahamitischen Religionen bildet sich der hauptsächliche Sinn des Lebens über die Gebote Gottes und andererseits den Sündenbegriff. Die Vorstellungen von Recht und Unrecht, Wert und Unwert messen sich am Parameter „Gott“. So haben wir auf der säkularen, naturwissenschaftlichen Ebene das biologische Fühlen (sentience) des Tierseins auf der einen Seite, und auf einer anderen steht ein menschlich abstraktes Denk- und/oder religiöses Glaubensgefüge. Sind die Trennungen zwischen sensorischem Fühlen (sentience) und Geist nicht genau der Punkt, der die Hierarchien und Unterteilungen von Lebewesen und Organismen arbiträr am Leben erhält? Ist fühlen nicht auch Geist? Natur und Gott bilden quasi eine Dichotomie zwischen abgewerteter Körperlichkeit und Gott ist der aufgewertete Geist nicht-irdischen Seins, als wäre die Welt selbst wirklich nur da, um „genutzt“ zu werden (vom Menschen), sie selbst darf aber nicht mehr sein als „wertloser“ Körper ohne Geist. Ist die Instinkttheorie, dass Tiere nur sentience haben, aber keinen „vitalen Geist“, nicht eigentlich der logische Schluss aus einer religiösen Vergangenheit, die die Tiere in die verachtete, herabgewürdigte natürlich-körperliche „geistlose“ und „nicht-denkende“ (und nicht-glaubende) Welt eingeordnet hat?

Can: Diese Frage kann ich in der Kürze nicht beantworten. Es gibt Beispiele für all solche Facetten, von Denkern wie Spinoza bis hin zu Averroes, von Abelard zu Siddharta. Das kartesische Denken im Bezug auf Tiere ist nun oft widerlegt worden, und die Philosophie hat für sich eine breitere, stärker wissenschaftlich orientierte Herangehensweise angenommen

TA: Vielen Dank Can, dass Du uns bei der Suche nach Antworten auf unsere Fragen geholfen hast!

Can: Danke für die schwierigen Fragen :)