Wölfe und Tierrechte

Das ökopolitische Grundproblem der großen Prädatoren ist das des Mangels an freiem Lebensraum für nichtmenschliche Tiere insgesamt, es ist das Problem von immer weniger werdendem natürlichem Habitat.

501 James Bloefield: 64 Wolves (MP3)

Triggerhappy criminals
shootin’ up rare animals.
64 wolves are dead by now
do you hear their eerie howl?

Vulnerable animals
Targetted by criminals.
64 wolves are dead by now,
Does it make their dumb killers proud?

Tierrechte und „der Wolf“ als Zielscheibe von Speziesismus

Die Mär vom bösen Wolf

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Gerade in der Diskussion über Wölfe zeigt sich so viel über die Probleme, die der Mensch eigentlich mit seiner eigenen Spezies hat. In solch einer Aussage gehe ich davon aus, dass Speziesismus (zumindest speziesistische Rhetorik und speziesistische geistige Brandstiftung) immer wieder auf Nichtmenschen dasjenige projiziert, was Menschen in Wirklichkeit an sich selber ablehnen oder hassen. So finden wir häufig aufschlussreiche Anthropomorphismen, die eine positive wie eine negative Bezugnahme auf Nichtmenschen überlagern können, in den Behauptungen und Annahmen, die Menschen über nichtmenschliche Seinswelten produzieren. Bilder zum Beispiel, welche die Gesellschaft klassischerweise produziert von … „der Kuh“, bis zu „dem  Hasen“, „dem Wurm“, „dem Geier“, „der Ameise“ … : allen erdenkbaren Tiergruppen werden in der menschlichen Reflexion immer wieder ureigene menschliche Eigenschaften attributisiert. Und im Rahmen solcher geistiger Schablonen finden wir auch die vordergründigen gesellschaftlichen Vorstellungen über das Leben von „dem Wolf“ und damit zusammenhängende Streitwerte zum Thema Wolf, natürliche Lebensräume und „Wildnis“.

Die Faktoren, zwischen denen die Frage der Wölfe zerrieben wird, sind unseren Eindruckes nach Themen wie:

  • Landeinnahme durch den Menschen
  • Jagd als speziesistisch menschliches Dominanzverhalten
  • biologisch-historischer Natur- und Artenschutz (indem die „Art“ relativ separiert „erhalten“ wird)
  • die historische Vernichtung und Verdrängung größerer Raubtiere in Europa

Vor dem ökologisch gravierenden Hintergrund betrachtet, dass Wälder zu forstwirtschaftlich und jadgtechnisch durchgeplanten Räumen gemacht wurden, wird die wesentliche Problematik erkennbar in der Frage der Wahrung von Naturraum für große (einst) hier lebende Raubtiere in der Ganzheit ihrer Lebensweisen. Wurde die Rückansiedlung von Wolfsgruppen vor diesem Hintergrund durchdacht? Welchen Raum brauchen Wölfe tatsächlich? Der Streit über die Wölfe hierzulande entzündet sich an dem Raum, den man ihnen bereit ist zuzugestehen, und endet in der Vernachlässigung der Frage, in wie weit Wölfe, als nichtmenschlichen Tiere und nicht allein als „Art“, in ihrem grundsätzlichen Lebensrecht von einer humanzentrischen Gesellschaft anerkannt werden sollten.

Der Streit um die Wahrung von Wölfen und um eine relativ freie Existenz von Wölfen und ihren Rudeln, stellt sich in Regionen wo diese kontinuierlich lebten, wie im Norden der USA beispielsweise, sowie hier, wo Wölfe komplett vertrieben und zu Tode gejagt wurden, in ganz gleicher Weise. Die Mechanismen, denen Wölfe durch menschlich-gesellschaftliche Konstrukte ausgesetzt sind, sind die gleichen zoozidalen Bedrohungen, die andere nichtmenschliche Tiere in unterschiedlicher Ausprägung anbetreffen.

Wölfe und ihre menschlichen Bewunderer und Freunde

Es wäre platt zu sagen, der Wolf repräsentiert für so einige Menschen ein Ideal „männlicher Freiheitsvorstellungen mit Rudel- und Raubtierhierarchie“, wenn aber doch genau diese Art der Symbolik den Wölfen wie ein Fluch menschlich fehlverstandenen Wohlwollens, zweifelhafter Bewunderung und menschlicher Wünsche nach Verbrüderung anhaftet. Wären die Wölfe wirklich in solch einer (wenn auch fragwürdigen) Kategorie mehr aber als ein bloßes speziesistisches Symbol im Walhalla menschlich-narzisstischer Selbstbespiegelungen im ‚tierlichen Gegenüber‘, dann würde eine uns bekannte „männliche“ Solidarität von all den wolfs-affinen Menschen gewiss zum vollsten brüderlichen Einsatz kommen. Doch wer schützt Wölfe? Naturschutzgruppen, Biologen, die an der Arterhaltung interessiert sind, Tierschützer und Tierrechtler, die gegenwärtig leider noch eine Minderheit in der Gesellschaft ausmachen. Die Gründe warum diese Menschen Wölfe schützen möchten, sind aber auch plural.

Viele Leute haben aber doch ein ganz großes „Herz für Tiere“? Interessant ist die Frage: wo in der Geschichte vom wildlebenden- und von dem vom Menschen schließlich gejagten Wolf, bis zum Wolfsnachfahren des „domestizierten“ beim Menschen lebenden Hundes, haben wir eigentlich einen Schnitt gemacht, zwischen dem was wir unter „hündisch“ und dem was wir unter „wölfisch“ verstehen? Um diesen Wendepunkt auszuloten ist es eigentlich egal, wie genau die biologischen Verwandtschaftsgrade dieser Tiergruppen verlaufen sind. Wir ordnen sie zumindest in gegenseitiger Nachbarschaft an und gehen gemeinläufig von einer Verwandtschaft aus. Die einen haben wir in unserer engen Lebensgemeinschaft mit ihnen gedemütigt, indem wir uns zu ihrem sozialen Lebensmittelpunkt erklärten, die anderen peinigen wir im unfreiwilligen Kontakt mit unserer „Zivilisation“ und dem Raub ihrer „Wildnis“.

Den Fuchs, als zu den Hundeartigen (Canidae) gehörend, trifft, ähnlich wie den Wolf, eine speziell geartete Härte menschengemachter Ausgrenzung aus jeglichem Lebensraum und grundsätzliche Einschränkung von Freiheit und Autonomie. Er ist kleiner, wird somit nicht als „bedrohliches Raubtier“ wahrgenommen. Ihn zu jagen wird als Sport und als ein jägerisches Muss vehement legitimiert und propagiert. Weder dem größeren Wolf  (insbesondere wohl weil er sich auffallender im Rudel bewegt) noch dem Fuchs wird Lebensraum zugestanden ohne den Tribut menschlicher Kontrolle und willkürlicher, speziesistisch legitimierter Tötung.

Auf welcher Grundlage versuchen Menschen die Raubtiere des Waldes immer wieder in die Kategorie „vogelfrei“ zu drängen?

Eine tradierte Art geistiger Brandstiftung gegen die Raubtiere „unserer“ Wälder ist prominent in einigen klassischen Kindermärchen zu finden. Warum gerade Märchen und Fabeln so viel an Verunglimpfung von Wolf und Fuchs zuließen, lässt sich nicht logischermaßen erschließen, außer man zieht die Begründung eines alten und kulturell tief-verwurzelten Speziesismus heran. Immerhin, auch greise Frauen wurden in Märchen gerne in regelmäßiger Wiederkehr als „böse Hexen“ verunglimpft. Insofern muss man wissen, dass die Symbolik in Märchen trotz aller Harmlosigkeit mit der Vorsicht kritischer Vernunft zu beurteilen ist. Die Klischees, die sich hinter Metaphern von „gut“ und „böse“ in den klassischen Kindermärchen finden lassen, haben eine stereotypisierende Wirkung, deren Wurzeln sich auf Dichotomien moralischer Sündenbockfunktionen zurückführen lassen könnten.

Die Rollen, die „der Wolf“ in „Rotkäppchen“ oder in „der Wolf und die sieben Geißlein“ einnimmt, gleichen der eines bösen paedo-nekrophilen Mannes, und haben mit dem Charakter eines Nichtmenschen nicht mal im abstrakten Sinne etwas gemein.

Der Jäger und das anthropomorphe „Gute“ rettet die Opfer vor dem Wolf. Ein grausamer Tod sei das, was der „böse Wolf“ verdient, und so absurd die Leserin die Diskussion über den Bezug zum Märchen jetzt auch finden mag, das Argument zum ethisch-relevanten Ausschluss von Wölfen, baut auf nicht mehr und weniger als der gleichen Absurdität der Rolle des Wolfes auf, wie der in den Märchen. Schauen wir uns gängige Argumente gegen Wölfe in der allgemeinen Diskussion an. Wölfe sollen „nicht hier sein“ oder wenn, nur um gepeinigt oder gejagt zu werden, weil:

Die typischen Argumente aus einem Jagdforum

Meines Erachtens nach kann und wird es mit Wölfen mehr und mehr Probleme in Deutschland geben!

  1. Die BRD ist viel zu dicht besiedelt als dass noch Platz für solch ein Rauptier hier ist!
  2. Mehr und mehr Verluste bei WeideTieren Nutztiere da die natürliche Nahrung irgendwann weniger wird!
  3. Zu viele Erholungssuchende, Spaziergänger, Reiter, Jogger und geocatcher in allen Winkeln der Wälder und Fluren!
  4. Garantierte Angriffe auf Menschen! Siehe 1945-48!

Für den Wolf spricht er war vor vielen Jahren hier mal heimisch genau wie Wisent, Elch und Bär sonnst nicht viel!

  1. Wildbret ist zu kostbar, um es an den Wolf zu verfüttern!

Im Gegenteil ich bin sogar der Meinung/Überzeugung das der Wolf in geringen maßen hier einen Platz hat aber nur wenn er entsprechend bewirtschaftet wird!

Sprich in der Lausitz wo wirklich genug Platz für ein Rudel ist gerne aber genau so sollten Abschlüsse alter kranker und überzähliger Tiere erfolgen wie bei Reh und Schwarzwild! Sowie eine Ausbreitung in die Bevölkerungsreichen Gebiete verhindert werden sollte!

Die Frage ist aus meiner Sicht nicht ob, sondern wie und wieviel….

Mein Standpunkt ist: Wir brauchen in Deuschland keine Illusion einer unberührten Wildlandschaft, da wir das nicht mehr haben. Deshalb erübrigt sich die Einbürgerung von Großprädatoren über ganz Deutschland.

Einige sind erst zufrieden, wenn mit dieser Einbürgerung die letzte Bastion der nicht gesteuerten Fleischversorgung in größerer Menge über unabhängige hartnäckige Freilandhalter entfällt und die zentralisierte Bevölkerungsversorgung garantiert ist. Dann sind wir angreifbar und steuerbar.

Und wer das noch nicht kapiert hat, dem ist nicht zu helfen.

Wie soll das Weidevieh vor solch Mengen geplanter Wölfe geschützt werden?

Technisch nicht machbar.

https://jagderleben.landlive.de/boards/thread/65613/page/1/ (10.01.2019)

Aus Sicht der Seite des Naturschutzes ist „der Wolf“ schützenswert aber verplanbar:

Wo können Wölfe leben?

Wölfe benötigen keine Wildnis. Als anpassungsfähige Tierart können Wölfe in sehr vielen Landschaften leben, solange diese ausreichend Beutetiere und Rückzugsmöglichkeiten für die Jungenaufzucht bieten und der Mensch sie leben lässt. Auf Deutschland bezogen bedeutet dies, dass es in nahezu jedem Bundesland geeignete Wolfsregionen gibt.

Wo in Deutschland leben Wölfe dauerhaft?

Die dauerhaft mit Wolfsrudeln und Paaren besiedelten Bundesländer sind Brandenburg (24), Mecklenburg-Vorpommern (4), Niedersachsen (11), Sachsen (18) und Sachsen-Anhalt (11). In Bayern sind zwei Paare und in Thüringen ein residentes Einzeltier bekannt (Stand April 2017).

Was bedeutet „Entnahme“ und wann darf ein Wolf getötet werden?

Die Entnahme schließt das Fangen aber auch das Töten einzelner Tiere ein. Wenn eine Genehmigung der zuständigen Naturschutzbehörde des entsprechenden Bundeslandes vorliegt, kann die Entnahme in Einzelfällen durch fachkundige Personen angeordnet werden.

https://www.nabu.de/tiere-und-pflanzen/saeugetiere/wolf/wissen/15812.html (10.01.2019)

In der Internetdemokratie ist „der Wolf“ eine Frage der Abstimmung:

Ich habe mir die Kommentare durchgelesen, warum diese fragwürdige Petition unterschrieben wird. Dort wird erzählt, dass hohe Zäune und Herdenschutzhunde das “Problem” Wolf nicht löst. DAS STIMMT NICHT!! Gerade Herdenschutzhunde werden erfolgreich seit jahrzehnten gegen Wölfe und sogar Bären eingesetzt! Auch wird behauptet, dass es in den Karpaten zu Übergriffe durch Wölfe auf Menschen kam. Das ist gelogen, es gab NIE Übergriffe in Deutschland und Rumänien von Wölfe auf Menschen. Das hier ist nur ein Teil, was Wolfsgegner an Lügen über die Wölfe verbreiten. Quelle: Bayerisches Landesamt für Umwelt

Dieser Eintrag erhielt 8 „Gegenargumente“. Die Fronten sind verhärtet.

https://www.openpetition.de/petition/argumente/bekenntnis-gegen-den-wolf (10.01.2019)

Lupus ad vos!

Und so lässt sich das Thema nicht diskutieren, sondern es lässt sich nur darüber streiten. Wir haben es auf der einen Seite mit negativen Mythen rund um den Wolf zu tun, die geschürt werden, auf der anderen Seite mit abstrakter Verplanung von Lebewesen auch wenn „gut gemeint“ – die Biologie kennt das Individuum nicht und die sog. „Herausnahme“ von Wölfen ist ethisch aus Tierrechtssicht nicht haltbar – und schließlich haben wir es mit Fragen eines Volksentscheids über die Erwünschtheit oder Unerwünschtheit von einer Gruppe nichtmenschlicher Tiere zu tun.

Die Thematik und die Problematik der Wölfe gehört in die allgemeine Tierrechtsdiskussion. Sie ist kein Randgebiet der Tierrechte. Wölfe sind, wie alle anderen nichtmenschlichen Tiere in fundamentaler Weise vom Speziesismus betroffen. Dies sollte bei unserer Thematisierung ihrer Problematik nicht unter anderen dominierenderen Argumentationssträngen untergehen. Wölfe sind ökopolitisch betrachtet die Opfer der Problematik, dass der Naturraum vom Menschen beherrscht wird und dass die nichtmenschlichen Tiere wie ein „Bestand“ (und wenn sie genutzt werden, wie eine „Ressource“) verplant und gemanagt werden.

Die Annahme, dies sei in Hinsicht auf das Selbstinteresse nichtmenschlicher Tiere wenig relevant, ist in sich selbst speziesistisch. Aus Tierrechtssicht gehe ich davon aus, dass alle nichtmenschlichen Tiere freiheitsfähig und nach eigener Autonomie strebend sind, innerhalb ihrer ökosozial eingebetteten gelebten Kulturräume. Nichtmenschen leben ebenso in sozialen und ökologischen Kontexten, und die Bedeutung ihres Daseins für sie selbst und für uns als ihre Mitlebewesen ist prioritär relevant im Sinne gemeinschaftlicher und gemeinsamer Erfahrungen dessen, was gemeinläufig als ethische Faktizitätsebene bezeichnet werden kann.

G. Yegane, Gruppe Messel